Krawall: Lustige Geschichten by Thoma, Ludwig

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Einige Textstellen in hochdeutscher Standardsprache sind stark regional gefärbt; diese wurden nicht verändert, sofern der Sinn des Textes allgemein verständlich bleibt. Gleiches gilt für die Passagen in bayerischem Dialekt.

Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) werden als deren Umschreibungen (Ae, Oe, Ue) dargestellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter an den Anfang des Texts verschoben.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

Fettdruck: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

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Krawall

Lustige Geschichten

[Illustration:

Ullstein-Bücher

Eine Sammlung zeitgenössischer Romane ]

[Illustration:

Krawall

Lustige Geschichten

von

Ludwig Thoma

Ullstein & Co Berlin-Wien ]

Inhalt

Seite

Krawall 5

Kaspar Asam 33

Kabale und Liebe 59

Die Fahnenweihe 83

Die Richter 129

Der Bader 151

Der Kindlein 167

Besserung 189

Tante Frieda 207

Die Indianerin 243

Mucki 265

Der Lämmergeier 279

Der Einser 295

Der Vertrag 305

[Illustration]

[Illustration: Krawall]

Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München

Jawohl, auch wir Dürnbucher haben unsere Revolution gehabt, oder einen Krawall, und es war damals, wo der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, als Major von der alten Landwehr vom Messerschmied Simon unter den Tisch geschlagen worden ist und sozusagen betäubt war... aber ich will die Geschichte der Reihe nach erzählen.

Ihr könnt Euch denken, daß wir Dürnbucher Anno 66 einen großen Haß auf diese Preußen gehabt haben, und wenn der Feind damals bis zu uns gedrungen wäre, dann hätte es geraucht. Ich weiß noch gut, wie die privilegierte Schützengesellschaft zum Ausrücken bereit war; und der alte Büchsenmacher Weinzierl ist jeden Tag auf den Kapellenberg gegangen, wo er das Terrain studiert hat. Die Bürgergarde oder Landwehr älterer Ordnung, wie man auch sagt, ist zweimal in der Woche ausgerückt und hat im Buchwald exerziert, und der Major, was der Buchdrucker Schmitt war, Gott hab ihn selig, ist zum Messerschmied Simon gegangen und hat sich öffentlich, daß es jeder gesehen hat, den Säbel schleifen lassen.

Ueberhaupt herrschte eine furchtbare Aufregung, und der Provisor von der Marienapotheke hat für den Ernstfall ein Sanitätskorps gebildet, wo er der Vorstand war, und die Frau Landrichter Hefele hat sich auf der Stelle zur Krankenpflege gemeldet, und dann haben sich die meisten Frauen einschreiben lassen.

Alles war bereit, und jeden Tag hätte es losgehen können. Einmal hat man geglaubt, es ist schon so weit.

Mitten bei der Nacht hat es auf dem Marktplatz geschossen, zweimal hintereinander. -- --

Beim Spanninger sitzt alles käsweiß in der Gaststube und still, eine Maus hätte man laufen hören, und der Hausknecht hat die Geistesgegenwart und riegelt das Tor zu, und am Kirchturm schlägt die Glocke an, weil der Meßner Benno die Schüsse auch vernommen hat, aber es war bloß der alte Büchsenmacher Weinzierl.

Der ist immer mit dem Doppelläufer ins Wirtshaus gegangen, damit er die Waffe bei der Hand hatte, und auf dem Heimweg hat er sich lebhaft vorgestellt, wie es jetzt wäre, wenn beim Glaser Spannagl ums Eck die Preußen kämen, und er ist aufgefahren und hat geschossen.

Zwei wären es gewesen, hat er oft gesagt, und dann Adieu Weib und Kind, denn zum Laden wäre er nicht mehr gekommen. Aber zwei wären es gewesen. Das war das einzige Mal, wo auch bei uns so eine Art Kriegslärm war; später hat man nichts mehr gehört, und die Preußen sind nicht gekommen.

Uebrigens, daß ich es recht sage, einer war schon anwesend in Dürnbuch. Ein windiger Buchbindergeselle, und der hat das Maul so preußisch spitzen können, daß es einem siedig heiß geworden ist. Wie die Nachricht von der Schlacht bei Kissingen gekommen ist, da waren viele Bürger im Kollergarten beim Bier und haben über das Unglück geredet.

Auf einmal steht der Schmied Kasenbacher auf und schaut über ein paar Bänke hinüber, wo der preußische Buchbinder war. Man hat nicht gewußt, lacht er höhnisch oder lacht er nicht, denn er hat das Maul immer so hinaufgezogen.

„Himmelkreuzdonnerwetter!“ hat der Kasenbacher geflucht, „jetzt wenn ich es aber wissen täte!“

Die Bürger sind aufgesprungen und haben den Preußen umringt, und ein paar Bräuknechte haben schon die Hemdärmel aufgekrempelt. Aber der Buchbinder ist gegangen, und das war sein Glück, denn wir Dürnbucher haben damals keinen Spaß verstanden.

Also ich habe erzählen wollen von der Revolution, wie der Messerschmied Simon den Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, unter den Tisch geschlagen hat.

Das war ein Jahr später, aber es hängt mit diesem furchtbaren Haß gegen die Preußen zusammen.

Nämlich Anno 1867 haben wir schon das neue Militärgesetz gehabt, und es war die erste Kontrollversammlung angesagt.

Das hat besonders draußen auf dem Land böses Blut gemacht.

In Dürnbuch waren die Leute ja vernünftiger, denn man hat doch eine andere Schulbildung, und man hat seine Zeitung, aber unter den Bauernburschen ist die Rede gegangen, daß jetzt alle preußische Soldaten werden müssen.

In Stockach hat es der Pfarrer auf der Kanzel gesagt. Er hat die Arme zum Himmel gehoben, und hat gerufen, daß es wenigstens von dort oben noch weiß und blau herunterschaut, wenn es gleich auf der Welt nicht mehr altbayrisch sein soll.

„Werdet nicht lutherisch!“ hat der geistliche Rat in Sassau gepredigt. „Buben, werdet nur ja nicht lutherisch und behaltet Euren heiligen Glauben!“

Und das hat man überall gehört; in der ganzen Umgegend ist das gleiche gesagt worden, und die einen waren voll Angst, und die andern waren voll Wut. Daß es unter den Bauern nicht mehr richtig war, hat man schon ein paar Wochen vor der Kontrollversammlung gemerkt.

Wenn sie nach Dürnbuch auf die Schranne gekommen sind, haben sie in den Wirtshäusern Spektakel gemacht und drohende Reden geführt.

Und der Respekt vor der Obrigkeit war überhaupt vollständig weg.

In der Post ist ein Bauer zum Beamtentisch hingegangen, wo die Herren ihren Tarock gespielt haben, und er schaut dem Bezirksamtmann in die Karten und klopft ihm auf die Schulter.

„Du glaubst schon, Du hast alle Trümpf in der Hand,“ sagt er, „aber paß auf, ob nicht am End wir das Spiel gewinnen.“

„Sie sind ein Flegel,“ sagt der Bezirksamtmann, „überhaupt, was wollen Sie?“

„Manderl!“ sagt der Bauer, „überleg Dir die Sach noch, ob ich ein Flegel bin.“

„Ich lasse Ihnen arretieren,“ schreit der Herr Bezirksamtmann, „wo ist die Polizei?“

„Heb Dir Deine Polizei auf,“ sagt der Bauer und lacht ganz merkwürdig, „vielleicht kannst sie noch gut brauchen,“ und dann ist er gegangen.

Unter der Tür hat er sich nochmal umgedreht und sagt: „Wennst an den König von Preußen schreibst, kannst ihm einen schönen Gruß ausrichten von den Stockacher Bauern.“

Die Herren waren durchaus verblüfft und haben nicht mehr gewußt, was sie denken sollen. Der Bezirksamtmann -- Alois Reich hat er geheißen, und er war aus der Rheinpfalz -- hat die Karten hingelegt und ist wütend auf den Marktplatz hinaus.

Aber von dem Bauer war nichts mehr zu sehen, und der Bürgermeister von Stockach, der gleich am andern Tag hereinzitiert worden ist, hat keine Auskunft geben können oder wollen.

„Sie müssen es wissen, wer der Kerl ist,“ sagt der Bezirksamtmann.

„Wenn Sie einen Kerl suchen,“ antwortet der Bürgermeister ganz kalt, „hernach müssen Sie schon bei einer andern Gemeinde anfragen. Wir Stockacher haben keinen Kerl unter uns.“

„Aha! Pfeift der Wind aus +dem+ Loch? Ich will Ihnen was sagen. Innerhalb dreimal vierundzwanzig Stunden erfahre ich, wer mich gestern beleidigt hat. Der Mann ist leicht zu eruieren, schon an seinen Redensarten über Preußen und so weiter. Erhalte ich keinen Bescheid, dann sollen Sie mich kennen lernen.“

„Ist nicht notwendig,“ sagt der Bürgermeister, „ich hab ja schon länger die Ehr. Und wenn das ein Kennzeichen ist, daß einer nicht preußisch werden will, dann müssens wir Stockacher alle miteinander gewesen sein. Und ich kann gleich dableiben,“ sagt er, „denn ich bin der allererste dagegen.“

Eine solche Auflehnung hat man damals überall gemerkt, heimlich und offen, und eigentlich haben wir Dürnbucher uns darüber gefreut, wenn es nur keine Konsequenzen gehabt hätte.

Unter gebildeten Leuten hat das keine Gefahr. Man sagt seine Meinung, oder man denkt sich seinen Teil, und vergißt aber nicht den Anstand.

Aber bei den gewalttätigen Bauern sind natürlich die Konsequenzen eingetreten. Nun muß ich es der Reihe nach erzählen, obwohl es eigentlich schwer ist, weil man in dem Krawall den Kopf verloren hat, und keiner hat recht gewußt, wo der Anfang war.

Am Tag der Kontrollversammlung sind aus allen vier Himmelsrichtungen die Bauernburschen in die Stadt gekommen.

Nicht einzeln oder paarweis, sondern in Haufen, und alle haben schon in der Herrgottsfrühe Spektakel gemacht.

Wo ein Haufe mit der Ziehharmonika angerückt ist, das hat man sich noch gefallen lassen. Aber die meisten haben geschnackelt, gepfiffen und gejohlt, und andere haben durch Kuhhörner geblasen, als wenn sie Feuerlärm geben müßten, und wieder andere haben bloß geschrien, daß die Fenster gezittert haben.

Die Bürger sind erschrocken aus den Betten gestürzt und haben in die Gassen hinuntergeschaut, und den meisten hat schon nichts Gutes geahnt.

Am Marktplatz sind alle Haufen zusammengekommen; so oft ein neuer aufmarschiert ist, haben die andern ihn mit furchtbarem Lärm begrüßt, sie haben gejuchzt und geblasen und Blechdeckel aufeinander geschlagen, und es war wie ein Haberfeldtreiben.

Aus dem Stern und dem Goldenen Lamm und aus dem Rappen haben sich die Burschen Bierfässer geholt und auf den Platz gerollt, wo gleich angezapft worden ist. Die Bräuknechte haben sie hergeben müssen und die Maßkrüge dazu, denn an einen Widerstand war nicht zu denken.

Der lange Martl vom Rappenbräu hat Bezahlung verlangt, aber da ist ein allgemeines Gelächter gewesen, und ein Bursche hat gerufen:

„Heut sind wir zechfrei; heut zahlt alles der König von Preußen.“

Und sie sind her über das Bier, wie die Wilden; den Hahnen haben sie nicht mehr zugedreht, und was nicht in den Krügen Platz gehabt hat, ist auf den Boden gelaufen.

Mit dem Trinken ist der Lärm ärger und ärger geworden; einer hat den andern überschrien, und weil ihnen das noch nicht laut genug war, haben sie mit den Stecken auf die Fässer geschlagen.

Der Bürgermeister Wieser schaut zum Fenster herunter und glaubt, der Jüngste Tag ist gekommen.

Er hat aber den Kopf schnell zurückgezogen, denn wie ihn herunten ein paar gesehen haben, pfeifen sie durch die Finger und brüllen hinauf, ein Wort gröber wie das andere.

„O du Herrgottssakrament, tu deinen Gipskopf hinein, oder es geht dir schlecht!“

Endlich kommt der Polizeidiener Kraus hinter der Kirche herum, den Helm auf, den Säbel umgeschnallt, und blaß wie der leibhaftige Tod.

Er hat später oft erzählt, daß er Reu und Leid gemacht hat, bevor er in den Haufen hinein ist.

Er kann sich zuerst nicht verständlich machen; aber nach und nach zieht sich ein Kreis um ihn, und ein Bursche steigt auf das nächste Bierfaß und schreit:

„Ruhe! Seid ruhig eine kleine Weile, jetzt müssens mit hören, wie lang wir noch bayrisch bleiben.“

„Meine Herren!“ sagt der Polizeidiener Kraus, „machen Sie doch keine solchene Ruhestörung! Ich muß Sie aufmerksam machen, daß es verboten ist.“

„Steht das im preußischen G’setz?“ fragt der Bursche vom Bierfaß herunter.

Und in dem Augenblick geht der Lärm auf ein neues an.

Wie auf Kommando singen alle zu gleicher Zeit:

„Schenkt’s mir amal was boarisch ein! Boarisch woll’n wir lustig sein, Schenkt’s mir amal was boarisch ein, Boarisch woll’n wir sein!“

Den Kraus packen drei oder vier und schieben ihn voran, und gleich schieben noch ein paar mit, und vor er richtig umschaut, fliegt der Polizeidiener in den Hausgang vom Rappenbräu hinein, und vom Hausgang in die Gaststube und von der Gaststube in die Küche.

„Hebt’s ihn gut auf!“ schreit einer zu den Weibsbildern hin, „denn wenn er nochmal rauskommt, könnt’s leicht sein, daß er zerbrochen wird.“

Der Kraus hat nicht daran gedacht, noch einmal auf den Platz zu gehen, denn er hatte seine Pflicht schon erfüllt und betrachtete sich für kampfunfähig und gefangen. Bis jetzt war eigentlich nichts geschehen; aber in dem Augenblick, wo es acht Uhr schlug, ging es wie auf Befehl über das Rathaus her.

Auf die Stunde war die Versammlung angesetzt, und die Burschen haben geglaubt, daß sie jetzt die preußischen Offiziere erwischen könnten.

Natürlich war überhaupt keiner in Dürnbuch, aber es war allgemein gesagt in der ganzen Gegend.

Also die Kannibalen stürzten über die Stiege hinauf und nehmen den Gemeindeschreiber bei der Gurgel.

„Wo sind die Preußen?“

„Heraus damit!“

„Es sind keine Preußen da! Tut mir nichts, ich hab Weib und Kind!“

„Kerl, wenn wir sie finden, bist Du auch hin!“

Die Haufen verteilen sich und suchen das ganze Haus ab, treten Türen ein, reißen Schränke auf, werfen die Akten herum, zerschlagen die Fenster, johlen und brüllen.

Jetzt hätte die Bürgergarde einschreiten müssen.

Der Messerschmied Simon, der als Leutnant dabei war, hat sich ein Herz gefaßt und ist aus seinem Hause heraus und zum Buchdrucker Schmitt in die Kirchgasse gelaufen.

Denn der Schmitt war Kommandeur, und alles mußte auf seinen Befehl geschehen.

„Revolution! Revolution!“ schreit der Simon und reißt an der Glocke. Die Türe wird vorsichtig aufgemacht, und der Schmitt, Gott hab ihn selig, steht im Schlafrock da und zittert wie im Frostfieber. Aber der Simon war ein martialischer Mensch, wie jeder weiß, der ihn kennt.

Er macht die militärische Ehrenbezeigung und sagt: „Ich melde gehorsamst, Herr Major, in der Stadt herrscht Aufruhr! Die Bauern stürmen das Rathaus!“

„Wir sind alle sündige Menschen,“ sagt der Schmitt, „um Gottes willen, Simmerl, glaubst Du, daß sie jeden umbringen, oder bloß die Magistratsrät?“

„Ich bitte den Herrn Major gehorsamst um Befehl zum Alarm!“

„Sei so gut, Simmerl! Ist der Spektakel nicht schon arg genug?“

Jetzt wird der Messerschmied Simon zornig.

„Schmitt,“ sagt er, „Du weißt, daß es bei Revolutionen allemal über die Druckereien hergeht; wenn Du jetzt nicht gleich Deine Uniform anlegst und mitgehst, dann können sie von mir aus Dein Geschäft demolieren.“

Und das war auch richtig.

Wo man von einem Aufstand was zu lesen kriegt, steht immer dabei, daß Druckereien erstürmt worden sind. Der Schmitt hat das selber gewußt, und er ist in Gottes Namen mit dem Simon gegangen, aber er hat noch nie so schwer an seinen Epauletten getragen, wie diesmal.

Auf der Gasse sagt der Messerschmied wieder ganz militärisch:

„Herr Major sammeln vielleicht das Korps in der obern Stadt, ich alarmiere am Kühberg, und meine Rotten stoßen mit den Ihrigen am Marktplatz zusammen, dann ist der Feind in die Mitte genommen.“

„Simmerl, sei g’scheit und bleib bei mir!“

Aber der Messerschmied Simon fragt barsch:

„Befehlen der Herr Major, daß Bajonett aufgepflanzt wird?“

„Tu, was D’ magst,“ seufzt der Schmitt. „Mit Dir komm’ ich heut noch ins Unglück.“

Und er schleicht langsam an den Häusern vorbei.

Der Simon rennt wie ein Feuerreiter in die untere Stadt.

Er holt seinen Stabstrompeter, den Schuhmacher Batz, und läßt ihn Alarm blasen.

Der Batz ist nicht faul und schmettert sein Signal durch die Wäschergasse und die Kreuzstraße, über das Petersbergl und überall.

Aber kein Mensch kommt heraus.

Im Gegenteil, wo der Batz mit seiner Trompeten sich hören läßt, schließen die Bürger ihre Fensterläden und verrammeln sie von innen.

Jetzt rasselt auch eine Trommel.

Ein Geselle vom Schmied Kasenbacher ist gehorsam auf den Alarm erschienen und schlägt auf das Kalbsfell los. Rataplan! Rataplan!

Die Spielleute tun ihre Schuldigkeit, aber von der Mannschaft läßt sich keiner blicken.

Am Kühberg wohnt der Büchsenmacher Weinzierl.

Das ist ein erprobter Scharfschütz, und ein tapferer Mann, aber leider sind auch bei ihm Fenster und Läden zu.

Der Messerschmied Simon ist wütend. „Hans!“ schreit er, „komm heraus!“

„Warum?“ fragt der Weinzierl durch das Guckloch im Fensterladen.

„Ja, hörst Du denn nichts von dem Spektakel? Alarm wird geblasen. Die Bauern sind über uns.“

„Ich schieß bloß auf die Preußen,“ sagt der Weinzierl und gibt keine Antwort mehr.

Der Simon hält Kriegsrat.

„Ich habe dem Herrn Major versprochen, daß ich mit meinem Hilfskorps zu ihm stoße. Wenn Ihr mitgeht, ist’s recht; sonst gehe ich allein hin.“

Der Batz und der Schmied Maxl standen aber fest zu ihrem Leutnant. „Nur,“ sagt der Schuster Batz, „keine Attacke können wir nicht machen, denn wir sind zu wenig, und mit meiner Trompeten kann man den Rammeln die Köpfe nicht einschlagen.“

„Wir machen ein Streifpatrulle“, erklärte Simon, „und schleichen uns an den Feind heran. Wenn die Sternbräustiege frei ist, kommen wir gedeckt hinauf, und dann sehen wir schon, wie es weiter geht.“

Die drei liefen schnell am Alzufer hinauf und hatten das Glück, daß unterwegs noch der Zimmermann Heiß zu ihnen stieß, der ein Pionier bei der Bürgergarde war und mit der Axt ausrückte.

Vom Fluß weg geht direkt eine überwölbte Stiege in den Hof des Sternbräu, wo man dann mitten am Marktplatz war. Der Batz schlich voran, hinterdrein der Simon, dann kamen die anderen zwei.

Es war niemand um den Weg, denn beim Sternbräu war das Tor geschlossen; aber im Hof stand der Bezirkskommandeur, Oberst Hingerl mit Namen, und sein Feldwebel war bei ihm.

Er wollte die Kontrollversammlung bei dem Tumult nicht abhalten und blieb in seiner Wohnung, und das war sein Glück.

Denn wenn ihn die Kannibalen im Rathaus gefunden hätten, wäre wahrscheinlich ein Unglück passiert.

Er sagte aber, er werde schon noch mit den Herren zusammentreffen, wenn ihnen der Rausch vergangen wäre, und es ist auch ein paar Wochen später so gekommen.

Also jetzt stand er im Hof vom Sternbräu und machte ein fuchsteufelswildes Gesicht.

Den Messerschmied Simon, der ihn militärisch grüßte, fuhr er gleich an: „Wer sind Sie?“

„Melde mich zur Stelle, Leutnant Simon vom Landwehrbataillon.“

„So? Von den Hasenfüßen? Ihr benehmt Euch schön und laßt die besoffenen Lümmel die ganze Stadt auf den Kopf stellen!“

„Zu Befehl, Herr Oberst, ich tu meine Bürgerpflicht, und will mit meinem Korps zum Major Schmitt stoßen, daß wir die Ordnung herstellen.“

„Ist das Ihr ganzes Korps?“ fragt der Oberst und schaut den Trommler an und den Trompeter und den Pionier.

„Das Gros befehligt der Herr Major Schmitt,“ sagt der Simon, der auf unsere Dürnbucher Garde nichts kommen lassen will.

„Wo steckt denn Ihr tapferer Kommandeur? Ich höre und sehe nichts von ihm.“

„Er flankiert den Feind und bricht hinter der Kirche vor.“

„Also frisch drauf los!“ ruft der Oberst.

Aber der Messerschmied Simon war ein besonnener Mensch, der seine Truppen nicht blindlings aufs Spiel setzte. „Zuerst müssen wir rekognoszieren“, sagte er, „und uns mit dem Gros verständigen.“

Er ging bis ans Tor, und der Pionier Heiß mußte die Axt einklemmen, daß man eine Spalte hatte, durch die der Batz als der Längste Umschau hielt.

Vom Marktplatz herein hörte man nur mehr einen schwachen Spektakel, denn in der Zwischenzeit waren die meisten Burschen schon abgezogen.

Wie sich im Rathaus kein Preuße finden ließ, marschierten sie in die Ludwigsstraße ans Bezirksamt und schmissen die Fenster ein und liefen dann johlend auseinander.

Auf dem Marktplatz blieb nur ein schwaches Dutzend zurück und soff das Bier aus.

Jedoch davon wußte der Simon noch nichts, und er ließ den Batz scharfe Umschau halten.

„Was ist los, Batz?“

„Bei der Mariensäule hocken etliche Burschen, und daneben sind andere, und sie schreien immer noch.“

„Das hör ich selber. Aber siehst Du nichts vom Major?“

„Nein, da sieht man gar nichts.“

„Schau an die Kirche hin. Zum Seifensieder Gumpold. Aus der Gasse müssen sie kommen.“

„Nein. Man sieht nichts.“

„Heiß, druck fester an, daß der Spalt größer wird! Jetzt schau genau hin!“

„Man sieht keinen Menschen nicht.“

„Kreuzteufel, was ist das? Dem Schreien nach sind nicht mehr viel Burschen auf dem Platz?“

„Es sind höchstens noch zehn oder zwölf.“

„Dann ist der Herr Major den Lackeln nachgerückt. Wir müssen hinaus.“

„Jawohl und rasch!“ rief der Oberst.

„Nur Zeit lassen!“ kommandierte der Messerschmied Simon. „Du, Heiß, schiebst den Riegel zurück, aber stad, daß man es nicht hört! Batz und Schmied Maxl, Ihr bleibt hart neben mir, und schreit’s recht! So, jetzt das Tor geschwind auf! Hurra! Hurra!“

Die vier stürzten hinaus. Wie die Burschen das Feldgeschrei hören, packen sie zusammen, und auf und davon, was sie laufen können.

Zwei sind in der Besoffenheit liegen geblieben, die hat dann hinterher die Polizei heimgenommen.

„Viktoria!“ schreit der Messerschmied Simon, „wir haben sie! Jetzt schnaufen wir aus, und dann wollen wir unsern Brüdern zu Hilfe kommen.“

Er hat seinen Tschako abgenommen und auf dem Schlachtfeld Umschau gehalten. Der Platz hat grauslich ausgesehen; Maßkrüge und Scherben sind herumgelegen, Bierlachen sind überall gewesen, und auf dem Pflaster unterm Rathaus war alles voll Glasscherben und Papier und Aktendeckeln.

Jetzt sind aber in allen Häusern die Fensterläden zurückgeschlagen worden, und die Leute haben herausgeschaut und dem Simon ein Bravo zugerufen.

Den tapferen Messerschmied hat es gefreut, und er hat militärisch mit dem Säbel gedankt.

„Aber“, hat er gesagt, „das ist nur der erste Sieg; der schwerere kommt noch.“

Indem pfeift der Rappenbräu-Martl und winkt dem Heiß.

„Was willst?“

„Da geht’s her. Nehmt’s Euern Major mit!“

„Was für einen Major?“ fragt der Simon.

Jetzt erzählt ihm der Martl, daß der Herr Major Schmitt sich in den Rappenbräu geschlichen und überhaupt kein Gros gesammelt hat.

„Ist er noch drin?“ fragt der Simon.

„Und wie!“ lacht der Martl. „Schaut’s ihn nur an.“

Sie gehen durch die Gaststube in die Küche, und da macht der Hausknecht die Speistür auf, und richtig sitzt der Herr Major Schmitt neben dem Polizeidiener Kraus auf dem Anrichttisch, und sie schauen grasgrün vor lauter Angst, wer denn kommt.

„Ah, Du bist’s, Simmerl!“ ruft der Major, „Gott sei Dank, ich hab schon was anderes geglaubt.“

Aber der Simon sagt kein Wort; er macht einen Schritt vorwärts und haut seinem Vorgesetzten eine Watschen herunter, daß er unter den Tisch gefallen ist und sozusagen betäubt war.

Das ist die Geschichte von unserer Dürnbucher Revolution, welche sich Anno 67 durch den Preußenhaß zugetragen hat.

Die Bauernburschen sind hinterher bös eingegangen; die Rädelsführer sind ins Zuchthaus gekommen. Viele haben als Soldaten zweiter Klasse in Ingolstadt Sand schieben müssen, und die anderen haben in den Kasernen auch nicht das schönste Leben gehabt.

Die Bürgerwehr ist bald nachher aufgelöst worden, weil Thron und Altar jetzt anderweitig geschützt sind.

Aber der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, ist acht Jahre später doch noch in der Majorsuniform in den Sarg gelegt worden. Denn er hat es ausdrücklich so gewünscht.

[Illustration]

[Illustration: Kaspar Asam]

Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München

Hinauf und hinunter führte der Lebensweg des Kaspar Asam; aus einer verachteten Jugend bis zur Glücksmöglichkeit, daß ihn Magistrat und Behörden beneiden mußten, und wieder zurück in das Dunkel der Armut.

Er wuchs in der Vorstadt auf. Die Häuser der gutsituierten Bürger lagen hoch über seiner Geburtsstätte und sahen nur mit den ungepflegten Hinterfronten zu ihr herunter, und dies war gewissermaßen sinnbildlich für die Einschätzung, welche seiner Herkunft zuteil wurde.

Sein Vater Bartholomäus Asam übertrug auf ihn keinerlei Grundsätze, sondern überschattete seine Kinderjahre durch das öffentliche Mißtrauen, mit dem er behaftet war. Er trieb Handel mit Goldfischen, Stallhasen und Meerschweinchen und gedieh bei dieser Beschäftigung so merkwürdig, daß er allen bisherigen Anschauungen widersprach.

Wenn es mit rechten Dingen zuging, mußte Bartholomäus Asam ein kümmerlicher Mensch sein, der den engsten Gürtel in das letzte Loch schnallen konnte.

Aber er besaß nach dem Bierbrauer Spanninger den umfangreichsten Bauch und ging vor aller Welt mit rosigen Wänglein und runden Waden spazieren und wurde den Dürnbuchern unheimlich.

Die Oeffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu wissen, wovon einer fett wird, und eine solche Ueppigkeit, deren Nährboden rätselhaft war, erregte Verdacht und übertrug sich leider auf die Familie.

So stand Kaspar Asam ohne eigene Schuld abseits vom bürgerlichen Wohlwollen, und eine edle Natur hätte vielleicht aus dieser Ungerechtigkeit Haß gesogen.

Er tat dies nicht, sondern hielt sich frei von Ehrgeiz, und sein Knabengemüt wurde viel heftiger durch den Schulzwang getroffen als durch die Mißachtung der Altersgenossen. Sowie er seine Freiheit erlangt hatte, trat er in das väterliche Geschäft ein und steigerte bald durch sein eigenes Aussehen den Abscheu der Dürnbucher, indem auch er alle Zeichen der Wohlgenährtheit ansetzte.

Wenn er des Weges kam, blieben die ehrenwerten Leute stehen und sahen ihm kopfschüttelnd nach, und viele Blicke trafen ihn, aus denen Abweisung sprach und jene Scheu, welche das ehrliche Besitztum vor der Zweifelhaftigkeit hegt.

Kaspar kümmerte sich nicht darum und gedieh ruhig weiter, und aus Mangel an Beweisen mußte die Stadt Dürnbuch glauben, daß es um den Handel mit Stallhasen etwas recht Opulentes sei.

Dann kam aber ein aufregender Vorfall.

Als der Bäckermeister Vierthaler eines Morgens seinen Laden öffnete, merkte er mit Schrecken, daß die Kasse ausgeplündert war.

Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder hatte Asam der Vater gestohlen, oder Asam der Sohn. Der Polizeirottmeister Muggenschnabel konnte noch ein drittes Verdachtsmoment beibringen, indem er beide gemeinsam für schuldig hielt.

Die Haussuchung ergab nichts. Aber das hatte man in Dürnbuch nicht anders erwartet; denn wer vor aller Augen in der rätselhaftesten Weise einen Bauch kriegen konnte, ließ sich nicht so leicht überführen.

Die stille Abneigung gegen die Asamischen wurde jetzt zum unverhohlenen Zorn, und Kaspar, der sich gerade in dieser Zeit zu einem Verehrer der Damen ausbilden wollte, wurde auf einem dieses bezweckenden Spaziergang überfallen und windelweich geschlagen.

Das traf ihn härter als alles Vorhergegangene, und im Kummer über die öffentliche Unsicherheit verließ er Dürnbuch bei Nacht.

Niemand beklagte sich darüber, daß er ohne Abschied von dannen gegangen war, und niemand erkundigte sich in der Folgezeit nach seinem Befinden.

Die Nachbarn, denen der Vater Bartholomäus erzählte, daß er, vertrieben durch Ungerechtigkeit, sich auf das wilde Meer begeben habe, wünschten, daß ihn alsbald ein Walfisch verschlucken, aber nur ja nicht wieder ausspeien möge, wie zu derselbigen Zeit den Jonas.

* * * * *

Die Tage vergingen.

Der Mond nahm zu und nahm wieder ab, und als die Sonne in das Zeichen des Löwen trat, und es allenthalben recht heiß war, kamen absonderliche Nachrichten über das Meer.

Niemals hatte man von solchen Menschen gehört, die sich Boxer nannten, und jetzt erfuhr man, daß sie, von einer wilden Grausamkeit erfaßt, in China Spektakel machten. Was ging es die Dürnbucher an?

Es ging sie viel an. Zunächst als Untertanen des Deutschen Reiches, denn der Gesandte des Landes war von den Heiden erschlagen worden, und freilich waren die Dürnbucher geneigt, dieses weit entfernte Ereignis nachsichtig zu beurteilen. Allein der Schwerpunkt liegt in Berlin, und von dort kam es zu lesen, daß nunmehr Krieg mit den Chinesen sein müsse. Die Vermutung ging dahin, daß auch die Dürnbucher sich an den Kosten beteiligen durften, und damit war das Ereignis näher gerückt.

Zunächst nur für die allgemeine kühle Betrachtung, welche durch das Wochenblatt geleitet wurde. Denn Haupt- und Staatsaktionen begeben sich in Höhenlagen, welche der Bürger nicht überblickt, und er leiht sich vom Zeitungsschreiber das Glas, um sie zu betrachten, und auch die Gedanken, welche darüber anzustellen sind.

Die Boxer belagerten die europäischen Gesandten, und es wurde viel geschossen, und in London, in Paris und Berlin horchte man mit großer Spannung. Der Dürnbucher Redakteur weissagte nichts Gutes, aber er stand über der Situation und faßte die schrecklichsten Möglichkeiten mit Ruhe ins Auge. Dann kam die Nachricht, alles sei ermordet worden, die Gesandten, die Verteidiger und Weib und Kind. In London, in Paris und Berlin gab es Schreie der Entrüstung; der Dürnbucher Redakteur schrieb, es sei genau das, was er sich gedacht habe, und er verlor den Kopf nicht, sondern brachte gleich hinter der Schreckensnachricht die Einladung zu einem Preiskegelschieben.

Allein die Dürnbucher sollten bald erkennen, daß sie diesesmal nicht weit vom Strudel der Ereignisse saßen, denn das Schicksal hatte einen merkwürdigen Faden von Peking nach ihrer Stadt gesponnen.

Es lief ein amtliches Schreiben aus Berlin ein und hatte ein großes Siegel und war adressiert an den Herrn Bartholomäus Asam, Produktenhändler, und trug die Aufschrift: Kaiserliches Marineamt.

Der Postexpeditor hatte den Brief voll Erstaunen hin und her gedreht und gegen das Sonnenlicht gehalten, und der Postbote hatte ihn verschiedenen Leuten gezeigt, und alle Mittel waren versucht worden, dem Inhalt von außen her beizukommen, aber zuletzt mußte er dem Adressaten eingehändigt werden. Asam öffnete ihn, viel zu langsam für die Ungeduld des Postboten, und zog ein Blatt heraus, welches ehrfurchtgebietende Embleme und Wappen trug.

Und dann las er: „Euer Wohlgeboren!“ Er las es noch einmal, und es hieß wirklich so und konnte von niemand in Zweifel gezogen werden. „Euer Wohlgeboren! Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß Ihr Sohn Kaspar Asam, Gefreiter im 1. Seebataillon, sich unter den Verteidigern der Gesandtschaft in Peking befand und nach den telegraphischen Berichten vermutlich den ruhmvollen Tod für das Vaterland starb.“ Gezeichnet: Admiral...

Und dann kamen zwei Schnörkel, die einen preußischen Namen bedeuten mußten.

Der wohlgeborene Produktenhändler wollte etwas fragen oder sagen, aber der Postbote war schon weggeeilt, um es brühwärmstens anzubringen. Die Nachricht flog durch die Gassen und lockte die Bürger aus den Häusern, daß sie stundenlang Geschäft und Handwerk im Stiche lassen mußten.

Die Boxer hätten mit Wahrheit sagen dürfen, daß sie in Dürnbuch Achtung und Vertrauen erweckt und daß sie sich in einem deutschen Bäckermeister einen aufrichtigen Bewunderer erworben hatten.

Was Bartholomäus Asam anbetraf, so ging er unter dem ersten und starken Eindruck der Trauerbotschaft zum Königlichen Bezirksamt und erkundigte sich, wieviel er vom Staate als verwaister Vater zu beanspruchen habe, und die Auskunft, daß er nichts erhalte, ließ seinen Schmerz neu erwachen. Er sollte bald erfahren, daß es ihm außer an sonstigen rechtlichen Gesichtspunkten auch an einem toten Sohne fehle.

Die Zeit war reich an Ueberraschungen und arm an verlässigen Nachrichten. Das Gerücht von der Erstürmung der Gesandtschaft war falsch, der Abscheu vor den Boxern übertrieben und die Freude eines Bäckermeisters verfrüht gewesen. Man hörte jetzt, daß die Gesandten mit heilen Gliedern der Gefahr entronnen waren. Die Berliner Zeitungen waren erstaunt; der Dürnbucher Redakteur aber schrieb, er hätte die tendenziöse Aufbauschung sofort erkannt und nur das Weitere abgewartet. Die weniger Einsichtigen im alten Europa atmeten auf und sagten, daß der Allmächtige seine Hand über die Bedrängten gehalten habe. Nur der Bäcker Vierthaler murrte gegen die Vorsehung und meinte, es sei eben wieder nach der alten Regel gegangen: was am Galgen sterben müsse, könne nicht ersaufen, und Unkraut verderbe nicht.

Der Mann hätte vorsichtiger sein dürfen mit seinen veralteten Sprichwörtern, denn man beleidigt nicht die Freunde der Monarchen, und Kaspar Asam hatte drei auf seiner Seite, was sich bald genug herausstellte. Zuerst wurde es angedeutet durch ein Telegramm des preußischen Admirals, welcher sich beeilte, den Druck jener Todesnachricht von dem gramvollen Vater zu nehmen, und welcher die Tatsache, daß der Gefreite Asam erhalten geblieben war, als etwas Freudiges hinstellte. Man muß eben bedenken, daß im Schlachtenpulverrauche die bürgerlichen Qualitäten verschwinden, und daß das Vaterland die Leumundszeugnisse seiner Helden nicht prüft.

Immerhin war es den Dürnbuchern erlaubt, ihre eigene Meinung zu haben und über die Schwärmerei des Marineamts zu lächeln, solange keine geheiligte Autorität sich der Sache angenommen hatte. Aber das geschah einige Wochen später, indem Kaspar Asam von drei Machthabern dieser Erde affektioniert und durch Kreuze und Medaillen unter die Ausnahmemenschen gestellt wurde. Von Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser, von dem Allergroßmächtigsten Zaren zu Petersburg und von Seiner Majestät dem Könige von Großbritannien und Irland und Kaiser von Indien. Mit einem Schlage war Kaspar neben die Kämpfer von Königgrätz und die Löwen von Plewna und die Sieger von Omdhurman gesetzt und war ein Held für drei Länder des alten Europa. Es liegt in der Souveränität begründet, daß vor ihr Meinungen ebensowohl wie Tatsachen schweigen müssen, und der Bäckermeister Vierthaler tat gut, seine alte Geschichte zu begraben und sich an ein anderes Sprichwort zu erinnern, welches so hieß: Jugend hat keine Tugend.

Die Stadt konnte dem Glanz, der auf sie zurückfiel, nicht ausweichen, und sie konnte nicht darauf verzichten, aus dem Ruhme ihres Sohnes Anerkennung und Besonderheit zu gewinnen. Der Dürnbucher Zeitungsschreiber traf wieder einmal mitten ins Schwarze, als er einen begeisterten Artikel über den bayrischen Löwen brachte, der mit mächtigen Tatzenschlägen die wütenden Heiden niedergestreckt hatte. Jedermann fühlte es mit Stolz, daß dieser Löwe ein Dürnbucher war.

* * * * *

Die Chinesen lagen am Boden, und das Christentum hatte wieder einmal einen schönen Triumph erfochten. Engländer, Russen, Franzosen und Deutsche teilten sich in die Gloria, und für die Stadt Dürnbuch an der Glonn fiel ein Hauptstück ab. Kaspar Asam hatte deutschen Boden betreten und teilte seine baldige Ankunft mit. Davon kam eine starke Bewegung in den Veteranenverein, dessen Vorrat an vaterländischen Helden in dreißig Friedensjahren bedenklich gelichtet war, und der es mit Freude begrüßen mußte, nach so vielen Jubiläen endlich wieder einen richtigen Kriegereinzug abzuhalten. Der Magistrat hatte einstimmig seine Mitwirkung zugesagt, und die königlichen Behörden waren entschlossen, mit Schiffhüten und Fräcken das Fest offiziell zu gestalten. Kein Mißton störte die Vorbereitungen, und als Bartholomäus Asam über den Stadtplatz schritt, sah er, daß die Vorderfronten der stattlichsten Häuser für seinen Sohn mit Fähnlein und Girlanden geziert waren.

Am folgenden Sonntag rückte der Veteranenverein mit Musik aus und marschierte bis zum Egelsrieder Kreuzberg, wo der Omnibus in Empfang genommen werden mußte. Es war ein lieblicher Frühlingsmorgen und eine gehobene Stimmung, als nun der gelbe Wagen bedächtig die Straße heranschaukelte. Der Schlosser Sebald als Vorstand gab die letzten Befehle; Musik links am Rande und auf ein Zeichen den Präsentiermarsch, die Krieger gegenüber, zwei Mann hoch aufgestellt und gut ausgerichtet.

„Achtung!“ Der Postillion hielt an, und vor allen neugierigen Augen kletterte der Sieger von Peking aus dem Wagen; und wahrhaftig, dieser merkwürdige Jüngling war rund und fett, und nichts an ihm zeugte von Strapazen und Entbehrungen. Aber davon war jetzt nicht die Rede, denn Sebald machte soldatischen Lärm.

„Achtung! Still--gestanden! Augen rechts! Präsentiert das -- Gewehr!“

Die Regenschirme flogen klappernd an die Schultern, und müde Handwerkerbeine versuchten es, durchgedrückt und stramm zu stehen.

„Im Namen des Veteranen- und Militärvereins Dürnbuch begrüße ich Sie, indem Sie gezeigt haben, daß auch die jetzige Generation in Treue fest für Fürst und Vaterland überall ihre Pflicht tut und den bayrischen Waffenruhm, welcher einst bei Wörth und Sedan erstrahlte, zu wahren wissen. Wir gedenken wie immer, so auch in diesem Augenblicke unseres obersten Kriegsherrn und geben diesen erhabenen Gefühlen Ausdruck, indem wir rufen: Seine Königliche Hoheit, des Königreichs Bayern Verweser, lebe hoch, hoch, hoch!“

Tara, tara, taridadaradada, fiel die Musik ein, und Kaspar Asam nahm die Händedrücke entgegen und zeigte sich dem Augenblicke angemessen. An seinem Rocke hingen vier Orden, welche die alten Soldaten blendeten, und sie glitzerten in der Sonne und klirrten, wenn er auftrat.

„In Sektionen links schwenkt -- marsch!“

Hinter der Fahne zwischen Sebald und dem pensionierten Gendarmen Angerer marschierte Kaspar, und es ging mit Trompetenschall nach Dürnbuch hinein bis zum Stadtplatz, auf dem eine Tribüne errichtet war.

Oben glänzten feierliche Zylinderhüte, und unter deren einem schaute das breite Gesicht des Bäckermeisters Vierthaler in diese Welt der merkwürdigsten Schicksalswechsel. Wer hätte es je gedacht, daß er für einen Asam den Bratenrock anlegen werde? Dort unten stand dicht gedrängt lauter ehrbares Volk, hier heroben stand neben ihm ein Königlicher Bezirksamtmann, und die jämmerlichen Beine entlang baumelte der Staatsdegen. Warum? Weil jetzt von der Kirchgasse her mit Brausen und Sausen der Kaspar Asam einherschritt, wiederum an der Spitze von ehrlichen Leuten. O du runde Welt, auf der sich das Unterste zu oberst kehrt! Es war einmal eine Ladenkasse, da lagen siebenunddreißig Mark darin, ein Goldstück, fünf harte Taler und das übrige...

Silentium!

Freilich da waren jetzt die Veteranen vor der Tribüne, und des Kaspar Asam Soldatenauge überflog die Schmerbäuche, als wären sie nichts, und blieb haften auf Seiner Wohlgeboren, dem Herrn rechtskundigen Bürgermeister, welcher nun sprach:

„Silentium! Hochverehrte Festversammlung! ~Nil admirari~ sagt jener berühmte Horatius, welchem wir auch das andere Wort verdanken, es ist schön und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben. ~Nil admirari~, oder Mensch, wundere Dich nicht! Hochverehrte Festversammlung! Ist es doch so wahr, dieses Wort des lateinischen Dichters! Denn wohin wir auch blicken, immer wieder ereignen sich wunderbare Dinge und zeigen, daß das Walten der Vorsehung unberechenbar ist. Wer von uns erinnert sich nicht jener bangen Stunden, als die Gesandtschaft, umheult von den ergrimmten Chinesen, in der furchtbarsten Gefahr schwebte? Wer erinnert sich nicht jener Nachricht, welche jeden Europäer bis ins Mark traf? Jener Nachricht, daß Weib und Kind unter den Streichen der Wütenden hinsanken? Damals war es, daß auch in unserer Stadt sich ein Vaterherz im bittersten Schmerze zusammenzog, damals trat das Schicksal in seiner fürchterlichsten Gestalt auch an einen aus unserer Mitte, und ein tiefgebeugter Vater blickte in die Gruft seines Sohnes.

Hochverehrte Festversammlung! ~Nil admirari!~ Welch ein Unterschied zwischen heute und gestern! Der Totgeglaubte steht gesund und fröhlich in unserer Mitte, und seine Brust schmücken zahlreiche Orden zum Lohne für die Tapferkeit, welche er bewiesen hat. Auch uns ziemt es, ihm dankbar zu sein. War es doch schon im alten Athen gebräuchlich, den heimkehrenden Sieger von Olympia zu feiern, und haben wir doch vielmehr Grund, ihrem Beispiele zu folgen! Denn nicht ein leichtes Spiel war es, aus dem unser Held heimkehrt, nein, es war ein blutiger, furchtbarer Kampf. Fürwahr, den deutschen Männern, welche im fernen Asien den Schimpf abwuschen, jenen Schimpf, welcher den glänzenden Schild der Germania eine kurze Weile getrübt hatte, diesen Männern, sage ich, gebührt allgemeiner Dank. Soll es uns nicht mit Freude erfüllen, daß unter diesen Männern auch ein Kind unserer Stadt sich befindet, und haben wir nicht die Pflicht, dieser Freude öffentlich Ausdruck zu geben und damit zu bekunden, daß jene patriotischen Gefühle, welche jetzt in Nord und Süd, und in Süd und Nord, hochverehrte Festversammlung, -- daß jene patriotischen Gefühle auch uns beseelen? In diesem Sinne spreche ich namens des Magistrates und Gemeindekollegiums Ihnen, Herr Kaspar Asam, den tiefgefühltesten Dank aus. Mögen wir alle in den zahlreichen Orden, welche Ihre Brust schmücken, auch eine Ehrung für unsere Stadt erblicken und zugleich die Mahnung, daß auch wir immer bereit sind, mit Gut und Blut zu unserem engeren, sowie zu unserem weiteren Vaterlande zu stehen. Wir können diesen Gefühlen keinen besseren Ausdruck verleihen, als indem wir rufen: Seine Königliche Hoheit, des Königreichs Bayern Verweser, und Seine Majestät, der Deutsche Kaiser, sie leben hoch! hoch! hoch!“

Viele Zylinder und ein Schiffhut wurden zum Himmel gehoben zur mittelbaren und mit einbegriffenen Ehrung des Kaspar Asam, und der Bezirksamtmann zog ihn in ein längeres Gespräch, und es schloß mit einem viel bemerkten Händedruck, und das gleiche tat der Bürgermeister. Beim festlichen Frühschoppen im Lammbräu kam es sogar zu einem direkten Lebehoch auf Kaspar. Ein aufmerksamer Beobachter hätte wohl feststellen können, daß sehr angesehene Bürger sich mit jovialen Witzen an den Helden des Tages heranmachten, und daß sie ihre Bedeutung gehoben glaubten, wenn Kaspar mit ihnen lachte. Der Beobachter hätte weiterhin feststellen können, daß man dem heute schon in öffentlicher Rede erwähnten Vater Bartholomäus zutraulich auf die Schulter schlug und ihm auch sonst einige Brosamen herzlichen Wohlwollens zukommen ließ. Er hätte feststellen können, daß der Bäckermeister Vierthaler im Schatten saß, weil kein Strahl der Asamischen Sonne auf ihn fiel, und daß er sich frühzeitig und unbeachtet nach Hause begeben mußte, während hinter ihm die lauteste Fröhlichkeit auf die Gasse drang. Es war einmal eine Ladenkasse, und da waren siebenunddreißig Mark darin, ein Goldstück, fünf harte Taler und...

Geh heim mit Deiner alten Geschichte, Vierthaler, denn niemand will sie hören. Wenn Du aber mit gekrätschten Beinen am Fenster stehst und verdrossen über den leeren Marktplatz schaust, so denke an Deinen rechtskundigen Bürgermeister. ~Nil admirari!~

* * * * *

Kaspar Asam war so versöhnlich gestimmt durch den Empfang, daß er seinen Groll gegen Dürnbuch beiseite legte und zu bleiben beschloß. Als vaterländischem Helden stand es ihm nicht wohl an, den Handel mit Stallhasen und Meerschweinchen wieder aufzunehmen. Die Begründung einer neuen Existenz aber war so wichtig und folgenschwer, daß er nicht mit überstürzter Eile an sie heranging, sondern in abwartender Ruhe als täglicher Gast des Lammbräu der Zukunft entgegensah. An dieser Stätte seiner Ehrungen fühlte er sich wohl, und hier glaubte er ständiger Anerkennung sicher zu sein.

Allein die Saiten der bürgerlichen Gemüter bleiben nicht lange in hoher Spannung, und sie ließen nach und gaben bald nur mehr dürftige Töne von sich, wenn Kaspar auf ihnen das Lied von seiner Heldenschaft begleiten wollte. Seine Orden verloren ihre festliche Bedeutung, und ihr Glanz erblindete, weil er sie Tag für Tag den Dürnbuchern vor Augen führte, während sie doch von der Vorsehung dazu ausersehen sind, das sonntägliche Gewand zu schmücken. Der dekorierte Krieger, welcher jeden mühevollen Werkeltag hinter der Bierbank saß, wurde eine gewöhnliche Erscheinung und bald eine ärgerliche Erscheinung. Unterweilen versiegte auch sein chinesischer Kriegsschatz und gleichzeitig mit ihm das Wohlwollen des Lammbräu. Auch Kaspar Asam mußte erfahren, daß der Dank des Vaterlandes kein Kredit fundierendes Objekt, sondern nur ein idealer Begriff ist. Mit unschönen Worten erklärte ihm eines Tages die Kellnerin, daß ihm weiterhin keine Lebens- und Genußmittel anders als gegen bare Bezahlung verabreicht würden, und der Lammbräu, welcher herbeigeholt wurde, zeigte nicht die geringste Scheu vor dem Günstling der drei Monarchen.

So kurze Zeit nach jenen hochklingenden Versicherungen siegte im dankschuldigen Dürnbuch der nüchterne Erwerbssinn über höherstehende Gefühle.

Kaspar Asam erkannte mit Bitterkeit die Forderungen des Alltags und nestelte den russischen Annaorden vom Rock und gab diese goldene Medaille der Kellnerin zum Pfand. Da lag nun das würdige Ehrenzeichen, welches die Soldaten Suworoffs und Kutusoffs und Skobeleffs gleichermaßen zur Tapferkeit angefeuert hatte, neben schmierigen Bierzeichen im Schenkkasten und bewies die Hinfälligkeit der historischen Größe.

Das Gerücht von dieser Tat durchlief die Stadt Dürnbuch und wirkte in gewisser Beziehung zersetzend, denn es ist immer gefährlich, wenn ein Nimbus verloren geht, und die Leute, welche sich von der Kellnerin den Orden zeigen ließen und ihn mit plumpen Späßen von Hand zu Hand gaben, schädigten, wenn auch unbewußt, den monarchischen Gedanken. Was aber Kaspar Asam betrifft, so trank er so lange, bis der Lammbräu die pfandmäßige Sicherheit für erschöpft hielt, und dann wurde er hinausgeworfen und zog zu seinem Vater in die untere Stadt. Und die stattlichen Häuser der achtungswerten Bürger schauten wieder mit den schmutzigen Hinterfronten auf ihn hinab.

[Illustration]

[Illustration: Kabale und Liebe]

Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München

Sie zeigte sich lieblich zu ihm und erweckte ihm Hoffnungen, die waren grün wie Buchenlaub. Es war aber zur Zeit der Schneeschmelze, daß Anton sie kennen lernte, an einem Feierabend, nachdem er sich den Ruß von Gesicht und Händen abgewaschen hatte. Er ging den Schloßberg hinauf und wußte nicht, warum er so seltsam bewegt war. Alle Rippen dehnten sich unter der Weste, und die Füße hoben sich von selber und marschierten dem Frühling entgegen.

Wo aus, du junger Schlossergeselle?

Immer weiter hinaus, wo das Glück sein muß. Es war aber ganz nahe und bog um die Ecke und schaute Anton aus zwei blitzblauen Augen an.

Ei, guten Abend, Fräulein Babette, und so spät noch um den Weg? dachte er; denn was ein Dürnbucher Jüngling ist, faßt sich nicht so leichthin das Herz, ein zierliches Frauenzimmer anzureden.

Er ging der Allerfeinsten nach und fühlte sich mit Sehnsucht nach ihr, und als ihm das gleiche noch mehrere Tage geschehen war, wollte es sich schicken, daß er in ein Gespräch mit ihr kam.

Und die Jungfer Babette Warmbüchler, eines Spenglermeisters Tochter, zeigte sich lieblich zu ihm.

Es nahm alles im stillen und heimlichen seinen Fortgang, und die Leidenschaft des Jünglings schlich an des Meisters Tür vorbei über knarrende Stiegen an einen Gartenzaun.

Dort legte sich Antons Schatten über die Wiese und gesellte sich zu einem andern in mondhellen Nächten.

Wie herrlich war die Welt in diesem liebreichen Sommer!

Niemals zuvor hatten die Grillen lauter gezirpt, niemals hatte das Heu so geduftet, niemals hatten die Sterne heller gefunkelt.

Und Anton durfte die Darbietungen der Natur mit frohem Gewissen entgegennehmen, denn das Ideal stand unberührt in seinem Herzensschrein; er wollte als bildungsbestrebter Jüngling seinem Mädchen poetisch nahen und wandelte auf schüchternen Fußspitzen im Liebesgarten umher.

Er besprengte die kostbare Blume der Jugendneigung mit allerzierlichsten Redensarten und mußte doch eines Tages sehen, daß sie verwelkt war.

Jungfer Babette wandte sich von ihm ab.

Es traf damit zusammen, daß ein neuer Apothekerprovisor als auffällige Erscheinung in Dürnbuch einzog; ein Mann, der gekräuselten Haares hinter der Ladenbuddel stand und mit dem Maul nicht weniger Süßigkeiten vergab als mit den Händen. Wie er in brauner Sammetjoppe, den Schlapphut verwegen nach links geschoben, durch die Gassen schritt, war er sogleich ein gefährlicher Rivale für jeden Handwerksgesellen.

Was half es, daß Anton sich an Sonntagen mit der schwarzen Turnerkrawatte auftat und goldene Fransen auf die Brust baumeln ließ? Herr Provisor Elfinger trug eine künstlermäßige Lavaliere, die unterm Adamsapfel einen beträchtlichen Knoten schlang und nach zwei Seiten ins Freie schweifte.

Und was konnte ein ehrlicher Schlosser in die Wagschale werfen gegen ihn, der alle wohlriechenden Wässerlein zu verschenken hatte und selber roch wie der Stöpsel einer Eau-de-Cologne-Flasche?

Es war nicht verwunderlich und es war nicht das erstemal, daß unscheinbare Tüchtigkeit vor dem glanzvollen Nichts zurückstehen mußte.

Jungfer Babette kam nicht mehr an den Gartenzaun, und Anton saß in seiner Kammer und schaute über die Dächer zum Nußbaum hinüber, unter dessen Zweigen er glücklich gewesen war.

Er nahm ein Büchlein zur Hand, das hatte einen blauen Einband, und darauf stand mit silbernen Buchstaben:

Lebensweisheit in Versen.

Er blätterte darin und fand ein Gedicht, welches seiner Trauer angepaßt war.

Lenz und Herbst

Die Blumen weinten in der Maiennacht Um des geschiednen Tages süße Wonne. Der Morgen kam. O sieh die Tränenpracht! Zu Diamanten schuf sie um die Sonne.

Zur Herbstnacht stand die Blumenschar betaut, Die Tränen hat kein Sonnenstrahl getrunken, Sie wurden Reif, und eh’ der Morgen graut, Sind welk die Blumen alle hingesunken.

„Sind welk die Blumen alle hingesunken,“ wiederholte Anton und schrieb die Verse auf ein Blatt und legte es zuunterst in seinen Koffer und wußte nun, daß seine Trauer über die Maßen poetisch war.

Das Folgende war auf der ersten Seite des Dürnbucher Anzeigers zu lesen:

„Erlaube mir, einem hohen Beamtenkörper, sowie Magistrat und verehrlichem, kunstliebendem Publikum ergebenst anzuzeigen, daß ich nur mehr wenige Tage dahier mit meinem Theater verbleiben werde, und dürften die letzten Vorstellungen einem besonderen Interesse begegnen, indem ich bemüht bin, trotz erheblicher Kosten, dem allseits geäußerten Wunsche nach den Darbietungen unserer Klassiker entgegenzukommen. Heute wird das so lebenswahre und ergreifende Trauerspiel „Kabale und Liebe“ von Friedrich von Schiller gegeben. Die Rollen sind auf das vorteilhafteste besetzt und sehe einem zahlreichen Besuche entgegen.

Jakob Weindl, Theaterdirektor.

Bezugnehmend auf obige Anzeige möchten wir nicht verfehlen, unsere kunstfreudigen Mitglieder ganz besonders auf den heutigen Theaterabend aufmerksam zu machen. Ist doch Kabale und Liebe, dieses ewig junge Werk unseres Nationaldichters, ungemein geeignet, durch den rührenden Kampf der Unschuld mit dem Laster immer wieder die Herzen zu ergreifen, und dürfte niemand das Theater unbefriedigt verlassen.

Die Redaktion.“

Der Lammbräusaal war angefüllt mit solchen, denen der Hinweis auf den verstorbenen Nationaldichter genügte; besonders waren die billigen Plätze dicht besetzt. Aber es fehlte auch nicht an Honoratioren, unter welchen man den Oberamtsrichter Trollmann bemerken konnte, welcher sich vormals in Regensburg zu einem schätzbaren Theaterkenner ausgebildet hatte. Er schenkte seine Unterhaltung dem quieszierten Lehrer Furtner, von dem man eine nachfolgende Besprechung der Klassikervorstellung um so mehr erwarten durfte, als er die Theaterkritik für Dürnbuch übernommen hatte.

Aus der zweiten Reihe drang ein angenehmer Geruch hervor, weil darin der Apothekerprovisor Elfinger saß, welcher durch ein Opernglas aus kurzer Entfernung auf Jungfer Babette Warmbüchler hinsah, jedoch auch andere Bürgermädchen in das Prisma nahm. Wenn er das Glas niedersetzte, vollführte er mit gelben Glacéhandschuhen Bogen und Kreise, oder brachte seine Locken in eine verführerische Situation, oder tat irgend etwas anderes, was die Damenwelt in Schwingung setzte und den ehrlichen Turnern und Handwerksgesellen im Parterre die Galle aufregte.

Unter den besser Placierten fiel weiterhin der Lohgerber Weiß durch seine riesige Gestalt auf und durch das tiefe Seufzen, welches er schon vor Beginn hören ließ; denn es war ihm erzählt worden, daß die Sache einen traurigen Ausgang nehmen werde, und er war von der butterweichsten Art, aber ein leidenschaftlicher Freund der Bühne.

Nahe bei ihm saß die Spediteurswitwe Karoline Tretter, welche eine Lebenstragödie hinter sich hatte, weil ihr verstorbener Mann in die Hände einer leidenschaftlichen Näherin gefallen und als Vater eines so entstandenen Kindes ruchbar geworden war und damit das Glück einer zwanzigjährigen Ehe zertrümmert hatte, wenn schon ihn der Tod bald darauf von seinem Schuldbewußtsein erlöste. In der Witwe blieb ein ungemeiner Schmerz hängen, aber auch ein wunderbarer Spürsinn für alles Sündhafte, und sie stand das Laster vor, daß sie auf jeder Preissuche eine höchst lobende Erwähnung davongetragen hätte. Sie hatte es momentan gegen den Apothekerprovisor Elfinger, und indem sie seinem Opernglase folgte, sammelte sie halbe und ganze Verdachtsbegründungen. Es wäre von den bekannteren Bürgern noch der Hutmacher Zehetmaier zu erwähnen, welcher immer und überall, und wo er nur konnte, über die Aristokratie schimpfte und die Vorrechte der Geburt mit demokratisch ätzender Lauge übergoß.

Im Parterre standen die Minderbemittelten, und vor allem die jungen Leute, und es war der Turnverein „Altvater Jahn“ vollzählig erschienen, weshalb man auch den Schlossergesellen Anton bemerken konnte. Er sah ohne Opernglas jedes Mienenspiel der Jungfer Babette und warf darum die allerdüstersten Blicke um sich und versengte mit ihnen die samtne Weste des Apothekerprovisors Elfinger.

Es fehlte also nicht an Leidenschaften und Gefühlen im Lammbräusaale, und die Worte unseres Nationaldichters konnten auf gepflügten Boden fallen.

Der Vorhang ging in die Höhe, und aller Augen wandten sich der Bühne zu. Herr Direktor Weindl in eigener Person stellte den Musikus Miller dar; seine Frau Marie spielte abwechselnd die Lady Milford und die Millerin. Als prächtige Buhlerin des Herzogs trug sie einen großgeblümten Schlafrock und vergoldete Ballschuhe; als Millerin schlang sie einen dunkeln Schal um die Schultern und schlürfte in Filzpantoffeln über die Bühne. Auch im Tone wußte sie die beiden Frauengestalten gut auseinander zu halten und brachte bald eine vornehme Ueppigkeit und bald das bürgerliche Wesen vor die Lampen. Fräulein Therese Weindl spielte die Luise in gedämpftem Tone, und das war vorteilhaft, weil die Nähte des Kleides unter ihrem üppigen Busen ohnedies einen schlimmen Abend verbrachten. Der Sohn des Direktors, Herr Franz Weindl, kam als Ferdinand und wirkte als Liebhaber wie als Militär durch Kanonenstiefel und einen gelben Schnurrbart. Obwohl die übrigen Rollen weniger günstig besetzt waren, indem insbesondere dem Sekretär Wurm ein auffälliger Spitzbauch im Wege stand, wirkte doch die Dichtung sogleich auf ein kunstliebendes Publikum. Die rauhen Worte des Musikus Miller gefielen und stärkten das bürgerliche Selbstbewußtsein, und als dann hinterher der Präsident Walter mit seiner lästerlichen Hochnäsigkeit ankam, ging ein Murren von der ersten Reihe bis zur Saaltüre.

„Bürgerkanaille,“ sagte er. Der Hutmacher Zehetmaier lachte grimmig auf, und die braven Burschen vom Altvater Jahn rekelten sich.

„Daß er der Bürgerkanaille den Hof macht, meinetwegen Empfindungen vorplaudert, das sind Sachen, die ich verzeihlich finde; spiegelt er der Närrin solide Absichten vor, -- noch besser.“

Stand es so? Müssen ehrbare Bürgerskinder zum Vergnügen herhalten? Alle ergrimmten; am meisten Anton. Er kannte so einen, der Flatterien vorsagte und Geschmack an schönen Mädchen zeigte.

Die Entrüstung im Saal legte sich, als man im Hofmarschall Kalb einen waschechten Junker und dumme Vorurteile verlachen konnte, und die ernste Unterredung Ferdinands mit seinem Papa zeigte, daß es auch in diesem eingebildeten Stande ordentliche Leute gibt.

„Umgürte Dich mit dem ganzen Stolz Deines Englands -- ich verwerfe Dich -- ein deutscher Jüngling!“

Das gab ein Bravo beim Altvater Jahn und ein Patschen in harte Hände, daß der Vorhang wieder und wieder in die Höhe gehen mußte.

„Wie sind Sie zufrieden?“ fragte der Lehrer Furtner den Oberamtsrichter.

„Ich wiederhole, was ich schon immer sagte,“ antwortete Oberamtsrichter Trollmann, „es ist ein Fehlgriff der Direktion. Dieses Stück ist für ein ganz anderes Publikum geschrieben und erweckt hier nur gewisse Instinkte.“

„Aber als klassisches Stück?“

„Klassisch hin, klassisch her. Ich sage, es ist nicht für Dürnbuch. Diese Leute betrachten es nicht historisch, sondern ziehen die Ereignisse in die Gegenwart. Haben Sie das einfältige Lachen bemerkt, als der Hofmarschall auftrat?“

Furtner nickte und nahm sich vor, von diesen Gesichtspunkten einiges für seine Kritik zu verwenden.

Der zweite Akt begann, und Frau Weindl nahm im geblümten Schlafrock reizende Stellungen ein und zeigte den Dürnbuchern, wie sich die schönen Weiber gehaben, welche unsere Fürsten auf Abwege bringen, und deren Launen wir Untertanen bezahlen müssen. Freilich, diese Lady war gutherzig und wollte die Edelsteine nicht annehmen, welche mit dem Glücke von siebentausend Landeskindern bezahlt waren. Niemand kann eine dukatengespickte Börse vornehmer in den Hut eines Kammerdieners werfen, als es Frau Weindl tat, aber ihre Freigebigkeit machte keine Wirkung.

Ein lautes Bravo, ein Bravo aus tiefem, gepreßtem Herzen ertönte, wie der Kammerdiener die große Summe mit Verachtung zurückwies. Die Spediteurswitwe Karoline Tretter war es, und als man sich nach ihr umdrehte, nickte sie kräftig mit dem Kopfe, um zu zeigen, daß sie auf ihrem Beifall bestehen bleibe und einen Mann achte, der von liederlichen Frauenzimmern nichts haben wolle. Sie kannte ja auch diese Sorte, und sie mußte nur bitter lachen, als Frau Weindl den Fluch des Landes nicht mehr in den Haaren tragen und den Erlös ihres Schmuckes unter die Armen verteilen wollte. Schwindel!

Aus dem prächtigen Salon der fürstlichen Geliebten ging es wieder zum Musiker Miller, und die Dürnbucher hielten den Atem an, als ein finsteres Schicksal über die braven Leute kam.

Der Lohgerber Weiß wischte sich dicke Schweißtropfen von der Stirne, wie nun der Vorhang über die Szene der frechsten Unterdrückung gefallen war, und alle anderen schwiegen erschüttert.

Nur der Apothekerprovisor mußte zeigen, daß er Spiel und Wirklichkeit nicht verwechsle; er stand auf und ging zu Jungfer Babette hin und brachte sie dazu, auch ihrerseits über das trauervolle Auditorium ein höchst frivoles Lachen anzuheben.

Anton sah es und nahm einen fressenden Zorn in den dritten Akt hinein, der wahrhaftig nicht dazu angetan war, einen ehrlichen Burschen abzukühlen. Was gibt es für schmerzverzerrte Gesichter! Wie fühlte sich jeder in seinem Glücke bedroht, wenn solche Dinge in der Welt geschehen konnten und sich alles gegen treue Liebe verschwor! Auch harte Männer, welche ihre stürmischen Gefühle längst in die Ehe gebettet hatten, mußten weinen, als Luise den verhängnisvollen Brief schrieb, den der schuftige Sekretär diktierte.

Der Lohgerber Weiß war völlig gebrochen und preßte die riesigen Hände ineinander und ließ sein Wasser hilflos rinnen, und wie die Seelenqual auf der Bühne immer ärger wurde, hielt er keinen Seufzer mehr an und arbeitete so furchtbar von innen heraus, daß es eine schauerliche Begleitung zu Luisens Vernichtung bildete.

Mit wuchtigen Schritten eilte die Tragödie vorwärts. Niemand hörte mit so schmerzenden Ohren das Dröhnen des Schicksals wie Anton, der immer mehr in Ferdinand von Walter sein Ebenbild sah, und der ganz in der Lage und in den Umständen war, mitzuknirschen gegen den Verrat an seiner Liebe. „Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist! Bube! Wenn Du genossest, wo ich anbetete! schwelgtest, wo ich einen Gott mich fühlte! Dir wäre besser, Bube, Du flöhest der Hölle zu, als daß Dir mein Zorn im Himmel begegnete! Wie weit kamst Du mit dem Mädchen? Bekenne!“

Ha, Du geschniegelter Hofmarschall, oder nein, Du pomadisierter und bisamduftiger Apothekerprovisor, jetzt geladene Pistolen und ein Schnupftuch zwischen Dir und Anton, und Du solltest Gott danken, Memme, daß Du zum erstenmal etwas in Deinen Hirnkasten kriegtest!

Fühlst Du die brennenden Blicke, Babette Warmbüchler, welche aus dem dunkeln Parterre hervor nach Dir schießen, und weißt Du, was Du aus dem dort gemacht hast? Sie wußte es nicht und sie dachte an nichts dergleichen, sondern hing während der zermalmenden Geschehnisse ihre Gedanken an einen blauseidenen Gürtel, welchen ihr Herr Elfinger heute geschenkt hatte.

Die anderen Mädchen im Saale stellten sich mit Luise vor Lady Milford hin und sagten ihr so gründlich die Meinung, wie sie ein anständiges Bürgerkind einem solchen Frauenzimmer sagen muß, wenn es um den Liebsten geht, aber Babette Warmbüchler dachte an einen blauseidenen Gürtel, und als der Vorhang fiel und es wieder hell im Saal wurde, rümpfte sie verächtlich die Nase über die weinenden Menschen und lachte zu Herrn Elfinger hinüber.

Verloren, ja! Unglückselige, Du bist es.

Und der Jammer häufte sich im Lammbräusaale und akkompagnierte den Musikus Miller, als er seiner Tochter die Schrecken des Selbstmordes malte, und hundert Herzen drängte es, dem rasenden Major die Wahrheit zu sagen über diesen unglückseligen Brief, und hundert Herzen baten Luise, doch endlich den aufgedrungenen Eid zu brechen. Doch sie schwieg. Und dann ging ein tiefer und langer Seufzer durch den Saal. Luise war tot. Gestorben an der vergifteten Limonade.

Zu spät, daß Ferdinand seinem Vater Flüche ins Antlitz schrie, zu spät, wie immer, daß die Polizei eingriff und den schurkischen Präsidenten und den noch gemeineren Sekretär Wurm verhaftete.

Der Vorhang fiel.

Die Dürnbucher standen auf und verließen den Saal; jedoch der Lohgerber Weiß blieb noch sitzen in Vernichtung und rang nach Luft und verwischte mit seinem blaukarierten Schnupftuch alle Spuren seines Seelenkampfes und ging als der Letzte hinaus.

Die Zuschauer eilten durch den dunkeln Hausgang auf den Stadtplatz, wo sie aufatmend inne wurden, daß noch alles am rechten Platz stände, die Heimatstadt, ihre Wohlhäbigkeit und ihr Familienglück.

Niemand bemerkte den Schlossergesellen Anton, der aus einer dunkeln Ecke das Tor überwachte und sah, wie der Apothekerprovisor der Jungfer Babette folgte und in eine Nebengasse bog.

Er schlich ihnen nach.

Indessen schritt Furtner neben Trollmann und sagte, daß ihn die Dichtung doch in einem gewissen Banne gehalten habe.

„Das schon,“ erwiderte Trollmann, „und ich verkenne durchaus nicht die Vorzüge dieses Werkes, aber die Leute sind nicht gebildet genug, um Wahrheit und Dichtung auseinanderzuhalten. Es sind doch sehr starke Ausfälligkeiten darin.“

„Sie meinen den Hofmarschall Kalb?“

„Ich meine überhaupt die Prinzipien, und die Rolle, welche man den Herzog spielen läßt.“

„Aber vielleicht waren die Zustände früher weniger geordnet?“

„Früher! Das ist es eben. Ich sehe den historischen Hintergrund, Sie sehen ihn auch. Aber die anderen werden aufgehetzt.“

„Ja, ja,“ sagte Furtner, „in dieser Beziehung muß ich Ihnen recht geben.“

„Heutzutage, wo ohnehin jede Autorität...“

Trollmann sperrte seine Haustüre auf.

„Wo ohnehin jede Autorität... also gute Nacht, Herr Lehrer!“

„Gute Nacht, Herr Oberamtsrichter!“

Furtner ging tiefsinnig heim und überlegte, wie diese Bedenken in der Einleitung zu verwerten waren.

Und indessen geschah etwas am Gartenzaune bei Warmbüchler, was die Befürchtungen Trollmanns bestätigte.

Elfinger hatte Abschied von Babette genommen und schritt so leichtfüßig heim, wie nur ein Jüngling schreiten kann, dem sein Mädchen unter Küssen das Unerlaubte versprochen hat.

Er hüpfte und hielt die Nase siegesgewiß zum Sternenhimmel empor und forderte den Mond auf, noch auf einen so verfluchten Kerl zu scheinen, wenn er es fertig bringe.

Da tönte ein Halt.

Anton sprang vor und faßte den Provisor an der Lavalierekrawatte und legte seine Finger um den Adamsapfel.

Wie sie zittert, die Memme!

Wie weit kamst Du mit dem Mädchen?

Und eine harte Schlosserfaust schlug drauf los und ruinierte eine Menge Schönheiten und raufte zierliche Locken aus und brachte Backenzähne in Unordnung.

„An meine Blume soll mir das Ungeziefer nicht kriechen, oder ich will es so, und so, und wieder so durcheinanderquetschen.“ Und in die Haselnußstauden hineinschmeißen, daß es aus einem Provisor und Ebenbild Gottes zur blau und grün überlaufenen Jammergestalt wird.

Und so war es klar, daß Friedrich von Schiller für das gegenwärtige Dürnbuch zu leidenschaftlich wirkte.

[Illustration]

[Illustration: Die Fahnenweihe]

Aus: Agricola. Verlag Albert Langen, München

[Illustration: Vorbereitung]

Versprechen macht Halten. Deswegen will ich jetzt erzählen, wie der Kraglfinger Rauchklub seine Fahnenweihe abgehalten hat. Und zwar schön der Reihe nach.

Also eines Tages sagt der Postbote zum Badermeister Lippel: „Du, beim Postamt enten liegt schon seit drei Täg a Kisten für Di umanand. Du sollst’s holen lassen, hat der Expeditor g’sagt.“

„A Kisten?“ fragt der Lippel und legt den Finger an die Nase, „i hob do koane mödizünischen Instrumenter net b’schtellt? Jessas na,“ sagt er, „dös is am End gar unser Fahn! Da muaß i aber glei nüber zum Hofbauer, daß er einspannt.“

Und eine Viertelstunde später sauste ein Wägerl mit dem Lippel und dem Hofbauern zum Dorf hinauf, daß die Stein geflogen und alle Hunde rebellisch geworden sind.

„Da muaß oana schwar krank sei, weil da Bader gar so außi roast,“ sagte die alte Binderin, welche das Fuhrwerk sah, und bekam ein recht großes Mitleid.

Die zwei aber fuhren wie der leibhaftige Satan zum Postamte Huglfing und konnten es kaum erwarten, daß ihnen die Kiste ausgeliefert wurde.

Endlich kam sie, und auf dem Deckel stand: Fahnenfabrik in Bonn a. Rh.

„Hurraxdax! Pack’s bei der Hax! Ham ma’s scho,“ schrie der Hofbauer. „Woaßt was, Baderwaschel, dö Fahn tean ma glei außa und fahrn damit ins Höft, daß mir das gleich segn.“

„Na! Hofbauer,“ erwiderte spinngiftig der Lippel, „dös gibt’s net. So lang i der Vorstand bi, laß i einen solchenen Frevel net zua. Wenn dö Fahn zum erschtenmal öffentli enthüllt werd, muaß da Präsentiermarsch her und a Fahnajunker mit aner Schärpen und weiße Handschuah. Dös kimmt net vor, daß an unser Ehrenbanner a jedr sei Pratzen hinwischt. Uebrigens gib ich Dir no lang koan Baderwaschel ab, daß D’as woaßt.“

„Gehö, nur net gar a so gach! I hab Di net beleidingen wollen, Lippel. Aber mit der Fahnen, da kunnst recht hamm. Laß ma’s in da Kisten drin; deswegen könna ma do aufrebelln. I hol an Schneider Toni, der muaß mitfahrn und sei Zuichharmonika spüll’n.“

So geschah es.

Auf dem Bocke saß der Toni und spielte ohne Aussetzen den Tölzer Schützenmarsch, und neben ihm pfiff und schnalzte der Hofbauer.

Als sie beim Oberwirt ankamen, versammelte sich baldigst der Rauchklub, und es wurde im Vereinszimmer die Kiste geöffnet.

Ein allgemeines Ah! ertönte, als die himmelblaue Fahne sichtbar wurde.

Sie war sehr schön, und -- wie am darauffolgenden Samstag das Distriktsblatt meldete: „von blendendem Glanze, geschmackvoller Symbolik und kunstreichster Ausführung“.

In dem blauen Felde kreuzten sich in Gold gestickt zwei Pfeifen, über denselben schwebte ein purpurroter Tabaksbeutel.

Von Eichenlaub umrankt zeigte sich oben die Inschrift: „Rauchklub Kraglfing“ und unten: „Eintracht wohnt in unsrer Mitte“.

Zur Erhöhung der Pracht war in jeder Ecke ein silberner Stern mit Strahlen angebracht.

Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte, wurde eine Generalversammlung abgehalten.

In gehobener Stimmung schritt man zunächst zur Wahl des Fahnenjunkers.

Sämtliche Stimmen -- auch seine eigene -- erhielt der Hofbauer Nazi, welcher Umstand jedoch, wie ich hier gleich erwähnen will, beinahe das Fest verzögert hätte.

Als sich nämlich der Nazi auf Befehl des Ausschusses weiße Handschuhe kaufen sollte, begegnete er den größten Schwierigkeiten, da alle Handschuhhändler in der Hauptstadt erklärten, eine solche Nummer existiere leider noch nicht.

Zum Glück für den Rauchklub und unsern Nazi sprang im letzten Augenblicke der Huglfinger Sattlermeister ein und sagte, er wolle die Geschichte probieren und die Handbekleidung aus Rindsleder verfertigen.

Wie alles in der Welt sein Gutes hat, so zeigte sich auch späterhin die vermeintliche Kalamität als sehr vorteilhaft.

Die gröbliche Beschaffenheit seiner Handschuhe war dem Nazi von großem Nutzen, wie wir später sehen werden.

Doch um wieder auf die Generalversammlung zu kommen: nach dem Fahnenjunker wurden die Ehrenjungfrauen gewählt, und sodann das Festkomitee, welches sofort seine Beratung begann.

Ich bedaure lebhaft, daß ich nicht alle Vorschläge und Debatten mitteilen kann, aber es würde zu viel, und ich muß auch mein Papier sparen. Ich will nur berichten, daß sich eine große Redeschlacht entspann über die Frage, in welchem Wirtshause der Festakt stattfinden sollte.

Und da man auf dem Lande das falsche Zartgefühl nicht so häufig findet, darf es niemand verwundern, daß sich die Wirte selbst lebhaft an der Streitfrage beteiligten.

Wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht unser Freund, der Hofbauer, wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen hätte.

„Jeder Wirt“, sagte er, „zahlt Steuern und möcht was verdienen; warum soll denn nachher grad oaner an Profit macha? Da gab’s nix, wia lauter Verdrießlichkeiten und das ganze Jahr tat ma anzwidert wern. Also mach ma die Sach kurz und gengan zu an +jeden+. An Vorabend halt ma bei Unterbräu, an Früaschoppen und ’s Mahl beim Oberwirt, und auf den Nachmittag halt ma an Baal beim Lamplwirt. Da kimmt a jeder zu sein Sach.“

Damit war diese schwierige Frage gelöst; alles andere gab sich verhältnismäßig leicht.

Die Fahnenweihe wurde angesetzt auf Sonntag über vierzehn Tage, damit jeder Zeit zur Vorbereitung hatte.

Und sie wurde gut benützt.

Die Mannerleut kamen jeden Abend im Wirtshause zusammen, um zu beraten; die jungen Burschen standen oft haufenweise beisammen, um sich heimlich zu besprechen, oder sie musterten daheim ihren Vorrat an Haselnußstecken und ergänzten ihn nach Bedarf.

Mit den Mädeln war es ganz aus; die Frauenzimmer haben bekanntlich alle miteinander eine Geheimsprache und können lachen, kein Mensch weiß warum.

Wenn sie sich aber auf etwas freuen, haben sie völlig ein schieches Getu.

Beim Beten fangen sie mittendrin das Kichern an, und wenn dann die Bäurin schaffen will, hält die ein oder ander ihr Trumm Hand vor den Mund und schluckt und gurgelt so lang, bis die ganze Herd hinausbrüllt und die Andacht gestört ist.

Beim Essen rennen sie einander mit den Ellenbogen an oder patschen die Löffel in die Suppe, und redest dann eine wegen ihrer Unart an, dann bleibt ihr vor lauter Lachen ein halbes Pfund Knödel im Hals stecken, und mußt froh sein, wenn sie nicht gleich gar erstickt.

Kurzum es weiß jeder, wie es die Frauenzimmer machen, und wenn ich sage, daß die vierzehn Tage in Kraglfing waren, wie sonst die Woch vor der Kirchweih, dann langt es schon.

Doch das muß ich den Mädeln zur Ehre sagen, daß keine so tramhappet war wie -- der Bader.

Der Mensch war wie ausgewechselt, seitdem er als Festredner gewählt war.

Wenn er im Wirtshaus saß, schaute er stundenlang in ein Eck und bewegte die Lippen, als wenn er Brevier beten müßt. Anreden hat ihn niemand dürfen, und wenn er abends spazieren ging, hat er sich die einsamsten Wege ausgesucht.

Der Schäfer-Hansl hat ihn in einer Sandgrube gesehen, wie er ganz fürchtig mit den Armen herumschlegelte, und bald stat, bald recht laut an die Wand hinredete.

Mein Freund, der Förster erzählte mir -- und dann ist es gewiß wahr --, daß ihm drei Tage vor dem Feste eine spaßige Geschichte mit dem Bader untergekommen sei.

„Wie ich zu unserem Herrn Medizinalrat in den Laden komm,“ sagte er, „sitzt schon der Hiasbauer da und laßt sich seine polizeiwidrige Fassade abkratzen. Der Lippel hat ihn bei der Nasen, rasiert ihn aber net, sondern schaut in die Höh, als wenn er auf der Decken ganz was Besonderes beobachten müßt.“

Der Hiasbauer, die ganze Visage voller Seifen, glotzt noch dümmer wie sonst, und schiegelt bald aufs Rasiermesser, bald auf die Decken.

Endlich wird’s ihm doch z’dumm und er brummt: „Fang amol o, Bader.“

Der Lippel fahrt z’samm, als wenn er aufwachen tät, und fangt langsam das Kratzen an. Er is aber no net mit der Hälft ferti, spinnt er scho wieder. Desmal schaut er gradaus, und ziagt die Stirn z’samm, wia der Napoleon in der Schlacht. An Hiasbauern hat er alleweil no bei der Nasen. Auf oamal schreit er: „Blicken wir hinauf, wo unser Banner rauscht,“ und dabei reißt er an Hiasbauern sein Vorsprung in d’Höh und deut’ mit dem Rasiermesser wieder auf die Weißdecken.

„Auslassen, auslassen,“ jammert der Hiasbauer, traut si aber net rühren von wegen dem Rasiermesser.

Mi freut de Gaudi, und weil i außerdem dem schelchen Spitzbuam die Angst gönn, sag i:

„Was hast denn für a Gschroa, Hiasbauer, siegst net, daß da Herr Medizinalrat bloß zu Deiner Unterhaltung deklamürt?“

Indem besinnt sich der Lippel wieder und rasiert weiter.

Wie er ihm grad an der Gurgel herumkitzelt, fangt er wieder an:

„Hochgeehrte Festversammlung! Es ist ein herzerhebendes, es ist ein schönes Fest, das uns vereint,“ und dabei ziagt er jetzt an Hiasbauern, der vor lauter Angst schwitzt, ein bissel gradaus, „blicket auf die stolze Trophäe, die ich halte“...

„Jessas na,“ winselt der Hiasbauer, „laß mi a bißl aus, Lippl, i bitt Di gar schö, i muaß niaßen.“

Und wia ’n der Medizinalrat wirklich loslaßt, springt er auf, schmeißt an Stuhl um und naus beim Tempel.

„Baderwaschel, trapfter, damischer,“ hat er no g’schrian, und schö war’s, wia sei G’sicht halbert rasiert und halbert voller Seifen war.

„Was hat denn der Mensch?“ fragt der Lippel und schaut mi ganz verwundert an.

„Ja,“ sag i, „der werd si halt auf zwoamal rasieren lassen wollen, damit ’s net so viel kost. I wart aa, bis ’s Fest vorbei is, sonst kunnten’s am End jetzt Eana ganze Red halten, und i hätt am Sunntag koan Spaß mehr.“

„Damit bin i gangen. Und i sag bloß, wenn die Fahnenweih net bald is, nachher hat’s was mit dem Bader, und aa mit dem Hofbauer. In dem sein Haus is jetzt alle Tag Kirchweih. Der Alt übt sie auf oa Klub- und zwoa Veteranareden ei, der Jung lernt ’s Fahnenschwinga und probiert seine neue Handschuha. Gestern hat er dem Zeißler-Lenz a Schellen damit geben, daß er drei Zähn verloren hat. Aber bloß aus G’spaß.“

Der Förster hat vollauf recht gehabt. Die Aufregung ist in Kraglfing jeden Tag größer worden, und auch ihr, liebe Leser, werdet froh sein, wenn die Vorbereitung aufhört und das Fest anfangt.

Ich auch.

[Illustration]

[Illustration: Das Fest]

„Seppl, tua no a Hand voll in Pöller nei und setz ’s Kapsel auf! Hast as? So, und jetzt paß auf’n Peterl auf, wann er sein Huat in d’ Höh schmeißt, na geht’s los.“

„Hamm ma’s? Firti!“

Pum! Pum! Pum!

Im nämlichen Augenblick, wo droben auf der Kraglfinger Höh der Gemeindediener und Kanonier seine Pflicht tut, kommandiert herunten im Dorf der Herr Kapellmeister: „Ganzes Batallion, vorwärts maarsch!“ und tschindadaradada, tschindadaradada geht der Tarebell an.

Das ist aber nicht wie in der Stadt, wo aus jedem Fenster ein verschlafenes Gesicht herausschaut und wieder verschwindet, wenn die Musik vorbeimarschiert ist. Da stehen schon die meisten Leut unter der Haustür und warten bloß auf das Mitgehen; wenn wirklich einer noch im Bett liegt, dann geht es heraus wie beim Feuerlärm. Waschen gibt’s heut nicht in dem Fall und die nächsten fünfzig Schritt hat er die andern schon eingeholt.

Also lustig durchs Dorf, beim Lamplwirt vorbei, wo gerade eine Sau ihren letzten Schrei tut, und hinauf zum Oberwirt, dann wieder hinzruck, und so weiter, bis der ~C~-Trompeter erklärt, jetzt sei ihm die Herumlauferei zu dumm und er tät nimmer mit.

So bricht der große Festtag in Kraglfing an!

Allgemach wird es sieben Uhr.

Beim Gemeindehaus hat sich bereits das Komitee versammelt und wartet auf die einheimischen und auswärtigen Vereine.

Der Hofbauer ist in hellichter Verzweiflung, weil er überall notwendig wär und sich doch nicht in drei Teil auseinanderreißen kann.

„Wenn i nur wisset, wia i dös macha soll, Lippel,“ sagt er. „Beim Lamplwirt warten dö Veterana auf mi und beim Unterwirt d’ Feuerwehr. D’ Veterana muaß i kummandieren, sunst kemman’s daher wia a Herd Schaf; bei der Feuerwehr bin i schier gar no notwendiger, denn was taten dö ohne Spritzenkommandant? Und wenn i nöt da bin, wer begrüaßt nachher dö Verein? Du ko’st bloß dö Red, dö wo Du auswendig gelernt hast, und dö liegt Dir im Mogen wia a dreipfündiger Knödel, dös ko guat wer’n.“

Aber der Herr Medizinalrat schenkt ihm kein Obacht; er schaut mit ein paar gläserne Augen bloß alleweil auf die Kirchenuhr und mit jedem Ruckerl, den der Zeiger macht, wird’s ihm schlechter.

„Jetzt is scho simmi,“ sagt er für sich hin, „um halb achti kemma dö Auswärtigen, in oana Stund muß ich mei Red halt’n. Auweh, auweh, i wollt, i lieget dahoam im Bett.“

„Hörst net,“ fangt sein böses Gewissen, der Hofbauer, wieder an, „moanst vielleicht, wenn’st a G’sicht machst, wia a verbrennte Wanzen, nachher traun si dö Verein net her? Was hast g’sagt?...“

„I wollt,... i wollt, mir hätt’n koa Fahn,“ sagt der Lippel.

„So? Wer hat denn nachher die ärgsten Sprüch runterg’haut vom Ehrenbanner und Fahnajunker und Pratzen hinwischen? Woaßt wos, i geh jetzt zu meine Veterana, vo mir aus ko’st ins empfange, wia’s D’ magst. Pfüat Di!“

Und damit geht das dreifache Festkomitee, der Hofbauer, vom Gemeindehaus weg zum Lamplwirt, wo die Herren Kameraden bereits einen Eimer Bier und etliche Kränze Stockwürst beiseite geschafft haben.

„Ah! Der Herr Fürschtand! Aa scho da? Host do Zeit vor lauta Pfeiferlverein?“

Mit solchen Fragen wird er empfangen, aber das bringt ihn nicht aus der Ruhe. „Mi scheint,“ sagt er, „i kimm alleweil no früh genua zu die Würschthäut; was anders habt’s a so nimmer übri lassen. Aber jetzt stellts enk auf, daß ma koa Zeit vertrag’n. An--trötten! Schtüll schtanden! Rechts um! Vorwärts maarsch!“

Der Polensepperl schlagt einen Wirbel, und dann geht es Schritt und Tritt zum Gemeindehaus.

Wie der Zug dort ankommt, schreit der Hofbauer wieder: „Pa-tal-jon haalt! Front!“

Und dann geht er ernsthaft auf den Bader zu, legt zwei Finger an den Hut und sagt: „Zur Schtölle!“ (Stelle.)

„So,“ meint der Lippl, „bist wieder do? Dös is g’scheid, d’Feuerwehr werd a glei do sei.“

Aber der Hofbauer rührt sich nicht und hat immer noch die Finger an der Hutkrempen.

„Du muaßt an Verein begrüaßen,“ pispert er.

„Ja so! S’Good, meine Herren! Es freut mi, daß s’ do san. Dö andern wer’n aa nimmer lang aus sei.“

„A schöne Begrüaßung,“ brummt der Hofbauer, aber es erbarmt ihn über den armen Bader und er tut, als sei alles in Ordnung.

Deswegen winkt er dem Kapellmeister, der den Präsentiermarsch aufblasen läßt; drei Chargierte, der Fahnenjunker und zwei Begleiter, treten vor und nehmen bei dem Bader Aufstellung; die andern Herren Kameraden dürfen nach dem Kommando „Rührt euch“ Schmalzler schnupfen und einen Diskurs anfangen.

Gleich darauf kommt die Feuerwehr, ausgerüstet, als wenn es brennen tät. Bloß daß sie die Spritzen daheim gelassen haben.

Diesmal übernimmt der Hofbauer die Begrüßung, und es klappt besser. Die Zeremonie ist noch nicht ganz fertig, da laufen schon die Schulbuben daher und schreien: „d’Huglfinga kemma“, „d’Zeidelhachinga kemma“. Beim Schulhaus herum zeigen sich die Fahnen, schmetternde Musik ertönt, der Hofbauer setzt sich in Positur:

„Achtung! Präsentieret’s G’währ! Halt! Schtüll schtanden! Front!“

Ein Mordsspektakel, Präsentiermarsch, Kommando, einer brüllt lauter wie der andere; bloß der Bader ist mäuserlstill und macht ein Gesicht, als tät man ihm am ganzen Leib Schröpfköpf setzen.

Ich will es kurz machen und berichte nur, wer alles gekommen ist.

Also zuerst die Huglfinger Veteranen, hernach die Zeidelfinger Veteranen. Dann die Zeidelhachinger Feuerwehr, die Hintermochinger Feuerwehr, der Gesellenverein von Kraßling, die Bachinger, Feichtelhauser, Simmertshofer, Grublinger, Roglinger Feuerwehren, die Watschenbacher, Bratlhauser, Obermoorer Veteranen, die Zimmerstutzenschützen von Glaching, Lackelhofen und Wutzling, und zuletzt der Aloisiusverein von Winzing, 17 Vereine mit 22 Fahnen, denn mehrere haben eine alte und eine neue gehabt.

Nach dem Festprogramm mußte jetzt ein Zug arrangiert werden zum Lamplwirt, wo der Festplatz hergerichtet war und die feierliche Uebergabe der Fahne durch die Ehrenjungfrauen erfolgen sollte.

Das ist aber leichter gesagt als getan. Denn bis fünfhundert Mannerleut in Ordnung stehen und jeder Verein einen Platz hat, der ihm paßt, nicht zu weit vorn und nicht zu weit hinten, geht es lang her.

Endlich war alles so weit, daß es losgehen konnte.

An der Spitze marschierten die Ehrenjungfrauen, dann kam der Rauchklub hinterdrein, der neugewonnene Kartell- oder Bruderverein, die Zimmerstutzenschützen von Wutzling; die andern folgten in wohlbedachter Ordnung.

Dreimal ging es um Kraglfing herum, dann hielt der Zug beim Lamplwirt.

Auf dem Podium stellten sich die Ehrenjungfrauen in ihren frischgewaschenen weißen Kleidern auf; ihre Anführerin, die Hofbauern Cenzl, hielt das Band, welches die Frau Badermeisterin für die neue Fahne gestiftet hatte.

So war alles bereit, und der feierliche Akt konnte beginnen.

Unter der Haustür des Lamplwirtes erschien der Nazi mit dem verhüllten Banner. Seine riesigen Hände krampften sich um den Schaft, seine Blicke waren nach vorne gerichtet, und er ging unter den Klängen des Mussinanmarsches auf das Podium so ängstlich zu, als trüge er einen ebenvollen Teller Suppe und dürfe kein Tröpferl verschütten. Weil er den Antritt nicht sah, kam er ins Stolpern und fiel streckterlängs auf das Podium hinauf. Zum Glück passierte der Fahne nichts; es war so Aerger und Schand genug für den Nazi, wie die dummen Leute lachten und schrien. Er putzte sich die Knie ab und merkte sich in der Geschwindigkeit ein paar Huglfinger, die am lautesten taten.

Allmählich wurde es wieder still, und man wartete darauf, was jetzt kommen würde. Und lang kam gar nichts.

Die am nächsten beim Podium standen, konnten sehn, wie der Hofbauer den Lippel am Aermel zog und in ihn hineinredete; hie und da verstand man auch ein paar Brocken.

„Lippl, Du kimmst dro. Mach, daß D’ auf kimmst.“

„I ko net.“

„Du muaßt.“

„Na! sag zu die Leut, ich bin krank worn, oder mir hat’s d’ Red verschlag’n. Mir is alles gleich.“

„Dös geht net. Da schaug zu Deiner Frau num, de wart’ aa scho auf Di. Was moanst denn, daß de sagen tat?“

„Hofbauer, geht’s gar net anderst?“

„Na,“ sag i, „Du muaßt Dei Red halt’n.“

„In Gott’s Nam!“

Und mit einem tiefen Seufzer, der bis zuhinterst aus dem Magen herauskommt, steigt der Bader auf das Podium.

Das Aussehen ist so, als müßt er seinem besten Freund die Leichenred halten, und könnt nicht anfangen vor lauter Wehmut und Trübsal.

„Hochansehnliche Festversammlung! Indem... wo wir uns heite versammelt haben..., ja, gesammelt haben, ah..., indem daß wir ein Fest feiern. Es ist ein seltenes Fest, es ist ein erhabenes Fest, es ist ein großes Fest..., es ist ein Fest und eine erhabene Trophöe, die wo wir in Händen halten. Blicket hinauf, wo unser Rausch dem Banner folgt.., ah, wo unser Banner, wo der Rausch..., jetzt kon i nimmer...!“

Sternelement! Kreuzbirnbaum und Hollerstaud’n, ist das zuwider! Jetzt steht das Häuferl Elend da droben auf dem Podium und schnappt nach Luft wie ein geangelter Karpfen! Sonst hat er jeden Abend auf der Bierbank eine solche Bratlgoschen, daß man meint, er könnt alle Politiker niederreden, wann er bloß möcht, und jetzt blamiert er ganz Kraglfing und bringt nicht einmal die Pamperlred fertig. Was bloß die Auswärtigen daheim erzählen werden!...

Aber gottlob, da steht schon der Helfer in der Not bei ihm, der Hofbauer.

„Hochgeehrte Festversammlung,“ schreit er, „liebe Gäste und Kameraden! Unserm Herrn Fürstand is a Malheur passiert; er hat mir gestern scho gesagt, daß er ein fettes Schweinern’s derwischt hat und jetzt hat er a Fieber kriagt. Aber dös macht nix. D’ Hauptsach is die Meinigung, und dös, was er sagen hat +wollen+. Und drum der Rauchklub soll leben; füfat hooch! hooch! hooch!“

Das soll dem Hofbauer ins Wachs’l druckt werden, daß er die Geschichte noch so herausgerissen hat, das soll ihm schon keiner vergessen.

Indes hat das Fest doch nach dem Programm weitergehen können; der Nazi enthüllt die Fahn, die Cenzl hängt das neue Band hin und halt dann die Fahn so lang, bis die Leixenbauern Nannl ihren Vers hergesagt hat.

Noch gleichet eier kleiner Kreis Dem leicht bewegten schwachen Reis, Doch wird er wachsen immerdar Und größer werden Jahr für Jahr, Wenn ihr, wie jetzt in Einigkeit, Nur pfleget die Geselligkeit, Drum, daß ihr immer tut desgleichen, Des sei die neue Fahn ein Zeichen, Weil Freindschaft steht auf dem Panür, Drum leb der +Rauchklub+ für und für.

Gemacht hat das Gedicht der Herr Hilfslehrer, und ich behaupte, daß es schön war. Auch muß ich sagen, daß die Nannl ihr Sach brav machte; sie legte jedesmal den Ton auf die letzte Silbe, damit man hören könnte, daß sich die Versl auch reimen, und mit der Hand fuhr sie so schön auf und ab, als tät sie G’sott schneiden.

Den Zuhörern hat es gut gefallen, und jedenfalls wäre der Eindruck noch besser gewesen, wenn nicht viele Leute auf den Bader Obacht gegeben hätten, der seit einer Viertelstunde alleweil Leibschneiden markierte, damit jeder an seine Krankheit glauben möcht.

Mit der Nannl ihrem Gedicht war der Festakt beim Lamplwirt gar.

Der Zug stellte sich wieder auf, nachdem der Nazi die Fahne von den Ehrenjungfrauen zurückbekommen hatte, und man marschierte lustig zur Kirche hinunter.

Ich denk aber, wir gehen nicht mit, weil doch noch mehreres zu beschreiben ist, und schauen lieber zum Oberwirt hinauf, wo für den Frühschoppen und das Mahl schon alles hergerichtet ist.

Der Saal ist bald betrachtet. Er schaut so farbenprächtig aus wie ein Karussel auf der Oktoberfestwiesen; lauter rote und blaue Tüchel hängen an der Wand, und zwischen zwei Fenstern ist allemal ein Spiegel. Die Fenster sind gut zugeschlossen, daß „der Sommerluft“ nicht herein und der Fliegenschwarm nicht hinaus kann. Es ist deswegen schon jetzt recht angenehm warm in dem Tanzsaal. In fünf langen Reihen stehen die Tische, alle sauber gedeckt, was einen freundlichen Anblick gewährt.

In der Kuchel erfragen wir bei der Frau Wirtin, die einen brennroten Kopf auf hat und mit sehr vernehmlicher Stimme ihre Trabanten kommandiert, was es heut für gute Sachen gibt.

Zum Frühschoppen: Lüngerl mit Knödel, hernach Bratwürst und Stockwürst.

Zum Mahl: Leberknödel, Gansjung, Rindfleisch, Gänse und Enten, hernach Schweinernes und Kälbernes, und zum Draufsetzen Schmalznudeln mit Sauerkraut.

„Moanens, daß dös Menü g’langt?“ fragt die Frau Wirtin, da hört man schon um das Eck herum einen schmetternden Marsch blasen.

Das ruft in der Kuchel eine schreckhafte Aufregung hervor.

„Cenzl, Gretl, Nannl, d’Würscht ei’toa! Moni, wo steckst denn? Den großen Hafen her. D’Würscht umrühren! D’Teller herrichten... Ratsch, pum! Jessas, Marei! Jetzt laßt das Weibsbild einen Arm voll Teller fallen! Glaubst, i hab’s g’stohlen?“...

Das Wasser zischt auf dem Herd, Dampfwolken steigen aus den Kesseln auf, Teller klirren, Befehle ertönen, und dazu blasen jetzt ohrenzerreißend die ersten Musiker schon im Hausgang. Immer neue Scharen drucken herein, und in kurzer Zeit ist der Saal gesteckt voll.

Die Kellnerinnen laufen hin und her, stellen da einen riesigen Hafen voll Lüngerl hin, dort einen Schanzkorb voll Knödel, bringen im Geschwindschritt die gefüllten Krügel und Gläser, hören da auf eine Frag, geben dort eine Antwort, kurz, eine Viertelstund lang ist alles in Aufregung und Bewegung, bis jene Ruhe eintritt, die bezeugt, daß gottlob jeder Gast sein Sach hat, und die nur von dem behaglichen Schlürfen und Löffelklappern unterbrochen wird.

In diese Idylle hinein blast auf einmal der ~C~-Trompeter das bekannte Signal, und es erhebt sich am mittleren Tisch die lange Gestalt des Hofbauern, welcher die erste von seinen vorhabenden drei Reden losschießen will.

„Meine Herrna! Lübwerte Festgenossen! Wür kommen von einer erhebenden Feuer, und die zindenden Worte unseres Fürschtandes, des Herrn Lippl, sind noch in unserer Erinnerung. (Murmeln und Gelächter.) Aber indem unser Fest so schön geworden ist, müssen wir nachdenken, wer schuld daran ist. Das sünd die Verein, die wo mitgewürkt haben, das sünd die Gäste, die wo gekommen sünd. (Bravo!)

Lübe Vereinsbrider! Das ist ein schönes Zeichen von Briderlichkeit, indem daß von weit her die Leut gekommen sünd, und das dürfen wir nicht vergessen, indem sie so große Opfer gebracht haben und heite noch bringen werden. (Bravo!)

Die Fahnenweuhe ist wie eine Kindstauf, wo die Hauptsach der Göd (Pate) ist. Unsere Göden, das sind die Gäst, und wür missen ihnen versprechen, daß wir brave Godeln sein wollen (Heiterkeit), jawohl! und daß wir überall hinkommen wollen, wo sie ein Fest feuern, und uns durch gar nichts abhalten lassen, indem, daß auch wir briderlich sind. (Bravo!)

Lübe Vereinsbrider! Die Göden sollen leben hooch, hooch, hooch! Mit gedämpfter Schtümme hooch!“

Eine gute Red ist mehr wert als zehn Musikstück; sie macht mit einem Schlag eine freundliche Stimmung, und jeder wird lustig, wenn er sieht, daß das Richtige gesagt worden ist. Freilich meinen dann viele, sie müssen noch ein bisserl was dazu tun, damit ja nichts mehr fehlt, und deswegen kriegt überall, in Kraglfing so gut wie anderswo, eine gute Red so viele Junge.

Wenn die Festgäste jedesmal mit Essen aufgehört hätten, sobald der ~C~-Trompeter verkündigte, daß wieder einem eine Red not sei, dann wären alle Schüsseln kalt geworden. Sie paßten nicht mehr auf und säbelten ruhig weiter, und so ist wohl manches richtige Wort vor Tellerklappern und Messerklirren überhört worden.

Nach dem Hofbauern stand der Vorstand der Wutzlinger Schützen auf und feierte den jungen Verein, hernach kam der Feuerwehrkommandant von Zeidelhaching mit einem Hoch auf die Veteranenvereine, der Loibl von Watschenbach ließ dafür die Feuerwehr leben, und so ging es weiter, bis alle siebzehn Vereine wenigstens einmal zum Wort gekommen waren.

Dazwischen wurde auf das Trinken nicht vergessen, und als das Mahl seinem Ende zuging, war die Stimmung schon recht gehoben. Bald stand dort und da einer von seinem Platz auf, um am benachbarten Tisch einen Besuch zu machen und Bescheid zu trinken, alte Freunde rückten näher zusammen und begannen einen wichtigen Diskurs über das heurige Jahr und den miserabligen Wachstum, und an den Tischen, wo die Jungen saßen, probierte schon hie und da einer seine Singstimme.

Die Temperatur war gut warm geworden und an der Decke erstickten die Fliegen langsam im Zigarrenrauch.

Der letzte Gang war vorbei, die meisten hatten schon von dem Bratl nichts mehr gegessen, sondern ihr Teil säuberlich mit ein bissel Sauce und Salat eingewickelt für Weib und Kind; jetzt hieß es aufbrechen zum Lamplwirt, wo mit Gartenfest und Ball das Fest seinen Abschluß finden sollte. Die Jungen waren rasch verschwunden, mit Ausnahme der Fahnenträger, die sich jetzt über ihre bevorzugte Stellung ärgerten, weil sie nicht so schnell zu den Mädeln kommen konnten und langsam mit ihren Fahnen nachgehen mußten. Die Aelteren blieben noch ein wenig beim Oberwirt sitzen; besonders der Bader konnte sich nicht entschließen, das Lokal zu verlassen; es grauste ihm ein bissel vor seiner besseren Hälfte wegen der Festrede, und um sich möglichst gut für daheim vorzubereiten, erklärte er jetzt seinen Tischnachbarn Art und Ursache seines Leidens.

„Also,“ sagt er, „i steig aufs Podium, und wia ’r mit’n rechten Fuaß nachtritt, spür i scho so a spassige.. wia muaß i glei sag’n.. so a, so a.. Oes versteht’s mi scho..“

„Jawohl,“ sagt der Hofbauer.

„Also i denk mir, auweh, Lippl, da hat’s was, und richtig, wia ’r i ’s Maul aufmach, is mir grad, als wenn ma oana mit an glühenden Eisenstangel in Mag’n neistechet und drahet ’s drin a paarmal um... es hat mei ganze Geisteskraft dazu g’hört, daß i überhaupts red’n hab kinna, an anderer war umg’fallen...“

„Ah, ah, dös is a merkwürdige G’schicht,“ sagt der Loibl von Winzing, „aba jetzt is da wieda bessa?“

„No, wia ma’s nimmt,“ meint der Lippl, „ma muaß halt an Energie hamm...“

„Aba dös Schweinerne, wo Dir de Beschwerden g’macht hat,“ fällt jetzt der Hofbauer ein, „dös hast do ziemli guat zuadeckt. Drei Paar Stockwürscht und von jedem Gang a halb’s Pfund hat Di wieder aufg’richt.“

„Gel,“ schreit jetzt der Lippl, „gel Hofbauer, Du moanst, Du bist jetzt der Grasober, weilst Dei alte Veteranared aufg’warmt hast. So a Red ko oana mit dem größten Leibschneiden halt’n, da wer’n höchstens dö andern Leut krank, aba +mei+ Red’...“

Wir wollen den Disputat, der immer heftiger wird, verlassen und auch schön langsam durch das Dorf zum Lamplwirt hinuntergehen.

Die Fröhlichkeit im Garten bleibt nicht lange aus, denn die Mannerleut haben schon vom Mahl her angerauchte Köpfe, und die Weiberleut sind leicht zufrieden, wenn sie auch einmal beim Bier sitzen dürfen.

Aus dem oberen Stockwerk des Wirtshauses rauscht die Tanzmusik; also ist da die Lustigkeit auch schon im Gang, sie entwickelt sich jetzt unten und oben gleichmäßig weiter.

Herunten wird die Unterhaltung mit jeder Viertelstunde lauter. Die Einigkeit in den Meinungen schwindet, und alte Feindseligkeiten werden aufgefrischt im Bierdusel.

„Moanst, i woaß net, daß D’ im Auswarts (März) ’s March verruckt host,“ fangt einer an, „aber moring laß i de Feldg’schworna kemma, da werd si Dei Schlechtigkeit ausweisen.“

„Wos hob i?“

„Jawohl host as. Und in Roan host einig’ackert. Aba jetzt kimm i Dir advikatisch.“

„Seid’s doch staat, Leut! Zum Streiten seid’s do heunt net do,“ mahnt ein Vernünftiger ab und bewirkt für diesmal Ruhe.

Aber schon hört man unfreundliche Laute von einem andern Tisch her.

„Wos bin i? Wos host g’sagt? A schlechta Mensch bin i?“

„Bst! Staat! D’Musik spielt.“

Noch hat sie Macht über die Gemüter und verkehrt den aufflammenden Zorn in Heiterkeit. Die männlichen Zuhörer begleiten mit Fingerschnackeln und Pfeifen den lustigen Marsch. Besonders der Loibl von Huglfing ist völlig ein Virtuos in der Kunst, denn er bringt auch die tiefen Töne fertig, indem er das Maul zuspitzt wie einen Schweinsrüssel und mit der Hand drauf schlagt.

Wer das Landleben nicht kennt, hätte jetzt meinen können, der Friede sei endgültig hergestellt, denn die Lustigkeit dauerte jetzt an und kam schon in das zweite Stadium, das Singen nämlich. In Gruppen zu drei und vier tut sich an jedem Tisch eine Sängergesellschaft zusammen. Einer schaut dem andern unverwandt auf den Mund, bis ein hoher Ton heraus muß; dann drückt jeder die Augen zu und schreit, so laut als er kann. Von links und rechts, aus jedem Eck heraus johlt die Sängerschar, unaufhörlich und mit einem Eifer, als tät jeder ein Spielhonorar dafür kriegen. Der alte Pfundmaier von Huglfing ist ganz glückselig, weil ihn die andern an seinem Tisch vorsingen lassen, und einmal über das andermal sagt er:

„Ja, wann i no dreiß’g Jahr alt war! Do hob i g’sunga! Wie a Zeiserl! Aba es geht heint no. Paßt’s auf, jetzt singa ma das Liad vom Jägersmann:“

Es wollte ein Jägerlein jagen Dreiviertel Stunden vor Tag, Wohl in dem grünen Wald, jaaa! jaaa! Wohl in dem grünen Wald!

Das Lied hat sechzehn Strophen und braucht eine gute Stimm, denn bei dem „jaa“ muß der Pfundmaier schreien, daß ihm die Augen naß werden. Aber er hat recht, es geht noch, und er singt den Schluß so laut wie den Anfang:

Kein Kränzigen darfst du nicht tragen Auf deinen goldenen Haar, Ein Weißhäublein mußt du jetzt haben Wie andere Jägersfraun jaaa! jaaa! Wie andere Jägersfraun.

„Brafo! brafo, Pfundmoar! Setz no oos drauf!“

Da Leberknödel und da Fastenknödel Hamm sie mit anand z’trag’n, Da hat da Leberknödel an Fastenknödel Uebern Tisch obi g’schlag’n.

Bitt Di gor schea, bitt Di gor schea, Zoag mar an Weg an d’Mühl oi, Kost net irr gea, kost net fei gea, Wat no mitt’n an Boch oi.

„Brafo! Jui! Da Pfundmoar soll leben!“ Wie an dem Tisch, so geht es an allen anderen zu; immer lauter wird der Gesang, und immer schneller werden die Maßkrüge leer.

Wer sich auskennt, der weiß, daß die Luft jetzt mit Zündstoff geschwängert ist, und nicht umsonst geht der Wirt jetzt im Garten herum und gibt auf den kleinsten Streit scharf Obacht. Zwei Metzgerburschen stehen an der Bierschenke mit aufgekrempelten Aermeln und warten auf den Befehl, daß sie einen hinauswerfen müssen.

Da winkt der Wirt. „Halt, Loibl, was gibt’s da? G’rafft werd nix.“

Der Loibl und sein Nachbar, der Reischelbauer, liegen sich aber schon in den Haaren, und jeder zieht aus Leibeskräften den Gegner bei der Stirnlocke hin und her „Ausanand sog i! Schorschl, tua’s aussi.“

In einem Augenblick liegt der Loibl unter dem Tisch, und der Reischl wird aus dem Garten hinausgekugelt wie ein Bierbanzen.

Aber schon spektakelt es wieder ein paar Schritt weiter daneben.

„Du Haderlump, Du stehltst Dei Sach, und i muaß ma’s vodean! Du begehst ja Dei’s Nächsten Guat!“

„Sag’s no’ mal,“ schreit der andere. Diesmal macht die Kellnerin Frieden; sie haut mit dem Abwischhadern in den Tisch hinein, daß jeder von den zwei Streithanseln einen spanischen Nebel in das Gesicht bekommt, und nimmt ihnen resolut das Bier weg. Die Nachbarn legen sich dazwischen, und so gelingt es nochmal die Ruhe herzustellen. Auf das offene Pulverfaß ist Wasser geschüttet. Der Wirt traut dem Landfrieden nicht mehr und geht an den Tisch, wo die Vorstandschaft und das Komitee sitzt. „Hofbauer,“ sagt er, „ös müßt’s was toa, sunst hab i in oaner halben Stund koan ganzen Stuhl mehr. Am Tanzboden hab i scho fünf rausschmeißen lassen, und herunt fangen’s aa schon o. Schau no hi, do stengan scho enkere Burschen bei der Haustür beinand. Dös bedeut nix Guats.“

„Halt!“ sagt der Bader, „dös wern ma glei hamm, dös mach i; i halt a Red...“

„Dös gibt’s net,“ fallt seine Frau ein, „Du haltst gar nix als wia Dei Maul. Moanst, i mag nomal so dasteh’ wia heint vormittag?...“

„Eine solchene Sprach verbitt i mir, was fallt denn Dir ei? Vorstand bin i, und Punktum!“

„Oho!“

„Frau Lippel, lassen’s eahm sei Red halt’n,“ interveniert der Hofbauer, „vielleicht gibt’s a Gaudi, dös war dös beste Mittel.“

Die Gattin läßt sich endlich herbei, und ein paar Minuten später steht der Herr Lippel in seiner ganzen Größe auf dem Stuhl und wartet darauf, daß sich der Lärm legt.

Nach vielen Bemühungen gelingt es den Musikern und den Komiteemitgliedern, die allgemeine Aufmerksamkeit auf den Redner zu lenken.

„Meine Herren,“ beginnt dieser, „Hochansehnliche Föstversammlung! Indem ich umherblücke und indem ich den heintigen Tag anschaue, kommt es mir traurig vor, daß ein solchenes Fest aufhören muß. Aber alles hat ein End, und dieses muß ich jetzt bereiten. Aber bevor wir allmählich auseinandergehen, schauen wir noch einmal zurück auf die Freiden, die wo wir gehabt haben. Und wir fragen uns zuerst, warum wir ein solches Fest und eine solchene Freid gehabt haben. Nur deswegen, weil wir uns alle lieb haben, weil Friede und Eintracht unter uns wohnen....“

Die letzten Worte verklingen in einem gräulichen Lärm, der sich vom Tanzboden her erhebt. Fensterscheiben klirren, die Mädel stoßen gellende Schreie aus, und über die Stiege herunter poltert und rumpelt unter wütenden Rufen ein dichtgedrängter Haufen. Kaum sind die vordersten im Garten angelangt, ertönt schon das verhängnisvolle Patschen und Klatschen, das jeder Eingeborene kennt. Vergeblich stürzt sich der Wirt mit seiner Hilfsschar unter sie; der Haufen wird immer größer, der Knäuel immer dichter. Der uralte Haß zwischen den Huglfingern und den Kraglfingern ist zum Ausbruch gekommen, und die Zeidelfinger benützten die günstige Gelegenheit, um an den Ansiedlern von Lackelhofen ihre Wut auszulassen. Und so auch die andern. Im Nu ist der Garten in einen Kampfplatz verwandelt. Durch Pfeifen und Zurufen finden sich die Dorfschaften zusammen, und nun beginnt eine homerische Schlacht.

Wütendes Schnaufen, Stampfen, Schreien; Tischfüße knaxen, Köpfe krachen, da und dort fliegen klirrend die Scherben von Krügen und Tellern. Im dichtesten Haufen ficht die streitbare Jugend, weiter abseits steht das ehrwürdige, aber doch kampfbegierige Alter und entsendet mit sicherer Hand die Wurfgeschosse. Der Hofbauern Nazi hat seine Aufgabe erkannt; er ergreift die Fahne mit der Linken und stürzt sich in das Gewühl; seine ledernen Handschuhe erweisen sich ebenso tauglich zur Parade wie zum Hieb. Das flatternde Panier weist den Kraglfingern den Weg zur Ehre, und so wogt der Kampf hin und wider.

Allmählich jedoch ermatten die Kräfte; immer mehr Kämpfer verlassen das Blachfeld, um an den Brunnen und in den Teichen des Dorfes die brennenden Wunden auszuwaschen. Jetzt gelingt es dem Wirt und der Gendarmerie, durchzudringen und die Völker zu trennen. Aber wie sieht der Festplatz in der Abenddämmerung aus!

Kein Tisch steht mehr auf seinen Füßen, kein Stuhl kann sich mehr gerade halten; Fetzen von Kleidungsstücken liegen auf dem Boden neben Hüten und ehemaligen Halstüchern; in den Bierlachen liegen die Scherben der Maßkrüge, und da, wo der Kampf am heftigsten war, wo der Kies am stärksten aufgewühlt ist, liegt der zerbrochene Schaft und die zerstückelte Fahne des Rauchklubs Kraglfing.

[Illustration]

[Illustration: Die Richter]

Aus: Agricola. Verlag Albert Langen, München

Johann Feichtl, Hüter und Schäfer der Gemeinde Kraglfing, wäre einmal fast „Hüter der staatlichen Gesetze“ gewesen und hätte um ein Haar über seine Brotgeber und Herren zu Gericht sitzen müssen. Das ist aber so gekommen: An einem abgeschafften Feiertag trank sich der Feichtl den landesüblichen Rausch an. Und weil das bei ihm leider eine Seltenheit sein mußte, und außerdem, weil sein Kolleg von Huglfing mit dabei war, nützte er die Gelegenheit aus und sang mit erhobener Stimme alle Lieder, welche ihm seit seiner Kindheit erinnerlich waren.

Allein hiebei begnügte er sich nicht, wie der Stationskommandant in seinem Berichte schrieb, sondern er schlug auch mit einem Halbliterglase den Takt auf dem Tische und verursachte, daß die Kleidung des Gemeindebevollmächtigten Rupfenberger mit Bier bespritzt wurde.

Der Huglfinger Schäfer hingegen steckte Mittel- und Zeigefinger einer jeden Hand in den hiezu geöffneten Mund und ließ schrille Pfiffe ertönen, welche weniger wegen ihrer Beschaffenheit, als wegen ihres Urhebers von den anwesenden Gästen sehr mißliebig bemerkt wurden.

Das Fest endete für die beiden mit einem Mißklange.

Der Gastwirt nahm Partei für die Besitzenden und entfernte die Sänger, nicht ohne, wie der Herr Stationskommandant ebenfalls meldete, nicht ohne daß es zu einem erheblichen Widerstande seitens der Rubrikaten geführt hätte.

Als Feichtl sich auf den notgedrungenen Heimweg machte und mit seinen Kollegen ernste Gespräche sozialpolitischen Inhaltes austauschte, da wußte er nicht, daß sein Gehaben Vergeltung erheischte. Er blieb sich noch zwei weitere Tage hierüber im unklaren, bis der Herr Gendarmeriestationskommandant von Zeidlfing ihm einen Besuch abstattete und sich angelegentlich nach Ort und Datum seiner Geburt, sowie nach dem Namen der verehrten Eltern erkundigte.

Nunmehr erfuhr Feichtl mit Erstaunen, daß er an dem bewußten Feiertage das Gesetz beleidigt hatte.

Nicht lange darauf erhielt er ein Schreiben, in welchem ihm diese befremdende Tatsache urkundlich bestätigt wurde.

Feichtl las dieses Schriftstück des öfteren durch, dann schüttelte er bedenklich den Kopf.

Zunächst schien es ihm sonderbar, daß ein so großmächtiger Herr, wie Gnaden der Landrichter, sich eine solche Müh geben und drei Seiten voll schreiben mochte wegen dem Pfifferling.

Sodann sah er mit Betrübnis, daß seine Schulbildung ihn nicht befähigte, die Darstellung eines Ereignisses zu verstehen, welches er miterlebt, ja sogar verursacht hatte.

Aber es half ihm alles nichts; so oft er auch die Sätze wiederholte, sie blieben ihm so unklar, als wären sie lateinisch gewesen.

In seiner Not wollte er sich eben an den Schullehrer wenden, als sein Kollege Vitalis Glas von Huglfing ihn aufsuchte.

Nach kurzer Begrüßung holte Vitalis aus seiner Tasche ein fettiges Exemplar des „Amperboten“ hervor, entfaltete es und brachte einen beschriebenen Bogen Papier zum Vorschein.

„Da schau her, Feichtl,“ sagte er, „da hab i a Leset’s kriagt.“

„I woaß scho,“ sagte der Feichtl.

„Ja, wia ko’st denn Du dös wissen?“

„Weil i aa r oas hab, und weil da Postbot g’sagt hat, für di hätt er aa a kloans Präsent.“

„So? Du, Feichtl, vastehst des Du?“

„I nöt,“ sagte Feichtl, „vielleicht bring ma’s mitanand außa. Paß auf, i les Dir des meinige für.“

Und dann buchstabierte er: „In Erwägung, daß Johann Feichtl und Genosse...“

„Bei mir hoaßt’s Glas und Genosse.“

„Aha! da is allaweil der ander der „Genosse“. Sei no staad, jetzt geht’s weiter: ... hinreichend vadächtig erscheinen... Host as g’hört, Glas?“

„Jawohl hab i’s g’hört. Dös hamm uns dö G’schwollköpf vom Ausschuß eibrockt. Mir erscheinen verdächtig!“

„Moanst net, daß dös a Beleidigung is? Nacha klag’n m’as aa.“

„Dös werd kam geh’, Glas, weil’s der Amtsrichter selber g’schrieben hat.“...

„Moanst? Nacha tua weiter!“

„... am 27. September l. J.... l. J., dös kenn i net... in der Gastwirtschaft des Hohenreiner in Kraglfing ungebührlicherweise ruhestörenden Lärm erregt und die anwesenden Gäste belästigt zu haben.. Sie’gst, Glas, mir hamm die Herrn Bauern belästigt.“

„Ja, weil dene ihre Ohrwaschel was eigen’s san. Woaßt, am Sunntag hamm da Hofbauer und sei Nazi so plärrt, daß s’ Viech im Stall rebellisch wor’n is. Des hat koan was scheniert. Wia da Bürgermoasta vom Schandarm g’fragt wor’n is, ob dös G’schroa wen g’ärgert hat, sagt er: Ah, wia werd denn dös oan ärgern, dös is g’rad lustig g’wen.“

„Ja, no,“ sagt der Feichtl, „jetzt is scho, wias is. Paß auf, da kimmt’s no dicker... in der ferneren Erwägung, daß Feichtl und Genosse sich trotz der Aufforderung des Wirtes nicht aus der Wirtschaft entfernten, daß diese Tathandlungen...“

„Wia hoaßt dös?“

„Tat...handlungen...“

„So? Tua weiter!“

„... je eine Uebertretung des groben Unfuges in sachlichem Zu--sammenflusse mit einem Vergehen des Hausfriedensbruches bilden...“

„Ah, ah,“ sagte Glas, „jetzt hör’ aber auf, ich kenn mi nimmer aus...“

„Gel’, Schlaucherl,“ meint der Feichtl, „des hätt’st net denkt, daß ma mit die vier Finger im Maul an solchen Haufa Verbrecha begeh’ kuntt? Da schaugst? Hätt’st da’s herauslassen! Was brauchst denn Du pfeifa?“

„Was brauchst denn Du nacha singa? Moanst, des hat vielleicht schöner to? Aba dös siech ich, verspielt san mir zwoa alleweil. Wann i nur wüßt, was i toa soll?“

„Des is des leichtest,“ sagt der Feichtl, „in d’Vahandlung geh tean ma, g’straft wern tean ma, ei’g’sperrt wern tean ma.“

„So siecht’s eam scho aus,“ brummt Vitalis Glas, „wegen dena G’schwollköpf, wegen dena Großkopfeten. Am Deanstag is d’Vahandlung?“

„Ja, um neuni. Ich geh über Huglfing, da wart’st beim Unterwirt auf mi. Pfüat di daweil!“

Der Dienstag kam.

In der beträchtlichen Menge von Landbewohnern, welche sich vor dem Gerichtsgebäude versammelt hatte, befanden sich auch unsere zwei Schäfer. Sie standen ziemlich weit vorne und waren in eifrigem Gespräche begriffen.

„I hab mir an Pack Nudeln mitg’numma,“ sagt Feichtl. „Wann d’ Hofbäurin ’s Zählen o’fangt, wern’s ihr weniga fürkemma.“

„Hast d’as draht?“ fragt Glas.

„Freili! Woaßt, i laß mi glei ei’sperrn. Mit’n Appellirn gib i mi net lang ab, da werd’s g’rad mehra. De Nudln iß i nacha in der Fronvest.“

„Herrschaft Seiten! Wenn i nur aa dro denkt hätt! Beim Roglbauern hamm’s gestern bacha, des waar grad recht g’wen. Woaßt, dö Schundnickeln ziag’n uns ja do an Lohn ab für de Zeit, wo ma eing’sperrt san.“

„Des is g’wiß. Du, da schau hin, da is ja der Rupfenberger. Der macht an Zeugen gegen uns. Aber selber is er aa klagt, weil er an Scheiblhuber beleidigt hat. Der werd sie wieda g’scheidt macha.“

So ging draußen das Gespräch fort. Im Gerichtssaal war es noch leer, weil die Türen gesperrt blieben bis zum Beginn der Sitzung. Der Gerichtsvorstand war der Ansicht, daß die Atmosphäre im Saale nicht gewänne durch die Anwesenheit von einigen Dutzend mit Lederhosen bekleideten Zuhörern, und hatte deshalb dem Gerichtsdiener gemessenen Auftrag erteilt, die Pforten niemals früher zu öffnen.

Der Befehl war ein Labsal für den Gerichtsdiener Schneckel. Er bot ihm erwünschte Gelegenheit, seiner Herzensneigung nachzugehen und den „Geselchten“ oder „Engländern“, wie er die Bebauer unseres heimatlichen Bodens benamste, mit Liebenswürdigkeiten aufzuwarten.

Schneckel war noch ein Prachtexemplar der leider aussterbenden Rasse, einer der letzten jenes Geschlechtes von Gerichtsdienern, die ehemals durch den „Haselnussenen“ Schrecken um sich verbreiteten und auch späterhin, nach Abschaffung dieses heilsamen Institutes, durch eine ungeheuerliche Grobheit den Respekt wacherhielten. Er war Soldat gewesen, hatte sogar einen Feldzug mitgemacht und den Bronzeller Schimmel erschießen helfen. Später in der langen Friedenzeit hatte er dann in einer kleinen Garnison Gelegenheit gefunden, sich jene Umgangsformen anzueignen, die ihm in seinem nunmehrigen Posten so trefflich zustatten kamen. --

Die Bauern kannten und ehrten ihn; wenn er mit seiner tiefen, durch häufiges Schnupfen undeutlich gewordenen Stimme dazwischen fuhr, gab es keinen, der sich auflehnte oder gegen einen ehrenden Beinamen Beschwerde erhob. Sie wußten alle, daß Schneckel aus dem Vollen schöpfte und daß es ihm ein leichtes war, jeden Widerspruch durch seinen unglaublichen Reichtum an Schlagwörtern unmöglich zu machen. Diese Nachgiebigkeit rührte aber unsern Schneckel durchaus nicht. Er geriet beim Anblick einer Lederhose oder eines seidenen Kopftüchels stets in gereizte Stimmung und gab ihr Luft, wo er konnte.

Darum bereitete es ihm ein grimmiges Vergnügen, wenn an den Sitzungstagen die Kanadier zuerst die Saaltüre öffnen wollten, dann, wenn sie nicht aufging, das Schloß probierten, anklopften, wieder das Schloß probierten, um endlich kopfschüttelnd weiter zu gehen. Oder wenn ein ungestümer Sohn des Landes mit Kopf und Knien zugleich an die Tür anrannte, weil sie wider Erwarten geschlossen war. Dann fand Schneckel Anlaß zu bitterem Hohne:

„Oeha! Muh! Is der Stall zu? Renn ma fei an Türstock net um! Mit dem Kopf! Braucht’s Fräulein a Kanapee zum Warten?“ usw.

Auch an dem bewußten Dienstag gab sich Gelegenheit zu verschiedenen Redewendungen, bis der Herr Oberamtsrichter Schneckel rufen ließ und in sehr übler Laune fragte:

„Was is denn das heut mit den Schöffen? Jetzt is es schon neun Uhr und noch ist keiner da. Wahrscheinlich stehen’s draußen bei den andern rum. Schließen’s die Saaltür auf und lassen’s die Schöffen mit den anderen gleich eintreten. Die Schöffen rufen’s mir aber gleich vor; net, daß ich auf die Herren warten muß. Ueberhaupt, Schneckel, wenn Sie auch zu was gut wären, dann könnten’s Ihnen die Namen von den Schöffen aufschreiben und jedesmal Umfrag halten, ob sie da sind. Für heut is das schon zu spät. Die Sitzung muß angehen. Also etwas rasch, wenn ich bitten darf...“

Als Schneckel abtrat, spie er Gift und Galle. Das ging ihm gerade noch ab! Er, der alte gediente Soldat und Beamte, mußte sich Vorwürfe machen lassen, weil so ein paar... so ein paar bocklederne Hinterwäldler zu faul waren, um sich beim Oberamtsrichter anzumelden. Himmel--stern Laudon! Fuchsteufelswild rasselte er mit seinen Schlüsseln durch den Gang und sperrte die Saaltüre auf. Dann schrie er in den Menschenhaufen hinein: „So, d’ Sitzung is oganga. Z’erscht sollen amal d’ Schöffa reikemma. Moant’s vielleicht, mir warten no lang auf de Hammeln?“

Feichtl stieß den Vitalis Glas an und sagte: „Hast g’hört, mir kemma z’erscht dro. Geh zua!“

Und sie schoben sich langsam an der Spitze des nachdrängenden Haufens in den Saal. Am Eingang empfing sie noch einmal Schneckel: „Seid’s +Oes+ d’ Schöffa?“

„Ja,“ sagte Feichtl.

„Nachher nur a bißl g’schwinder! Oes geht’s ja daher, als wenn S’ Kraut treten tat’s. Der Herr Oberamtsrichta wart schon seit a g’schlag’ne Viertelstund auf Enk...“

„Auf ins?“ fragte Feichtl.

„Natürli! Eigens auf Enk.“

„Dös werd guat wern,“ wisperte Glas seinem Kollegen zu.

„Also g’schwind nauf!“ kommandierte Schneckel wieder.

„Wo nauf?“ fragte Glas.

„Da nauf! Auf de zwoa Sessel da nauf! Für Enk hätt ma wahrscheinli Ofenbänk reistellen sollen!“ knurrte Schneckel.

Kopfschüttelnd und bedenklich stiegen die Zwei auf die Tribüne und setzten sich auf die Stühle hinter dem Gerichtstische. Da saßen sie nun und schauten verwundert in die Zuschauermenge hinab, die ebenso verblüfft hinaufschaute.

Der Rupfenberger besonders, der in der vordersten Reihe stand, riß Mund und Augen so weit auf, daß Schneckel sich eben teilnehmend an ihn wenden wollte, als der Herr Vorsitzende, der Amtsanwalt und der Gerichtsschreiber eintraten und ihn so am Fragen verhinderten.

Der Vorsitzende wandte sich kurz an unsere zwei Freunde und fragte:

„Sie sind heute zum ersten Male da?“

„Ja,“ sagte Feichtl, „dös hoaßt na! Oamal bin i wegen Körperverletzung...“

„Ach was! Körperverletzung? Ob Sie schon einmal Schöffe waren?“

„G’wiß net!“ sagte Feichtl.

Und Glas schüttelte nur den Kopf und sah mit seinen wasserblauen Augen darein, als wenn er aus den Wolken gefallen wäre.

„Dann muß ich Sie vereidigen,“ fuhr der Herr Oberamtsrichter rasch fort, „erheben Sie sich von Ihren Sitzen.“

Die Vereidigung erfolgte, und wenn auch Feichtl den Drang verspürte, den Vorsitzenden zu unterbrechen, so kam er doch nicht dazu, weil es zu schnell ging, und weil er überhaupt nicht mehr aus noch ein wußte.

Die zwei Hüter setzten sich auf Geheiß wieder und warteten in Gottes Namen ab, was noch geschehen werde.

„Wir nehmen als erste Sache die Anklage gegen die zwei Schäfer wegen groben Unfugs und anderem,“ erklärte jetzt der Vorsitzende. „Schneckel, rufen Sie die Angeklagten und die Zeugen vor.“

„De zwoa Schäfa vortreten!“ kommandierte Schneckel.

Im Zuschauerraum machte sich eine starke Bewegung bemerklich, aber niemand trat vor oder meldete sich.

„Das ist doch stark,“ rief der Vorsitzende, „um Viertel über neun Uhr sind die Angeklagten noch nicht da. Wahrscheinlich saufen die Kerls in den Wirtshäusern herum.“

Er wollte noch weiter reden, als ihn der Gerichtsschreiber aufmerksam machte, daß hinter ihm die beiden Schöffen sich erhoben und ihm offenbar etwas zu sagen hätten.

„Was wollen Sie denn?“ herrschte der Vorsitzende die zwei an, „wissen Sie etwas von den Angeklagten?“

„Erlaubens, verzeihens, Herr Ambsrichta, der Angeklagte war i,“ stotterte Feichtl.

„Was? Wie heißen Sie denn?“

„Johann Feichtl, Schäfer von Kraglfing..“

„Jaa! Was..? Und wer sind denn Sie?“

„I war der Glas...“

„Da hört sich doch alles auf! Wie können Sie sich unterfangen, unter falschem Vorgeben hier als Schöffen aufzutreten...“

„.. Erlaubens, Herr Ambsrichta, mir hamm ja net reden derfa. Der Herr Gerichtsdeana hat g’sagt, de Schäfa soll’n z’erscht reikemma, und wia ma hering’wen san, hat er nimma auslassen, bis ma uns da rauf g’setzt hamm...“

Die Heiterkeit, welche sich inzwischen aller Anwesenden mit Ausnahme Schneckels und unserer Freunde bemächtigt hatte, steckte nun auch den Herrn Vorsitzenden an, so daß er Mühe hatte, nicht zu lachen.

Er ließ die zwei Angeklagten rasch von ihrem erhöhten Platze abtreten und erfuhr nun von den zwei wirklichen Schöffen, die sich inzwischen meldeten, daß sie sich auch nicht ausgekannt hätten, weil Schneckel die zwei Schäfer gleich mitgenommen und auf die Plätze hinaufbefohlen hätte.

„Natürlich!“ sagte jetzt der Vorsitzende. „Mein lieber Schneckel, ich habe Ihnen schon oft gesagt, daß Sie nicht so viel Schmalzler schnupfen sollen. Ihre Aussprache ist auch so noch miserabel genug. Außerdem sollten Sie die Leute nicht so anschreien. Dann wäre Ihnen diese einfältige Verwechslung nicht passiert.“

In Schneckels Seele ging ein schmerzlicher Kampf vor; der langgewöhnte Respekt vor den Vorgesetzten rang mit der Furcht, für immer die Autorität bei den „Erzengeln“ zu verlieren, wenn er jetzt schwieg. Er wußte, daß die Zuhörerschar mit innigem Vergnügen die Standrede des Vorsitzenden vernahm, und daß heute noch in allen Wirtshäusern des Bezirks dieses Ereignis besprochen wurde.

Aber er schwieg doch und tröstete sich mit dem Gedanken, daß er den „Geselchten“ schon wieder die nötige Ehrfurcht einblasen werde, falls sich einer von den Himmelherrgott... vergessen würde; das wollte er schon fertig bringen, er, der alte Feldwebel vom 12. Regiment. --

Zudem, die Uebeltäter, die Hauptspitzbuben, welche ihm die Suppe eingebrockt hatten, sollten ja vielleicht auf einige Tage in seine väterliche Obhut kommen, da wollte er ihnen schon die Ohrwaschel aufknöpfen, daß sie ihn trotz des Schmalzlerschnupfens verstehen sollten.

Aber der Himmel meinte es besser mit Feichtl und Genossen. Jeder erhielt nur einen Tag Haft, und der Herr Oberamtsrichter sagte, er würde sich verwenden, daß sie den Tag erst im Winter abzusitzen brauchten. Derweil war zu hoffen, daß die Wut Schneckels sich legte.

Als Feichtl und Glas das Amtsgericht verließen, sagte der letztere:

„Du, Feichtl, schö war’s do g’wen, wann der Herr Amtsrichter z’erscht an Rupfenberger dro g’numma hätt. Den hätt’ i schö einitaucht, den Großkopfeten.“

[Illustration]

[Illustration: Der Bader]

Aus: Agricola. Verlag Albert Langen, München

Es ist in der ganzen Welt bekanntgeworden, durch Zeitungsartikel und Reden in der Kammer, daß unsere bayerischen Truppen im heurigen Manöver so schreckliche Anstrengungen haben durchmachen müssen.

Ein jeder Mensch hat Mitleid gehabt, und das Volk ist in der größten Unruhe gewesen.

Fünf Tage sind unsere Söhne angeregnet worden, und zuvor hat ihnen die Sonne hinaufgebrannt, als wenn sie Neger, aber keine Christenmenschen wären.

Das will schon etwas heißen, und wer unsere Altbayern kennt, der wird die großen Besorgnisse leicht begreifen.

Ein Lichtblick in der trüben Zeit war, daß man daheim hie und da etwas Tröstliches vernommen hat, so z. B., daß einer vom Leibregiment in Fürth zehn Leberknödel und zwei Pfund Fleisch in sich aufnahm, oder daß in Hanau ein braver Bayer schon um 5 Uhr in der Früh mit der ersten Cervelatwurst anfing.

Aber auch andere Strapazen muß es genug gegeben haben, denn sonst wäre es keinem Menschen eingefallen, in der Kammer darüber zu reden. Ich bin um die Zeit, als die abgematteten Krieger heimkehrten, bei meinem Freunde, dem Förster in Kraglfing, gewesen und habe also von den Manövern selbst nichts gesehen. Aber die Heimkehr habe ich beobachtet, und ich kann mit gutem Gewissen bestätigen, daß bei derselben eine große Beunruhigung des steuerzahlenden Volkes eintrat, und daß von der Eisenbahnstation Weilbach bis Kraglfing und dort selbst manche Leute, sogar eine Respektsperson, durch den Militarismus bedrückt wurden.

Und davon will ich jetzt erzählen.

Es war an einem Sonntag, und wir sind in der Wirtsstube gesessen, der Förster, der Pfarrer, der Lehrer und ich. Es ist von der hohen Politik geredet worden; ich habe aber nicht viel davon verstanden, weil an den Nebentischen die Gütler und Bauern eine recht vernehmliche Unterhaltung geführt haben.

Mit einem Mal geht die Türe auf, und der Herr Bader Lippl kommt herein, im Geschwindschritt, wie alleweil, daß die Rockschöße geflogen sind.

„Servus! schön gut’n Abend! Is erlaubt? Hochwürden, i hab die Ehr’!“

Mit den Worten setzt er sich zu uns, und noch vor ihm der Wirt das Bier gebracht hat, haben wir schon gewußt, wo er gewesen ist.

„In Huglfing drent. An sehr an komplizierten Fall g’habt, meine Herren! A Gaul hat den Schacherl so am Kopf hin g’haut mit’n Huaf, daß er an Riß kriegt hat.“

„Wer? Der Huaf?“ fragt der Förster.

„Na, der Schacherl.“

„Vom hintern Stirnbeinknochen sechs Zentimeter nach vorne verlaufend über dem Auge mit einer Verletzung von der Frontalis.“

„Is aber doch hoffentlich net g’fährlich?“ fragt jetzt der Pfarrer.

„Gefährli? Wer kann das mit einer absolut sicheren Bestimmtheit konstatier’n? Hochwürden: Sie wissen selber. Die menschliche Natur geht oft ihre eigenen Wege.“

„Ja, ja,“ sagt der Förster und gibt mir unter dem Tisch einen Renner, „d’ Hauptsach is, daß Sie glei da war’n, Herr Doktor.“

„In dieser Beziehung hamm Sie recht, Herr Gierster! Bei solchen Wunden is die ärztliche Hilfe von großer Bedeutung. Mor’ng hamm mir das Konzilium, i und da Herr Bezirksarzt. Da wer’n mir uns über das weitere befinden.

Uebrigens, meine Herren, da fallt mir g’rad ein, mir wer’n heut abends einen sehr einen unangenehmen B’such kriegen.“

„Oho! Was is denn los?“

„D’ Reservisten und d’ Urlauber san los. Wie ich mich von meinem schwer krank’n Patienten ins Wirtshaus hinüber begeben hab’, is de ganze Rotte Kora beinander g’sessen. Mehr als zwanzig; unser Hofbauern Peter natürli mitten drin. Einen solchenen Lärm hamm’s vollführt, daß sich kein anständiger Mensch nicht hat halten können.

Ich bin glei wieder umkehrt; im Hausgang hab i an Kramer troffen. Der hat mir verzählt, daß die Burschen von der Stadt raus sich in die Eisenbahnwägen so unzivilisiert benommen hamm, daß man nicht mehr gewußt hat, ob man in einem Viehwagen oder in einem anständigen Coupé is. Sie kennen ja die Büldung unserer heitigen Jugend, Hochwürden...“

Der Herr Pfarrer ist nicht mehr dazu gekommen, seine Meinung abzugeben, denn in dem Augenblick sind in gleichem Schritt und Tritt, daß der Boden gezittert hat, die Burschen hereinmarschiert.

Voran einer mit der Ziehharmonika, hinterher der Hofbauern Peter in der blitzblauen Uniform der schweren Reiter, dann noch drei oder vier Infanteristen, und die andern in Zivil mit der Soldatenmütze.

Der Spektakel, der jetzt anging, ist nicht zum Beschreiben. Der Peter hat so geschrien, daß sein Gesicht angelaufen ist und beinahe die Farbe von der Uniform bekommen hat; und auch die andern haben pfeifend, brüllend und mit den Händen patschend die Musik begleitet.

„Seid’s wieder do, Bua’m?“ fragt der Bürgermeister. „Wia geht?“

„Guat geht’s!“ schreit der Peter. „Teat’s nur grad a Bier her! Sitter daß mir vo Huglfing furt san, hamm ma koan Tropfen nimmer kriagt.“

„Setzt’s Enk z’samm, Buam!“ schreit der Wirt, „’s Bier kimmt scho.“

„Is scho wohr! Leuteln, singt’s!“

„Jetzt Brüder stoßt’s die Gläser an, Es lebe der Reservemann! Der treu gedient hat seine Zei-a-eit, Ihm sei ein volles Glas geweiht!“

„Es is do a rechte Freud, wia g’sund unsere Burschen san; net wahr, Herr Dokta?“

„In dieser Beziehung is mir die Büldung lieber,“ antwortete der Bader; „die heutige Jugend...“

Seine Worte gehen in dem dröhnenden Gesang der Burschen verloren.

„Da drob’n auf da Höh Schteht die bayrisch Armee. Soldaten sollen leben! Schöne Mädigen daneben! Tapfre Bayern sein’s mir, Tapfre Bayern sein’s mir!“

„Herrschaftseiten! Andredl, spiel amol an auf! Teat’s de Tisch weg! Jetzt werd tanzt! Wo san denn die Kuchelmenscher? Eina damit!“

Im Nu sind ein paar Tische weggeräumt, und jetzt geht’s dahin, schnackelnd und schleifend im Walzertakt. Aus der Nachbarschaft kommen noch einige Dirnen, und bald ist in der Wirtsstube die schönste Tanzerei im Gang.

Der Hofbauern Peter beteiligt sich nicht daran; ich glaube schon deswegen, weil er sich von seinem Säbel nicht trennen mag. Er macht sich an unsern Tisch und setzt sich neben den Bader, der sehr entrüstet zum Förster hinüberblinzelt, weil ihn der Peter gelassen in die Bank hineinschiebt.

„S’ Good, Herr Gierschter! Heunt is zünfti!“

„Ja, guat seid’s beinander. An Herrn Pfarrer habt’s scho vertrieben. Wo kommt’s denn her?“

„Vo Hanau her. Gestern san ma verladen worn, und heunt fruah san ma auf Weilbach kemma. Da hamm ma an Abschiedstrunk g’halten, und nacha san ma auf Redlbach. Da hamm ma Bier ausg’spielt.

Nacha san ma auf Freidlhausen ummi, da hamm ma an etla Stehmaß trunken. Und nacha san mar auf Huglfing.“

„So? Da habt’s ja scho a schöne Roas g’macht! Da Herr Dokta hat verzählt, daß es in Huglfing so an Unfug trieben habt’s.“

„Wos? Da hat’s koan Unfug überhaupts net geben. Der Vitus hat selm a’gefangt.“

„Was für a Vitus? Da woaß i ja no gar nix.“

„No, der Schacherl Vitus. I hab mir denkt, Es habt’s es scho g’hört. Mir hamm in Huglfing drent a paar Maß trunk’n und da hab i zum G’spaß de Kellnerin g’fragt, ob sie sein Reiterschatz nicht sein mag. Da schreit der Vitus über’n Tisch rum: Mog net, Cenzl! Dos kunnt’st net damacha, alle Tag an Brat’n zahl’n! Wos? sog i. Ja, sagt er. Nacha hab i eam mit’n Sabel oana umig’haut.“

„So? Da hamm Sie jetzt Ihre Freud an der Jugend, Herr Gierster! Hat man schon eine solchene Roheit g’sehen?“

„Geh, drah net so auf,“ sagt der Peter; „wann der Vitus net zu an g’wissen Baderwaschl kimmt, is er morng wieda g’sund.“

„Wie? was? wia? Redst Du a so mit mir? I will Dir amal was sag’n, Du...“

Aber der Peter hat ihm schon den Rücken zugekehrt und ist breitspurig und säbelklirrend zu den Kameraden hinüber, die gerade einen dröhnenden Rundgesang anstimmten.

„Mir Bayern hamm Muat, Mir fürchten’s kein Bluat, Mir haben’s Kuraschi, Wenn das Blut fließt auf der Straße, Tapfere Bayern sein’s mir, Tapfere Bayern sein’s mir.“

Und auf den Gesang folgt wieder ein lustiger Landler und Jauchzen und gellende Pfiffe.

An meinem Tisch war die Stimmung geteilt.

Der Förster lacht, daß ihm die Tränen über die Augen kommen, und der Bader ärgert sich bei jedem Gelächter, daß er zitronengelb wird.

„Ich weiß überhaupt nicht,“ sagt er zu mir, „wie ich in diese Bevölkerung hineingekommen bin. Aber i will derer Bande schon zeigen, ob’s mich beleidigen tun dürfen. Lachen’s net, Herr Gierster! Sie werden’s seh’gn. Jawoll! Bis heunt hab i fürs Zähn ziehn bloß a Fufzgerl verlangt. Von morg’n an kost’s a Mark. I bin der Lippl.“ Der Zorn und das Bier sind jetzt dem Bader so in den Kopf gestiegen, daß er auf einmal den schönsten Rausch gehabt hat.

„Führ’n ma’n hoam,“ sagt der Förster; „der Spektakel werd do alleweil größer, i bin selber froh, wann ma draußen san; also hü! Herr Dokta, net einschlaf’n, hoam geh’ ma!“

Wir nehmen ihn rechts und links unter die Arme und führen ihn an den johlenden Burschen vorbei.

„Hat’s Di, Bodawaschl? Host koan Kreizer Geld im Taschl, Bodawaschl!“

Die Zurufe und wieherndes Gelächter schallen noch hinter uns drein, als wir schon im Freien angelangt waren.

„Herr Gierschter, hupp! Was hat der Peter g’sagt? Oeha! Hupp! I frag Ihnen au -- auf Ehr und Gwi -- Gwissen. Ha -- hat er Boda -- -- Bo -- -- Bo -- -- Bodawaschl g’sagt?“

„Ach was! Dös is jetzt gleich! Schaun’s, daß ma schö hoamkummen!“

„N -- n -- nein! In die -- -- dieser Beziehung, hupp! ist es vo -- -- von grr -- -- größter Be -- -- Bedeitung. Es hängt vie -- -- viel vo -- -- von Ihrer Au -- -- Au -- -- Aussage ab. I frag Ihnen, hupp! no -- -- nochmals, ha -- -- hat er Bo -- -- Bo -- -- Bodawaschl g’sagt?“

„No von mir aus, ja! I glaab, er hat’s g’sagt.“

„So? Hupp! Jetzt ko -- -- kost’s z -- -- z -- zwoa Mark..“

Es dauerte noch lange, bis wir den stolpernden Bader, der alle Augenblicke stehen blieb und eine Rede anfing, an sein Haus brachten. Es brannte noch ein Licht darin, und der Förster versicherte mir, daß der Herr Doktor heute noch einigen Beleidigungen ausgesetzt sein werde.

Wir sind dann auch heim; wie ich gerade im Einschlafen war, ist unter meinem Fenster ein Höllenspektakel angegangen.

Militär und Zivil waren beim Tanzen einander in die Haare gekommen, und jetzt wurde auf der Straße ein Gefecht geliefert. Ich unterschied deutlich die Stimme des Hofbauern Peter, die aus dem Schimpfen und Schreien herausklang; dann wälzte sich der Lärm weiter fort; ich hörte noch ein verdächtiges Krachen und das Klirren von Fensterscheiben, dann wurde es allmählich ruhig.

Am nächsten Morgen vernahm ich, daß die heimkehrenden Krieger sich trotz der großen Ermattung recht wacker gehalten und ihren Feinden starken Abbruch getan hatten.

Der Gütler Reischl zeigte mir sogar die schriftliche Bestätigung dieser erfreulichen Tatsache.

Er schrieb an „den Herrn Ridmeister von der zwoaten Schwadron von de schweren Reider“ einen Brief, der leider in der Abgeordnetenkammer nicht verlesen wurde. Hier ist er:

Lieber Freind,

wenns ihr den Hofbauern seinen Peder wider auslasts sollts ihm keinen Sabl nich mitgeben indem das der Reischl 3 Lecher im Kopf hat und 4 zähn ausghaut das er vorn Gans zanluckert is und indem er gesagt hat wen er wider komt last ern zerscht schleifen.

es grist eich eier werder Freind

Josef Reischl, Gidler.

[Illustration]

[Illustration: Der Kindlein]

Aus: Lausbubengeschichten. Verlag Albert Langen, München

Unser Religionslehrer heißt Falkenberg. Er ist klein und dick und hat eine goldene Brille auf. Wenn er was Heiliges redet, zwickt er die Augen zu und macht seinen Mund spitzig.

Er faltet immer die Hände und ist recht sanft, und sagt zu uns: „Ihr Kindlein.“

Deswegen haben wir ihn den Kindlein geheißen.

Er ist aber gar nicht so sanft. Wenn man ihn ärgert, macht er grüne Augen wie eine Katze und sperrt einen viel länger ein wie unser Klaßprofessor.

Der schimpft einen furchtbar und sagt „mistiger Lausbub“, und zu mir hat er einmal gesagt, er haut das größte Loch in die Wand mit meinem Kopf.

Meinen Vater hat er gut gekannt, weil er im Gebirg war und einmal mit ihm auf die Jagd gehen durfte. Ich glaube, er kann mich deswegen gut leiden und läßt es sich bloß nicht merken.

Wie mich der Merkel verschuftet hat, daß ich ihm eine hineingehaut habe, hat er mir zwei Stunden Arrest gegeben. Aber wie alle fort waren, ist er auf einmal in das Zimmer gekommen und hat zu mir gesagt:

„Mach, daß Du heimkommst, Du Lauskerl, Du grober! Sonst wird die Supp’ kalt.“

Er heißt Gruber.

Aber der Falkenberg schimpft gar nicht.

Ich habe ihm einmal seinen Rock von hinten mit Kreide angeschmiert. Da haben alle gelacht, und er hat gefragt:

„Warum lacht Ihr, Kindlein?“

Es hat aber keiner etwas gesagt; da ist er zum Merkel hingegangen und hat gesagt:

„Du bist ein gottesfürchtiger Knabe, und ich glaube, daß Du die Lüge verabscheust. Sprich offen, was hat es gegeben?“

Und der Merkel hat ihm gezeigt, daß er voll Kreide hinten ist, und daß ich es war.

Der Falkenberg ist ganz weiß geworden im Gesicht und ist schnell auf mich hergegangen.

Ich habe gemeint, jetzt krieg’ ich eine hinein, aber er hat sich vor mich hingestellt und hat die Augen zugezwickt.

Dann hat er gesagt:

„Armer Verlorener! Ich habe immer Nachsicht gegen Dich geübt, aber ein räudiges Schaf darf nicht die ganze Herde anstecken.“

Er ist zum Rektor gegangen, und ich habe sechs Stunden Karzer gekriegt. Der Pedell hat gesagt, ich wäre dimittiert geworden, wenn mir nicht der Gruber so geholfen hätte. Der Falkenberg hat darauf bestanden, daß ich dimittiert werde, weil ich das Priesterkleid beschmutzt habe. Aber der Gruber hat gesagt, es ist bloß Uebermut, und er will meiner Mutter schreiben, ob er mir nicht ein paar herunterhauen darf. Dann haben ihm die andern recht gegeben, und der Falkenberg war voll Zorn.

Er hat es sich nicht ankennen lassen, sondern er hat das nächstemal in der Klasse zu mir gesagt: „Du hast gesündigt, aber es ist Dir verziehen. Vielleicht wird Dich Gott in seiner unbeschreiblichen Güte auf den rechten Weg führen.“

Die sechs Stunden habe ich brummen müssen, und der Falkenberg hat mich nicht mehr aufgerufen; er ist immer an mir vorbeigegangen und hat getan, als wenn er mich nicht sieht.

Den Fritz hat er auch nicht leiden können, weil er mein bester Freund ist und immer lacht, wenn er „Kindlein“ sagt. Er hat ihn schon zweimal deswegen eingesperrt, und da haben wir gesagt, wir müssen dem Kindlein etwas antun.

Der Fritz hat gemeint, wir müssen ihm einen Pulverfrosch in den Katheder legen; aber das geht nicht, weil man es sieht.

Dann haben wir ihm Schusterpech auf den Sessel geschmiert. Er hat sich aber die ganze Stunde nicht darauf gesetzt, und dann ist der Schreiblehrer Bogner gekommen und ist hängen geblieben.

Das war auch recht, aber für den Kindlein hätte es mich besser gefreut.

Der Fritz wohnt bei dem Malermeister Burkhard und hat ihm eine grüne Oelfarbe genommen, wie der Katheder ist. Die haben wir vor der Religionsstunde geschwind hingestrichen, wo er den Arm auflegt.

Da hat es auf einmal geheißen, der Falkenberg ist krank und wir haben Geographie dafür. Da ist der Professor Ulrich eingegangen, weil er voll Farbe geworden ist, und er hat den Pedell furchtbar geschimpft, daß er nichts hinschreibt, wenn frisch gestrichen ist.

Der Kindlein ist uns immer ausgekommen, aber wir haben nicht ausgelassen.

Einmal ist er in die Klasse gekommen mit dem Rektor und hat sich auf den Katheder gestellt. Dann hat er gesagt:

„Kindlein, freuet Euch! Ich habe eine herrliche Botschaft für Euch. Ich habe lange gespart, und jetzt habe ich für unsere geliebte Studienkirche die Statue des heiligen Aloysius gekauft, weil er das Vorbild der studierenden Jugend ist. Er wird von dem Postament zu Euch hinunterschauen und Ihr werdet zu ihm hinaufschauen. Das wird Euch stärken.“

Dann hat der Rektor gesagt, daß es unbeschreiblich schön ist von dem Falkenberg, daß er die Statue gekauft hat, und daß unser Gymnasium sich freuen muß.

Am Samstag kommt der Heilige, und wir müssen ihn abholen, wo die Stadt anfangt, und am Sonntag ist die Enthüllungsfeier.

Da sind sie hinausgegangen und haben es in den anderen Klaßzimmern gesagt. Und ich und der Fritz sind miteinander heimgegangen.

Da hat der Fritz gesagt, daß der Kindlein es mit Fleiß getan hat, daß wir den Aloysius am Samstagnachmittag holen müssen, weil er uns nicht gönnt, daß wir frei haben.

Ich habe auch geschimpft und habe gesagt, ich möchte, daß der Wagen umschmeißt.

Dem Fritz sein Hausherr hat es schon gewußt, weil es in der Zeitung gestanden ist.

Er kann uns gut leiden und redet oft mit uns und schenkt uns eine Zigarre.

Auf den Falkenberg hat er einen Zorn, weil er glaubt, daß sein Pepi wegen dem Falkenberg die Prüfung in die Lateinschule nicht bestanden hat. Ich glaube aber, daß der Pepi zu dumm ist.

Der Hausherr hat gelacht, daß so viel in der Zeitung gestanden ist von dem Heiligen. Er hat gesagt, daß er von Gips ist und daß er ihn nicht geschenkt möchte. Er ist von Mühldorf. Da ist er schon lang gestanden, und niemand hat ihn mögen. Vielleicht hat ihn der Steinmetz hergeschenkt, aber der Falkenberg macht sich schön damit und tut, als wenn er viel gekostet hat.

Das ist ein scheinheiliger Tropf, hat der Hausherr gesagt, und wir haben auch geschimpft über den Kindlein.

Dann ist der Samstag gekommen. Das ganze Gymnasium ist aufgestellt worden, und dann haben wir durch die Stadt gehen müssen. Vorne ist der Rektor mit dem Falkenberg gegangen, und dann sind die Professoren gekommen. Der Gruber war nicht dabei, weil er Protestant ist.

Oben auf dem Berg ist ein Wirtshaus, wo die Straße von Mühldorf herkommt. Da haben wir gehalten und haben gewartet. Eine halbe Stunde haben wir stehen müssen, bis der Pedell daher gelaufen ist und hat geschrien:

„Jetzt bringen sie ihn.“

Da ist ein Leiterwagen gekommen, da war eine große Kiste darauf.

Der Falkenberg ist hingegangen und hat den Fuhrmann gefragt, ob er von Mühldorf ist und den heiligen Aloysius dabei hat. Der Fuhrmann hat gesagt ja, und er hat einen in der Kiste. Da hat sich der Kindlein geärgert, daß der Wagen so schlecht aussieht und keine Tannenbäume darauf sind.

Aber der Fuhrmann hat gesagt, das geht ihn nichts an, er tut bloß, was ihm sein Herr anschafft.

Da haben wir hinter dem Wagen hergehen müssen, und die Glocken von der Studienkirche haben geläutet, bis wir dort waren.

Vor der Kirche hat der Fuhrmann gehalten, und er hat die Kiste herunter tun wollen.

Aber der Falkenberg hat ihn nicht lassen. Die vier Größten von der Oberklasse mußten sie heruntertun und in die Sakristei tragen. Das war der Pointner und der Reichenberger, die andern zwei habe ich nicht gekannt.

Wir haben gehen dürfen, und das Läuten hat aufgehört.

Bloß die vier Oberklaßler mußten dabei sein, wie der Heilige aufgestellt wurde; die anderen nicht, weil erst morgen die Einweihung war.

Wir haben aber gewußt, wo er hingestellt wird. Bei dem dritten Fenster, weil dort das Postament war und Blumen herum.

Der Fritz und ich sind heimgegangen; zuerst war der Friedmann Karl dabei.

Da hat der Fritz gesagt, er muß noch viel büffeln auf den Montag, weil er die dritte Konjugation noch nicht gelernt hat.

„Die haben wir ja gar nicht auf,“ hat der Friedmann gesagt.

„Freilich haben wir sie aufgekriegt. Der Gruber hat es ganz deutlich gesagt,“ hat der Fritz gesagt. Da ist dem Friedmann angst geworden, weil er immer furchtsam ist, und er ist der Erste.

Er ist gleich von uns weggelaufen, und der Fritz hat zu mir gesagt: „Jetzt haben wir unsere Ruhe vor ihm.“

Ich fragte, warum er ihn fortgeschickt hat, aber der Fritz wartete, bis niemand in der Nähe war. Dann sagte er, daß er jetzt weiß, wie wir den Kindlein darankriegen, und daß wir auf den Aloysius einen Stein hineinschmeißen.

Ich glaubte zuerst, er macht Spaß, aber es war ihm ernst, und er sagte, daß er es allein tut, wenn ich nicht mithelfe.

Da hab ich versprochen, daß ich mittue, aber ich habe mich gefürchtet, denn wenn es aufkommt, ist alles hin.

Aber der Fritz hat gesagt, dann muß man es so machen, daß kein Mensch nichts merkt, und so eine Gelegenheit kriegen wir nicht mehr, daß wir dem Kindlein etwas antun, was er sich merkt.

Wir haben ausgemacht, daß wir uns um acht Uhr bei den zwei Kastanien an der Salzach treffen. Ich habe daheim gesagt, daß ich mit dem Fritz die dritte Konjugation lernen muß, und bin gleich nach dem Abendessen fort.

Es war schon dunkel, wie ich an die Kastanien hinkam, und ich war froh, daß mir niemand begegnet ist.

Der Fritz war schon da, und wir haben noch gewartet, bis es ganz dunkel war.

Dann sind wir neben der Salzach gegangen; einmal haben wir Schritte gehört.

Da sind wir hinter einen Busch gestanden und haben uns versteckt.

Es war der Notar; der geht immer spazieren und macht ein Gedicht in das Wochenblatt.

Er hat nichts gemerkt, und wir sind erst wieder vorgegangen, wie er schon weit weg war.

Das Gymnasium und die Studienkirche sind am Ende von der Stadt; es ist kein Mensch hinten, wenn es dunkel ist.

Bloß der Pedell, aber er ist auch nicht hinten, sondern beim Sternbräu.

Wir sind hingekommen, und jeder hat einen Stein genommen.

Wir haben die Fenster noch gesehen. Das dritte war es.

Der Fritz sagte zu mir: „Du mußt gut rechts schmeißen; wenn es an die Wand hingeht, prallt es schon hinein. Und Du mußt halb so hoch schmeißen, wie das Fenster ist; ich probiere es höher, dann erwischt ihn schon einer.“

„Es ist schon recht,“ sage ich, und dann haben wir geschmissen. Es hat stark gescheppert, und wir haben gewußt, daß wir das Fenster getroffen haben.

Gleich hinter dem Gymnasium sind Haselnußstauden; da haben wir uns versteckt und haben gehorcht. Es ist ganz still gewesen und der Fritz sagte: „Das ist fein gegangen. Jetzt müssen wir achtgeben, daß uns niemand gehen sieht.“

Wir sind schnell gelaufen, aber wenn wir etwas gehört haben, sind wir stehen geblieben. Es ist uns niemand begegnet, und beim Fritz seinem Hausherrn sind wir hinten über den Gartenzaun gestiegen und ganz still die Stiege hinaufgegangen.

Der Fritz hat sein Licht brennen lassen, daß sie glaubten, er ist daheim. Wir setzten uns an den Tisch und haben uns abgewischt, weil wir so schwitzten.

Auf einmal ist wer über die Treppe gegangen und hat geklopft.

Ich bin zum Fenster hingelaufen, weil ich noch ganz naß war, aber der Fritz hat seinen Kopf in die Hand gelegt und hat getan, als wenn er lernt.

Es war die Magd vom Expeditor Friedmann und sie hat gesagt, einen schönen Gruß vom Friedmann Karl, und er glaubt nicht, daß wir die dritte Konjugation aufhaben, weil er den Raithel gefragt hat und den Kranzler, und keiner hat etwas gewußt.

Der Fritz hat seinen Kopf nicht aufheben mögen, weil er auch so geschwitzt hat. Er hat gesagt, daß er es deutlich gehört hat, und er lernt die dritte Konjugation.

Da ist die Magd gegangen, und wir haben gehört, wie sie drunten zu der Frau Burkhard gesagt hat, daß der Fritz so fleißig lernt, und daß es grausam ist, wieviel man in der Schule lernen muß.

Am andern Tag ist Sonntag gewesen, und um acht Uhr war die Kirche und die Feier für den Aloysius.

Aber sie ist nicht gewesen.

Wie ich hingekommen bin, war alles schwarz vor der Türe, so viele Leute sind herumgestanden.

Um den Pedell ist ein großer Kreis gewesen, der Rektor ist daneben gestanden und der Falkenberg auch.

Sie haben geredet und dann haben sie zu dem Fenster hinaufgezeigt. Da waren zwei Löcher darin.

Ich habe den Raithel gefragt, was es gibt.

„Dem Aloysius ist die Nasen weggehaut,“ hat er gesagt.

„Haben s’ ihn beim Aufstellen runterfallen lassen?“ habe ich gefragt.

„Nein, es sind Steine hineingeflogen,“ hat er gesagt.

Der Föckerer und der Friedmann und der Kranzler sind hergekommen. Der Föckerer macht sich immer gescheit, und er hat gesagt, daß er es zuerst gehört hat.

Er ist dabei gewesen, wie der Falkenberg gekommen ist, und der Pedell hat es ihm gezeigt. Da ist ein furchtbarer Spektakel gewesen, denn wie sie die Löcher in dem Fenster gesehen haben, sind sie hineingegangen, und da haben sie gesehen, daß von dem Aloysius seinem Kopf die Nase und der Mund weg waren, und unten ist alles voll Gips gewesen, und dann hat man zwei Steiner gefunden. Der Föckerer hat gesagt, wenn es aufkommt, wer es getan hat, glaubt er, daß man ihn köpft.

Der Pedell hat das gesagt. --

Ich habe mich nicht gerührt, und der Fritz auch nicht.

Er hat nur zum Friedmann gesagt, daß er jetzt die dritte Konjugation kann.

Ich bin zu den Großen hingegangen, wo die Professoren gestanden sind.

Der Pedell hat immer geredet.

Er erzählte alles immer wieder von vorne.

Er hat gesagt, daß er daheim war und nachgedacht hat, ob er vielleicht eine Halbe Bier trinken soll.

Auf einmal hat seine Frau gesagt, es hat gescheppert, als wenn eine Fensterscheibe hin ist.

„Wo soll eine Fensterscheibe hin sein?“ hat er gefragt.

Dann haben sie gehorcht, und er hat die Haustüre aufgemacht. Da ist ihm gewesen, als wenn er einen Schritt hört, und er ist in sein Zimmer und hat sein Gewehr geholt.

Dann ist er hinaus und hat dreimal „Wer da?“ gerufen.

Denn beim Militär hat er es so gelernt, wo er doch ein Feldwebel war. Und im Krieg haben sie es so gemacht, da ist immer einer Posten gestanden, und wenn er etwas Verdächtiges gehört hat, hat er „Wer da?“ rufen müssen. Es hat sich aber nichts mehr gerührt, und er ist im Hofe dreimal herumgegangen und hat nichts gesehen. Und dann ist er zum Sternbräu gegangen, weil er gedacht hat, daß er eine Halbe Bier trinken muß. Er hat gesagt, wenn er einen gesehen hätte, dann hätte er geschossen, denn wenn einer keine Antwort nicht gibt auf „Wer da“, muß er erschossen werden.

Der Rektor hat ihn gefragt, ob er keinen Verdacht hat.

Da hat der Pedell gesagt, daß er schon einen hat, aber er hat mit den Augen geblinzelt und hat gesagt, daß er es noch nicht sagen darf, weil er ihn sonst nicht erwischt.

Wenn nicht gleich so viele Leute herumgestanden wären, hat der Pedell gesagt, dann hätte er ihn vielleicht schon, weil er die Fußspuren gemessen hätte, aber jetzt ist alles verwischt.

Da hat ihn der Rektor gefragt, ob er glaubt, daß er ihn noch kriegt. Da hat der Pedell wieder mit den Augen geblinzelt und hat gesagt, daß er ihn noch erwischt, weil alle Verbrecher zweimal kommen und den Ort anschauen.

Und er paßt jetzt die ganze Nacht mit dem Gewehr und schreit bloß einmal „Wer da?“ und er schießt gleich.

Der Falkenberg hat gesagt, er will beten, daß der Verbrecher aufkommt, aber heute ist keine Kirche nicht, weil man den Aloysius wegräumen muß, und wir müssen heimgehen und auch beten, daß es offenbar wird.

Da sind alle gegangen, aber ich bin noch stehen geblieben mit dem Friedmann und dem Raithel, weil der Pedell zu uns hergegangen ist und alles wieder erzählt hat, daß es schepperte und daß seine Frau es zuerst gehört hat.

Und er sagte, daß er den Verbrecher erwischt, und vor eine Woche ganz vorüber ist, erschießt er ihn, oder er schießt ihm vielleicht auf die Füße.

Ich bin zum Fritz gegangen und habe es erzählt. Da haben wir furchtbar lachen müssen.

Hernach ist eine große Untersuchung gewesen, und in jeder Klasse ist gefragt worden, ob keiner nichts weiß.

Und der Kindlein hat gesagt, daß er seinen Schülern keinen Aloysius nicht mehr schenkt, bevor es nicht aufgekommen ist, wer es getan hat.

Wir haben jetzt vor der Religionsstunde immer ein Gebet sagen müssen zur Entdeckung eines gräßlichen Frevels.

Es hat aber nichts geholfen, und niemand weiß etwas, bloß ich und der Fritz wissen es.

[Illustration]

[Illustration: Besserung]

Aus: Lausbubengeschichten. Verlag Albert Langen, München

Wie ich in die Ostervakanz gefahren bin, hat die Tante Fanny gesagt: „Vielleicht kommen wir zum Besuch zu Deiner Mutter. Sie hat uns so dringend eingeladen, daß wir sie nicht beleidigen dürfen.“

Und Onkel Pepi sagte, er weiß es nicht, ob es geht, weil er so viel Arbeit hat, aber er sieht es ein, daß er den Besuch nicht mehr hinausschieben darf.

Ich fragte ihn, ob er nicht lieber im Sommer kommen will, jetzt ist es noch so kalt, und man weiß nicht, ob es nicht auf einmal schneit.

Aber die Tante sagte:

„Nein, Deine Mutter muß böse werden, wir haben es schon so oft versprochen.“

Ich weiß aber schon, warum sie kommen wollen; weil wir auf Ostern das Geräucherte haben und Eier und Kaffeekuchen, und Onkel Pepi ißt so furchtbar viel. Daheim darf er nicht so, weil Tante Fanny gleich sagt, ob er nicht an sein Kind denkt.

Sie haben mich an den Postomnibus begleitet, und Onkel Pepi hat freundlich getan und hat gesagt, es ist auch gut für mich, wenn er kommt, daß er den Aufruhr beschwichtigen kann über mein Zeugnis.

Es ist wahr, daß es furchtbar schlecht gewesen ist, aber ich finde schon etwas zum Ausreden. Dazu brauche ich ihn nicht.

Ich habe mich geärgert, daß sie mich begleitet haben, weil ich mir Zigarren kaufen wollte für die Heimreise, und jetzt konnte ich nicht.

Der Fritz war aber im Omnibus und hat zu mir gesagt, daß er genug hat, und wenn es nicht reicht, können wir im Bahnhof in Mühldorf noch Zigarren kaufen.

Im Omnibus haben wir nicht rauchen dürfen, weil der Oberamtsrichter Zirngiebl mit seinem Heinrich darin war, und wir haben gewußt, daß er ein Freund vom Rektor ist und ihm alles verschuftet.

Der Heinrich hat ihm gleich gesagt, wer wir sind. Er hat es ihm in das Ohr gewispert, und ich habe gehört, wie er bei meinem Namen gesagt hat: „Er ist der Letzte in unserer Klasse und hat in der Religion auch einen Vierer.“

Da hat mich der Oberamtsrichter angeschaut, als wenn ich aus einer Menagerie bin, und auf einmal hat er zu mir und zum Fritz gesagt:

„Nun, Ihr Jungens, gebt mir einmal Eure Zeugnisse, daß ich sie mit dem Heinrich dem seinigen vergleichen kann.“

Ich sagte, daß ich es im Koffer habe, und er liegt auf dem Dache vom Omnibus.

Da hat er gelacht und hat gesagt, er kennt das schon. Ein gutes Zeugnis hat man immer in der Tasche.

Alle Leute im Omnibus haben gelacht, und ich und der Fritz haben uns furchtbar geärgert, bis wir in Mühldorf ausgestiegen sind.

Der Fritz sagte, es reut ihn, daß er nicht gesagt hat, bloß die Handwerksburschen müssen dem Gendarm ihr Zeugnis hergeben. Aber es war schon zu spät. Wir haben im Bahnhof Bier getrunken, da sind wir wieder lustig geworden und sind in die Eisenbahn eingestiegen.

Wir haben vom Kondukteur ein Rauchcoupé verlangt und sind in eines gekommen, wo schon Leute darin waren.

Ein dicker Mann ist am Fenster gesessen, und an seiner Uhrkette war ein großes, silbernes Pferd.

Wenn er gehustet hat, ist das Pferd auf seinem Bauch getanzt und hat gescheppert.

Auf der anderen Bank ist ein kleiner Mann gesessen mit einer Brille, und er hat immer zu dem Dicken gesagt: Herr Landrat, und der Dicke hat zu ihm gesagt: Herr Lehrer. Wir haben es aber auch so gemerkt, daß er ein Lehrer ist, weil er seine Haare nicht geschnitten gehabt hat.

Wie der Zug gegangen ist, hat der Fritz eine Zigarre angezündet und den Rauch auf die Decke geblasen, und ich habe es auch so gemacht.

Eine Frau ist neben mir gewesen, die ist weggerückt und hat mich angeschaut, und in der anderen Abteilung sind die Leute aufgestanden und haben herübergeschaut. Wir haben uns furchtbar gefreut, daß sie alle so erstaunt sind, und der Fritz hat recht laut gesagt, er muß sich von dieser Zigarre fünf Kisten bestellen, weil sie so gut ist.

Da sagte der dicke Mann: „Bravo, so wachst die Jugend her,“ und der Lehrer sagte: „Es ist kein Wunder, was man lesen muß, wenn man die verrohte Jugend sieht.“

Wir haben getan, als wenn es uns nichts angeht, und die Frau ist immer weitergerückt, weil ich so viel ausgespuckt habe.

Der Lehrer hat so giftig geschaut, daß wir uns haben ärgern müssen, und der Fritz sagte, ob ich weiß, woher es kommt, daß die Schüler in der ersten Lateinklasse so schlechte Fortschritte machen, und er glaubt, daß die Volksschulen immer schlechter werden.

Da hat der Lehrer furchtbar gehustet, und der Dicke hat gesagt, ob es heute kein Mittel nicht mehr gibt für freche Lausbuben.

Der Lehrer sagte, man darf es nicht mehr anwenden wegen der falschen Humanität, und weil man gestraft wird, wenn man einen bloß ein bißchen auf den Kopf haut.

Alle Leute im Wagen haben gebrummt: „Das ist wahr,“ und die Frau neben mir hat gesagt, daß die Eltern dankbar sein müssen, wenn man solchen Burschen ihr Sitzleder verhaut.

Und da haben wieder alle gebrummt, und ein großer Mann in der anderen Abteilung ist aufgestanden und hat mit einem tiefen Baß gesagt:

„Leider, leider gibt es keine vernünftigen Oeltern nicht mehr.“

Der Fritz hat sich gar nichts daraus gemacht und hat mich mit dem Fuß gestoßen, daß ich auch lustig sein soll. Er hat einen blauen Zwicker aus der Tasche genommen und hat ihn aufgesetzt und hat alle Leute angeschaut und hat den Rauch durch die Nase gehen lassen.

Bei der nächsten Station haben wir uns Bier gekauft und wir haben es schnell ausgetrunken. Dann haben wir die Gläser zum Fenster hinausgeschmissen, ob wir vielleicht einen Bahnwärter treffen.

Da schrie der große Mann: „Diese Burschen muß man züchtigen,“ und der Lehrer schrie: „Ruhe, sonst bekommt Ihr ein paar Ohrfeigen!“

Der Fritz sagte: „Sie können’s schon probieren, wenn Sie einen Schneid haben.“

Da hat sich der Lehrer nicht getraut, und er hat gesagt:

„Man darf keinen mehr auf den Kopf hauen, sonst wird man selbst gestraft.“

Und der große Mann sagte:

„Lassen Sie es gehen, ich werde diese Burschen schon kriegen.“

Er hat das Fenster aufgemacht und hat gebrüllt: „Konduktör, Konduktör!“

Der Zug hat gerade gehalten, und der Kondukteur ist gelaufen, als wenn es brennt. Er fragte, was es gibt, und der große Mann sagte: „Die Burschen haben Biergläser zum Fenster hinausgeworfen. Sie müssen arretiert werden.“

Aber der Kondukteur war zornig, weil er gemeint hat, es ist ein Unglück geschehen, und es war gar nichts.

Er sagte zu dem Mann: „Deswegen brauchen Sie doch keinen solchen Spektakel nicht zu machen.“ Und zu uns hat er gesagt: „Sie dürfen es nicht tun, meine Herren.“

Das hat mich gefreut, und ich sagte:

„Entschuldigen Sie, Herr Oberkondukteur, wir haben nicht gewußt, wo wir die Gläser hinstellen müssen, aber wir schmeißen jetzt kein Glas nicht mehr hinaus.“

Der Fritz fragte ihn, ob er keine Zigarre nicht will, aber er sagte nein, weil er keine so starken nicht raucht.

Dann ist er wieder gegangen, und der große Mann hat sich hingesetzt und hat gesagt, er glaubt, der Kondukteur ist ein Preuße. Alle Leute haben wieder gebrummt, und der Lehrer sagte immer: „Herr Landrat, ich muß mich furchtbar zurückhalten, aber man darf keinen mehr auf den Kopf hauen.“

Wir sind weiter gefahren, und bei der nächsten Station haben wir uns wieder ein Bier gekauft. Wie ich es ausgetrunken habe, ist mir ganz schwindlig geworden, und es hat sich alles zu drehen angefangen. Ich habe den Kopf zum Fenster hinausgehalten, ob es mir nicht besser wird. Aber es ist mir nicht besser geworden, und ich habe mich stark zusammengenommen, weil ich glaubte, die Leute meinen sonst, ich kann das Rauchen nicht vertragen.

Es hat nichts mehr geholfen, und da habe ich geschwind meinen Hut genommen.

Die Frau ist aufgesprungen und hat geschrien, und alle Leute sind aufgestanden, und der Lehrer sagte: „Da haben wir es.“ Und der große Mann sagte in der anderen Abteilung: „Das sind die Burschen, aus denen man die Anarchisten macht.“

Mir ist alles gleich gewesen, weil mir so schlecht war.

Ich dachte, wenn ich wieder gesund werde, will ich nie mehr Zigarren rauchen und immer folgen und meiner lieben Mutter keinen Verdruß nicht mehr machen. Ich dachte, wieviel schöner möchte es sein, wenn es mir jetzt nicht schlecht wäre, und ich hätte ein gutes Zeugnis in der Tasche, als daß ich jetzt den Hut in der Hand habe, wo ich mich hineingebrochen habe.

Fritz sagte, er glaubt, daß es mir von einer Wurst schlecht geworden ist.

Er wollte mir helfen, daß die Leute glauben, ich bin ein Gewohnheitsraucher.

Aber es war mir nicht recht, daß er gelogen hat.

Ich war auf einmal ein braver Sohn und hatte einen Abscheu gegen die Lüge.

Ich versprach dem lieben Gott, daß ich keine Sünde nicht mehr tun wollte, wenn er mich wieder gesund werden läßt.

Die Frau neben mir hat nicht gewußt, daß ich mich bessern will, und sie hat immer geschrien, wie lange sie den Gestank noch aushalten muß.

Da hat der Fritz den Hut aus meiner Hand genommen und hat ihn zum Fenster hinausgehalten und hat ihn ausgeleert. Es ist aber viel auf das Trittbrett gefallen, daß es geplatscht hat, und wie der Zug in der Station gehalten hat, ist der Expeditor hergelaufen und hat geschrien: „Wer ist die Sau gewesen? Herrgottsakrament, Kondukteur, was ist das für ein Saustall?“

Alle Leute sind an die Fenster gestürzt und haben hinausgeschaut, wo das schmutzige Trittbrett gewesen ist. Und der Kondukteur ist gekommen und hat es angeschaut und hat gebrüllt: „Wer war die Sau?“

Der große Herr sagte zu ihm: „Es ist der nämliche, der mit den Bierflaschen schmeißt, und Sie haben es ihm erlaubt.“

„Was ist das mit den Bierflaschen?“ fragte der Expeditor.

„Sie sind ein gemeiner Mensch,“ sagte der Kondukteur, „wenn Sie sagen, daß ich es erlaubt habe, daß er mit die Bierflaschen schmeißt.“

„Was bin ich?“ fragte der große Herr.

„Sie sind ein gemeiner Lügner,“ sagte der Kondukteur, „ich habe es nicht erlaubt.“

„Tun Sie nicht so schimpfen,“ sagte der Expeditor, „wir müssen es mit Ruhe abmachen.“

Alle Leute im Wagen haben durcheinander geschrien, daß wir solche Lausbuben sind, und daß man uns arretieren muß. Am lautesten hat der Lehrer gebrüllt, und er hat immer gesagt, er ist selbst ein Schulmann. Ich habe nichts sagen können, weil mir so schlecht war, aber der Fritz hat für mich geredet, und er hat den Expeditor gefragt, ob man arretiert werden muß, wenn man auf einem Bahnhof eine giftige Wurst kriegt.

Zuletzt hat der Expeditor gesagt, daß ich nicht arretiert werde, aber, daß das Trittbrett gereinigt wird, und ich muß es bezahlen. Es kostet eine Mark.

Dann ist der Zug wieder gefahren, und ich habe immer den Kopf zum Fenster hinausgehalten, daß es mir besser wird.

In Endorf ist der Fritz ausgestiegen, und dann ist meine Station gekommen.

Meine Mutter und Aennchen waren auf dem Bahnhof und haben mich erwartet.

Es ist mir noch immer ein bißchen schlecht gewesen und ich habe so Kopfweh gehabt.

Da war ich froh, daß es schon Nacht war, weil man nicht gesehen hat, wie ich blaß war. Meine Mutter hat mir einen Kuß gegeben und hat gleich gefragt: „Nach was riechst Du, Ludwig?“ Und Aennchen fragte: „Wo hast Du Deinen Hut, Ludwig?“ Da habe ich gedacht, wie traurig sie sein möchten, wenn ich ihnen die Wahrheit sage, und ich habe gesagt, daß ich in Mühldorf eine giftige Wurst gegessen habe, und daß ich froh bin, wenn ich einen Kamillentee kriege.

Wir sind heimgegangen, und die Lampe hat im Wohnzimmer gebrannt, und der Tisch war aufgedeckt.

Unsere alte Köchin Theres ist hergelaufen, und wie sie mich gesehen hat, da hat sie gerufen: „Jesus Maria, wie schaut unser Bub aus? Das kommt davon, weil Sie ihn so viel studieren lassen, Frau Oberförster.“

Meine Mutter sagte, daß ich etwas Unrechtes gegessen habe, und sie soll mir schnell einen Tee machen. Da ist die Theres geschwind in die Küche, und ich habe mich auf das Kanapee gesetzt.

Unser Bürschel ist immer an mich hinaufgesprungen und hat mich abschlecken gewollt. Und alle haben sich gefreut, daß ich da bin. Es ist mir ganz weich geworden, und wie mich meine liebe Mutter gefragt hat, ob ich brav gewesen bin, habe ich gesagt, ja, aber ich will noch viel braver werden.

Ich sagte, wie ich die giftige Wurst drunten hatte, ist mir eingefallen, daß ich vielleicht sterben muß, und daß die Leute meinen, es ist nicht schade darum. Da habe ich mir vorgenommen, daß ich jetzt anders werde und alles tue, was meiner Mutter Freude macht, und viel lerne und nie keine Strafe mehr heimbringe, daß sie alle auf mich stolz sind.

Aennchen schaute mich an und sagte: „Du hast gewiß ein furchtbar schlechtes Zeugnis heimgebracht, Ludwig?“

Aber meine Mutter hat es ihr verboten, daß sie mich ausspottet, und sie sagte: „Du sollst nicht so reden, Aennchen, wenn er doch krank war und sich vorgenommen hat, ein neues Leben zu beginnen. Er wird es schon halten und mir viele Freude machen.“ Da habe ich weinen müssen, und die alte Theres hat es auch gehört, daß ich vor meinem Tod solche Vorsätze genommen habe. Sie hat furchtbar laut geweint, und hat geschrien: „Es kommt von dem vielen Studieren, und sie machen unsern Buben noch kaput.“ Meine Mutter hat sie getröstet, weil sie gar nicht mehr aufgehört hat.

Da bin ich ins Bett gegangen, und es war so schön, wie ich darin gelegen bin. Meine Mutter hat noch bei der Türe hereingeleuchtet und hat gesagt: „Erhole Dich recht gut, Kind.“ Ich bin noch lange aufgewesen und habe gedacht, wie ich jetzt brav sein werde.

[Illustration]

[Illustration: Tante Frieda]

Aus: Tante Frieda. Verlag Albert Langen, München

Meine Mutter sagte: „Ach Gott ja, übermorgen kommt die Schwägerin.“ Und da machte sie einen großen Seufzer, als wenn der Bindinger da wäre und von meinem Talent redet.

Und Aennchen hat ihre Kaffeetasse weggeschoben und hat gesagt, es schmeckt ihr nicht mehr, und wir werden schon sehen, daß die Tante den Amtsrichter beleidigt und daß alles schlecht geht.

„Warum hast Du sie eingeladen?“ sagte sie.

„Ich hab sie doch gar nicht eingeladen,“ sagte meine Mutter, „sie kommt doch immer ganz von selber.“

„Man muß sie hinausschmeißen,“ sagte ich.

„Du sollst nicht so unanständig reden,“ sagte meine Mutter, „Du mußt denken, daß sie die Schwester von Deinem verstorbenen Papa ist. Und überhaupt bist Du zu jung.“

„Aber wenn Ihr sie doch gar nicht mögt,“ habe ich gesagt, „und wenn sie den Amtsrichter beleidigt, daß er Aennchen nicht heiratet, und sie freut sich schon so darauf. Vielleicht sagt sie ihm, daß er schielt.“

Da hat Aennchen mich angeschrien: „Er schielt doch gar nicht, Du frecher Lausbub, und jetzt spricht er, daß ich heiraten will, und die Leute reden es herum. Nein, nein, ich halte es nicht mehr aus, ich gehe in die Welt und nehme eine Stellung.“

Da ist meine Mutter ganz unglücklich geworden und hat gerufen: „Aber Kindchen, Du darfst nicht weinen. Es wird alles recht werden, und, in Gottes Namen, der Besuch von der Tante wird auch vorüber gehen.“

Das ist am Montag gewesen, und am Mittwoch ist sie gekommen. Wir sind alle drei auf die Bahn gegangen, und meine Mutter hat immer gesagt: „Aennchen, mache ein freundliches Gesicht! Sonst haben wir schon heute Verdruß.“

Da hat der Zug gepfiffen, und sie ist herausgestiegen und hat geschrien: „Ach Gott! ach Gott! Da seid Ihr ja alle! Oh, wie ich mich freue! Helft mir nur, daß ich mein Gepäck herauskriege!“

Sie hat in den Wagen hineingerufen, die Schachtel gehört ihr, und der Koffer unter dem Sitz gehört ihr, und die Tasche oben gehört auch ihr und hinten der Käfig mit dem Papagei. Ein Mann hat ihr alles herausgetan, und sie hat es mir gegeben, aber ich habe gesagt, der Koffer ist zu schwer, ich kann ihn nicht tragen. „Aennchen hilft Dir schon,“ hat sie gesagt, „Ihr seid jung und stark. Aber mein Lorchen trage ich selber.“ Dann ist sie zu meiner Mutter hingegangen und hat sie geküßt und hat gerufen: „Ich bin froh, daß ich Dich gesund sehe, ich habe oft so Angst wegen Deinem Herzleiden, aber gib acht, daß Du nicht an den Käfig kommst, mein Lorchen kann das Schütteln nicht vertragen.“

Meine Mutter hat den großen Koffer angesehen und hat gemeint, es ist vielleicht besser, wenn ihn der Stationsdiener tragt, aber die Tante hat gesagt: „Nein, ich gebe es nicht zu, daß Du Auslagen hast; die Kinder werden schon fertig damit.“

Aennchen hat es probiert. Es ist nicht gegangen, weil er zu schwer war. Da ist der Alois gelaufen gekommen, das ist der Stationsdiener, und er hat den Koffer genommen.

Die Tante hat wieder zu meiner Mutter gesagt, es ist ihr nicht recht, daß wir Auslagen haben, und sie hat nicht gedacht, daß Aennchen so schwächlich ist. Aber es fällt ihr ein, daß sie schon als Kind zart war. Vielleicht hat sie etwas geerbt von dem Herzleiden von meiner Mutter.

„Ich bin aber, Gott sei Dank, gesund,“ hat meine Mutter gesagt, „und der Arzt findet nichts mehr.“

„Ja, die Aerzte!“ hat die Tante gerufen. „Bei meinem armen Joseph haben sie auch nichts gefunden, bis er tot war, und oft wollen sie es einem nicht sagen.“

Dann sind wir heimgegangen. Unterwegs hat Aennchen zu mir gewispert: „Du wirst sehen, Ludwig, sie bleibt die ganze Vakanz.“

„Das glaube ich nicht,“ habe ich gesagt. „Wenn sie bleiben möchte, finde ich schon etwas, daß sie geht.“

Da hat Aennchen heimlich gelacht, und sonst ist sie doch immer unglücklich, wenn etwas von mir herauskommt. Aber diesmal hat sie gelacht und hat gefragt: „Was willst Du denn machen?“

Ich habe gesagt: „Das weiß ich nicht. Vielleicht mach ich einen Speiteufel in den Papagei seinen Käfig, oder ich rupfe ihn, daß er nackt wird, oder ich tue sonst was. Man kann es nicht vorher sagen, was man tut, weil man erst studieren muß, was sie am meisten ärgert.“

Aennchen hat gewispert: „Wenn Du etwas findest, daß sie geht, schenke ich Dir zwei Mark.“

„Das ist recht,“ habe ich gesagt. „Aber Du mußt mir zuerst eine Mark geben, weil ich vielleicht Auslagen haben muß.“ Sie hat mir auch eine Mark versprochen, und dann sind wir heimgekommen.

Wir haben an der Tür warten müssen, weil meine Mutter nicht so schnell gehen kann und mit der Tante zurückgeblieben ist.

Im Hauseingang hat die Tante gesagt:

„In Gottes Namen, da bin ich also wieder. Nein, wie es hübsch ist bei Dir! Du hast ja einen Kokusläufer da!“

Meine Mutter hat gesagt, daß der Gang im Winter so kalt ist, und daß sie den Läufer wegen ihrer Gesundheit angeschafft hat.

„Der Meter kostet gewiß vier Mark,“ hat die Tante gesagt. „Man kriegt schon um eine Mark fünfzig recht schöne Läufer.“

Sie ist in ihr Zimmer gegangen, und ich habe ihre Sachen hineingetragen. Sie hat den Käfig auf den Tisch gestellt und hat zu dem Papagei gesagt: „So, Lorchen, da sind wir jetzt, und es wird uns schon gefallen.“ Und dann hat sie ihren Mund an das Gitter gesteckt und hat ihn gelockt: „Su su! Wo ist das schöne Lorchen?“ Und der Papagei hat den Kopf auf die Seite getan und ist auf der Stange zu ihr hingerutscht und hat seinen Schnabel in ihren Mund gesteckt.

Ich hätte es nicht tun mögen, wenn sie mir einen Sack voll Aepfel oder eine Torte geschenkt hätte.

Aber die Papageien sind alle ekelhaft. Ich dachte, ob er auch so herrutscht, wenn ich ihm ein paar Federn ausreiße, und ich dachte, wie er aussieht, wenn eine Stranitze voll Pulver bei ihm losgeht.

Vielleicht hat die Tante gemerkt, was ich denke, denn sie hat sich herumgedreht und hat gesagt: „Daß Du mir artig gegen Lorchen bist, Du Lausbube!“

Da habe ich gesagt: „Ja, liebe Tante.“ Und ich habe mich hingestellt und habe gerufen: „Lorchen! Wo bist Du?“

Aber der Papagei ist gleich weg und hat sich in die Ecke gesetzt und hat einen Fuß aufgehoben. Und er hat die Augen aufgerissen, als wenn er schon weiß, daß ich ihm bald Pulver gebe.

Ich bin hinaus, und die Tante ist gleich zu meiner Mutter in das Wohnzimmer gegangen.

Da ist mir eingefallen, daß ich noch etwas tun muß, und ich bin ganz schnell in das Zimmer von der Tante und habe aus dem Krug den ganzen Mund voll Wasser genommen. Dann bin ich zum Käfig, und der Papagei ist wieder weggerutscht, und ich habe einen spanischen Nebel auf ihn gespritzt, daß er den Kopf hineingesteckt hat und mit den Flügeln geschlagen hat.

Dann bin ich geschwind in das Wohnzimmer. Meine Mutter hat der Tante etwas zu essen gegeben, und sie haben miteinander geredet, wie es ihnen geht.

Die Tante hat gesagt, sie muß sehr sparsam sein, weil sie so wenig Pension hat und kein Geld nicht. Sie möchte jetzt sehr froh sein, wenn sie von früher ein bißchen Vermögen hätte, aber ihr Joseph hat nichts gespart von dem Gehalt, weil es wenig war und weil er geraucht hat und in der Woche zweimal ins Wirtshaus gegangen ist. Und von daheim hat sie auch nichts bekommen, weil ihre Brüder studiert haben und so viel gebraucht haben.

Da hat meine Mutter gesagt, daß mein Vater als Student gar nicht viel gebraucht hat.

„Woher weißt Du das?“ hat die Tante gefragt. „Er hat es mir oft erzählt,“ hat meine Mutter gesagt. „Er hat Stunden gegeben auf dem Schimnasium, und wie er auf der Forstschule war, hat er auch einem jungen Baron Stunde gegeben.“

„Das hat er bloß so gesagt,“ hat die Tante geantwortet und hat ein großes Stück von der Wurst in den Mund gesteckt.

Meine Mutter ist ganz rot geworden und sie hat ihre Haube auf den Haaren fester gesteckt und hat gesagt:

„Nein, Frieda, er hat in seinem ganzen Leben nie keine Unwahrheit geredet.“

Die Tante ist zuerst still gewesen, weil sie die Wurst kauen mußte, und sie hat sich die Nase gerieben. Und dann hat sie wieder geredet. „Wenn er Stunden gegeben hat, dann möchte ich bloß wissen, wo er das viele Geld hingetan hat. Ich weiß es doch besser, und wir drei Schwestern haben es büßen müssen, weil kein Vermögen nicht da war und keine was mitkriegte.“

„Warum redest Du immer solche Sachen?“ hat meine Mutter gefragt.

„Ich meine ja bloß,“ hat sie gesagt, „und weil es wahr ist. Zum Beispiel hat mich der Assessor Römer gern gesehen, und er ist jetzt Regierungsrat in Ansbach, und er hätte mich geheiratet, wenn etwas dagewesen wäre, aber so natürlich hab ich bloß einen Postexpeditor gekriegt.“

„Du bist doch glücklich gewesen mit Deinem Joseph!“ hat meine Mutter gesagt.

„Gott hab ihn selig!“ hat die Tante gerufen. „Wir sind recht glücklich gewesen, aber ich wäre jetzt Regierungsrätin in Ansbach, wenn unsere Brüder nicht das ganze Geld gebraucht hätten.“

Ich habe mich furchtbar geärgert, daß sie über unseren Vater so redet, und ich habe gedacht, ob ich nicht vielleicht schon heute das Feuerwerk mit dem Papagei mache. Oder ob ich nicht geschwind noch einen spanischen Nebel spritze.

Aber die Tante ist aufgestanden, weil meine Mutter hinausgegangen ist, und da habe ich gemerkt, daß es jetzt nicht geht.

Die Tante ist im Zimmer herumgegangen und hat alles angeschaut.

Unter dem Hirschgeweih ist das Bild von meinem Vater gehängt, wie er Student gewesen ist. Er hat eine Mütze gehabt und einen Säbel und große Stiefel. Meine Mutter sagt immer, er hat so ausgeschaut, wie sie ihn zuerst gesehen hat. Da haben sie einen Fackelzug gemacht, und mein Vater ist vorausgegangen. Die Tante hat das Bild angeschaut und hat wieder gesagt: „Da sieht man es doch ganz deutlich, wo er das viele Geld gebraucht hat!“

Dann ist sie bei der Kommode gestanden. Da hat Aennchen die Photographie von dem Herrn Amtsrichter hingestellt, und die Tante hat es gleich gesehen und hat mich gefragt: „Wer ist denn das?“ Ich habe gesagt, das ist unser Amtsrichter. Da hat sie gefragt: „Wer ist unser Amtsrichter?“

Ich habe gesagt, der, wo immer zum Kaffee kommt, und er heißt Doktor Steinberger.

Da hat sie das Bild genommen und gesagt, so, so, aber er gefällt ihr gar nicht, er hat schon so wenig Haare und er schielt ziemlich stark und das Gesicht ist so dick, als wenn er gerne trinkt. Ich mag den Steinberger auch nicht besonders, weil er zu mir gesagt hat, ich soll gegen meine Schwester anständig sein, oder er nimmt mich einmal bei den Ohren.

Und ich mache Aennchen oft vor, wie er schielt, und dann heult sie. Aber es hat mich geärgert, daß die Tante etwas gegen ihn weiß, weil sie auch etwas gegen unsern Vater gewußt hat.

Ich habe gedacht, ob ich vielleicht in die Küche gehe und es ihnen sage, aber dann gibt es nichts Gescheites zum Essen, wenn sie immer hinauslaufen und heulen und sich die Augen waschen müssen. Ich habe gedacht, ich sage es, wenn das Essen vorbei ist.

Dann ist meine Mutter in das Zimmer gekommen und hat der Tante die Hand gegeben und hat gesagt, sie hat sich vorher ein bißchen geärgert, aber sie weiß, daß es vielleicht nicht recht war, und es ist vorbei.

Die Tante hat ihre Nase gerieben und hat gesagt, daß man sich natürlich nicht ärgern darf, wenn man die Wahrheit hört. Sie ist furchtbar gemein.

Ich bin hinausgegangen, und meine Mutter hat gerufen: „Wo gehst Du denn hin, Ludwig? Wir essen gleich.“ Ich habe gesagt, ich muß geschwind ein unregelmäßiges Verbum anschauen, weil ich vergessen habe, wie es geht.

Da hat meine Mutter freundlich gelacht und hat gesagt, das ist recht, wenn ich das unregelmäßige Verbum studiere, und man muß immer gleich tun, was man sich vornimmt.

Und zur Tante hat sie gesagt: „Weißt Du, Frieda, ich glaube, unser Ludwig hat jetzt den besten Willen, daß er auf dem Schimnasium vorwärts kommt.“ Ich bin recht laut gegangen bis zu meinem Zimmer und habe die Tür aufgemacht, dann bin ich aber ganz still in der Tante ihr Zimmer gegangen. Der Papagei hat mich gleich gesehen und ist von der Stange gehupft und in das Eck gekrochen. Ich habe schnell das Glas mit Wasser voll gemacht und bin zu ihm hin und habe ihn zweimal angespritzt, daß es von seinen Flügeln getropft hat.

Da hat er die Augen zugemacht, und er hat furchtbar gepfiffen, als wenn ich durch die Finger pfeife, und er hat geschrien: „Lora!“

Da bin ich geschwind hinaus und in mein Zimmer und habe ein Buch genommen. Der Papagei hat noch einmal gepfiffen, und ich habe gleich gehört, wie die Tür vom Wohnzimmer aufgegangen ist und die Tante ist schnell gegangen und hat gesagt: „Ich weiß nicht, warum Lorchen ruft.“

Und dann ist es ein bißchen still gewesen, und dann hat sie in ihrem Zimmer geschrien: „Das ist ja eine Gemeinheit! Das arme Tierchen!“

Und sie hat meine Mutter gerufen, sie soll hergehen und soll es anschauen, wie das Lorchen patschnaß ist, und das kann niemand gewesen sein, wie der nichtsnutzige Lausbub.

Das bin ich.

Meine Mutter hat in mein Zimmer hereingeschaut, und ich habe vor mich hingemurmelt, als wenn ich das unregelmäßige Verbum lerne.

Da hat sie gesagt: „Ludwig, hast Du den Papagei naß gemacht?“

Ich habe ganz zerstreut aus meinem Buch gesehen.

„Was für einen Papagei?“ habe ich gefragt.

„Der Tante ihren Papagei,“ hat sie gesagt. Da bin ich ganz beleidigt gewesen. Und ich habe gesagt, warum ich immer alles bin, und ich habe doch mein unregelmäßiges Verbum studiert, und ich kann es jetzt, und auf einmal soll ich einen Papagei naß gemacht haben.

Die Tante ist auch an die Tür gekommen und hat gerufen: „Wer ist es denn sonst?“ Ich habe gesagt, das weiß ich nicht, vielleicht ist es der Schreiner Michel gewesen, der hat eine Holzspritze und kann furchtbar weit spritzen damit.

Die Tante hat gesagt, ich soll mitgehen, sie muß es untersuchen, und meine Mutter ist auch mitgegangen.

Wie wir in das Zimmer hinein sind, hat der Papagei gleich den Kopf unter die Flügel versteckt und hat furchtbar gepfiffen und hat seine Augen auf mich gerollt.

Die Tante hat geschrien: „Siehst Du, er ist es gewesen! Mein Lorchen ist so klug!“

Meine Mutter hat gesagt: „Wenn er aber doch sein unregelmäßiges Verbum studiert hat!“

„Du glaubst immer Deinen Kindern,“ hat die Tante gesagt. „Davon kommt es, daß sie so werden.“

Ich habe beim Fenster hinausgeschaut, und ich habe gesagt, ich glaube, daß der Michel vom Gartenzaun herüber gespritzt hat, weil das Fenster offen ist. Die Tante hat gesagt, es ist viel zu weit und viel zu hoch, und dann muß man es doch am Fenster sehen, und das Fenster ist kein bißchen naß.

Ich sagte, der Michel kann furchtbar gut zielen, und ich bin es einmal nicht gewesen.

Da hat Aennchen gerufen, daß wir zum Essen kommen, die Suppe steht schon auf dem Tisch, und wir sind gegangen.

Der Papagei hat sich immer geschüttelt und hat die Federn aufgestellt, und die Tante hat gesagt: „Mein Lorchen muß keine Angst nicht haben. Ich lasse mein Lorchen nicht mehr naß werden.“

Und sie hat mich furchtbar angeschaut, und der Papagei hat mich auch furchtbar angeschaut.

Aber ich habe gedacht, er wird noch viel ärger schauen, wenn das Pulver losgeht.

Beim Essen ist die Tante noch immer zornig gewesen; man hat es gekannt, weil ihre Nase vorne ganz weiß war und weil sie mit dem Löffel so schnell die Suppe gerührt hat.

Meine Mutter hat gesagt, sie soll sich die Freude von der Ankunft nicht verderben lassen.

Da hat sie gesagt, daß sie keine Freude nicht hat, wenn man ihr zuerst bös ist, weil sie die Wahrheit redet, und wenn man ein hilfloses Tier in den Tod treibt.

„Aber Frieda!“ hat meine Mutter gesagt, „er ist doch bloß naß gemacht!“

Und Aennchen sagte, daß ein kleines Bad keinem Vogel schaden kann.

Da hat die Tante gesagt, sie wundert sich gar nicht, daß wir alle so feindselig sind, weil sie es schon gewohnt ist, und weil schon ihre Brüder so waren und haben doch das ganze Geld verbraucht.

Sie hat so getan, als wenn sie weinen muß, und sie hat sich die Augen gewischt. Aber sie hat keine Tränen daran gehabt. Ich habe es deutlich gesehen.

Meine Mutter ist ganz mitleidig geworden und hat gesagt, daß wir sie alle mögen, weil sie doch die Schwester von unserem lieben Papa ist, und sie soll glauben, daß sie auch bei uns daheim ist.

Da hat die Tante gesagt, sie will uns diesmal verzeihen, und sie will nicht mehr daran denken, was ihr die Familie schon alles angetan hat.

Sie ist auf einmal wieder lustig gewesen, und wie der Braten da war, hat sie mit der Gabel nach der Kommode gezeigt, wo das Bild vom Steinberger war, und sie hat gefragt: „Was ist das für ein häßlicher Mensch?“

„Wo?“ hat meine Mutter gefragt. „Der dort auf der Kommode,“ hat sie gesagt.

Meine Mutter ist ganz rot geworden, und Aennchen ist aufgesprungen und ist hinausgelaufen, und man hat durch die Türe gehört, daß sie heult.

Meine Mutter hat ihre Haube gerichtet und hat gesagt, daß der Steinberger oft zu uns kommt und daß er gar nicht häßlich ist.

„Er hat aber eine Glatze,“ hat meine Tante gesagt. „Und er schielt mit dem linken Auge.“

„Er schielt nicht,“ hat meine Mutter gesagt, „es ist bloß eine schlechte Photographie, und es ist überhaupt ein Glück, wenn man ihn kennt, weil er so tüchtig ist.“

Die Tante hat gesagt, sie will nicht, daß es in der Familie einen Streit gibt wegen einem fremden Menschen, aber sie hat nicht gedacht, daß er tüchtig ist, weil er so aussieht, als ob er das Bier gern mag.

Da ist meine Mutter auch hinausgegangen, und bei der Tür ist sie stehen geblieben und hat gesagt, daß sie sich fest vorgenommen hat, bei diesem Aufenthalte sich nicht mit der Tante zu zerkriegen, aber es ist furchtbar schwer.

Auf dem Gange hat sie mit Aennchen gesprochen; das hat man herein gehört, und Aennchen hat immer lauter geweint.

Die Tante hat das Essen nicht aufgehört, und sie hat immer den Kopf geschüttelt, als wenn sie sich furchtbar wundern muß.

Sie hat mich gefragt, ob Aennchen schon lange so krank ist.

„Sie ist gar nicht krank,“ sagte ich.

„Das verstehst Du nicht,“ hat sie gesagt. „Deine Schwester ist sehr leidend mit kapute Nerven, weil sie auf einmal weinen muß, und ich habe es immer gedacht, daß sie schwächlich ist, sonst hätte sie auch meinen Koffer getragen.“

Meine Mutter ist auf einmal wieder hereingekommen und hat schnell gerufen, daß der Amtsrichter zum Kaffee kommt, und sie bittet die Tante, daß sie höflich ist.

Da ist die Tante beleidigt gewesen und hat gesagt, ob man glaubt, daß sie nicht fein ist, weil sie einen Postexpeditor geheiratet hat, und sie weiß schon, wie man sich benimmt, und ein Amtsrichter ist auch nicht viel mehr wie ein Expeditor.

Meine Mutter hat immer nach der Tür geschaut, ob sie vielleicht schon aufgeht, und hat gewispert, die Tante soll nicht schreien, er ist schon auf der Treppe, und sie hat es doch nicht so gemeint, sondern weil die Tante geglaubt hat, daß er häßlich ist.

Die Tante hat aber nicht stiller geredet, sondern sie hat laut gesagt: „Man ist auch nicht schön, wenn man eine Glatze hat und schielt.“

Da hat meine Mutter mit Verzweiflung auf die Decke geschaut, und sie hat weinen wollen, aber da ist die Tür aufgegangen, und der Steinberger ist hereingekommen und Aennchen auch, und ihre Augen waren noch rot.

Meine Mutter hat jetzt nicht weinen dürfen, sondern sie hat freundlich gelacht und hat gesagt: „Herr Amtsrichter, das freut mich sehr, daß Sie kommen, und ich stelle Ihnen meine liebe Schwägerin vor, von der ich Ihnen schon erzählt habe.“

Der Steinberger hat eine Verneigung gemacht, und die Tante hat ihn angeschaut, als wenn sie ihm einen Anzug machen muß.

Und dann hat der Steinberger gesagt, es freut ihn, daß er die Tante kennen lernt, und er hofft, daß es ihr hier gefallt. Und sie hat gesagt, sie hofft es auch, und wenn ihr Papagei nicht mißhandelt wird, gefallt es ihr gewiß.

Der Steinberger hat es aber nicht gehört, weil er Aennchen angeschaut hat, und er hat gefragt, warum sie rote Augen hat.

Aennchen sagte, daß der Herd so furchtbar raucht, und meine Mutter hat gesagt, daß man den Herd richten muß. Und die Tante hat gesagt, daß Aennchen überhaupt nicht kochen soll, mit so schwache Nerven, und weil sie kränklich ist.

Da hat meine Mutter ein zorniges Auge auf die Tante gemacht und hat gefragt: „Was weißt Du von die Nerven? Aennchen ist gottlob das gesundeste Mädchen, was es gibt, und kocht alle Tage und macht die ganze Arbeit im Haus.“

Die Tante hat gelacht, als wenn sie es besser weiß, und dann haben wir uns hingesetzt, und Aennchen ist hinaus, daß sie den Kaffee kocht.

Der Steinberger hat die Tante gefragt, wo sie lebt, und sie hat gesagt, sie wohnt in Erding, weil es so billig ist und sie so wenig Pension hat, und dann hat sie ihn gefragt, ob er schon einmal in Ansbach war, und er hat gesagt, ja, er ist dort gewesen. Da hat sie gefragt, ob er den Regierungsrat Römer nicht kennt, und wie er gesagt hat, nein, er kennt ihn nicht, hat sie gesagt, daß sie sich wundern muß, weil er doch so bekannt ist. Der Steinberger hat gesagt, er ist bloß durchgefahren in Ansbach, und meine Mutter hat gesagt, dann ist es nicht möglich, daß er die Beamten kennt.

Aber die Tante hat gesagt, der Römer ist ein hoher Beamter und kommt gleich nach dem Präsident, da muß man ihn doch kennen. Und sie hat erzählt, daß sie eigentlich seine Frau sein muß, aber es ist nicht gegangen, weil sie aus einer Beamtenfamilie ist, wo die Söhne studiert haben. Meine Mutter ist sonst immer in der Küche und läßt Aennchen hereingehen, wenn der Steinberger da ist, aber heute ist sie nicht hinaus.

Ich glaube, sie hat sich nicht getraut, weil sonst die Tante geschwind etwas sagt, und sie ist immer auf ihrem Sessel gerutscht und hat die Tante gefragt, wie es dem Förster Maier geht, und ob seine Frau gesund ist, und wo die Kinder sind, und ob er noch den schönen Hühnerhund hat; da hat die Tante immer eine Antwort geben müssen, und wenn sie fertig war, hat sie geschwind den Steinberger anreden wollen, aber meine Mutter hat gleich wieder etwas gefragt.

Da ist der Steinberger aufgestanden und hat gesagt, er will nachschauen, ob der Herd noch raucht.

Da hat meine Mutter lustig gelacht, wie er draußen war, und hat gesagt, er ist immer so aufmerksam.

Die Tante hat gesagt, sie weiß nicht, die Photographie kommt ihr geschmeichelt vor, weil er noch stärker schielt in der Wirklichkeit.

Aber meine Mutter hat sich nicht geärgert, und sie hat jetzt die Tante gar nichts mehr gefragt über den Förster Maier, seinen Hühnerhund und seine Kinder, und sie hat fleißig gestrickt.

Und dann ist Aennchen hereingekommen mit dem Kaffee und den Tassen, und der Steinberger ist hinter ihr gegangen und hat gefragt, ob er nicht helfen kann.

Und dann haben wir Kaffee getrunken, und meine Mutter hat gelacht, wenn der Steinberger etwas gesagt hat, und Aennchen hat gelacht, aber die Tante hat nicht gelacht, und sie hat immer an ihrer Nase gerieben.

Meine Mutter hat gefragt, ob es ihr schmeckt, und sie hat gesagt, sie weiß es nicht, weil es so ungewohnt ist, denn sie kann mit ihre Pension keinen Bohnenkaffee kaufen.

Da hat der Steinberger gesagt, das ist schade, denn der Kaffee ist das Beste, was es gibt, besonders wenn ihn Fräulein Aennchen kocht.

Die Tante hat ihn gefragt, ob er immer den Kaffee so gerne gemocht hat, und er hat gesagt, ja.

Da hat sie gelacht und hat gesagt, das kann sie gar nicht glauben, weil die Studenten doch so gern Bier trinken.

Da hat er auch gelacht und hat gesagt, daß er nicht viel getrunken hat, weil er fleißig sein mußte und nicht viel Geld hatte.

Aber die Tante hat wieder gesagt, sie glaubt es einmal nicht.

„Warum glaubst Du es nicht?“ hat meine Mutter gesagt. „Es gibt doch viele Studenten, die kein Bier nicht trinken, und der Herr Amtsrichter hat keine Zeit dazu gehabt, und er mußte mit seinem Gelde sparen.“

„Das weiß man schon, wie die Studenten sparen,“ hat die Tante gesagt. „Wenn sie nichts mehr haben, so lassen sie alles aufschreiben. Das weiß niemand besser als ein Mädchen, von dem drei Brüder studieren. Und der Herr Amtsrichter hat so wenig Haar auf dem Kopf, da war er gewiß einmal recht lustig.“

Aennchen hat gerufen: „Aber Tante!“ Und meine Mutter hat gerufen: „Aber Frieda!“ Und sie hat gesagt: „Was habt Ihr denn? Ich meine es im Spaß, und es ist doch wahr, daß man seine Haare verliert, wenn man recht lustig ist und ein bißchen gerne trinkt.“

Ich habe gemeint, der Steinberger ärgert sich. Aber er hat gelacht und hat gesagt, daß er schon oft in diesem Verdachte steht, aber er ist einmal krank gewesen, und da sind ihm die Haare weggekommen.

Er ist bald aufgestanden, weil er in seine Kanzlei muß, und er hat meine Mutter auf die Hand geküßt und hat vor der Tante eine Verneigung gemacht, und mich hat er lustig beim Ohr genommen und hat gesagt: „Sei recht brav, wenn Du es fertig bringst, Du Schlingel!“

Aennchen hat ihn bis zur Haustür begleitet; wie wir allein gewesen sind, hat meine Mutter gesagt: „Frieda, es ist schrecklich mit Dir! Wenn er beleidigt ist, kann ich nie mehr gut sein mit Dir.“

Und da ist auch Aennchen wiedergekommen und ist gleich auf das Kanapee hingefallen und hat geheult und hat gesagt, sie glaubt, daß der Steinberger nie mehr zum Kaffee kommt, und er ist viel schneller fort, wie sonst.

Die Tante hat noch eine Tasse vollgeschenkt und hat gesagt, sie hat noch keine Familie gesehen mit so kapute Nerven, und sie muß sich wundern, wo das herkommt.

Da habe ich gedacht, ich will schon machen, daß sie auch heult, und bin geschwind hinaus.

In meinem Zimmer habe ich das Pulver geholt, und eine Zündschnur habe ich auch gehabt, weil ich oft im Wald einen Ameisenhaufen in die Luft sprengen muß.

Ich habe das Pulver in ein Papier gewickelt und die Schnur hineingesteckt, und dann bin ich in der Tante ihr Zimmer und habe alles in den Käfig getan. Die Schnur ist so lang gewesen, daß sie fünf Minuten brennt, und sie ist herausgehängt.

Wie ich das Paket mit dem Pulver hineingeschoben habe, ist der Papagei ganz oben hinauf geklettert und hat seinen Schnabel aufgerissen und hat gepfaucht wie eine Katze.

Ich bin noch mal auf den Gang hinaus und habe gehorcht, ob niemand kommt, es ist aber ganz still gewesen.

Da bin ich wieder hinein und habe das Zündholz angebrannt und an die Schnur gehalten. Es hat gleich geraucht. Der Papagei ist jetzt auf der Stange gesessen und hat den Kopf auf die Seite getan und hat Obacht gegeben auf mich. Ein Auge hat er zugedrückt, und mit dem andern hat er furchtbar geschaut. Wie die Zündschnur geraucht hat, ist der Papagei hergerutscht und hat seinen Kopf herausgesteckt und hat hinuntergeschaut, warum es raucht.

Ich dachte, er wird es schon noch merken, und bin geschwind fort, aber wie ich an das Wohnzimmer gekommen bin, da bin ich langsam gegangen und bin ganz ruhig hinein, als wenn nichts ist.

Aennchen hat noch geweint, und meine Mutter war rot im Gesicht, und die Tante hat noch Kaffee getrunken. Ich glaube, sie haben es gar nicht gemerkt, daß ich fort war.

Die Tante hat gerade gesagt, sie weiß schon, daß man sie in unserer Familie nicht leiden kann, aber das ist immer der Dank von den Brüdern, wenn sie fertig sind und das ganze Geld gebraucht haben; dann kümmern sie sich nicht mehr um die Schwestern.

Da hat meine Mutter gesagt, daß unser Vater sich schon gekümmert hat um sie und daß er oft gesagt hat, es tut ihm leid, wenn die Frieda nirgends bleiben kann wegen ihrem bösen Mundwerk.

Die Tante hat den Kaffeelöffel auf den Tisch geworfen und hat geschrien: „Wenn er das gesagt hat, ist es eine Gemeinheit! So muß man es seiner Schwester machen! Zuerst das Geld verputzen, und dann...“

„Pfff--uum!“

Es hat einen dumpfen Knall gemacht und das Küchenmädchen hat gleich furchtbar geschrien und ist hereingelaufen, und wie sie die Tür aufgemacht hat, da hat es furchtbar nach Pulver gerochen, und der Gang ist voll Rauch gewesen.

Ich habe vergessen gehabt, daß ich die Zimmertür von der Tante zumache.

Das Mädchen hat gerufen, es ist was los gegangen, sie glaubt, es brennt.

„Wo? Wo?“ hat Aennchen geschrien.

„Um Gottes willen, wo ist die Feuerwehr?“ hat meine Mutter geschrien.

Wir sind auf den Gang gelaufen, da hat man gesehen, daß der Rauch aus der Tante ihrem Zimmer kommt, und die Tante ist hinein, und da hat sie geschrien, als ob sie auf dem Spieß steckt.

„Um Gottes willen, was ist jetzt?“ hat meine Mutter gesagt, und es ist ihr schwach geworden, daß sie nicht weiter gegangen ist. Ich habe gesagt, ich will ihr helfen, und bin bei ihr geblieben.

Aennchen ist schon wieder aus dem Zimmer gekommen und hat gerufen: „Sei ruhig, Mamachen! Es ist bloß der Papagei!“

Da ist die Tante herausgefahren aus ihrem Zimmer und hat geschrien:

„Was sagst Du, es ist bloß der Papagei? Du rohes Ding! Du abscheuliches Ding!“

„Ich habe Mama beruhigt, daß es nicht brennt,“ sagte Aennchen.

„Und das Tierchen sitzt ganz voll Pulver in seinem Käfig, und sie sagt, es ist bloß der Papagei! Du rohes Ding!“ schrie die Tante.

„So sei doch ruhig, Frieda!“ hat meine Mutter gesagt. „Vielleicht ist es nicht so arg.“

„Ihr helft alle zusammen!“ schrie die Tante, und dann ist sie gegen mich gelaufen und hat noch lauter geschrien: „Du bist der Mörder! Du bist der ruchlose Mörder!“

„Schimpfe ihn nicht so!“ hat meine Mutter gesagt. „Er ist ganz unschuldig; er ist doch im Zimmer gewesen.“

Ich sagte, ich bin es schon gewohnt, daß die Tante immer mir die Schuld gibt, aber es ist mir zu dumm, und ich sage gar nichts. Ich weiß noch gar nicht, was geschehen ist.

„Du weißt es schon!“ schrie die Tante. „Du hast es getan, und sonst hat es niemand getan. Aber Du mußt gestraft werden, wenn auch Deine Mutter auf die Knie bittet!“

„Ich bitte Dich gar nichts, Frieda, als daß Du nicht so schreist,“ hat meine Mutter gesagt.

Wir sind jetzt auch in das Zimmer gekommen, und der Rauch war schon beim Fenster hinaus, aber es hat doch nach Pulver gerochen und nach verbrannte Federn.

Der Papagei ist auf dem Boden von dem Käfig gesessen, aber er war nicht mehr grün und rot. Er war ganz schwarz. Die Schwanzfedern sind verbrennt gewesen und struppig und sind auseinander gestanden. Der Kopf ist auch ganz schwarz gewesen, und die Augen sind gewesen wie von einer Eule so groß. Er ist ganz still gesessen und hat mich angeschaut. Ich glaube, er hat sich furchtbar gewundert, wie es losgegangen ist.

„Er lebt doch!“ hat meine Mutter gesagt. „Er wird schon wieder gesund werden.“

„In diesem Hause nicht!“ hat die Tante geschrien. „In diesem abscheulichen Hause lasse ich das Tierchen keinen Tag nicht mehr! Ich gehe heute noch fort!“

Und sie ist aber auch fortgegangen.

[Illustration]

[Illustration: Die Indianerin]

Aus: Tante Frieda. Verlag Albert Langen, München

Auf einmal ist die Cora zu uns gekommen, und ich habe gar nichts von ihr gewußt. Sie ist die Tochter vom Onkel Hans, der in Bombay ist, weil er nichts gelernt hat und davongejagt worden ist. Aber jetzt hat er viel Geld und eine Teepflanzung, und er schaukelt in einer Hängematte, und die Sklaven müssen fächeln, daß keine Fliege hinkommt.

Die Cora hat mir gleich gefallen. Sie hat schwarze Augen und schwarze Haare und lacht furchtbar. Aber nicht so, wie die Rosa von der Tante Theres, die immer die Hand vortut, daß man ihre abscheulichen Zähne nicht sieht.

Wie die Cora gekommen ist, hat sie mir die Hand geschüttelt, als wenn sie ein Junge wäre, und sie hat meine Mutter am Kopf genommen und hat gesagt, daß sie eine famose Frau ist, und hat sie geküßt.

Und zu Aennchen hat sie gesagt, daß sie ein hübsches Mädchen ist, und wenn sie ein junger Mann wäre, möchte sie ihr schrecklich den Hof machen.

Und zu mir hat sie gesagt, daß ich gewiß ein strebsamer Student bin und noch ein Gelehrter werde mit Brillen auf der Nase. Da hat sie aber gelacht, weil meine Mutter seufzte.

Ich habe ihr schon erzählt, daß ich gar nicht strebsam bin, und daß ich es machen möchte wie der Onkel Hans, und ich möchte nach Bombay gehen und Tiger schießen.

Sie hat gesagt, vielleicht kann sie mich mitnehmen, aber ich muß es gut überlegen, weil die Tiger so gefährlich sind.

Da habe ich gesagt, ich sitze auf einem Elefanten und schieße von oben herunter, und wenn der Tiger recht wild wird, kann er meine Sklaven fressen, die daneben herlaufen.

Sie hat gesagt, das ist wahr. Ich bin ein gescheiter Kerl, und wenn ich mit dem Gymnasium fertig bin, muß ich hinüberkommen.

Ich habe gesagt, das dauert mir zu lang, und man braucht doch kein Gymnasium nicht, wenn man nach Indien will. In den Büchern steht immer, daß ein Knabe durchbrennt und auf dem fremden Erdteil furchtbar viel Geld kriegt und auf Weihnachten als reicher Mann heimkommt. Das möchte ich auch, weil dann die Tante Theres die Augen aufreißt und neidisch ist, weil ich meiner Mutter einen ganzen Koffer voll Pelze mitbringe.

Cora hat gelacht und hat gesagt, ich muß es noch verschieben, weil ich viel lernen muß, daß unsere Mutter sich auch ohne Pelze freuen kann.

Ich bin immer bei Cora gewesen, wenn ich frei gehabt habe. Wir sind oft auf den Stadtplatz gegangen, weil die Musik gespielt hat, und alle Leute sind um den Springbrunnen gestanden oder gegangen. Die Herren haben immer geschaut, wenn wir gekommen sind, und am meisten hat der Apothekerprovisor geschaut. Er heißt Oskar Seitz. Ich weiß es, weil die Tante Theres so viel erzählt von ihm, denn sie glaubt, er mag die Rosa heiraten. Er ist in der Engelapotheke, und ich kann ihn nicht leiden, weil er so protzig tut, wenn man Bärenzucker kauft. Wenn Mädchen im Laden sind, muß man furchtbar lang warten, und da habe ich einmal mit meinem Gelde auf den Tisch geklopft und habe gesagt, es ist eine Schweinerei, wie schlecht man heutzutage bedient wird. Da hat er gesagt, ich bin ein frecher Lausejunge, und er haut mir noch einmal auf die Ohren. Da habe ich gesagt, ich will mich bei seinem Prinzipal beschweren, und meinen Bärenzucker muß ich leider wo anders beziehen. Da hat er mich nicht mehr leiden können. Ich habe es der Cora erzählt, und wenn wir ihn gesehen haben, hat sie immer lachen müssen.

Der Seitz hat gegrüßt und hat seine Augen furchtbar groß gemacht. Sie stehen ihm ganz weit heraus und sind grün, wie die von einer Katze. Er hat sich immer umgedreht nach uns und ist immer so gegangen, daß er wieder bei uns vorbeigekommen ist. Einmal ist die Cora von mir weggegangen, weil sie eine Freundin von Aennchen gesehen hat. Da ist der Seitz zu mir und hat freundlich getan. Er hat gesagt, wie es mir geht und wie es meiner Mutter geht. Ich habe gesagt, es geht uns gut. Da hat er gefragt, ob wir Besuch haben, und ob es wahr ist, daß die junge Dame von Indien ist. Ich habe gesagt, sie ist von Indien. Da hat er gesagt, das ist sehr interessant, und ob sie noch lange bleibt und wer ihre Eltern sind. Ich habe gesagt, daß ihr Papa der Onkel Hans ist, der ganze Schiffe voll Tee nach Europa schickt. Er hat mir die Hand gegeben und hat gesagt, ob ich nicht wieder komme, und er schenkt mir Bärenzucker. Ich habe gesagt, vielleicht komme ich.

Am Sonntag vormittag hat es bei uns geläutet, und wie ich aufgemacht habe, ist der Seitz dagewesen in einem schwarzen Anzug und mit gelbe Handschuhe.

Er hat gesagt, er will nur meine Mutter besuchen, weil er sie lange nicht mehr gesehen hat. Ich habe ihn in das schöne Zimmer geführt, und meine Mutter hat sich gefreut, daß er so aufmerksam ist, und sie ist hinein, und ich bin auch hinein.

Der Seitz hat sich auf das Kanapee gesetzt und hat den Hut auf die Knie gehalten. Meine Mutter hat gesagt, das ist schön, daß er uns die Ehre gibt, und wie es ihm geht. Er hat gesagt, es geht ihm gut, aber natürlich man muß viel arbeiten, weil noch oft Leute bei der Nacht kommen und eine Arznei wollen, und es ist merkwürdig, wie viele Krankheiten es in der Stadt gibt. Meine Mutter hat gesagt, daß es traurig ist, aber sie hofft, es wird jetzt im Sommer besser, weil sich die Leute nicht so verkälten. Er hat gesagt, er hofft es auch, und dann hat er seinen Hut gehalten und hat furchtbar gegähnt, daß seine Augen naß geworden sind.

Dann hat er wieder gesagt, es gibt aber auch im Sommer viele Krankheiten und es hört nie auf. Er hat im Zimmer herumgeschaut, als wenn er auf jemand wartet, und meine Mutter hat gefragt, ob der Herr Apotheker gesund ist. Er ist schon gesund, hat er gesagt, und er geht jetzt aufs Land.

Meine Mutter hat gesagt, natürlich, der Herr Apotheker kann beruhigt aufs Land gehen, weil der Herr Seitz da bleibt und das ganze Geschäft führt. Sie hat es von der Tante Theres gehört, wie tüchtig der Herr Provisor ist.

Er hat wieder den Hut vorgehalten und hat gegähnt. Und dann hat er gefragt, wie es dem Fräulein Aennchen geht. Meine Mutter hat freundlich gelacht und hat gesagt, es geht ihr gottlob gut, und sie ist ein kerngesundes Mädchen. Da hat der Seitz gesagt, er freut sich schon auf den Winter, wenn er mit ihr tanzen darf, und ob sie vielleicht wieder auf den Harmonieball kommt. Meine Mutter hat gesagt, wenn sie noch das Leben hat, geht sie mit Aennchen hin, und es tut ihr leid, daß Aennchen nicht zu Hause ist; aber sie ist mit unserer Nichte fortgegangen.

Mit welcher Nichte? hat der Seitz gefragt.

Mit Mistreß Pfeiffer, hat meine Mutter gesagt.

Ach ja, hat der Seitz gesagt, es ist vielleicht die ausländische Dame?

Jawohl, hat meine Mutter gesagt, es ist das hindianische Mädchen.

Der Seitz hat gesagt, er hat davon gehört, und es ist sehr interessant, daß wir von so weit einen Besuch kriegen, und er hat als Apotheker ein großes Interesse für Indien, weil die meisten Arzneien davon herkommen.

Meine Mutter hat gesagt, es ist sehr schade, daß Cora nicht da ist, denn sie könnte dem Herrn Provisor gewiß alles erzählen, weil sie ein sehr gebildetes Mädchen ist.

Der Seitz ist aufgestanden und hat gesagt, er muß jetzt gehen, und er hat gottlob gesehen, daß meine Mutter in der besten Gesundheit ist, und es findet sich vielleicht schon eine Gelegenheit, daß er auch die Fräulein Nichte kennen lernt, weil man jetzt an den warmen Abenden öfter auf den Keller geht.

Dann ist er gegangen, und vor der Türe hat er zu mir gesagt, er hofft, daß ich bald einen Bärenzucker hole.

Wie die Cora heimgekommen ist, habe ich ihr gleich erzählt, daß der Seitz dagewesen ist, und sie hat gelacht. Aber sie hat mir nicht gesagt, warum sie lachen muß. Ich glaube, weil er so grüne Augen hat und sie so weit heraushängen läßt.

Am Nachmittag ist die Tante Theres gekommen mit ihrer Rosa, und der Onkel Pepi ist auch gekommen mit der Tante Elis.

Wir sind im Gartenhaus gesessen und haben Kaffee getrunken.

Meine Mutter war sehr lustig, weil so viele Leute beisammen waren, und Cora hat gleich die Kaffeekanne genommen und hat eingeschenkt. Sie hat den Onkel Pepi gefragt, ob er hell oder dunkel will. Da hat er gesagt, er mag dunkel gern, und hat Cora angeschaut und hat gelacht. Die Tante Elis hat seine Tasse weggezogen und hat gesagt, er darf nicht gleich trinken, weil der Kaffee zu heiß ist. Meine Mutter hat gelacht und hat gesagt, ob sie will, daß der Onkel Pepi noch schöner wird, weil man schön wird, wenn man den Kaffee kalt trinkt.

Die Tante Elis ist rot geworden und hat gesagt, er ist ihr schön genug, und für andere Leute braucht er nicht schön zu sein. Cora hat gemeint, es ist Spaß, weil sie die Tante Elis noch nicht recht kennt, und sie hat mit dem Finger gedroht und hat gefragt, ob vielleicht die Tante eifersüchtig wird, wenn der Onkel Pepi noch schöner wird. Da hat die Tante Elis gesagt, daß man in Deutschland nicht eifersüchtig sein muß, weil die Frauen in Deutschland anständig sind. Meine Mutter hat ihre Haube gerichtet. Das tut sie immer, wenn sie ärgerlich wird. Aber Cora hat getan, als wenn sie nichts merkt, und hat der Tante Theres eingeschenkt, und dann hat sie der Rosa einschenken wollen. Aber die Rosa hat geschwind ihre Hand über die Tasse gehalten und hat gesagt, sie trinkt später und schenkt sich schon selber ein.

Eine Zeitlang ist gar nichts geredet worden; der Onkel Pepi hat seine Schnupftabakdose in der Hand herumgedreht, und die Rosa hat aus ihrer Samttasche die Spitzen geholt und hat furchtbar gehäkelt, und die Tante Theres hat gestickt, und die Tante Elis hat ihre Hände über den Bauch gefaltet und hat herumgeschaut. Die Cora ist neben Aennchen gesessen und hat ihr einen Zwieback in den Mund geschoben, und dann haben alle zwei lustig gelacht. Aber die Tante Elis hat den Kopf geschüttelt und hat den Onkel Pepi angeschaut, und dann hat sie wieder den Kopf geschüttelt. Und die Tante Theres hat eine Stricknadel aus dem Strumpf gezogen und hat sich an die Nase gekitzelt und hat die Tante Elis angeschaut und dann haben sie miteinander den Kopf geschüttelt. Die Cora hat meine Mutter beim Kinn genommen und hat gesagt: „Altes Mamachen, Du trinkst gar keinen Kaffee nicht; er ist doch ganz echt von Indien.“ Und sie hat ihr einen Kuß gegeben. Die Tante Elis hat noch stärker den Kopf geschüttelt, und die Tante Theres hat gesagt, sie muß sich auch wundern, daß meine Mutter den Kaffee nicht mag, weil sie doch sonst eine solche Vorliebe für das Indische hat. Da hat sich der Onkel Pepi getraut und hat gesagt, daß der Kaffee ausgezeichnet ist, und er hat noch nie einen so guten getrunken. Die Tante Elis hat die Augen zu ihm hingedreht und hat gesagt, wenn er mehr Gehalt hätte, und wenn sie nicht jeden Pfennig anschauen muß, dann hätten sie alle Tage einen feinen Bohnenkaffee. Cora hat freundlich den Onkel angelacht und hat gesagt, wenn er vielleicht ihren Papa in Bombay besucht, kann er den allerbesten trinken. Da ist die Tante Elis wieder rot geworden und hat gesagt, daß der Onkel Pepi daheim gut aufgehoben ist und nicht fortzureisen braucht. Und die Tante Theres hat furchtbar mit dem Kopf genickt und hat mit ihrer Stricknadel in die Zähne gestochen. Und dann hat sie ganz langsam gesagt: „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich!“

Der Onkel Pepi hat nichts gesagt und hat geschnupft. Aber die Cora hat sich nichts daraus gemacht und hat die Rosa gefragt, was sie für eine Arbeit macht. Sie macht einen Sofaschoner, hat die Rosa gesagt und hat gar nicht aufgeschaut. Da hat die Cora gesagt, es muß sehr langweilig sein, wenn man so ein großes Stück häkelt, und es ist vielleicht gescheiter, wenn man es billig kauft. Die Tante Theres hat zur Tante Elis Augen gemacht und hat geseufzt, und dann hat sie gesagt, daß sich in Deutschland die Mädchen nützlich beschäftigen müssen, und daß nicht alle Leute Geld haben zum Kaufen. Da ist Cora auch ein bißchen rot geworden und hat gefragt, ob es so nützlich ist, wenn man ein halbes Jahr lang arbeitet und dann nichts hat als einen Sofaschoner.

Die Tante Theres hat angefangen zu schielen, und ich habe gewußt, daß sie jetzt ganz wild ist. Sie hat gesagt, daß es jedenfalls nützlicher ist, als wenn die Mädchen nichts tun. Vielleicht ist es bei den Indianern anders. Da hat meine Mutter dareingeredet, daß man sehr brav sein kann und nicht häkelt, und daß man häkeln kann und nicht brav ist. Da hat Cora lustig gelacht und hat gesagt, daß meine Mutter eine famose Frau ist, und sie holt auch eine Handarbeit, damit sie für die Tanten brav ausschaut. Sie ist aufgestanden, und Aennchen ist mit ihr gegangen. Wie sie weg gewesen ist, hat meine Mutter ihre Haube noch fester gesteckt und hat gesagt, sie begreift nicht, wie man sich so benehmen kann. „Wer?“ hat Tante Elis gefragt. „Ihr zwei,“ hat meine Mutter gesagt. Da hat die Tante Theres gelacht, als wenn sie einen furchtbaren Spaß hat, und die Tante Elis hat gerufen: „Nein, Du bist köstlich!“ Und die Rosa hat gekichert, daß man ihre schmutzigen Zähne gesehen hat. Die Tante Elis hat noch einmal gerufen: „Du bist wirklich köstlich!“ Und Tante Theres hat gesagt: „Aergere Dich nicht, Elis, das Indianerkind ist eben eine Perle.“

„Was hat sie Euch getan?“ hat meine Mutter gefragt. „Hat sie Euch beleidigt?“

„Das möchte ich ihr nicht raten,“ hat Tante Theres gesagt und hat furchtbar geschielt und hat ihre Stricknadel in den Wollknäuel gestochen, als wenn er ihr Feind ist. Und Tante Elis hat gesagt: „Wie benimmt sich denn dieses Mädchen überhaupt?“

„Sie benimmt sich sehr fein,“ hat meine Mutter gesagt.

Da hat Tante Elis den Kaffeelöffel auf den Tisch hineingeworfen und hat gefragt, ob es vielleicht fein ist, wenn ein Mädchen so mit ihren Augen herumschmeißt auf alte Männer, die nie gescheit werden, und ob es vielleicht anständig ist, einen Mann aufzuhetzen gegen seinen Kaffee, den er daheim kriegt?

Und Tante Theres hat gesagt, sie erlaubt ihrer Rosa nicht, daß sie zu viel verkehrt mit dieser exotischen Erscheinung.

Meine Mutter hat ganz verwundert geschaut. Sie versteht es nicht, warum alle so bös sind auf Cora. Sie hat sich gefreut auf Deutschland, und jetzt schimpfen die Verwandten darauf. Tante Elis hat gesagt, wenn man nicht blind ist, sieht man es schon, daß dieses Mädchen keine Erziehung hat. Cora hat erst nach drei Wochen bei ihr einen Besuch gemacht, und wie sie da war, hat sie ganz unanständig gelacht über den ausgestopften Mops im Wohnzimmer, und dann ist sie nicht mehr gekommen, aber ein gewisser Mann, der nie gescheit wird, sagt jetzt auch, daß der ausgestopfte Buzi ekelhaft ist, und den Kaffee will er auch nicht mehr, aber sie will sehen, ob sie ihrem Mann den Kopf verdrehen läßt.

Tante Theres hat so stark gestrickt, daß sie mit den Nadeln geklappert hat, und sie hat gesagt, wie sich die Cora gegen die jungen Herren benimmt, das ist eine Schande. Vielleicht geht so was in Bombay, aber nicht hier in Weilbach, wo man noch Anstand hat, und sie hat kein Korsett nicht an.

Rosa hat ihren Kopf so hineingesteckt, als wenn sie sich schämen muß wegen ihre Verwandte, und alle haben nicht gesehen, daß hinten am Zaun der Apotheker Seitz vorbei ist. Er ist dort gestanden und hat immer gegrüßt, aber ich habe mit Fleiß getan, als wenn ich ihn nicht kenne. Da ist er gegangen und hat immer umgeschaut. Wie er fort war, hat die Tante Theres immer noch geredet und hat gesagt, daß es in der ganzen Stadt aufgefallen ist, wie neulich die Cora den Herrn Provisor Seitz angelacht hat. Sie glaubt, daß der Provisor ein solches Benehmen sich gar nicht erklären kann.

Da habe ich gesagt, vielleicht ist der Seitz deswegen am Zaun gestanden, daß man es erklärt.

Die Rosa ist mit ihrem Kopf in die Höhe und hat gefragt: „Wer war am Zaun?“ „Der Seitz mit die grüne Augen,“ habe ich gesagt. „Der Lausbub lügt,“ hat Tante Theres gerufen. „Ich lüge nicht,“ habe ich gesagt, „der Seitz ist immer dort gestanden und hat mit seinem Hut geschwenkt, aber niemand hat auf ihn aufgepaßt; da ist er weg.“ Die Rosa hat mich angefahren, warum ich nichts gesagt habe. „Weil die Tante geredet hat, und man darf keine älteren Leute nicht unterbrechen,“ habe ich gesagt. Da haben sie mich giftig angeschaut, und die Tante Theres hat meine Mutter gefragt, ob sie kein Wort findet gegen mich, weil ich schuld bin, wenn der Provisor beleidigt ist. „Es ist wahr, Ludwig,“ hat meine Mutter gesagt, „Du mußt uns das nächste Mal aufmerksam machen.“

„Das nächste Mal!“ hat die Tante geschrien. „Glaubst Du vielleicht, daß ein Mann wie der Herr Seitz sich so etwas gefallen läßt?“

„Der Herr Seitz weiß schon, daß ich ihn nicht beleidigen will,“ hat meine Mutter gesagt. „Er ist heute bei uns gewesen, und wir haben uns sehr gut unterhalten.“ -- „Wer ist bei Dir gewesen?“ hat die Tante gefragt. „Der Herr Provisor Seitz; er hat einen Besuch bei uns gemacht.“ Die Rosa hat ihre Augen aufgerissen und hat die Tante angeschaut. Da habe ich mit Fleiß gesagt, daß mir der Seitz Bärenzucker versprochen hat, weil ich ihm von der Cora erzählt habe.

Die Rosa ist aufgesprungen, daß sie eine Tasse umgeschmissen hat, und sie hat ihre Häkelei in die Samttasche geworfen und hat gesagt, sie bleibt nicht mehr. Und Tante Theres hat auch ihren Strumpf eingepackt, und wie sie fertig war, hat sie zu meiner Mutter gesagt, es ist abscheulich, daß sie noch in ihre alten Tage ein Komplott macht.

„Was für ein Komplott?“ hat meine Mutter gefragt, und sie ist ganz erstaunt gewesen. Aber die Tante Theres hat gesagt, sie soll um Gottes willen sich nicht so unschuldig stellen, und sie wird noch sehen, ob sie einen Dank hat von der Indianerin. Dann sind sie gegangen. Die Cora ist gerade gekommen mit einer Decke, wo sie öfter stickt. Aber sie sind an ihr vorbei und haben getan, als wenn sie nichts sehen. Cora hat gefragt, was geschehen ist. „Ich weiß es nicht,“ hat meine Mutter gesagt. „Weißt Du es, Elis?“ Die Tante Elis ist aufgestanden und hat gesagt: „Man sieht verschiedenes und sagt nichts, und man kann vieles sagen, aber man schweigt lieber.“

Sie hat dem Onkel Pepi gewinkt, daß er mitgehen muß, und er hat seine Tabakdose eingepackt und ist hinter der Tante gegangen.

Wie sie nicht hingeschaut hat, da hat er den Kopf umgedreht, aber sie hat es gesehen, und er hat vorangehen müssen.

Meine Mutter ist auf ihrem Stuhl gesessen und hat den Kopf geschüttelt. Sie hat nicht gewußt, was die Tanten haben. Aber ich weiß es, und sie ärgern sich, weil der Seitz seine Augen nicht so weit heraushängt, wenn er bloß die Rosa sieht.

[Illustration]

[Illustration: Mucki]

Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, München

Auf Schloß Riedenburg herrschte lebhaftes Treiben. Galt es doch heute die vierzehner Husaren, welche in Riedenburg und Freudenberg einquartiert werden sollten, gebührend zu empfangen, galt es doch, die tapferen Reiter nach dem scharfen Ritte zu erquicken und ihnen zu zeigen, daß des Königs Rock überall geehrt wird, wo treue Deutsche wohnen.

Der Besitzer Riedenburgs, Graf Sacken, legte die letzte Hand an die Toilette.

Wie er vor dem Spiegel stand und den starken Schnurrbart, in welchen der Herbst des Lebens graue Fäden gewoben hatte, strich, konnte er sich eingestehen, daß er noch immer in männlicher Vollkraft stand.

Besonders heute, wo seine Augen so eigen leuchteten, als erinnere ihr feuchter Glanz an die schöne, verschwundene Zeit, da er selbst in herrlicher Jugendblüte bald den feurigen Araberhengst tummelte, bald den Eisengeschossen der Feinde die tapfere Brust darbot. Und wenn er sich dieses Kompliment nicht selbst machte, so konnte er es bald von zartem Frauenmunde hören. Im Rahmen der Türe erschien Gräfin Sacken. Jeder Zoll eine Fürstin! Man sah es ihr an, daß in ihren Adern das Blut der einst hochgefürsteten Waldow-Zeschlitz rollte, daß sie der Reihe ruhmreicher Ahnen entstammte, welche vor Accon das Banner der Kreuzfahrer auf die feindlichen Wälle pflanzten.

Heute huschte ein zartes Lächeln über die sonst aus Stein gemeißelten Züge, wie Sonnenschein über den Marmor Carraras. Der Graf, ein Kavalier aus der alten Schule, eilte auf die Gemahlin zu und küßte ihr nach einer ritterlichen Verbeugung die Hand.

„Adelaide,“ flüsterte er in verhaltener Leidenschaft, „ist Dir der heutige Tag keine Erinnerung? Bebt in Dir nichts? Zittert in Dir nicht der Nachklang jener seligen Stunde, wo ich zum ersten Male, den Dolman in der eisernen Faust, vor die errötende Jungfrau hintrat und in den erglühenden Wangen, in den leuchtenden Augen die Erwiderung der seligsten Gefühle las und zum ersten Male den Grund legte zu dem erhabenen, beglückenden -- äh -- Bunde --“

Hier mußte Graf Sacken Atem holen...

In dem schlanken Körper der Gräfin arbeitete etwas. Dann brach es hervor mit ungestümem Jauchzen.

„Ortur!“ In der mächtigen Erregung sprach sie das „A“ so tief aus.

Die Abendsonne schickte ihre Strahlen in den Salon und beleuchtete die Gruppe der beiden, welche sich umschlungen hielten. -- -- Lange, lange. -- --

[Illustration]

Komtesse Mucki saß auf dem Kirschbaume.

Ihr reizendes Oval blickte durch die Zweige über die Gartenmauer auf die staubige Landstraße, welche von Rebendorf nach Riedenburg führt.

Von dorther sollten die Husaren kommen.

Komtesse Mucki war in jenem Alter, wo die Jungfrau sich entwickelt wie der Schmetterling aus der Raupe. Ihr Gesichtchen verriet noch die reizende Naivität der Kindheit, und doch blickten die Augen schon so abgrundtief, so eigen, als sähen sie das süße Geheimnis, als träumten sie von Liebesglück und Liebesleid. Die schwellenden Formen zeigten, daß sie Weib geworden war, und doch schien sie wiederum ein Mädchen, wenn man den üppigen Zopf sah, welcher bis zur Hüfte niederfloß.

Mucki pflückte eine Kirsche nach der andern und aß sie mitsamt den Steinen. Dabei schaukelte sie sich neckisch auf dem Aste und baumelte mit den Füßchen.

Heute sollen die Husaren kommen. Die Husaren!

Was das nur ist, so ein Husar?

Und wie sie aussehen werden?

Papa hatte ihr einmal zu Weihnachten einen Nußknacker geschenkt, der eine rote Uniform anhatte; die Augen waren ganz klein, der Mund schrecklich weit, und unter der Nase war ein großer, großer schwarzer Schnurrbart.

Ob alle Husaren so aussehen? Prrr!!

Mucki schüttelte ihren reizenden Körper und wäre beinahe vom Aste herunter gefallen. Dann pflückte sie wieder Kirschen und aß sie mitsamt den Steinen.

In diesem Augenblicke zeigte sich auf der Straße eine mächtige Staubwolke, welche näher und näher kam. Nun sah man blitzende Waffen, hörte das Trappeln der Pferde, dröhnende Kommandorufe, und da fiel auch schon die Musik ein mit einem schmetternden Marsche. In geraden Reihen, Roß und Reiter wie aus einem Gusse, so zogen die stolzen Scharen an der Gartenmauer vorüber, und mehr als ein gebräuntes Männerantlitz blickte zum Kirschbaume empor, wo aus den grünen Zweigen zwei Mädchenaugen auf sie herunterblickten wie glänzende Sterne am Nachthimmel. In der letzten Reihe ritt ein junger Leutnant. Die edelgeformten Züge, der starke schwarze Schnurrbart, die blitzenden Augen, das alles gab ein Bild männlicher Schönheit. Als er am Kirschbaum vorbeikam, stieg sein Streitroß in die Höhe, gehorchte aber zitternd dem Drucke der ehernen Schenkel.

Mucki stieß einen Schrei aus, der Leutnant blickte nach oben, und da tauchten ihre Augen ineinander, lange und tief, fragend und bejahend. Eine Saite klang in ihrem Innern, und die Schwingungen bebten fort in den Herzen der beiden.

Mucki ließ sich vom Baume herunter. Ihre Brust hob und senkte sich stürmisch, traumverloren irrten ihre Blicke umher, und von ihren Lippen kamen leise, leise die Worte:

„Also +das+ ist ein Husar?? -- -- --!“

[Illustration]

An der glänzenden Tafel saßen die ritterlichen Gestalten der Offiziere.

Neben der Dame des Hauses hatte der Oberst Platz gefunden.

Die Liebenswürdigkeit, welche seine Züge erhellte, vermochte ihnen doch nichts von der gewaltigen Energie zu nehmen, welche darin ausgedrückt lag.

Man fühlte es unwillkürlich: Dieser Mann mußte +furchtbar+ sein, wenn er an der Spitze der todesmutigen Scharen in die feindlichen Karrees einhieb oder beim Schmettern der Trompeten mitten in die feindliche Batterie sprengte, Tod und Verderben sprühend und alles vor sich niederwerfend, die erbeutete Fahne in der Linken, und mit der Rechten noch sterbend das Hoch auf den König ausbringend.

Ob wohl seine Gedanken jetzt auf den Schlachtfeldern weilten? Auf der Bahn zum Ruhme im Schlachtengrollen und Pulverdampf?

Wer weiß es?!...

Die Gedanken der jungen Leutnants waren sicherlich freundlicheren Dingen zugekehrt. Wie sie so träumend vor sich hinblickten, wie ihre Augen aufleuchteten in seliger Erinnerung, da konnte man es wohl deutlich sehen, daß sie eingedenk waren süßer Stunden und an ein Paar frischer, roter Lippen dachten. -- -- --

Der Fisch war abserviert und die Diener eilten mit den mächtigen Bratenschüsseln herbei.

Der Oberst erhob sich und klopfte mit dem Messer an den Champagnerkelch. Mit dröhnender Kommandostimme sprach er:

„Kammrraden! Wir Hussarren sind überall zu Hause. Der rauhe Krieger bettet sein Haupt unbekümmert auf den harten Stein und den weichen Pfühl. Aber wenn er so gastliche Hallen findet, wie heute wir, dann fühlt er doppelt, daß es sein Beruf ist, die Heimat zu schützen.

Und wenn der König ruft, sei es gegen den inneren oder den äußeren Feind, dann wollen wir einhauen, jawoll, einhauen, wie es Sr. Majestät Hussarren geziemt.

Kammrraden! Die Dame des Hauses Hurra! Hurrraaa! Hurrraaaa!“

Jubelnd fielen die Krieger in den dröhnenden Ruf ein, und in ihren Augen leuchtete es wie Schlachtenfreude und Todesmut.

[Illustration]

Das Souper war beendigt und die Tafel aufgehoben.

Gräfin Sacken hatte die ehrfurchtsvollen Verbeugungen der Offiziere mit majestätischem Verneigen ihres Hauptes erwidert und sich mit Mucki zurückgezogen.

Die jugendliche Komtesse blickte unter der Türe noch einmal rasch zurück nach der Stelle hin, wo der schöne Leutnant stand.

Graf Schlupf, so hieß der Glückliche, fing den Blick auf, und das selige Aufleuchten in seinen großen Augen bewies Mucki, daß auch er sie gesucht hatte.

Dann verschwand sie wie ein holdes Traumbild.

Schlupf preßte die Hand an das kühne Herz. Sein Oberst sprach mit ihm, aber das Unerhörte geschah.

Er hörte die Worte seines von ihm mit glühender Begeisterung verehrten Vorgesetzten nicht.

Seine Blicke irrten an ihm vorbei, sie huschten durch die Türe, den Gang entlang, wo sie immer noch einen reizenden braunen Zopf suchten.

Und als der Oberst sich ungnädig abwandte, da fühlte Schlupf wohl, wie sein Herz sich schmerzlich zusammenzog, aber der Magnet zog ihn unwiderstehlich an, und plötzlich, er wußte nicht wie, stand er im Palmenhause.

In dem magischen Lichte des Mondes, welches durch die Fenster hereinflutete, erblickte er eine Gestalt, deren Anblick ihm das Blut zum Herzen und wieder zurück jagte.

Sie war’s! Im reizendsten Negligee! Da brach es aus ihm hervor, wie ein zurückgehaltener Bergstrom, der plötzlich die Dämme überflutet.

„Komtesse! Mucki!“ jauchzte er, „Sie sind es? Nein, laß mich Dich Du nennen in dieser einsamen Stunde, wo uns niemand belauscht als die keusche Luna. Muß ich Dir erst sagen, was ich für Dich fühle, wie meine Pulse Dir entgegenschlagen und wie mein ganzes Ich sich verzehrt -- äh -- sich verzehrt in unnennbarer Sehnsucht, in brennendem Verlangen, wie mein ganzes bisheriges Leben in schalem Nichts versinkt vor der Wonne des ersten seligen Augenblicks, wo unsere Augen ineinander flossen und die Wogen über mir zusammenschlugen, äh, äh, äh..“

Schlupf merkte erst jetzt, daß ihm der vordere Zahn im Schwalle seiner Worte herausgefallen war, und er wandte deshalb den Kopf zur Seite.

Mucki aber flüsterte errötend: „Teuerster Graf, ich komme im Augenblick wieder, ich muß noch einen Gang machen.“

Dann enteilte sie, so rasch sie konnte.

Es war ihr so eigentümlich +weich+ geworden.

Sie wußte nicht, ob von den Kirschen oder der großen Liebe. -- -- --

[Illustration]

[Illustration: Der Lämmergeier]

Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, München

Vor dem Wirtshause am schönen Gundelsee ging es heute hoch her. Aus der ganzen Gegend hatten sich die Landleute zusammengefunden, um das Namensfest des hl. Ignatius in altherkömmlicher Weise zu feiern. Krämer hatten fliegende Buden aufgeschlagen, in welchen sie seidene Tücher für die schmucken „Dirndeln“ und lederne Hosen für die strammen „Buam“ verkauften. Hier hielt ein phantastisch gekleideter Araber Rosenkränze und „Rosen von Jericho“ feil; dort bot eine alte Frau große Herzen aus Lebkuchen den kichernden Mädchen an. Zwischen den Buden drängte und stieß sich die froh bewegte Menge. Hochgewachsene Burschen mit kühnen Gesichtern, dralle Mädchen in reichgestickten Miedern, alte Mütterchen, welche noch die historischen Pelzhauben trugen, so wogte es durcheinander.

Die Tische vor dem Wirtshause waren bis auf den letzten Platz besetzt. Unter einer mächtigen Linde saßen die Honoratioren, lauter reiche Bauern, deren Mienen trotzigen Hochmut und eiserne Festigkeit verrieten. Sie unterhielten sich von den Ereignissen, welche sich draußen in der Welt abspielten, und sprachen manches ernste und gewichtige Wort.

Der Freihofbauer vom Freihof, Ignatius Rammelsteiner, fand das meiste Gehör. „I woaß net,“ sagte er, „was mit dem Dreyfuas is. Ob’s ’n eppa auslassen, oder ob’s ’n eppa drin g’halten. De G’schicht ko ma b’schaugen, wia ma mog. Bal da Dreyfuas schuldi is, nacha ham’s recht, daß s’ eahm g’halten, aba bal er unschuldi is, nacha is a Gemeinheit.“

„Recht hat er,“ murmelte ein ehrwürdiger Greis, dessen weiße Locken in jugendlicher Fülle unter dem grünen Hute hervorquollen.

„Ja, da Freihofbauer!“ sagte wieder ein anderer, „dös is a Mo! An solchen gibt’s net glei wieda in unsere Berg herin. Was der sagt, hat Hand und Fuaß!“

„Deswegen hat er’s aa zu was bracht,“ erwiderte der Greis. „Schaug an Freihof o, Toni, wia r’a dasteht auf stolzer Höh. Justament wia r’a Königsschloß!“

„Und dös Rindviech! Und dös Heu und Grummet!“ fiel ein Dritter ein. „Wer amol an Freihofbauern sei Loni heirat, der ko von Glück sagen.“

Der Freihofbauer nahm diese Ausbrüche der Bewunderung ruhig hin. Keine Muskel in seinem ausdrucksvollen Gesichte verriet, daß er sich geschmeichelt fühlte. Er wartete ruhig, bis sich die Aufregung gelegt hatte, und fuhr dann bedächtig, jedes Wort betonend, fort: „A Franzos is a Franzos! Und a Boar is a Boar. Bei uns herin woar da Dreyfuas entweder verurteilt worn oder freig’sprocha. Denn bei ins im Boarnland, da steht das Recht so fest und ewi wia insere Berg. Wir halten fest zu insern Kini und sein Haus...“

In diesem Augenblicke erbleichte er, und seine Falkenaugen flogen zu einem Tische hinüber, wo Burschen und Mädchen sich um einen Zitherspieler geschart hatten. „Herrgottsakrament, mit wem speanzelt denn da mei Loni?“ murmelte er mit vor Wut erstickter Stimme und eilte mit großen Schritten zu der Gruppe hinüber. Dem Zürnenden bot sich ein Anblick, der jeden unbeteiligten Zuschauer entzückt hätte.

Am Tische saß ein bildschöner Bursche; der keck zurückgeschobene Hut ließ die pechschwarzen Locken sehen, das martialisch geschnittene Gesicht war tief gebräunt, ebenso wie die offene Brust; die braunen Augen blickten hell und lustig in die Welt hinein.

Und nicht minder schön war das blonde Mädchen, welches zärtlich den Arm um den Hals des Burschen legte und ihm selig in die Augen schaute.

Der bäuerliche Adonis hielt auf seinen Knien eine Zither, auf der er leise einige Akkorde griff, während er den Kopf zurückbog, um dem blonden Mädchen einen Kuß auf die frischen Lippen zu drücken.

Jetzt schwang das Mädchen mit der linken Hand fröhlich einen Maßkrug gegen die Zuschauer, und beide begannen mit glockenreinen Stimmen zu singen:

Oba so zwoa, wia mir zwoa Dös gibt’s ja net glei. Duliä, dulio, duliä -- -- --

„Jessas, da Voda!“ kreischte das Mädchen plötzlich laut und blickte zitternd in das zornige Gesicht des Freihofbauern, der sich rasch durch die Zuschauer drängte.

„Jawohl, dei Voda! Du ehrvergessene Dirn! Hab i Di deswegen aufzogen in da Furcht Gottes und der Heiligen, daß Du mir, mir, an Freihofbauern vom Freihof dö Schand o’tuast und hängst Di öffentli an so an Lumpen, so an Bazi, hi? Mach daß D’ hoam kimmst, Du... Mir reden no an Wortl mitanand! ... Du Luada!...“

„Voda, Voda! Red net so!“ keuchte das Mädchen, „über mi derfst sag’n, was D’ magst. Dös is Dei guat’s Recht. Aber an Seppi derfst net schimpfiern. Er is mei Bräutigam vor Gott und da Welt! I hab mi eahm antraut durch an heilinga Schwur. Und ich brich den Schwur net, Voda!...“

„Wos? Herrgottsakrament!...“

„Fluach net so gotteslästerlich, Freihofbauer,“ fiel jetzt der Seppl ein, „und koan Bazi muaßt mi net hoaßen! I hob ehrliche Händ und a Paar starke Arm. Auf dena will i mei Loni tragen durch dös Leben, daß s’ an koa Stoanl net anstößt. Dei Geld brauch i net, Freihofbauer vom Freihof!“

Mit stolz erhobenem Haupte schritt er durch die Menge, nachdem er noch lange und innig seinem Schatze in die Augen geblickt hatte.

Auch die Zuschauer entfernten sich und ließen den zürnenden Alten allein mit seiner Tochter.

„Machst net glei, daß D’ hoam kimmst, Du Loas? Machst it, daß D’ hoam kimmst?“ knurrte der tiefverletzte Vater. „I trink no a Maaß, a zwoa, nacha kimm i aa und zünd’ Dir a Liacht auf, Du schelchaugets Weibsbild!“ -- -- --

[Illustration]

Der Freihof lag friedlich und still in der sternenhellen Sommernacht. Das Mondlicht stahl sich zitternd durch den dunkeln Tannenforst und legte sich breit auf die duftenden Wiesen.

Ein leiser Pfiff unterbrach die Stille. Ein Schatten huschte um das Haus, dann hörte man oben ein Fenster klirren.

„Loni, bist a’s Du?“

„Ja, i bi’s, moi herziga Bua. Was willst no so spat auf den Abend?“

„Schau, Loni, mir hat’s koa Ruah net lassen, daß mi dei Voda so hart g’redt hat. In mi is g’rad, als wenn ei’wendi a Feuer brenna tat. O, mei liaba Schatz, jetzt muaß i furt vo Dir. I roas’ ins Amerika hintri zum Buffalo Bill.“

„Mariand Josef, Seppl, tua net freveln...“

„Na, Loni, des is b’schlossen. Was tua denn i no auf dera Welt, wann i Di net haben derf? Inser Herrgott woaß, wia i Di liab hab! Du bist des Höchste g’wen, des wo i kennt hab. Zu Dir hon i aufg’schaut, wia zua r’a Heilingen. Du bist da Leitstern g’wen in meinem Leben, Du hast mi g’halten, Du ganz alloan. Jatzt bin i nix mehr, bal i Di nimma hab. Koa Reh im Wald is so valassen, als wia’n i.“

„O, mei liaba Bua!...“

„Ja, Loni, schaug’, often hon i mir denkt, wia des Glück, des unmenschliche Glück über mi kemma is, ob i Dei Liab denn wert bi. Bal i so in Deine veigerlblauen Augen g’schaugt hab, is mir gnetta so g’wen, als wia wann da heilige Petrus an Himmi aufmachet. Und jatzt is alles gar, jatzt is aus und gar. Jatzt muaß i zu de Hindianer.“

„Seppi, Seppi. O Du liaba Himmivoda, is denn mögli, daß a Menschenherz an solchenen Schmerz aushalten ko. I stirb, bal i di nimma siech, Seppi. Na kimmst auf mei Grab und bringst ma rote Nagerl und Almrösein, wia’s zua Lebzeiten...“

„Loni, woaßt wos? Geh Du mit mir! I hob a Paar starker Arm, i vodean scho, was ma braucha; a kloane Hütten und a groß Glück...“

„Na, Bua, das kon i net. Dös waar a Sünd’. Schaug, wann mei Voda aa net recht hat, so derf i do nix toa genga sein Willen. Er is mir amol g’setzt vom Himmi als mei Voda...“

„Ja, wohr is, Loni. Du hast recht. I bitt Di um Vazeihung, daß i so an Gedanken hab fassen kinna. Du hast recht. Das heilinge Gebot sagt: Du sollst Voda und Muatta ehren, auf daß es Dir wohl ergehe und Du... Au, au! Herrgottsakrament!...“

„Jessas Bua! Wos hast denn? Wos hast denn?“

„Au! hör do auf! Dei Voda, de b’suffene Sau is do...“

„Gel, hob i Di dawischt, Du Herrgottsbazi, Du ganz vadächtiga! Jetzt hau i Di amol her, daß ’s a Freud is... Wart, Bürschei!...“

Der Freihofbauer vom Freihof hatte sich an das Haus herangeschlichen und schlug mit voller Kraft auf das Sitzleder des unglücklichen Burschen ein, der zwischen Himmel und Erde von der Altane herunterhing. Zorn, Entrüstung, väterlicher Schmerz verstärkten seine Kraft; alle diese Gefühle legte er in die Prügel hinein. Außerdem war er so betrunken, daß er bei jedem Hiebe in das Stolpern kam.

Seppl ließ sich zu Boden fallen und rannte blind vor seelischem und körperlichem Schmerz davon, dem Abgrunde entgegen, der gerade hinter dem Freihof zum Gundelsee hinuntergähnte.

Loni schrie verzweifelt, auch der Freihofbauer vergaß ernüchtert seinen Zorn und starrte dem Unglücklichen nach. Da... ein Schrei, ein Fall!... dann nichts mehr!...

Der Freihofbauer blickte zum Nachthimmel empor, entblößte langsam das Haupt und murmelte mit erstickter Stimme: „Gott sei der armen Seele gnädig. Von da drunt kimmt koana mehr aufa.“

Im Zimmer oben lag Loni, bewußtlos; aus einer kleinen Wunde an der Stirne sickerte das Blut -- --

[Illustration]

Vor dem Wirtshause am Gundelsee saß auf einem Stuhle ein bleicher Mann. Den Arm trug er in der Schlinge, um die Stirne war ein schwarzes Tuch geschlungen. Es war Seppl! Ueber ihn beugte sich Loni und redete ihm liebreich zu, die stärkende Suppe zu essen. Der Kranke schlug die Augen auf; mit verklärtem Gesicht blickte er auf die weibliche Erscheinung.

„Wo bin i denn?“ flüsterte er. „Bin i beim liab’n Himmivoda? Und hot er di aa scho g’holt, Du liab’s Deandl?...“

„Seppi, Du bist net g’schtarben,“ schluchzte Loni, „Du bist no am Leben, Du bist no auf dera Welt, de jatzt ersch schön werd für di und mi!...“

„Loni, is dös wohr? Is dös wohr?“ flüsterte der Kranke.

„Ja, Seppl, und siagst, dort kimmt da Voda, der gibt ins an Segen...“

Langsam nahte sich der Freihofbauer. Die eine Nacht hatte seine hohe Gestalt gebeugt und sein Haar gebleicht. Seine Hände zitterten an dem verhängnisvollen Stocke, als er den bleichen Burschen vor sich sah.

„Seppl,“ sagte er, „i hob Dir Unrecht to. I ko des alles net guat macha. Aber des Beste, des Liabste, wos i hob auf dera Welt, des gib i Dir, dort, mei Loni!“

„Freihofbauer, Du bist an edla Mensch!“ sagte der Kranke, „an Deiner Loni will i des Guate vergelten, wos Du mir to hast...“

Lange verharrte die Gruppe, zu der sich inzwischen der Wirt und ein fremder Herr gesellt hatten, in schweigender Rührung. Der Freihofbauer unterbrach die Stille.

„Jatzt sog mir nur grod, Seppl, wia is des mögli, daß Du no am Leben bist von dem jachen Fall? Do muaß insa Herrgott a Wunda to ham.“

„Des hot er aber aa,“ erwiderte der Kranke. „Siegst, Baua, wia i vo Dir wegg’stürzt bi, is auf oamal schwarz vor meine Augen worn, da Boden is mir unter die Füaß vaschwunden, und i fall in den klaftertiafen Abgrund. I hob Reu und Leid g’macht, und hob mi in mei Schicksal ergeben. Da g’spür i über mi im Fallen an Flügelschlag, und in dem Augenblick packt mi was fest bei meiner buchsbaamen Hosen und krallt sie ei, und tragt mi weg. A Lämmergeier is g’wen, a mentisch großer; der hot mi wohl för a Gambs g’halten oder so was. Und so g’fährli des Viech aa sunst in insere Berg doherinna is, desmol is da Raubvogel mei Retter g’wen. I hob no g’spürt, wia r’a tiafer und tiafer mit mir weg g’stricha is. Auf oamal hon i wieda an Boden g’spürt, und nacha woaß i nix mehr.“

„Des ander woaß i,“ fiel der Wirt ein, „mei Knecht is über d’ Almwiesen ganga und siecht, wia da Geier was am Boden fallen laßt. Er schreit und lafft zuawi, und find zu sein Schrecken an Seppi...“

Der Freihofbauer hatte schon längst den Hut abgezogen. Tränen liefen über seine gebräunten Wangen, als er jetzt die Augen zum Himmel aufschlug und mit tiefer Stimme sagte: „Ja, des is wahrli a Wunda!“ Auch der Fremde hatte in sichtlicher Rührung die Erzählung gehört. Er trat jetzt vor und sagte: „Härn Se, nächst Gott verdanken Sie Ihre Rettung der ledernen Hose, die das alles ausgehalten hat. Ei cha!“

Loni aber beugte sich über ihren Bräutigam und küßte den Geretteten lange und innig.

[Illustration]

[Illustration: Der Einser]

Aus: Pistole oder Säbel? Verlag Albert Langen, München

Es klopfte, und der Königliche Amtsrichter Josef Amesreiter rief: „Herein!“ Dann erschien unter der Türe Frau Realitätenbesitzerswitwe Karoline Zwerger. Eine hübsche, junge Frau mit angenehmen Rundungen, da wo sie am Platze sind.

Sie führte an der Hand ein kleines Mädchen von sieben Jahren, welches verschämt zu Boden blickte.

Auch Frau Zwerger war in einiger Verlegenheit, wie das vielen Leuten geschieht, wenn sie mit Behörden in Berührung kommen.

Und dann schielte der Herr Amesreiter so merkwürdig über seine Brillengläser hinaus und schaute sie ganz sonderbar an.

Vielleicht meinte Frau Zwerger...? Aber das war ausgeschlossen.

Denn Amesreiter war ein sogenannter glänzender Jurist, hatte das Staatsexamen mit 1 gemacht und war sohin zeugungsunfähig.

Nein, an so etwas dachte er nicht.

Er schaute überhaupt immer so, und Frau Zwerger brauchte nicht rot zu werden.

„Also, was wollen Sie?“

Die junge Frau wollte, nicht wahr, dieses Kind also, ihr Mann nämlich war gestorben, und weil sie selber keine Kinder hatten, dieses Kind also zu sich nehmen.

Gut, oder vielmehr nicht gut.

Was heißt zu sich nehmen?

Was sollen diese unklaren Worte in einem klaren Rechtsgeschäfte?

Frau Karoline Zwerger wollte vermittels der ~adoptio~ oder Wahlkindschaft, und zwar vermittels der ~adoptio in specie minus plena~, wozu sie nach erstem Teil, fünftes Kapitel, Paragraph elf bereits in der Geltungszeit des ~Codex Maximilianeus Bavaricus~ als Weibsperson berechtigt war, an Kindes Statt annehmen die miterschienene Franziska Furtner.

Ist es nicht so?

Und wenn es so ist, Frau Zwerger, warum sagen Sie dann „zu sich nehmen“?

Warum sind Sie nicht imstande, Ihrem auf Prospektion eines Rechtsgeschäfts gerichteten Willen deutlichen Ausdruck zu verleihen?

Die rundliche Frau weiß es nicht, aber sie weiß, daß dieser lange Mensch mit den vorquellenden Augen, der sie mit seiner Gelehrsamkeit anspuckt, ein königlicher Richter ist, eine Respektsperson.

Und darum wagt sie es nicht, sich darüber innerlich klar zu werden, daß er trotz Stellung und Gelehrsamkeit ein recht saudummer Kerl ist.

Ein Viech mit zwei Haxen, wie der Realitätenbesitzer Nepomuk Zwerger -- Gott hab ihn selig -- immer zu sagen pflegte.

Nein, sie wagte es nicht; sie beantwortete, eine Stunde lang, die blödesten Fragen, welche der Exameneinser Josef Amesreiter an sie stellte, und wenn ihr manches sonderbar erschien, dann dachte sie bescheiden, daß ihr schlichter Verstand nicht hinreiche, die geheime Weisheit zu sehen.

Endlich war die ~adoptio minus plena~ fertig.

Da sagte Frau Zwerger zu dem kleinen Mädchen:

„So, jetzt bedank Dich auch recht schön beim Herrn Amtsrichter, und mach ein Kompliment und gib ihm Dein Blumenbukettl.“

Fannerl knixte, wie man es in der Schule bei den englischen Fräulein lernt, und streckte ihr Sträußchen dem gestrengen Herrn hin.

Es waren zwei Rosen und drei gesprenkelte Nelken.

Eine solche Tathandlung war dem Josef Amesreiter noch niemals begegnet, und er geriet in einige Verlegenheit.

Jedoch, bevor er sich besann und den Fall richtig prüfte, hatte er die Blumen in der Hand und war Frau Zwerger mit der Adoption verschwunden.

Er ging einige Male auf und ab und überlegte.

Diese Sache war nicht einfach.

Es lag eine Schenkung vor, unleugbar, eine ~donatio inter vivos~, und überdies konnte sie als der Belohnung halber geschehen sein.

Dies aber war unverträglich mit dem richterlichen Amte.

Wie gesagt, Amesreiter überdachte mit juristischer Schärfe dieses Geschehnis und fand nach eifrigem Suchen den richtigen Ausweg.

Er befahl dem Schreiber, das Protokoll noch einmal vorzunehmen und diktierte.

„Nachtrag -- haben Sie?“

„Nachtrag.“

„Erstens:

Nach Abschluß des Protokolles übergab das Wahlkind auf Betreiben der Wahlmutter dem unterfertigten Richter fünf Blumen -- fünf Blumen.

Halten Sie, was sind das für Blumen?“

„Zwoa Rosen,“ sagte der Schreiber, „und dös andere san Nagerln, Nölken!“

„So? So -- -- also schreiben Sie:

.... fünf Blumen, Komma, welche diesgerichtlich als zwei Rosen und drei Nelken bezeichnet wurden.

Zweitens:

Der unterfertigte Richter nahm die obengenannten Blumen an, in der Erwägung, daß die Annahmeverweigerung das natürliche Gefühl der Dankbarkeit in dem Wahlkinde zu ersticken geeignet war.

Drittens:

Fünf Blumen mit Akt an den Herrn Gerichtsvorstand mit dem Ersuchen um geneigte Rückäußerung, ob gegen die Annahme Bedenken bestehen.“

So, das war geschehen.

Und der Schreiber wickelte um die Rosen und die gesprenkelten Nelken einen blauweißen Faden und legte sie zwischen die Aktendeckel, wo sie baldigst erstickten, wie alles frische Leben, das in Aktendeckel gelangt.

Josef Amesreiter aber fühlte sich in gehobener Stimmung.

Er hatte gehandelt, wie man es von einem Einser erwarten durfte.

Von einem Viech mit zwei Haxen, wie der selige Herr Zwerger zu sagen pflegte.

[Illustration]

[Illustration: Der Vertrag]

Aus: Pistole oder Säbel? Verlag Albert Langen, München

Der Königliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter Jurist und auch sonst von mäßigem Verstande. Er kümmerte sich nicht um das Wesen der Dinge, sondern ausschließlich darum, unter welchen rechtlichen Begriff dieselben zu subsummieren waren.

Eine Lokomotive war ihm weiter nichts als eine bewegliche Sache, welche nach bayrischem Landrechte auch ohne notarielle Beurkundung veräußert werden konnte, und für die Elektrizität interessierte er sich zum erstenmal, als er dieser modernen Erfindung in den Blättern für Rechtsanwendung begegnete und sah, daß die Ableitung des elektrischen Stromes den Tatbestand des Diebstahlsparagraphen erfüllen könne. --

Er war Junggeselle. Als Rechtspraktikant hatte er einmal die Absicht gehegt, den Ehekontrakt einzugehen, weil das von ihm ins Auge gefaßte Frauenzimmer nicht unbemittelt war, und da überdies die Ehelosigkeit schon in der ~lex Papia Poppaea de maritandis ordinibus~ ausdrücklich mißbilligt erschien.

Allein der Versuch war mit untauglichen Mitteln unternommen. Das Mädchen mochte nicht; ihr Willenskonsens ermangelte, und so wurde der Vertrag nicht perfekt.

Alois Eschenberger hielt sich von da ab das weibliche Geschlecht vom Leibe und widmete sich ganz den Studien.

Er bekam im Staatsexamen einen Brucheinser und damit für jede Dummheit einen Freibrief im rechtsrheinischen Bayern.

Aber davon wollte ich ja nicht erzählen, sondern von seinem Erlebnisse mit Michael Klampfner, Tändler in München-Au.

Und dies war folgendes.

Eines Tages mußte sich der Herr Rat entschließen, seine alte Bettwäsche mit einer neuen zu vertauschen.

Die Zugeherin besorgte den Handkauf und überredete ihren Dienstherrn, die abgelegten Materialien zu veräußern. Auf Bestellung erschien daher in Eschenbergers Wohnung der oben erwähnte Trödler Michael Klampfner und gab auf Befragen an, daß er derjenige sei, wo die alte Wäsche kaufe.

„So,“ erwiderte der Königliche Rat, „so? Sie wollen also gegen Hingabe des Preises die Ware erwerben?“

„Wenn ma’s no brauchen ko, nimm i’s,“ sagte Klampfner.

„Schön, schön; Ihr Wille ist sohin darauf gerichtet. Sagen Sie mal, Herr... Herr... wie heißen Sie?“

„I? I hoaß Klampfner Michael, Tandler von der Au, Lilienstraßen Nummera achti.“

„Also, Herr Klampferer...“

„Klampfner!“

„Richtig, Herr Klampfner. Sie sind doch handlungsfähig?“

„I moa scho. I handel scho dreiß’g Johr.“

„Gut, Sie sind also nicht entmündigt, als ~prodigus, furiosus~, als Verschwender oder wegen Geisteskrankheit?“

„Jo, was waar denn jetzt dös? Moana S’, i bi da her ganga, daß Sie mi dablecken?“

„Mäßigen Sie sich. Ich mußte die Frage an Sie stellen; es handelt sich um eine wesentliche Bedingung des Konsensualkontraktes.“

„Vo mir aus. Wo is denn nacha de Wasch?“

„Sie wird Ihnen vorgezeigt werden; der Kauf wird nach Sicht geschlossen.“

Die Zugeherin führte den Tändler in ein Zimmer, in welchem zwei große Bündel auf dem Boden lagen. Das eine enthielt die gebrauchte Wäsche, in dem andern war die neuangeschaffte.

Michael Klampfner prüfte das alte Bettzeug mit Kenneraugen.

„Bedeuten tuat dös net viel,“ sagte er; „zwoamal waschen, nacha is dös G’lump hi. Aba, weil Sie ’s san, Herr Rat, gib i Eahna zwoa Markl dafür.“

„Zwei Mark? Der Kaufpreis scheint mir sehr niedrig gegriffen.“

„Ja, wos glauben S’ denn? Wer kaaft denn so wos? Do kenna S’ de arma Leut schlecht, wenn S’ moanen, de mögen was Alt’s. De kaafen sie liaba was Neu’s und bleiben’s auf Abzahlung schuldi.“

„Hm! ja, das mag sein,.. aber.. was sagen Sie, Frau Sitzelberger,“ wandte sich der Rat an seine Zugeherin, -- „finden Sie den Preis ortsüblich und wertentsprechend?“

„Ich mein halt so, Herr Rat, verzeihen S’, wenn man halt doch die Sach hergeben tut, nicht wahr, dann mein ich halt, entschuldigen S’, es ist doch nicht viel zum kriegen damit.“

„Sie raten mir also zum Abschlusse?“

„Ja, ich... ich mein halt so, Herr Rat, es wird nichts andres herausschauen.“

„Gut. Dann bleibt es bei dem vereinbarten Preise von zwei Mark.“ --

„Gilt scho,“ sagte Michael Klampfner, „g’hört scho mei. I laß von mei’n Buab’n abhol’n.“

„Nein, nein, so schnell geht die Sache nicht,“ unterbrach ihn hier Eschenberger, „ich beharre auf schriftlicher Verlautbarung des Vertrages.“

„Ah, zu wos denn? Dös braucht’s do nit.“

„Notwendig ist es allerdings nicht,“ erklärte der Herr Rat, „Sie haben wohl recht; der Vertrag kann formlos abgeschlossen werden, die ~traditio~ würde überdies ~brevi manu~ erfolgen, allein ich ziehe die Abfassung einer privaten Urkunde vor.“

„No, wenn’s net anders geht, mir is wurscht.“

„Schön. Ich werde den Vertrag gleich hier niederschreiben.“

Eschenberger holte Papier, Tinte und Feder und fing hastig zu schreiben an, wobei er den Text laut vorlas.

„Also... zwischen dem Königlichen Landge.. Landgerichtsrat Alois Eschenberger in... München und dem... was sind Sie, Herr Klampfner?“

„Tandler vo der Au...“

„... Tändler, hm! also Kleinkaufmann... und dem Kleinkaufmann Michael Klampfner kommt folgender... folgender Vertrag zustande:

Erstens: Der Königliche Landgerichtsrat Eschen... Eschenberger verkauft an den... den Kleinkauf... Kleinkaufmann Klampfner die demselben vorgezeigte, in einem Bündel zusammen... zusammengefaßte, von demselben ge... gebrauchte und hierwegen abgelegte... abgelegte Bettwäsche... Bettwäsche. -- Nicht wahr?“

„J... ja!“ sagte Klampfner.

„Also fahren wir fort:

Zweitens: Der vereinbarte... vereinbarte, auch wert... wertentsprechende Kaufpreis beträgt die Summe von zwei... zwei Mark Reichswährung, über deren Empfang der Verkäufer hiemit... hiemit quittiert. -- Sie können gleich bezahlen, Herr Klampfner.“

„I will’s nit schuldi bleiben,“ sagt der Tändler und zählte auf den Tisch eine Mark und dann zehn Nickelstücke hin.

„Schön,“ sagte Eschenberger, „fahren wir fort. Drittens: Die Einreden des Zwanges, des Irrtums... des Irrtums und... und des Betrugs sind... ausgeschlossen. -- So, das hätten wir. Wünschen Sie den Vertrag noch einmal vorgelesen?“

„Na, g’wiß net!“

„Gut. Also auf Vorlesen verzichtet und unterschrieben. Setzen Sie Ihre Unterschrift hierher.“

Klampfner unterschrieb und ging dann, nachdem er erklärt hatte, daß sein Sohn das Bündel abholen werde. Die Zugeherin begleitete ihn zur Türe und lächelte beistimmend, als der Tändler sich mit der Faust an der Stirne rieb und dann mit dem Daumen gegen das Zimmer deutete, worin Eschenberger weilte.

Einige Stunden später kam Klampfner junior und holte im Auftrage seines Vaters das Bündel Wäsche ab.

Noch denselbigen Abend stellte sich aber heraus, daß eine unliebsame Verwechslung stattgefunden hatte. Dem Boten war das Bündel mit der neuen Wäsche übergeben worden.

Michael Klampfner wurde eilig hievon in Kenntnis gesetzt, allein er verschloß sich heftig allem Zureden.

„Wos?“ sagte er, „i soll de Wasch wieda hergeben? Waar mir scho z’dumm! Für wos hat er denn an Vertrag g’schrieben? Dös gilt, wia’s g’schrieben is. Irrtum is ausg’schlossen. Waar mir scho z’dumm!“

Dieses geschah dem Königlichen Landgerichtsrat Alois Eschenberger, welcher seinerzeit einen Brucheinser erhalten hatte.

[Illustration]

Von Ludwig Thoma erschienen bei Albert Langen in München:

Assessor Karlchen und andere Geschichten Grobheiten. Simplicissimus-Gedichte Neue Grobheiten. Simplicissimus-Gedichte Die Medaille. Komödie in einem Akt Die Lokalbahn. Komödie in drei Akten Agricola. Bauerngeschichten Hochzeit. Eine Bauerngeschichte Die Wilderer. Eine Bauerngeschichte Lausbubengeschichten. Aus meiner Jugendzeit Der heilige Hies. Eine Bauerngeschichte Pistole oder Säbel? und anderes Andreas Vöst. Bauernroman Peter Schlemihl. Gedichte Tante Frieda. Neue Lausbubengeschichten Kleinstadtgeschichten Moritaten Moral. Komödie Briefwechsel eines bayrischen Landtagsabgeordneten Erster Klasse. Bauernschwank

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