Meine Lebens-Erinnerungen - Band 1 by Oehlenschläger, Adam

produced from scanned images of public domain material from the Google Print project.)

[Illustration: A Oehlenschläger]

Meine Lebens-Erinnerungen.

Ein Nachlaß von Adam Oehlenschläger.

Deutsche Originalausgabe.

Erster Band.

Leipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1850.

* * * * *

Vorwort.

Als ich das erste Mal mein Leben niederschrieb, geschah es in Folge einer Aufforderung des Buchhändlers Max in Breslau, des Verlegers meiner deutschen Schriften. Ich mußte mich beeilen; und obgleich dies natürlich eine genaue Aufzeichnung vieler characteristischen Züge unmöglich machte; wie es mich auch zwingen mußte Vieles zu übergehen, das theils vergessen wurde, theils nicht ausgeführt werden konnte, -- so dachte ich doch: Etwas ist besser als Nichts. Ich erinnerte mich so vieler Verfasser, die Nichts über ihre Erlebnisse hinterlassen hatten, weil sie es während ihres Lebens von einem Tage zum andern aufschoben. Damit dies nun nicht mit mir geschehen solle (theils wußte ich, daß Viele meine Biographie wünschten, theils fühlte ich mich dazu durch den dem Menschen eingegebenen Selbsterhaltungstrieb gedrängt), so schrieb ich sie rasch nieder und übersetzte sie später in das Dänische. Sie ist mit vieler Aufmerksamkeit und Theilnahme gelesen worden. Aber wenn ich diese Biographie jetzt lese, so finde ich sie so fragmentarisch und unvollständig, daß sie mich selbst auf keine Weise zufrieden stellen kann. Oft ist Das, was dort steht, nur die Ueberschrift zu Kapiteln, die nicht geschrieben sind. Da nun das philosophische Gesetz: »Kenne Dich selbst!« nicht anders befolgt werden kann, als indem man sich selbst recht genau betrachtet, und sich in der Reihe aller seiner Handlungen, Meinungen, Gefühle und Verhältnisse verfolgt; -- so ist ja eine solche Aufzeichnung eine Pflicht für Den, welcher sie zu geben vermag, und sie zu einem Nutzen und Vergnügen für Andere machen kann. Ich bin selbst ein großer Liebhaber von Biographien, wenn sie gut geschrieben sind; das heißt: wenn der Verfasser Das, was er erlebte, mit Geist und Herz aufgefaßt hat, und Phantasie genug besitzt, um all' die kleinen Züge darzustellen, die an und für sich unbedeutend erscheinen, aber zusammen genommen die Linien und das Colorit hervorbringen, welche eine bestimmte Physiognomie darstellen und den beachtenswerthen Menschen von der einförmigen Menge unterscheiden.

Aber während wir nun also mit Lust und Offenherzigkeit ans Werk gehen, begegnen wir auf dieser Rückreise des Lebens, ebenso wie auf der Hinreise, manche Klippen, die umschifft werden müssen, und Berge, die nicht überstiegen werden können, sondern die man umgehen muß.

Das Zartgefühl, die Bescheidenheit, die Schonung gebieten uns oft, Verhältnisse mit Anderen nicht zu berühren, über deren Offenherzigkeit wir kein Verfügungsrecht haben. In solchen Augenblicken fühlt man den Nutzen des Romans, in welchem der Dichter viel Wahres, Geschehenes und Erlebtes darstellen kann, das er sonst nicht mitzutheilen vermöchte, weil persönliche Verhältnisse oder Schonung ihn dazu zwingen, die Begebenheiten in den Schleier der Erfindung einzuhüllen. Wir sprechen hier nicht von dem höhern Gewinne: die einzelnen Züge zu etwas Besserem, zu etwas Zusammenhängendem und Vollkommenem zu idealisiren. Im Romane muß die Göthe'sche Form: »Wahrheit und Dichtung«, befolgt werden. Hier kann der Dichter die arme Wirklichkeit mit allen Reichthümern der Einbildungskraft, des Gefühls und Gedankens verschönern oder ausmalen. Aber in der Biographie selbst, scheint mir, darf dies nicht Statt finden. Das höchste Verdienst und größte Interesse der Biographie besteht gerade darin, daß sie eine wirkliche Lebensbeschreibung ist. Das Geschehene gewinnt, je mehr der Verfasser im Stande ist, es mit dem Gedanken, dem Gefühle und der Phantasie aufzufassen; aber hierin besteht das Ideale; nicht darin, Erfindungen mit Ereignissen zu vermischen, wodurch es weder das Eine noch das Andere wird, obgleich diese Mischung wohl, wenn der Verfasser Genie besitzt, auch sehr interessant werden kann. Und spricht man es, wie Göthe, offen auf dem Titelblatte aus, so hat man ja Keinen hinters Licht geführt. Göthe meint, es sei unmöglich, Etwas zu erzählen, ohne zu idealisiren. Sobald das Idealisiren in der Darstellung und nicht in der Composition liegt, huldige ich ihm; dann wird es zur »Wahrheit und Dichtung«, und so hat der große Dichter gewiß auch -- bis auf einzelne Episoden -- sein Leben erzählt.

Für mich hat die arme ehrliche Wahrheit, und die Gabe, das Leben in seiner Beschränktheit mit klarer Wahrheitsliebe auffassen zu können, auch einen eigenen Reiz; sie gehört der Biographie, sowie der Geschichte selbst an, und ich habe mich stets befleißigt, an ihr festzuhalten: sollte dies in einzelnen Kleinigkeiten nicht geschehen sein, so ist mir mein Gedächtniß untreu geworden.

Viele Bedenklichkeiten fallen hinweg, wenn die Menschen, mit denen man gelebt hat, gestorben sind, deßhalb sind die Lebensbeschreibungen am vertraulichsten und am wenigsten zurückhaltend in den Jugendjahren des Erzählers und werden verschwiegener und vorsichtiger, je mehr sich die Zeit seiner letzterlebten Periode nähert. Was nun das betrifft, so sind Viele heimgegangen, seitdem meine erste Lebensbeschreibung erschienen; ich habe freiere Hand bekommen, ich habe auch Manches seitdem erlebt, das sich erzählen läßt, und so bin ich also im Stande, meinen Lesern jetzt eine weit vollständigere Selbstbiographie, als das erste Mal mitzutheilen.

Aus einem Stammbuche, das von meinem Großvater und Vater deutsch geschrieben ist, ziehe ich folgende Aufzeichnungen als Einleitung aus. Erst die meines Großvaters August Henrich Oehlenschläger.

* * * * *

[Sidenote: Aufzeichnungen meines Großvaters.]

Anno 1672 -- sagt er -- wurde mein seliger Vater Christoffer Oehlenschläger geboren, und nach seines Vaters, Henrich Oehlenschläger's Tode, bekam er nach ihm, von Seiner hochfürstlichen Durchlaucht, dem Bischof von Eutin, den Organistenposten in Rensfeld. Anno 1696 starb mein Großvater. 1705 ging mein seliger Vater ein christliches Ehebündniß mit meiner Mutter Elisabeth Gerdes, in Schlutop geboren, ein. Anno 1715 den 2. Februar Abends zwischen 10 und 11 kam ich ans Licht und empfing durch Gottes Gnade den 6. dito die heilige Taufe. 1718 wurde mein jüngerer Bruder, Peter Christoffer, geboren. Anno 1729 den 11. December Morgens 10 Uhr schlief mein lieber Vater sanft und selig ein, und am 21. dito wurde er zu seiner Ruhestätte gebracht. Sein Leichentext war der 11. Vers des 84. Psalms: »Denn ein Tag in Deinen Vorhöfen ist besser, denn sonst tausend. Ich will lieber der Thür hüten in meines Gottes Hause, denn lange wohnen in der Gottlosen Hütten.«

Der Großvater meiner Mutter väterlicherseits hieß Marcus Gerdes, wohnte in Schlutop und war ein Fischer. Ihr Großvater mütterlicherseits, Peter Hofemann, war auch Fischer. -- Anno 1737 ging mein Bruder Christoffer von Lübeck fort, und ich bekam einen Brief von ihm aus Bremen, in dem er schrieb, daß er beabsichtige, nach Holland zu reisen. Von Amsterdam meldete er mir, daß er Willens sei, entweder nach Ost- oder Westindien zu gehen, daß er nach Middelburg in Zeeland reisen und bei Einem wohnen wolle, der Ludwig Korn op de Kay hieß. In Amsterdam hat er einen Kaufmann gekannt, der Conrad Spiek hieß. Ein späterer Brief meldete, daß er in Ostindien employirt werden solle, wohin er mit dem Schiffe »Wickenburg« gegangen war, und daß er keinen unserer Briefe erhalten hätte, weil sie alle von Jochum Havemann aufgeschnappt wären. Aus Batavia erhielten wir 1739 den 30. Januar einen Brief von ihm, worin er meldete, daß er »op de Guarnisoncammer« angestellt sei, daß er die Kinder des ersten Buchhalters informire, und daß er Hoffnung habe, Buchhalter zu werden. Unsere Briefe an ihn mußten die Aufschrift haben: »Batavia in het Casteel op de Guarnisoncammer to behandigen: Pieter Christoffel Keulensläger«. Mehre Jahre darauf in meiner Kindheit suchte mein Vater Nachrichten über diesen Oheim mit dem veränderten Namen zu erhalten, von dem das Gerücht ging, daß er ein reicher Mann in Batavia geworden sei; aber wir hörten nie Etwas von ihm.

Mein Großvater verheirathete sich zum ersten Mal 1743 mit Anna Margaretha Faasch. Mit ihr hatte er einen Sohn Joachim Joseas; die Mutter starb 1746 und das Kind ein Jahr nachher. Darauf erzählt mein Großvater: »Anno 1747 den 12. Mai ließ ich mich mit meiner herzliebsten Gattin Tolstrup kopuliren. Gott, der das Herz des Menschen beherrscht, führe uns stets auf den rechten Weg, und vermehre unsere innige Liebe von Tag zu Tage, und füge es auch so mit uns, daß wir ihm allezeit danken, und seinen heiligen Namen loben und preisen müssen, Amen! Dazu helfe uns der Herr Jesus! Amen!«

In diesem frommen Ton sind alle Aufzeichnungen abgefaßt. Anno 1748 den 31. Juli wurde mein Vater =Joachim Conrad= geboren. Der geheime Conferenzrath =Joachim Brockdorf= auf Nöer war sein Pathe, und nach ihm ist mein Vater vermuthlich genannt worden.

* * * * *

[Sidenote: Aufzeichnungen meines Vaters.]

Nun kommen die Aufzeichnungen meines Vaters. Aus diesen ersehe ich, daß mein Großvater 1753 als Organist in Krusendorf starb, nachdem er sein Amt zehn Jahre lang »lobenswerth und als ein guter Christ« verrichtet hatte. Das Jahr darauf verheirathete meine Großmutter sich wieder mit =Marquard Bolt=, der das Amt meines seligen Großvaters bekam. 1765 kam mein Vater nach Rendsburg zum Organisten =Rosenbaum=, blieb bei ihm zwei Jahre, und machte dort Fortschritte in der Musik. Und nun wurde der siebenzehnjährige Schleswiger von seinem Stiefvater nach Kopenhagen zu dem damals in Dänemark allmächtigen Grafen Adam Gottlob Moltke geschickt, der wahrscheinlich bei irgend einer Gelegenheit versprochen hatte, sich des Jungen anzunehmen, und ihn seiner Zeit zu befördern.

[Sidenote: Meine Mutter.]

Daß mein Vater ein tauglicher Clavierspieler gewesen sein muß, kann ich daraus wissen, daß er, wie er selbst erzählt hat, bei seiner Ankunft in Kopenhagen gleich den jungen Comtessen Unterricht auf dem Clavier gab. Auch habe ich noch ein Attest von dem Pastor Lorch an der deutschen Friedrichskirche auf Christianshafen, worin dieser meinen Vater nach abgelegter Probe wegen der Kenntnisse und der Fertigkeit lobt, deren es bedarf, um ein guter Schullehrer auf dem Lande in den deutschen Provinzen zu werden. Aber sowie Jacob dem Laban mehrere Jahre dienen, und erst die häßliche Lea nehmen mußte, ehe er die schöne Rahel bekam, so mußten in jenen Tagen auch die Bürgerlichen oft im buchstäblichen Sinne den Großen dienen, wenn sie von diesen befördert werden wollten. Dies war ein Schicksal, dem sich zuweilen selbst theologische Candidaten unterwarfen. Mein Vater, ein halber Bauerjunge aus den Hütten in Krusendorf, hat wahrscheinlich durchaus nichts dagegen gehabt, den Winkel im Dorfe mit dem Palais auf Amalienburg zu vertauschen, und Theilnehmer an allen großen Festen, Lustbarkeiten und Genüssen zu sein; gleichviel ob dies sitzend oder stehend, früher oder später geschah. -- Hier lernte er meine Mutter Martha Maria Hansen kennen. Ihr Vater, ein Deutscher, war königlicher Bevollmächtigter. Meine Großmutter mütterlicherseits, Anna Maria, war die Tochter eines Bäckers Severin in Kopenhagen. Mein Großvater mütterlicherseits hinterließ bei seinem frühen Tode eine Wittwe mit drei Kindern. Die Eltern meiner Mutter waren also Deutsche, und sie, ebenso wie mein Vater, wurde deutsch erzogen. Mir ist, als ob mein Vater mir erzählt hätte, daß meine Großmutter nach dem Tode ihres Mannes mit ihren Kindern eine Reise nach Deutschland machte; aber in der äußersten Noth zurückkehrte. Meine Mutter war in ihrer frühesten Jugend auf dem Lande bei einem Verwandten: dem Verwalter =Bruun= aus Herlufsholm, im südlichen Seeland. Ich habe sie im Scherz erzählen hören, daß, wenn nicht Altersverschiedenheit zwischen ihnen Statt gefunden hätte, aus ihr und dem Sohne, der in die herlufsholmer Schule ging, und später der bekannte Dichter =Thomas Christopher Bruun= wurde, ein Paar hätte werden können. Von Bruun's kam sie als Wirthschafterin zum Prokanzler Cramer in Kopenhagen, der sie mit außerordentlicher Güte und Achtung behandelte, und ihr Bücher, unter andern seine eigenen Predigten verehrte, die ich noch besitze. Cramer's Haus war ein Sammelplatz für ausgezeichnete Deutsche, und dies hat gewiß viel zu der mehr als gewöhnlichen Bildung meiner Mutter beigetragen. Auch =Klopstock= kam dort ins Haus. Ich entsinne mich, daß meine Mutter mir erzählt hat, wie sie ihm einmal ihre silbernen Schuhschnallen lieh, als er zur Maskerade wollte. Sie liebte ihn übrigens nicht sehr, er war ihr zu überspannt; =Gellert= sagte ihrem Herzen viel mehr zu. Von Cramer's aus wurde sie Kammerjungfer bei der Gräfin =Moltke=; und das war in der damaligen Zeit für ein armes Bürgermädchen eben so viel, als ob sie zur Königin käme und ihr Glück machte. Meine Mutter soll in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein. Mein Vater hat erzählt, daß mehre junge vornehme Damen sie beneideten, weil sie weißere Hände, als sie hatte, obgleich diese die ihrigen doch täglich mit Mandelkleie wuschen, und sie nur mit grüner Seife. --

[Sidenote: Abstammung.]

Man sieht also, daß ich von väterlicher Seite durch mehrere Glieder von angelsächsischen Musikanten und Fischern abstamme. Der Vater meiner Großmutter, von väterlicher Seite, =Tolstrup= war ein Jütländer, mein Großvater mütterlicherseits, =Hansen= ein Hochdeutscher, und der Vater meiner Großmutter mütterlicherseits, =Severin=, ein Kopenhagener. Weiter weiß ich nichts Zuverlässiges von meinem Geschlechte zu sagen. Daß der berühmte =Adam Olearius= oder Oehlenschläger, der die morgenländische Reise mit =Paul Flemming= machte und ein seiner Zeit klassisches Werk darüber herausgab, zu unserer Familie gehörte, ist wahrscheinlich. Sein Vater war Schneider und indem ich mit ihm in Verwandtschaft komme, könnte ich, sowie Göthe, Schneiderahnen haben. Er war nicht nur Lehrer, sondern auch Schöngeist, konnte gut persisch und übersetzte Saadi's Rosengarten und Lockman's Fabeln ins Deutsche. Da er Bibliothekar und Hofmathematiker des Herzogs von Holstein-Gottorp war, und nach seiner Reise wieder nach Holstein zurückkam, ist es um so wahrscheinlicher, daß er zu unserer Familie gehört. Zu den Patriciern Olenschlager in Frankfurt wage ich mich nicht zu rechnen, obgleich ich mich erinnere, daß mein Vater zuweilen von Frankfurt als einem Orte sprach, wo Verwandte leben sollten.

* * * * *

[Sidenote: Stellung meines Vaters.]

Von 1767 bis 1778 war mein Vater beim Grafen Moltke; darauf heirathete er meine Mutter und wurde Organist in dem eine Viertelmeile von Kopenhagen gelegenen Friedrichsberg. Meine Eltern wohnten zuerst in der nach Friedrichsberg führenden Vorstadt »Westerbrücke« im Hause Nr. 53, gleich rechter Hand, wenn man aus der Friedrichsberger Allee kommt. Dieses kleine, mit Fachwerk gebaute Haus, steht zufällig noch jetzt so wie vor 70 Jahren. Das Jahr darauf 1779 wurde ich am 14. November geboren.

Ein älterer Bruder desselben Namens, wie ich, der ein Jahr früher geboren war, wurde nur 24 Stunden alt. Ein Jahr nach meiner Geburt erhielt mein Vater die Stelle als Bevollmächtigter auf dem Schloß Friedrichsberg bei dem Generalinspector Schmidt, einem sehr tüchtigen Manne und gutem Kopfe. Mein Vater hatte Hoffnung, nach ihm Schloßverwalter zu werden, wenn Schmidt seinen Abschied nahm und nach Jütland zog, denn er war ein vermögender Mann. Aber als ein Verwandter von Schmidt, ein junger Mann, Voigt, der die neue Gärtnerkunst in England gelernt hatte, nach Hause kam, erhielt er das Amt. Erst viele Jahre später wurde mein bei weitem älterer Vater, nach dem Tode des Jüngern, Schloßverwalter. Voigt gestaltete den in der Zeit Friedrich's V. angelegten Park »Söndermarken« (das Südfeld) nach neuestem Geschmack um. Er war Gärtner mit Leib und Seele, zog bei den Gutsbesitzern in Seeland umher, half ihnen Gärten anlegen, und überließ meinem Vater das Schloß. Er erwies ihm all' die Achtung, die der Jüngere dem Aelteren erweisen kann, obgleich er über ihm stand. Er hatte ein freundliches Gesicht; wenn er mir in meinen Kinderjahren begegnete, so nannte er mich stets »Master Adam!« Ich konnte nicht begreifen, wie ich schon Meister geworden sei; erst viele Jahre später begriff ich, daß dies eine Redensart war, die er von England mitgebracht hatte.

* * * * *

Schmidt wurde sehr alt, ich glaube gegen 90 Jahre. Ich besitze einen Brief von ihm, den er in hohem Alter an meinen Vater mit kräftiger Hand geschrieben hat, -- in welchem er ihm zu seinen Kindern Glück wünscht, und aus dem ich sehe, daß dieser Greis Sinn für Poesie hatte.

* * * * *

[Sidenote: Meine Geburt.]

Bei meiner Geburt war ein berühmter Arzt Culpin, ein Deutscher, meiner Mutter behülflich. Kaum war ich zur Welt gebracht, als Culpin, ein flinker lustiger Mann, um meine Mutter, die ein Jahr vorher ein Kind verloren hatte, zu trösten und zu erfreuen, mich bei den Beinen nahm, ihr entgegenhielt und ausrief: »Meiner Seel' ein großer Junge!« --

* * * * *

Man hatte damals die üble Gewohnheit, welche vielen Menschen an Gliedern und Gesundheit geschadet hat, die Kinder mit den Armen einzuwickeln. Ein kleiner Junge, der uns gegenüber am Eingange zur Allee wohnte, kam einmal herüber, um mich in der Wiege zu sehen, lief aber gleich wieder erschreckt nach Hause, und rief seiner Mutter zu, die ihn fragte, warum er so schnell zurückkomme: »Mutter! das Kind hat keine Arme.« Dies war der jetzige Herr Justizrath =Hvalsöe=. Ich hatte viel vornehme Pathen in der Friedrichsberger Kirche; die Gräfin Moltke hielt mich über die Taufe. Als sie meine Mutter fragte: »Wie soll das Kind heißen,« und meine Mutter geantwortet hatte: »Adam Gottlob,« sagte sie: »Das will ich hoffen.«

Der Sohn, den meine Eltern ein Jahr vorher gehabt hatten, hieß auch Adam Gottlob. Er wurde, wie gesagt, nur 24 Stunden alt. Mein Vater, ein munterer, launiger Mann, pflegte oft, wenn er von seinen Kindern sprach, zu sagen: »Ja, mein ältester Sohn, der war ein ganz anderer Kerl, als dieser Poet.«

* * * * *

Ich entsinne mich noch deutlich des Morgens, wo das Mädchen hereinkam, und meinem Vater und mir sagte, die wir in einem Bett mit grünen, wollenen Gardinen im Comptoir, dicht neben dem sogenannten Ostthore im Schlosse, schliefen, daß meine Schwester Sophie geboren sei. Ich war damals dritthalb Jahr alt. Ich lag im Bett und sah einen großen Nagel in der Wand an, der mit Papier umwickelt war, und der Wind heulte im Schornstein und Ofen, wo man kurz vorher eine große Eule gefunden hatte, die herabgefallen war. Ich sehe meinen Vater noch den Kamin und das Fenster öffnen und die Eule über die Bäume auf dem Schloßberg wegfliegen.

[Sidenote: Erste Jugendthat.]

Die erste That, deren ich mich entsinne, in der Welt ausgeführt zu haben, war ein Mord in aller Unschuld an einem kleinen Hunde, den ich sehr lieb hatte. In dem gewölbten unterirdischen Gange, der vom Schloß zur Küche führt, sind zwei Luft- und Lichtlöcher, beide jetzt bedeckt, und das eine im Garten der Königin verborgen; aber damals waren beide zugänglich, unbedeckt und nur von einem Geländer umgeben. -- Zu dieser Zeit war im Schloßgarten ein Handlanger, der Schulz hieß, mit einem großen schwarzen Bart, welcher mir Angst vor ihm einflößte. Vielleicht um mich vor den Löchern in dem geheimen Gange einzuschüchtern, hatte man mir gesagt, daß dieses unterirdische Gewölbe »Schulze's Kirche« sei. Einmal, als ich im besten Spiele mit dem kleinen Hunde begriffen war, bekam ich den tollen Einfall, -- nicht um dem Hunde zu schaden, oder weil ich böse auf ihn war; ich streichelte und küßte ihn im Gegentheil; -- ihn in Schulze's Kirche hinabzuwerfen. Obgleich mir selbst davor bange war, dort hinunter zu gehen, so glaubte ich doch, daß der Hund daselbst gut aufgehoben sei. Vielleicht hoffte ich auch, daß er bald zurückkommen und mir Etwas von der wunderbaren Kirche erzählen könne. Ich eilte also aus allen Kräften, obgleich mein Vater mir auf den Fersen war, und warf ihn hinab. »Was hast Du gethan, Junge? wo ist der Hund?« »Ich habe ihn in Schulze's Kirche hinuntergeworfen.« -- »Folge mir!« -- ich mußte mit in die schreckliche Kirche hinabgehen, und als ich dort meinen Liebling jämmerlich zerschmettert und todt fand, erfüllte ich das Gewölbe mit meinem Geschrei, und mein Vater hatte alle Mühe, um mich von der Höhle, von dem kleinen todten Hunde fortzubringen, den ich wieder lebendig küssen wollte.

* * * * *

[Sidenote: Die Leibgarde.]

Als kleiner Junge nahmen meine Eltern mich einmal nach Kopenhagen zu einigen Bekannten mit, wo ich beinahe das Leben verloren hätte, indem ich fiel und mir das Kinn zerschlug. Ich trage noch jetzt eine tiefe Narbe davon. Auf meinen Reisen im Auslande setzte mich dies in Respect, denn sie sah wie eine Narbe von einem Säbelhiebe aus, den ich in einem Duell bekommen hätte.

Was ich in dieser frühen Kindheit auf dem Schlosse am meisten liebte, war die Leibgarde. Ich hatte mir ein kleines Holzgewehr mit Kienruß überstrichen verschafft; damit stand ich immer in einer gewissen Entfernung von den Soldaten auf dem Schloßhofe und präsentirte nach dem Commando der Offiziere. Der Kronprinz, später Friedrich VI., sah mich daselbst oft von seinem Fenster aus, und soll einmal, als ich nicht da war, gefragt haben: »Aber wo bleibt denn Adam heute?« -- Wenn ich mich zuweilen dem Offiziere nähern durfte, und er mir erlaubte, seinen Säbel herauszuziehen und die Klinge zu betrachten, so fühlte ich mich von dem feierlichsten Gefühle durchdrungen. Die schöne blanke und blau angelaufene Stahlwaffe schien mir wie ein Talisman; wer sie in seiner Hand schwang, glaubte ich, müsse stets siegen und erobern. Wenn die königliche Familie im Herbst nach der Stadt zurückkehrte, so spielte die Leibgarde an dem Tage, wo sie fortging, immer einen andern Marsch, als den gewöhnlichen. Ich ging hinterher, als ob ich einer Leiche folgte, und am Hügel, wo wir uns trennten, weinte ich meine bitteren Thränen. Mein einziger Trost bestand darin, mit meiner Schwester Sophie in die leeren Zimmer hinaufzugehen, und Medicinflaschen zu suchen, deren dort immer viele standen. Wir wuschen sie aus und spielten mit ihnen, bis sie entzwei gingen. Zwei Mal wurde ich auf das Angenehmste durch einen Fund überrascht, den ich nie erwartet hatte: der eine war ein Kupferschilling, der auf einem Marmorconsoltisch bei einer Hofdame von Puder bedeckt lag; der andere ein Kuchen auf einem Brett in der Conditorei.

* * * * *

[Sidenote: Wintervergnügen.]

Im Winter fuhr ich mit einem kleinen Schlitten, der dem Kronprinzen gehörte, und den mein Vater unter anderm Gerumpel auf dem Boden gefunden hatte. Oft bat ich die Bauern vor dem Schloßthore, daß ich meinen Schlitten an ihren Wagen binden dürfe; und wenn sie es mir erlaubten, so fuhr ich mit ihnen den Berg hinunter. -- Ein Mal wollte ein schlechter Kerl mir meinen Schlitten wegnehmen und griff nach dem Stricke, aber ich schlug seinen Arm so derb mit dem Besenstiel, den ich mit hatte, daß er los ließ. Mit zwei Besenstielen pflegte ich mich sonst auf dem Schlitten selbst den Berg hinunter zu schieben, wenn keine Wagen da waren.

Meine Schwester war zuweilen mit dabei. Sie spielte gern mit mir. Der Kronprinz, der uns im Sommer oft auf dem Schloßhof zusammensah, fragte mich einmal freundlich, als er an uns vorüberging: »Adam, wie heißt Deine Schwester?« »Sie heißt Sophie,« antwortete ich. »Sie sollte Eva heißen,« meinte der Kronprinz.

* * * * *

Ich entsinne mich eines Winterscherzes, der nicht so munter ablief, wie die Schlittenfahrt. Es war ein schneeiger Tag, es begann zu thauen und ich machte einen meiner gewöhnlichen Schneemänner auf dem Hofe; die Augen von Kohlen und die Lippen von rothem Ziegelstein. Nun kam mir aber die Lust, in diesem Fache weiter zu arbeiten, und ich bekam einen -- meiner Ansicht nach -- köstlichen Einfall. Das eiserne Gitter des Schlosses stand an diesem Tage gerade nicht offen. Es fuhren viele Bauern von Kopenhagen nach Hause. Die Wachstube der Leibgarde war neben dem eisernen Thore, das Fenster lag nach der Landstraße hinaus und im Zimmer stand ein großer Tisch. Was hatte ich zu thun? Ich bedecke den Tisch mit Schneebällen, sowie ein Bäcker seine Fächer mit Pfannenkuchen, mache das Fenster auf und bombardire nun von meiner sichern Festung aus die Bauern, während sie vorüber fuhren, mit Schnee in den Nacken. Von ihnen hatte ich Nichts zu fürchten, denn erstens konnten sie nicht herein kommen und zweitens konnten und wollten sie nicht Pferde und Wagen verlassen. Aber ich hatte nicht an einen mächtigen Bundesgenossen gedacht, der sich der unschuldig Angegriffenen annahm, und mir unerwartet in den Rücken fiel. Dies war mein eigener, leiblicher Herr Vater, der die Thür der Festung öffnete, und meinen Rücken mit einem Endchen Tau verarbeitete, das er zu diesem Gebrauche mitgenommen hatte, ohne sich im Geringsten durch das Inventiöse der Ausführung und das Lustige der Situation bestechen zu lassen.

* * * * *

[Sidenote: Die Schule.]

Sie brachten mich zu einer verdrießlichen alten Frau in die Schule, wo ich der Gelehrsamkeit zu Liebe sehr Viel ausstehen mußte. Wir mußten stets auf den Bänken still sitzen, und unser einziges Vergnügen bestand darin, die Wolle aus unsern Jacken zu zupfen und kleine Kugeln daraus zu machen. Wenn sie es bemerkte, so schlug sie uns mit dem Fingerhut auf den Kopf. Zuweilen bekam man einen Schlag mit einem Stücke Brennholz, wenn gerade nichts Anderes bei der Hand war. Ich weiß noch, wie ich die Hühner und Enten auf dem Hofe beneidete, die da draußen in freier Luft umherlaufen und gakeln und schnattern konnten ohne bestraft zu werden. Unsere Lehrerin hieß =Madame Bergau=, ihr Mann war Maler gewesen; in dem Zimmer hing ein Portrait von ihm, wo er mit Palette und Pinsel saß; dies betrachtete ich häufig aufmerksam. Er sah so fromm und freundlich aus, während seine Wittwe uns schlug, wenn wir nicht unsere Lectionen konnten. Eines komischen Ereignisses entsinne ich mich aus jener Zeit. Eines Tages, als ich in die Schule gehen sollte, und etwas später kam, wollte ich quer über den offenen Platz, welcher sich damals vor dem Schulhause befand, gehen. Quer über diesen Platz lief ein Graben, den ich ganz vergessen hatte. Die Sonne schien mir in die Augen; das konnte ich nicht vertragen, ich machte die Augen fast ganz zu, lief vorwärts, und ehe ich mich's versah, stand ich bis an die Hüften im Graben im Schlamm. So kam ich in die Schule, wo ich ausgekleidet wurde und den Unterrock der Hausmamsell anbekam, während meine Beinkleider gewaschen, getrocknet und geplättet wurden, und mußte so den ganzen Vormittag sitzen zum Spott und Hohn für Knaben und Mädchen, die es nicht unterlassen konnten, mich auszulachen. Bald lachte ich mit ihnen, bald weinte ich, und so verging die Zeit, bis die Hosen trocken waren.

* * * * *

Mein Trost war Hübner's biblische Geschichte. Wenn wir unsere Lectionen gelernt hatten, bekamen wir Erlaubniß, ein Stück daraus zu lesen. Jeder hatte sein Lesezeichen von mehr oder weniger vortrefflichem Stoffe, von Kattun an bis zum Gold- und Silberbrocat. Meine Mutter hatte mir Zeichen letzter Art gegeben, die wohl auch Zeichen der verschwundenen Herrlichkeit der Zeit sein mochten, wo sie bei der Gräfin Moltke war. -- Mit all' diesen Zeichen zwischen den Blättern konnte Hübner's Geschichte gar nicht zugemacht werden, sondern lag immer gähnend auf dem Rücken, und streckte die unzähligen Zungen bei Moses, Joseph, David, Salomon u. s. w., u. s. w. heraus.

* * * * *

Madame Bergau hatte einen Schwiegersohn, Herrn Kinderlein, der ein Kinderfreund war. Wenn er sie besuchte, war es ein Fest; denn erstens bekamen wir frei, und zweitens schnitt er unsere Federn, was Madame Bergau selbst nicht konnte.

* * * * *

[Sidenote: Tragische Geschichte.]

Zu dieser Zeit ungefähr muß folgende tragische Begebenheit eingetroffen sein, die einen großen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machte. Ich hatte einen Vetter, einen jungen Menschen, der meine Eltern besuchte. Er spielte einmal mit mir, ich ritt eben auf seinem Kniee, und war seelenvergnügt, als es mir einfiel ihn zu fragen: »Was ist Dein Vater?« -- »»Landrichter!«« -- »Landrichter!« rief ich, »pfui!« und sprang von seinem Kniee. Der Vetter machte große Augen und konnte nicht begreifen, woher diese Furcht und dieser Ekel vor dem Landrichter komme. Die Sache war die: Kurz vorher hatte sich ein Höker an einem Weidenbaume in der Friedrichsberger Allee gehängt. Mein Vater nahm mich mit, damit ich ihn sähe. Der Höker hing ganz niedrig, so daß die Füße fast den Erdboden berührten. Sein spanisches Rohr hatte er neben dem Graben eingesteckt, darauf hing sein dreieckiger Hut und die Zopfperrücke. Gerade gegenüber an einem Lindenbaume in der Allee war ein kleines Buch mit feinen Nägeln angeschlagen, in welchem berichtet stand, daß er sich aufgehängt habe, weil seine Frau ihn zum Hahnrei gemacht habe. Zwei Ruthen hatte er gebunden und unter den Baum gelegt, die eine war eine Birkenruthe, damit sollte die Frau gestraft werden, die andere war ein Dornenreis, und für ihren Buhlen bestimmt. -- Von all' Dem verstand ich nicht das Geringste, sondern starrte nur mit Entsetzen auf den Gehängten hin. Er sollte abgeschnitten werden, aber Keiner wollte ihn anrühren, bevor der Landrichter angekommen sei und Hand an ihn gelegt hätte, um die Arbeit ehrlich zu machen. Ich sah ihn mit seinen Leuten kommen; er berührte die Schulter des Gehenkten, der nun abgeschnitten wurde. -- Daher kam mein Entsetzen und mein Widerwillen gegen den Vater meines Vetters. Ich hatte keinen andern Begriff von einem Landrichter, als daß er ein Mann sei, der Leute abschneiden müsse, die sich selbst aufgehängt hätten.

* * * * *

Ich hatte Einen bei jedem zweiten Worte schwören hören und fand, daß es ihm gut stehe. Nun bekam ich auch Lust, und sagte eines Tages jeden Augenblick zu meiner Mutter: »Nein, das thut Adam weiß es Gott nicht.« Statt mich zu strafen, sagte sie jedesmal ganz ruhig: »Nein, das thut Adam gewiß nicht.« Auf diese Weise brachte sie mich bald dahin, das Schwören zu unterlassen.

* * * * *

Mein Vater pflegte zuweilen, wenn er mit mir spielte, mich in's Ohr zu kneipen und zu sagen: »Bist Du nicht meine Canaille?« -- Eines Tages, als Fremde bei uns waren, stellte ich mich mitten in's Zimmer, stützte beide Hände in die Seiten, sah meinen Vater starr an, und rief laut: »Bist Du nicht meine Canaille?« Zuerst bekreuzte man sich über den kleinen, schon so früh verlorenen Sohn; aber als man hörte, daß es eine Liebesbezeigung sei, die mein Vater mich selbst gelehrt habe, lachte man um so mehr.

* * * * *

[Sidenote: Die Schule des Küsters.]

Aus der Schule der Madame Bergau avancirte ich in die des Küsters, wo =Bernt Winckler=, Sohn eines wohlhabenden Grundeigenthümers und Gärtners in der Stadt und ich Kameraden mit den Straßenjungen wurden. Wenn wir dazu kommen konnten, so spielten wir gern mit ihnen nach der Schulzeit Anschlagens, am häufigsten bei den Steinpfeilern des Thores, welches den Eingang zum Schloßgarten bildete. Hier saß ein alter Mann, der Brot, Aal und Branntwein verkaufte. Wenn ich ein paar Schillinge hatte, kaufte ich wohl ein Brot und ein Stück gebratenen Aal mit Salz und vielen Staub darauf. Das schmeckte mit besser als das leckerste Gericht zu Hause. Einmal wollte einer meiner Schulkameraden mich dazu verführen, auch einen Schnaps zu trinken. Ich hatte bereits das Branntweinglas in der Hand, als mein guter Engel in der Gestalt meines Vaters zum Gartenthor hereinkam. Vor Schreck verschüttete ich den Branntwein: glücklicher Weise sah er mich nicht und ging in der Ferne vorüber; aber die Furcht hatte mich davon curirt, dieses gefährliche Experiment zu wiederholen.

* * * * *

[Sidenote: Naturgenüsse.]

In dem von Voigt angelegten Südfelde hatte ich täglich ein Bild von englischer Natürlichkeit vor Augen, sowie in dem alten Garten von französischer Regelmäßigkeit und zwischen Beiden das italienische Schloß voll schöner Zimmer und Gemäldegalerien. Meine Umgebung war im Sommer und Winter so verschieden, wie die Natur. Im Sommer wimmelte es draußen von Menschen, von schönen geputzten Damen; der ganze Hof war dort, schöne Tafel- und Janitscharenmusik konnten wir Kinder jeden Sonntag hören. Von einer Galerie aus konnten wir die königlichen Herrschaften bei Tische sitzen sehen. -- Das Südfeld dagegen war meist unbesucht, da es nur für den Hof bestimmt war. Aber mein Vater hatte den Schlüssel, und ich und meine Schwester machten viele Bekannte glücklich, wenn wir dort mit ihnen spazieren gingen. Da war es still und einsam, wie zehn Meilen von der Stadt. Wir besuchten das sogenannte Norwegische Haus, wo die große Natur im Kleinen täuschend nachgeahmt war; den Eremit in seiner Hütte, die Grotte mit den Crystallen und Erzstufen, einer Zauberhöhle gleich; das chinesische Lusthaus mit seinen großen Conchilienspiegeln, seinen bunten Bildern von Mandarinen und Damen mit Klumpfüßen; und den Glöckchen auf dem Dache, die sich im Winde bewegten und erklangen.

Einmal im Sommer machten wir gewöhnlich eine Wallfahrt nach dem Thiergarten, den schönen Strandweg entlang, oder über Ordrup, wo dann die uralten Buchen uns einluden, in ihrem Schatten die Erfrischungen zu genießen, die wir selbst mitgenommen hatten. Wir sahen dort den Seiltänzer und Kasperle, aßen im Grase und schnitten unsere Namen in eine dicke Buche, die sie noch trägt.

* * * * *

[Sidenote: Leben im Winter.]

Kam nun der späte Herbst, und zog die königliche Familie zur Stadt, so wurde auch der Schauplatz ein ganz anderer. Keine Musik mehr, keine Spaziergänger; aber Alles voll von Handwerkern und Arbeitsleuten auf dem Schloß und im Garten. Nun ging ich zwischen Maurern, Zimmerleuten, Tapezirern und Malern einher, zuweilen wagte ich mich sogar mit den Bleideckern aufs Dach hinauf. Und wie ich im Sommer die feine Lebensweise der großen schönen Welt bewunderte, so lauschte ich jetzt den Handwerksleuten ihr Wesen und ihre Eigenthümlichkeiten ab, und sah zu, wenn die Gärtner säeten, pflanzten oder Bäume pfropften. -- Mit Eintritt des eigentlichen Winters waren wir auf dem großen Schlosse mit zwei Wächtern und zwei großen gelben Hunden ganz allein. Das ganze Schloß gehörte dann uns, und ich ging in die königlichen Zimmer, betrachtete die Gemälde und baute Luftschlösser. Wenn gutes Wetter war, so erlaubte mein Vater mir zuweilen in die Stadt zu gehen, um Bücher aus der Leihbibliothek zu holen. Mit sechs Büchern in ein blaues Taschentuch gebunden, auf meinen kleinen Stock gesteckt und so auf dem Rücken getragen, kam ich dann in der Dämmerung wieder nach Hause. Wenn wir Thee getrunken hatten, und das Licht auf den Tisch gesetzt war, so kümmerten wir uns nicht um Sturm, Regen oder Schnee. Mein Vater saß dann im Lehnstuhl mit dem kleinen Hund im Schlafrocke und las laut vor; oder ich selbst las leise und folgte Albert Julius und Robinson Crusoë nach ihren Inseln, schwärmte im Feenlande mit Aladdin umher, oder amüsirte mich mit Tom Jones und lachte über Siegfried von Lindenberg. Die meisten von Holberg's Comödien wußte ich halb auswendig.

* * * * *

[Sidenote: Eine Hundegeschichte.]

Ich habe eine Hundegeschichte erwähnt und muß noch zwei erzählen. Wir hatten ein Dienstmädchen die nicht viel taugte, die aber doch den kleinen Present sehr liebte. Als sie nun fortzog und in Kopenhagen in Dienst trat, verschwand der Hund eines Tages, alles Suchen war vergebens, er war nicht zu finden; das rief große Trauer in der Familie hervor. Ich und meine Schwester beweinten den kleinen verschwundenen Freund, und glaubten, er sei todt. Die schmerzliche Wunde fing bereits an zu verharrschen, als ich vierzehn Tage darauf mit meinem Vater nach Kopenhagen ging. Zufälligerweise begegneten wir dem Mädchen mit dem Hunde unter dem Arm. Kaum sieht sie mein Vater, so geht er ihr gerade auf den Leib, und mit den Worten: »Ei du Canaille! hast Du meinen Hund da?« faßt er den kleinen Present ganz ruhig in den Nacken und reicht mir die Beute. Mehr Worte wurden nicht gewechselt. Aber mit welchem Entzücken ich den Hund nach Hause trug, und mit welcher Freude wir empfangen wurden, läßt sich nicht beschreiben.

* * * * *

Ernster, aber doch nicht so schlimm, wie sie hätte werden können, ist die zweite Geschichte: Ich kam eines Tages den beiden großen Doggen, die im Hofe angekettet waren, zu nahe. Der eine biß mir ein Stück aus dem Aermel und die Spur seiner Zähne saß in meinem Arm. Kaum sah meine Mutter dies, als sie die Wunde sorgfältig auswusch; darauf ging sie zum Wächter und sagte: »Er schießt mir gleich den Hund todt!« -- »»Gott bewahre, Madame, das ist ein königlicher Hund, von großer Seltenheit, ein Geschenk von einem vornehmen Herrn für das Schloß, das wage ich nicht.«« »Er schießt mir gleich den Hund todt,« fuhr meine Mutter fort, »jetzt fehlt ihm Nichts, aber er könnte vielleicht toll werden; er hat meinen Sohn gebissen und ich muß für die Rettung meines Kindes sorgen. Das Kind einer Mutter ist mehr werth, als ein Hund. Ich nehme Alles auf mich!« -- Der Hund wurde erschossen, und die Eigenmächtigkeit nicht gemißbilligt, obgleich die mütterliche Sorge ohne Zweifel eine übertriebene Vorsicht veranlaßt hatte.

* * * * *

[Sidenote: Ein Meteor.]

Wenn mein Vater die guten Freunde im Städtchen Friedrichsberg besuchte, so spielten sie Quadrille, bis wir Kinder in Schlaf fielen, und wir wurden erst dann wieder geweckt, wenn wir nach Hause gehen sollten. Ich mußte gewöhnlich die Laterne tragen, und entsinne mich noch eines sehr kalten dunkeln Winterabends, wo wir durch den Garten zum Schloß gingen. Plötzlich wurde es ganz hell, ein schöner Mond schwebte langsam über den Himmel dahin und verschwand. Meine Kniee zitterten, ich glaubte der Mond sei herabgefallen und ich wunderte mich darüber, daß mein kleines Licht in der Laterne noch brenne. Nun erzählte mein Vater mir allerlei von Sternschnuppen und Nordlichtern, was er in »Gottsched's Weltweisheit« gelesen hatte. Ich habe später nie ein so großes und schönes Meteor gesehen.

* * * * *

[Sidenote: Kunsteindrücke.]

Im Winter 1789 wurde unsere einförmige Lebensart eines Nachmittags unterbrochen, indem mein Vater und ich mit dem besten Freunde meines Vaters Winckler im Schlitten nach Kopenhagen fuhren, um die Illumination zu sehen, welche auf Veranlassung der Rückkehr des Kronprinzen aus Norwegen veranstaltet war. Ich wunderte mich über all' die Lichter in der großen Stadt und glaubte mich in die Feenmährchen Tausend und einer Nacht hin versetzt. Ich bildete mir sogar ein, daß der Schnee auf den Straßen, dem die vielen Lichter einen gelben Schimmer gaben, Sand sei, der auf das Pflaster gestreut war, um das Fest zu schmücken. Noch mehr wunderte ich mich im nächsten Jahre beim Einzuge über all' die schönen Sinnbilder und Ehrenpforten.

* * * * *

Ich ging übrigens nicht auf Rosen in meiner Kindheit, denn meine Eltern waren arm und litten an Nahrungssorgen. Dazu kam, daß meine jüngste Schwester Christine Marie mit einem Wasserkopf geboren wurde, und fünf Jahre in der Wiege lag, ehe sie starb, mit einem Körper wie ein Säugling, und einem Kopfe, größer als der eines erwachsenen Menschen. Ueber dieses große Unglück verfiel meine Mutter in eine tiefe Melancholie und war endlich für uns Alle und für sich selbst verloren. Aber der kindlich leichte Sinn tröstete mich, ich eilte rasch von dem Drückenden hinweg zu dem Schönen, wo ich mich meinen Träumereien hingab, die als Dichterknospen in der Phantasie des Knaben keimten. Das herrliche Schloß mit seiner gesunden frischen Luft, mit seiner schönen Aussicht vom Berge, seinem lustigen Menschengewühl im freundlichen Garten, seiner romantischen Einsamkeit in dem stillen, dunkeln, hüglichen Südfeld, Architectur und Malerei entzückten mich. Ich studirte die Bilder aus dem Schlosse täglich. In der kleinen Galerie machten die schönen Italienerinnen einen tiefen Eindruck auf mein Herz. Die Römerin in Bauerntracht, welche sitzt und näht; die Schöne, welche von der Maskerade mit der Maske unter dem niedlichen dreieckigen Hute kommt; die Blondine mit dem purpurfarbenen Mieder; die Schöne mit dem Tuche über dem Haar, und der schlanken Gestalt in dem grünen geschnürten Seidenkleide u. s. w. Als Gegensatz hing dort der starke Gustav Adolph mit seinem ehrlichen derben Rittergesicht. Auf den Plafonds sah ich die griechischen Götter; hier saßen sie alle bei der Tafel, dort fuhr Juno mit ihren Tauben, hier kamen Venus, Thetis, Neptun, Merkur zum Jupiter. Dort floh der finstere Haß mit den Fackeln in den Händen vor dem Frieden. Die herrliche Copie von =Lorenzen= nach einem von Rubens Meisterstücken, wo sie das Weib zu Jesus bringen, welcher sagt: »Wer sich ohne Schuld unter Euch fühlt, der werfe den ersten Stein auf sie,« machte besonders einen außerordentlichen Eindruck auf mich, und macht ihn noch jetzt. Nie habe ich seitdem ein Gesicht von Jesus gesehen, das mir ihm so sehr gleichen zu müssen schien, wie dieses. Dies Gefühl kommt wohl daher, daß ich ihn so zum ersten Male gemalt sah; aber der Kopf Jesu in diesem Rubens'schen Gemälde ist auch voll großer Schönheit, Adel, Klarheit, Milde, Verstand und Gefühl. Das kastanienbraune Haar ist vielleicht etwas zu röthlich, das Gesicht etwas zu sanguinisch blühend; es fehlt das tief Mystische, das eigentlich Göttliche! aber =wer= könnte das auch wiedergeben? könnte es wohl selbst =Raphael=? könnte es =Thorwaldsen=? -- Ich stelle diesen Jesuskopf von =Rubens= über den strafenden Jesus des =Giovanni Bellini= in der Dresdner Galerie, von =Carlo Dolci's= süß sentimentalem Christus nicht zu reden. Der Pharisäer und Saducäer Rubens, sind im höchsten Grade meisterhaft; welche vortreffliche Composition ist das Ganze! Der Pharisäer in der goldbrokatenen Kopfbedeckung mit dem prächtigen Bart, ein höchst merkwürdiges Gesicht! Man sieht, daß es ein Mann ist, der es vermag, die Ansichten seiner Zeit mit Energie zu beherrschen, und ihre Vorurtheile zu befördern. Man liest Bosheit, Strenge, Grausamkeit, Frechheit in dem verzogenen Lächeln, in den starrenden, tückischen Augen! Und nun der Saducäer -- der nicht an die Unsterblichkeit glaubt, und deshalb seinen Körper recht gemästet hat, bevor die Würmer ihn verzehren; mit gemeiner phlegmatischer Ruhe blickt er auf Jesus; aber heimtückischer Zorn über das Ideale, das Göttliche, das sich geltend zu machen wagt, schwebt auch auf seinem feisten Antlitz. Auch die Sünderin ist gut; die Lust, welche Rubens hatte, blühende Weiber zu malen, war hier an ihrem Platze. Sie schämt sich; ihr Gesicht ist halb verborgen; schöne Züge, welche die Fülle bereits zu verwischen beginnt, zeugen von einem Weibe, das mehr Körper als Seele ist. Es ist nicht Reue, sondern nur Verschämtheit, die sich bei ihr äußert. Der Vater, der ihr gleicht und neben ihr steht, hat ihr bereits vergeben. Der Erlöser zeigt ihr auch keine besondere Aufmerksamkeit, sondern nimmt nur von ihren Verhältnissen Veranlassung, eine allgemeine Lehre für den Menschen zu entwickeln, indem er sie von einem entsetzlichen Tode rettet. -- Was Wunder, daß ein solches Bild einen großen Eindruck auf meine kindliche Phantasie machen mußte? Ich machte durch dieses zuerst Bekanntschaft mit der religiös-historischen Malerei, und nach Allem, was ich später Herrliches und Großes in fremden Galerien gesehen habe, kehrt die Erinnerung doch oft dankbar zu Dem zurück, welches mir den ersten Eindruck gab.

* * * * *

Die herrlichen Landschaften von =Poulsen=, welche in demselben Saale hängen, wirkten auch stark auf mich ein. Ich lernte aus ihnen zuerst =Norwegen= kennen. Besonders stand ich immer staunend und betrachtete den schäumenden Sarp. Der Weg an den jähen engen Felsenklüften entlang, wo ein Pferd die Cariole hinunterzieht, indem es mit den bis zur Erde eingebogenen Hinterbeinen hinabgleitet, gefiel mir ganz besonders. -- Fügte ich nun die Vorstellungen, welche mir diese Gemälde erweckten mit dem norwegischen Hause im Südfelde zusammen, das ich täglich besuchte, so bekam ich keinen ganz schlechten Begriff von Norwegen, wovon ich mich viele Jahre später überzeugte, indem ich das Original mit meiner kindlichen Vorstellung verglich. -- Ein Bild in dem sogenannten Rosen- oder Maskeradensaal beschäftigte mich auch sehr. Dort sitzt ein berauschter junger Herr, mit weißseidenen Pantalons, einem Ritterhute, und einem Lächeln im Gesichte, das der Rausch fast zur Maske verwandelt, obgleich er die Maske abgenommen hat. Er hat ein großes Glas Rheinwein in der Hand, das er im Begriff ist zu verschütten. Ihm zur Seite stehen nüchterne Musikanten, die für's Brod arbeiten, während er trinkt. Der Türke (wahrscheinlich Friedrich IV.) lüftet die Maske der schönen Türkin etwas, mit der er neben mehreren anderen Schönen spricht. Wenn ich in meiner stillen Winterruhe ein Mal ein recht munteres Freudenfest mit glänzendem Gewimmel aller Stände haben wollte; -- so ging ich blos in den Maskeradensaal hinauf, und stand und starrte dort empor, bis mir der Nacken steif wurde; -- dann hatte ich mir ohne die geringsten Kosten das prächtigste Fest angerichtet.

* * * * *

Malerei und Musik trugen früher, als die Poesie dazu bei, meinen Dichtergeist zu wecken. Das Altarbild in der Schloßkirche und die Gemälde in der Friedrichsberger Kirche versetzten mich in die heilige Geschichte. Ich sah Christus als schönes, reines Kind vor den heiligen drei Königen und sah den entseelten Körper des Erlösers, vom Kreuz herabnehmen und einwickeln von den treuen Hinterbliebenen. Oben in den vergoldeten Wolken lag phantastisch das Lamm mit der Fahne auf dem Buche mit den sieben Siegeln. Durch ein kleines Schiff, welches in der Kirche zum Andenken an einen dort begrabenen Seemann hing, bekam ich den ersten Begriff von der Einrichtung eines Schiffes.

* * * * *

Die Musik wirkt mächtig auf das kindliche Gefühl ein, und ich hatte Musik von jeder Art; von Pfeifen und Trommeln der Leibgarde an, bis zu den frommen heiligen Tönen der zwei Orgeln. Die Tafelmusik konnte ich jedesmal hören. Die Blaseinstrumente waren höchst unterhaltend, aber wenn zuweilen Concert war, und das Saitenspiel dazu kam, so wurde es erst ein rechter Genuß. So hörte ich zeitig schon viele gute Compositionen.

* * * * *

[Sidenote: Unser Prediger.]

Und die Töne vermischten sich dann auch mit der Poesie. Unsere Mädchen sangen altnordische Heldenlieder; in der Kirche sang ich selbst Psalmen. Manches lustige Gesellschaftslied hörte ich, wenn Fremde bei meinen Eltern waren. Bei solchen Gelegenheiten kam zuweilen ein Canalinspector zu uns, der =Schiött= hieß, ein lustiger, aufgeweckter Mann, der im Stande war, einen ganzen Kreis zu beleben. Ein Mann, der meine Aufmerksamkeit auch sehr auf sich zog, war unser Prediger, Dr. später Prof. =Schmidt=. Sein Buch über die »Bestimmung der Thiere« las ich mit großer Freude, als ich es später einmal als Prämie in der Schule bekam. Wir hatten vorher einen sehr ernsten und stillen Prediger, Herrn =Bruun= gehabt; gegen ihn stach Schmidt sehr durch sein geniales Wesen ab. Er predigte vortrefflich und begeisterte die Gemeinde; aber er scheute sich auch nicht, in gesellschaftlichen Stunden der Freude, ja sogar der unschuldigen Ausgelassenheit zu huldigen. So mußte mein Vater, wenn er Schmidt recht amüsiren wollte, ihm folgende deutsche Weise vorsingen:

Ich wollt' um tausend Thaler nicht, Daß mir der Kopf ab wär'; So lief ich mit dem Rumpf herum, Säh' Niemand, wer ich wär'. Wenn ich kein Geld zum Saufen hab', So geh ich und schneid' Besen ab; Und lauf' die Straße auf und ab, Und rufe, kauft mir Besen ab! Damit ich Geld zum Saufen hab'.

* * * * *

Von den lustigen Einfällen des Canalinspectors Schiött entsinne ich mich nur eines; aber er konnte fast nicht den Mund aufmachen, ohne etwas Possirliches zu sagen. -- Er suchte ein Mal um eine Zulage zu seiner Gage beim Kronprinzen nach. Dieser sagte im Scherz zu ihm: »Ei was, Schiött, Sie haben keine Noth, Sie gehen ja mit seidenen Strümpfen in den Halbstiefeln.« »»Nehmen Sie sich in Acht, Ew. königl. Hoheit,«« -- rief Schiött -- »»es sind, hol' mich der Teufel, keine Socken an den Schäften.««

* * * * *

[Sidenote: Sommergenüsse.]

Im Sommer war es immer ein Festtag für mich, wenn mein Vater mich mit auf den sogenannten =Entenhügel= im Friedrichsberger Garten nahm, um Stachelbeeren zu pflücken. Wir hatten nur zwei Stachelbeerbüsche in unserm kleinen Garten, und trotz der jährlich wiederkehrenden Sehnsucht nach Stachelbeeren, fiel es meinem Vater doch nie ein, welche zu pflanzen. Aber auf dem Entenhügel wuchsen sie in Menge, da Keiner hinüberkommen konnte, der nicht den Schlüssel zur fliegenden Brücke hatte. Hier bekam ich die schönsten Stachelbeeren in Masse. Schlimm dagegen ging es mir ein ander Mal. Ich hatte von meiner Mutter nie Erlaubniß, auf eigene Hand weiter, als bis an die Grenze des Schloßberges zu gehen. Eines Tages, als ich auf einer Bank saß, kam der Hofgärtner =Petersen= vorbei und sagte: »Adam, willst Du Stachelbeeren haben?« -- »»Ja, gern.«« -- »Dann komme mit!« Ich folgte ihm den Berg hinunter in den Fruchtgarten hinein, wo er mir das herrlichste Bouquet Stachelbeerzweige, voll der schönsten Früchte, abschnitt. Mit diesem Strauß stürzte ich froh den Berg hinauf und nach Hause, um ihn meiner Mutter zu zeigen. Aber ach! das Stachelbeerbouquet hätte mich durch seine Ruthenform warnen sollen! Meine Mutter war in tödtlicher Angst wegen meiner Entfernung gewesen. Ich bekam die Ruthe! Nach überstandener Strafe und getrockneten Thränen setzte ich mich ganz getrost auf die Thürschwelle beim Bogengang hin, und pflückte meine Stachelbeeren von den Zweigen, so lange noch eine daran war.

* * * * *

[Sidenote: Vogelschießen.]

Eines lustigen Festes entsinne ich mich aus meiner frühen Kindheit, wo es mit mir leicht ein trauriges Ende hätte nehmen können. Es war bei einem Vogelschießen im Südfelde. Diese Schützengesellschaft hatte ihren Anfang unter den Küchenjungen gefunden, die Erlaubniß bekommen hatten, auf dem Küchenhofe mit Armbrüsten nach einem an die Planke befestigten Vogel zu schießen. Nun darf man unter den Jungen in der königlichen Küche nicht eben kleine Jungen verstehen, sondern dies waren Männer, die sich mehre Male in der Woche rasiren ließen. Einige unter ihnen waren verheirathet und hatten selbst Kinder. Die Benennung stammte aus alten Zeiten her. Diese jüngeren königlichen Köche hatten also jene Gesellschaft gegründet; die älteren nahmen daran Theil; unter ihnen waren einige, welche Aide-Köche hießen, Mundköche (die doch nicht die einzigen waren, welche für den Mund kochten), und auch der Küchenmeister, der Vornehmste, von dem ich in meiner kindlichen Einfalt nicht begriff, wie er nicht eben so vornehm, wie der Stallmeister sei, da er doch für Menschen und dieser nur für Pferde sorgte. Als diese Honeratioren hinzu kamen, nahmen auch die anderen Hofofficianten daran Theil: der Conditor, der Kammer- und Hoffourier, der Hofschreiber, der Silbermeister, der Kammerdiener und der Kammerlakai. Der Schloßverwalter und mein Vater kamen auch dazu. Nun erhielt die Gesellschaft Erlaubniß, im Südfelde zu schießen. Aber es währte nicht lange, ehe das in seiner Entstehung Geringe zu größerer Pracht überging, was leicht begreiflich ist, wenn man weiß, daß der Hoftapezirer, der auch in der Gesellschaft war, die Erlaubniß erhielt, auf königliche Rechnung Zelte aufzuschlagen. Die Köche und der Conditor lieferten kalte Küche und Confect. Beinahe hätte ich vergessen -- der Mundschenk, der über den Wein verfügte, war auch dabei. Jeder suchte nach besten Kräften zu den Bedürfnissen der Gesellschaft beizusteuern. Jeder dachte, so wie der Wachtmeister im Wallenstein:

Ging es nicht aus seinen Kassen, Sein Spruch war leben und leben lassen.

In der glänzenden Periode dieser Gesellschaft waren die Stifter bescheiden ausgetreten, während die Hofcavaliere sie mit ihrem Besuch beehrten und einzelne Schüsse thaten, so wie die Mitglieder der königlichen Familie in der dänischen Brüderschaft im Schützenhause. Zwei vortreffliche, starke Armbrüste, die mit einer Maschine gespannt werden mußten, vertraten den Büchsendienst, denn mit Pulver und Blei durfte im Südfelde nicht geschossen werden. Mit klingendem Spiele zog nun der Zug aus -- und wenn man hört, daß gerade mein Vater Schützenkönig war, und mit einem grünen Band über dem Fracke voran ging, so kann man begreifen, welchen Eindruck dies auf uns Kinder machen mußte; wir waren auch geputzt und kurz bevor der Zug eröffnet wurde, nahm ich meine Schwester in einen Winkel und sagte: »Hör' mal, Sophie, weißt Du was, wenn unser Vater König ist, so müssen wir ja Prinz und Prinzessin sein.« »»Ja««, sagte sie, »»das ist wohl nicht anders möglich.«« Indessen nahmen wir uns vor, durchaus nicht hoffährtig zu werden, sondern alle mögliche Herablassung gegen die anderen Kameraden zu zeigen, die das Schicksal nicht so hoch, wie uns gestellt hatte. Ob mich nun diese Prinzengedanken zerstreut machten, oder dies ein paar Blumen im Grase waren, welche ich pflücken wollte, genug, ich vergaß Alles, kroch unter der Schnur weg und wollte gerade auf die entgegengesetzte Seite hinüberspazieren, als ein eisenbeschlagener Bolzen, wie ein Vogel an meinem Kopfe vorübersauste. »Herr Jesus, mein Kind!« schrie meine Mutter, welche auf einer Bank in der Nähe bei einem Zelte saß. -- Mich hatte es nicht erschreckt, ich kam laufend mit Blumen in der Hand, und glaubte nur, ich solle ausgezankt werden, weil ich unter der Schnur hinweggekrochen war. Ein theilnehmender Freund brachte mir eine Tasse Eis aus dem Zelt, um mich meinen Schreck vergessen zu machen, den ich gar nicht empfunden hatte. Und während meine Mutter ihre Augen trocknete, und sie dankbar zum Himmel erhob, aß ich ganz gleichgültig mein Eis, und konnte nicht begreifen, worüber sie so gerührt war.

* * * * *

[Sidenote: Ein Volksfest.]

Aber von einem wirklich großen Volksfeste war ich Zeuge, ohne doch noch seine Bedeutung zu verstehen, als der Kronprinz Friedrich den Grundstein zur Freiheitssäule vor dem Westthore legte. Es war ein ungeheures Menschengewimmel, und ich konnte nicht begreifen, warum der Prinz an dem Tage, wie ein Handwerksgeselle mit Kalk und Steinen mauern solle. -- Es erfreute meine kindliche Phantasie, die Säule sich erheben und mit den schönen Statuen geschmückt werden zu sehen. Ich hatte bereits eine dunkle Idee von der Kunst.

Ein herrlicher Mann, ein Freund meiner Eltern, besuchte uns häufig und sprach oft, besonders mit meiner Mutter, von Aehnlichem. Das war der Baumeister Professor =Harsdorf=. Ich sehe ihn noch, den freundlichen Greis in seinem grauen Rocke und mit dem dreieckigen Hute, mit dem spanischen Rohre in der Hand, kleine Locken an den Ohren und einem kleinen Zopf im Nacken. Ich entsinne mich daß er oft, aber milde und geduldig, über Schmerzen in der Seite klagte. Er schenkte meinen Eltern einige Kupferstiche für ihr Zimmer, die vier Jahreszeiten, mit französischen Versen darunter, und _la bonne femme de Normandie_ von Ville. Ich habe sie geerbt und besitze sie noch. --

* * * * *

[Sidenote: Eine Räubergeschichte.]

Nachts schlief ich in dem Bette meines Vaters, wo er mich, ehe wir einschliefen, oft schalt, weil ich so unruhig lag. Diese Unruhe wuchs, je älter ich wurde, mein ganzes Leben hindurch. Ich manövrire die ganze Nacht mit den Decken, wie ein Seemann mit seinen Segeln; bald sind es zu viele, bald zu wenige. Doch stört dieses häufige Bewegen und Aufwachen durchaus nicht meine gesunde Ruhe; ich schlummere gleich wieder ein. In einer Nacht, als ich meinen Vater durch dieses Hin- und Herwerfen geweckt, meine Schelte bekommen hatte, und nun darauf lauerte, wie ich mich bald wieder unbemerkt umdrehen könnte -- hörten wir, daß fern im Schlosse eine Fensterscheibe eingeschlagen wurde. Es war eine kalte Herbstnacht. Die beiden alten Wächter lagen ziemlich fern von uns und sie waren, nebst zwei Hunden, die ganze Besatzung der Festung. Mein Vater fühlte nicht die Verpflichtung im bloßen Hemde hinauszulaufen, um sich mit Räubern herumzuschlagen, wenn dergleichen da wären. Dies war auch ohne Beispiel, und er glaubte, sein Ohr habe ihn getäuscht. In diesem Glauben bestärkte ich ihn, obgleich ich selbst es auch gehört hatte, und -- wir legten uns in Gottes Namen wieder ganz ruhig hin, um einzuschlafen. -- Am nächsten Morgen entdeckten wir, daß, ganz richtig, ein Einbruch in die Schloßkirche Statt gefunden habe. Ein Dieb hatte eine der Fensterstangen ausgebrochen, seine Leiter an die Kirche gestellt und einen großen, massiv silbernen Altarleuchter gestohlen. Mein Vater eilte gleich zur Stadt und gab dies vor dem Oberhofmarschall und dem Polizeidirector an. Allen Goldschmieden in der Stadt wurde es bei Zeiten mitgetheilt. Es währte nicht lange, so kam ein Soldat und wollte ein großes Stück Silber an einen Goldschmied verkaufen. Er wurde festgehalten und gestand gleich, daß er den Leuchter in der Sandgrube im Südfelde beim Norwegischen Hause verborgen habe. Nur das eine Stück war abgeschlagen. Der Leuchter wurde wieder in Stand gesetzt, und mit dem andern in Verwahrung gebracht.

* * * * *

[Sidenote: Kindlicher Stolz.]

Ungeachtet meine Eltern sehr mäßig lebten, so kamen im Sommer doch viele Leckerbissen aus der Küche und Conditorei des Königs zu uns. Wir bekamen oft Eis in kleinen schönen Porzellanschalen. Es vergingen viele Jahre, ehe ich wußte, daß solches Eis eigentlich kalt sein müsse, da ich es früher immer zerlaufen wie Brei bekommen hatte. Es ging mir mit diesem Eis fast wie viele Jahre später mit Schlegel's Shakespeare; die Jamben wollten mir im Anfange nicht recht munden, weil ich vorher daran gewöhnt war, den Shakespeare in der Wieland'schen und Eschenburg'schen Prosa zu lesen.

* * * * *

Die hübsch gekleideten Pagen, welche ihre Schule mir gegenüber in dem andern Bogengang hatten, und in ihrer prächtig rothen Tracht, mit gelben Unterkleidern, weißseidenen Strümpfen und Goldtressen jeden Tag zur Tafel hinaufgingen, interessirten mich sehr; aber sie imponirten mir nicht. Die stolze Adelsmiene, die sich in meiner Kindheit noch oft zeigte, entdeckte ich auch in dem Gesicht einiger dieser Knaben, und sie erbitterte mich. So lange ich denken kann, war es mir unmöglich, Geringschätzung zu ertragen; sie konnte mich fast rasend machen, bis ich ihr im reiferen Alter erst mit Spott und dann mit christlicher Geduld zu begegnen lernte.

Meine Mutter sagte einst, ich könne mit den Pagen wohl auch einmal spielen, wenn sie es wollten. »Kann ich denn auch =Du= zu ihnen sagen?« fragte ich. »Nein, das geht nicht.« -- »Dann will ich auch nicht mit ihnen spielen.« --

Einmal hatte einer dieser Pagen Lust bekommen, meines Vaters Garten zu besehen und fragte mich, ob er mit hineingehen dürfe. Ich antwortete gleich Ja; mit vieler Freundlichkeit führte ich ihn umher und erzählte ihm ein Weites und Breites von dem kleinen Garten. Er maß mich mit einem vornehmen Blick, und fing an, von den Herrlichkeiten seines Vaters zu sprechen; ein Wort gab das andere, er wollte seinen Rang geltend machen, und ich gab ihm einen Hieb über den Rücken, mit dem er seiner Wege ging und mich bei den Anderen verklagte. Ich ging nach Hause. Es währte nicht lange, so kam der älteste Page in seinem vollen Staate, bevor er zur Tafel ging, in unser Zimmer, klagte mich an und bat meinen Vater, den ungezogenen Jungen im Zaum zu halten, der jungen Adeligen nicht den schuldigen Respekt erweise. Ich stand im Winkel, schwieg ganz still, und dachte, was soll daraus werden? Aber wie sehr erleichterte es mein Herz, als mein Vater sagte: »Ja, mein junger Herr! darauf kann ich mich nicht einlassen; geben Sie sich mit meinem Sohne ab, so müssen Sie auch mit in den Kauf nehmen, was daraus folgt. Ich weiß nicht, wer Recht und wer Unrecht gehabt hat.« Damit ging der Page, und als mein Vater hörte, daß der Hieb als Strafe für Mangel an schuldiger Achtung vor seiner eigenen Person gegeben war, so hatte er Nichts weiter dagegen einzuwenden.

* * * * *

Zu den Lehrern der Pagen gehörte auch der Dichter =Samsöe=; aber ich kann mich durchaus nicht erinnern, ihn jemals gesehen zu haben. Ich ahnte nicht, daß mir gegenüber der Dichter wohnte, der mich einige Jahre darauf durch seine Tragödie Dyveke hinreißen würde. Und Samsöe ahnte eben so wenig, daß der kleine Junge, der da drüben spielte, nach ihm Tragödien schreiben würde.

* * * * *

[Sidenote: Bernd Winckler.]

Der Spielkamerad, mit dem ich am meisten umging, war =Bernt Winckler=, aber es war nicht Sympathie, die uns vereinigte; unsere Charactere und gewöhnlich auch unsere Ansichten waren äußerst verschieden, was auch die Ursache war, daß wir im Jünglings- und Mannesalter fast ganz aus einander kamen, obwohl wir gegenseitig stets unsere guten Eigenschaften achteten, und die Erinnerungen der Kindheit nicht selten unsere Gefühle verschmolzen. Sein außerordentlicher Witz, sein vorzügliches Gedächtniß und der bestimmte eigenthümliche Charakter übten ihre Macht auf mich aus; ich war unendlich gern in seiner Gesellschaft und wir vergnügten uns immer prächtig, so lange unsere Geister ruhig und friedlich auf einander einwirken konnten. Aber wenn er mich neckte, und wenn ich hitzig wurde -- so war die Freundschaft für den Tag unterbrochen. Ich äußerte meine Gefühle stark, und wurde ungeduldig, wenn ich keine Sympathie fand; er kritisirte mich immer, und wenn ich Bitterkeit in der Kritik zu finden glaubte, -- so wurde ich auffahrend und wägte nicht länger meine Worte ab. Aber ich schrieb ihm gleich Versöhnungsbriefe. Das Erste, wenn wir uns wieder sahen, war meine Frage: »G. oder F.?« (Gutfreund oder Feind?) Und wenn er zuweilen kalt antwortete: »F.«, so ließ ich mich doch nicht abschrecken, sondern ruhte nicht eher, als bis ich ihn durch Freundlichkeit wieder gewonnen hatte. -- Wir haben gewiß einen viel größeren Einfluß auf einander gehabt, als wir selbst wissen; denn indem wir beständig disputirten und mehrere Jahre hindurch uns unablässig Briefe schrieben, übten wir Mund und Feder.

* * * * *

[Sidenote: Meines Vaters Umgang.]

Der Umgang meines Vaters in Friedrichsberg bestand aus Winckler's Vater, dem alten Oberlandsinspector Berner, Hunäus, Dr. genannt, eigentlich nur Chirurg, und zuweilen dem Bäcker Kamphövener. Der alte Winckler war ein rüstiger, flinker, großer, hagerer Schwede, ernst in seinem Benehmen, munter und zufrieden in seinem Gemüth. Er war Gärtner gewesen, stand sich sehr gut, hatte Feld bei seinem Hause, einen prächtigen, gut gepflegten Garten, und wirthschaftete immer fleißig als Gärtner und Landmann. Er war ein großer Oekonom, und so sparsam und ordentlich, daß er, um ein einziges Beispiel anzuführen, eine Stecknadel in seinem Hemdkragen trug, die er viele Jahre eben so sorgfältig aufbewahrt hatte, wie ein Anderer seine Diamantbusennadel. Er bewohnte ein kleines unansehnliches Haus; aber es erfreute mich sehr, das Friedrichsberger Schloß mit Winckler's kleinem Zimmer zu vertauschen, wo Norcros und Drackenberger im Kupferstich über dem Büreau, besonders der Erste mit seinem langen Bart, im Gefängniß mit seinen Mäusen spielend, stets meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Der alte Winckler erzählte gern von Drackenberger, der ein sehr hohes Alter erreicht hatte, und er ahmte ihm in sofern nach, als er selbst 92 Jahre alt wurde, und das Jahr vor seinem Tode eben so schnell von Friedrichsberg nach Kopenhagen ging, wie 50 Jahre vorher. Er las gern komische Romane, besonders Tom Jones und Siegfried von Lindenberg waren seine Lieblingslectüre. Mein Vater war vielseitiger und gebildeter; er war witzig und lärmend lustig, wenn Winckler ganz ernst dasaß; aber mein Vater liebte auch das Rührende und Schilderungen aus dem höhern Leben. Diese zwei Männer hatten einander sehr lieb, und die Freundschaft hielt sich so lange, wie sie zusammen lebten. Ich entsinne mich eines hübschen Zuges in dieser Beziehung vom alten Winckler. Mein Vater spielte oft als Organist bei Begräbnissen; Winckler, der einige Jahre älter, als er war, sagte einmal zu ihm: »Wenn ich sterbe, sollen Sie nicht für mich spielen; Sie sollen mich dann zum Grabe geleiten.« Aber es geschah nicht; der Aeltere geleitete den Jüngeren zum Grabe.

* * * * *

[Sidenote: Ideosynkratie.]

Wenn unsere Eltern zusammen kamen und Quadrille spielten, waren der alte Berner und Hunäus der dritte und vierte Mann, wenn nicht Madame Winckler und meine Mutter eine Partie mitmachten; Berner wohnte neben Winckler. Der alte Oberlandsinspector war ein reicher Mann, ebenso wie letzterer; er besaß ein großes Haus, einen großen Garten, und wurde, da er auch der Aelteste war, stets mit einer gewissen Ehrerbietung von den Anderen behandelt. Er war ein kleiner, stiller, feiner Mann. Ich entsinne mich nicht, daß er jemals ein Wort mit mir gesprochen hätte. Hunäus war mit einem Verwandten seiner Frau verheirathet. Dieser war ein lustiger, humoristischer Mann. In jüngeren Jahren war er Schiffsarzt gewesen und nach Westindien gefahren. Jetzt hatte er ein Haus auf Friedrichsberg mit Feld und einem großen schönen Garten, und lebte theils von seinem Grundstück, theils von seiner Praxis, denn er war Arzt des Städtchens. Wenn er Einladungen für den alten Berner zu einer Quadrillepartie schrieb, so nannte er ihn stets Admiral, die Andern Capitains, und diese wurden dann von ihren Fregatten aus das Admiralschiff geladen. Er kam selten nach Kopenhagen, aber wenn er's that, so besuchte er gern einige alte westindische Freunde, wo dann alter Madeira zum Frühstück aufgetragen wurde; wenn er von da zurückkam, war er noch ein Mal so lustig, als gewöhnlich, und dann hieß es: der Doctor ist in der Stadt gewesen.

* * * * *

Ich hatte ihn sehr lieb, obgleich er mir zuweilen Kinderpulver gab. Eine eigene Geschichte muß ich in Bezug auf dieses Kinderpulver erzählen, da sie von psychologischem Interesse ist. Mein Vater hatte vom Gärtner Petersen »Malling's große und gute Handlungen einiger Dänen, Norweger und Holsteiner« geliehen, theils um das Buch selbst kennen zu lernen, theils um mich nach all' den Mährchen, Romanen und Schauspielen, die ich verschlang, etwas Nützliches lesen zu lassen. Aber ein unglückseliger Umstand machte, daß viele Jahre vergingen, ehe ich an diesem, in mancher Beziehung vortrefflichen Werke Geschmack finden konnte. Ich entsinne mich noch, wie gestern, daß es in einem grünen Bande Morgens auf dem Tisch lag, wo Thee nach der neuen Mode getrunken wurde, nämlich mit Butterbrot dazu, was Petersen bei uns eingeführt hatte und uns eine herrliche Erfindung schien. Aber an diesem Morgen bekam ich kein Butterbrot; denn ich hatte Kinderpulver eingenommen. Das Pulver lag neben den großen und guten Handlungen; es war Etwas davon aufs Buch geschüttet worden; als ich dies in die Hand nahm, roch es in seinem grünen Einbande so stark nach Medicin, wie ein Patient in seinem grünen Schlafrock im Friedrichshospital; und ich warf es von mir. Es vergingen mehre Jahre, ehe ich mich dazu zwingen konnte, es zu lesen, und ehe der innere Geruch des Kinderpulvers aus »Malling's großen und guten Handlungen« verging.

* * * * *

[Sidenote: Ewald und Wessel.]

Der Gärtner Petersen lieh uns auch Ewald's und Wessel's Schriften. Besonders die Kupfer in diesen Werken waren es, die meine Aufmerksamkeit zuerst anzogen. Mit Bewunderung betrachtete ich Ewald's Bild. Er sah krank und arm aus und ich erstaunte darüber, daß all' die schönen Dinge aus der Krankenkammer eines so unglücklichen Schwächlings gekommen sein sollten. Er sah gefühlvoll, gedankentief und freundlich aus. Die Haare waren, wie bei einem Bauer, von der schönen Stirn nach hinten gestrichen. Nun öffnete ich das Buch und fand mich plötzlich in das Paradies versetzt, das ich aus Madame Bergau's und des Küsters Schule sehr gut kannte. Es war mir sehr lieb, die nähere Bekanntschaft der Engel zu machen, denn ich hatte noch keinen rechten Begriff von ihnen gehabt. Nun sah ich sie, freundlich oder zürnend, mit Blitzen und Wolken in den Abildgaard'schen Zeichnungen. Ein kleines Versehen fand Statt, da wo Adam eilends herbeiläuft, um Eva an dem Essen des Apfels zu hindern; ich glaubte nämlich, weil er so wild und rasend aussah, mit hoch erhobenen Händen fechtend, daß es der Satan sei, bis ich besser unterrichtet wurde. Der liebe Harlequin, den ich so gern mochte, und im Thiergarten neben Kasperle sah, waren auch hier. Die Bataille auf dem Fußboden mit dem Schreiber war gerade nach meinem Geschmacke. -- Der Herausgeber macht eine Entschuldigung, daß =Chodowiecki= das Stück mißverstanden, und Harlequin in seiner Harlequinstracht dargestellt habe; dies konnte ich natürlich nicht verstehen, und habe es auch später nicht verstanden. Ein Stück wie Ewald's Harlequin der Patriot, welches keine objective Wahrheit enthält, sondern dessen Werth in der satyrischen Fiction liegt, wo die Hauptperson eine lyrisch-komische Mythe, kein natürlicher Charakter ist, -- ein solches Stück gewinnt gerade dadurch, daß Harlequin seine Maske eben so wie in den alten italienischen Komödien behält.

In Ewalds Rolf Krage öffnete die nordische Sage zum ersten Mal ihre Grabhügel vor mir, zeigte mir ihre Aschenkrüge und beschwor ihre Geister herauf. Auch hier waren es zuerst die Bilder, welche meine Aufmerksamkeit fesselten. Das eigenthümlich Geheimnißvolle in dem Walde mit den Lusthäusern und den Lampen; die Schildjungfrauen mit dem Helm und den langen Haaren; der wunderliche barbarische Trotz verbunden mit dem Gefühlvollen in den Gesichtern.

Wessel's Portrait war nun wieder ganz verschieden von Ewald's; es sah höchst launig aus, und der satyrische Spott in den starken Augenbrauen, die sich wie Bogen wölbten um die Pfeile des Witzes abzuschießen, wurde durch einen gewissen freundlich melancholischen Ausdruck in dem ganzen Gesicht gemildert.

* * * * *

Winckler zog Wessel, ich den Ewald vor, und wir stritten oft darüber, wer von diesen Dichtern der größte sei. Ueber Holberg fiel es uns niemals ein, zu streiten. Uebrigens hatte Winckler stets mehr Sinn für das Lustige; das Gefühlvolle wollte ihm nicht recht munden, bis er Lafontaine's Romane las, wo dann das Erotische sich in ihm zu entwickeln begann. Es war ihm leicht, Etwas lächerlich zu finden, wo man es am Allerwenigsten hätte erwartet haben sollen. Wenn ich ihn zuweilen mit hinauf in die königlichen Zimmer nahm, wo wir von einem dunklen Saale aus unbemerkt die Abendtafelmusik hören konnten, und ich entzückt über die schönen Töne dastand, amüsirte ihn nichts Anderes, als die allertiefsten Töne des Fagotts und des Waldhorns, welche ihn durch die sonderbarste Ideenassociation von der Welt dahin brachten, die Zunge halb entzwei zu beißen, um nur nicht vor Lachen zu bersten. Endlich steckte er mich auch damit an, und wir mußten fortlaufen, um nicht gehört zu werden.

* * * * *

[Sidenote: Des Küsters Schule.]

Des Küsters Schule war eine Schule für Straßenjungen, deren es in meiner Kindheit viele auf Friedrichsberg gab; denn es wohnten daselbst eine Masse armer Leute, welche in der Fabrik des Meister Collin (der Vater des noch jetzt lebenden Conferenzrathes) den Spinnrocken traten. In Flicken und Lumpen mit hölzernen Schuhen kamen diese Jungen in die Schule, die wie ein Schweinestall aussah, mit ausgetretenem Steinboden und Tischen und Bänken, wie in dem schlechtesten Krug. Winckler's älterer Bruder, Henrik, der auch dort hinging, und unser Primus war, weil er alle Anderen an Jahren und Kräften überragte, schnitt tiefe Rinnen in die Tische, mit Ausläufen an den Seiten; zuweilen nahm er dann Bier mit, goß es in die Hauptrinne und nun saßen die armen Jungen mit dem Munde an den Ausläufen, um etwas von dem Bier zu bekommen, das er ihnen in dem Troge schenkte. Ich saß oft im Winter auf einer alten Lade, die in der Nähe des großen Kachelofens stand, und amüsirte mich damit, den Schnee auf der Platte schmelzen zu lassen, den ich in der Tasche von der Straße mit hereingebracht hatte. In der Schule ging unser Präceptor, =Lassen=, oder wenn er abwesend war, der Küster, Herr =Wiebe= selbst, Beide dick, in Schlafröcken, mit Nachtmützen auf dem Kopf und langen thönernen Pfeifen im Munde einher. Jeden Sonntag schrie Herr Wiebe, wie ein Kiebitz, die Psalmen in der Kirche, so daß mein Vater oft alle Register, bis zum lärmendsten hinauf, welches zur Ueberschrift Mixtur hatte, ausziehen mußte, um ihn durch die Orgel zu übertönen. Seiner Gemeinde machte der Küster Besuche in einem hellgelben Fracke, mit schwarzen Knöpfen. -- Die Evangelien, Psalmen, Pontoppidan's Erklärung, Schreiben und Cramer's Rechnenbuch waren die Wissenschaften, die gepflegt wurden; doch lernten Winckler und ich auch etwas lateinische Grammatik, aber blutwenig. Herr Wiebe schrieb ein Mal in mein Schreibebuch: _ora et labora_, was beweist, daß sowohl er wie ich Latein verstand. Wenn der Bischof =Balle= oder der Probst =Bast= zur Visitation kamen, so wurde die Schule so gut, als möglich geschmückt. Hier bekam ich zuerst eine Idee davon, was ein Souffleur sei, wenn unsere Mentors, die außerhalb des Kreises saßen, dessen Centrum durch den Bischof oder den Probst gebildet wurde, hier und da durch ein leises In's-Ohr-Flüstern dem schwachen Gedächtniß oder der starken Unwissenheit zu Hülfe kamen. So entsinne ich mich deutlich, daß, als der Probst mich einmal lächelnd fragte, was =trockenes Wasser= sei und ich ihm die Antwort schuldig blieb (Oersted bliebe sie ihm vielleicht noch heute schuldig) der Küster flüsterte: »die Wolken.« Ich wiederholte dies ins Blaue hinein, und der Probst bewunderte meinen kindlichen Scharfsinn. Ich kann nie den Schulmeister in Holberg's »Weihnachtsstube« fragen hören: »Gevatter, wollen Sie Sprüchwörter oder Sentenzen?« ohne mich an jene Scene zu erinnern. Solche Verstandesübungen waren damals sehr üblich. Auch die Art, dieselbe Sache dreimal mit denselben Worten zu wiederholen, um sie recht deutlich zu machen, die man in allen alten Documenten findet, und über die Holberg sich in Else David Schulmeisters Rede lustig macht, war noch in meiner Kindheit in Gebrauch, und ich entsinne mich einer oratorischen Wendung in einer Leichenpredigt sehr gut, die folgendermaßen lautete: »Drei Tugenden zeichneten diese hohe Prinzessin aus: hohe Geburt, fürstliche Abstammung und königliche Schwägerschaft.«

Bischof Balle war ein liebenswürdiger Mann, den wir bald wie eine Gottheit anbeteten, die uns vom Himmel herniederkam. Seine große Gestalt imponirte, sein Gesicht war voller Würde, Milde und Begeisterung. Die Perücke, die Krause und der lange Priesterrock unterstützten diese Eigenschaften. Es hätte mir einige Jahre früher leicht eben so gehen können, wie dem Jungen, der als er zum ersten Male in der Kirche war, in dem Glauben, daß der Priester der Herrgott sei, die Mutter beim Hinausgehen fragte: »Mutter, warum schlug denn der liebe Gott so stark auf die Kanzel?«

Als ich noch in Madame Bergau's Schule ging, und der Bischof ein Mal in der Kirche visitirte, lernte ich zum ersten Mal, was Kabale sei, denn ich, der auch dabei sein wollte, um mir ein Buch als Belohnung meines Fleißes zu erwerben, erfuhr es erst zu spät, und mußte mich daher mit einem Stück Zuckerkant begnügen, welches er, in einem Stuhle vor dem Altar sitzend, mir in den Mund steckte. Die Bauernkinder von Walby kamen auch zur Visitation. Ich entsinne mich, daß er ein Bauermädchen fragte: »Christus sagte: =Weib=, was habe ich mit Dir zu schaffen? -- War das ein Schimpfwort? Sagte Christus im Zorn =Weib= zu ihr? Nein keineswegs! =Weib= war ein Ehrenname und ist es auch noch heute.«

* * * * *

[Sidenote: Erste poetische Versuche.]

Bereits in meinem neunten Jahre hatte ich einen Morgenpsalm geschrieben, welchen Herr Lassen erwischte. Gegen den Inhalt hatte er Nichts einzuwenden, aber er tadelte, daß die Verse nicht die genügende Anzahl Füße hätten, um gehen zu können. Ich wagte, das Gegentheil zu behaupten; ein Psalmenbuch wurde als Schiedsrichter vorgenommen, und nun hatte ich den Triumph, daß der Küster zugestehen mußte, gegen die Füße sei Nichts einzuwenden.

* * * * *

Mit Wincklers war ich oft draußen im Felde bei der Ernte; ihre Felder lagen jenseits des Friedrichsberger Gartens. Ich erstaunte darüber, verschiedene Pfosten an den Gitterthüren von Wallfischzähnen verfertigt zu sehen, und bekam hierdurch zuerst eine Vorstellung von der Größe dieser Thiere. Hie und da stehen diese Zähne noch.

Einer ganz sonderbaren Jagd entsinne ich mich aus jener Zeit. -- Wincklers hatten einen großen Schober auf dem Hof, in dem viele Feldmäuse steckten. Bernt machte mir den Vorschlag, ob wir nicht Katze spielen und die Mäuse fangen sollten. Hierzu war ich gleich bereit. Wir nahmen Jeder einen Eimer auf den Schober hinauf, und indem wir nun die Garben den Leuten zuwarfen, die sie in die Scheune schaffen sollten, ergriffen wir die Mäuse, schlugen sie auf den Hacken unserer eisenbeschlagenen Stiefeln todt, und warfen sie in die Eimer, die bald gefüllt waren. Das Merkwürdigste war, daß ich, sonst mitleidig und ängstlich vor Mäusen, bei dieser Jagd, sowie die Großen bei den Kessel- und Parforcejagden, jedes andere Gefühl verloren hatte, so daß ich nur daran dachte, die Mäuse zu ergreifen und sie zu vernichten.

* * * * *

[Sidenote: Wintervergnügen.]

Eine meiner größten Freuden bestand darin, im Winter Schlittschuh zu laufen. Als ich die armen Jungen auf Holzschuhen auf dem Eise hinrutschen sah, dachte ich, es müsse auch ganz hübsch sein. Ich bewog meinen Vater, mir ein Paar Holzschuhe zu kaufen; aber sie waren mir zu klein und drückten mich an den Zehen. Ich wollte es nicht sagen, um sie nicht wieder hergeben zu müssen; ich hatte oft gehört, daß man Schuhzeug austreten könne und hoffte, daß sie sich schon nach dem Fuße dehnen würden, wenn ich im Schnee mit ihnen umherginge. Aber als ich mich eine Stunde lang auf dem Eise umhergetrieben hatte, mußte ich nach Haus hinken und ein Vergnügen aufgeben, das mit so vielen Schmerzen erkauft war.

* * * * *

Es amüsirte Winckler und mich, mit Beginn des Frühjahrs, wenn es zu thauen anfing, auf großen Stücken Eis auf dem Gemeindeteiche umherzufahren. Ein Mal, als wir bei Berner's waren, fiel ich ins Wasser und wäre beinahe in den Schlamm gesunken, aber ich kam doch glücklich heraus und in die Gesindestube, wo ich mit einigen anderen Kleidern versehen wurde, so daß die Aeltern, die darinnen saßen und Quadrille spielten, Nichts davon erfuhren.

* * * * *

[Sidenote: Freuden in der Stadt.]

Wie der Mensch sich nach Veränderung sehnt, und oft das Schlechtere dem Bessern vorzieht, wenn es nur neu und ungewöhnlich ist, habe ich mit mir selbst in meiner frühern Kindheit erfahren. Da war eine alte Nähmamsell, die meiner Mutter half und zuweilen auf einige Tage zu uns kam; sie hieß Mamsell =Kjöbel=. Sie hatte eine Freundin, die mit einem Herrn Hegelund verheirathet war, der auf Ulfeldt's Platz in Kopenhagen wohnte. Dieser Mann besuchte auch zuweilen meine Eltern. Er hatte in seiner Jugend studirt; ob er von dem alten dänischen Dichter Hegelund abstammte, weiß ich nicht; aber er sprach einmal mit meinem Vater über Holberg, was das für ein großer Dichter sei, und führte zum Beweis dafür die Zeilen aus Peder Paars an: Aurora öffnete ihr purpurfarb'nes Thor, zum Frühstück holt sie Brot, in Fett =getaucht= hervor. Besonders dieses »=getaucht=« bewunderte er so sehr. Ein schlechterer Dichter, meinte er, würde gesagt haben: »mit Fett =belegt=, oder mit Fett =beschmiert=.« Aber der geniale Holberg hatte es unvergleichlich schön ausgedrückt: »in Fett =getaucht=.« Ich hörte auf diese ersten ästhetischen Vorlesungen mit großer Andacht, und habe später oft ähnlichen beigewohnt, wenngleich in ganz anderer Einkleidung und nach höchstverschiedenen Theorieen. Diesen Herrn Hegelund besuchten meine Schwester und ich mit der Nähmamsell ein Mal im Jahre, mitten im heißesten Sommer. Und was waren alle Rosen, Levkojen, Goldlack und Ambra Friedrichsbergs gegen den Geruch von Theer, Klipp- und Stock-Fischen, der mir aus dem Laden des Seilers entgegenströmte, während das Auge auf den glänzenden Messern, Scheeren und dem bunten Spielzeug des Kurzwaarenhändlers ruhte? Selbst der Rinnstein schien mir etwas aromatisch Anziehendes zu haben, an das ich in der freien Luft auf Friedrichsberg nicht gewöhnt war. Nun kamen wir nach Ulfeldt's Platz! Darauf erstiegen wir eine steile Treppe bis in die vierte Etage eines kleinen engen Hauses. O Gott! welche Aussicht! das war etwas ganz Anderes, als das ewige tägliche Bild von der Ostsee, Amager, Schweden und der Hauptstadt mit ihren Thürmen, den Schiffen, dem Südfeld, von den Mühlen und dem Vieh auf dem Felde. In einem engen Kreise von Fleischbänken, wo das Fleisch in prächtigen Stücken mit der reichen Blume und mit künstlichen Würfelschnitten hing, erhob sich höchst romantisch die wunderliche Säule mit der Inschrift: »Zu ewiger Schmach, Spott und Schande für den Landesverräther Corfitz Ulfeldt.« Es setzte mich auf eine eigenthümliche Weise in das Mittelalter zurück, ja sogar nach Mexiko, wovon ich vor Kurzem gelesen hatte, und meine kindliche Phantasie spiegelte sich vor, daß rund um die Säule Menschenfleisch hing, welches dem Vizlipuzli geopfert sei. Warf ich nun einen Blick zurück in das Zimmer, so weilte er bei einer Commode, voll der schönsten Gypsfiguren, an denen sich die Bildhauer- und Malerkunst in ihrer liebenswürdigen Kindheit vor der Zeit Cimabue's zeigte. Zwerge konnten die Augen verdrehen und die Zungen herausstrecken. Zu einem grünen Papagey hatte ich besonders Lust, und wer schildert meine Freude, als die Madame ihn mir verehrte, und ich ihn auf Friedrichsberg als den einzigen Ueberrest einer lieben verschwundenen Welt bringen konnte, die sich mir erst in den Hundstagen nächsten Jahres wieder öffnen sollte, »wenn wir so lange lebten,« wie die alte Nähmamsell sehr vorsichtig hinzufügte, wenn sie uns diese Hoffnung machte.

* * * * *

Wir wollten also gern nach Kopenhagen, und es war ein Fest, wenn unsere Eltern zuweilen mit uns zu ihren Freunden, zu den Weinhändlern Colstrup und Böhling und zu Herrn Leppert, dem vornehmsten Schneider der Stadt gingen. Ein Kamerad von Colstrup und Böhling, der Weinhändler Bolten, hatte sich vor Kurzem zum Baron hinaufgeschwungen, und man sprach davon, daß es vielleicht auch ihnen glücken könne. Der Handel war in jenen französischen Revolutionsjahren außerordentlich vortheilhaft. Mein Vater hatte dem Böhling ein paar Hundert zusammengesparte Reichsthaler mit in sein Geschäft gegeben, von denen er großen Gewinn hoffte; aber es ging unglücklich, die kleine Summe wurde verloren; doch wir Kinder gewannen dabei, denn lange wurden uns als Zinsen einige Flaschen Kirschwein geschickt, der vortrefflich schmeckte. In diesen Gesellschaften herrschte viel Munterkeit, Böhling war ein lustiger Mann, aber der früher erwähnte Canalinspector Schiött machte besonders viel Scherze und leuchtete als erster Stern. Wenn ich nicht irre, so kam auch zuweilen ein Bildhauer oder Bildschnitzer Köpke dorthin, welcher den Eremiten im Südfeld gemacht hatte, der sich von seinem Lager in der Hütte erhob, wenn man auf ein Brett an der Thüre trat. Er sowie der verstorbene Schauspieler Knudsen trugen viel zur geselligen Heiterkeit in dieser Zeit bei.

* * * * *

[Sidenote: Reinecke Fuchs.]

Madame Leppert war eine muntere Frau, die, wenn wir Kinder die ihrigen besuchten, ihren zweiten Sohn bat, uns aus dem Eulenspiegel vorzulesen. Wir selbst besaßen die dänische Thura'sche Ausgabe vom Reinecke Fuchs. Einmal tauschten wir: wir bekamen Eulenspiegel und die Anderen Reinecke Fuchs. Aber dies reuete mich doch später, der Holzschnitte wegen, wo der Löwenkönig und die Königin mit Kronen auf dem Haupte sitzen, und die Zunge weit zum Halse herausstrecken, wo der Kater Hinze mit dem Bären Braun spricht, und wo Reinecke als Kapuziner kommt, auf der Leiter steht und sich vom Galgen losschwatzt; die herrlichen Kaulbach'schen Bilder machten in den Greisesjahren kaum den Eindruck auf meine Phantasie, wie jene schlechten Holzschnitte in meiner Kindheit.

* * * * *

Der älteste Sohn Leppert's war Student, ein freundlicher, stiller Mensch, der an der Brust litt. Er gewann mich lieb, es that ihm leid, daß ich so lange umherlief, ohne etwas zu lernen, deßhalb nahm er mich zu sich nach Hause; ich schlief oft in der Nacht auf seinem Zimmer, er fing an, mich etwas Geographie zu lehren, und schenkte mir einen Atlas, den ich noch viele Jahre nach seinem Tode benutzte.

* * * * *

[Sidenote: Die Schule in der Stadt.]

Ich war zwölf Jahre alt geworden, und noch hatte man nicht daran gedacht, mich etwas Ordentliches lernen zu lassen. Bernt Winckler, dessen Vater reich war, kam in die Schule für »Bürgertugend« in Kopenhagen und hatte freie Wohnung. Mein Vater war arm, es war ihm unmöglich, das Schulgeld und zugleich eine Wohnung für mich in Kopenhagen zu bezahlen. An meine Zukunft wurde durchaus nicht weiter gedacht; es hieß, daß ich Kaufmann werden solle. Meine Mutter hatte eine Schwester, die mit einem wohlhabenden Kaufmanne Gjerlew verheirathet war, und sie machte uns zuweilen Vormittagsbesuche und wir ihr; aber ihren Mann sahen wir niemals. Als sie einmal hörte, daß ich Kaufmann werden sollte, sagte sie spöttisch: »Ein Kaufmann ohne Geld, ist eine Violine ohne Saiten.« Dies war der einzige Trost, den ich von ihr bekam. -- Glücklicherweise traf mich der Dichter =Eduard Storm= einmal im Friedrichsberger Garten. Er unterhielt sich mit mir, ich gefiel ihm, und er verschaffte mir einen Freiplatz in der Efterslägtsskole (»Schule für die Nachwelt«). Gleich während seines ersten Besuchs bei meinen Eltern gewann er mein ganzes Herz. Er war ein kleiner Mann mit einem hellblauen Frack und einem breitkrämpigen runden Hut. Das Haar hielt er mit einem runden Kamme, so wie Ewald aus dem Portrait, nach hinten. Die großen blauen Augen strahlten voll Kraft und Laune, er war ein Norweger aus dem Guldbrands-Thale und ein ächter sokratischer Charakter. Nur über dummen Hochmuth vermochte er zu spotten, sonst war er die Freundlichkeit und Humanität selbst. Als er meine Mutter am Spinnrade fand, lobte er ihren Fleiß und erzählte auf seine launige Weise gleich von einem vornehmen Fräulein, das er einmal auf dem Lande getroffen, wo sie ein Spinnrad gesehen und ihn gefragt hatte, was das für ein Ding sei, worauf er geantwortet hätte: »Ein Bratenwender, meine Gnädigste!« So kam ich also in die Schule, und ein Packhausverwalter Gosch nahm mich gegen sehr billige Bedingungen in Kost.

* * * * *

[Sidenote: Krankheit meiner Mutter.]

Aber außer Storm hatte ich gewiß noch einem andern Manne mein Glück zu verdanken; denn wenn er nicht Storm zuerst auf mich aufmerksam gemacht und mich als Eleve der Schule vorgeschlagen hätte, so wäre es kaum geschehen. Dieser Mann war der Maurermeister =Lange=, Major und Chef der Bürgerartillerie. Er war ein großer, starker, wohlgewachsener Mann, mit einem schönen Gesicht, einem vortrefflichen Organ und all' der Bildung, welche vorzügliche Naturanlagen ohne wissenschaftliche Erziehung, durch den Umgang mit Menschen sich selbst zu geben vermögen. Er hatte meine Eltern lieb, denn er war ein vertrauter Freund vom Bruder meiner Mutter gewesen. Ich habe bereits von der Familie meines Vaters gesprochen, ich muß noch hinzufügen, daß seine Mutter, nach ihres zweiten Mannes, Bolt, Tode von Schleswig herüber und in das Haus zu uns kam. Es war eine stille bejahrte Bauerfrau; die neue Welt, in die sie kam, kannte sie nicht, und lernte sie auch nie kennen. Es währte lange, ehe wir Kinder sie verstanden, und sie verstand uns gar nicht, denn sie sprach nur plattdeutsch. Ich entsinne mich nichts Anderes von ihr, als daß sie großen Respect vor der Noblesse hatte, und meinen Vater einmal mit gedämpfter Stimme und tiefer Ehrerbietung von Einem fragte: »Hat er die Slötel?« Sie meinte den Kammerherrnschlüssel. Sie war ungefähr fünf Jahr bei uns im Hause, ehe sie starb; eine stille, weiche Seele, dankbar gegen ihren Sohn und sein Weib, weil sie ihr ein sorgenfreies Alter schenkten. In demselben Jahre lag die kleine Christine in der Wiege, wie ich bereits erwähnte, mit einem Wasserkopf, wie ein Kind, welches erst zu begreifen anfängt, und mußte also in der ganzen Zelt gepflegt werden. Dies und manches Andere versetzte meine arme Mutter in einen kummervollen, schwermüthigen Zustand, -- es schwächte ihre Kräfte, die sie vergebens durch augenblickliche Reizmittel zu stärken suchte, -- und diese herrliche Natur ging allmälig für uns verloren. In lichten Augenblicken gab sie noch stets Beweise von dem Geiste, dem Herzen und der Tüchtigkeit, mit der die Natur sie so reich bedacht hatte. Man sah noch die Ueberreste der frühern Schönheit. Mein Vater sagte oft in Augenblicken der übertriebenen Bescheidenheit, welche stets den heftigen Aeußerungen der Ungeduld folgten: »Sie hat mehr Verstand in ihrem kleinen Finger, als ich im ganzen Körper.«

* * * * *

[Sidenote: Meiner Mutter Verwandtschaft.]

Es hatten übrigens manche Verhältnisse zu ihrer Betrübniß und zur Schwächung ihrer Gesundheit beigetragen. Sie hatte einen Bruder gehabt, einen sehr hübschen jungen Mann, voll von Geist und Herz. Er erlernte die Maurerprofession, wurde Geselle, und war, wie ich kürzlich berührte, des Majors Lange Jugendfreund. Lange versicherte oft, daß, wenn das folgende Unglück nicht eingetroffen wäre, Hansen es eben so weit gebracht haben würde, wie er. Aber der junge Mann fiel einmal in einem Wirthshause in die Hände von Werbern, wurde Soldat und später war es keine Möglichkeit, ihn frei zu machen, da mein Vater nicht das Lösegeld für ihn zu zahlen vermochte. Ich hatte ihn vor Augen, als ich die Scenen mit Rudolf in »=Dina=« dichtete. Die älteste Schwester, meine Tante, die wohlhabende Kaufmannsfrau, muß wohl nicht im Stande gewesen sein, etwas für ihre Familie zu thun, da ihr Bruder Soldat blieb und ihre Mutter in einer öffentlichen Versorgungsanstalt starb. Aus Verzweiflung verheirathete der junge Mann sich mit einem Dienstmädchen, bekam zwei Kinder -- und hatte, dem Himmel sei Dank! bereits ausgekämpft und war gestorben, als ich zu denken begann. Mein Vater besuchte die Witwe einmal mit mir in ihrer Dachwohnung; und es ist mir, als ob ich nie, weder früher noch später, eine solch' unendliche Noth gesehen hätte. Es war ein harter Winter, und sie lag mit den Kindern im Bett, um nicht zu erfrieren. Mein Vater half, so gut er konnte. Von meiner Schwester weiß ich einen schönen und edeln Zug, der viele Jahre später eintraf, und den ich bei dieser Gelegenheit erzählen will, um ihn nicht zu vergessen. Eine der Töchter, Friederike, ein liebes und sehr gutes Mädchen, sollte einen Dienst suchen, als sie erwachsen war; meine Schwester hatte sich kurz vorher mit Oersted verheirathet, der Assessor im Hof- und Staatsgericht war, jedoch nichts übrig hatte, weshalb er in den ersten Jahren den Studirenden täglich noch viele Stunden Repetitorien gab. Um Friederiken so viel als möglich Gutes zu thun, nahm meine Schwester sie in Dienst, denn anders konnte sie ihr nicht helfen; aber man kann sich nicht vorstellen, welch ein schönes Verhältniß zwischen der Frau und der Dienerin, und doch zwischen zwei Cousinen, die Du zu einander sagten, herrschte. Nie überschritt Friederike die Ehrerbietung gegen ihre Herrschaft, nie war sie undankbar oder neidisch; und Sophie behandelte sie mit der edelmüthigsten Liebenswürdigkeit, und trug durch Gespräche und Bücher zu ihrer Bildung bei, ohne ihr darum ihren Stand zuwider zu machen. Später verheirathete sie sich auch gut, ist aber jetzt todt.

Da nun das unglückliche Schicksal meines Onkels den guten Major Lange schmerzte, und er durch Maurerarbeit auf dem Friedrichsberger Schloß die Bekanntschaft meiner Eltern gemacht und oft herzlich mit meiner Mutter von ihrem unglücklichen Bruder gesprochen hatte -- so gewann er wohl auch mich armen Jungen lieb, und um doch wenigstens mich zu retten, sprach er mit Storm und verschaffte mir die Freistelle in der obengenannten Schule.

* * * * *

[Sidenote: Ich werde Pensionair.]

Nun ging eine große Veränderung in meinem Leben vor; als ich nach Kopenhagen zum Packhausverwalter =Gosch= kam. Dieser Mann war in seiner Jugend mit einem reichen Herrn als Kammerdiener mehrere Jahre in Europa umhergereist, er besaß mehr als gewöhnliche Bildung und einen vortrefflichen Charakter. Alles in seinem Hause war sehr ordentlich; er hielt Blätter und Journale, die, wenn sie gelesen waren, sauber in die Presse unter hübsche Marmorsteine gelegt wurden. An seiner Wand hing eine kleine Naturaliensammlung, von der ich mich noch des Schwertes eines Schwertfisches entsinne, das ich mit großer Aufmerksamkeit betrachtete. Kurz nach meiner Ankunft bekam er einige Kokosnüsse von Westindien. Ich hatte diese Frucht aus Robinson Crusoë kennen gelernt, und war sehr begierig auf ihre süße Milch; aber sie entsprachen nicht der Erwartung. -- Da ich nicht gleich in die Schule eintreten konnte, sondern warten mußte, bis das Examen vorüber war, that Herr Gosch Alles, was er konnte, um mich vorzubereiten. Mit einigen anderen Knaben, Verwandten von Gosch, mußte ich mich im Schreiben üben. Einmal, wie wir so da saßen, kam Bruder Drees, wie wir ihn nannten, ein Student Werliin, der uns sehr lieb hatte und ein Vetter der anderen Jungen war, mit einem seiner Freunde durch das Zimmer. »Können Sie meinen Namen schreiben?« fragte Letzterer mich freundlich. Ich schrieb Mango. »Das ist ganz richtig«, sagte er, »wenn Sie nur ein R hinzusetzen.« Es war dies der verstorbene Major Mangor. Herr Gosch nahm mich eines Nachmittags mit, um Professor Vahl's Vorlesungen im Prinzenpalais hinter dem Schloß zu hören. Sie amüsirten mich sehr. Ich betrachtete die Klapperschlange und die Brillenschlange in dem mit Spiritus gefüllten Glase mit Neugier und Schauder. Aber wie groß damals schon die Lust bei mit war, das Theater zu besuchen, entsinne ich mich, indem ich eines Abends gedenke, als ich mit Herrn Gosch und einem Schiffscapitain aus Vahl's Vorlesungen über den Königsneumarkt ging. Als wir uns dem Theatergebäude näherten, sagte der Schiffscapitain ganz phlegmatisch: »Ich glaube, ich gehe heute in die Komödie, Adieu!« Er ging. Mit schmachtenden, sehnsuchtsvollen Blicken schaute ich ihm nach, so lange meine Augen ihm folgen konnten; er öffnete die Thür, durch welche ich das Licht aus dem Vorsaale schimmern sah. »Gott, der Glückliche! und eine solch' himmlische Freude mußt du entbehren.« -- Ganz betrübt und muthlos folgte ich Herrn Gosch an der Reiterstatue auf Königsneumarkt vorüber in dem dunkeln Abend nach Hause.

* * * * *

[Sidenote: Eintritt in die Schule.]

Auch Storm bat mich, ihn im Schulgebäude in seinem hübschen Zimmer, vor welchem sich die Schlafkammer befand, zu besuchen. Hier sah ich die Jungen im Garten spielen, und freute mich sehr darauf, in eine Schule zu kommen, wo auch Spielen und Laufen gewissermaßen mit zum Unterricht gehörten. Was dies anbetraf, so war ich ziemlich vorbereitet darauf und hoffte, daß keiner meiner Kameraden mich überflügeln würde. Storm gab mir Unterricht in der Geographie. Als wir Dänemark durchgegangen waren, und er die Karte von Norwegen vornahm, sagte er mit seiner eigenthümlichen, herzergreifenden Stimme: »Nun kommen wir zu =meinem= Vaterland, mein Kind!« Es währte nun nicht lange, so kam ich in die Schule, als Storm fand, daß ich genug wisse, um gleich in die dritte Klasse zu kommen. Vielleicht fand er mich auch zu groß und zu alt, um mich unter die kleinen Jungen zu setzen. Schon in der dritten Klasse ragte ich wie ein Riese hervor. Da ich in einem groben dunkelgrünen Rock ging, mit den schwarzen Haaren im Nacken, nannte man mich den Kutscher. Ich habe meinen guten Freund, jetzt verstorbenen Oberstlieutenant und Postmeister Schwarz, in Verdacht gehabt, diesen und mehrere Ehrennamen verbreitet zu haben, denn es amüsirte ihn mit seiner lustigen Eulenspiegelnatur, mir Spottnamen zu geben, um mich böse und auffahrend zu machen. Doch entsinne ich mich nicht, ihn jemals geprügelt zu haben, was doch wohl der Fall mit mehreren anderen Größern war; denn Schwarz war nur klein von Natur und schwach; ich besuchte ihn sogar und lernte dadurch seinen Vater kennen, vor dem ich eine an Adoration grenzende Ehrfurcht hatte, weil er ein sehr ausgezeichneter Schauspieler war.

* * * * *

[Sidenote: Naschlust.]

Ich brachte ein nicht unbedeutendes Vermögen von Friedrichsberg mit, welches ich, da ich nie mehr als zwei, oder höchstens vier Schilling besessen hatte, auszugeben eilte. Wir hatten nämlich zu Hause die Einrichtung getroffen, daß wenn wir Kinder eine kleine Büchse voll von dem Zucker sparten, den wir des Morgens zu unserm Thee erhielten, wir zwei Schilling bekamen. Ich gewöhnte mich nun daran, den Thee fast ohne Zucker zu trinken (obgleich ich ein großes Leckermaul war), und dadurch brachte ich es so weit, daß ich die kleine Zuckerbüchse voll schöner blanker neuer Zweischillingstücke bei meiner Ankunft in Kopenhagen hatte. Nun sollte man doch glauben, daß ich mit großer Sorgfalt bewahren würde, was ich so mühsam und mit so großer Selbstverleugnung gespart hatte, denn ich war keiner jener Milchbärte, die im Schlaf zu ihrem Vermögen kommen und sich deßhalb auch mit aller Macht befleißigen, es zu vergeuden, sobald sie mündig werden; ich hatte mir, wenn auch nicht mit saurem Schweiß, so doch mit süßem Mangel mein Eigenthum, wie der Geizige seinen lieben Schatz erworben. Und doch half es Nichts! In den ersten acht Tagen hatte ich, indem ich beim Spielwaarenhändler Violinen für meine neuen Kameraden, dagegen Macronen und Feigen beim Italiener für mich selbst kaufte, meine Schachtel gänzlich geleert. -- Ich war besonders ein außerordentlicher Liebhaber von Feigen; wenn ich mir eine große Tüte davon gekauft hatte, pflegte ich gewöhnlich, indem ich die erste in den Mund steckte, im vollen Carriere die Straße entlang zu laufen, und ziemlich laut zu rufen: »O, glücklich' Land, das solche Feigen hat!«

* * * * *

[Sidenote: Geheilte Verwegenheit.]

Herr Gosch warf mir meine Verschwendung vor, als er sie erfuhr; doch -- damit hatte es bald ein Ende, denn als ich nichts mehr besaß, gab ich nichts mehr aus. Aber ein anderes Spiel übte ich, das mir leicht theuer hätte zu stehen kommen können. Einmal, wie sie soeben in der vierten Etage oben im Zimmer saßen, sahen sie einen wunderlichen Gegenstand an dem Strick hängen, der vom Giebel bis auf die Erde herunterging; ich war es, der mit dem einen Fuß in dem eisernen Haken stand, und mit dem andern gegen die Wand parirte, wenn ich hin- und herschwankte, um nicht die Fensterscheiben entzwei zu schlagen. Es sah nur etwas gefährlich aus. »Ja, das will noch gar nichts heißen«, -- sagte einer der Jungen zur Tante, wie wir die Frau im Hause nannten; -- »aber er geht nie die Treppen hinunter, sondern rutscht immer reitend im vollen Carriere das Geländer hinab.«

Den Abend, nachdem das geschehen war, saßen wir Jungen mit Bruder Drees am Tische. Wir baten ihn, uns etwas vorzuzeichnen, denn er zeichnete hübsch. Er nahm ein Stück Papier, zeichnete eine Treppe mit einem Geländer und einen Knaben der hinabgefallen war und todt da lag. Die Eltern standen um die Leiche und rangen ihre Hände vor Verzweiflung. Er reichte mir das Bild, ohne ein Wort zu sagen. Ich betrachtete es, brach in Thränen aus, fiel ihm um den Hals und ritt seitdem nie wieder auf dem Geländer.

* * * * *

[Sidenote: Sonderbare Garderobe.]

Mein Vater mußte auf alle mögliche Weise sparen, und sehen, wie er mir billig Kleider verschaffen konnte. Nun hatte der königliche Garderobemeister ihm mehrere alte Kleidungsstücke verkauft, und so ging ich lange in dem hochrothen gewendeten Rock des Kronprinzen, den steifen Stiefeln des Königs, und aus einem cassirten Billardtuch hatte man mir grüne Hosen gemacht. Dies sonderbare Costüm reizte nun meine Schulkameraden, mich zu necken. Wegen der Schimpfworte, die ich hören mußte, setzte es oft Püffe; man klagte mich bei Storm an, aber er, im Vertrauen auf das fromme Gemüth, das er bei mir entdeckt zu haben glaubte, antwortete ihnen barsch: »Das ist gelogen!« Ich erröthete, denn ich wußte, daß es nur allzu wahr sei, ließ ihn aber doch in seinem Glauben, weil ich es zu weitläufig und schwierig fand, ihm die Motive zu dieser scheinbar bösen Handlung zu erklären. Aber endlich überzeugte er sich eines Tages, da er mich und einen großen Jungen aus einer höhern Klasse im Garten sah, wie wir einander in den Haaren lagen. Gerade mitten in der Schlacht fiel die Richtung meiner Augen unter meinem linken Arm nach Storm's Fenster hinauf, und als ich daselbst ihn, als ruhigen Zuschauer mit den großen Augen entdeckte, ging es mit wie Aeneas, und ich konnte gleich dem betrunkenen Gärtner im Figaro, weder Hand noch Fuß von dem Finger rühren, der in Koch's Haaren steckte. Ich bekam ein »_clamamus_«, wie wir es nannten, in mein Censurbuch und war so unglücklich, es zu verlieren; zugleich aber doch so glücklich, daß mein Vater es erst sah und seinen Namen dazu setzte. Hätte ich es früher verloren, so würde Storm vielleicht geglaubt haben, daß ich das Buch fortgeworfen hätte, um der Strafe zu entgehen, und dann würde ich seine Freundschaft verloren haben, so aber kam ich mit einer Bemerkung in meinem neuen Buche davon, »ich solle es besser in Acht nehmen«. -- Ich entsinne mich noch, in welcher Angst ich war, daß Storm mich in dem Verdacht der Unredlichkeit haben könne.

* * * * *

[Sidenote: Der Lehrer Dickmann.]

In der dritten Klasse war nur ein Lehrer, =Spleth=, ein ausgezeichneter Mann; er unterrichtete uns in der Geschichte, aber er war krankhaft still, ein Kantianer und nicht mit dem lebendigen Vortrage begabt, der den Kindern Lust zum Lernen giebt. Diesen besaß dagegen =Dickmann= in hohem Grade; aber zu ihm kamen wir erst in der zweiten Klasse. Die erste und zweite Klasse waren durch ein Vorzimmer getrennt, und geistig genommen, waren sie auch so verschieden von der unsrigen, daß man mit Recht sagen konnte, sie seien eine neue Schule, denn sie hatten lauter andere Lehrer. Dickmann hat einen großen Einfluß auf meine geistige Entwickelung gehabt; in den Jünglings- und Mannesjahren habe ich ihm zwei Gedichte gewidmet, und mit liebevollem Gefühle kehrt die Erinnerung wieder zu ihm zurück. Er war nicht groß von Wuchs, aber wohl gebaut, mit einem interessanten, schönen Gesicht, voller Feuer, Gefühl und Beweglichkeit. Er sah stolz, gutmüthig und ernst aus. -- Mit Ehrerbietung trat ich in die Klasse ein, als ich dorthin avancirt war und Storm die Neuangekommenen dem ersten Lehrer der Schule vorstellte. Storm und Dickmann hatten gegenseitig große Achtung vor ihrer Tüchtigkeit und ihren Talenten; aber -- obgleich sie Beide Norweger, tüchtige Köpfe und gute Menschen waren, so waren sie doch Beide grundverschieden. Dickmann stach schon gleich auf eine wunderliche Weise mit seinem Toupé und seinem kecken Zopf im Nacken gegen Storm ab, der mit seinen zurückgestrichenen Haaren, wie ein Sokrates oder Franklin dastand. Dickmann erinnerte mich immer, obgleich er kein Held war, an Heinrich IV. von Frankreich, weil dieser Dickmann's Held war. Das Chevalereske; das in manchen Beziehungen schwache und dann wieder kräftige Herz; das Ritterstolze und Leichtbewegliche; das beredte, tiefe Menschengefühl; die Begeisterung für die Liebe und den Wein; -- all' dieses theilte Dickmann mit Heinrich IV. In Bezug auf sittliche Kraft stand Storm weit über Dickmann, der in Ewald's und Wessel's Schule gegangen war, sich an gewisse Freiheiten und Genüsse und daran gewöhnt hatte, sie wie eine _licentia poetica_ zu betrachten, die sich nicht allein auf Poeten, sondern auf alle Schöngeister erstreckte. -- Aber sie sympathisirten auch nicht in Schulangelegenheiten. Storm wollte, daß die Lehrer durchaus nicht schlagen sollten, sondern daß Alles durch Zeugnisse abgemacht und dann den Eltern überlassen werden müsse. Dies war Dickmann mit seinem raschen Charakter zuweilen zu weitläufig. Als wir zum ersten Mal eintraten, hielt er uns folgende Rede, die gerade nicht von der Art war, daß sie uns die Zukunft rosenfarben malte: »Es ist eine Bestimmung hier in der Schule, daß die Zöglinge keine Schläge, sondern nur schlechte Zeugnisse bekommen sollen, wenn sie ihr Pensum nicht können. Hiernach werde auch ich mich streng richten, und für Faulheit und Nachlässigkeit werde ich Euch niemals prügeln. Es ist Euer eigener Schaden und davon müssen Eure Eltern Euch curiren. Aber ich habe gehört, daß einige ungezogene Jungen unter Euch sein sollen, die zuweilen naseweis gegen die Lehrer sind. Seid Ihr es gegen mich, so bekommt Ihr Prügel! Dann ist es nämlich nicht der Lehrer, der den Schüler schlägt, sondern der erwachsene Mann, der sich von einem Jungen nicht beleidigen läßt.« -- »Habt Ihr's gehört«, sagte Dickmann -- und wir hörten Alle sehr gut.

Was mich betraf, so war mir in diesem Punkte nicht bange, denn so lange ich gelebt habe, war es mir unmöglich, Dem Geringschätzung zu zeigen, dem ich Ehrerbietung schuldete. Ich und die Meisten waren auch nicht damit gemeint. -- Dickmann machte auch, so viel ich mich entsinne, nur ein einziges Mal Gebrauch von seinem Vorbehalte. -- Er kam einmal in übler Laune in die Schule: »Setzt Euch auf Eure Plätze«, sagte er zu den Jungen, welche in der Klasse spielten. Ein Einziger kroch unter einen Tisch, statt sich auf die Bank zu setzen und bekam ein paar wohlverdiente Ohrfeigen.

* * * * *

[Sidenote: Knabenstreiche.]

Uebrigens war in der ersten Klasse ein so guter Spectakelmacher, wie man ihn sich nur wünschen kann: der geschichtlich bekannte =Jürgensen=, der später das Königthum Island zu gründen versuchte. Er war ein ächter Eulenspiegel -- und in diesem Eulenspiegelcharakter waren seine Streiche zuweilen recht witzig. So kam in der Zeichnenstunde, wenn Dinesen selbst nicht kam, ein gewisser Herr M. statt seiner. Dieser Mann, ohne besondere Bildung, erzählte uns oft alles Mögliche von den langen Reisen, die er gemacht haben wollte. Jürgensen wollte gern wissen, wo er in der Welt umher gewesen sei. »Ja«, sagte er, »hole mir eine Karte, dann werde ich es Dir zeigen.« Nun eilte Jürgensen fort, holte eine Karte von Seeland und sagte: »»Ach, Herr M., nun seien Sie doch so gut, und zeigen Sie uns, wie weit Sie gereist sind.««

* * * * *

Wir hatten einen Lehrer in der Physik und in der deutschen Sprache, der =Svendsen= hieß. Er war ein vortrefflicher, guter Mensch, voller Feuer und Herzlichkeit, der uns wie ein Vater seine verzogenen Kinder liebte; aber deshalb konnten wir in seinen Stunden auch machen, was wir wollten. Deutsch lernten wir recht gut, aber von der Physik fast Nichts. Er hielt sich immer bei den ersten Definitionen auf. Ein Mal sollte er bei der halbjährigen Prüfung examiniren, kam zu spät -- war ganz verlegen deshalb und um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, rief er gleich, indem er sich setzte, dem ersten Schüler zu: »Was ist das?« Hiermit stieß er so stark an ein Dintenfaß, daß er es umwarf. »O, ich bitte um Verzeihung!« rief er zu den anwesenden Mitgliedern und Censoren und wischte die Tinte in demselben Augenblick mit dem Aermel seines hellgelben Sonntagsfracks ab. Er hatte nämlich den Schüler nach dem Unterschiede in der Physik zwischen =Druck= und =Stoß= fragen wollen. In den Stunden dieses Lehrers ging der Uebermuth so weit, daß ein Mal, während zwei Schüler sich aufopferten, sich an ihn zu drängen, ihm in die Augen zu sehen und auf Alles »Ja« zu sagen, was er ihnen erzählte, die anderen sich wie die Furien in den Ballets mit alten Schreibebüchern schlugen, die zu Fackeln gedreht und mit Talg eingeschmiert waren. Mitten in diesem Teufelstanz trat Storm ein. Und was meint man, daß er that? Mit seinen großen funkelnden Augen starrte er, ohne ein Wort zu sagen, mit der größten Verwunderung, ob dieser Unverschämtheit auf uns Alle und ging darauf wieder langsam fort. Alle setzten sich voller Angst auf ihre Plätze; Alle liebten, achteten, fürchteten Storm, und waren bange, sich seine anhaltende Unzufriedenheit zugezogen zu haben. Aber als er uns wiedersah, that er, als ob Nichts vorgefallen sei. Er griff nicht in die Pflicht des Lehrers ein, dessen Aufgabe es war, sich selbst geachtet zu machen. Aber die Furcht vor einem solchen erneuerten Besuch machte, daß es von der Zeit an ordentlicher in Herrn Svendsen's Stunden wurde. Von diesem Svendsen erzählte man, daß er ein Mal vor meiner Zeit den Schülern hatte zeigen wollen, wie ein Floh auf dem Wasser ein kleines Schiff ziehen könne. Zu dem Ende hatte er eine große Wanne in das Schulzimmer bringen lassen; aber während die Andern auf das Schiff und den Floh hinstierten, der nicht recht ziehen wollte, weil Svendsen ihn nicht ordentlich vorgespannt hatte, amüsirte sich Jürgensen auf eigene Hand, indem er sich bückte und so lange am Spunde der Wanne wackelte und zerrte, bis er herausging und das Zimmer unter Wasser gesetzt wurde.

* * * * *

Daß diese Tollheiten, über die man fast immer lachen mußte, Storm nicht sonderlich zusagten, der ein intimer Freund von Jürgensen's Vater, einem vortrefflichen Uhrmacher, und einem der Stifter der Schule war, ist leicht zu begreifen. Wegen dieser Freundschaft wich Storm auch in Bezug auf den jungen Tollkopf von der Regel ab, und regalirte ihn zuweilen mit eigenhändigen Schlägen, um dem Vater die Mühe zu sparen. -- Mehrere Mitglieder der Gesellschaft hielten in den zwei ersten Klassen Vorlesungen, unter Anderen der verstorbene Conferenzrath, damaliger Lector Saxtorph über Anatomie. Der Kammersecretair Rosenstand-Goiske las über Oeconomie und Bergwissenschaft, Storm selbst über nordische Mythologie und dänische Grammatik. Ich schrieb alle diese Vorlesungen, ebenso wie Dickmann's nach, und machte mehrere Jahre hindurch meine Excerpte, die ich später verloren habe. Ein Mal vor Rosenstand's Stunde hatte der Sohn des Materialhändlers Thomsen eine seiner gewöhnlichen Ladungen Citronats, eingemachten Ingwers u. s. w. mitgebracht, die er mit seltener Freigebigkeit besonders unter Die von uns vertheilte, welche ihm dann wieder bei gewissen Gelegenheiten Souffleurdienste leisten sollten. Diese Collation ward vom Katheder aus vertheilt. Als nun Rosenstand kam und den Tisch etwas von dem eingemachten Ingwer klebrig fand, sagte er mit Ekel: »Ach da ist Saxtorph wieder mit seinen Leichen gewesen.« (Saxtorph hatte nämlich eine Woche vorher eine kleine Kinderleiche vor uns anatomirt). Wir ließen Rosenstand natürlich in seinem Glauben, da wir ihm nicht die Wahrheit sagen durften, und nun mußte der Diener hereinkommen und den Tisch abwischen.

* * * * *

Als Saxtorph uns zum ersten Male examinirte, war Storm zugegen. Die Reihe kam an Jürgensen. Saxtorph fragte: »Wo sondert sich der Speichel ab?« »»In den Nieren,«« antwortete Jürgensen. Storm, welcher wußte, daß Jürgensen dies aus Muthwillen gesagt hatte, ging ganz ruhig hin und gab ihm eine tüchtige Ohrfeige. Um nicht mehr zu bekommen, fiel er unter den Tisch. Storm setzte sich wieder hin. Jürgensen kroch wieder auf die Bank mit einem ganz rothen Backen und Saxtorph setzte das Examen mit Jürgensen's Nebenmann in ungestörter Gravität fort, ohne durch irgend eine Mienenveränderung ein Erstaunen über das Geschehene an den Tag zu legen.

* * * * *

Als Jürgensen ein Mal aus der Schule ging, nahm er einem kleinen Mädchen, die auf der Straße saß und Obst verkaufte, einen Apfel weg. Als sie zu weinen und zu schimpfen begann, kehrte er sich, den Apfel essend nach ihr um, und sagte ganz ernst: »Pfui, Du unartiges Mädchen, wirst Du wohl ruhig sein, ich sage es gleich Deiner Mutter.« Dadurch imponirte er der kleinen Fruchthändlerin so, daß sie still schwieg, und er ging mit seinem Apfel von dannen.

* * * * *

Endlich machte er es doch zu arg und der Vater nahm ihn aus der Schule. Wenn er nun in der Thür von seines Vaters Hause stand, so winkte er den kleinen Knaben, die aus der Schule kamen, als ob er ihnen Etwas zu sagen hätte. Wenn sie dann in den Flur kamen, schlug er sie mit einem Endchen Tau, das er hinter dem Rücken verborgen hatte, und lief in's Zimmer.

* * * * *

[Sidenote: Der König von Island.]

Diese Eulenspiegeleien setzte er in seinem spätern Leben fort und sein Königthum auf Island war eine Fortsetzung seiner Schulstreiche, nur nach einem größeren Maßstabe, der ihm indessen leicht den Kopf hätte kosten können.

* * * * *

[Sidenote: Poetische Versuche.]

Obwohl ich nie daran dachte, Dichter zu werden, so machte ich doch schon als Knabe Verse zu meinem eigenen Vergnügen. In Storm's dänischer Sprachstunde wurde ich bald der Beste, und ich gab Wochenschriften heraus, die »Mittwochspost« in der dritten, und »Balder« in der zweiten Klasse, welche meine Schulkameraden mit Schieferstiften bezahlten.

Ich fing auch an Komödien zu schreiben, und sie mit meiner Schwester und Winckler im Frühjahr und Herbst, wenn es noch nicht zu kalt war, im königlichen Speisesaale auf Friedrichsberg aufzuführen. Gewöhnlich hatten wir keine Zuschauer. Winckler, der in die Schule »für Bürgertugend« ging, brachte zuweilen einen Kameraden von dort mit, der nicht viel Sinn für solche dramatische Uebungen zu haben schien und gewöhnlich einschlief. Winckler hatte eine außerordentliche Fertigkeit im Werfen und Treffen. Einmal als unser Zuschauer am entgegengesetzten äußersten Ende des Saales sitzend, auf seinem Stuhle eingeschlafen war, -- wir spielten ein Stück von mir: Die belohnte Gastfreundschaft (worin ein fremder Herr incognito als Nothleidender ein paar arme Leute besucht um ihre Mildthätigkeit zu prüfen und sie dann belohnt) sagte Winckler, um die Illusion nicht zu stören: »Ach entschuldigen Sie, ich habe noch einen kleinen Hund mit, der auch Etwas bekommen muß.« Damit nahm er einen halbfaulen Apfel vom Teller und traf den eingeschlafenen Zuschauer mitten auf die Stirn, so daß er erwachte und das Stück mit größter Aufmerksamkeit bis zu Ende anhörte.

* * * * *

[Sidenote: Theaterspiel.]

So wußte Winckler, obgleich eigentlich das negative, widerstrebende Princip meiner ersten Bestrebungen, indem er mit dem Spiele nur spielte, mir oft durch einen glücklichen Handgriff in der Noth beizustehen.

Eines Tags führten wir zum Beispiel ein großes Stück von mir auf, an dem mehrere Kameraden von mir Theil nahmen. Der Junge, welcher den Vater spielte, hatte eine der alten Perücken meines Vaters auf, und sah ganz verzweifelt aus, da er auch seine Rolle nicht konnte. Meine Schwester spielte die Tochter, die in Ohnmacht fiel, da sie nicht gleich ihren heimlichen Geliebten heirathen durfte. Der verzweifelte Vater, der seine Rolle nicht wußte, konnte dagegen alle Parenthesen und Anmerkungen an den Fingern hersagen. Indem nun die Tochter hinfällt, sagt er ganz ruhig: »Indessen sind sie ihr behülflich und bringen sie wieder zu sich.« Und damit wollte er gehen, weil er nicht mehr wußte. Aber glücklicher Weise stand Winckler in der Thüre und warf ihn mit einem äußerst gewandten Stoße in den Rücken wieder mitten auf die Bühne, so daß das Stück von Neuem in Gang kam; denn der Stoß hatte eine magnetische Wirkung auf den Schauspieler, und die vergessenen Repliken erwachten alle wieder in seinem Gedächtniß.

Auch Storm sah uns ein Mal eine solche Komödie spielen und sagte scherzend zu mir: »Ei mein liebes Kind, Du bist ja ein größerer Dichter als Molière! Man hielt es für etwas Außerordentliches, daß er in acht Tagen ein Stück schrieb und aufführte, aber Du machst das Alles zusammen in einem.« -- Weder Storm noch ich glaubte damals, daß ich wirklich Dichter werden würde. Doch hatte ich eine gewisse geheime Ahnung davon. Auch Dickmann glaubte es nicht; er hatte überhaupt keine hohe Meinung von mir, mochte mich aber doch gern, und ich liebte ihn. »Bilden Sie Sich nicht ein, lieber Oehlenschläger,« sagte er ein Mal in übler Laune, »daß Sie Genie haben, weil Sie diese Verse machen! Sie können ein tüchtiger Gelehrter, ein gewandter Geschäftsmann werden,« (hier nannte er mir einen vornehmen Mann, der jährlich 3000 Thaler Einkünfte hatte und sehr elegant wohnte.) »Solch Einer,« sagte er, »können Sie werden, aber Sie werden niemals ein Eduard Storm.« -- »»Es ist möglich,«« sagte ich mit verbissenem Zorn und die Hand in der Rocktasche geballt. Ich sah dies für eine ungeheure Beleidigung an, und doch hatte Storm nur 200 Thaler jährlich und bewohnte zwei kleine Zimmer eines Hinterhauses.

* * * * *

Da mein Geist mich doch stets zu dem Wissenschaftlichen hintrieb, so hatte ich in der letzten Zeit mit einigen Schulkameraden angefangen, Privatunterricht im Lateinischen bei Dickmann zu nehmen.

Meiner Schwester auf Friedrichsberg gab ich wieder in Verschiedenem Unterricht, wenn ich sie dort besuchte. Sie bedurfte nur wenig Anleitung, um Alles, was sie wollte, mit größter Leichtigkeit zu erlernen.

* * * * *

Ich hatte von Kindesbeinen an Lust, Anderen das zu lehren, was ich selbst lernte, und mochte gern Vorlesungen halten. Auch in der Kirche, wenn ich mich allein glaubte, bestieg ich die Kanzel und predigte laut. Der Prediger, Herr Bruun, war einmal in der Sakristei, ohne daß ich es wußte, mein Zuhörer gewesen, und rieth meinem Vater, mich Theologie studiren zu lassen.

* * * * *

[Sidenote: Anatomische Studien.]

Im Sommer ging ich jeden Abend nach Friedrichsberg; nur im Winter blieb ich in der Stadt. Einmal hatte ich einem meiner Kameraden (dem verzweifelten Vater) versprochen, ihm Anatomie zu lehren; ein Kinderskelett hatte ich mit hinausgenommen. Es stand auf dem Tisch, und ich schlief diese Nacht bei meinem Freunde, um den nächsten Morgen früh in das Südfeld zu gehen und Nüsse zu pflücken, was eigentlich nicht erlaubt war. Kaum waren wir ins Bett gegangen und hatten das Licht ausgelöscht, als wir Jemand an die Thür klopfen hörten. Wir schwiegen erschreckt und ich dachte an das Skelett, welches uns vermuthlich wegen des projectirten Nußdiebstahls strafen wollte. Wie leicht wurde mir aber wieder ums Herz, als unser Dienstmädchen mit einem Licht und meiner Nachtjacke hereintrat, die ich vergessen hatte.

* * * * *

In diesen Jahren gab mein Vater sich nicht viel mit mir ab und überließ mich meinen Lehrern. Ich entsinne mich, wie ich ihm zwei Mal, aus der Stadt kommend, erschreckt im Garten begegnete. Das erste Mal hatte ich mich bewegen lassen, die Schule zu schwänzen und einen guten Freund auf ein großes Linienschiff, den Elephanten, zu begleiten, das auf der Rhede lag. Damals fühlte ich mich zum ersten Male von den Geistern unserer unsterblichen Seehelden, Christian's IV., Tordenskjold's, Juel's, Adeler's und Hvidtfeldt's umweht. Das Tauwerk, die Segel, die schöne Kajüte, die Kanonen, die lustigen Matrosen, die hübsch gekleideten Offiziere, die gute Mahlzeit: Alles verwandelte den Elephanten für mich in ein Zauberschloß. -- Aber als ich nun nach Hause mußte, fing mir das Herz zu klopfen an; ich war den ganzen Tag ohne Erlaubniß weggewesen. So begegnete mir mein Vater im Garten, wie Adam dem lieben Herrgott nach dem Sündenfalle. Aber nachdem er Alles gehört hatte, schalt er mich nicht. Es sei nicht Zeit gewesen, erst darum zu fragen, und ohne es darauf ankommen zu lassen, hätte ich einen seltenen Genuß und eine nützliche Erfahrung entbehren müssen. Ein anderes Mal begegnete ich ihm auch, als ich aus dem Wasser kam, aber triefend naß, denn ich war mit den Kleidern hineingefallen, und mußte so nach Hause gehen. Da aber all' meine Kleider durchnäßt waren, und mithin alle gleichmäßig eine dunklere Farbe bekommen hatten, bemerkte mein Vater, der mit einem Fremden ging, die Veränderung nicht. Ich zog meinen Hut sehr ehrerbietig ab, und glücklicher Weise hielt er mich nicht auf; ich lief zu meiner Mutter und sie half mir aus dieser, wie aus vielen anderen Verlegenheiten mit mütterlicher Liebe, und dankte Gott, daß ich nicht ertrunken war.

* * * * *

[Sidenote: Besuch der Kunstakademie.]

Eine andere Schule, in die ich auch gekommen war, mußte ich bald wieder verlassen, weil man mich nicht in Frieden ließ und der Feind mir zu stark war. Ich liebte das Zeichnen sehr; der Zeichnenlehrer in der »Schule für die Nachwelt«, Herr Dinesen, fand, daß ich Talent hatte, und da er zugleich Lehrer auf der Kunstakademie war, so schlug er mir vor, dorthin zu gehen. Ich kam in die erste Freihandzeichnenschule. Mit welcher Ehrfurcht betrachtete ich nicht die Gypsabgüsse der griechischen Meisterwerke, im Gefühl und der Ahnung einer Schönheit, die ich noch nicht verstand. Von Thorwaldsen wußten wir damals nichts weiter, als daß er ein ausgezeichneter Schüler gewesen und nun in Rom war. Ich sollte gerade in die nächste Klasse kommen, als ich die Zeichnenkunst aufgab. Wie sollte ich auch dazu die Zeit bekommen, wenn ich den Tag über in die Schule gehen, Abends bei Dickmann sein und dann noch meine Arbeiten machen sollte? Aber es war noch ein Grund vorhanden. Zu einer gewissen Jahreszeit besuchten die Malerburschen die Akademie. Diese großen Jungen schlugen sich immer, wenn sie kamen, und gingen auf Königs-Neumarkt und ließen uns Andere nicht in Frieden. Diesen Angriffen wollten meine Eltern mich nicht aussetzen; außerdem verstand ich nicht mit dem Rothstift umzugehen und war in der ganzen Zeit, wo ich die Akademie besuchte, von einem strahlenden Heiligenschein umgeben. Ich gab deßhalb das Zeichnen auf.

* * * * *

[Sidenote: Privatstunden.]

Aber auch bei Dickmann waren mir die Privatstunden zu drückend, wenn der Sommer kam und ich ganz den schönen Abendfreuden entsagen sollte, die ich bis dahin in der freien Natur genossen hatte. Hierzu kam noch, daß der gute Dickmann, der an Nahrungssorgen und häuslichem Kummer litt, täglich verdrießlicher wurde. Einmal, als er uns eine schwierige Stelle in einem lateinischen Autor übersetzt hatte, fragte er: »Verstehen Sie es nun Alle?« -- »Ja!« lautete die Antwort. »Sie auch, Oehlenschläger?« »Nicht ganz«, entgegnete ich, »wollen Sie vielleicht so gut sein, es mir noch einmal zu übersetzen?« -- »Ach«, sagte er mit einem verächtlichen Achselzucken, »ich sehe schon, wo es fehlt.«

[Sidenote: Dickmann's Unterricht.]

Er übersetzte es noch einmal, aber ich hörte kein Wort; ich war blaß, wie eine Leiche, und zitterte am ganzen Körper. -- Kein Genie, das ließ ich gelten; aber nun nicht einmal Kopf genug zum Studiren, ein schlechterer Kopf, als all' die Anderen, das ging zu weit! -- Ich lief zu meinem Vater und sagte ihm, daß ich keinen Beruf in mir fühlte, ein gelehrter Mann zu werden; ich hätte mehr Lust zum Kaufmannsstande und wünschte meine Abendstunden bei Dickmann aufzugeben. -- Mein Vater ließ mir meinen Willen. Als ich Dickmann das letzte Monatsgeld gab, war er sehr gutmüthig und bat mich noch auszuharren. »Lieber Oehlenschläger«, sagte er, »kümmern Sie sich doch nicht um ein Wort, mit dem ich Nichts meinte. Fragen Sie alle meine Schüler, ob ich ihnen nicht oft viel schlimmere Dinge gesagt habe.« Er brauchte nicht so viel zu sprechen, um mich ganz zu versöhnen und meine alte Liebe zu ihm wieder zu erwecken. Ich suchte nun aus allen Kräften, mich in seinen historischen Stunden auszuzeichnen. Wenn er uns unser Pensum aus Kall's Weltgeschichte überhört hatte (ein Buch, das ich auswendig lernte, eben so wie Pontoppidan's Erklärung in des Küsters-Schule), so hielt er uns Vorträge über die specielle Geschichte der verschiedenen Länder. Er hatte zu diesem Zwecke eine große Menge Excerpte aufgeschrieben und trug vortrefflich vor. In der ersten Klasse schrieben Einige während des Vortrags das Wichtigste dessen nach, was er sagte. Ich war in der zweiten Klasse und dort schrieb Keiner, außer mir. Eines Tages sagte er: »Ich möchte doch hören, was Sie da schreiben; lesen Sie es einmal vor!« -- Ich las mein Geschriebenes, gut stylisirt, vor, denn ich hatte die Feder schon früh führen gelernt. -- »Wahrhaftig, das ist mehr als ich selbst machen könnte«, sagte er, und gab mir: »Ausgezeichnet gut!« eine große Seltenheit bei ihm, da es sonst Keiner in der zweiten Klasse bekam. Ich war entzückt vor Freude, stürzte in der Zwischenstunde in die erste Klasse, mit dem Censurprotokoll in der Hand, rief: ich habe »ausgezeichnet gut!« bekommen, und zeigte ihnen die Stelle, wo es stand. Einige schlugen ein lautes Gelächter auf; aber Dickmann setzte sie ernstlich zurecht, und erwies mir von dem Augenblicke an stets Achtung. Ich fuhr fort, die Vorträge nachzuschreiben und hatte mein kleines Schreibepult voller Excerpte über Mythologie, Geschichte, Oekonomie, Bergwissenschaft und Anatomie. Aber Dickmann wurde immer melancholischer, von Nahrungssorgen niedergedrückt, und seine Gesundheit schwächer. Die ganze Richtung, welche mein Geist einschlug, war nicht nach seinem Sinne. Wie alle Schöngeister der damaligen Zeit, hatte er einen überwiegend einseitigen Hang zum Sentimentalen. Ich fing nach der Natur des Knaben lustig und naiv an. Aber es war auch nicht durch seinen poetischen Geschmack, daß er Einfluß auf mich ausübte. Der war nicht sehr gut; er war, wie Viele jener Zeit, ein großer Bewunderer von Kotzebue und setzte ihn beinahe über Shakespeare. Doch Holberg, Ewald, Wessel bewunderte er, und später besonders Schiller. -- Aber Dickmann's Vortrag in der Geschichte, die lebendige, begeisterte Art, in der er uns die Charakteristik der großen Helden und ihrer Thaten gab -- riß mich hin.

[Sidenote: Geschichts-Unterricht.]

Ueberall, wo die Humanität den Sieg gewann, oder wo das Heroische sich auf eine edle, ungewöhnliche Weise äußerte -- da war Dickmann begeistert, da flossen seine Thränen, da zitterte seine Stimme -- da riß er uns Alle mehr oder weniger hin, besonders mich, der ganz entzückt war. Die Geschichte war mir stets theuer und mein Lieblingsstudium, als die Pflanzschule der Poesie, da mein liebstes und höchstes Streben stets dahin gegangen ist, große Thaten und Charaktere zu idealisiren. Aber so lieb wie mir die Geschichte war und ist, -- so daß meine Lektüre fast immer historisch gewesen, -- so fern war dagegen mein Geist der prosaischen herzlosen Art des Geschichtsstudiums, und diese widerte mich an, je mehr sie zu einem bloßen Namen- und Jahreszahlenregister, zu einer diplomatischen Abhandlung ward. Und doch wurde sie von Vielen nur auf diese Weise geachtet, von Vielen, deren größte Schultüchtigkeit ein gutes Gedächtniß war. Ich entsinne mich z. B. sehr gut, daß Professor =Abraham Kall=, dessen mächtiges Gedächtniß ihn, aber auf Kosten des Gefühls und der Phantasie, sehr gelehrt machte -- Dickmann's Art, die Kinder in der Geschichte zu unterrichten, als bloßes Anekdotenwesen verwarf. Meiner Ansicht nach ist die lebendige Darstellung der charakteristischen Züge, welche die Personen bezeichnen und die Zeit, in der diese leben, gerade die rechte Weise, Kindern Geschichte vorzutragen; denn diese soll nicht nur ein Vademecum für den Zeitvertreib werden. Aber die Anekdote ist ja eigentlich nichts Anderes, als die kurze Erzählung einer einzelnen Handlung und deren Beweggründe. Das Leben aller Menschen besteht aus solchen. Es kommt nur darauf an, die wichtigsten, bedeutungsvollsten zu erzählen und sie so nach einander zu ordnen, daß diese Perlen, auf die Schnur der Zeitfolge gezogen, das Halsband der historischen Muse bilden. Aber in dem Gewimmel unbedeutender Namen, einförmiger elender Handlungen sinkt so zu sagen das Wirkliche, die wichtige Geschichte der Menschheit, unter. Diese Erinnerungsübungen mögen einem eiteln Gedächtniß schmeicheln und von der Einfalt bewundert werden -- aber sie haben Nichts für das Herz und die Vernunft zu bedeuten. Der eigentliche Historiker muß zwar dies Alles kennen, so wie der Perlenfischer all' die Austern öffnen muß, die er trifft, um seinen Schatz zu finden; aber er soll uns mit den leeren Austerschalen verschonen.

* * * * *

[Sidenote: Mnemotechnische Uebungen.]

Dickmann hatte eine eigene Art, die er von seinem Rector in Bergen gelernt hatte, uns die Jahreszahlen besser im Gedächtniß behalten zu lassen, nämlich durch Worte, statt der Zahlen. Wenn dieses Wort nun in seinem Klange Etwas hatte, welches das Charakteristische bei einem Helden oder einer Begebenheit andeuten konnte, so war dies vorzuziehen, meistens aber war es nicht möglich. In wie weit diese Art der gewöhnlichen vorzuziehen sei, ist eine Frage. Gall hat ja einen Unterschied in den Organen für Namen- und Zahlengedächtniß gefunden. Daß man im Allgemeinen keine Erleichterung dadurch gehabt habe, muß ich voraussetzen, da diese Art, welche doch von Vielen gekannt war, wieder ganz aufgehört hat. Mir half es unendlich viel, da ich sonst die Zahlen gleich wieder vergaß. Zum Examen konnte ich dagegen dem Professor Kjerulf alle Jahreszahlen nennen, nach denen er mich fragte, und wenn die Anderen sie nicht wußten, so wandte er sich lächelnd an mich, und ich sagte sie ihm gleich, wenn ich nur erst das Wort mit meinem Finger aufs Kniee schreiben durfte, und mir Zeit gelassen wurde, es auszurechnen.

* * * * *

Dickmann hatte, ungeachtet seiner Melancholie, etwas Gutmüthig-Launiges in seinem Wesen, das uns sehr amüsirte. Er scherzte, ohne sich etwas an seiner Würde zu vergeben. Einer seiner Scherze war, daß er that, als ob er sich nicht unserer Namen entsinnen könne, und uns nur abwechselnd »Christoffersen« oder »Blokkus« nannte. Die Entstehung dieser Benennungen weiß ich nicht. Aber deßhalb ging es doch gleich ernsthaft mit den Fragen, und wenn Christoffersen oder Blokkus ihre Lectionen nicht wußten, so bekamen sie Ng., M. oder S., d. h. Nicht gut, mittelmäßig oder schlecht. Ich habe in der Schule nie »schlecht« bekommen, nur zwei Mal »mittelmäßig« und selten »Nicht gut«. -- Dickmann liebte es, das Spießbürgerliche zu persifliren und erzählte uns, wie ein Innungs-Aeltester der Branntweinbrennerzunft einmal sehr gravitätisch seine Rede mit den Worten begonnen habe: »Meine Herren und Branntweinmänner.«

[Sidenote: Der Mensch ein Lichtgießerschild.]

Oft wenn er in Gedanken und seufzend da saß, sagte er scherzend, wenn er sah, daß wir's bemerkten: »Ach ja! was sind wir Menschen doch weiter als Lichtgießerschilde und Käse!« Das erste Gleichniß hatte er von einem Friseur gelernt, der einmal, als er ihn bediente und ihn seufzen hörte: »Ach ja! was sind wir Menschen«, sagte: »»Ja, was sind wir wohl anders als Lichtgießerschilde!«« »Lichtgießerschilde?« fragte Dickmann verwundert. »»Ja, Herr Dickmann, wenn wir's recht überlegen, so sind wir im Grunde genommen nichts Anderes; wir müssen uns ja nichts einbilden.«« »Ich bilde mir gar Nichts ein«, sagte Dickmann, »und will sehr gern gestehen, daß wir ungeheuer wenig sind; aber warum gerade Lichtgießerschilde?« -- »»'s hilft Nichts, Herr Dickmann, daß man sich Honig um den Mund schmiert, wir sind, weiß Gott, nichts Anderes!«« Es dauerte lange, ehe Dickmann den Grund zu diesem wunderlichen Gleichnisse erfahren konnte. Endlich sagte der Friseur: »»Was sind wir anders? Lassen wir uns vom Winde nicht hin- und herbewegen, gerade wie ein Lichtgießerschild?«« Nun verstand Dickmann ihn, und um das Gleichniß vollständig zu machen, fügte er »Käse« hinzu, weil wir nach unserem Tode ganz so, wie der Käse, von Würmern verzehrt werden.

* * * * *

[Sidenote: Aufenthalt bei Gosch.]

Storm behandelte uns zuweilen mit einer gewissen launigen Ironie, die stets sehr gute Wirkung that. Er war weit davon entfernt, den spätern deutsch-philantropischen, moralischen, frommen Ton zu gebrauchen, der so leicht zu süßer Sentimentalität und dann zur Heuchelei übergeht. Wenn einmal Einer in seiner Stunde die Arme, wie ein Bauer, auf den Tisch gelegt, und den Kopf darauf gestützt hatte, so sagte er trocken zu seinem Pflegesohn Paul Rasmussen: »Ach Paul, gehe hinein und hole für N. N. ein Kopfkissen!« Gleich zog N. N. seine Arme zurück. Storm hatte einmal Einem, der immer naseweis und altklug war, Etwas befohlen, das er nicht gethan hatte. »Warum hast Du Das nicht gethan?« fragte er nun in Aller Gegenwart. -- »»Ich meinte«« -- »Du sollst nicht meinen!« -- »»Ich dachte«« -- »Du sollst nicht denken!« -- »»Ich glaubte!«« -- »Du sollst nicht glauben, sondern thun, was ich Dir sage.«

Zu Hause bei Gosch war eine Veränderung vorgegangen; wir zogen in ein anderes Logis, wohnten aber lange nicht so gut, wie früher. Hier bekam ich das Scharlachfieber in ziemlich hohem Grade. Als ich mich zu erholen anfing, aber noch sehr matt war, von meinen Eltern, meiner Schwester, meinem Friedrichsberg und der gesunden Luft getrennt, und außerdem fühlte, daß ich den Fremden zur Last sei, weil ich mehr Pflege, als gewöhnlich erforderte, -- lag ich eines Tages im Bette, weinte und verbarg meine Thränen; da kam ein Junge zu mir, der Peter hieß und nicht gerade wegen seines brillanten Kopfes bekannt war; er spielte mit dem Papagey, dessen Bauer nicht fern von meinem Bette stand. Es amüsirte ihn, das Thier so wüthend zu machen, daß die Federn auf dem Kopfe sich sträubten. Während dies nun stets mit seinem scharfen Schnabel nach Peter's Finger hackte, der sich immer zeitig genug von den Stahldrähten zurückzog, starb dieser beinahe vor Lachen und stammelte (denn er stammelte immer etwas): »Ach! ha -- ha -- hat Po -- Po -- Polly eine kleine Perücke! Soll ich Polly die Pe -- Per -- Perücke abreißen!« Dazwischen schrie der Papagey in seinem wüthenden Rasen; und diese Scene trug nicht wenig dazu bei, mich aufzuheitern, so daß ich mich bald erholte. Einige Tage darauf nahm meine Mutter mich nach Friedrichsberg hinaus.

* * * * *

[Sidenote: Eine neue Heimath.]

Gosch bekam eine Anstellung als Zollverwalter auf Fehmarn, und ich kam nun in das Haus eines Controleurs bei der westindischen Compagnie, der Laasbye hieß. Sein gutes sanftes Weib war eine vortreffliche Hausmutter; er war auch freundlich und erwies mir alles Gute, war aber ganz unwissend und ohne Bildung. In den ersten Tagen, um mir das Bittere der Trennung von meinen andern Lieben zu mildern, nahm er mich ein Mal auf die Zollbude mit hinaus, wo große Zuckerfässer aufgeschlagen wurden. Bei dieser Gelegenheit schenkte Einer der Leute mir einen ungeheuer großen Klumpen Zucker. Ich war bisher immer gierig auf Zucker gewesen, und hatte, da er mir nur in kleinen Quantitäten zugetheilt wurde, nie meiner Lust genügen können. Ich fing nun an, den Zuckerklumpen aus allen Kräften zu bearbeiten, aber am Ende schmeckte ich gar nichts mehr, und ich wurde seiner zuletzt so überdrüssig, daß ich ihn ins Meer warf, was mir später sehr Leid that, und mit schmachtenden Blicken stand ich oft am Ufer und starrte an dem Orte in die Wellen, wo der schöne Zucker ohne Nutzen geschmolzen war.

* * * * *

[Sidenote: Mein Pflegevater.]

Es war ein großer Abstand von Gosch's, wo ich Spielkameraden hatte, zu Laasbye's, wo ich mit den beiden stillen Leuten ganz allein war. Sie hatten nicht mehr als zwei Zimmer, einen sogenannten Saal von vier kleinen Fenstern und eine kleine einfenstrige Schlafkammer. In dieser Kammer wurde mein Feldbett aufgeschlagen, und da schliefen wir alle Drei. Glücklicher Weise war der Mann ein großes Kind; und so wie es oft zwischen unwissenden Erwachsenen und halb erwachsenen Knaben ergeht, welche die Schule besuchen -- der Unterschied in der Bildung hebt die Verschiedenheit des Alters auf, und sie werden einander gleich -- so ging es auch hier. Wir spielten zusammen. Ich hatte eine sogenannte _flûte douce_ mitgebracht, auf der ich alle Melodieen spielen konnte, die ich hörte. Ich lehrte auch Laasbye darauf blasen, und bearbeitete sie nun jeden Abend im Dunkeln im Saale, während die Betten gemacht wurden. Des Abends las ich ihm laut aus Unterhaltungsbüchern vor, und es schickte sich durchaus nicht (die Dankbarkeit verbot es mir ganz und gar) leise für mich in meinen Schulbüchern zu lesen; doch fand ich noch immer des Morgens ein Bischen Zeit -- und im Ganzen galt ich für einen tüchtigen Zögling in der Schule. Nur mit dem Französischen wollte es nicht recht gehen. Wir hatten einen Lehrer, Herrn Haslund, der sehr eifrig war und uns oft schlug; aber das half nicht viel; doch danke ich es seinen Püffen, daß ich das schwierige Verbum _s'en aller_, den Schlüssel zu vielem Andern, gründlich lernte. Herr Haslund war ein Jütländer, kahlköpfig, mit gepuderter Lockenperrücke und mit einem kleinen Zopf im Nacken. Er verstand nicht die Kunst, sich beliebt zu machen, und deshalb lernten Viele von uns Nichts. Wen ich nicht liebte, von dem konnte ich auch Nichts lernen. Es ging mir mit _Marmontel's Contes moreaux_ und mit _Fénélon's Telemaque_, wie in frühern Jahren mit »Malling's großen und guten Handlungen.« -- es verging lange Zeit, ehe ich den bittern Geschmack aus dem Munde bekommen konnte, wenn ich diese Bücher lesen wollte.

* * * * *

[Sidenote: Fortschritte in der Schule.]

Indessen war ich in die erste Klasse gekommen und war ein ganzes Jahr Primus, weil ich in der Schule blieb und keine andere Bestimmung hatte. Die Anstalt war in vielen Beziehungen vortrefflich und in ihrem ersten blühenden Zustande eine Art Gymnasium und die erste im Lande, wo Ordnung und Geschmack in der Einrichtung herrschten, wo für die Bildung der Sitten und des Herzens gesorgt wurde. Die meisten der alten Schulen waren noch Pferde- oder Schweineställe, wo Einem zwar griechisch und lateinisch eingeprügelt wurde, die man aber oft noch roher verließ, als man hineingekommen war, ja die Knabenstreiche arteten nicht selten in Niederträchtigkeit und Schurkerei aus. Der einzige Fehler, welchen unsere Schule hatte, war, daß sie für eine Vorschule eine zu schöne Einrichtung besaß, und etwas Anderes war sie im Grunde doch für die Meisten nicht. Wer Militair werden sollte, kam von hier auf die Akademieen, wer studiren sollte, verließ die Schule, wenn er sie zur Hälfte durchgemacht hatte, oder nahm Privatstunden, was für einen muntern Jungen, dessen Phantasie auch der Freiheit und Natur bedurfte, zu anstrengend war. Ich wenigstens konnte mich noch nicht darein finden, zwei Stunden zu sitzen, wenn ich schon sechs gesessen hatte und dann noch zu Hause an meinen Aufgaben zu arbeiten. Die Schule »für Bürgertugend« war ungefähr zu derselben Zeit, wie die Schule »für die Nachwelt« gestiftet, es war eine gelehrte Schule, in der der alte Möller gute Studenten bildete; aber als Erziehungsinstitut hatte unsere Schule doch gewiß bei Weitem den Vorzug. Indessen fühlte ich doch selbst bald, daß sich auf diese Weise kein Weg für mich eröffnen würde; durch Winckler, der in die Schule »für Bürgertugend« ging und starke Fortschritte machte, bekam ich auch Lust, dorthin zu kommen; ich bat meinen Vater darum, aber er schlug es mir rund ab. Storm hatte meinen Plan erfahren; als er ihn hörte, lächelte er und schwieg. Es blieb beim Alten; noch wußte ich selbst nicht recht, weshalb, endlich erfuhr ich, was man mir bisher aus einer falschen Schaam verschwiegen, daß ich einen Freiplatz hätte, und daß mein Vater nicht die Mittel besäße, für mich zu bezahlen, wenn er mich zugleich in der Stadt in Kost und Logis geben sollte. Sobald ich dies erfuhr, so fand ich mich geduldig in mein Schicksal und suchte in den letzten Jahren so viel als möglich von der Schule zu profitiren.

* * * * *

[Sidenote: Die französische Revolution.]

Es war die Zeit des Directoriums in Frankreich. Die entsetzliche Revolution war vor sich gegangen, ohne daß wir Kinder viel dabei empfanden und wir hörten auch von unseren Lehrern nicht viele Aeußerungen des Mitleids über Ludwig XVI. und die Königin Marie Antoinette. Das edle Feuer, welches die ersten, herrlichen kräftigen Männer der Revolution dazu gebracht hatte, die Sklavenbande der Despotie abzuschütteln, hatte sich der Herzen bemächtigt. In weiter Entfernung weckt Unglück das Mitleid nicht genügend, man merkte nicht recht, daß die erste herrliche Zeit der Revolution von dem Kanibalismus der Jakobiner durchaus verschieden war; man sah in dem König und der Königin von Frankreich Personen, welche die Constitution gebrochen und heimlich unter einer Decke mit Frankreichs Feinden gespielt hatten; dies schwächte das Mitgefühl für das tragische Schicksal des unglücklichen Königpaars. Darum konnte selbst der edle Storm ruhig an dem Tage hereinkommen, als die Zeitungen mit der Nachricht von König Ludwigs Hinrichtung eingetroffen waren, und sagen (doch natürlich ganz ohne Spott, nur in einem gewissen stillen Humor) -- »Sie nannten ihn Ludwig Capet, nun ist er Ludwig Caput!«

* * * * *

Kinder machen, wie die Affen, Alles nach. Wir hatten auch ein Directorium gemacht, wo ich der erste Consul war, sowie Bonaparte, und ich hatte zwei Mitconsuln, die auch Nichts zu befehlen hatten, ebensowenig wie Sièyes und Cambacèrés. Das Spaßhafteste war, daß ich Gesetze für meine Republik entwarf, deren erster Artikel also lautete: »Da kein Staat ohne einen obersten Anführer bestehen kann, so wollen wir einen solchen wählen.« Diesem Obersten mußte nun die Republik unbedingten Gehorsam schwören, und so ahmte ich, ohne es selbst zu wissen, Bonaparte vollständig nach, und stiftete eine Republik, wie später Dr. Francia in Paraguay. An der Spitze meiner Republik zog ich auch ein Mal gegen ein Heer der Schule »für Bürgertugend« aus, und wir beabsichtigten eine Schlacht zu liefern, aber es wurde Nichts daraus, sondern blieb nur bei Märschen und Manövern.

* * * * *

[Sidenote: Storm's Tod.]

Das Merkwürdigste, das ein Jahr, bevor ich die Schule verließ, eintraf, war Storm's Tod. Er hatte einen schlimmen Husten, der überhand nahm, und ihn ins Grab legte; kurz vor seinem Tode war er zum Theaterdirector ernannt; und, ich hätte beinahe gesagt, es war gut, daß er starb; -- denn es wäre nie gut gegangen. Ich kannte keinen Menschen, weniger zu diesem Posten geeignet, als den edeln, vortrefflichen Storm, wenn ich einige Andere aus späterer Zeit ausnehme. Er hatte ein mittelmäßiges Stück geschrieben, welches »Erast« hieß und allgemein mißfallen hatte; -- ob er auf Grund dieses Stückes zu dem Posten vorgeschlagen war, weiß ich nicht. Zur Administration des Theaters war er durchaus nicht geeignet; Er, der launische, sonderbare Junggeselle ohne Weltkenntniß, dessen ganzes Streben bisher nur dahin gegangen war, die Unschuld der Kinder zu bewahren, und mit frommer, stiller Weisheit die unverdorbenen weichen Herzen zu bilden. -- Dieses Amt würde ihm gewiß viele Unannehmlichkeiten bereitet haben, vielleicht hätte er dadurch selbst Etwas von seinem herrlichen Gleichgewicht verloren. Er starb, da seine Gesundheit doch untergraben war, zu rechter Zeit. Daß er auch gleich in ein eigenthümliches Verhältniß zu dem ersten Theaterdirector gekommen wäre, welches sich nicht so leicht zur Befriedigung beider Parteien hätte ausgleichen lassen, wenn er sich wieder erholt hätte, erfuhr ich erst einige zwanzig Jahre später, eines Mittags beim Grafen Schimmelmann, als ich neben dem Oberkammerherrn Hauch saß und das Gespräch auf Storm kam. Ich lobte ihn, und Hauch sagte in der gutmüthigen Laune, die ihm eigen war und ihm so gut stand: »Ja, es war gewiß ein prächtiger Mann; aber mir hat er, trotzdem wir Amtsbrüder waren, nur ein einziges Wort gesagt, und das war: »Scheußlich!« -- »Wie, Ew. Excellenz?« fragte ich verwundert. -- »Ja!« fuhr Hauch fort, »ich hatte ihn nie gesehen, noch gesprochen, als er Director wurde. In denselben Tagen erkrankte er. Ich schickte meinen Läufer hin und ließ fragen, wie er sich befinde. Er begegnete dem Läufer in der Thüre, antwortete »Scheußlich!« und warf ihm die Thüre vor der Nase zu. Er hatte ganz Recht, denn wenige Tage darauf starb er.«

* * * * *

Es herrschte eine außerordentliche Betrübniß in der Schule, als wir eines Morgens hinkamen und hörten, Storm sei todt! Während er kränkelte, brachte ich ihm regelmäßig Melonen, Pfirsichen und Weintrauben von Friedrichsberg, die mein Vater sich für mich vom Hofinspector erbat, da ich wußte, daß Storm ein großer Liebhaber von feinen Früchten sei, und dies das Einzige war, was ihn in den letzten Tagen erquickte. Es war mir ein seliges Gefühl, wenn er meine kleinen Gaben freundlich annahm, er, der mir so viel geschenkt hatte, und sagte: »Hab' Dank, mein liebes Kind!« -- Nun aber hatte er mehrere Tage auf dem Friedrichshospital gelegen, und heute war er gestorben. Fast Alle weinten. Die Liebevollsten unter uns sehnten sich darnach, ihren entseelten Lehrer mit dem guten freundlichen Gesicht zu sehen, und ihm das letzte Lebewohl zu sagen.

In der ersten Stunde kam Lindrup, ein braver, tüchtiger Lehrer der Mathematik, aber so kalt, wie die Wissenschaft, in der er Unterricht gab. Er begegnete unserer Betrübniß mit einem unzufriedenen Gesicht, tadelte unser Gefühl als schwach, und als wir äußerten, daß es uns unmöglich sei, aufzupassen und um Erlaubniß baten, fortzugehen, um Storm's Leiche zu sehen, merkte ich deutlich, daß er es für Heuchelei und einen Deckmantel unserer Faulheit ansah. Er befahl uns, uns zu setzen, aufzupassen und versicherte, daß wir Storm keine größere Liebe erweisen könnten, als wenn wir fleißig wären und unsere Arbeiten gut machten. Wir setzten uns hin; aber ich erglühte und bebte vor Zorn. Das natürliche Dankbarkeitsgefühl für einen edeln Wohlthäter in einem jungen Herzen sollte unterdrückt werden, um Etwas ohne Aufmerksamkeit zu treiben, was wir eben so gut und noch besser morgen lernen konnten. Mit jedem Triangel und Zirkel, den er an die Tafel schrieb, wuchs mein Zorn. Ich veranlaßte meinen Nachbar Falch, den Lindrup gern mochte, um Erlaubniß zu bitten, daß er einen Augenblick hinausgehen könne. Er erhielt sie. Gleich lief er nach meiner Anweisung zum Etatsrath Professor Nörregaard hinüber, der im Vordergebäude wohnte und einer der Schuldirectoren war. Falch schilderte ihm unsere Trauer und bat, uns heute frei zu lassen, da wir nicht aufmerksam sein könnten. Er gab uns die Erlaubniß. Falch hatte sich wohl gehütet, von Lindrup's Ansicht zu sprechen. Er eilte wieder in die Klasse zurück und rief uns Anderen zu: »Nörregaard hat uns frei gegeben!« -- »Adieu, Herr Lindrup!« rief ich, riß meinen Hut vom Nagel und stürzte mit den Uebrigen hinaus. -- Obgleich Trotz in Dem lag, was wir thaten, hat Lindrup doch wohl durch näheres Ueberlegen gefunden, daß es ein verzeihlicher Trotz war, denn er faßte keinen Groll gegen mich und sprach nicht mehr von der Sache.

Ich ging mit mehrern Anderen nach dem Friedrichshospital. Als wir eintraten trugen zwei Männer eine Bahre mit einer zugedeckten Leiche über den Hof. »Können Sie uns nicht sagen, wo Storm's Leiche ist?« -- »Hier!« -- Wir folgten den Leichenträgern und waren somit das erste Grabgeleite des todten Freundes. Als die Bahre in der Kammer hingesetzt wurde, enthüllte man sein Gesicht; wir sahen es zum letzten Male, überließen uns unseren Gefühlen und gingen.

* * * * *

Einige Tage darauf wurde er auf dem Assistenzkirchhofe begraben. Die Zöglinge der Schule waren alle zugegen. Ueber seinem Grabe wurde später ein Monument mit einem Basrelief in Marmor, sein Kopf, nach einer sehr ähnlichen Zeichnung, welche sein Pflegesohn Paul Rasmussen aus dem Gedächtniß entworfen hatte, errichtet. Besser als in Marmor findet man dieses Bild in Kupfer gestochen, vor Storm's gesammelten Gedichten.

* * * * *

[Sidenote: Storm als Dichter.]

Storm war kein großer Dichter, er hatte keine schöpferische Phantasie, sein Gefühl konnte sich nicht vielseitig bewegen und verschiedene Eindrücke aufnehmen, er erglühte nicht von dem starken Feuer, dessen es zur höchsten Begeisterung bedarf, sein Witz und seine Laune waren nicht glänzend; er hatte sich nicht in sehr verschiedenen Lebensverhältnissen bewegt, und kannte die Welt mehr aus Büchern, als aus der Erfahrung. Sein »Erast« ist eine schlechte Komödie, sein »Bräger« ein schlechtes komisches Heldengedicht, und in den meisten seiner Verse finden sich nicht viele poetische Funken. Aber er war ein echter Christ, ein echter Norweger, ein echter Menschen- und Kinderfreund. Er hatte die Sprache zum Theil in seiner Macht, war von unseren alten Heldenliedern und den Schönheiten seines Vaterlandes begeistert, darum werden auch =Zinklar's Weise=, =Jönndalen= und einige seiner religiösen Lieder ihren Werth in der dänischen Dichtkunst bewahren.

* * * * *

[Sidenote: Abermaliger Umzug.]

Laasbye zog wieder in eine neue Wohnung, die noch weniger hübsch war, als die frühere. Erst viele Jahre später erfuhr ich, daß das berühmte Schauspielerpaar Preisler dort gewohnt hatte, wo ich viele Tage der Kindheit zugebracht und im Dunkeln mit Laasbye auf der _flûte douce_ spielte. Nun wohnten wir bei einem Branntweinbrenner in einem beständigen Treberdampfe und dem schrecklichsten Gesinge der Straßenausrufer. Aber ich fühlte nichts von all' dem Drückenden um uns her, wenn ich Robinson auf seiner Insel folgte, oder in den Feenpalästen von »Tausend und einer Nacht« umherschwärmte. Madame Laasbye's Bruder hieß Wulf, und war Koch in der königlichen Küche. Zuweilen besuchten wir Wulfs. Da war eine Dame, die als Mittelpunkt für die Bewunderung der Gesellschaft strahlte, Madame Obel, eine berühmte Fruchthändlerin. Sie war sehr dick und fett und mit schweren goldenen Ketten geschmückt, die sich mehrere Male um Hals und Arme schlangen, so daß sie mir zuweilen wie ein mexikanisches Götzenbild erschien. Von Wulf entsinne ich mich, daß er viele Jahre später, als er älter und Pensionair geworden war, mir oft im Friedrichsberger Garten begegnete, und mich jedesmal fragte, »ob ich nicht den Kukuk hätte rufen hören? ob ich nicht wüßte, wo der Kukuk sei?« Ich konnte niemals begreifen, was er damit sagen wolle, bis ich entdeckte, daß der alte Mann vom Kukuk wissen wollte, wie viel Jahre er noch zu leben hatte. -- Ich zweifle nicht, daß der Kukuk ihn genarrt hat. Er war mit seinen Prophezeihungen zufrieden, wollte aber der Sicherheit wegen sie doch immer wieder hören; bis er aus gewissen Gründen nicht mehr wiederkehren konnte. Er war nämlich todt, aber der Kukuk rief lustig fort.

* * * * *

[Sidenote: Erste und letzte Jagdpartie.]

Es herrschte stets ein munterer Ton zwischen Laasbye's und mir. Ich mochte gern scherzen und die Frau nannte mich Eulenspiegel. Ein kleiner Zug unsers gemüthlichen Verhältnisses mag statt mehrerer anderen hier stehen. Ein Freund des Mannes kam einmal, und schlug uns vor, auf die Spatzenjagd zu gehen. Es war im Winter. Ich war nie früher auf der Jagd gewesen, und so viel ich weiß, war dies auch das letzte Mal. Wir bekamen Jeder eine geladene Büchse und gingen nun die Landstraße nach Friedrichsberg hin, wo Spatzen genug zu sein pflegten. -- Heute aber war unglücklicher Weise keiner da, oder mochte es vielleicht daher kommen, daß wir keinen treffen konnten? Genug, ein einziger Spatz war unsere ganze Beute. Den bat ich mir aus und ersuchte die Anderen, mich machen zu lassen, wenn wir zur Frau nach Hause kämen, die eine vortreffliche Haushälterin war, und uns versichert hatte, sie würde die Spatzen, die wir schössen, braten, daß sie wie Lerchen schmecken sollten. Aber zuerst ließ ich mir die Taschentücher der Anderen geben; damit stopfte ich mir die Taschen aus und ließ unseren einzigen Spatz halb aus der Tasche heraushängen. Mit vergnügtem Gesicht trat ich ins Zimmer und die Anderen folgten mir. »Na«, rief die Frau, »wie ist's gegangen, habt Ihr eine glückliche Jagd gehabt?« Ich sagte kein Wort, sondern zeigte auf meine Tasche. »Jesus, mein Herzensjunge!« rief sie, »Du hast ja so viel, daß sie herausfallen.« Sie griff begierig zu, fand sich aber bitter getäuscht, und ich wurde wieder Eulenspiegel genannt.

* * * * *

[Sidenote: Erster Theaterbesuch.]

Meine größte Freude war's, wenn ich zuweilen ein Parterrebillet bekommen konnte. Dann spielte ich schon im Voraus damit, schloß die Augen, warf es in einen Winkel, ohne zu wissen, wohin, da ich mich erst auf der Hacke umdrehte; darauf suchte ich es, und wenn ich es fand, stürzte ich wie über einen wirklichen Fund und wunderte mich sehr und jubelte über das große Glück, gleich dem Bergmanne, der plötzlich im Kupferwerk eine neue Silberader entdeckt. -- Dieses Spiel, die Augen zu schließen, Etwas fort zu werfen, um es dann wieder zu finden, wandte ich auch bei anderen Dingen an; aber es kam mir einmal bei einem neuen Federmesser theuer zu stehen, mit dem ich so im Friedrichsberger Garten spielte, und es nie wieder fand, da es sich im Sande verborgen hatte.

Das erste Stück, welches ich in meinem Leben sah -- ich war sieben bis acht Jahre alt, -- hieß »die verliebten Handwerker«. Mein Vater nahm mich von Friedrichsberg mit. Es war ein kalter Winterabend, Schnee lag auf dem Wege, aber es war sternenhell. Mit tiefem Gefühle sehe ich noch immer, wenn man dieses Stück spielt, dieselbe Decoration, welche damals meinen kindlichen Augen begegnete. Die kleine Tischlerwerkstatt im Hintergrunde mit ihrem Gitter und ihrer Hobelbank, die Häuser des Schuhmachers, des Schmiedes und der Jungfer Engelke, wie bezauberte mich Das! Und es bezaubert mich noch immer durch seine schöne Musik, durch seine lustigen und komischen Charaktere und Situationen. Das Satyrische darin konnte ich als Kind noch nicht verstehen; aber das eigentliche Poetische, das lustige Leben der Handwerker, wo Musik und Liebe sich mit der täglichen Beschäftigung vermischen; der Gegensatz des französischen Friseurs zur Plumpheit des Schmiedes und des Schuhmachers, wie wenn ein Schmetterling um einen Mistkäfer umherflattert, -- all' Das bewegte sich in dem bezaubernden unsichtbaren Elemente der Musik, welches das Plumpste zu etwas Höherem idealisirte. Ich befand mich, wie im Paradiese. Ich fragte meinen Vater, ob ich auch klatschen dürfe, und als er mir sagte, daß Jedem, der bezahlt habe, das Recht zustehe, seine Meinung zu erkennen zu geben, zog ich meine wollenen Handschuhe aus und schlug in die Hände, bis sie ganz warm wurden. Etwas aber, was ich gar nicht begreifen konnte, war, wie sie all' die Häuser, Gärten und Straßen gemalt hätten; denn ich glaubte, das würde immer gleich gemacht. Ich fragte meinen Vater, aber er hatte, so viel ich mich entsinne, auch keine deutliche Vorstellung davon.

* * * * *

[Sidenote: Der Schloßbrand.]

In die zwei letzten Jahre meines Schulbesuchs fielen die großen Feuersbrünste von Christiansburg und Kopenhagen. Die erste 1795 mitten im Winter, brach eines Nachmittags aus, als ich auf dem Friedrichsberger Schlosse saß und mit meiner Schwester zeichnete. Wir hatten einen Farbenkasten bekommen und es amüsirte uns, Papier zusammenzukleben und uns selbst ein Spiel Karten zu machen. Mein Vater sah in der Dämmerung zum Fenster hinaus: »Was ist das«, rief er, »steigt der Mond über Christiansburg hin auf? Wir haben ja nicht Mondschein?« -- Bald erfuhren wir, was es war, und ich ging mit meinem Vater nach der Stadt, wo wir von der Marmorbrücke aus Zeugen des fürchterlich schönen Schauspiels waren. Ich habe nie in meinem Leben ein solches Feuermeer gesehen, weder früher, noch später. Die Flammen waren erst in den Sälen eingeschlossen, die kostbaren Gardinen brannten in den Fenstern, wie ein Stückchen angezündetes Papier. Endlich durchbrach das Flammenmeer das Kupferdach, schmelzte es, und mit den schönsten Farben stiegen die rothen, blauen und grünen Flammen in die Luft. Noch stand der Thurm, wie ein dunkler Riese, mitten im Feuer, lange spottete der ungeheure Riesenkörper den lüsternen Flammenküssen, mit denen die Salamander an seinem Harnisch emporleckten. Endlich wankte der Riese, und mit einem entsetzlichen Krachen stürzte er durch alle Stockwerke hinab. Von diesem Augenblicke an war Alles Flamme, als ob die Hölle ihren Schlund geöffnet hätte, als ob Vesuv oder Aetna auf den Schloßplatz hin versetzt wären; und ich bin überzeugt, daß kaum jene Berge so viel Feuer auf ein Mal ausspeien, wie die Mauern hier in der rabenschwarzen Nacht. -- Als ich mit meinem Vater wieder nach Hause kam, war es bis zu Friedrichsberg und gewiß noch eine Meile weiter ganz hell. Bei uns zu Hause konnte man bei dem Scheine des Schloßbrandes deutlich lesen. Eine lange lichtgelbe Rauchsäule zog mit dem Winde über das Südfeld dahin, und einiges verbrannte Papier, das durch die Luft geführt wurde, fiel dort erst nieder. Man hatte gar nicht geglaubt, daß das Schloß brennen könnte, und die Mauern brannten auch nicht; aber die unzähligen Ofenröhre, welche durch das Gebäude kreuz und quer, oft in der Nähe leicht brennbarer Wände liefen, sollen die Veranlassung dazu gegeben haben. Man erzählte, daß die Leute im Schlosse gar nicht hätten räumen wollen, und als die Matrosen kamen, um zu retten, sagten Einige: »Wir dürfen nicht eher räumen, als bis wir Ordre haben.« »»Da ist, hol' mich der Teufel, die Ordre««! riefen die Matrosen und zeigten auf das Feuer, das zu den Fenstern herausschlug.

* * * * *

[Sidenote: Große Feuersbrunst.]

Im nächsten Jahre, 1796, wüthete in Kopenhagen eine Feuersbrunst, die ebenso prosaisch, wie jene poetisch war. Das Gefühl des Verlustes der königlichen Burg war nicht mit schmerzlichem Mitgefühl über grenzenloses Unglück verbunden. Es ging damals gerade über den Mann im Lande her, welcher die besten Mittel hatte, sich ein neues Haus zu bauen. Das historisch Merkwürdige bei dem alten Schlosse verschwand nicht ganz, die riesenstarken Mauern blieben stehen; man hoffte, daß die Burg sich schöner aus der Asche erheben würde, und dies ist auch geschehen, wenngleich ich aristokratische Seelen darüber habe klagen hören, daß der Steinkoloß dadurch an seiner Großartigkeit verloren habe, daß er auf einer Seite nach den Colonnaden zu der frischen Luft geöffnet worden, und daß der Thurm fort sei. -- Die Feuersbrunst der Stadt brach mitten im Sommer im blendenden Sonnenlichte aus, das kaum die Flammen sehen ließ, die sich nach und nach, wie ein verzehrender Krebs immer weiter über den großen Körper ausbreiteten. Ich wagte mich in eine solche Straße hinein und bemerkte kaum den flammenden Balken, welcher nicht weit von mir herabfiel. -- Aber obgleich diese Feuersbrunst weder poetisch noch malerisch war, so war es doch ein Trost, daß sie im Sommer in der mildesten Jahreszeit ausbrach, wo die Natur so viele Obdachlose in ihren freundlichen Schoos aufnahm; wäre das Feuer im strengen Winter ausgebrochen, so wären Unzählige grenzenlos unglücklich geworden.

Ein einziger, ungeheurer Fensterraum in den Schloßmauern war genügend, um, ein wenig zugemauert, Zimmer für eine ganze arme Familie zu werden. Es war, als ob Reichthum und Pracht verschwunden wären, um der Armuth und der Genügsamkeit zu weichen. Daß die Verschönerung der Stadt eine natürliche Folge dieses Brandes werden mußte, konnte freilich Diejenigen nicht trösten, die durch den Brand gelitten hatten. Es ist dies erst eine Frucht, welche das kommende Geschlecht erntet.

Als diese beiden Feuersbrünste überstanden waren, und die Trauer sich etwas gelegt hatte, kamen mir Reiser's »fürchterliche Feuersbrunstgeschichte« in die Hände, die ich mit großem Erstaunen und Vergnügen las. Reiser spielt in diesen tragischen Verhältnissen die Rolle des Narren, wie in den alten Marionettspielen. Er war das vom Schicksal auserwählte Werkzeug, -- wie =Peer Syv= sagt: »zum lustigen Zeitvertreib in diesem unlustigen Leben«, -- und das Sonderbarste ist, daß man -- aus Mangel an anderen Aufzeichnungen genöthigt ist, seine Narrheiten zu lesen, um individuelle Züge aus einer der traurigsten Begebenheiten zu finden.

* * * * *

[Sidenote: Der Thiergarten.]

Ehe ich meine Kindheit verlasse, muß ich noch Etwas erwähnen, das theils jährlich, theils nur ein Mal eine Unterbrechung meines gewöhnlichen Lebens herbeiführte. --

Das jährliche war die Fahrt nach dem Thiergarten, die in jedem Sommer auf einem großen Stuhlwagen von der ganzen Familie und ein paar Freunden an einem schönen Nachmittage unternommen wurde. Der Speisekorb wurde voll gepackt, das Flaschenfutter gut versehen; mein Vater zog einen Nanking-Ueberrock, des Staubes wegen über, und wir fuhren fort. -- Diese Tour riß mich hin, obwohl ich daran gewöhnt war, in der Natur und den schönen Gärten zu leben -- doch aber zwei Dinge vermißte, die sich mir nun in ihrer ganzen Herrlichkeit zeigten: das Meer und der Buchenwald! -- Mit welcher Begeisterung betrachtete ich die schäumenden Wogen, die, wenn sie gleich in der Ostsee nur Zwerge gegen die Wellen des Kattegats und der Nordsee sind, doch groß genug für den armen Knaben waren, der nur daran gewöhnt war, den Wind den Kanal im Friedrichsberger Garten kräuseln zu sehen. Wohl ging ich zuweilen nach der Zollbude; aber hier draußen, in den Fischerdörfern war es doch viel fremdartiger und schöner. Die armen Fischerhütten sah ich durch Ewald's Zauberglas, und die Armuth erschien mir, mit Muth, Genügsamkeit und Abenteuern gepaart, viel edler als die faule Ruhe; was auch unstreitig der Fall ist. Der Fischer am Ufer des Meeres repräsentirt eigentlich den Dänen. Der Seeheld entspringt aus ihm. Im Walde, umgeben von den mächtigen breiten Buchen, fühlte ich mich in Frigga's Heiligthum versetzt, und ahnte ihre tiefsten Geheimnisse. Die heilige Quelle, die ihr schönes Wasser so freigebig aussprudelt, zauberte mir alle Elfen aus den Kämpeweisen herbei. Daß sich Scherz, Volksgewimmel und fremde Gaukler in die große Natur mischten, daß der Tand des Augenblickes dem Ewigen, Unvergänglichen einen kurzen Besuch machte, und das Ernste, Erhabene dadurch steigerte, daß es einen Gegensatz zu dem Lustigen, Uebermüthigen, ja sogar Niedrigen bildete -- wirkte stark auf die Phantasie des Dichterknaben. -- Aber wenn ich über Casperle und Harlequin gelacht hatte, ging ich in den tiefen Wald und verirrte mich ein wenig auf eigene Hand. Einmal auf einer solchen Wanderung war ich erstaunt, eine Schlange zu finden, die sich durch das Gras schlängelte. Eine solche hatte ich noch nie gesehen; denn -- sonderbar genug -- auf Friedrichsberg gab es gar keine Schlangen, wenigstens habe ich sie nie dort gesehen.

Wenn wir nun, nach all' diesen Bildern, zu dem großen Baume an der Quelle zurückkehrten, wo unser Wagen hielt und unser Proviant auf einem Tische uns erwartete -- dann währte der Jubel bis zur späten Nacht, und in Staub und Gewimmel fuhren wir mit den Anderen wieder nach Hause. -- Sie sind verschwunden, die schönen Jahre der Kindheit! Vater, Mutter, Schwester, Freunde sind gestorben, -- aber der große Baum steht noch da, in den Bernt Winckler und ich, vom Jahre 1792 ab viele Jahre hindurch unsere Zeichen hineinschnitten. In einer späteren Periode bin ich oft mit meinen eigenen Kindern dort hinausgewallfahrtet, und habe die Zeichen im Baume fortgesetzt, und meinen Namen hineingeschnitten, der doch nicht ganz fertig wurde.

* * * * *

[Sidenote: Beerdigung der Königin.]

Ein andres Ereigniß, das meine gewöhnliche Lebensweise unterbrach, war die Beerdigung der Königin-Witwe =Juliane Marie= in der Roeskilder Domkirche. Mein Vater erlaubte mir, mit einigen Leuten aus der Silberkammer hinzufahren, es war meine erste Reise in strenger Kälte, und ich schlief in der Nacht auf einer Dachkammer im Palais, wo ich durch eine Oeffnung die Sterne am Himmel sah; aber ich sah auch den prächtigen Aufzug mit dem Leichenwagen der Königin; ich sah zum ersten Male die herrliche Kirche und ihre Grabgewölbe, die ich in späteren Jahren mehrfach besungen habe.

* * * * *

[Sidenote: Meine Konfirmation.]

Ich war nun sechszehn Jahre alt, und sollte confirmirt werden. In der letzten Schulzeit war mir Alles leicht von der Hand gegangen; ich erhielt eine Belohnung meines Fleißes und öffentliches Lob, und dennoch hatte ich noch Zeit genug, um die erwähnten Wochenblätter für meine Schulkameraden zu schreiben, und Komödie zu spielen. Einmal spielen wir ein Stück: »Der Sklave in Tunis« bei dem vortrefflichen Schauspieler und Instructeur Schwartz. Ich spielte die Hauptrolle, den Sklaven, der in seinen Fesseln seufzt und sich nach seiner Familie sehnt. Es war eine ganze Gesellschaft erwachsener Leute als Zuschauer zugegen. Ich spielte den armen Sklaven recht rührend, die Damen weinten, und Herr Schwartz lobte mich. Das verdroß meine Spielkameraden; in einem großen Monolog wollten sie mich aus der Fassung bringen, indem sie mir von den Coulissen aus Fratzen schnitten und mir Spitznamen zuflüsterten. Aber es half nichts! Ich empfand mein Unglück dadurch nur noch tiefer, und dies paßte gerade hier sehr gut in meine Rolle. Herr Schwartz lobte mich auf's Neue, als das Stück zu Ende war, und dieses Lob hat viel zu meinem einige Jahre später gereiften Entschlusse beigetragen.

* * * * *

Ich wurde mit Winckler in der Friedrichsberger Kirche confirmirt. Uns gegenüber in der Kirche standen zwei junge Damen, welche wir nicht kannten, da sie die Stunden bei dem Prediger im Hause gehabt hatten. Die Eine, mir gegenüber, war sehr hübsch, geschmackvoll und prächtig gekleidet, und sehr gerührt. Es war damals Gebrauch, daß die Knaben nach der Confirmation den Mädchen den Arm boten, und sie so Paarweise aus der Kirche gingen. Aber gerade weil ich so große Lust dazu hatte, wagte ich es nicht, sondern nahm die Flucht, lief fort, und blieb nicht eher stehen, als weit draußen auf dem Kirchhofe, auf einem Leichenstein, wo ich mich über meine Verlegenheit ärgerte. Die Schöne wohnte in der Nähe und saß oft in einem Lusthause, das nach dem öffentlichen Spaziergang hinauslag. Da grüßte ich sie denn sehr ehrerbietig, wenn ich vorüber ging. Erst viele Jahre später sprach ich mit ihr, und machte ihre Bekanntschaft als die Frau des Hofintendanten Schönberg.

* * * * *

[Sidenote: Ich soll Kaufmann werden.]

Bei der Confirmation war, außer meinen Eltern, noch eine für uns merkwürdige Person zugegen, welche viel Aufsehn in der Kirche machte, und zum Theil die Feierlichkeit störte; aber man mußte inniges Mitleid mit ihr haben. Es war die Tochter meiner alten Schulmadame. Die alte Jungfer, die keinen Mann bekommen konnte, hatte endlich den Verstand verloren, sich in eine hohe Person verliebt, und ging nun seltsam und lächerlich geschmückt umher, wie eine travestirte Ophelia. Bei Wincklers und meiner Confirmation war sie mit einem wunderlichen Kopfputze zugegen, der sehr viel Aehnlichkeit mit einer Mandeltorte hatte.

* * * * *

Als ich confirmirt war, verließ ich die Schule. Was sollte ich nun vernehmen. Ich kannte Geschichte, Geographie und meine Muttersprache recht gut; ich schrieb eine hübsche Hand, zeichnete recht nett, und hatte auch Geometrie und Trigonometrie gelernt. Deutsch verstand ich gut, konnte aber noch keine Zeile richtig schreiben; mit dem Französischen ging es mittelmäßig. Mit einigen Wissenschaften, Physik, Chemie, Anatomie, Oekonomie hatte ich eine oberflächliche Bekanntschaft gemacht; ich rechnete schlecht. Etwas lateinische Grammatik wußte ich, und verstand einen leichten Autor.

So ausgerüstet sollte ich =Kaufmann= werden, ohne Geld, ohne ein Wort Englisch zu wissen, ohne rechnen zu können, und ohne die geringste Anlage für den Stand zu haben. Aber da ich nicht wußte, was ich sonst werden sollte, ließ ich meinen Vater bestimmen. Er hatte mit einem Kaufmann Herrn =Rabe Holm= gesprochen, der mich auf sein Comptoir nehmen wollte, da der junge Mensch krank geworden war, den er sonst beschäftigte. Ich ging mit meinem Vater nach Christianshafen, wie zum Tode; mein einziger Trost war, daß der Kaufmann mich nicht annehmen würde, wenn er bemerkte, daß ich keine besseren kaufmännischen Kenntnisse habe; doch empörte sich auch mein Stolz gegen diese Demüthigung. Glücklicher Weise hatte der junge Mann sich wieder erholt, und Herr Rabe Holm ließ uns mit einer höflichen Entschuldigung wieder gehen.

[Sidenote: Wiederaufnahme der Studien.]

Auf dem Heimwege erwachte meine alte Lust zum Studiren wieder. Ich glaubte, in zwei Jahren mich zum examen artium vorbereiten zu können, das mein Freund Winckler bereits rühmlich bestanden hatte. Mein Vater gab seine Einwilligung. Auf Friedrichsberg hatten des Hofgärtners Petersen's Kinder einen Lehrer, Herrn =Höisgaard=; dieser versprach, mir täglich eine Stunde von 8 bis 9, der einzigen Zeit, die er übrig hatte, Unterricht zu geben; und so hoffte ich in zwei Jahren fertig zu werden.

* * * * *

[Sidenote: Herr Höisgaard.]

Nun wohnte ich also wieder bei meinen Eltern auf Friedrichsberg, in ununterbrochenem Genusse meiner lieben Jugendstätte vom Morgen bis zum Abend. Ich hatte nur eine einzige Unterrichtsstunde, aber mir bangte vor all' diesen Freistunden, denn ich fühlte im Voraus, daß ich nicht Gewalt genug über mich selbst haben würde, um mich freiwillig in einen gezwungenen Zustand zu versetzen, wenn durchaus Nichts da war, was mich nöthigte. Was sollte ich außerdem thun, wenn ich das gearbeitet hatte, was mir aufgegeben und mich für den nächsten Tag vorbereitet hatte? Ich sollte ja Griechisch und Lateinisch lernen, und das konnte ich mir nicht selbst lehren. Die lateinische Grammatik lernte ich so ziemlich; aber während ich in Munthes griechischer Grammatik das Verbum [Greek: tuptô], ich schlage, auswendig lernte, wünschte ich mir beinahe einige der Schläge, die ich in früheren Jahren in des Küsters Schule erhalten hatte, weil es mir schien, als ob zu solchen Exercitien durchaus Fingerklapse gehörten. Es ist keine Frage, daß, wenn Knaben mit lebhafter Phantasie und Gefühl die sogenannten =guten Fundamente= bekommen, das heißt: perfect Latein und Griechisch lernen sollen, daß sie im Allgemeinen jedenfalls Prügel bekommen müssen, so wie die Thiere, wenn sie Kunststücke lernen sollen. Doch kann auch die Vortrefflichkeit des Lehrers helfen. Der gute Herr Höisgaard war ein braver und freundlicher Mann und ohne Zweifel selbst ein guter Student, aber er war vom Lande, von einer der gelehrten Schulen in der Provinz, wo man zu jener Zeit vermuthlich Alles auf die obenangeführte Weise lernte. Das konnte er nun nicht auf den erwachsenen, confirmirten, zum Theil gebildeten Menschen anwenden. -- Es war hart genug für mich, der ich ein ganzes Jahr Primus in der Schule und von Eduard Storm geliebt gewesen war, -- nun zu Höisgaard zu kommen. Er empfing mich in Pantoffeln und tiefem Negligée, so wie er aus dem Bett aufgestanden war, trank seinen Thee aus großer henkelloser Tasse, aß sein Butterbrod in meiner Gegenwart, und nannte mich »Er.« -- Aber dieses Pronomens bediente er sich doch nur ein Paar Mal; denn trotz all' meines Bestrebens nach Demuth bemerkte er doch wohl genügend an meinem Blick und meinem ganzen Wesen, daß ich nicht gern in der dritten Person angeredet wurde. Es währte übrigens auch nicht lange, bis ich mir seine Achtung dadurch gewann, daß ich Kenntnisse in mehreren Gegenständen, und einen Sinn für Poesie zeigte, -- wenn wir die lateinischen Dichter übersetzten, -- den er selbst nicht besaß. Bald herrschte ein Ton zwischen uns, wie zwischen Kameraden, und nie wechselten wir ein böses Wort. --

Erst mußte ich den ganzen langen =Justinus= mit ihm lernen, dann aber ging es an _=Cicero de officiis=_, und wir lasen das 1., 2. und 6. Buch im =Virgil=.

Auf diese Weise wäre es nun recht gut mit dem Lateinischen gegangen, wenn er mich auch hätte lateinisch schreiben lassen; -- aber -- sonderbar genug -- daran dachte er nicht. Dagegen fingen wir das Griechische an, und ich hatte wenig mehr als [Greek: tuptô] gelernt, als ich gleich Paulus' Briefe an die Römer und Corinther -- in's Lateinische übersetzen mußte, das heißt: ich mußte täglich die lateinische Version auswendig lernen. Das war eine Höllenarbeit, -- sie war mir so überdrüßig und langweilig, daß ich wirklich die Römer und Corinther lernte, wie der Teufel die Bibel liest, und der Weg zum _examen artium_ schien mir so schwer und holperig, daß ich immer mehr und mehr die Lust verlor, ihn zu wandeln. Hierzu kam, daß Höisgaard, indem er mir täglich Anecdoten von Eigenthümlichkeiten der Professoren und von den Absonderlichheiten Einzelner erzählte, wie man sich benehmen müsse, um gut durchzukommen ec., die kindliche Ehrerbietung abstumpfte, die ich vor dem akademischen Institute mitgebracht hatte; so daß das Examen mir zuletzt wie eine Farce vorkam, die gespielt werden sollte, und in der ich eine große und langweilige Rolle hatte.

* * * * *

So ging es nun in dieser Morgenstunde von 8 bis 9 Uhr: aber wie ging es den ganzen übrigen Tag? Den brachte ich im Garten und im Südfelde, im Gespräche mit meiner Mutter und Schwester und mit sogenannter Unterhaltungslektüre zu -- d. h. ich machte mich mit der schönen Literatur vertraut, was gerade meinem Talent und meiner natürlichen Bestimmung entsprach. Aber ich betrachtete dies doch immer als eine Art blutiger Sünde, als einen Müßiggang, und weinte oft, weil ich nicht Kraft genug besaß, Höisgaard's lateinische Versionen von Paulus' Brief an die Korinther, Ewald's Fischern, Holberg's Komödien und Wessel's Liebe ohne Strümpfe vorzuziehen.

* * * * *

[Sidenote: Erste Regung der Liebe.]

Nun aber trat eine wichtige Uebergangsperiode ein, welche einen großen Einfluß auf meinen Zustand, meine Denkungsart und meinen Entschluß hatte: der Uebergang vom Knaben- zum Jünglingsalter. Sinn und Gefühl für das schöne =Weibliche= fingen an sich zu entwickeln, und hatte, wie Alles in der Welt, seine gute und seine schlimme Seite. Es ist keine Frage, daß, als das Christenthum hier im Norden eingeführt wurde, viel Gutes von dem Alten mit dem Heidenthume verloren ging, aber es war dies nöthig, damit allmälig wieder etwas viel Besseres gewonnen werden konnte. So entwickelte nun mein Herz ein weiches Gefühl, das für eine Zeitlang den kindlichen Sinn, die ungestörte, kräftige Phantasie für die Natur und zum Theil den gesunden Menschenverstand verdrängte. Es ging mir nun eben so, wie Don Quixote, der durchaus eine Dulcinea haben mußte, wenigstens ein Phantasiebild, für das er seufzen konnte.

Zuerst wandte ich mich an meine schönen Italienerinnen in der Galerie auf dem Friedrichsberger Schlosse; aber obwohl sie mir alle entgegenlächelten und sehr schön waren, fand ich es doch zu lächerlich, sich in das Bild einer Dame zu verlieben, die vor wenigstens einem halben Jahrhundert und vielleicht an Alterschwäche gestorben war! Glücklicherweise blühte damals eine junge Schönheit, für welche die Hälfte der Stadtjugend entbrannte. Ich hörte einmal, daß im Scherz gesagt wurde: in eine Schauspielerin dürfen sich alle Leute verlieben; das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen, sondern verliebte mich sterblich in die schöne Marie Smidt, später verehelichte Heger, welche die Rolle der Dyveke und Kathinka im »Mädchen von Marienburg« spielte.

Man wird es also begreifen, daß all' mein Sehnen und Trachten dahin ging, so oft als möglich ins Theater zu kommen; und wenn ich mir ein paar Mark von meiner Mutter erbettelt hatte, lief ich gleich, mit meinem Operngucker in der Tasche davon; denn das brauchte ich schon damals und jetzt nicht nothwendiger, als früher.

* * * * *

[Sidenote: Kotzebue.]

So vereinigten sich also Liebe und Poesie mit den Römern und Korinthern; aber das Eine gab oft dem Andern eine schiefe Richtung. -- Zuvörderst hielt ich das »Mädchen von Marienburg« von =Kratter= für ein Meisterstück, da Marie Smidt so vortrefflich darin spielte; und ich ärgerte mich später, als ich in einem Flugblatt den witzigen Scherz, ein satyrisches Verzeichniß über einige fingirte Gemälde las, die verkauft werden sollten: »Czaar Peter der Große giebt dem Tragödienschreiber Kratter eine Tracht Prügel.« -- Nun gewann ich auch alle Kotzebue'schen Stücke lieb, in denen gewöhnlich Verliebte abwechselnd mit lustigen Karrikaturen auftreten. Das oft Unwahre in den Schilderungen, das Affectirte im Gefühl und das oft Schiefe in der Gedankenfolge übersah der sechzehnjährige Jüngling, hingerissen von dem lebhaften Colorit, der lustigen Laune, dem Witz und dem wirklich Rührenden, das sich nicht selten in den Situationen findet. »Ein Buch kann hundert Fehler haben«, sagt Goldsmith in seinem Landprediger von Wakefield -- »und doch gefallen; ein anderes kann ohne Fehler und doch langweilig sein.« Es ist keine Frage, daß Kotzebue, obwohl er oft gegen den gesunden Sinn fehlte, mehr Laune, Witz, Phantasie und Gefühl hatte, als Scribe jetzt, der correct und kalt, mit vieler Kunst größtentheils dasselbe Thema variirt und, wie die Kunstreiter, mit bewundernswürdiger Dreistigkeit in einem engen Kreise, mit so vieler Gewandtheit manövrirt, daß er uns dahin bringt, den beschränkten Raum zu vergessen, in welchem sein Geist sich bewegt; erst die Wiederholung seiner Stücke zeigt uns das Leere und Langweilige in denselben.

Was Kotzebue bei seinen Stücken besonders schadet, sind die Motive, die oft schlecht genannt werden müssen. Nicht selten könnte ein Stück von Kotzebue gerettet werden, wenn man die Motive veränderte. Ich will hier nur von dem Stücke reden, welches das meiste Aufsehen erregte und ihm zuerst einen Namen verschafft hat: =Menschenhaß und Reue=.

Es wurde in Deutschland, im Norden, selbst in Frankreich und Italien mit großem Beifall aufgeführt. War es lauter Verblendung und Geschmacklosigkeit in Europa, die zu diesem Beifall Veranlassung gaben? Es war in einer Zeit, als Goethe und Schiller in Deutschland blühten, und doch gefiel es; es war in einer Zeit, wo das Vorurtheil gegen die deutsche Sprache am stärksten in Frankreich war, und doch gefiel es. Warum? Weil dieses Stück trotz aller seiner Fehler in den Motiven, von großer Wirkung in der Composition ist und viel gute Scenen hat. Das Schlechte besteht darin, daß ein Frauenzimmer, die vor nicht langer Zeit wie ein leichtfertiges Geschöpf gehandelt hat, hier als ein edler, unglücklicher Charakter dargestellt wird. Das Lächerliche darin, daß Meinau, mit all' seinem Menschenhaß ihr gleich, von einer schlaffen Sentimentalität bewegt, vergiebt. Aber war es dem Dichter nicht leicht, diese Ehepaare auf eine weniger empörende, eine verzeihlichere Art zu trennen, und wenn wir dies nun annehmen, wie viele schöne Scenen sind dann nicht in diesem Schauspiele. Eulalia's Verhältniß in dem stillen, bescheidenen Incognito, nachdem sie Meinau verloren hat; seine Liebe und sein weiches Herz, das sich unter dem eingebildeten Menschenhaß verbirgt; und nun der joviale Graf und die vortrefflichen Karrikaturen Bittermann und Peter.

[Sidenote: Iffland.]

Ich führe dieses einzelne Beispiel an, das auf viele andere, selbst auf Iffland's Stücke, angewendet werden könnte.

Dieser Dichter galt in meiner Jugend dafür, solider, natürlicher und wahrheitsliebender, als Kotzebue zu sein; und in einigen der Dramen, die ihm besonders bei echten Kunstrichtern einen Namen verschafft haben, ist er es auch. Die »=Jäger=« sind und bleiben zu allen Zeiten ein vortreffliches dramatisches Idyll; eben so die zwei letzten Acte der »=Hagestolzen=«, die eines Goethe würdig sind. In dem Charakter des alten Studenten Waller im »Herbsttag« und an vielen anderen Stellen zeigt Iffland sich als sehr guter Genremaler. Aber er war zu wenig Poet, um viel Werke zu schreiben. Es waren dies nicht frische Wellen, die aus einer reichen Castalia zu geistiger Erquickung strömten; es waren matte Wiederholungen Eines und Desselben. Dazu kam, daß Iffland bald ein Philister wurde: der Geist in den meisten seiner Stücke war eine kleinliche Ehrerbietung vor dem Geschäftsfleiß und ein ewiges Losziehen auf all' das Blühende und Kühne, das sich über den gewöhnlichen Schlendrian hinauswagt. Einige seiner Stücke sehen aus, als ob ein Comptoirchef oder ein Steuereinnehmer, der gegen die Poesie polemisirt, sie geschrieben hätte. Auch die Liebe greift er gewöhnlich an, und kann sie nie zahm und vernünftig genug bekommen. -- Er konnte mir also in jener Periode bei Weitem nicht so, wie Kotzebue, gefallen.

* * * * *

[Sidenote: Lafontaine.]

Aber ein Mann, der Liebe von Anfang bis zu Ende war, der in Liebe schwamm und sie gerade so darstellte, wie ich sie damals fühlte, nämlich die kindliche, sanfte, wenn ich so sagen darf, milchbärtige Liebe -- dieser Mann, =Lafontaine=, war mein Abgott. Von ihm lernte ich auch zuerst ordentlich deutsch lesen. Er war der erste Verfasser außerhalb Dänemark, den ich auf eigene Hand rasch in der Ursprache las. Es ging so leicht, daß es eine Lust war! -- und auch dies schmeichelte und erfreute.

* * * * *

[Sidenote: Schreckens-Geschichte.]

Zu dieser Zeit schrieb =Spieß= seine Gespenstergeschichten, seine Reisen durch die Höhlen des Unglücks und Gemächer des Jammers. Ich verschlang seine Schriften mit unersättlicher Gier, und Nichts entzückte mich in jener Periode mehr, als ein belle horreur, bei dem die Haare sich auf dem Haupte sträubten. Auch mochte ich zuweilen eine Kanne Wein mit =Veit Weber= leeren; aber Spieß war doch der rechte Mann, zu dem ich stets wieder zurückkehrte.

* * * * *

Auch in dem wirklichen Leben suchte ich dieses Gefühl zu entwickeln und auszubilden. Es bot sich bald eine Gelegenheit, wie gerufen, dar. Zwischen Kopenhagen und Friedrichsberg stand damals auf dem Westfelde, gerade gegenüber dem Wirthshause zum Goldenen Löwen, die Richtstätte. Pfahl, Rad und einen gemauerten Galgen sah man, an welchem letzteren, wie man sagte, nur kopenhagener Bürger gehängt werden durften; die Anderen müßten sich mit einem hölzernen Galgen begnügen.

In meiner Spieß'schen Entsetzensperiode wurde gerade ein Verbrecher hingerichtet. An einem October-Nachmittag gehe ich mit meiner Schwester und unserm Dienstmädchen in das Südfeld, um die Wallnüsse von den höchsten Zweigen herabzuschlagen, die der Gärtner sich beim Einsammeln nicht die Mühe machen wollte, herunterzuholen. Das Mädchen war still, verdrießlich und melancholisch. Es war schon spät, die Sonne ging unter und die Dämmerung brach an. Plötzlich sagte sie nach einem langen Schweigen: »Wollen wir auf's Feld gehen und den Sünder sehen, der hingerichtet ist?« -- »»Ja!«« rief ich, und die Wallnuß, die ich aufgehoben hatte, fiel mir vor Entsetzen aus der Hand. Es wurde kein Wort weiter gesprochen, und wir gingen.

Als wir auf der Landstraße dem Hochgerichte gerade gegenüber standen, wagten das Mädchen und meine Schwester sich nicht weiter. Aber eine unsichtbare Macht trieb mich von dannen, so wie den Vogel in den geöffneten Rachen der Klapperschlange. Ich war noch nie dort gewesen, und nun sprang ich über Gräben und Hecken, um mir den Weg zu kürzen. Auf dem einsamen Felde näherte ich mich dem Hochgericht. Die Sonne war untergegangen, ein herbstlicher Abendschleier lag über der Natur. Ich wagte nicht aufzusehen, sondern starrte auf die grüne Erde, und es war mir, als ob die Erdklumpen unter meinen Füßen gleich Wellen wogten. Endlich entdeckte ich die schwarzen Pfähle dicht vor mir. Ich schlage die Augen auf! ein bleiches, blutiges Haupt grinst von der Stange; darunter war eine abgehauene Hand festgenagelt. Auf dem Rade lag ein kopfloser Körper mit herabhängenden Armen und wollenen Strümpfen an den Füßen. Ein panischer Schrecken faßte mich; ich ergriff die Flucht. Es war mir, als ob der Hingerichtete mir auf den Fersen folge, als ob er mir in den Nacken greife. Erst als ich weit hinaus auf die Landstraße, zu meiner Schwester und dem Mädchen, gelangt war, kam ich wieder zu mir selbst.

[Sidenote: Eine Spuck-Geschichte.]

Mein Vater dagegen hatte keine große Gespensterfurcht, was Folgendes bezeugen kann: An einem späten und dunkeln Abend, als er von seiner Quadrillegesellschaft nach Hause gehen wollte, sah er, indem er an der Kirche vorüberging, ein offenes Fenster im Glockenthurme, das vom Winde hin und her geschlagen wurde. Als Kirchenältester that es ihm der Scheiben wegen leid, die jeden Augenblick zerschlagen werden konnten; er entschloß sich also kurz, hinaufzugehen und das Fenster zu schließen. Zufälliger Weise kam gerade ein Gärtnergehülfe vorüber, den er in seinem gewöhnlichen scherzhaften Tone fragte, ob er mitgehen wolle? -- Der Gehülfe schämte sich wahrscheinlich Nein zu sagen, und folgte ihm mit beklommenem Herzen. Erst öffnete mein Vater die Kirchhofsthüre mit dem Hauptschlüssel, dann gingen sie über den Kirchhof und kamen zu einer kleinen Hinterthüre, der einzigen, welche er mit diesem Schlüssel öffnen konnte. Es ging doch etwas schwer, und er sagte: »Wir müssen die Thür offen stehen lassen, denn von Innen kann ich das Schloß nicht öffnen.« Der Gärtnergehülfe sperrte die Thüre so weit, wie möglich auf, und sie gingen hinein. Mein Vater stieg muthig die kleine Treppe hinauf; nun standen sie im Thurme, und er schloß das Fenster. Aber wie sie nun wieder zurückgehen wollten, hörten sie einen entsetzlichen Lärm unten in der Kirche. »Herr Jesus!« rief der Gärtnergehülfe, »nun geht's los!« -- »»Nein!«« antwortete mein Vater verdrießlich, -- »»nun steht's leider erst recht fest. Der Wind hat die Thür ins Schloß geworfen, und von Innen kann ich sie nicht aufschließen!«« -- »Ach Du mein Heiland und Schöpfer!« rief der erschreckte Gehülfe und rang seine Hände, »was haben wir gethan, wozu haben Sie mich verführt? Sollen wir nun die ganze Nacht in der Kirche bleiben?« -- »»Das ist freilich unangenehm««, sagte mein Vater, »»aber fassen Sie nur Muth. Ich höre den Wächter unten in der Weidenallee; ich werde ihn rufen; die Kirchhofsthüre steht offen, dann werde ich ihm den Schlüssel hinunterwerfen, und er kann uns die kleine Thüre von Außen öffnen.«« -- »Ach!« entgegnete der Gehülfe, »das thut er gewiß nicht. Glauben Sie, daß der Wächter ein so gutherziger Narr ist, wie ich? Er wird sich besser in Acht nehmen.« Indessen waren sie Beide wieder in den Thurm hinaufgestiegen, und mein Vater rief dem Wächter vom Fenster aus zu. Aber kaum hatte dieser um Mitternacht ein Gesicht in dem kleinen Fenster des Kirchthurms gesehen, als er in größter Eile Fersengeld zahlte. »Verdammt!« sagte mein Vater, »nun müssen wir doch versuchen, ob es nicht von Innen aufgeht.« Sie gingen hinunter; mein Vater steckte den Schlüssel ins Loch und drehte und drehte lange vergebens, während der kalte Angstschweiß dem Gärtnergehülfen auf der Stirne stand. Endlich glückte es, und die Thür ging auf. Aber solch' einen Sprung -- versicherte mein Vater oft später -- habe er nie gesehen, wie den, welchen der Gehülfe über drei, vier Gräber von der Schwelle aus machte, als endlich die Thür geöffnet war.

* * * * *

Aber ich kehre zu meinen Theaterbesuchen und meiner ästhetischen Lectüre zurück. Mit den =Schröder='schen und =Jünger='schen Stücken hatte ich vertraute Bekanntschaft gemacht. Obgleich Schröder solider als Kotzebue war, schmeckte er mir doch, wegen seiner Kälte, nicht so gut. Der große Mann war viel mehr Schauspieler als Poet. =Jünger= fiel mir schon damals recht leicht. Beaumarchais' Figaros galten für Meisterstücke und ich ließ sie dafür gelten, obwohl meine Phantasie und mein Gefühl stets hungrig von dem Tische gingen, wo, wenn auch reichlich, nur kalte Witze und Intriguen servirt wurden, die bei Weitem nicht so fein waren, wie sie dafür galten.

* * * * *

[Sidenote: Ewald und Wessel.]

Von =Ewald= spielte man in meiner Jugend ebenso wenig Etwas, wie jetzt. »Balder's Tod« von Hartmann in Musik gesetzt war jedoch zur Aufführung gekommen. Die Diction in diesem Stücke kann neben die in Göthe's Tasso und Iphigenia gestellt werden. Nicht als ob man in Ewald's Balder die feinen Bemerkungen, die tiefe Menschenkenntniß und die reife Künstlerbildung, wie in Göthe's Werken fände; ich meine nur mit Rücksicht auf das schöne begeisternde Gefühl, das sich gedankenvoll in originalen Bildern ohne rhetorische Weitläufigkeit und Pracht in einer veredelten Volkssprache bewegt. Von einer hohen Seele, einem kräftigen Fluge hat der große Lyriker starke Proben abgelegt. Gegen den dramatischen =Stoff= ließe sich Viel einwenden, wenn hier der Ort zu einer Kritik über Ewald's Werke wäre.

* * * * *

Wessel's »Liebe ohne Strümpfe« spielte man in jenen Tagen oft. Der Dialog fließt darin eben so leicht und natürlich, wie unnatürlich und schwerfällig in: »Harlekin, der Patriot.« Das Stück wurde immer mit Beifall gegeben, wenn auch die Leute im Allgemeinen die Parodie nicht begriffen, und -- was merkwürdig ist -- obgleich der italienische Componist Scalabrini, der eine schöne Musik dazu geschrieben hatte, kein Wort dänisch verstand. Man hatte ihm nur flüchtig die einzelnen Musiknummern übersetzt und ihm den Inhalt des Stückes erzählt. Die schönen italienischen Melodieen, die unter naiver Einfalt schelmische Ironie verbergen, vereinigen sich recht gut mit der nordischen Satyre; sowie Oel und Essig, ohne zusammen zu rinnen, einem erfrischenden Salat doch einen guten Geschmack geben. Das Beste war noch, daß Wessel, in den Lehren der französischen Schule auferzogen, große Achtung vor den Meistern hegte, welche er, ohne es selbst zu merken, lächerlich gemacht hatte, indem er nur glaubte schlechte Nachahmungen zu parodiren. Eine so durchgreifende Ironie mußte natürlich eine große Wirkung hervorbringen. Jeder fand dort, was er suchte, und was eigentlich doch nicht darin war. Aber die Hauptsache war vorhanden: Spott über vornehme Gemeinheit, welche die Schneidernatur mit Purpurlappen behängt und sich mit hochtrabendem Unsinn brüstet.

* * * * *

[Sidenote: Thaarup.]

Zum Einzuge hatte =Thaarup= »das Erntefest« geschrieben. In einem schönen Idyll schildert er das dänische Bauern- und Seemannsleben, die Freude über die Aufhebung der Leibeigenschaft, und die Begeisterung des Volkes bei der Vermählung des Kronprinzen. Das Stück hat dramatisches Leben, obgleich die Handlung unbedeutend ist; eine herrliche Musik von =Schulz= setzt Alles in ein klares und reizendes Licht. Er componirte kurz darauf auch Thaarup's »Peter's Hochzeit,« eine würdige Fortsetzung des Erntefestes. Schulz tritt in Monsigny's und Gretry's Fußstapfen; mit reizenden originellen Melodieen rührt er das Herz, weckt Begeisterung und ergreift das nationale Gefühl. In seiner Kirchenmusik zeigt er einen hohen Geist, voll von Andacht und Gefühl; und obgleich er es noch nicht verstand, die Blaseinstrumente so zu gebrauchen, wie man es später von Haydn und Mozart gelernt hat, so hört man an seinen Compositionen doch den gründlichen Contrapunctisten aus der Bach'schen Schule.

Diese lieblichen, in einer schönen Sprache gedichteten Thaarup'schen Idyllen, voll herrlicher Melodieen, machten auf mich, den Jüngling, einen starken Eindruck; noch mehr aber die Schulz'schen Melodieen, welche viel zu meiner Bildung beitrugen.

* * * * *

[Sidenote: Bühnen-Repertoire.]

In dem Komischen und Launigen hatten sich in meiner ersten Jugendzeit mehrere vaterländische Dichter ausgezeichnet und erquickten meinen Geist: =Der Virtuos=, =der Einzug=, einige Scenen aus den =Chinafahrern= und aus =die Herren Von's und die Herren Van's=, von P. A. Heiberg, das =Findelkind=, von Falsen, die =Golddose=, von Olufsen gehörten zu den Lieblingsstücken, in denen Knudsen das Herrlichste und Wahrste, das ein komischer Schauspieler je dargestellt hat, leistete. Welcher Humor, welche Charakterzeichnungen, welche warme Gutmüthigkeit und Naivetät! -- Selbst seine Uebertreibungen waren geistvoll, wenngleich die Kritik sie nicht billigen konnte. Ganz anderer Art war Gjelstrup, er war kalt, schelmisch und ironisch, -- die echte witzige Satyre, aber er verstand es doch nicht immer so gut, Natur und Ironie zu verbinden, wie =Frydendahl= in dem herrlichen Künstlerleben seiner späteren Epoche.

* * * * *

Von englischen Stücken gefielen mir besonders =die Lästerschule=, und =Goldsmith's Irrthum auf allen Ecken=. An den vornehmen französischen Conversationsstücken fand ich wenig Geschmack, desto mehr aber an =Molière's: Kranke in der Einbildung= und seinem =Geizigen=. Ganz besonders gefielen mir die reizenden Singstücke =Zemire und Azor=, =der Grobschmied=, =der Faßbinder=, =der König und der Pächter=, =die beiden Geizigen= (wo Gjelstrup und Knudsen zusammen glänzten), =die beiden Savoyarden= und vor Allem =der Deserteur=, ein herrlicher Stoff, von Monsigny eben so schön componirt, wie viele Jahre darauf =der Wasserträger= von =Cherubini=, wo Knudsen in Michel's Rolle sein ganzes warmes Herz zeigte.

Ich darf auch nicht die hübschen italienischen Farcen: das =Bauernmädchen= und die =verliebten Handwerker= vergessen, in denen südliche Munterkeit in ihrer vollen Glorie strahlt.

[Sidenote: Lessing.]

Von =Lessing= spielte man =Minna von Barnhelm= und =Emilia Galotti=. In dem ersten Stücke war =Rosing= ein vortrefflicher =Tellheim=, in Emilia ein eben so guter =Marinelli=. Es war merkwürdig, wie der Mann, der die reinen und edeln Gefühle eines Dichters wiedergeben konnte, mit derselben Wahrheit die Geschmeidigkeit und Hinterlist eines Hofmannes darstellte. Aber ein großer Schauspieler muß, wie ein echter Dichter ebensowohl die Schattenseite der menschlichen Natur, wie ihre Lichtseite auffassen, sonst kennt er den Menschen nur halb und kann ihn nicht gründlich darstellen. Mit der schönen Unwissenheit eines unschuldigen Mädchens kann der Künstler sich nicht begnügen, wenn er es in seiner Kunst weit bringen will. Ohne das Lächerliche zu begreifen, begreife ich nicht das Hohe; ohne die Bosheit zu verstehen, fasse ich das Edle nicht; ohne mich über Dummheiten zu ärgern, kann ich mich an Witzen nicht erfreuen. Deshalb werden Schurken schlecht von Schurken, Dummköpfe schlecht von Dummköpfen dargestellt. In dem Erhabenen muß ein humoristischer Zug oft dem Dunkeln ein wärmeres Kolorit geben; und wenn der Komiker gar keinen Sinn für das Edle hat, merken wir ihm diesen Mangel bald an; und können trotz unserer Bewunderung ein Lächeln über Molière's und Holberg's prosaisches Phlegma nicht zurückhalten; während wir erstaunt Aristophanes von seinen Scherzen und Karrikaturen in =die Wolken= und Shakespeare aus dem Stall in den Rittersaal folgen.

Auch =Lessing= liebte die Vielseitigkeit, und war nicht nur ernst, sondern auch lustig. Dies, verbunden mit seinem klaren Verstande und seiner Wahrheitsliebe, giebt seinen Werken einen eigenen Wohlgeschmack, etwas Tüchtiges und Nährendes; man schmeckt ihnen den Kern, die Quelle an. Lessing ist liberal; er liebt es, das Hohe und Edle offen und gerade darzustellen; er haßt Koquetterie und Pracht eben so wie Eitelkeit; und darin thut er Recht. Aber die Grazie fehlt ihm als Dichter; für das Erotische hat er keinen Sinn. Dies giebt seinen Schilderungen etwas Frostiges und Steifes, nur nicht in Nathan dem Weisen, wo das Erotische keine Hauptrolle spielt, und wo er Grazie als Philosoph zeigen konnte; denn diese besaß der witzige Denker in hohem Grade.

Seinem Mangel an Sinn für das Erotische konnte man es wohl zuschreiben, daß er der Katastrophe in der sonst so herrlichen Emilia Galotti kein besseres Motiv unterlegte; dies schadet dem Stück und sticht bedeutend gegen die übrige Wahrheit in der Zeichnung ab.

In meiner Jugend fühlte ich die Schwäche dieses Motivs nicht. Ich weinte, wenn Emilia von ihrem Vater durchbohrt wurde (ohne daß er vorher einen einzigen Versuch zu ihrer Rettung machte), damit sie im Hause des Kanzlers nicht zur Wollust verführt werden solle.

Und Alle weinten darüber, und der Norwegische Dichter =Zetliz= hatte auch geweint, und hierdurch entstand einige Jahre vorher eine komische Scene bei der Aufführung zwischen ihm und einem holsteinischen Schiffscapitain, welcher =nicht= geweint hatte. Dieser Biedermann war ins Theater gegangen, um sich nach des Tages Arbeit zu amüsiren, hatte sich also vorgenommen, Alles lustig zu finden, was er auch sehen möge. Daß es ein Trauerspiel war, daß stets von ernsten Dingen geredet wurde, brachte ihn weder von seinem Vorsatze ab, noch aus seiner guten Laune heraus. Er lachte über des Prinzen Achtung vor der Kunst, über Angelo's Mordanschlag, über Appiani's Schwermuth und Marinelli's Schlechtigkeit. -- Zetliz, welchen ein böses Geschick in die Nähe des Holsteiners gebracht hatte, konnte dieses Lachen zuletzt nicht länger ertragen, sondern wandte sich aufgebracht um und sagte: »Was zum Teufel lacht Er denn immer? Merkt Er denn nicht, daß es ein Trauerspiel ist? Eine ernste, wichtige, traurige Begebenheit, die uns rührt und betrübt? Wie kann Er denn da allein mitten im Unglück lachen und sich freuen? Schäme Er sich! und störe Er nicht das Gefühl anderer Leute, wenn Er selbst keins hat.« -- Der große phlegmatische Holsteiner ließ sich von dem kleinen hitzigen Norweger imponiren, schwieg ganz still und das Stück wurde ohne Störung zu Ende gespielt. -- Aber gerade in der Scene, wo Odoardo seine Tochter tödtet und Zetliz in Thränen zerfließt, fällt ihm der unglückselige Gedanke ein: »Aber warum, zum Teufel, lacht denn der Holsteiner jetzt nicht?« Er wendet sich um, um die Gemüthsbewegung seines Nachbars zu beobachten; und als er nun den Seemann, blau im Gesicht, mit einem Taschentuche im Munde fast erstickt vor unterdrücktem Lachen dastehen sieht, so bricht er selbst in ein schallendes Gelächter aus, in das der Andere einstimmt, da er sich nun nicht mehr zu geniren brauchte. Und so endigte das Stück zur größten Verwunderung aller Anwesenden, die nicht begreifen konnten, warum der Holsteiner und der Norweger so vergnügt waren.

[Sidenote: Das Trauerspiel.]

Von Trauerspielen wurde nur noch eine französische Bearbeitung eines englischen Stückes =Beverley= in meiner Jugend gegeben, und Rosing stellte den verzweifelten Spieler, der zuletzt den Giftbecher leert, mit erschütternder Wahrheit dar.

* * * * *

Aus dem Vorhergehenden sieht man, daß Melpomene die dänische Bühne damals nur selten besuchte, und daß kaum ein Mal im Jahre der »Geist im Harnisch über die Bretter ging.« Der kräftige Norweger =Nordal Bruun=, Verfasser eines unserer schönsten Volkslieder, hatte zwar in seiner Jugend zwei Tragödien =Zarine= und =Einar Tambeskjälver= in gereimten Alexandrinern nach französischem Zuschnitt geschrieben, ohne aber doch die Grazie und das Feuer der französischen Werke zu erreichen. So hatte er nur die Fehler nachgeahmt und den Mangel an dramatischen Handlungen und Charakterzeichnungen konnten einzelne hübsche Stellen nicht ersetzen.

Nun wurde im Jahre 1796 =Samsöe's Dyveke= zuerst aufgeführt; das Stück machte außerordentliches Glück und verdiente es zum Theil. =Sigbrit= ist vortrefflich gezeichnet. In dem raschen, ehrlichen, warmen =Knud Gyldenstjerne= hatte der Dichter seinen eigenen treuen Charakter gezeichnet. =Christian= II. ist gut skizzirt, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten; =der Mönch=, =Frau Mönstrup= sind interessant, =Dyveke= liebenswürdig und rührend. Aber sie ist zu gefühlvoll; in großen Monologen weint sie stets wegen des Christian's, der nichts weniger, als ein treuer Liebhaber ist. Man hat Mitleid mit ihr, aber dies wird durch die Wiederholung ein und derselben Situation abgekühlt. Ihre Scene mit Elisabeth ist schön. Das Stück hat in der Hauptsituation einige Aehnlichkeit mit =Göthe's Egmont=. Aber wie verschieden ist das kräftige Klärchen mit dem Colorit ihrer Zeit und ihres Landes von Dyveke, welche an Lafontaine's Romane erinnert.

[Sidenote: Samsöe.]

Ein Stück, das bei alle dem so viele Verdienste hatte, mußte natürlich dem dänischen Publikum, wie eine gut zubereitete geistige Nahrung nach langem Fasten munden.

Die Neuheit übt auch ihre zauberische Macht aus: Die gothischen Rittersäle, die Federhüte, die Mäntel, die Halskrausen und Brustpanzer! Alle Rollen wurden gut gespielt. Madame Rosing war eine meisterhafte Sigbrit, Rosing, Samsöe's Freund, ein ächter Knud Gyldenstjerne; -- und Dyveke wurde von =Marie Smidt= gespielt. Und nun -- das letzte Mittel, welches allen Poeten nach einer wohlgeglückten Arbeit empfohlen werden sollte, wenngleich es eine harte Kur ist, -- einige Tage vor der Aufführung -- =starb der Dichter=!

Das Stück machte Furore. -- Ich hatte es gelesen, aber noch nicht gesehen, obgleich es bereits mehrere Male gegeben war. Aber ich mußte Geduld haben, es war mir nicht möglich, ein Parterrebillet zu erlangen. Ich hatte nur drittehalb Mark, aber wenn ich die einem Billetschacherer anbot, so lachte er mir ins Gesicht und verlangte vier, fünf Reichsthaler. Ich war der Verzweiflung nahe. Drei Mal wagte ich mich in das Gedränge an der Thür, wo die Billetwucherer am kalten Wintertage, wie warme Kartoffeln im Topf dampften; drei Mal schwebte ich in Gefahr, daß mir die Brust eingedrückt oder Arme und Beine gebrochen wurden. Mit Noth und Mühe kam ich mit heiler Haut davon.

Mein Freund Winckler wollte auch gern das Stück sehen, war aber zu klug, um sich in diesen ungleichen Kampf einzulassen. Als ich zum dritten Male aus dem Gedränge mit niedergetretenen Stiefeln und eingedrücktem Hut kam, schlug er mir vor, ob wir nicht lieber an einen Ort hingehen wollten, wo man, wie er gehört habe, eine große Portion vortrefflicher Chokolade für sechs Schillinge bekomme. Da ich nun ganz marode geworden war und die Hoffnung aufgegeben hatte, ein Billet zu bekommen, folgte ich ihm resignirt, und tröstete mich damit, daß es doch wenigstens etwas Gutes in der Welt gebe, das man billig kaufen könne.

Gegen die Chokolade war auch Nichts einzuwenden, sie wurde uns in großen Tassen mit zinnernen Löffeln gebracht. Freilich war das Lokal nicht comfortable und noch weniger fashionable. -- Als wir eintraten, rief der Wirth, dem wir durch unsere gute Kleidung imponirten, zu dem Mädchen: »Vorläufig zwei Lichter hereingebracht, geschwind!« Aber die zwei Lichter erleuchteten ein kleines, schmutziges Zimmer. Gerade, wie wir tranken, kam ein Straßenkärrner herein, während dessen Equipage draußen auf der Straße hielt, und setzte sich neben uns. -- Ohne unsere Tassen zu leeren, standen wir auf, bezahlten, gingen fort und fanden, daß die Chokolade doch ein zu schlechtes Surrogat für Dyveke gewesen sei.

* * * * *

[Sidenote: Sander.]

Ein Jahr darauf wurde =Sander's= Tragödie, =Niels Ebbesen= aufgeführt. Hier traten alle Schauspieler im Harnische, den Helm auf dem Haupte, mit Schild und Speer auf, und alles ging auf Krieg und Kampf gegen tyrannische Unterdrückung aus. Das Stück hat Werth. Der erste und fünfte Act bedeuten nicht viel; im dritten Act wird man etwas zu sehr durch Stig Andersen's und Niels Ebbesen's Reden an Antonius und Brutus in Shakespeare's Julius Cäsar erinnert; Niels Ebbesen hat einige Aehnlichkeit mit Götz von Berlichingen; aber der zweite Act, der Schluß des dritten und der ganze vierte sind vortrefflich. Der Dichter hat eine alte Kämpeweise benutzt; in welcher die Scene zwischen den Grafen Gerhard und Ritter Ebbesen fast noch besser ist, als in der Tragödie.

* * * * *

[Sidenote: Abt Vogler.]

Ungefähr zu gleicher Zeit besuchte ein Mann Kopenhagen, der einen großen Eindruck auf mich machte: Abt =Vogler=, der vortreffliche Orgelspieler. An der Orgel war ich, so zu sagen, halb auferzogen, und obgleich mein Vater mir nur wenig Unterricht in der Musik gegeben hatte, so liebte ich sie doch außerordentlich, und ich componirte zu meinem eigenen Vergnügen kleine Melodieen. Diese Liebe für Musik hat in späteren Jahren eher zu, als abgenommen, und etwas gute Musik täglich ist mir fast eben so unentbehrlich geworden, wie Essen und Trinken. -- Es erfreute mich unendlich, den herrlichen Vogler zu hören, der so fertig und genial auf der ernsten Orgel spielte, wo ich nur gewöhnt war, Psalmen und fromme Präludien zu hören, daß seine Musik sogar zu muntern Flötenconcerten wurde.

Auch das =Malerische=, das Vogler auf der Orgel darzustellen suchte, machte mir Vergnügen. Wenn er mit beiden Armen mitten in der herzergreifenden Musik die Tangenten herabdrückte, um den Klang von Jericho's einstürzenden Mauern nachzuahmen, so schien es mir ein kecker Einfall, der seine Wirkung nicht verfehlte. Ich machte auch gern eine Rheinfahrt mit ihm, lauschte dem Plätschern der Wogen und dem Schlagen der Ruder. Freilich hörte ich ihn von Vielen einen Charlatan schelten; aber ich war schon daran gewöhnt zu hören wie vorzügliche Meister von Alltagsmenschen, die nicht werth sind, ihre Schuhriemen zu lösen, gescholten und gehofmeistert wurden. Daß die Phantasie den guten Vogler zuweilen recht weit trieb, war doch das allgemeine Urtheil, selbst bei den Sachverständigen und Billigen. -- Einmal war er zur königlichen Mittagstafel aus Friedrichsberg gewesen, hatte auch gut getrunken und war recht munter. Mein Vater geleitete ihn zum Wagen; es war ein mondklarer Abend. »Ja, Herr Abt,« sagte mein Vater, indem er ihm in den Wagen half, »noch scheint der liebe Mond so helle, wie er durch Adam's Bäume schien!« »Nein, mein Herr,« antwortete Vogler ziemlich langsam, indem er einstieg: »darin hat Hölty Unrecht; der Mond hat sich seit Adam's Zeit bedeutend verändert, denn sehen Sie -- --« Damit fuhr der Wagen davon und mein Vater sah ihn nie wieder.

=Herrmann von Unna= wurde kurz darauf gegeben, und wie sehr entzückte mich die Musik zu dem heimlichen Gericht, das ich hier zum ersten Male kennen lernte!

* * * * *

[Sidenote: Der Schauspieler Bech.]

Mein Vater saß oft auf dem Schloßhügel, von wo aus man die schöne Aussicht über Kopenhagen hat, und dort machte er zuweilen Bekanntschaften. Unter Andern traf er da ein Mal einen großen Mann in grauem Fracke. Der Mann hatte Locken hinter den Ohren, einen kleinen dünnen Zopf im Nacken, einen Stock in der Hand, dicken Leib, dünne Stimme, lebendige kleine Augen und eine witzige Munterkeit. Mein Vater brachte ihn zum Frühstück mit herein; es war der Schauspieler =Bech=. Bech kam nun öfter zu uns und brachte seine Töchter mit, deren Eine, =Eline=, eine niedliche Blondine, voll liebenswürdiger Schalkhaftigkeit und Grazie war. Diese Töchter wurden bald die Freundinnen meiner Schwester, und ich -- der aufgehört hatte, für Marie Smidt zu seufzen, als sie sich mit Stephen Heger (den ich noch gar nicht kannte) verheirathete -- ich, der ich durch wiederholtes Verliebtsein zu der Erfahrung gekommen war, daß eine ernste Liebe sich noch gar nicht zu meinen Knabenjahren passe -- ich begnügte mich nun mit einem, wenn ich es so nennen darf, muntern Vergaffen in die reizende Eline Bech. Wenn es gestattet ist, das in manchen Beziehungen durchaus Verschiedene mit einander zu vergleichen, so hätte ich große Lust, Philine im Wilhelm Meister zu nennen, in der ich -- einige Jahre darauf, als ich diesen Roman las -- in dem Aeußern, dem Characteristischen, Poetischen eine frappante Aehnlichkeit mit Eline Bech fand. Denkt man sich nun eine unschuldige und sittsame Philine, so muß sie gewiß eine außerordentlich einnehmende Erscheinung werden, und das war Eline Bech.

[Sidenote: Der tolle Busch.]

Nun besuchten wir auch Bech's in Kopenhagen und lernten die Mutter, eine Frau mit Verstand und satyrischem Witz kennen. Sie war die Schwester des vor Kurzem gestorbenen sogenannten =tollen Busch=; eines Malers mit Talent und mit einem eingewurzelten Haß gegen den vornehmen Hochmuth, der sich in jenen Tagen nicht wenig breit machte. Wo er konnte, suchte er ihn zu demüthigen, oder zu verletzen; und ich zweifle nicht, daß Eifer und seine eigne Eitelkeit ihn oft mitten in seinen Bestrebungen zu weit geführt haben. Ich hörte verschiedene lustige Einfälle von ihm. Ein Mal begegnete er einem jungen Offizier auf der Straße; Busch hatte, nach den bekannten Gewohnheitsgesetzen der Trottoirbenutzung in Kopenhagen, das Vorrecht; aber der Andere glaubte doch, daß er ihm Platz machen würde. Dies geschah nicht, Busch blieb stehen. »Nun,« rief der Offizier heftig, »wie lange will Er da stehen bleiben?« -- Busch nahm ganz phlegmatisch seine Uhr heraus und sagte: »Ich habe bis drei Uhr Zeit.« Ein Mal stand Busch im Reithause am Schlosse Christiansburg, wo Pferdeauction war. Ein Junker war zugegen, den Busch nicht leiden konnte. Er maß ihn häufig mit seinen beredten Augen. Der Andere wurde zuletzt böse und fragte auffahrend: »Warum glotzt Er mich immer an, will Er mich kaufen?« -- »Warte Er nur,« antwortete Busch ruhig, »seine Nummer ist ja noch nicht aufgerufen.«

Man erzählte von diesem Eulenspiegel, seine Schelmerei wäre so weit gegangen, daß er ein Mal einen Kopf von einem Schafe mit ins Parterre genommen und ihn aus der Scheidewand zwischen Parterre und Parquet mit dem Maule nach einem Kavalier zu aufgestellt hatte, den bereits Ewald in seinen »brutalen Klatschern« gegeißelt, weil dieser Herr, nach Busch's Ansicht, die Nase zu hoch gegen das Parterre trug.

Aber es ging nicht allein über den Adel, sondern auch über die Geistlichkeit her, wenn Busch die schuldige Höflichkeit bei Seite gesetzt glaubte. Auf dem Lande bei einem Gutsbesitzer malte er ein Mal ein Thürstück, das eine Bauernstube vorstellte. Als er eben auf der Leiter stand, kam der Gutsbesitzer mit dem Pastor des Orts herein, der die Arbeit des Künstlers beurtheilen sollte. »Guten Tag, mein guter Musjö Maler,« sagte der Pastor. -- Darein schickte sich Busch noch und sagte trocken wieder: »Guten Tag!« -- Nun betrachtete der Pastor die Arbeit mit einem Kennerblick und sagte: »Ja, es ist ganz gut; aber weiß Er was, mein lieber Musjö Maler! Die Lade, die da steht, sollte roth sein, versteht Er mich, Musjö Maler, roth sollte sie sein!« -- Nun wandte Busch sich ganz phlegmatisch auf der Leiter um und antwortete: »Und weiß Er was, mein lieber Musjö Pastor, die Lade, die da steht, soll, hol' mich der Teufel, grün bleiben, versteht Er mich, Musjö Pastor, grün soll sie bleiben!« --

[Sidenote: Bech's theatralische Versuche.]

Zwischen Bech und Busch war kein gutes Vernehmen. Bech war ein mittelmäßiger Schauspieler; seine beste Rolle war Kilian in =Ulysses von Ithacien=. Es war lange eine Spannung zwischen den zukünftigen Schwagern gewesen; aber als Bech nun seine Schwester geheirathet hatte, wollte Busch doch einen Tag nach der Hochzeit hinaufgehen und ihm gratuliren. Bech empfing ihn gravitätisch im Schlafrock, worüber Busch gleich ungeheuer lachen mußte, »Kilian im Schlafrocke« zu sehen! -- Und damit war gleich Visite und Liebe zu Ende. --

Eigentlich besuchte ich nur die Damen dort im Hause. Der Mann war nicht nach meinem Geschmacke. Er war ein nicht viel größerer Dramendichter, als Schauspieler. Unter Anderem hatte er eine Komödie, »die Quarterne,« geschrieben. Darüber schrieb ein junger norwegischer Poet Weyer, der in seinem zwanzigsten Jahre starb und auf den Rahbek große Hoffnungen gebaut hatte, folgendes Epigramm:

Daß nied're Stücke stets auf nied'ren Schuhen gehn Das glaub' ich gerne. Drum halt' ich wenig, nach dem Maas, ich muß's gestehn, Von der Quarterne. Doch, lieber frommer Bech, Du mußt's erlauben Mit guten Mienen, Daß wir, trotz allen Schustern, dennoch glauben, Du trägst Pantinen. Und geh' in Gottes Namen immer so, doch laß' Dich nicht verlocken, Daß unter'm Schutz der Direction Du kommst fürbaß In bloßen Socken.

Auch bei Rosenstand-Goiske, der damals das »dramatische Journal« herausgab, hatte Bech nicht viel Trost gefunden. -- »Wissen Sie, was man von Hansen (einem anderen Schauspieler) sagt?« fragte Bech einmal Rosenstand. -- »»Nun?«« -- »Man sagt, wenn man ihn einmal kämmen würde, so fiele seine ganze Action fort.« -- »»Und wissen Sie, was man von Bech sagt?«« -- »Nun?« -- »»Man sagt, daß wenn man ihm ein reines Hemde anzöge, so fiele seine ganze Action fort.«« Hansen hatte nämlich die Gewohnheit, sich hinterm Ohre zu kratzen, aber Bech schuppte sich unablässig, wenn er spielte.

Bech zeigte mir seine Manuscripte und ich bewunderte das Voluminöse der Hefte. Ich schrieb damals auch Komödien aller Art, Iffland'sche, Kotzebue'sche, Ewald'sche, Wessel'sche, ließ mir aber nicht die Zeit, so viele Bogen auf ein Mal voll zu schreiben. Ein Stück im Wessel'schen Geschmacke, Gertrude, war für mein Alter gar nicht so schlecht, und ich habe es viele Jahre darauf als eine Curiosität in meiner Monatsschrift, Prometheus, abdrucken lassen.

Rahbek hatte Bech auch auf dem Halse. Dieser pflegte das Motto von Voltaire vor seinen Arbeiten anzuwenden:

»_Pour former une oeuvre parfaite Il faut droit se donner au diable._«

Rahbek rieth ihm einmal, Voltaire's Vers durch folgende Zeile zu ergänzen:

»_Et c'est ce que je n'ai pas fait._«

Das that er denn auch später immer zum Trotz und rächte sich an Rahbek, indem er dessen erste schwache Jugendarbeit, »der junge Darby,« recensirte.

In dem Bech'schen Hause brachten meine Schwester und ich viel frohe Stunden zu. Mutter und Töchter waren lebensfrohe Menschen, und wir machten mit ihnen bisweilen Waldpartien. Es wunderte mich oft, daß Madame Bech so munter sei; ihre Betriebsamkeit, die Familie in Wohlstand zu versetzen, erstreckte sich nicht allein darauf, Putzsachen für Lebende zu machen, sondern sie schmückte auch die Todten! -- doch das machte nicht mehr Eindruck auf sie, als wenn ein Chirurg sich mit der Anatomie beschäftigt.

* * * * *

[Sidenote: Privattheater.]

Wenn wir jungen Leute im Speisesaal auf dem Friedrichsberger Schloß zusammenkamen, so spielten wir gern Komödie und Winckler war auch dabei. Wir mochten ihn seiner witzigen Munterkeit wegen gern und er war auch gern dabei um zu scherzen und sich mit uns zu amüsiren; aber es war bei ihm doch keine ernste Lust, so wie bei mir und Eline Bech, ordentlich Komödie zu spielen.

* * * * *

[Sidenote: Leistungen in der Decorationsmalerei.]

Ich habe zu erzählen vergessen, daß ich, als ich noch in die Schule ging, bei einem von Winckler's Schulkameraden, Böttcher, dessen Vater Verwalter des Laurvig'schen Eisenmagazins war, ein Privattheater eingerichtet hatte. In der Abwesenheit des Vaters erlaubte die Mutter uns gern, in dem großen geräumigen Zimmer zu spielen. Ich bildete eine kleine Truppe aus Böttcher, seiner Schwester, Winckler und einigen Anderen, und nun spielten wir vor einigen unserer Schulkameraden. Hier zeigte sich nun recht mein Eifer für das Dramatische. Zuerst mußte ich an Decorationen denken. Ich kaufte mir ein Buch Packpapier und einige Düten voll gelber, rother und schwarzer Farbe, sowie einige Pinsel. Neun Bogen Packpapier nähte ich zum Hintergrunde zusammen, der eine Stubenwand mit einem Fenster in der Mitte vorstellte, unter das ein Tisch gesetzt wurde. Je drei Bogen bildeten eine Coulisse, an jeder Seite mit Thüren. Nun band ich Besenstiele und Stangen an Stuhllehnen an und daran befestigte ich die Coulissen. So war mein Zimmer fertig. In diesem Zimmer mußten wir nun Alles spielen. Das Erste war der politische Kannengießer, worin ich Hermann von Bremen, das Nächste Jeppe vom Berge, oder der verwandelte Bauer, wo ich Jeppe spielte. Wenn die Maschinerie nicht Stich hielt, so mußte die Phantasie zu Hülfe kommen. Da ich zum Beispiel keinen Galgen hatte, an dem ich als Jeppe aufgehängt werden konnte, hing ich mich mit den Armen an die Thür nach dem Zimmer der Zuschauer; da diese geöffnet wurde und ich des Hängens müde war, sprang ich herunter, ohne in der Scene oder im Spiele zu stocken, als wenn gar nichts Wunderliches passirt wäre; und hierdurch rettete ich auch die Illusion für die Zuschauer. Winckler gab den Henrik und Jacob Schuhmacher; aber ich konnte ihn nie dazu bewegen, ordentlich zu sein; er spielte stets mit dem Spiele.

Das that er nun auch, wenn wir auf Friedrichsberg mit Eline Bech spielten, und es war reizend zu sehen, wenn das junge, schöne Mädchen ihn ausschalt, weil er »unartig« sei -- das heißt: weil er sich nicht, wie wir, in die Rolle versetzte und ernsthaft mitspielte.

Endlich wurde der Ernst bei Eline Bech so groß, daß sie wirklich Schauspielerin wurde. Sie debütirte in Hermann von Unna als Ida, erwarb sich außerordentlichen Beifall, und dies trug nicht wenig zu meinem darauf folgenden Entschlusse bei.

* * * * *

[Sidenote: Studien bei Herrn Höisgaard.]

So bereitete ich mich also ein Jahr lang bei Herrn Höisgaard zum _examen artium_ vor, und ich sah voraus, daß, wenn ich auf =diese Weise= fortfahren würde (was sicher der Fall war, =wenn= ich fortfuhr) ich in einem Jahre nicht weiter kommen würde, als ich in diesem Jahre gekommen war. -- Winckler hatte das Examen vor einem Jahre brillant bestanden und war öffentlich ausgezeichnet worden. Wenn ich die Schule für Bürgertugend hätte besuchen können, so hätte ich das Examen zu gleicher Zeit mit ihm gemacht. Aber mein Vater hatte, wie gesagt, nicht die Mittel dazu, weil ich nicht -- wie Winckler -- ein Haus in der Stadt fand, wo ich frei wohnen konnte. So hängt das Schicksal eines Menschen oft von Kleinigkeiten ab. Ich war im Grunde sehr betrübt darüber, daß das Ganze diese Wendung mit mir genommen hatte; aber ich ließ es mir nicht merken, nicht ein Mal vor Winckler. Ich schrieb vielmehr ein scherzendes Heldengedicht: »Otto,« auf Veranlassung seines Examens, und das Einzige, woran ein Menschenkenner vielleicht die Verstimmtheit (doch fern von aller Mißgunst) hätte merken können, war die gezwungene Heiterkeit, die sich darin aussprach. -- Das Gedicht war in verrückten Hexametern geschrieben, die alle auf fünf Füßen einherhinkten, und fing so an:

»Ich bin ein Wurm, und darf doch den Wallfisch besingen. Keck und gefaßt verlacht zu werden, verhöhnet. Lachet mein' immer, verhöhnt mich, ich werd's nicht beachten, Wandre voll Zutrauen auf dieser so schlüpfrigen Laufbahn. Muse! begeistre mich, Kraft gieb mir, feurigen Willen, Daß mein Gesang empor zu den Wolken kann steigen. Nicht bin ich Ewald, und nicht bin ich Klopstock, nicht Pope, Dennoch will ich es wagen, ihn zu besingen. Nennt es Verwegenheit, Frechheit, was Ihr auch wollet, Nichts doch bekümmert mich, freudig beginn' ich zu singen.«

Und nun wird erzählt, wie der Held Otto in der Morgenröthe auf seinem Lager ruhte und zwei Wesen an seinem Kopfkissen standen und sich seiner zu bemeistern suchten: das eine der =Fleiß=, das andere die =Furcht=. Endlich siegte der Fleiß, die Furcht zog sich zurück, der Held sprang auf und ging, und der Sänger folgte ihm:

»Lange er wandelt' auf graden, auf winkligen Wegen. Endlich stand er, ich sah' eine Pforte ihn öffnen, Sah' ihn hineingehn und folgte gewandt seiner Ferse In einen finsteren Saal durch Stangen geschützet.«

Dies war das Consistorium, in dem das Examen abgehalten wurde, und nun kam eine scherzhafte Beschreibung der Pedelle und Professoren, die den Helden Otto examinirten bis es vorbei war, und der »Dickwanst« (einer der Pedelle) einen Folianten öffnete und schrie: »_laudabilis prae ceteris._«

* * * * *

[Sidenote: Veränderter Lebensplan.]

Dieses _laudabilis prae ceteris_ stand mir selbst in meiner damaligen Stellung so fern, daß es mir unerreichbar schien; mehrere Mal beschloß ich, das Studiren aufzugeben, hatte aber doch nicht den Muth dazu. Endlich eines Tages, -- ich entsinne mich dessen noch sehr gut, -- gerade wie ich die lateinische Version zum Brief Pauli an die Römer, 2. Kap. 26., 27. und 28. Vers repetirte, -- legte ich das Buch entschlossen hin, -- ging zu meinem Vater, erklärte ihm, daß ich zum Theater gehen wollte, wenn er es erlaube, -- daß ich hoffe, dort mein Glück machen, und ihm bald alle Kosten ersparen zu können. Er erlaubte es gleich, sprach mit dem Oberhofmarschall, späteren Oberkammerherrn Hauch, und dieser bestimmte mir einen Tag, an dem ich zu ihm kommen sollte. Nun putzte ich mich, so gut ich konnte; meine Mutter lieh mir einen goldenen Ring, um ihn, nach der damaligen Mode, auf das Halstuch zu schieben. Die langen, schwarzen Haare wurden geflochten und mit einem kleinen Kamm in den Nacken gesteckt. Aus falscher Schaam sagte ich meiner Schwester nicht, was ich vorhabe, bis sie es von Anderen erfuhr; das schmerzte sie; denn bisher war sie die Vertraute meiner Seele gewesen und ich hatte ihr Nichts verschwiegen.

* * * * *

[Sidenote: Eintritt in das Schauspielerleben.]

Der Oberhofmarschall hatte mich oft als einen halberwachsenen Jungen auf Friedrichsberg umherlaufen sehen, und wunderte sich wahrscheinlich darüber, daß dieser Junge bereits in seinem siebzehnten Jahre Cavaliere, Helden und romantische Liebhaber spielen wollte. Er stellte mir all' die Schwierigkeiten und Mühseligkeiten vor, die mit dem Schauspielerstande verbunden waren; aber es half Nichts. Er sagte mir, daß ich im Anfange nur sehr kleine Gage bekommen würde. Darum kümmerte ich mich nicht. Da ich in meinem Gespräche mit ihm doch wohl etwas Geistiges und Ungewöhnliches zeigte, so schien er endlich Lust zu haben, es mit mir zu versuchen. Aber er sagte: ich müsse erst vor allen Dingen tanzen und fechten lernen und mit Handschuhen gehen, weil ich zu rothe Hände hätte: Rosing wolle er mir zum Instructeur geben.

Das war es gerade, was ich wünschte. Ich eilte gleich zu Rosing hin, klingelte und er kam selbst und öffnete. Ich sagte ihm, was ich wolle; er ließ sich in ein Gespräch mit mir ein, betrachtete mich mit Kennermiene, und ich freute mich, weil ich in dieser Zufriedenheit zu entdecken glaubte. Als Richter und Kunstverständigen hatte ich ihn noch nie reden gehört; bisher hatte ich aus seinem Munde nur die Gedanken Anderer vernommen, jetzt merkte ich, daß er selbst beredt und ein Denker war, ein Mann von Charakter, fein, ohne Falsch, mit Selbstgefühl und doch bescheiden. Daß er beim Tageslichte älter, bleicher aussah, einige Runzeln hatte, und statt des gewöhnlichen Schmuckes auf der Bühne hier in einem einfachen grauen Fracke ging, machte ihn mir noch merkwürdiger. Seine Augen waren eben so schön, wie auf dem Theater, ja noch schöner; denn man konnte in der Entfernung bei Licht nicht ihre seltene, blaue Vergißmeinnichtfarbe sehen.

[Sidenote: Körperliche Ausbildung.]

Wie es nun geschieht, daß Menschen, die mit einander sympathisiren, alsbald vertraut werden, so geschah es hier; und kaum hatte ich ihn ein paar Mal besucht, so bildete sich das schöne Verhältniß zwischen uns, wie zwischen Lehrer und Schüler, ja fast wie zwischen Vater und Sohn.

Rosing fand eben so wie der Marschall, daß ich der ritterlichen Uebungen bedürfe; ich bekam einen Fechtmeister, einen Tanz- und einen Gesanglehrer.

Der alte Fechtmeister =Ems= war ein langer, gutmüthiger Schlagetodt, ein Preuße aus Friedrich's II. Zeit, der sein Handwerk verstand. Es amüsierte mich, den Gebrauch der Waffen von ihm zu erlernen; doch mochte ich lieber mit dem Säbel, als mit dem Stoßdegen fechten. Es schien mir viel heroischer, ehrlicher, weniger grausam. Das Fechten mit dem Stoßdegen kam mir hinterlistig und meuchelmörderisch vor. Ich sollte meinen Feind betrügen, um ihm unerwartet den Todesstoß zu geben; Gewandtheit und kaltes Blut gaben den Ausschlag. Beim Fechten konnte man kräftiger, heftiger zu Werke gehen; und ich meinte, daß, wenn man sich duellirte, man heftig sein müsse; denn ruhige Leute müßten vernünftig sein, und vernünftige Leute müßten Frieden halten. Ich glaube auch noch jetzt, daß weder Achilles, Siegfried, Stärkodder, noch Palnatoke gestoßen haben, außer mit großen Spießen, sie haben mit dem Schwerte, wie Thor mit dem Hammer Mjölnir geschlagen. Der Stoßdegen ist eine Erfindung der neuern französischen Schule; und ich hoffe, daß selbst weder Guesclin noch Bayard sich seiner bedient haben.

Mein Tanzlehrer war Herr =Dahlén=, und später Herr =Berg=. So wie ich bei Ems das Hauen dem Stechen vorzog, so liebte ich hier die Menuet mehr als die Ecossaise. Die Menuet lehrte mich edle Stellungen und den Körper mit Grazie bewegen; es schien mir eine stumme Liebesscene zu sein, in welcher der Jüngling und das Mädchen sich voller Sehnsucht einander nähern, dann sich wieder ängstlich und bescheiden trennen, sich wieder entgegenkommen, einander die Hand reichen, sich flüchtig umarmen, dann wieder einander fliehen, sich freundlich und höflich grüßen und auf derselben Stelle stehen bleiben, wo sie angefangen, wie dies bei den meisten flüchtig Verliebten der Fall ist. Die Ecossaise lernte ich nicht: das Walzen konnte ich nicht vertragen; und so habe ich, merkwürdig genug, nie in meinem Leben mit einer Dame auf einem Balle getanzt.

[Sidenote: Musikalischer Unterricht.]

Der Gesanglehrer war Herr =Zinck=, ein ehrlicher, launiger Deutscher, guter Clavierspieler und gründlicher Theoretiker aus der Bach'schen Schule; auch als Componist hat er Talent und Gefühl gezeigt. Aber als Lehrer für junge Sänger und Sängerinnen war er zu theoretisch; es wurde zu viel gesprochen, zu wenig gesungen. Sein Streben, Alles durch Definitionen populair zu machen, kostete viele Zeit. Und wenn er es den jungen Sängerinnen begreiflich machte, daß jeder Mensch die natürlichen Notenlinien bei der Hand habe (nämlich die Finger), und daß man nur den Zeigefinger der rechten Hand über, zwischen oder unter einen Finger der linken Hand zu setzen brauche, um sich jede Note klar zu machen; so konnten wir Anderen uns nicht des Lachens enthalten. Später bekam ich einen italienischen Gesanglehrer, Feretti, der eine gute Methode hatte, und bei dem ich einige Fortschritte machte. Er hatte mich gern, aber er mochte es nicht leiden, daß ich zuweilen seine Stunde versäumte, wenn ich in der Sonnenhitze nach der Vorstadt auf Oesterbroe, wo er wohnte, hingehen sollte. Darum sagte er auch in seinem halbdeutschen Patois: »Ah, _Olanslagero magno ingenio_, aber Faullenzer!« Zuweilen wollte er mich durch die Aussicht auf größere Gage ermuntern, und sagte: »Singe Sie! Solle Sie Geld kriege.« Einmal sprachen wir von der nordischen Mythologie: »Ah«, sagte er, »da habe Sie ja nur Othinus und seine Frau, und weiter Nix.« Nun kramte ich all' meine nordisch-mythologische Weisheit aus, und glaubte, seine Unwissenheit damit recht zu demüthigen; aber mit einem zärtlichen Vaterlächeln legte er nur die Hand auf meine Schulter, und sagte mit einem Ausdruck des Beifalls, als ob ich zum Examen bei ihm gewesen wäre: »_Bravo, Olenslagero!_« Er war ein sehr gutmüthiger riesengroßer Mann, mit einem langen schwarzen Zopf über dem grauen Frack. Seine Tochter Doris, schon etwas bei Jahren, und seine alte Frau mit dem kleinen Hunde auf dem Schoos, saßen im Nebenzimmer im Dunkeln und applaudirten, wenn man sang.

[Sidenote: Der neapolitanische Singemeister.]

Es that ihm leid, als ich ihn verließ. Später erwischte er Foersom, und wollte ihn zum Sänger ausbilden; aber da dieser auch keine Lust hatte, und es vorzog, Schauspieler zu werden, so wurde der heftige Neapolitaner ärgerlich, und rief zuletzt erbittert: »Nun so gehe Sie, gehe Sie, und werde Sie nur miserabile Comediante!« Vor dieser Zeit war Foersom ihm bei verschiedenen Gelegenheiten behülflich gewesen. Sie gingen einmal zusammen aus, um Wohnungen anzusehen. Auf der anderen Seite der Straße stand ein armselig gekleidetes Frauenzimmer, aber keine Bettlerin. Feretti schritt gravitätisch zu ihr hinüber und drückte ihr einen Kupferschilling in die Hand. Sie wurde verletzt und wollte ihn nicht haben; er aber glaubte, es sei Bescheidenheit, winkte großmüthig mit der Hand und ging weiter. Nun kamen sie in ein Haus hinein und sahen Wohnungen bei Leuten an, die noch dort wohnten. Feretti trat mit bedecktem Haupte mitten ins Zimmer und betrachtete mit stolzem Lächeln die kleine Wohnung. Drauf sagte er: »Für ein Bauer ist es zu viel, für ein Bürger ist es genug, für _il profossore del Feretti_ ist es zu wenig«, und damit ging er wieder. -- Er war übrigens, wie gesagt, ein sehr freundlicher Mann, fleißig und brauchbar in seinem Berufe, aber die Neapolitanernatur konnte er nicht verleugnen.

* * * * *

[Sidenote: Musikalische Zustände.]

Fürs Erste hatte ich weiter nichts zu thun, als in die Singstunde zu gehen und in den Chören mitzusingen; das war eine sehr interessante Beschäftigung. So lernte ich das Theater auch von der Kehrseite kennen und im Anfange ging es mir damit, wie in meiner Kindheit mit dem Besuche in der Stadt, wo ich den Ulfeldtsplatz Friedrichsberg vorzog. Die Musik habe ich nächst der Poesie immer am höchsten von allen Künsten geliebt und hier schwamm ich in Musik von Monsigny, Gretry, Schulz und Kuntzen, Païsiello und Cimerosa. Das Ohr des Publikums war damals noch nicht verwöhnt oder erschlafft, und es bedurfte nicht eines großen Lärmens, in dem so oft Melodie und Character vor übertriebener Pracht in der Harmonie weichen müssen, und wo nur leidenschaftliches Geschrei Effect macht. Damals übte noch die weiche Stimme des Herzens ihre Wirkung aus, man fand den herrlichen Schulz noch nicht langweilig, und -- obgleich der zweite April des Jahres 1801 noch nicht das Volk für das Heroische begeistert hatte, fühlte man doch mit Vaterlandsliebe das Idyllische und Ideale im »Erntefest« und »Peters Hochzeit.« Aber Rosing spielte auch den Halvor in diesen Stücken und er zwang die Zuschauer zu empfinden. Er würde es noch jetzt thun, wenn man ihn sehen und hören könnte. Doch ich will die Zeit nicht besser machen, als sie war; jede Zeit hat ihre Fehler und ihre Vollkommenheiten, darum muß die vergangene Zeit die kommende theils lehren, theils warnen. -- Mozart kannte man noch gar nicht; obgleich er schon vor zwölf Jahren gestorben war. Daran waren die Italiener schuld, welche ihn beneideten. All' das dumme Geschwätz, daß der melodiereichste aller Componisten unmelodiös sei, daß er seine Musik für Orchester und nicht für Sänger geschrieben habe, wurde auch hier hergebracht und -- geglaubt! Ja es half nichts, daß man sein _Cosi fan tutte_ aufführte. Die Musik wurde mit anderer italienischer Musik in eine Brühe geworfen. Daß der Text unter aller Kritik war, konnte Jeder beurtheilen; daß die Musik göttlich schön war, konnten nur Wenige empfinden, und dieses himmlische Meisterstück -- wurde ausgepfiffen. --

[Sidenote: Mozart's _Cosi fan tutte_.]

Ungefähr dreißig Jahre später suchte ich das Meiste dieser schönen Musik durch das kühne Unternehmen zu retten, daß ich ihr einen andern Text unterlegte. Einzelne Zuschauer, die wohl theils historische Kenntnisse von _Cosi fan tutte_ früherem Schicksal besitzen mochten, theils einen Haß auf mich hatten, wollten da anfangen, wo die Vorfahren aufgehört hatten; aber der Beifall siegte, das Stück wurde mehrere Male bei vollem Hause gegeben; -- und obgleich eine solche Arbeit, deren einziges Streben dahin gerichtet war, ein anderes Kunstwerk vor der Vergessenheit zu retten, keinen bedeutenden eigenen Werth haben konnte, so würden sich doch gewiß noch jetzt manche Musikliebhaber darüber freuen, Mozart's schöne Musik mit Worten zu hören, die das Gefühl nicht stören, sondern es begleiten und es in Worte kleiden.

Wenn ich nicht irre, so trug auch eine andere Begebenheit dazu bei, das Publikum zu verstimmen, als das Stück zum ersten Male aufgeführt wurde. Die Liebhaber im Stück sollten sich umkleiden, um ihre Geliebten glauben zu machen, daß sie nun andere Menschen seien. Diese Liebhaber wurden von Frydendahl und Ovist gespielt. Frydendahl machte ein Versehen und kleidete sich zu früh um, und Ovist ahmte nach, was er Frydendahl thun sah. Als sie nun auf die Bühne hinaus wollten, machte der Regisseur sie auf ihr Versehen aufmerksam. Frydendahl wurde ganz verblüfft, zog an der Commandoschnur des Maschinenmeisters und rief: »Laßt herunter!« er meinte nämlich den Vorhang, aber die Maschinisten oben glaubten, die Scene sollte geändert werden und das Zimmer, in dem Knudsen gerade spielte, verwandelte sich in einen Wald, worauf Knudsen, der, sonderbar genug, noch die Illusion bewahren zu können glaubte, ausrief: »Welche Gaukelei!« das Parterre schlug ein lautes Gelächter auf, und man mußte wieder von vorn anfangen.

* * * * *

[Sidenote: Die Theaterdirection.]

Ich sah nicht nur die Kehrseite des Theaters und der Schauspieler, sondern auch die der Dichter. Thaarup und Baggesen waren Theaterdirectoren geworden, wozu sie sich durchaus nicht eigneten, um so weniger, als sie nicht nur Censoren, sondern zugleich, mit Waltersdorf als Chef, administrirende Directoren sein sollten. Hauch hatte sich in diesen Jahren zurückgezogen. Baggesen war übrigens in seiner Stellung angenehmer, als Thaarup. Er hatte keinen Ehrgeiz, was die Administration betraf. Er besuchte uns auf der Bühne in seinem gelben Ueberwurf, auf dessen Rückseite die eingebrannte Spur eines Plätteisens deutlich zeigte, daß man ihn in der Eile ein Mal zum Plätttuch gebraucht habe. Er schnupfte immer sehr viel Taback. Ich entsinne mich noch sehr gut des ersten Tages, wo er uns besuchte, und wo Saabye gar nicht aufhörte, das Bild auf seiner Schnupftabacksdose zu rühmen, welches seine erste, selige Sophie vorstellte, die er selbst gemalt hatte. Wenn Baggesen nicht zum Neid und zur Eifersucht gereizt wurde, war er gutmüthig und unterhaltend. Hier beneidete er Niemand, ließ Rosing und Schwarz walten und amüsirte sich selbst damit, über das Hohle in einigen Versen zu scherzen, die er in den letzten Jahren hatte drucken lassen. Thaarup that sehr vornehm, ernst und hofmeisternd. Er glaubte, daß er Alles vortrefflich verstünde. Wenn er im Foyer einem der Jüngeren etwas zu sagen hatte, so wandte er ihm gewöhnlich den Rücken, ballte die Fäuste, steckte die Zeigefinger in die Höhe, pustete erst ein paar Mal -- darauf heftete er seine Augen auf Herrn oder Madame Rosing, wenn sie zugegen waren, -- wo nicht auf einen Andern der Aelteren um ihren Beifall oder ihre etwaige Bewunderung seiner Rede zu beobachten -- und dann hielt er die Rede an den, der hinter ihm stand und der gewöhnlich fortging, bevor er fertig war.

[Sidenote: Baggesen's »Erik der Gute«.]

Er hatte besonders sehr viel damit zu thun, die Costüme zu dem Singspiele Eveline zu besorgen, in welchem alle Choristen in feine weiße Casimirbeinkleider gekleidet wurden. In Baggesen's Abwesenheit sorgte er auch für die Costüme zu dessen =Erik dem Guten=; die dänischen und julinischen Helden wurden in Harnische von unechtem Silberbrocat mit Goldtressen gezwängt. Von =Erik Eiegod= wurden viel Proben veranstaltet. Es machte mir Freude, Kuntzen zu sehen, der wirklich ein ausgezeichneter Componist war, wie er da zwischen all den Menschen saß, die sich nun vereinigten, um sein Werk aufzuführen. -- So jung ich war, so fühlte ich doch, daß das Stück nur wenig von nordischer Kraft und Färbung hatte; das konnte schon ein fleißiger Leser und Bewunderer Ewald's erkennen. Wenn die Julinerinnen sangen:

»Keine Ketten uns umschlingen. Kühl' den Haß im Blute! Selbst im Tode noch wir singen Erik hoch! der Gute!«

so konnte ich den im Blut gekühlten Haß nicht mit der Güte vereinen; und daß sie es im Spott sagen sollten, um Erik zu ärgern in demselben Augenblick, wo sie ihn um Vergebung baten, konnte ich auch nicht begreifen. -- Wenn der alte Uller -- der mir am meisten gefiel -- zum Schluße sang:

»Von hundert der Jahre gebleicht Dank' warm ich Dir, warm Dir vor Allen, --«

so schien mir dies ein des edlen Greises unwürdiges Selbstlob; -- aber wenn er sang:

»Vielleicht eh' die Sonne entweicht Begrüß' ich Dich jung in Walhalla! --«

so drängte sich eine Thräne in mein Auge, und ich fand den Gedanken schön. Daß Uller, als Wende, sich weder zur nordischen Lehre bekennt, noch an Valhalla glaubt, entging mir, so wie es dem Dichter entgangen war, der überall, sowohl hier, wie früher in seinem Holger Danske und in Allem deutlich zeigte, daß er niemals altnordische Sitten oder nordische Geschichte studirt hatte.

[Sidenote: Singspiel-Repertoire.]

Kuntzen's herrliche »=Weinlese=« und sein kleines munteres Stück »=Das Geheimniß=« wurden auch aufgeführt. In beiden war Knudsen unübertrefflich als Küster und Landrichter. Ich sah noch Gjelstrup in seiner besten Zeit Jeppe vom Berge spielen, den Sattler in »Nicht mehr als sechs Schüsseln« und mit Knudsen einen der zwei Geizigen in Gretry's Singspiel u. s. w. In Païsiello's =Müllerin= zeigte Frydendahl schon, daß er mit Glück die burlesken Italiener auf dem Hoftheater studirt hatte. Seine Frau hatte von Natur eine der schönsten Stimmen, die ich gehört habe; aber sie war nicht genügend durch die Kunst ausgebildet. Sie hatte auch (was nicht immer bei guten Sängerinnen der Fall ist) ein schönes Organ, außerdem ein schönes Gesicht und eine muntere Gutmüthigkeit, war aber sonst kein bedeutendes Talent und von kleiner, untersetzter Gestalt.

Schwarz war ein vortrefflicher »würdiger Vater.« Er hatte ein schönes, beredtes Gesicht und ein gutes Organ. In früheren Jahren hatte er gewiß eben so viel Humor in lustigen Rollen gezeigt, wie jetzt Gefühl und Würde in den ernsten. Aber Helden konnte er nicht darstellen, jedoch spielte er Niels Ebbesen, der sich nur wenig von dem bürgerlichen ruhigen Vater unterscheidet.

Madame Preisler hatte ihre Rolle auf der Bühne und im Leben ausgespielt, ehe ich kam; ich entsinne mich noch sehr gut eines warmen Sommertages, wo ich mich mit einer großen Menge Menschen in eine Wohnung hinaufgedrängt hatte, wo ihre Leiche ausgestellt war.

* * * * *

[Sidenote: Michael Rosing.]

Wer sich meine größte Bewunderung beim Theater zuzog, wen ich mit der ganzen Wärme des Jünglings liebte, wer mich besonders zur Bühne hinzog und über dessen Umgang und Vertrauen ich mich noch mehr freute als über die Kunst selbst -- war =Michael Rosing=. -- Rosing war ein echt poetischer Schauspieler, er besaß Begeisterung, Phantasie, Gefühl, Verstand, Geschmack in einem selten hohen Grade. Er war ein Norweger und bewahrte bei all seiner Weltkenntniß und Vielseitigkeit die größte Liebe für sein Vaterland und für alles Altnordische. -- Ich habe in Talma Aehnlichkeit mit ihm gefunden; Talma's Talent war in dem Tragischen, das Rosing selten zu üben Gelegenheit hatte, ausgebildeter, aber dieser stand ihm gewiß nicht im tragischen Genie, so wenig wie in rascher männlicher Würde und Gluth nach.

Er war in Röraas, bei jenem melancholischen Kupferbergwerk zwischen Schneebergen in einem abgelegenen öden Winkel geboren. Hier war sein Vater ein armer Prediger. Als Knabe kam Rosing in die Schule nach Drontheim. Er hatte eine schöne Discantstimme, und sang mit hoher Begeisterung in der St. Olafs-Kirche, im großen Chore, der noch jetzt der Nachwelt erhalten ist; Rosing lebte mit seinen Phantasieen in der alten Zeit der Sagen. -- Der später so bekannte Staatsrath =Treschow=, der erst jüngst nach einem bis zu seinem Todestage gesunden und kräftigen Leben gestorben ist, war vor 60 Jahren Rosing's Rector in Drontheim, aber Treschow kam sehr jung zu diesem Amt und war nur sechs Jahre älter, als sein Schüler. -- In den Wissenschaften zeichnete Rosing sich nicht aus; er ging nach Kopenhagen, wurde Student, besuchte das Theater, verliebte sich in Fräulein =Olsen=, seine spätere Frau, fühlte sein Talent erwachen und wurde seiner Stimme wegen beim Theater angenommen. Aber nun mußte er sich darein finden, ein ganzes Jahr ohne Umgang mit seinen Landsleuten zu leben, um sich den norwegischen Accent abzugewöhnen, den er als Drontheimer in hohem Grade hatte, und auch nie ganz ablegte; aber er kleidete ihn gut, da er gemildert und mit der Sprache seiner Umgebung verschmolzen war. Er debütirte als Orosman in Voltaire's Zaire, von Tode in schlechten schleppenden Alexandrinern übersetzt. Indessen machte er gleich Glück. Von keinem Schauspieler habe ich die Liebe zum Weibe so tief, so wahr, so schön und rührend darstellen sehen, als von Rosing. Daher kam es, daß man in jedem Stücke, in dem eine Liebesscene vorkam, aus welcher nur irgendwie Etwas zu machen war, eines schönen Genusses sicher sein konnte, wenn Rosing die Rolle spielte. Vieles, das man sonst langweilig fand, wurde durch die Art und Weise poetisch, wie Rosing es auffaßte. Nie gab er sich einer hohlen, schreienden Declamation, einer egoistischen Eitelkeit hin; er lebte und athmete in dem angebeteten Gegenstande, vergaß sich selbst, sein schwimmendes, blaues Auge auf sie gerichtet, ganz ihr gegenüber; aber die Zuschauer vergaßen ihn nie.

Und nun sein vortrefflicher Almaviva im Figaro, wobei er sein Genie gerade dadurch zeigte, daß er den Gegensatz seines natürlichen Gefühls darstellte; die kalte herzlose Buhlerei eines Junkers, der bereits im Verblühen ist; aber mit aller Politur des Hofmanns. Diese Feinheit zeigte er noch größer, zu einem hinterlistigen, heimlichen Gift sublimirt, in dem entsetzlichen Marinelli, aus dessen Eisbrust nur zuweilen die Höllenflammen aufschlagen, so wie die Gluth des Hekla in einer dunkeln Winternacht. Endlich sein ausgezeichneter Graf Gerhard in Niel's Ebbesen, wo sein ganzes Wesen und Benehmen uns das Genie und das geistige Uebergewicht ahnen ließ, das Gerhard erst hochmüthig und zum Menschenverächter machte und ihn darauf in den Abgrund stürzte. Wenn Rosing sagte: »Da liegen sie nun unbekümmert, daß sie morgen zur Schlachtbank geführt werden! Und Dich Mensch, Dich sollte ich achten? Deinetwegen ein Werk aufgeben, das die Bücher der Weltgeschichte bewundern müssen? Sclaven, nur geschaffen, um einem blinden Triebe zu gehorchen, -- um geschlachtet zu werden mögt ihr gut genug sein;« -- so ließ er uns ein tiefes Mitleid mit dem verblendeten Gerhard fühlen, dessen große Gaben zu Grunde gingen, weil ihm die Liebe mangelte. -- Und wie konnte er da rühren?

»Wer die Liebe nicht liebt, den kann die Liebe nicht lieben,« sagt Lavater. Der kalte Haß, die herzlose Verachtung kann niemals rühren, sie kann nur empören. Aber Rosing, ebenso wie Talma, fühlte, daß in der inneren Tiefe aller großen Menschen eine schlummernde, vielleicht sich selbst unbewußte Liebe ruhe. Freilich gestaltet sie sich zur Eigenliebe; aber jemehr Genie ein Mann hat, desto mehr nimmt er von Anderen in sich auf und liebt zuletzt, ohne es eigentlich zu wissen -- nicht nur sich selbst in der ganzen Welt, sondern die ganze Welt in sich. Er glaubt, das Organ der Zeit zu sein -- und er ist es ja auch, wenn er groß ist; denn Männergröße und Geistesgröße hängen leider nicht immer mit moralischer Vollkommenheit und Klarheit der Seele zusammen. Dieses schlummernde Gefühl rührt, wenn wir es in wichtigen Augenblicken erwachen sehen. So liegt in Gerhard's Entrüstung über die Schwäche der Menschen eine tiefe Unzufriedenheit darüber, daß der Mensch nicht mehr ist, was er sein sollte; und dieß rührt, weil es ihn selbst trifft. Es hat etwas Tiefergreifendes, eine große verirrte Kraft zu Grunde gehen zu sehen. Was giebt es Rührenderes, als wenn Napoleon, indem er dem Thron entsagt, umgeben von den alten Helden, den Adler an die Brust drückt und ihn zum Abschied küßt? Dieses Gefühl wußte Rosing auf wunderbare Art zu wecken und hierin besonders glich er Talma. Auch =Ryge= haben wir solche Gefühle in =Hakon Jarl= und anderen Stücken lebhaft erregen sehen.

[Sidenote: Rosing und Rahbek.]

Als Knud Gyldenstjerne in Dyveke gab Rosing Torben Oxe's treuen Bruder, Siegbrit's edlen, schonenden Feind unübertrefflich schön. Hier fällt mir eine Anekdote ein, die ich erzählen will, da sie sowohl zu Rosing's als zu Rahbek's Charakteristik beiträgt.

Rahbek mußte stets eine Dame haben, in die er unglücklich verliebt sein konnte. Dies versetzte ihn in seinen freien Stunden in einen elegischen Zustand, der ihm lieb war, mit dem er aber niemals seine Freunde belästigte; denn unter ihnen war er beim Glase Wein stets witzig und erzählte gern scherzend, was er gehört und erlebt hatte. Rahbek verliebte sich also gleich in seiner Jugend in Fräulein Olsen, die bald Rosing's Gattin wurde. Rosing war sein Universitätsfreund, Rahbek kam oft in dessen Haus, und hatte also hier, wie im Schauspielhause, Gelegenheit genug, seine Gefühle zu nähren. Diese waren nun, wie Alle, die Rahbek gekannt haben, wissen, so platonisch und super-petrarchisch, daß sie nie Jemand auch nur im Entferntesten beunruhigen konnten. Rosing war ein sehr schöner Mann und wurde von seiner Frau innig geliebt; dadurch gestaltete sich aber die den gewöhnlichen Verhältnissen ganz entgegengesetzte Situation so, daß Rahbek auf Rosing eifersüchtig wurde und als Folge hiervon mehr als sonst geneigt war, ihn zuweilen zu tadeln. Hierzu kam, daß sie aus verschiedenen Schulen waren. Rosing hatte sich selbst gebildet; Rahbek bewunderte den verstorbenen Schauspieler =Rose=; und hatte durch =Schröder=, =Jünger= und =Iffland= Geschmack an dem bürgerlichen Idyll mit seinen stillen, feinen Schattirungen gefunden; zu Rahbek's größter Verwunderung spielte auch Madame Rosing vortrefflich in dieser Gattung von Stücken. Für das mehr Heroische, welches reichere Phantasie und stärkeres Gefühl forderte, hatte Rosing viel mehr Sinn; aber dies lag nicht so sehr in Rahbek's Sphäre.

Als man nun Dyveke aufführen sollte und ein guter Freund Rahbek fragte: »Wie glaubst Du, daß Rosing den Knud Gyldenstjerne spielen wird,« -- antwortete er in übler Laune: »»Wie ein rasender Jakobiner, den Christian der Zweite gleich hätte köpfen lassen, wenn er so vor ihm hingetreten wäre!«« Diese Antwort hinterbrachte der gute Freund dem Rosing, der gar nicht verletzt wurde, gute Miene machte, und Rahbek, als sie sich wiedersahen, fragte, ob er Lust habe, der Probe zu Dyveke beizuwohnen, und ob er ihm dann seine Meinung sagen wolle, wenn er Eins oder das Andere geändert wünsche. -- Rahbek folgte mit Freuden dieser Aufforderung. Die Probe ging vortrefflich und Rahbek war durchaus zufrieden. Als sie von der Probe zusammen nach Hause gingen, sagte Rosing lächelnd: »Gefiel Dir nun auch mein Knud Gyldenstjerne?« -- »»Vorzüglich!«« -- »Ich habe also doch nicht wie ein rasender Jakobiner gespielt?« -- »»Wenn Du««, entgegnete Rahbek ohne verlegen zu werden, »»nur einen Fingerzeig bekommst, so hast Du Alles, was Du brauchst!««

[Sidenote: Billardübungen.]

Ehe ich noch recht bekannt mit Rosings wurde, und als täglicher Umgangsfreund in ihr Haus kam, ging ich viel mit einigen jungen Leuten vom Theater um. Der rohe Ton, der unter ihnen herrschte, mißfiel mir sehr. Indessen konnte ein Jüngling leicht nach und nach verdorben werden, wenn mein guter Engel nicht über mich gewacht hätte. Was mich im Laufe des Jahres, das ich auf diese Weise verbrachte, besonders beschäftigte, war Billardspiel. Winckler und ich hatten uns selbst dieses Spiel auf eine eigenthümliche Weise gelehrt. Auf dem Friedrichsberger Schloß stand in unserer Kindheit ein Billard in der schönen Gemäldegalerie, neben dem Speisesaal. Hier spielten wir, so gut es eben ging, ohne daß uns Jemand die geringste Anweisung gab. Wir wußten nun -- und das ist ja auch die Quintessenz des Spieles -- daß man den einen Ball durch den andern in ein Loch stoßen müsse. -- Nun nahmen wir Jeder unser Queue, und stießen dann auf die Bälle, -- natürlich mit dem dicken Ende -- so gut wir konnten. Auf diese Weise gewöhnten wir uns, zur Verwunderung unserer Mitspieler, als wir zur Stadt kamen, daran, alle Bälle _par tournée_ zu machen. Winckler, mit seinem scharfen Blick und seiner sichern Hand, wurde bald ein ebenso ausgezeichneter Billardspieler, wie er in seiner Jugend ausgezeichnet im Steinwerfen nach Wallnüssen, Vögeln -- und zuweilen nach mir war. Er wurde der beste Billardspieler in der Stadt; später kam ihm seine Gewandtheit sehr als Anatom und Chirurg zu gute. Ich selbst brachte es nicht weit im Billardspiele mit meinem kurzen Gesicht und meiner noch kürzeren Geduld.

Als eine Merkwürdigkeit muß ich anführen, daß Winckler's Rival im Billardspiel damals in Kopenhagen -- der aber nie um Geld spielte -- der später so berühmte Norweger =Christie= war, welcher das Grundgesetz für Norwegens freie Verfassung entwarf.

* * * * *

[Sidenote: Umgang mit Schauspielern.]

Ich war zurückhaltend und blöde; daher machten die Schauspieler sich, ehe sie mich kannten, einen falschen Begriff von meinem Charakter, und glaubten, ich sei eine stille, furchtsame Natur. Es gelang mir bald, ihnen diesen Irrthum zu benehmen, ja sogar mir durch humoristische Scherze Freunde unter ihnen zu gewinnen. Eines Abends z. B. hatten Mehrere vom Theaterpersonal sich bei einem Wirthe versammelt, wo man für einen bestimmten Preis gut essen sollte. Unter Anderen war uns ein köstlicher Hasenbraten versprochen. Es dauerte lange, ehe der Tisch gedeckt war, die Gerichte wurden noch langsamer aufgetragen; -- nach Mitternacht wurde ein trockener Rinderbraten statt des Hasenbratens hereingebracht; und man entschuldigte sich damit, daß der Bäcker den ihm gesandten Hasen nicht gebraten hätte. Alle, die eben noch lustig gewesen waren, schwiegen nun verstimmt, und glaubten nicht an die Entschuldigung. Ich, der früher geschwiegen und die Aelteren hatte reden lassen, brach nun plötzlich aus: Ei, so soll doch der Teufel den nachlässigen Bäcker holen. »Wo wohnt denn der Pfuscher?« -- »»Ach!«« -- entgegnete der Wirth -- »»er wohnt sehr weit von hier! Außerdem ist es auch spät, kalt und ganz finster; jetzt kann er den Hasen doch nicht braten.«« -- »Er hat uns zum Besten gehabt«, sagte ich. »Ich wecke ihn aus seinem Schlafe! Er soll mir den Hasen geben.« -- Ohne weiter zu hören, lief ich in die Stadt zum Bäcker und holte ihn aus dem Bette. Er wußte von nichts, und hatte keinen Hasen bekommen. -- Mit dieser Nachricht kam ich vergnügt zurück. Alle schlugen ein lautes Gelächter auf; der Wirth mußte beichten und um Verzeihung bitten; aber ich hatte bei dieser Gelegenheit einen Stein im Brett bei den Schauspielern gewonnen, und der Rinderbraten schmeckte ihnen nun, da sie lustig waren, eben so gut, als ob es ein Hasenbraten gewesen wäre.

* * * * *

[Sidenote: Meine Debüts.]

Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß Rosing mich ermunterte, auf der Bahn fortzugehen, die ich einmal eingeschlagen hatte, obgleich keineswegs weil er mich für untauglich dazu hielt; im Gegentheil, er glaubte, daß ich mich auszeichnen könnte, wenn ich älter geworden und bessere Manieren angenommen haben würde. Aber er fühlte, wie alle ausgezeichneten Künstler seines Faches, das Drückende und Peinliche seines Standes, und wollte mich wohl vor etwas Aehnlichem schützen. Er litt es gern, daß ich mit ihm scherzte. Einmal, als er mich unterrichtete, drückte er sich etwas undeutlich aus, als er mich auf die Harmonie der körperlichen Grazie aufmerksam machen wollte, und sagte: »Der kleine Finger und die große Zehe müssen zusammenhängen!« -- »Ja!« -- entgegnete ich, und hob den Fuß zur Hand auf, um Zehe und Finger in Berührung zu bringen. -- »Du bist ein Eulenspiegel!« rief er. -- Wir hatten King's Rolle in Tode's »Seeoffizieren« zu einem meiner Debüts gewählt. King ist ein braver Kerl, der gut für sich spricht, und das, meinte Rosing, würde ich schon können; aber King ist etwas langweilig und predigt zu viel; und das Männliche, welches er haben mußte, konnte mein knabenhaftes Wesen nicht durch eine Kunst ersetzen, in deren Besitz ich damals eben so wenig war. Indessen hörte man bei diesem Auftreten, daß ich ein gutes Organ und eine gute Diction hatte. Das Ritterliche im Torben Oxe, den ich auch spielte, konnte ich natürlich auch nicht darstellen, und die Schüchternheit und Furcht erlaubten mir nicht, Gefühl zu äußern, was übrigens auch in den kurzen Scenen dieses unglücklichen Liebhabers mit der Dyveke, die ihn nicht liebt, schwierig ist. Erst im Cederström in Kotzebue's »Armuth und Edelsinn« ließ ich mich in den zärtlichen Scenen mit der liebenden Luise gehen -- und erntete lauten Beifall.

* * * * *

[Sidenote: Ewald's Fischer.]

Aber ich fühlte bald, daß ich keinen Beruf zur Schauspielkunst habe. Das Vorurtheil, welche dieselbe noch zu bekämpfen hatte, genirte mich durchaus nicht; sie reizte im Gegentheil meinen Stolz zu Trotz und Verachtung; aber zwei Dinge waren mir zuwider: die Subordination und das Auswendiglernen. Es war mir unerträglich, langweilige Rollen, in schlechter Sprache geschrieben, auswendig zu lernen; ich wollte im Grunde am liebsten ganz frei sein, die Anderen spielen sehen, und mich damit amüsiren, als Zuschauer ins Theater und in die Singschule unter den Haufen junger Leute und hübscher Mädchen gehen, -- kurz: Es drängte den werdenden Dichter, das Theater, wie ein Baumeister seine Maurer und Zimmerleute, kennen zu lernen. Aber dessen war ich mir damals noch nicht bewußt. Ich ließ mich gern von Rosing unterrichten, um nur in seiner Gesellschaft sein zu können. Er erzählte mir, daß er Ewald gekannt habe. Rosing hatte zuerst =Balder's Tod= und =die Fischer= auf die Bühne gebracht; er spielte selbst die Rolle des Hother im Balder und des Knud in den Fischern. Zur Aufführung des letzteren Stückes hatte er die wirklichen Fischer von Hornbeck, welche mit größter Lebensgefahr die edle That ausgeführt hatten, welche Veranlassung zu diesem Stücke gewesen, eingeladen. Die historischen Helden des Stückes saßen während der Aufführung in einer Loge und sahen die scenische Darstellung ihrer That. Als es zu Ende war, kamen sie auf die Bühne. »Nun« -- fragte Rosing den Knud, dessen Rolle er gespielt hatte -- »war es ungefähr so, wie Ihr es damals gemacht habt?« »»Ja««, -- antwortete Knud ernsthaft, -- »»grad' so war es; nur sangen wir nicht!««

* * * * *

[Sidenote: Peter Heger.]

Rosing war auch ein Freund von Thaarup. Thaarup war von Natur entsetzlich faul, aber Rosing hatte ihn dahin gebracht, das Erntefest zu beendigen, indem er ihn scherzend auf einem Zimmer in seinem Hause mit Schreibmaterialien bei einem guten starken Kaffee einschloß. Im Sommer wohnten Rosings auf Friedensburg. Ich war oft ihr Gast, und machte hier mit meinem zukünftigen Schwager Peter, oder wie wir ihn nannten, Peer Heger, Bekanntschaft, einem raschen, hübschen Seemann, der als Steuermann mehrere Reisen nach Ost- und Westindien gemacht hatte, und mit Rosings zweiter Tochter verlobt war. Die älteste Tochter, ein schönes Mädchen, war mit einem Sohne des älteren Drewsen, dem Besitzer der großen Papierfabrik: »die Strandmühle«, versprochen. In dieses Haus, wo Wohlstand und Geschmack herrschten, kam ich oft zum Besuch und lernte hier Frau Drewsen kennen, deren Schönheit, Grazie, Verstand und Bildung allgemeine Bewunderung erregten. Sie war eine vertraute Freundin der ein paar Jahr jüngeren Christiane Heger, meiner zukünftigen Frau. Peer Heger hatte mich lieb, aber da er ein ausgezeichneter Gymnastiker war, der oft, wenn er ganz ruhig im Zimmer saß, plötzlich im Sopha auf dem Kopfe stand -- hatte er immer sehr viel an meinem Wesen auszusetzen, das ihm zu unbeholfen war, und dies ging soweit, daß wir zuletzt uneinig wurden. Einmal wollte er zur Strandmühle reiten, und lud mich ein, ihn zu begleiten. Obgleich ich noch nie zu Pferde gesessen hatte, außer einige Augenblicke, wenn ein Reiter meinen Vater besuchte, und ich Erlaubniß erhielt, einige Schritte hin und her zu reiten, -- so nahm ich doch die Einladung an. Ich miethete mir nun ein Pferd, und folgte ihm mit lustiger, ruhiger Miene wie ein alter, geübter Reiter. Es ging nach der Strandmühle hinaus. Heger fing zu traben an; aber ich, der den Trab zu beschwerlich und stoßend fand, galloppirte ihm nach. Nun begann auch er zu galloppiren; sein Pferd warf mir Sand in die Augen, weil das meine immer dicht hinter ihm war. Um nun nicht die Augen voll zu bekommen, machte ich sie zu, galloppirte darauf los, und befahl mich in Gottes Hand, der sie auch über mich hielt. Ja, ich hatte sogar, die Satisfaction, daß Peer, der mich den ganzen Weg über ausgelacht hatte, auf dem Hofe, als er vor den Damen Kapriolen machen wollte, vom Pferde fiel; ich dagegen blieb fest im Sattel sitzen.

* * * * *

Ich las Peer Heger oft meine Geistesproducte vor, und er hatte eine große Meinung von ihnen, aber ich konnte die Art und Weise, in der er mich beherrschen wollte, nicht ertragen. Er war mir zu stolz, und im Gefühle seiner größeren Körperkraft zu gebieterisch. Diese Mißstimmung kam einmal eines Abends auf der Strandmühle zum Ausbruche, gerade als wir zusammen zu Bette gehen wollten. Wir kamen in einen Streit über Geschmackssachen, ein Wort gab das andere, Peer appellirte an seine Fäuste, und obgleich dies wohl nur eine Drohung war, wollte ich mich doch nicht noch öfter einer Citation vor ein solches Gericht aussetzen. So spät es war, beschloß ich, nach Kopenhagen zu gehen, um nicht mit ihm zusammen zu schlafen. Ich ging, und war bereits eine Viertelstunde von der Strandmühle entfernt, als die Kälte der Nacht und der Gedanke, was Frau Drewsen am nächsten Morgen sagen würde, daß ich so in der Nacht fortgegangen sei, mich bewog, wieder umzukehren, und mich, ohne ein Wort zu reden, neben Peer hinzulegen. Er verspottete mich; der Sohn Drewsen's, der in demselben Zimmer lag, lachte, ohne sich übrigens in die Sache zu mischen. Ich schwieg -- nahm am nächsten Morgen Abschied und sah die Strandmühle erst -- dreißig Jahre später wieder, als ich Christian Drewsen besuchte, der mich zuvorkommend einlud und freundschaftlich der verschwundenen Jugendzeiten gedachte.

* * * * *

Die Versöhnung dürfte wohl zu Stande gekommen sein, wenn Peer nicht kurz darauf nach Westindien gereist wäre. Die älteren Drewsen's zogen nach Kopenhagen, wo ich sie besuchte, als ich mit Christiane Heger verlobt war. Peer Heger starb kurz darauf in Westindien, ehe er erfahren konnte, daß ich mit seiner Schwester versprochen sei. Ich bin überzeugt, daß diese Nachricht den braven Seemann sehr erfreut haben würde, und daß wir wieder die besten Freunde geworden wären.

* * * * *

[Sidenote: Strenge Disciplin.]

Indessen war statt des Oberhofmarschalls der Generalmajor Waltersdorff erster Director geworden. Dieser wackere Mann hatte sich früher wenig oder gar nicht mit solch undiplomatischen Geschäften abgegeben. Er ließ Thaarup und Baggesen, und diese ließen wieder Schwarz und Rosing walten. Indessen hatte das Ganze doch einen Anstrich von militairischer Subordination, die die Schauspieler nicht vertragen konnten. Ich entsinne mich noch, wie der joviale Saabye, als der Generalmajor auf der Probe an ihm vorüberging, sich wie ein Landsoldat richtete, und zu seinem Nachbar in seeländischem Dialecte sprach: »Hör' mal Du! der Dienst ist heuer streng!«

* * * * *

Saabye war in seiner Jugend ein schöner Mann gewesen, und er war noch hübsch, mit seinen braunen Augen und dem blonden Haar. Er hatte auch eine schöne biegsame Rede- und Singstimme, aber nicht viel Verstand. In gefühlvollen Rollen wurde er leicht affectirt und übertrieben; in naiven, munteren Rollen war er vortrefflich, z. B. als Plumper in »Er mengt sich in Alles«, und als Liebhaber in den kleinen französischen Singstücken; dagegen war er entsetzlich als Wenzeslaus in »Herrmann von Uma«. Seine letzte Rolle war Hakon Herdebred in »Axel und Valborg«, die er gar nicht verstand.

* * * * *

Mit meinem späteren zweiten Schwager =Stephen Heger= wurde ich bald bei dem Theater befreundet. Er war seiner Stellung durchaus müde, und beklagte es in hohem Grade, Schauspieler geworden zu sein. Dies trug auch zu meiner Verstimmung bei.

* * * * *

[Sidenote: Das Inquisitionsgericht.]

Noch ein anderes Ereigniß traf ein, das mich ärgerte. Knudsen war ein vortrefflicher Schauspieler, nicht allein in dem Burlesken, sondern auch in dem Rührenden, und besonders wo beide Elemente sich begegneten, wie z. B. in Falsen's »Findelkind«, wo er den armen Schuhmacher unvergleichlich gab. Einmal spielte er den Juden im »Einzuge«, und da bildete er sich ein, daß ich -- der ihn stets bewunderte, -- ihm als Bauerjunge im Chor einen unverschämten Stoß gegeben hätte. Er klagte mich bei der Direction an. -- Ohne das Geringste zu ahnen, wurde ich eines Morgens vor das Inquisitionsgericht gerufen. In einem großen Saal, in dem Hause des Generalmajors Waltersdorff, saß er selbst nebst Thaarup und Kjerulf, als Mitdirectoren, an einem grünen Tische. Von Kjerulf, Professor bei der Universität, habe ich erzählt, daß er mich, als ich die Schule verließ, eine ganze Stunde zu seiner vollkommenen Zufriedenheit in der Geschichte examinirte. Hier beim Theater sprach er niemals mit mir, und ich auch nicht mit ihm. Thaarup war ein wahrheitsliebender Mann, aber ziemlich stolz, größtentheils ohne Kenntniß von dem, was beim Theater vorging, und liebte sehr zu hofmeistern. Bei meinem Eintritt hielt er mir gleich eine lange Rede über meine vermeintliche Unart, und verlangte, daß ich Knudsen um Verzeihung bitten solle. -- Als er fertig war, antwortete ich kurz: »Das ist nicht wahr!« -- Nun begann er wieder, mir eine moralische Vorlesung zu halten, und ich entgegnete wieder eben so kurz: »Das ist nicht wahr!« Die Directoren sahen einander bedenklich an, und Thaarup äußerte: Noch nie habe ein Schauspieler in einem solchen Tone zur Direction zu sprechen gewagt. -- Nun fing die Sache an bedenklich zu werden; die Thränen traten mir in die Augen, ich wandte mich zum Chef und sagte: »Was soll ich antworten, wenn ich mich ganz unschuldig fühle? Ein Anderer muß es gethan und mich bei Knudsen verleumdet haben. Er selbst hat ja mit dem Rücken nicht sehen können, wer ihn gestoßen habe. Ich achte sein Genie, unsere Kunst und die Würde der Bühne zu hoch, als daß ich mich zu einer solchen Grobheit herablassen solle. Aber ich bitte ihn auch nicht um Verzeihung! Meinetwegen mögen Sie mich in Arrest werfen, oder mir den Abschied geben!« -- Statt ihn zu erzürnen, gewann ich den Generalmajor durch diese Antwort, und er sagte: »Sein Sie ganz ruhig! Ich bin vollständig von Ihrer Unschuld überzeugt. Knudsen muß sich getäuscht haben.« -- Von diesem Augenblicke an konnte Waltersdorff mich gut leiden. Knudsen und ich sprachen gar nicht über die Sache, und später wurden wir, wie gesagt, gute Freunde.«

* * * * *

[Sidenote: Der Schauspieler Foersom.]

Zu der Zeit war Foersom, ein tüchtiger Student und Predigerssohn von Jütland, auch Schauspieler geworden. Wir gingen täglich mit einander um; er wohnte in einem, dem Einsturze nahen Hause auf Christianshafen, wo ich ihn oft besuchte; aber ich glaube, daß er daselbst frei wohnte; denn der Wirth, ein junger Handwerksmeister, hatte große Vorliebe für die dramatische Kunst im Allgemeinen und für Foersom im Besonderen. Man sagte im Scherz, daß dieser mit dem Regenschirm Nachts im Bette läge, wenn es regnete, so viel ist gewiß, daß das Haus kaum noch zusammenhalten konnte, und ich kletterte selten die Treppe hinauf, ohne die erste Zeile eines alten Psalmes zu summen: »David's morsche Hütte wankt auf ihren letzten Pfeilern.« Uebrigens dachte ich nicht weiter daran, als nur um darüber zu scherzen. In jenen Jahren ist das Herz nicht empfänglich für Sorgen. Ich lag sogar oft halbe Tage dort knieend auf dem Fußboden und malte Coulissen, die wir zu unserm Privattheater gebrauchen wollten. Mein Maler-Atelier befand sich in einem eigenthümlichen Hinterzimmer, wo die Decke gestützt war, und herabgefallene Steine in allen Winkeln lagen.

* * * * *

[Sidenote: Laurits Kruse.]

Durch Foersom machte ich mit Laurits =Kruse= Bekanntschaft. Er gab damals ein Wochenblatt heraus, welches er »Almeenläsning« (Unterhaltungsblatt für Jedermann) nannte, und dessen Inhalt größtentheils aus Uebersetzungen bestand, doch enthielt es auch originale Arbeiten und Gedichte. Ich hatte eine solche Schreiblust, daß ich fast das ganze Blatt für ihn schrieb, ohne meinen Namen zu nennen und ohne Etwas dafür zu verlangen, nur um meinen Trieb zu befriedigen. Ich schrieb damals auch mehrere Dramen in der Iffland'schen und Kotzebue'schen Manier, ohne aber doch Etwas drucken zu lassen; Alles nur zur eigenen Unterhaltung. Freilich mußten meine Freunde herhalten; und wenn ich -- wie Tode sagt -- meine Muse gepeinigt hatte, so plagte ich meinen Freund, indem ich ihm schlechte Nachahmungen mittelmäßiger Originale vorlas. Kruse hatte ein Stück geschrieben: »=Die Emigranten=«, das zur Aufführung angenommen war. Das gab ihm ein gewisses Uebergewicht mir gegenüber, und ich glaubte nicht, daß mir jemals ein solches Glück zu Theil werden könne. Er neckte mich, weil ich so viel und so rasch schrieb, nannte meine Fabrik die Wassermühle, und wenn wir uns sahen, fragte er stets: ob die Wassermühle wieder gemahlen hätte? Im Ganzen genommen hatte mein Wesen damals noch einen starken Anstrich vom Kindlichen, ja beinahe vom Kindischen. Es amüsirte mich gar nicht, den Liebhaber auf dem Theater zu spielen; damals kannte ich die Liebe noch nicht recht, und als ich sie kannte, schien es mir unmöglich, das zu spielen, was so vollkommen Ernst und von so schüchterner verschämter Natur war, daß ich meinte, die Liebe könne eben so wenig ihr Incognito verlassen, ohne vernichtet zu werden, wie die Flügel des Schmetterlings ihre schönen Farben bewahren können, wenn eine rauhe Hand sie berührt hat.

* * * * *

Auch für Trinkgelage hatte ich nicht besonders Sinn; ein kleiner traulicher Kreis war mir viel lieber. Einmal war ich mit Foersom und Kruse an einem Ort, wo tüchtig getrunken werden sollte. Die Punschbowle wurde dampfend auf den Tisch gesetzt, duftete sehr einladend, und Foersom begann -- meiner Ansicht nach zu begeistert -- die Vortrefflichkeit des Punsches zu loben. Ohne ein Wort zu sagen warf ich mein Taschentuch in die Punschbowle. Foersom sagte: Das ist knabenhaft! -- Ich nahm das ganz reine Tuch, welches leicht obenauf schwamm, wieder aus der Bowle, zeigte es den Anderen und sagte: ich hätte es nur gethan, um Foersom zu erschrecken, der Punsch habe keinen Schaden gelitten. Darauf verbeugte ich mich und ging meines Wegs.

* * * * *

[Sidenote: Bernstorff und Suhm.]

Zwei große Männer starben damals kurz nach einander: Bernstorff und Suhm. Eine große Volksmenge geleitete sie zum Grabe, und ich sang bei der Trauerfeierlichkeit. Von Bernstorff's Verdiensten verstand ich noch nichts, denn die Politik interessirte mich nur wenig; die französische Schreckensperiode fiel in meine Kindheit, so daß ich nicht von einer Schwärmerei erhitzt wurde, welche viele tüchtige Köpfe aus ihrem natürlichen Gleichgewicht brachte. Zwar hörte ich oft meinen Vater und seine Freunde von den blutigen Begebenheiten in Paris sprechen und die Zeitungen lesen, das klang aber für mich so fremd, als ob es dem Sultan und den Janitscharen in Constantinopel gelte.

Suhm kannte ich dagegen gut, obgleich ich ihn nie gesehen hatte. Die ersten Theile seiner Geschichte Dänemarks, sein Buch von Odin hatte ich wiederholt gelesen. Seine Todtenfeier wurde in Dreyer's Club abgehalten. Als das Concert vorüber war, wurden Erfrischungen umhergereicht. Kaum hatte ich ein Glas Punsch in die Hand genommen, als mir ein freundlicher Mann entgegen kam. Ich erkannte gleich Rahbek, denn ich hatte ihn einige Jahre vorher eine Rede in der Schule halten hören; sein witziger geistreicher Zuschauer war meine wöchentliche, seine Minerva meine monatliche Lectüre; seine Lieder und Erzählungen hatten mich oft erfreut; ich wußte, daß er einen großen Einfluß auf den Geschmack und die öffentliche Meinung besaß. -- Rahbek also kam lächelnd auf mich zu und fragte: »Ist das nicht Oehlenschläger?« Und als ich diese Frage bejaht hatte, sagte er: »Nun, dann wollen wir Brüderschaft trinken!« -- Ich der achtzehnjährige Jüngling mit den »verborgenen Talenten« -- erstaunte sehr über diese Ehre, und ließ beinahe das Glas fallen, als er mitten in dem großen Kreise Ernst damit machte. --

Später hörte ich, daß es seine Gewohnheit war, gleich mit den Leuten Brüderschaft zu trinken, die er gut leiden konnte, um einen vertraulichen Ton hervorzurufen, den er gern mochte, da er kein Freund von Komplimenten war. Sein Name, seine Jahre, sein Geist und seine Kenntnisse hielten die jungen Männer doch in einer ungezwungenen Ehrerbietung.

* * * * *

[Sidenote: Sommertheater.]

Zu jener Zeit hatten Foersom, Laurits Kruse, ich und einige Andere den Plan gefaßt, ein Privattheater für die Sommermonate zu miethen, und daselbst zu spielen; denn obgleich ich sehr bald des öffentlichen Spielens müde wurde, so mochte ich es im Privatkreise doch noch immer sehr gern. Ich hatte schon einen dramatischen Prolog geschrieben, mit dem diese Uebungen beginnen sollten. Ich besitze ihn noch. =Heros= und =Davus= sind auf der Probe und repetiren ihre Rollen. Heros soll über die Kälte seiner Geliebten erbittert sein, er beschließt auch, kalt zu erscheinen.

=Heros.=

Nein! lachen soll sie nun nicht länger meiner Schmerzen, Vergessen will ich sie und ihren bittern Hohn. Ja! Ihr Gedächtniß soll verschwinden aus dem Herzen, Das sei für ihren Trug der wohlverdiente Lohn. Die Brust, die einst geglüht, soll gleich dem Schnee erstarren. Vergebens wünscht sie dann, sie würde wieder heiß; Vergebens weinst Du dann, vergebens ist Dein Harren; Dann bin ich eisig ganz! -- (Wirft sich auf einen Stuhl und trocknet die Stirn.) Mein Gott, mich quält der Schweiß.

=Davus.=

Das ist natürlich auch. Im Sommer spielen wollen, Ist ganz unmöglich ja. Das liegt doch auf der Hand. Der blöde Einfall kommt gewiß von einem Tollen! -- Im Winter hab' ich nicht unmäßig viel Verstand; Doch wenn der Sommer naht, hat er mich ganz verlassen Und alle Sinne dann verschwinden in der Gluth, Ja kaum Gedanken kann mein armes Hirn dann fassen, So plagt die Hitze mich, und dringt mir in das Blut. Und ohne den Verstand kann man doch nicht agiren, Nein, zum Komödienspiel braucht man womöglich zwei. Vor Qualm und Tollheit noch gewiß wir hier crepiren. Gott gebe, =die= Saison wär' glücklich erst vorbei. =Ich=, der ich lachen soll, ich muß vor Hitze weinen; Du, der so eisig ist, vor lauter Gluth Du thaust, Genug, nach alle Dem will mir's doch wahrlich scheinen, Verdruß und Noth Du triffst, wohin Du immer schaust. &c.

Dieser Verdruß und diese Noth, die ich im Prolog voraussah, haben uns bei näherem Nachdenken wahrscheinlich von weiteren Schritten abgeschreckt, denn es wurde nichts aus dem Ganzen.

* * * * *

[Sidenote: Häusliche Verhältnisse.]

Aber es ist Zeit, daß ich Etwas von meinen häuslichen Verhältnissen erzähle, die einen so großen Einfluß auf mein Leben und auf das der Meinigen ausübten.

Als ich die Studien verließ, um mich der Kunst hinzugeben, versprach mein Vater, mich jährlich mit hundert Reichsthaler zu unterstützen, bis ich seiner Hülfe nicht mehr bedürfen würde. In meinem damaligen Alter und meinen Verhältnissen mir dies Geld selbst geben, wäre dasselbe gewesen, als es in den Brunnen werfen und mich im höchsten Grade unglücklich machen; als guter Vater bemühte er sich also, mich für diese Summe in Kost und Logis zu geben, ebensowie damals, wo ich die Schule in Kopenhagen besuchte; denn er betrachtete mich noch als ein Kind, was ich in meinem achtzehnten Jahre auch wirklich vollständig war.

[Sidenote: Die Pension.]

Das Glück war mir stets günstig, wenn ich mich auf diese Weise einquartieren sollte; ich hatte es sehr gut bei Gosch, bei Laasbye, ich war nicht minder wohl aufgehoben bei Madame Möller; und zehn Jahr später in Paris war Madame Gauthier eine Mutter gegen mich. Bei Frau Stael-Holstein aber in Coppet lebte ich wie Adam im Paradies.

Mein Vater hatte sich an einen alten Bekannten gewandt, um eine passende Stelle für mich zu finden; dieser brave Mann, den ich selbst nur den Namen nach, und weil wir uns grüßten, kannte, war Herr =Hvalsöe=, der als Junge von meiner Wiege weggelaufen war, vor Schreck, daß ich keine Arme hatte. Er sprach mit der Färberwitwe, Madame Möller, und diese nahm mich gegen die sehr billigen Bedingungen bei sich auf. Ich hatte ein hübsches Zimmer, das mein Vater möblirte, und bekam Alles so gut, wie die Familie. Daß sie bei diesem Contract nicht Seide spann, versteht sich von selbst; aber es lag ihr auch nichts an Seide; sie und ihre Schwester Benedicte gingen in selbstgewebten Zeugen gekleidet, aber sie war eine reiche Frau. Die Bauern kamen haufenweise und ließen ihre wollenen Stoffe blau, grün, hochroth und violett färben, und die Schürzen der Bäuerinnen druckte sie auf dunklem Grunde voll mit weißen Blumen. Sie war von munterm, naivem Charakter und mochte sehr gern junge Leute um sich haben, um sich ihrer mütterlich anzunehmen. Daran fehlte es denn auch nicht. Das Parterrelocal ihres Hauses bestand aus einem Zimmer nach der Straße, in das die Bauern häufig kamen, aus einem tiefen Zimmer nach dem Hofe zu, in dem wir jungen Leute mit ihr, ihrer Schwester und den Gesellen aßen. Im Anfange stutzte ich freilich etwas darüber, daß diese mit dunkelblauen Händen bei Tische saßen, aber ich gewöhnte mich sehr bald daran, wie an die grünen Gräten eines gekochten Hornfisches. Der Werkführer war ein ächter Troels in Holberg's Wochenstube oder Henrik im Kannegießer, nur mit dem Unterschiede, das er nicht witzig war; aber er war lustig, naiv, durchtrieben und mochte gern mit der Madame scherzen, sie auf alte Weise »Mutter« und »Ihr« nennen, was sie nicht leiden wollte, wenn Fremde zugegen waren, weil sie fürchtete, daß es mißverstanden werden könne. --

Da sie selbst aus Slagelse war, so hatte sie eine Vorliebe für die Slagelsener, und hatte eine Art Stipendium in dem vordersten Zimmer für zwei Studenten aus Slagelse errichtet; die dort immer freien Tisch, obgleich nicht immer freie Arme hatten, wenn nämlich allzu große Haufen farbelustiger Bauern mit ihrem Zeug hereinstürmten. Unter diesen stillen ehrbaren jungen Leuten, welche eilig aßen und dann wieder gingen, ohne ein Wort zu sagen, war auch ein gewisser Herr Rosenkilde. Ich hatte nichts weniger geglaubt, als daß er als Schauspieler mir dreißig, vierzig Jahre später das Zwergfell so sehr erschüttern würde. -- Das war die Marschallstafel, wir Anderen, die wir zum echten Blute der Familie gehörten oder zu ihr gezählt wurden, aßen an der eigentlichen Familientafel in den inneren Gemächern. Madame Möller stand der Färberei vor, ihre Schwester hatte das Küchendepartement übernommen, und die Köchin bereitete die Speisen unter ihrer -- Aufsicht -- kann man gerade nicht sagen; denn diese übrigens herzensgute alte Jungfer hatte unglücklicher Weise die Schlafsucht; was dazu beitrug, daß die Speisen, übrigens reichlich eingekauft, zuweilen mißglückten. Ich habe sie in Tante Ursula, in den »Inseln im Südmeere« geschildert. Sie stand wirklich am Heerde mit hellblauem Filzhut, den sie schräg über eine große Tour gesetzt hatte, und in so vielen steifen Unterröcken, daß ich glaube, sie konnte ohne Füße, ebenso wie die bekannten Nürnberger Puppen, aufrecht stehen; dies ist ihr übrigens oft zu Nutzen gekommen und hat sie von dem Lebendigverbranntwerden, wie die indischen Frauen gerettet, welcher Tod um so trauriger gewesen sein würde, da sie niemals verheirathet war.

Ein Krämer, der nicht weit von Madame Möller wohnte, besuchte uns oft. Er trug eine gepuderte Zopfperrücke, hatte einen dicken Leib und etwas, wie soll ich es nennen, nobel Elephantisches in seinen Bewegungen. Er sprach nur kurz, aber oft, dann stets im Lapidarstyl, und lagen auch nicht viel gute Gedanken darin, so hatte er doch selbst um so bessere Gedanken davon. Ich mußte oft an Ludwig XIV. oder wenigstens an Ludwig XV. denken, wenn ich ihn mit der Würde ankommen sah, die über seinem ganzen Wesen ausgebreitet lag. Er hatte das eigenthümlichste Talent, jeden Augenblick etwas Einfältiges auf eine pikante und imponirende Weise zu sagen.

Einen kleinen, dummen, spitznasigen Schulmeister hatte das Schicksal neben ihn als scharfen Gegensatz zu seiner behaglichen Rundung gestellt. Alles, worin sie sich glichen, waren ihre Geistesgaben und die Perücken. Aber der Krämer war ein Herr »vom Leder,« wie man es in den deutschen Bergwerken nennt, der Andere »von der Feder.« Jener konnte mit gutem Profit Waaren verkaufen, Dieser lebte durch sein Latein und sprach von grammatikalischen Fehlern, wie von Handlungen, durch die man sich für ewig prostituiren könne.

Ein fremder Färber, der Madame Möller besuchte, vereinigte Gelehrsamkeit mit dem Handwerk; er hörte Kratzenstein's Vorlesungen über die Experimentalphysik. Am ersten Abend, wo ich mit ihm zusammen war, wollte er mir seine Fertigkeit im Latein zeigen, und da die Rede davon war, das Licht mitten auf den Speisetisch zu setzen, sagte er: »Wir wollen es in _centrum gravitatis_ setzen,« hob es dann auf und ließ etwas Docht auf die Decke fallen.

[Sidenote: Eine erfreuliche Bekanntschaft.]

Einer unserer eigenen Färbergesellen sah sehr weich und wehmüthig aus; er betete immer sehr lange, wenn man zu und von Tische ging, mit gefalteten dunkelblauen Händen. Er war ein Verwandter des sel. Etatsrath Prof. Börge Risbrigh, der ihn zu Madame Möller in die Lehre gebracht, »weil er« -- sagte er -- »keinen Kopf zum Studiren hat.« Hierüber wurde Madame Möller, die ihr Geschäft nicht allein als Handwerk, sondern auch als Kunst hochachtete, etwas verletzt, und bemerkte, daß auch Kopf dazu gehöre, Färber zu werden, welches Risbrigh als guter Philosoph nach genauer Ueberlegung durchaus nicht bestreiten konnte, so daß er Mühe hatte, sich gut heraus zu ziehen. Später lud er den Verwandten ein Mal auf folgende Weise zu sich: »Du kannst den ersten Osterfeiertag zu mir kommen und bei mir essen; wenn Du gegessen hast, eine Tasse Kaffee trinken, und dann kannst Du Deiner Wege gehen.«

[Sidenote: Die Gebrüder Oersted.]

Dies waren also die wichtigsten Planeten in unserm Sonnensysteme. Oft kam noch eine kleine Ceres, Pallas oder Juno, die dem Ganzen entsprach; denn es wimmelte von Tanten und Cousinen. Ich wende mich nun zu den Kometen, die zwar dem Mittelpunkte sehr nahe kamen, aber nur um dann in kühnen Ellipsen in weite Fernen zu eilen. Unter diesen -- zu denen ich selbst mich zu rechnen wage -- war einer, der vor Kurzem seinen langen hellen Schweif, -- ich meine seinen langen, blonden Zopf -- verloren hatte, der ihm den Rücken entlang hing; es war dies der Brudersohn der Madame Möller, ein junger Langeländer, der vor nicht langer Zeit Student geworden war. Sein um ein Jahr älterer Bruder hatte dunkles Haar, ebenso wie ich, doch nicht ganz so schwarz; -- ob er eben so schönes Haar hatte, wie der Blonde, davon meldet die Geschichte Nichts.

Diese beiden Brüder kamen mir gleich am ersten Tage freundlich entgegen, wir schütteten unsere Herzen vor einander aus und theilten uns unsere Gedanken und Ansichten mit. Ich war ganz entzückt darüber, so viel Weisheit in einem Färberladen bei so jungen Leuten zu finden. Wie sie hießen hörte ich auch, vergaß es aber gleich wieder, da es mir immer schwer wurde, fremde Namen zu behalten. Ich schrieb daher in mein Tagebuch am nächsten Morgen: »Ich habe gestern Abend die Bekanntschaft der jungen Herren (hier war ein offener Raum, um die Namen auszufüllen, wenn ich sie wieder hörte) gemacht. Es sind ein paar vortreffliche Menschen; ich bin überzeugt, daß wir die besten Freunde werden.« -- Am nächsten Tage bei Tisch sah ich sie wieder und es war mir auffallend, daß der Blonde fast einen ganzen Eßlöffel Salz in seine Suppe warf. Ich fragte nun meinen Nachbar flüsternd, wie denn der junge Student eigentlich heiße, und die Antwort war: =Anders Sandöe Oersted=. Der Bruder, der mit dunklem Haare, hieß =Hans Christian Oersted=. -- Nun vergaß ich sie nicht wieder. Ich wußte, daß es zu Holberg's Zeiten einen Schauspieler gleichen Namens gegeben, der ihr Großonkel gewesen war; und daher kam es vielleicht, daß Madame Möller kein Vorurtheil gegen die Schauspielkunst hatte; ich danke es vielleicht den Manen des sel. Oersted, daß ich in das Haus seiner Nichte gekommen und so früh ein Freund seiner Nachkommen geworden bin.

Es währte nicht lange, bis wir vertraute Freunde wurden und ich richtete folgendes Gedicht an sie:

Freundschaft, schönste du der Himmelsgaben, Ach, den Glücklichsten erscheinst du kaum. Oftmals träumt' ich, einen Freund zu haben, Doch er schwand, zugleich mit meinem Traum.

Eigennutz, ein flüchtiges Empfinden, Laune -- wurden Freundschaft oft genannt, Und da sie die Herzen nie verbinden, Löste bald sich das geknüpfte Band.

Zweifel schon erfüllt' mich, daß hienieden Uns bescheert sei diese Seligkeit, Hier, wo uns so wenig Lust beschieden, Wo uns trifft so vieles herbe Leid.

Doch da fand ich Euch. Kein Zweifel kränkte Nun mein Herz. An Eurer warmen Brust Fühlt' den Trost ich, den der Himmel schenkte Uns, den armen Sterblichen, zur Lust.

O Ihr Edlen! Laßt mich immer fühlen Diesen Trost, der meinen Geist durchdringt. Lasset bösen Neid das Band nie kühlen, Das uns warm, und fest und treu umschlingt.

Reine Freuden wollen wir genießen In des Lebens heitrer Frühlingszeit; Thränen wollen wir vereint vergießen, Thürmt in Wolken sich das trübe Leid.

Und als Männer laßt uns einig streben, Laßt uns wirken mit verschiedner That. Einigkeit wird Kraft und Stärke geben, Freundschaft leiten uns mit weisem Rath.

Froh dann, an des Grabes dunkeln Stufen Steigen wir hinab, sobald es Zeit, Wenn des Todes Engel uns gerufen, Lächelnd, zu der ew'gen Seligkeit.

Man sieht aus dem Tone, der in diesem Gedichte herrscht, daß ich nicht zufrieden war. Aber Viel Schuld trägt auch der damalige herrschende Geschmack in der Poesie, der elegisch war und ein gewisses sentimentales Wimmern über seinen Zustand forderte. Hierin war besonders Rahbek uns mit einem übeln Beispiele vorangegangen. In einer Elegie, die er in seinem siebzehnten Jahre geschrieben haben soll, beweint er die gute, alte, entschwundene Zeit und die nie mehr wiederkehrenden Freuden.

* * * * *

Die Gebrüder Oersted lebten übrigens sehr einsam. Den ersten Winter, wo ich sie kennen lernte, gingen sie in langen Mänteln, die ihnen wie Schlafröcke, fast bis an die Knöchel reichten. Arm in Arm klammerten sie sich fest und hielten sich an einander, so daß sie beinahe einem zusammengewachsenen Zwillingspaare glichen. Aber vor allen Mitstudirenden strahlten sie wie Dioscuren, selbst ältere Gelehrte merkten bald, was in ihnen lebte. Die Früchte ihres Geistes und ihres Fleißes zeigten sich in Preisabhandlungen und gewonnenen Goldmedaillen.

Nun besuchte ich sie oft in Ehler's Collegium -- und wie verschieden war diese Umgebung von meiner früheren. Das war nicht mehr das lustige Friedrichsberg, die lustige Schule, das lustige Theater, die lustige Mittags- und Abendgesellschaft bei Madame Möller. Wie in einer dunkeln Mönchszelle saßen Oersteds hier stumm und studirten! -- Hier wurde es mir erst klar was es eigentlich hieße: mit Anstrengung, ernstlich, aus Liebe zur Wissenschaft zu arbeiten. Da ergriff mich ein tiefes, wehmüthiges Gefühl! Ich hatte die innere starke Empfindung, daß auch ich zu einem echten Musensohn geschaffen sei, und nun trieb ich mich umher und wurde Nichts! Rosing war zwar überzeugt, daß ich es als Schauspieler weit bringen könne, aber die meisten Anderen nicht; ich fand keine Aufmunterung, es kam mir keiner meiner Vorgesetzten freundlich entgegen. Und außerdem -- wenn auch Alles glückt -- war ich bereits dieses Lebens, dieser Kunst müde, die von so vielem Fremdartigen abhängig ist. Meiner Natur war es Bedürfniß, sich in höherem Schwunge auszudrücken, in selbstbewußter Ahnung der Fähigkeiten, die noch nicht entwickelt waren, weßhalb meine Bekannten mich auch zum Spott den »Mann mit den verborgenen Talenten« nannten.

[Sidenote: Wiedererwachende Lust zum Studiren.]

Aber was sollte ich anfangen? Mit dem Studiren glaubte ich, sei es zu spät. Ich verbarg meine Verzweiflung im eignen Busen, nicht einmal meinen Freunden Oersted vertraute ich den Kummer an. Hans Christian war Bibliothekar im Collegium, das eine schöne, große Büchersammlung in dem großen Saale gerade gegenüber dem Auditorium hatte, -- wo ich zehn Jahre später als Professor meine Vorlesungen begann und sie sechsundzwanzig Jahre fortsetzte. In dieser Bibliothek stand ich einmal einsam da und stellte traurige Betrachtungen an. Ich starrte auf die vielen Bände, besonders auf die alten Folianten, wie auf Schätze, die mir ewig verschlossen waren. Die Thränen strömten über meine Wangen herab. In diesem Zustande fand mich der ältere Hans Christian, tröstete mich und versicherte mir, daß es durchaus noch nicht zu spät zum Studiren sei, wenn ich es wolle. Er brachte mich zu seinem Bruder, der gleicher Ansicht war. Wir wurden darüber einig, daß ich etwas mehr Latein lernen und das lateinische juridische Vorbereitungsexamen ablegen solle; dann wollte Anders Repetitorien mit mir halten, und wenn ich dann das Examen gemacht hätte, sollte ich eine Probe als Advokat ablegen und vor die Schranken des höchsten Gerichts treten. Das war nun herrlich! Indessen beschloß ich doch mit dem Abschiede vom Theater zu zögern, bis die Saison vorüber war. Aber als ich einmal neben anderm Verdruß in Strafe genommen wurde, weil ich mich in einer kleinen Rolle mit einem Worte versprochen hatte -- wurde ich ärgerlich und dachte, es ist am Besten, das Ding gleich abzumachen, worauf ich am nächsten Tage der Direction schrieb:

»Gründe haben mich bewogen, das Theater zu verlassen. Die erste und letzte Freundlichkeit, die mir die Direction beweist, wird darin bestehen, mir je eher je lieber meinen Abschied zu geben.«

[Sidenote: Abschied vom Theater.]

Es währte noch eine Zeitlang, ehe ich loskam. Vermuthlich hielt man meinen Brief für eine Uebereilung, die mir bei kälterem Blute leidthun würde. Baggesen kam eines Tages auf dem Theater ganz freundlich zu mir und sagte, daß mein Brief ihm aus zwei Gründen auffallend gewesen sei: erstens habe er seit langer Zeit nicht eine so schöne Handschrift gesehen, zweitens sei ihm noch kein Brief an die Direction, in diesem Ton geschrieben, vorgekommen. Ich antwortete ihm: daß Alles einmal zum ersten Male geschehen müsse, und daß die Direction mich selbst zu diesem Tone gestimmt habe.

Da der erste Brief Nichts half, schrieb ich einen zweiten, in welchem der Ton noch schroffer war, und nun bekam ich meinen Abschied. -- Als ich zum letzten Male mit Steffen Heger auf dem Theater stand, sagte er: »Nun sollst Du Deinen Fuß nicht eher, denn als Director hieher setzen!« -- Das wurde ich nun freilich nicht; indessen setzte ich meinen Fuß erst zehn Jahre darauf, bei der Probe von Axel und Valborg dorthin, nachdem man zwei Jahre zuvor Hakon Jarl und Palnatoke gespielt hatte.

* * * * *

[Sidenote: Das Examen.]

Nun begann ich in meinem neunzehnten Jahre wieder fleißig zu studiren, d. h. Latein zu lesen und zu schreiben; denn von dem Uebrigen, das ich zum Vorbereitungsexamen, eine Verschmelzung des _examen artium_ und _philosophicum_, gebrauchte, konnte ich bis auf das Griechische fast Alles. -- Doch mußte ich noch Risbrigh's Logik und Gamborg's Thelemathologie lernen. Jene langweilte mich und ich konnte nicht begreifen, warum man, um gesund und ordentlich zu denken, die Gedanken in ein so steifes Schnürleib spannen müsse. Indessen war der alte Risbrigh ein gelehrter, geistreicher Mann, und ich zweifle nicht, daß der Fehler in meiner Jugend und in meinem Temperamente lag. Das Einzige, dessen ich mich aus seiner Logik noch entsinnen kann, und das ich nie vergesse, ist der folgende, sehr richtige Gedanke, den jeder Richter und namentlich jeder Kunstrichter stets vor Augen haben sollte:

»Um nicht ein falsches Urtheil zu fällen, muß man zuweilen sein _judicium_ suspendiren.«

»=Rath=«:

»Um nicht immer sein _Judicium_ zu suspendiren, muß man sich _primo_ einen Vorrath von Kenntnissen, _secundo_ Klarheit in selbigen erwerben.«

Ich hörte keine Vorlesungen bei den Professoren, bezahlte ihnen auch Nichts, und doch ging es recht gut mit meinem Examen; nur erhielt ich keine öffentliche Auszeichnung, was ich doch gehofft hatte, da ich mehr anzugeben vermochte, als nothwendig war.

[Sidenote: Professor Sander.]

Kurz darauf erneuerte ich die Bekanntschaft des Verfassers von Niels Ebbesen, des Secretairs, späteren Professors Sander. In der Schule »für die Nachwelt« hatte er mich ein halbes Jahr lang Deutsch gelehrt, und immer von der Tugend gesprochen, so daß ich ihn für den größten Tugendhelden hielt. Ich las ihm ungefähr die Hälfte des ersten Buches der Aeneide in einer mittelmäßigen Hexameterübersetzung vor, und er lobte meinen Fleiß. Sander war ein kleiner, kränklicher Mann, tüchtiger Kopf, durch die Lectüre der besten deutschen Werke gebildet. Er war Lehrer in einem Erziehungsinstitute mit Basedow gewesen und hatte mehrere deutsche Romane geschrieben, die wenig bekannt waren. Nach Dänemark war er als Hauslehrer der Kinder des Grafen Reventlow gekommen und nun bei der Straßenbaucommission angestellt. Er hatte gute Fortschritte in der dänischen Sprache gemacht und schrieb plötzlich den Niels Ebbesen. Dieses Trauerspiel machte großes Glück und Sander wurde gleich von Vielen als einer der größten Dichter Dänemarks angesehen. Was Wunder, wenn das den kränklichen Mann ganz wirr im Kopf machte: und muß man es ihm nicht verzeihen, wenn er später einen Schüler mit bitterm Haß verfolgte, weil er glaubte, daß dieser ihn mit Unrecht verdunkele? --

So lange ich Sander meine dramatischen Versuche vorlegte und ihn geduldig das Eine nach dem Andern cassiren ließ, hörte er mich mit freundlicher Aufmerksamkeit an, und hatte die beste Hoffnung für mich. Aber als ich selbständig werden wollte, war's mit der Freundschaft aus. --

Zu seinem Lobe muß ich übrigens sagen, daß er im Anfange ganz richtige Bemerkungen machte, als ich ihm meine ersten unreifen Jugendproducte vorlas. Ich verdanke ihm auch meine erste Bekanntschaft mit Göthe. In meinem neunzehnten Jahre hatte ich -- unbegreiflich genug -- noch Nichts von diesem großen Dichter gelesen. Man hatte ihn mir immer als einen überspannten Schwärmer genannt, der Leute dazu verführte, sich eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Die Uebersetzung von Werther's Leiden war früher hier zu Land verboten gewesen und das Verbot nicht zurückgenommen worden. Ich glaubte lange Zeit, daß Göthe ein unmoralischer Schriftsteller sei, dessen Werke junge Leute nicht lesen dürften. Auch Sander sprach von ihm mit einer Art Grauen, wie von einem Manne mit wilden stolzen Leidenschaften, der sein schönes Genie gemißbraucht habe. Doch könne man ihm Genie nicht absprechen; im Gegentheile müsse man gestehen, daß er eine ungewöhnliche Portion davon besitze. Sander lieh mir einige von Göthe's Werken mit väterlicher Ermahnung und Vorsicht, als ob es Pulver und Blei, oder giftige Medicamente seien, die eben so leicht schaden, wie nützen könnten; und mit großer Neugier nahm ich Werther's Leiden und Götz von Berlichingen mit nach Hause. --

[Sidenote: Eindrücke von Schiller.]

Schiller's erste Werke hatte ich bereits gelesen. Ich entsinne mich deutlich, daß die Räuber einen tiefen Eindruck auf mich machten, besonders Karl Moor's liebenswürdige Schwärmerei und edler Tiefsinn mitten im Kreise der herrlich geschilderten Verbrecher; wo die schönen Reste der verführten Ehrlichkeit des derben Schweizers einen so interessanten Gegensatz zur Schurkerei des niederträchtigen Spiegelberg bilden. In dem letztern glaubte ich einige Aehnlichkeit mit einem alten Jugendbekannten, dem französischen Cartouche, zu finden. Roller's Abenteuer, wie er vom Galgen mit dem Stricke um den Hals herbeirannte, spannte mich ganz besonders; Karl's unglückliche Liebe rührte mich; und in der letzten Scene, wo er hingeht und sich selbst der Gerechtigkeit überliefert, war ich mit ihm versöhnt und fühlte ein inniges Mitleiden mit dem Unglücklichen.

Von dem Eindrucke, den Fiesco und Kabale und Liebe damals auf mich machten, kann ich mir keine klare Rechenschaft geben. In Fiesco habe ich gewiß ein lebendiges Bild von Italiens Ueppigkeit und Leidenschaft gesehen; in Kabale und Liebe glaubte ich meinen alten Bekannten, Iffland, mit dem Cothurne statt der gewöhnlichen Socken zu erblicken. Don Carlos las ich mit großer Ehrerbietung. Ich liebte den Marquis Posa, weil er liebenswürdig war; das Unhistorische in seinem Wesen bemerkte ich damals noch nicht. Das herrliche Portrait Philipps II. machte mich schaudern; ich erstarrte zu Eis, indem ich seine kleinliche Größe betrachtete. Wie lieb mir Schiller's Geisterseher war, entsinne ich mich noch ganz deutlich. Ich fühlte tief das Wunderbare darin, das nicht in dem Uebernatürlichen besteht (denn dies, ahnt man gleich, ist Betrug), sondern in der Schilderung des geistigen Zustandes, in welchem, wie Lessing sagt: »das Samenkorn zu dem Glauben an das Uebernatürliche liegt.« Das interessante Buch bereitete mir Tantalusqualen, weil es nur ein Fragment war. Ich sah noch nicht ein, daß es nie etwas Anderes sein konnte, und daß die Dissonanz nie aufgelöst werden durfte, wenn das Geheimniß hier -- wie in der großen Natur -- ein Geheimniß bleiben sollte!

[Sidenote: Götz von Berlichingen.]

Nun las ich Götz von Berlichingen mit demselben Genusse, mit dem ich in der Kindheit meine Lieblingsbücher gelesen hatte. Das heißt, ich merkte gar nicht, daß ich las, daß es Poesie war. Es war die Begebenheit selbst, die ich erlebte. Ich war nach Deutschland in die Zeiten des Faustrechts hingezaubert, und genoß den herrlichen Anblick eines Ritters, der das treueste, edelste Herz, den liebevollsten Character zeigt, ohne sich doch ganz von den Vorurtheilen und übeln Gewohnheiten seiner Zeit loszureißen, deren Opfer er wird. Aber gerade dies macht ihn in hohem Grade poetisch. Ich folgte Göthe's Geist, wie der treue Knabe Georg seinem Herrn in der Schlacht. Ich kroch in den großen Dichterharnisch; und obgleich ich ihn noch nicht ausfüllen konnte, tröstete ich mich mit Götzens Worten: »Die künftigen Zeiten brauchen auch Männer.« -- Ich erquickte mit Götz den armen Mönch, besuchte den Bischof von Bamberg und trank noch besser, als seine Gesellschaft; denn sie bekam nur guten Rheinwein, aber ich trank den herrlichsten Dichterwein. Ich hörte Liebetraut mit der Leier tändeln, während Göthe die Harfe mit tiefem Ernst schlug. Ich verliebte mich in die schöne, stolze, sinnliche Adelheid, ebenso wie Franz; beklagte aber, daß er nicht, wie ich, Götzens Georg zum Freunde hatte, denn dieser würde ihm gewiß von jenem Schurkenstreiche abgerathen haben. Ich bewunderte den vornehmen, feinen, wankenden Ultra-Weißlingen; ich haßte ihn; aber als der Tod seine kalte Stirn küßte, war ich mit ihm versöhnt und es freute mich, daß Maria ihn noch einmal in seiner Todesstunde besucht hatte. Bei Götz auf der Burg war ich zu Hause, wie bei meinen Aeltern auf dem Friedrichsberger Schloß. Es freute mich, daß es dort nicht vornehmer herging, daß der Ritter so patriarchalisch und idyllisch, wie Abraham, zwischen seinen Dienern saß. Die letzte Flasche, der letzte Tropfen und »es lebe die Freiheit!« füllten meine Augen mit Thränen und meine junge Brust mit großen Ahnungen. Ich habe bereits erzählt, daß ich zuweilen den Bleideckern auf das Dach folgte, und so war es mir ein Leichtes, Georg bei dem Herunterholen der Dachrinnen zu helfen. Freilich hielt ichs mit den Bürgern. Aber Bürgerdummheit war mir ebenso zuwider, wie Adelsdummheit; und es entzückte mich, als Götz mit der Eisenhand die drohenden Philister von Zahnschmerzen, Kopfschmerzen und allen anderen Uebeln curiren wollte. Wie gern streifte ich im Walde mit den Zigeunern umher! ihr wildes Wesen hatte bei alle Dem doch etwas Tröstliches. Bei ihnen ging es doch ordentlicher zu, als in dem heiligen römischen Reiche zu Götzens Zeiten. Mitten in dem Taumel und unter den vielfältigen Verbrechen, erscholl die Stimme des heimlichen Gerichtes, wie der Posaunenton des jüngsten Tages; da hörte ich wieder Vogler's Orgel. Und in dem kleinen Klostergarten sah ich die unsterbliche Seele des sterbenden Helden sich gleich einem schönen Vogel durch die Bäume in die Wolken schwingen.

Und dieses Meisterstück -- dieses Product des herrlichen Dichtergeistes, hörte ich später herabwürdigen, weil es keinen Zusammenhang habe! O ihr Thoren! ihr zusammenhängenden Menschen! Ihr werdet niemals klug, lernt es niemals, den Kern der Schale vorzuziehen. Wie kalten Chinesen imponirt euch nur die äußere Form. Ein zusammenhängendes Schaffot, auf dem ein tragischer Verbrecher hingerichtet wird, kann jeder poetische Tischler euch zusammenleimen; -- aber solch einen Straßburger Münster bauen -- --!

[Sidenote: Werther's Leiden.]

Werther's Leiden erfreuten mich ebenso sehr, wie Götz von Berlichingen, und so verschieden auch diese Werke sind, fand ich in beiden doch eine gewisse Gleichheit. Dort eine schöne Darstellung politischer Verwirrung, wo ein edler Geist mitten in den wildesten Thaten wirkt und endlich den Verhältnissen unterliegt; hier eine ebenso schöne Darstellung von der Verwirrung der Seele, wo ein edles Gefühl sich mitten in den wilden Leidenschaften äußert und zuletzt gleichfalls an den Verhältnissen zu Grunde geht. Das Buch bewegte mich sehr, betrübte mich aber nicht; denn es schilderte ja nur, wie alle guten tragischen Werke, das =Schöne im Unglück=. Für diese herrlichen Gefühle, Naturanschauungen, großen Ideen, Begeisterungen, für diese meisterlich geschilderten Geistesverwirrungen war Werther's Unglück eben so nothwendig, wie das Wasser es ist, um ein Mühlrad zu drehen; wie die sonnenverhüllenden Wolken, um das schöne Farbenspiel der Morgen- und der Abendröthe hervorzubringen.

Ich fühle wohl, daß, indem ich diese und ähnliche Gedanken ausspreche, sich die Gefühle des Jünglings mit dem reifern Urtheile des Mannes verbinden. Wie wäre es auch anders möglich? Und deßhalb hat Göthe wohl auch seine Lebenserinnerungen »Wahrheit und Dichtung« genannt. Er will nämlich nicht gerade sagen, daß man etwas Wahres und etwas Erfundenes in seiner Lebensbeschreibung findet, sondern: daß jede Lebenserinnerung, die durch die Kunst zusammengedrängt, von dem Störenden befreit, und mit späteren, reiferen Ansichten vermischt ist, zu einer Dichtung wird und gerade dadurch erst an echter Wahrheit gewinnt.

Ich bin mir bewußt, daß ich nie als Mann einen Gedanken gehabt habe, der nicht bereits als Kind bei mir ein schlummernder Traum war, undeutlich, wie das Blatt in der Knospe, ehe sie sich entfaltet. Und noch jetzt kann ich, wie als Kind, als Jüngling, genießen; mich an allen schönen Einzelnheiten erfreuen und mich so in eine Vorstellung hineinträumen, daß ich für eine Zeitlang Kunst und Reflexion ganz vergesse. Wer das nicht kann, hat durch seine Bildung seine philosophische Erkenntniß nur verloren und Nichts gewonnen. Denn wir sollen von dem Baume der Erkenntniß genießen, ohne aus dem Paradiese gejagt zu werden; wir sollen, wenn wir wollen, wieder zum Baume des Lebens zurückkehren können, sonst hat unser Hochmuth gesündigt und wir erkennen zuletzt nicht einmal mehr unsere eigene Nacktheit.

Die aus unzähligen Blumen herausgepreßte ästhetische Rosenessenz ist stark und riecht gut, oft -- fast zu gut -- nach Rosen! Aber die kräftigste Essenz ist doch nicht mehr die Rose; und wer (den Destillateur ausgenommen) zöge nicht die einfache, poetische, lebendige Rose, wenn sie wieder blüht, die zwar nicht so stark, aber süßer und himmlischer duftet, vor.

O wie gern, Werther, kehre ich zu Deinen ländlichen Schwärmereien zurück! Wenn Du mit den kleinen Kindern sprichst, im hohen Grase liegst, und Pfänderspiele mit der holden Lotte spielst, während Dein Schicksal draußen donnert und droht. Tag für Tag lebe ich mehr mit Dir und ergehe mich mit Dir in Betrachtungen über Natur und Liebe und sehe den schönen Frühling schwinden, den warmen harmonischen Sommer sich in einen bleichen Herbst verwandeln, in dem der Ossian stürmt und sich als blasser Mond in Trauerwolken zeigt; bis der weiße Schnee Deinen kleinen Grabhügel bedeckt. Ach, Dein Unglück war nicht groß! Du schlummertest im süßen Rausch der Liebe hin, in welchem der Mensch den Egoismus so ganz vergißt, daß selbst die sonst so fürchterlichen Schrecken des Todes verschwinden. Aber Lotte beklage ich mehr, die den langen freudenlosen Weg mit dem kalten Albert gehen mußte, den sie nicht liebte, und wo nur die Pflichten gleich blätterlosen Bäumen ohne Schatten am Wege stehen.

Kalte Menschen klagen darüber, daß Werther's Leiden einige schwärmerische Jünglinge zum Selbstmorde verführt haben. Und darum sollte Göthe sein Buch nicht geschrieben haben? Dann dürfte man auch keinen Brunnen graben, weil unvorsichtige Kinder zuweilen hineinfallen und ertrinken. In Werther's Leiden ist, wie in jedem echten Dichterwerk, eine wahre Lebensquelle, und wie viele geistig Durstige haben sich nicht an dieser schönen Quelle gelabt? Wollte doch die Geschmacklosigkeit bedenken, wie viele langsame Selbstmorde der gemeine Egoismus, der kleinliche Eigennutz, die vorsichtig feige List verursachten! Sie verhalten sich zu den Selbstmorden einer überspannten Begeisterung, wie tausend zu eins! -- Denn daß auch mit gefühlvoller Begeisterung coquettirt werden kann, daß kindische Affectation und Narrheit zuweilen einen oder den andern Gelbschnabel dahin brachten, Werther im Tode nachzuahmen, ohne doch nur das Geringste seines Geistes und seiner Kraft im Leben besessen zu haben, ist gewiß. Ich nehme auch nicht den Selbstmord unter irgend einer Form in Schutz; er bleibt immer eine Schwäche, eine Sünde. Meine Ansicht ist nur, daß Werther liebenswürdig, edel und rührend selbst als Sünder ist; und daß viele Sünder, ohne seine Liebenswürdigkeit, seinen Seelenadel und Verstand, mit viel gröberen Sünden, ihn in ihrer eingebildeten Weisheit thöricht tadeln.

* * * * *

Daß übrigens junge Leute mit poetischem Sinn allerdings in Gefahr gerathen können, indem sie mit solchen Gefühlen zu leicht =spielen=, ist ebenso gewiß. Ich habe selbst ein Beispiel davon erlebt. Zugleich mit mir las einer meiner Bekannten den Werther. Wir fanden es Beide sehr schön, daß Werther sich todt schoß, wir waren darüber einig, daß wir an seiner Stelle ebenso gehandelt haben würden. Einige Zeit darauf kam er finster und bewegt zu mir hinauf, nahm eine Pistole, Pulver und Kugel aus der Tasche und erzählte mir, daß er nun auf den Assistenzkirchhof ginge und sich eine Kugel durch den Kopf schieße, da er sich verliebt habe und seine Geliebte ihn nicht wieder liebe; dies würde er nun zwar ertragen haben, aber daß sie ihn verachte, das könne er nicht überleben. Mir blieb der Verstand stehen. »Bist Du toll?« rief ich, »das wird nie geschehen.« -- »»Willst =Du= mich daran verhindern?«« fragte er erstaunt. »»Das hätte ich nie geglaubt. Ich glaubte gerade bei Dir Unterstützung zu finden, und deßhalb bist Du der einzige Mensch, dem ich's anvertraue, und von dem ich Abschied nehme, da ich doch ein Herz haben muß, vor dem ich mich ausschütten kann.«« Ich machte ihm alle möglichen Vorstellungen, um ihn von dem Verrückten in seinem Unternehmen zu überzeugen. »Werther«, sagte ich, »schoß sich gerade todt, weil Lotte ihn liebte und ihn nicht bekommen konnte. Wie kann man sich tödten, weil man von einem Mädchen verachtet wird? Wie die Liebe Gegenliebe weckt, muß ja unverdiente Verachtung wieder Verachtung in einer hohen Seele wecken.« -- Es half Alles nichts; er wollte sich erschießen, weil sie ihn verachtete. Nun nahm ich die Pistole, steckte sie in die Tasche und sagte: »Wenn Du ein ehrlicher Kerl bist, so gehst Du nicht, bis ich wiederkomme, darauf wirst Du mir Dein Ehrenwort geben.« Das gab er. -- »Es muß ein Mißverständniß sein«, sagte ich. »Nun werde ich gleich zu dem Mädchen hinlaufen und Dir ihre Achtung holen.« Damit ging ich. Ich kannte sie gar nicht, ließ mich melden, und bat, einen Augenblick allein mit ihr sprechen zu dürfen. Sie stutzte, bat mich aber, ihr in ein anderes Zimmer zu folgen. Hier nahm ich die Pistole aus der Tasche, hielt sie ihr hin und sagte, indem ich mich tief verbeugte: »Mit dieser Pistole wollte mein Freund sich eben erschießen, weil er glaubt, daß Sie ihn verachten.« Sie sank auf einen Stuhl, war einer Ohnmacht nahe, und wenn in diesem Augenblick Jemand ins Zimmer gekommen wäre, und hätte die Dame halb todt hingesunken und einen fremden Menschen mit einer Pistole in der Hand gesehen, so hätten sie mich vermuthlich als einen Mörder gefaßt. Glücklicherweise kam Niemand, sie kam wieder zur Besinnung, dankte mir auf das Verbindlichste und versicherte, daß sie die größte Achtung vor meinem Freunde habe, obgleich sie gestand, daß sie ihn nicht lieben könne. »Ja, das ist schon gut«, sagte ich, »mehr verlangt er nicht.« Ich verbeugte mich, eilte nach Hause, und brachte dem Unglücklichen die Achtung seiner Schönen; er athmete wieder leicht, beschloß zu leben und lebte noch viele Jahre. -- Es waren Narrheiten! wird man sagen. Ganz richtig! Die Jugend begeht, wie das Alter, viele Narrheiten. Aber wo findet man die Grenzlinie zwischen Ernst und Tand in dem menschlichen Herzen, und wie oft hat nicht eine flüchtige Thorheit den Menschen das Leben gekostet. Es ist doch sehr möglich, daß ich das Leben des guten Freundes rettete. Er versicherte mir später oft selbst, daß es sein Ernst gewesen sei; und er war ein junger Mann von Character.

[Sidenote: Tod meiner Mutter.]

Wie ich kurz darauf selbst verliebt wurde, aber glücklicher, als mein Freund, werde ich bald erzählen. Zuerst aber traf eine traurige Begebenheit ein, nämlich meiner geliebten Mutter Tod.

* * * * *

Meine Mutter hatte einen seltenen Verstand, ein starkes Gefühl, das sich in ihrem Krankheitszustande doch etwas der Schwärmerei näherte. In ihren letzten Jahren suchte sie meistentheils Trost in der Religion, las viel in Schmolke's Andachtsbuch, in Gellert's und den alten deutschen Psalmen. Besonders war »Jesus, meine Zuversicht« ihr Lieblingspsalm. Auch las sie fleißig Predigten, wenn sie nicht in die Kirche gehen konnte. Sie hatte sich stets bemüht, die Herzen ihrer Kinder frühzeitig für fromme Gefühle zu stimmen. Wir setzten in unserer Kindheit am Weihnachtsabend große Zinnteller auf den Tisch im Staatszimmer und gingen in die andere Stube, wo wir das Evangelium lasen und Weihnachtspsalmen sangen. Indessen hörten wir den Engel drinnen im verschlossenen Zimmer die Teller mit Nüssen, Aepfeln und Confect füllen. Mehrere Jahre glaubten wir wirklich, daß ein schön geflügelter Engel vom Himmel herabkam und uns die Gaben brachte. Eines Weihnachtsabends spielte ich vorher mit meiner Schwester auf dem Hofe; der Himmel war mit Wolken bedeckt, nur ein kleiner klarer Fleck war von der blauen Luft zu sehen. »Siehst Du«, sagte ich, »da ist das Loch! da kommt er gewiß durch.«

Während nun vierschrötige, lustige Holsteiner, die mit Grützwaaren und Käse nach Kopenhagen segelten, meinen Vater besuchten und mit ihm von ihrer Jugend schwatzten: suchten in der letzten Zeit, als meine Mutter schwächer geworden war, einige fromme Handwerksmeister von den sogenannten Heiligen, sie für ihre Secte zu gewinnen. Sie brachten Gebetbücher mit, und ich hörte sie viel von »des Lammes Blut« sprechen. In den Gebetbüchern waren auch Kupferstiche, mit Lämmern darauf, welche Siegesfahnen hielten. Nach einigen vergebens angestellten Versuchen zogen die Frommen sich doch zurück und sollen gesagt haben: Bei der Frau wäre vielleicht noch einige Hoffnung gewesen, aber mit dem Manne sei kein Auskommen. Sie kränkelte nun mehr und mehr und näherte sich dem Grabe. Sie hatte stets innigen Antheil an meinem Schicksale genommen, hatte mir nicht nur das Leben geschenkt, sondern es mir auch durch mütterliche Pflege in einigen Kinderkrankheiten gerettet. Meine Mutter liebte mich innig und ich glich ihr sehr. Das Gefühl der Wehmuth und einen tiefen Ernst bekam ich von ihr, von meinem Vater Gesundheit und Munterkeit. Einbildungskraft und Feuer hatten sie Beide, er mehr für das Lustige; das Tragische erbte ich von meiner Mutter. Und doch sollte sie keine Früchte meiner Muse sehen und sich darüber freuen! Kein Lorbeerblatt sollte ich ihr bringen und es mit ihr theilen; nur auf ihr Grab konnte ich es legen. Und wie groß wäre ihre Freude gewesen, wenn sie nur eine Ahnung davon gehabt hätte, daß ihr Sohn etwas mehr, als das ganz Gewöhnliche werden würde. -- Aber die hatte sie doch! Ich theilte ihr meine ersten kleinen Jugendversuche mit, und diese erfreuten sie.

An dem Abend, wo ich zum ersten Male auf der Bühne auftrat, war mein Vater im Theater gewesen, meine Mutter und Schwester waren aber zu Hause geblieben. In dem kalten, dunkeln Winterabend, gerade in dem Augenblicke, wo das Stück anfangen sollte, wurde meine Mutter so unruhig, daß sie es nicht länger im Zimmer aushalten konnte; sie ging in den Bogengang hinaus, weinte und betete für mich zu Gott. Hier traf sie die Frau des Wächters, die ihre Gefühle mißverstand. »Ach, Madame«, sagte sie, »weinen Sie doch nicht, er kann sich ja noch bekehren.«

Von dieser Bekehrung, welche die gute Wächtersfrau prophezeihte, war meine Mutter doch noch Zeuge gewesen; und obgleich sie Nichts gegen mein erstes Vornehmen gehabt hatte, so freute mein veränderter Lebensplan sie doch nichts destoweniger, weil sie fühlte, daß mein schüchternes, empfindliches Wesen der Freiheit und Ruhe bedürfe, wenn es sich recht entwickeln solle.

Ich sah sie also hinsinken, nachdem sie einen zärtlichen Abschied von uns Allen genommen hatte. Ich sah ihre Augen, die den meinigen so sehr glichen, erlöschen und brechen. Die Hände, die mich so oft gehegt und gepflegt hatten, griffen unstet nach dem Bettzeug, und die kalten Fingerspitzen berührten einander in dem gewöhnlichen Todesspiele. Und so schlummerte sie ein; mein Vater drückte ihr die Augen zu, und Gellert's Psalmen, die sie im Leben so begeistert gesungen hatte, legte er auf ihre Brust. Nun ruht sie auf dem Friedrichsberger Kirchhof, wohin mein Vater und meine Schwester ihr folgten, wo Camma Rahbek ruht, und wo auch ich einmal zu ruhen wünsche.

* * * * *

[Sidenote: Christiane Heger.]

Gleich nach dem Tode meiner Mutter machte ich auf dem Hügelhause die Bekanntschaft der Schwester der Frau Rahbek, einer Tochter des Justizraths, späteren Etats- und Conferenzraths Heger; =Christiane Georgine Elisabeth Heger=: ein sehr hübsches Mädchen von siebzehn Jahren, gesund und kräftig, mit großen, blauen Augen, schneeweißer Haut, Rosenwangen und mit einer Haarfülle, wie ich ihres Gleichen nie gesehen habe; denn wenn sie die langen blonden Haare herabfallen ließ, so konnte sie sich ganz darin einhüllen. Als ich sie zum ersten Male sah, band sie einen Kranz von Kornblumen, ich habe den Kranz aufbewahrt, und einige der abgefallenen Blätter blieben lange Zeit blau. Jetzt sind auch sie gebleicht. Sie ist nicht mehr! --

Wie gern ich also zu Rahbek's »Hügelhause« ging, begreift man leicht. Nach einem schönen Spaziergange traf ich dort einen launigen Dichter, eine lustige, witzige Freundin, eine seltne Gastfreundschaft und ein schönes Mädchen, die sehr ruhig bei ihrer Handarbeit saß, in deren Augen ich aber doch, wenn sie von der Arbeit aufblickte, eine gewisse Aufmerksamkeit für mich zu lesen glaubte.

Nun ging es ganz vortrefflich mit lustigen Erzählungen und Gesprächen den ganzen Abend. Frau Rahbek hatte eine eigne Art, sich Freunde und Anhänger zu erwerben: sie neckte sie unaufhörlich, lauschte ihnen ihre Eigenheiten und kleinen Schwächen ab, hatte sie auf die liebenswürdigste Art von der Welt zum Besten, machte mit unendlichem Witz ihre Persönlichkeiten nach (denn sie hatte, wie alle Hegers, das Talent, die Stimme und Bewegung anderer Menschen höchst treffend nachzuahmen), und gab ihnen Spitznamen, und Keiner, der zu ihr kam, wurde von ihr bei seinem rechten christlichen Namen genannt. Mich nannte sie den =Adagiospieler=, weil ich einem Adagiospieler gleichen sollte, den sie gekannt hatte; ihre Schwester nannte sie =Atair=, weil Christiane einmal diesen Stern genannt hatte, und weil Camma (eine Zusammenziehung von Karen-Margaretha) fand, das sei zu viel Astronomie für ein so junges Mädchen. Rahbek, der etwas diogenisch in seinen Manieren war, mußte sich als liebes Kind darein finden, viele Namen zu haben. Meine Schwester nannte sie =Oder so was=, weil Sophie, wenn sie sprach, diese Worte oft wiederholte. Mein Vater hieß =Pole=, weil er mit seiner weichen, raschen Zunge größtentheils Polekum, statt Publikum sagte.

Auch Freunde wurden von dieser Anabaptistin umgetauft; und dann konnte es zuweilen wohl nach Verdienst treffen, daß die Satyre etwas geißelte. Uebrigens wußte sie stets mit Grazie und Feinheit, Achtung und Schonung mit ihrem Uebermuthe zu vereinigen; so daß sich Jeder sogar einen solchen Beinamen von ihr wünschte.

Da nun alle diese Benennungen eine historische oder allegorische Bedeutung hatten, so bildete sich nach und nach unter uns auf dem Hügelhause eine Art Mythologie, in die man eingeweiht sein mußte, um die Kunstwerke solcher Laune und Munterkeit zu genießen, zu der wir Anderen auch unser Schärflein beitrugen. Ein Fremder hätte nicht ein Wort von unseren täglichen Scherzen verstanden.

[Sidenote: Meine Verlobung.]

Begleitete ich nun nach einem solchen muntern Abende Christianen im schönen Mondscheine oder in einer sternenklaren Nacht nach Hause, so verstummte plötzlich die Munterkeit; ich wurde stumm, verlegen und ernst, und sie gleichfalls. Größtentheils gingen wir Arm in Arm in unseren eigenen Gedanken. Endlich gab die Liebe mir Muth, nachdem sie ihn mir so lange geraubt hatte; ich stammelte eine Liebeserklärung hervor; sie verstand meine Aphorismen ganz gut, und obgleich sie mir nicht sofort entgegenkam, ließ sie mich doch ohne Verzweiflung nach Hause gehen.

[Sidenote: Mein Schwiegervater.]

Bald erlaubte sie mir, mit ihrem Vater darüber zu sprechen. Das war ein merkwürdiger Mann. Er war Witwer und bewohnte die unterste Etage seines eigenen Hauses. Vor dem Bombardement war er sehr wohlhabend. Er hatte eine Brauerei von seinem Vater geerbt; und obgleich er Assessor im Hof- und Stadtgericht war, konnte er doch mit Leichtigkeit die Brauerei verwalten, da er ein entschiedenes Talent für alle mechanischen Arbeiten und Künste besaß. Er stand sich gut und übte deßhalb viele Dinge nur zu seinem Vergnügen, und obgleich er es nicht in Allem zur Meisterschaft brachte, so kam er doch in vielen Dingen außerordentlich weit.

Er hatte sein schönes, großes Haus nach eignem Plane gebaut und außerdem die Zeichnung zu einem andern sehr hübschen Grundstücke gemacht. Er war ein guter Schmied, ein guter Tischler und Drechsler. Auch auf die Gärtnerei hatte er sich gelegt, und wetteiferte mit seinem Freunde Käsemacher, dem Gärtner des botanischen Gartens, wer die frühesten und besten Erdbeeren bekam. Er zeichnete hübsch und beschäftigte einige junge Maler in seinem Hause mit Decorationsmalereien. Auch Thorwaldsen brachte einige Jahre hindurch die Abende bei ihm zu, und zeichnete Bilder mit Bleistift für Karen Margaretha und Christiane, die noch klein war. Der Kapellmeister Schultz war Heger's Freund gewesen; von ihm hatte er Etwas von der Composition gelernt; er las fleißig in Kirnberger, componirte hübsche Melodieen und spielte sie auf dem Fortepiano, das er selbst verbessert hatte. Es konnte ihn amüsiren, ganze Stunden lang zu phantasiren, und wir Anderen hörten ihm gern zu. Er hatte sich fleißig auf die Optik gelegt; schliff Gläser zu großen Fernröhren, machte die Papparbeit dazu selbst, und schrieb ein kleines Buch in französischer Sprache über die Optik zu seinem eigenen Gebrauch. In Papparbeiten war er ein Meister, der in der ganzen Stadt nicht seines Gleichen fand; er machte die schönsten Kasten, außerordentlich dauerhaft mit hübschen, selbstgemalten Landschaften verziert und mit einem unvergänglichen Lackfirniß überzogen. Er war sehr freigebig mit diesen Arbeiten, schenkte deren an alle seine Freunde, und seine Tochter Karen Margaretha lernte von ihm die Kunst und die Freigebigkeit. Er war auch einmal ein eifriger Feuerwerker gewesen und machte Raketen, welche die gewöhnlichen um Vieles übertrafen. Aber als er eines Abends das Unglück hatte, daß eine Rakete, die er von einem Boote aus in die Luft ließ, in eine Scheune fiel, ohne doch weiter Schaden zu verursachen, verlor er die Lust zur Feuerwerkerei. Er liebte die italienische Sprache und erzählte gern von der Zeit, wo =Sarti= Kapellmeister gewesen war, und wo =Alsani= und andere Virtuosen italienische Opern auf dem Hoftheater aufgeführt hatten.

Zu diesem seltnen Manne kam ich nun schüchtern und bange; ich sagte ihm Alles rein heraus, daß ich seine Tochter liebe, daß ich hoffe, wieder geliebt zu sein, daß ich Advokat werden wolle, und daß Oersted mir versprochen habe, mich in zwei Jahren so weit zu bringen. Höflich und ruhig hörte er meinen Wunsch, klingelte, ließ seine Tochter rufen, sagte ihr mit wenigen Worten, wovon die Rede sei, legte unsere Hände in einander, und fing darauf gleich an, von anderen Dingen zu reden, womit er mir einen großen Dienst erwies; und mit einem solchen Manne konnte man gewiß über Vieles sprechen.

[Sidenote: Mein Schwager.]

Christiane's Bruder Karl war stiller, milder, aber auch witzig und satyrisch. Er ließ es bei den dramatischen Privatübungen bewenden, und studirte Theologie; aber so gewissenhaft, daß er niemals fertig werden konnte, obgleich er mehreren Candidaten half, die die beste Censur bekamen. Die theologischen Professoren baten ihn, doch endlich zur Prüfung zu gehen, da sie ihn nichts mehr lehren könnten, und versicherten ihm, er könne überzeugt sein, daß er gut bestehen würde; denn sie kannten ihn von den Examinatorien her. Es half Nichts! Der selige Bischof Münter, damals Professor, besuchte Rahbek, bei dem Karl Heger wohnte, einmal deßhalb, um diesen zu überreden; aber er verbarg sich vor dem Professor im Garten hinter den Bäumen, gleich Adam nach dem Sündenfalle vor unserm Herrgott; obgleich er nicht gesündigt hatte, sondern im Gegentheile für seine Tugenden gelobt werden sollte.

Dieser »kunstliebende Klosterbruder«, mein treuer, vieljähriger Freund, fand später als Bibliothekar bei Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Christian Frederik einen Platz, der sich am Besten für seine stille literarische Neigung und für seine bescheidne, contemplative Natur eignete.

* * * * *

[Sidenote: Preisfrage.]

Ich studirte nun ziemlich fleißig Jura, doch konnte ich es nicht unterlassen, kleine Streifereien in das Gebiet der schönen Literatur zu machen. Im Jahre 1800 wurde an der Universität die Preisfrage in der Aesthetik aufgestellt: »Wäre es nützlich für die schöne Literatur des Nordens, wenn die alte nordische Mythologie eingeführt und statt der griechischen allgemein angenommen würde?« Das war Wasser auf meine Mühle; ich hatte mich viel mit der alten nordischen Literatur und mit der nordischen Götterlehre beschäftigt. Oersteds fanden auch, daß es hübsch sein würde, wenn ich eine akademische Preismedaille gewönne; und nun sattelte ich wieder mein Steckenpferd und schrieb eine Abhandlung, in der ich den Charakter der nordischen Götterlehre und ihre noch unbenutzten Schönheiten im besten Lichte darzustellen suchte.

Es wurden außer der meinigen noch zwei Abhandlungen eingeliefert, die eine von =Stoud Platou=, späterm Professor in Christiania, die andere von =Jens Möller=, der als Professor der Theologie in Kopenhagen starb. Stoud Platou führte die Sache der griechischen Mythologie. Das Urtheil des Professors Jakob Baden, das in dem Universitätsjournale abgedruckt wurde, lautete also:

»Ueber die ausgesetzte Preisfrage sind drei Abhandlungen eingegangen, welche alle sich durch Fleiß in der Untersuchung, durch Eifer und Wärme für die schöne Literatur im Allgemeinen, wie für die nordische ins Besondere, durch gründliche Einsicht in die Bedürfnisse dieser Literatur und Kenntniß der besten Schriften im mythologischen Fach, endlich durch einen klaren Vortrag und einen leichten und angenehmen Styl empfehlen. So viel Freude diese Gleichheit in den Verdiensten mir als Leser verursachte, so muß ich doch bekennen, daß sie mir die Lust als Richter benommen hat, irgend ein entscheidendes Urtheil über eins der eingereichten Stücke zu fällen, um so mehr, als ich nicht allein ein Urtheil fällen soll. Ich lasse es daher dabei bewenden, meine private Meinung zu sagen, die ich auf keine Weise für maßgebend und inapellabel betrachtet wissen will, da sie nur die Ansicht eines privaten Mannes ist.« Darauf erkannte er Stoud Platou's Abhandlung, als der ausführlichsten und -- nach seiner Ansicht -- wahrsten, den Preis zu. Doch erklärte er selbst den Theil der Abhandlung, der ungeachtet der Vorliebe des Verfassers für die griechische Mythologie, die geschmackvolle Anwendung der nordischen Mythologie bespricht und billigt, für das Beste und Wichtigste; und den ersten Theil, in dem der Verfasser von uns abweicht, tadelt er als zu weitläufig und die aufgegebene Frage zum großen Theile unberührend. Ueber meine Abhandlung mit dem Motto:

_Nil intentatum nostri liquere poetae, Nec minimum meruere decus, vestigia graeca Ausi deserere, et celebrare domestica facta._

sagt Baden: sie ist weniger weitläufig, scheint aber mehr die Frage Berührendes zu enthalten; ein Theil der Preisschrift ist mit Neuheit und Interesse ausgeführt, und würde den Verfasser, meiner Ansicht nach, würdig machen, den Preis mit dem Ersten zu theilen, wenn derselbe sich theilen ließe. Aber da der Preis nicht wohl der erstern Abhandlung vorenthalten werden kann, so verdient diese doch das erste Accessit. -- Das zweite Accessit kann meiner Ansicht nach der dritten Preisabhandlung nicht verweigert werden. Auch dieser Verfasser zeichnet sich durch eine wohldurchdachte Vertheidigung der nordischen Mythologie aus.

Später bekam Professor Kjerulf den Auftrag, in Verbindung mit Baden zu urtheilen und er unterschrieb dessen Ausspruch.

All' das war nun recht gut; aber ich kam doch um die schöne Goldmedaille, die ich so gern meinem Vater nach Hause gebracht hätte, der sich noch mehr darüber gefreut haben würde als ich. -- Ich ahnte damals nicht, daß diese Abhandlung mir mit der Zeit bessere Früchte, als eine Medaille tragen würde. Ihr hatte ich es ohne Zweifel zu danken, daß ich nach meiner Reise ins Ausland als Professor der Aesthetik bei der Universität angestellt wurde, da ich durch die Abhandlung, die einer Prämie würdig erklärt worden war, als akademischer Bürger das Recht erhalten hatte, ein Amt zu suchen, von dem mich sonst vielleicht die Form ausgeschlossen haben würde.

* * * * *

[Sidenote: Baggesen's Abreise.]

Baggesen wollte abreisen, um, wie man glaubte, für immer fortzubleiben. Ich hatte oft mit großer Freude seine »komischen Erzählungen,« seine »Jugendarbeiten,« sein »Labyrinth« gelesen. Die wunderbare Mischung von Witz und Gefühl, von Begeisterung und Spott, von Vielseitigkeit und stark hervortretender Persönlichkeit bei ihm hatte etwas Aehnlichkeit mit Jean Paul, obgleich ich in Baggesen's graciösen Witzen bald das Herz und die Geistestiefe jenes unsterblichen Dichters vermißte. Aber dann konnte Baggesen wieder diese allerliebsten, leicht fließenden Verse schreiben! Daß er als ein armer Junge so Viel in der lateinischen Schule in Slagelse hatte ausstehen müssen, rührte mich auch. Trotz Armuth und Krankheit war er stets lustig geblieben; nur die Sehnsucht der Liebe konnte ihn wehmüthig und niedergeschlagen machen.

Eine ritterliche Achtung, ja Anbetung für das schöne Geschlecht, eine starke Begeisterung für das Hohe in der Natur zeichnete ihn vor anderen humoristischen Dichtern aus. Daß er nicht den gesunden Verstand eines Holberg's und eines Wessel's hatte; daß er wohl brillanter in seiner Satyre, aber weniger wahrheitsliebend und billig war, daß seine Begeisterung sich oft in einem Schwulst verlor, konnte ich noch nicht recht bemerken. Ich liebte diesen Proteus:

Erstlich ward er ein Leu mit fürchterlich wallender Mähne, Drauf ein Pardel, ein bläulicher Drach' und ein zürnender Eber, Floß dann als Wasser dahin und rauscht' als Baum in den Wolken.

ich wollte ihn gern fassen und ihn einmal in der Nähe betrachten, ehe er sich ins Wasser verlor, und vielleicht für ewig unser Eiland verließ. Auf dem Theater hatte ich ihn freilich oft als administrirenden Director in seinem großen gelben Ueberwurf umhergehen sehen. Aber da lief er umher, wie auf dem Deck in Meeresnoth ein Schiffer, der selbst das Steuern nicht versteht und den Nächstkommandirenden schalten und walten läßt. Dort war er mir auch zu vornehm; der Abstand zwischen uns war zu groß, und ich mochte mich ihm nicht nähern, aus Furcht, daß er zu stolz sein würde.

Alles, dessen ich mich von seiner Administrationszeit erinnere, ist, daß mein Auge oft auf dem Fleck in seinem Ueberwurf ruhte, der mit einem Pletteisen eingebrannt war. Auch entsinne ich mich deutlich, wie eine Schauspielerin ohne viel Talent, aber stets häuslich mit Nähnadel und Zwirn in der Tasche versehen, ihn eines Abends im Foyer aufhielt, um ihm einen Riß zuzunähen, der eine allzuweite Fortsetzung des Schlitzes an seinem Mantel bildete; unter dieser Operation verhielt er sich sehr höflich, aber auch etwas passiv. --

Nun wollte er fort und uns vielleicht auf ewig verlassen! Er hatte gesagt, daß er in der Zukunft nicht mehr dänisch schreiben wolle. Dies Alles betrübte uns, seine jungen Bewunderer. Wir hatten den allzufrühen, nationalen Tod eines schönen Geistes zu beklagen.

In diesem Gefühle faßten Hans Christian Oersted und ich den Entschluß, ein Fest in Dreyer's Klub, dessen Mitglied ich geworden war, zu veranstalten. Wir ließen eine Einladung umhergehen, und, obgleich Baggesen schon damals viele ausgezeichnete Männer gegen sich hatte, welche gerade heraus sagten, daß er es nicht verdiene, so setzten wir es doch durch. Er wurde zu einer Abendgesellschaft eingeladen, bei welcher Gelegenheit ich folgendes Gedicht an ihn verfaßt hatte, das die Gesellschaft für ihn begeisterte:

Der mit Geistes Waffen schweigen machte Dummheit, der die Lüge kühn bezwang, Der ins Auge frohes Lächeln brachte, Aus dem eben noch die Thräne drang; Der Gefühl und Wärme hat gegossen In die Brust uns, wo sein Bild jetzt weilt, Sei von unserm Bruderarm umschlossen, Eh' von Dänemark er nun enteilt.

Darum hörst Du, seltner Dichter, klingen Unsre Stimme, die im Chor sich hebt, Darum, edler Dichter, wir Dir bringen Was für Dich in unserm Herzen lebt. Schwach ist unsre Stimme! Gleich der Deinen Steigt sie nicht zum Pindus hoch empor, Voller Wehmuth nun wir uns vereinen, Rufen Lebewohl Dir zu im Chor.

Habe Dank für jedes Deiner Lieder, Das bei frohem Mahle hier erklang! Oft wohl singen wir sie freudig wieder, Denken stets des Dichters beim Gesang. Wenn die Stimmen dann sich laut erheben, Wenn sie tönen an dem dän'schen Strand, Möge ahnend dann Dein Herz erbeben, Wenn Du denkst ans theure Vaterland.

Willst Du jetzt auch in die Ferne ziehen, Kehrst Du doch, wir hoffen's, einst zurück. Sahst ja hier die ersten Tage fliehen, Hier verlebtest Du der Jugend Glück. Nirgends blühen ja die Rosen reicher, Nirgends sind die Dornen ja so klein, Nirgends, nirgends ist das Lager weicher, Als, wo unsre Wiege stand, allein.

Aber mußt Du =Sein= Gebot erfüllen, Giebt das Schicksal Dir ein fernes Grab, Soll die fremde Erde Dich umhüllen -- Blick' von =dort= auf Dän'mark dann herab! Jedes Auge wird die Thräne feuchten, Jede Lippe flüstert weh und bang: Möge Freud' für jede Freud' Dir leuchten, Die den Dänen schenkte Dein Gesang.

Ein Exemplar dieses Gedichts, das er während des Absingens in der Hand gehalten hatte, gab er mir von Thränen durchnäßt zurück, indem er mich umarmte, mich küßte und mir seine »dänische Lyra« vermachte, die er nun nicht mehr zu schlagen gedachte. -- Einige Tage darauf reiste er fort und ich übernahm die Korrektur des ersten Theils seiner Werke, die er bei Brummer herausgab.

So machte ich die Bekanntschaft des Mannes, der einige Zeit darauf eifrig meine Freundschaft suchte und später, ohne Grund, mein bitterster Feind wurde.

* * * * *

War es nun Apollo mit seinen neun Musen oder Bragi bei der Harfe und Idun mit ihren Aepfeln der Verjüngung, die mich immer, wenn ich recht fleißig Jura studiren wollte, störten? -- Ich weiß es nicht. Aber gestört wurde ich; und war es nicht geradezu von ihnen, so riefen sie bald Venus oder Freia, bald Mars oder Thor zu Hülfe; ja wir werden sehen, wie sogar Mimer oder Minerva sich hinterlistig gegen meine Jurisprudenz verbinden.

[Sidenote: Der zweite April 1801.]

Der zweite April 1801 erschien, an welchem Tage eine große englische Flotte von unserm Dutzend Blockschiffen hart mitgenommen wurde, die nach der Schlacht Wracks waren, wie vorher. Nelson, der Schreck der europäischen Seemächte, wurde in diesem Kampfe durch einen kleinen Haufen dänischer Seeoffiziere überstrahlt. Es ist Wahrheit, es ist ein Factum! Darum achtete Napoleon die dänischen Seeleute hoch und hat von dieser Schlacht stets mit ehrender Bewunderung gesprochen.

Das Gefühl der alten Heldenehre zur See hatte sich ganz der Nation, und besonders der Hauptstadt bemeistert. Alle kleinlichen Laster der Zeit: Mißgunst, Geiz, Hochmuth, Eitelkeit, Verleumdung, hatten sich gleich feigen Verbrechern im Dunkeln verborgen. Dagegen traten überall Brudersinn, Wohlwollen, gegenseitige Hülfe und Beistand hervor. Fremde Menschen, die sich nie früher gesehn hatten, drückten einander begeistert die Hand, wenn sie sich auf der Straße begegneten. Eine unbeschreibliche Munterkeit verbreitete sich über die ganze Stadt. Der alte Matrosenwitz schien sich allen Einwohnern mitgetheilt zu haben, und es regneten Einfälle und Spöttereien über die Engländer.

Bei dieser Gelegenheit wurden, ehe der Feind sich dem Sunde näherte, mehrere Freicorps errichtet; auch die Studenten vereinigten sich, und bildeten unter dem Commando des berühmten Physikers, Oberhofmarschalls Hauch, zwei Bataillone.

Man wußte nicht, ob die Engländer die Stadt bombardiren würden. Die Studenten erhielten die ehrenvolle aber gefährliche Aufgabe das Zündrohr aus den hereingeworfenen Bomben zu ziehen, ehe sie sprangen. Wir lachten, verstanden die Gefahr nicht, und ließen das Schicksal walten. Bald bemerkten wir, daß die englischen Bomben uns nicht erreichen konnten, weil die Blockschiffe einen breiten Wall rund um Kopenhagen bildeten.

Ich stand mit mehreren Bekannten auf dem Altan der Seecadetten-Akademie, und blickte auf die Schlacht, welche nicht weit entfernt, gerade vor unseren Augen gekämpft wurde. Wenn zehn Mal von den englischen Schiffen geschossen wurde, so hörten wir es nur ein Mal von den Blockschiffen donnern. Oft flog eine glühende Kugel von der Quintusbatterie empor. Wir sahen jeden Augenblick englische Kugeln in den Wellen zischen, oder sich matt in den Sand der Küste bohren. Ueber unsere Häupter flogen die Bomben, gleich Raketen dahin, und sprangen in der Luft; nur sehr wenige erreichten das Land. Wir waren Alle in der gespanntesten Erwartung.

Um 4 Uhr war die Schlacht vorüber, und Nelson sandte einen Parlamentair ans Land, der einen Waffenstillstand vorschlagen sollte. Wir waren Alle froh, und gingen nach Hause, um unsern Gründonnerstags-Kohl zu essen. Unten auf dem Platze standen eine Menge bewaffneter Bürger. Ein kleiner jovialer Mann, mit der Kokarde am runden Hut, dem Säbel an der Seite, der Patrontasche auf dem Rücken und dem Gewehr auf der Schulter, stand unter den Anderen, und fragte mich, als ich vom Altan hinunterkam und vorüber ging: »Nun, wie ist es abgelaufen?« »»Ach, mein lieber Landsmann!«« rief ich, und drückte ihm die Hände, »»Gott beschützt uns, unsere Brüder haben wie Löwen gekämpft!«« Ich würde mehr mit diesem wackern Landsmanne gesprochen haben, aber ein Student meiner Bekanntschaft zog mich an dem Aermel, und flüsterte mir in's Ohr: »Bist Du von Sinnen, daß Du auf offner Straße mit dem Kerl sprichst? das ist ja der berüchtigte Wirth, Prinz Kehraus!« -- »»Ich kenne ihn nicht,«« antwortete ich lachend, »»aber mag er sein, wer er wolle, in diesem Augenblick sind wir Alle Dänen und Alle Soldaten.««

Was weiter kommen würde, wußten wir nicht; aber fürs Erste konnte man nichts Besseres thun, als die Waffenübungen fortzusetzen, da in diesem Lärm doch weder Zeit noch Ruhe zu friedlicher Beschäftigung war. Das Studentencorps wurde unter dem Namen »Leibcorps des Kronprinzen« organisirt, wir bekamen hübsche Uniformen, dunkelblaue Jacken mit weißen Litzen, grauen Hosen, Halbstiefeln mit Quasten, runden Hüten mit weißen Kokarden und schwarzen Federn. Die Unteroffiziere trugen silberne Epaulettes.

Es wurden verschiedene Feste nach der Schlacht zu Ehren der Seehelden veranstaltet. Die Gefallenen wurden zusammen in einem großen Grabe beerdigt, und Ein Hügel wurde über sie, wie über die Helden des Alterthums, aufgeworfen. Bei dieser Gelegenheit schrieb ich einige Gedichte. Es wurden viel gute Lieder gedichtet, aber auch unendlich viel schlechte und trivielle, was bei der eiteln Wiederholung des Abgenutzten nur die Begeisterung travestirte.

Nun wurden auch Unteroffiziere und Sergeanten für die Studenten gewählt. Offiziere konnten damals nur wirkliche Militairs werden; nur ein Paar Veteranen, =Rahbek= und =Thomas Christoffer Bruun=, die aus alter Studentenliebe in das Corps eingetreten waren, wurden als Lieutenants _à la suite_ angestellt. Bei dieser Gelegenheit zeichnete Rahbek sich sowohl durch seinen außerordentlichen Eifer für den Dienst, wie durch seine Unbeholfenheit aus, die sich besonders beim Marschiren zeigte, wenn er bei feierlichen Gelegenheiten als Lieutenant mit dem Säbel in der Hand marschirte.

* * * * *

Ich wurde gleich Unteroffizier, und kurze Zeit darauf Sergeant und Fahnenjunker beim ersten Bataillon. Meine ästhetische Preisabhandlung und einige im »Zuschauer« und in der »Charis« abgedruckte Gedichte verschafften mir vielleicht die Stimmen zu dieser Wahl; denn ich hatte nur wenige persönliche Bekanntschaften unter den Studenten gemacht.

[Sidenote: Das Lied vom braven Manne.]

Ein seltsames Ereigniß muß ich erzählen, das zu dieser Zeit eintraf. Ich hatte Bürgers »Lied vom braven Manne« gelesen, es begeisterte mich, und ich übersetzte es in's Dänische. Gerade als ich es beendigt hatte, trat L. Kruse in mein Zimmer. Ich frage: »Was giebt's Neues?« -- »»Hast Du nichts von dem heftigen Sturme heute Nacht gemerkt?«« -- »Nein, ich habe ruhig geschlafen.« -- »»Es ist gewiß viel Unglück auf dem Meere geschehen,«« fuhr Kruse fort -- »»aber ein Unglück wenigstens ist durch den Heldenmuth eines Seemanns verhindert worden. Die Leute auf einem gestrandeten Schiffe, weit draußen auf der Rhede, konnten sich nicht retten; tausend Menschen standen auf der Zollbude, keiner wagte sich hinaus. Da kam der Grossirer =Staal Hagen=, und versprach Demjenigen eine bedeutende Summe, welcher sie retten würde. Der Fischer =Lars Bagge= springt in ein Boot, rettet die Schiffbrüchigen mit Lebensgefahr, und bittet den Kaufmann, diesen das Geld zu geben; selbst wolle er nichts haben.«« -- »Nein!« -- rief ich aus -- »das ist zu seltsam!« -- »»Was meinst Du?«« -- »Da liegt die ganze Geschichte poetisch beschrieben auf dem Tische! Ich brauche nur die Namen und einige Nebenumstände zu verändern.« Ich erzählte nun Kruse den Zusammenhang, und er war eben so erstaunt wie ich. Das Gedicht wurde gedruckt und gefiel; aber den wunderbaren Zufall verschwieg ich, aus Furcht, daß man ihn für erdichtet halten würde. Viele Jahre später habe ich das Ereigniß in meinen gesammelten Gedichten, in dem kleinen Gedichte »die Vorahnung,« welches der Romanze =Lars Bagge= folgt, erzählt.

* * * * *

Der ehrwürdige alte Tode war Rector in dem Jahre, wo ich Student wurde; er hatte meine kleinen Gedichte gelesen, und besonders hatte Lars Bagge ihm gefallen. In einem kleinen Gedichte, das er mir für mein Siofna gab, hat er mir zuviel Lob gespendet; unter Anderm stand da:

»Das Volk wird Dich preisen Als Schöpfer so herrlicher Weisen! Lars Bagge besangst Du, die That die ihn ehrt, Dein Lied ist des Retters, des trefflichen, werth.«

Ich fand das Lob übertrieben, ließ diese Verse weg, und bat den Verfasser, mir das Streichen derselben zu verzeihen. Aber dies war erst im Jahre 1802, und bereits im Jahre 1800 zeigte er mir väterliche Aufmerksamkeit. -- Doch -- ich habe ein Lied zu seiner Ehre in Dreier's Klub geschrieben. Als ich ihm nun die zehn Reichsthaler für meinen akademischen Bürgerbrief zahlen wollte, gab er mir dieselben mit den Worten zurück: »_Clericus clericum non decimat._« Dies rührte mich ungemein und gab mir Muth; es war die größte Ehre, die ich bis dahin genossen hatte.

* * * * *

[Sidenote: Brief von Baggesen.]

Baggesen sandte mir kurz nach der Schlacht vom 2. April einen Brief, angeblich mit Liedern, die jedoch nicht beigefügt waren, welche er mich dem Volke vorzusingen bat. Der Brief lautet folgendermaßen:

Paris, den 13. April.

Mein Freund!

Dir, dem ich meine dänische Lyra hinterließ, sende ich, dem Rachen des Todes entflohen, meinen ersten Seufzer an das Leben in beifolgenden drei Kriegsgesängen für die Vertheidiger Dänemarks.

Mein Herz glüht vor Sehnsucht darnach, mit meinen Brüdern zu stehen und zu fallen; aber ich bin gefesselt und krank mit meiner kranken Geliebten.

Laß die Kraft und das Feuer Deiner Jugend in die Seele der Dich umgebenden Brüder flammen! Singe ihnen zugleich mit den Deinigen meine Lieder! Laß sie fühlen, daß Baggesen's Geist mitten unter den Flammen bei ihnen ist!

Zehn Männer mit Dichtermuth sind in den Augenblicken des Schreckens mehr werth, als hundert Fehde-Prosaisten; hundert todestrotzende Helden dem Feinde gefährlicher, als zehntausend Söldlinge!

Laß eine Menge Exemplare, so wie die »Matrosenlieder gedruckt in diesem Jahre«, drucken.

Theile Exemplare der »Hymne für die Alumnen« unter meinen lieben akademischen Mitbürgern aus.

Lösche meinen Durst nach Nachrichten durch die erste, zweite und dritte Post.

Dein

=Baggesen=.

Sende mir doch ein Exemplar des ersten Theils. Hiermit bezahle ich zugleich meine Liederschuld an den lieben Dreyer'schen Klub.

Grüße Rahbek und Rosing.

Später erhielt ich noch folgenden Brief:

Paris, den 11. Juli 1801.

Liebster Oehlenschläger!

Ich lebe, meine Frau und meine Kinder leben; ich liebe Sie, und werde Sie immer lieben.

Ich habe Ihren freundlichen lieben Brief mit den beigelegten Liedern erhalten; aber ich habe Ihnen seitdem zwei Mal geschrieben. Dies ist das dritte Mal.

Ich habe noch kein Exemplar vom ersten Theile, oder meinen Oden erhalten; ich wünschte ein solches doch sehr. Ich kann Brummer nicht begreifen. Er scheint mit dem Absatze zufrieden, wünscht mehr Manuscript, und macht mir doch die Fortsetzung unmöglich, indem er mir den Anfang nicht sendet. Wie soll ich die Noten ausarbeiten, wenn ich keinen Text habe?

Ich habe unaufhörlich, seitdem ich Kopenhagen verließ, bis vor wenigen Tagen unbeschreiblich schlecht gelebt. Mein geliebtes Weib war beständig bettlägerig, meine Kinder ab und zu kränkelnd und ich selbst gefährlich krank. In Bezug auf meine Existenz habe ich unersetzliche Verluste erlitten. Erst jetzt bin ich im Stande zu arbeiten.

Ich mußte vom _quai Voltaire_ wegen Mangel an frischer Luft nach dem _hôtel de l'Elisée Bourbon, Rue du Faubourg Nr. 66._ ziehen, wo ich nun schön, bequem und so gut, wie auf dem Lande, auf den elyseischen Feldern, wohne.

Meiner Frau geht es etwas besser, und ich bin also -- viel munterer. Aber --

_Dania! quid merui? quo te, mea patria, laesi?_ Noch immer seufze ich vergebens nach eigentlichen Nachrichten. Außer einigen kleinen Briefen habe ich keine Antwort auf meine letzten zwölf Schreiben erhalten.

Auch Sie, Oehlenschläger! ertheilen mir sparsam Ihre Grüße.

Ich habe mit dieser Post an Brummer geschrieben. Veranlassen Sie ihn doch, mir endlich das mir zukommende Exemplar des ersten Theiles meiner Schriften zu senden. Früher schicke ich wahrhaftig keine Fortsetzung.

Wenn es Ihnen möglich ist, so sammeln und senden Sie mir die Blätter, in denen meine Unbedeutenheit, seitdem ich Dänemark verlassen habe, erwähnt ist. Es versetzt mich doch immer ein wenig in meine alte Stellung zurück, und giebt mir eine Illusion literarischer Anwesenheit, deren ich hier, wo kein dänisches Laub oder Blatt sich bewegt, sehr bedarf.

Haben Sie meine Ihnen zugesandten Kriegsgesänge die ohne meine Schuld, -- denn sie waren vor der Katastrophe in der Mitte Mai gedichtet und hier gedruckt -- so ärgerlich zu spät kamen, erhalten?

Ich fürchte, daß sie in Kopenhagen, nach Gott weiß welchen Varianten gedruckt, von Fehlern gewimmelt haben.

Verzeihen Sie meine Kürze! Ich =schreibe= kurz, aber =antworte= desto länger. Schreiben, schreiben, schreiben Sie an

Ihren

=Baggesen=.

Meine Frau grüßt Sie tausend Mal, und ich grüße unbekannter Weise tausend Mal Ihre Freundin.

* * * * *

[Sidenote: Exercierübungen.]

Es schien nicht, daß wir ferner einen feindlichen Ueberfall zu fürchten hätten; aber unruhig waren die Zeiten noch, und Waffenübungen machten arge Eingriffe in meine nächtliche Ruhe, deren ich in diesen Jahren, wo ich noch wuchs, zu bedürfen glaubte. Jeden Morgen um 6 Uhr mußten wir in dem kalten Märzmonat auf der Reitbahn am Christiansburger Schlosse sein, um Exercitien zu lernen. Als Sergeant mußte ich meiner Compagnie mit gutem Beispiele vorangehen, zuerst auf dem Platze sein, wenn die Uebungen beginnen sollten, und alle Namen aufrufen. Aber dann war auch die Arbeit vorüber, denn wir Unteroffiziere exercirten nicht mehr, und deßhalb fror uns auch am meisten. Verschiedene Scherze, die vorfielen, und für den Augenblick das Zwergfell erschütterten, konnten uns doch nicht lange warm halten; einige davon waren drollig genug.

So war z. B. in unsere Compagnie, die, wie die anderen, größtentheils aus lauter schlanken Jünglingen bestand, ein großer fetter Gastwirth gekommen, der sein Recht als alter Baccalaureus geltend machte, weil er lieber im Studentencorps, als im Brandcorps oder einem andern bürgerlichen Corps dienen wollte, wo er größeren Strapazen ausgesetzt zu sein fürchtete. Er war ein witziger, lustiger Kopf, aber er konnte es nicht leiden, wenn man auf seine Dicke stichelte, und er stand wie eine Art Falstaff unter uns. Der Major, der uns einexercirte, war ein muntrer Kriegsmann, der gern mitunter einen Scherz machte. Wenn er nun commandirt hatte: »Richt't Euch!« so hieß es oft hinterdrein zu dem corpulenten Flügelmann: »Den Bauch 'nein, lieber Freund!« Nun zog der Flügelmann den Bauch ein. Darauf untersuchte der Major die Rückseite der Linie, und dann hieß es wieder: »den Hintern 'nein, lieber Freund!« -- Nun wurde der dicke Flügelmann ungeduldig und rief: »Aber um Gotteswillen, wie soll ich mich denn drehen und wenden? Ich kann doch nicht in mich selbst hineinkriechen, und zum Theil verschwinden. Mein Körper muß doch seinen nothwendigen Kubikinhalt haben.« Nun lachte die ganze Compagnie, und das war es gerade, was der Major und der Flügelmann wollten.

* * * * *

[Sidenote: Der Generalmarsch.]

Wenn der Wirth hier den Falstaff spielte, so fand ich selbst mich bald darauf in einer nächtlichen Scene als Don Quixote. Ich war eines Abends sehr früh zu Bett gegangen, weil ich durch die vielen Morgendienste ermüdet worden war. Wie ich gerade im süßesten Schlummer liege, werde ich plötzlich durch eine Trommel geweckt. Nun war uns in den ersten Tagen bei der Parole gesagt, daß wir uns augenblicklich, so wie Generalmarsch geschlagen würde, bewaffnen und auf der Reitbahn versammeln sollten, denn dann war entweder der Feind im Lande, oder die Stadt wurde bombardirt. Kaum hörte ich also die Trommel, als ich rief: »Nun ist die Stunde gekommen! Es gilt den König und das Vaterland! In Gottes Namen, unverzagt!« Ich hatte bereits die Strümpfe, Beinkleider und Stiefeln an, und wollte mich eben mit dem Schwerte umgürten, -- als es wieder trommelte, und ich hörte, daß es der Zapfenstreich sei, der jeden Abend durch die Straße ging. -- Ach, mit welch seligem Gefühle schlüpfte ich wieder in's Bett, und überließ mich einem ungestörten Schlummer.

[Sidenote: Erleichterungen im Dienste.]

Früher hatten wir fast Alle nüchtern den Dienst thun müssen, denn die Meisten von uns konnten keine Erquickung zu so früher Stunde erhalten; aber nun wurde ein Marketender in den Colonnaden an der Reitbahn angestellt, bei dem man sich etwas zu Gute thun, und einen Zwieback und eine Tasse Thee bekommen konnte, wenn man zwei Schillinge hatte. (Ich hatte sie nicht immer). Freilich war der Thee so schwach, daß man ihn fast nicht schmecken konnte, und auch vom Zucker merkte man nicht gerade viel; aber für die Hauptsache war gesorgt, denn das Milchwasser war kochend heiß, und so konnte man sich doch wenigstens innerlich erwärmen.

Ein Glück kommt selten allein. Als ich eines Morgens umherging und in die königlichen Ställe blickte, während die Compagnieen excercirten, entdeckte ich einen leeren Stand mit einem Haufen frischen Strohs, wo ich fand, daß wir Sergeanten vortrefflich schlafen könnten, wenn wir die Namen verlesen hätten. Kaum hatte ich meinen Kameraden diese Entdeckung mitgetheilt, als wir einen Augenblick später auf dem Strohe lagen, wie beim Homer des Proteus flossenfüßige Seehunde auf dem Sande. Von diesem Tage an schliefen wir jeden Morgen in dem warmen Stroh, nachdem wir erst unsern heißen Thee getrunken hatten.

* * * * *

Bei der Fahnenweihe waren die Studenten auf dem Platz vor Amalienburg versammelt. Die Offiziere und Unteroffiziere kamen in die Zimmer zur königlichen Familie hinauf. Die Fahnen lagen auf dem Tische, und der Fahnenschmied stand dabei. Zuerst reichte er dem Kronprinzen einen Nagel; Se. Königl. Hoheit schlug ihn ein; darauf die Kronprinzessin, die ganze Königl. Familie, und endlich, nachdem der Chef und die Offiziere ihre Nägel eingeschlagen hatten, kam auch die Reihe an uns Sergeanten. Als die Fahnen fertig waren, trugen wir Fahnenjunker sie zu den Bataillonen hinab, wo der Eid geleistet und ein kecker Thaarup'scher Gesang nach einer schönen Melodie des alten Zinck abgesungen wurde.

* * * * *

[Sidenote: Feldmanoeuvres.]

Die Nachmittags-Manoeuvres auf dem Felde waren amüsant, wenn das Wetter schön war. Dann zogen wir mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen durch die Straßen, während die jungen Mädchen in den Fenstern standen, um ihre Geliebten oder Brüder vorübergehen zu sehen. Wir gaben uns dann alle Mühe, um in geraden Gliedern zu marschiren. Und der Marschall ritt voran, mit seinem Stern auf der Brust, und bei feierlichen Gelegenheiten mit dem Ordensbande über der blauen Uniformjacke.

Doch Horaz und Baggesen sagen:

»_Naturam furca pellas ex_, Sie kommt doch wieder, die arge Hex'.«

Es war nicht so leicht, die lebhaften Jünglinge Alle in Ordnung zu halten. So hatten wir einmal den Verdruß, daß einige Kameraden, in den letzten Gliedern, mitten auf der Straße stehen blieben, um Aepfel von einer Fruchthändlerin zu kaufen. Noch größeren Aerger hatte man mit halbgebildeten Soldaten, welche verlangten, daß der Offizier ihnen den Grund zu alle Dem sagen solle, was commandirt wurde, und die noch nicht begreifen konnten, daß zur Kriegszucht der augenblickliche Gehorsam gehört.

Eines Nachmittags übten wir uns auf dem Felde im Schießen. Ein junges Blut hatte sein Gewehr geladen, aber es vergessen, den Ladestock wieder aus dem Lauf zu ziehen, und stand nun, mit der freundlichsten Miene von der Welt, und zielt auf den Marschall. Glücklicherweise bemerkte dieser es bei Zeiten, schlug das Gewehr bei Seite und rief: »Mein Herr! Wenn Sie Ihr Gewehr geladen haben, sollen Sie den Ladestock herausziehen. =Ich will Ihnen den Grund sagen=: Weil Sie sonst den Anführer durch den Leib schießen!«

Diese geniale Gedankenlosigkeit, die sich, wie man behauptet, besonders der Künstler und Gelehrten bemächtigt, und zu deren Ehre Baggesen eine Ode geschrieben hat, hatte sich auch einige Mal meiner bemächtigt. Wir sollten Carré formiren; der Anführer ruft dann: »Bataillon«; der Fahnenjunker läuft acht Schritte vor, und nach ihm bildet sich die Colonne. Der Marschall rief also: »Bataillon«! Aber ich stand in Betrachtungen vertieft, und rührte mich nicht von der Stelle. Plötzlich hörte ich ihn rufen: »Oehlenschläger!« Erschreckt erwache ich, laufe zwölf, vierzehn Schritte vor, um das Versäumte wieder gut zu machen, und das ganze Bataillon hinter mir her.

Ein andres Mal hatte ich den Fahnengurt umzuhängen vergessen; ich mußte die Fahne die ganze Zeit hindurch nur mit den Händen tragen; gerade deßhalb, glaube ich, blies ein heimtückischer Sturm den ganzen Nachmittag, und der noch schwächliche Fahnenjunker wäre fast umgeworfen worden.

Zu unseren Märschen und Uebungen hörten wir immer schöne Musik. Die Mitglieder der königlichen Kapelle hatten sich selbst angeboten, unsere Hautboisten für das erste Bataillon zu sein. Das zweite Bataillon bekam die Hautboisten der Leibgarde. Komisch war es im Anfange, wie die Virtuosen der Kapelle es diesen nicht gleich machen konnten, weil sie nicht darin geübt waren, unter freiem Himmel im Gehen zu blasen; vielleicht auch, weil Einige, die gewöhnt waren, Violine und Baß zu spielen, sich auf Blaseinstrumenten versuchten. Aber es währte nicht lange, so hatten sie den Handgriff weg.

An einem schönen Sommertage, als das Vaterland wieder Frieden hatte, wurden wir Sr. Königlichen Hoheit dem Kronprinzen vorgestellt. Er war mit unseren Fortschritten zufrieden, und lobte uns. Wir wurden auf dem Felde mit Wein und Backwerk tractirt. Junge Damen aus der Stadt kamen heraus und tanzten auf dem Felde mit den Studenten. Die Alten standen in großen Kreisen als frohe Zuschauer umher. Alles war nun Lust und Freude!

* * * * *

[Sidenote: Friedliche Beschäftigungen.]

Nun kehrten wir zu unseren friedlichen Beschäftigungen zurück. Ich kam jeden Tag zu meinem Freunde und Leiter A. S. Oersted; das dänische Recht hatte ich repetirt, das Naturrecht ebenso, aber das römische Recht war noch durchzumachen. Collegien besuchte ich nicht mehr viel, doch hörte ich einige Mal Schlegel. Mit Oersted's aß ich Mittags bei ihrer Tante, Madame Möller; dort saßen die jungen Gelehrten und Schöngeister von einem Haufen Bürgersleuten umringt, die uns oft lebhaft an die Personen in Holberg's Comödien erinnerten. Oft las -- oder richtiger gesagt -- spielte ich fast ein ganzes Stück von Holberg mit veränderter Stimme zur Unterhaltung vor dieser gemischten Gesellschaft. Besonders amüsirte mich in diesem Kreise der alte pedantische Schullehrer, der Erste, der mich davon überzeugte, daß eingewurzelte Lächerlichkeit nicht durch Comödien geheilt werden könne. Wir führten nämlich einmal wirklich den Erasmus Montanus auf; ich gab den Küster Peer und copirte den Schulmeister so gut, daß die ganze Gesellschaft ihn wieder erkannte. Er war auch gegenwärtig, erkannte aber meine Copie nicht, da er sein eignes Original nicht kannte. Er war sehr zufrieden mit meinem Spiel, als das Stück beendet war, und lobte Holberg, der so gut unwissende, bornirte Pedanten geschildert habe.

[Sidenote: Privat-Theater.]

Ein norwegischer Student Bull, später Justitiarius in Norwegen, sollte im Hause mit mir zusammen wohnen; wir vereinigten uns, und Madame Möller überließ uns noch den Saal neben meiner Kammer. Sie fand sich gern darein, daß wir zuweilen Comödie spielten, und gab mir selbst die Bettlaken, die ich dann mit kleinen Nägeln an den Fenstern festmachte, um gegen das Frühjahr hin ein künstliches Dunkel aus dem Theater hervorzubringen. Nur ein Mal, als wir »Liebe ohne Strümpfe« spielten und das Stück etwas stockte, weil Jesper seine Rolle nicht konnte, und ich, als Mads, in der Verzweiflung, um die Pause auszufüllen, das neue Psalmenbuch hervornahm und in meinem jugendlichen Uebermuthe zu singen anfing: »Wenn uns die höchste Trübsal naht!« tadelte sie uns auf eine gutmüthige, mütterliche Weise, indem sie zu den Anderen sagte: »Sie lachen selbst darüber!«

Während einer der Proben zu diesen Vorstellungen wurde ein Glasarm von einem Kronleuchter abgeschlagen. Eine alte Frau, die im Hause wohnte, bezahlte einen Thaler, um einen neuen anzuschaffen, wollte aber, daß ich als Director ihr dieses Geld wiedergeben solle. Da ich nun nicht das Unglück angerichtet und niemals einen Schilling übrig hatte, ließ ich sie mich vergebens mahnen; und es amüsirte uns Alle, wenn sie täglich über Tisch auf mich wegen des Thalers stichelte, den sie gut zu haben glaubte. Die arme Frau hatte viele Jahre darauf ein trauriges Schicksal; denn sie fiel eines Tages vom Stuhl, als sie ihr Mittagsschläfchen halten wollte, und dies wurde ihr Tod.

Oersted's assistirten auch, wenn wir Comödie spielten, aber das ist nicht ihr Fach; besonders hatte A. S. Oersted kein Geschick dazu, selbst zu kleinen Rollen konnte ich ihn nicht gebrauchen; und als ich ihm einmal den Mathias in den Jägern einstudirt und gesagt hatte: »Nun kommst Du, die Hände nachlässig auf dem Rücken, herein«, hatte er sie so in einander verschlungen, daß er sie beinahe nicht wieder auseinander gebracht hätte.

In Madame Möller's Hause wohnte eine alte taube Frau, die ihre ganze Liebe auf einen Schooshund geworfen hatte. An einem warmen Sommertage sperrte ich den Hund in den kühlen Ofen ein. Sie konnte ihn nicht bellen hören, ging umher und suchte vergebens. Endlich befreite ich den Hund in ihrer Gegenwart aus seinem Gefängnisse. Die alte Frau wurde sehr böse, obgleich wir sonst die besten Freunde waren, und sagte: »Das rathe ich Ihnen, daß Sie mir nicht wieder den Hund zum Narren halten!«

Man sieht, daß die Lust, Comödie zu spielen, bei mir von Neuem erwachte, als ich mein eigner Herr geworden war und ich es zu meinem Vergnügen thun konnte; ich trat auch in Borup's Gesellschaft ein, spielte aber nicht oft dort, sondern größtentheils nur in häuslichen Kreisen, wo ich selbst der Geist des Ganzen sein konnte.

* * * * *

[Sidenote: Die Gebrüder Mynster.]

In Dreyer's Klub war eine große Punschbowle, die bei gewissen feierlichen Gelegenheiten geleert wurde. Zu diesen Trinkgelagen waren die meisten guten Trinklieder, namentlich Rahbek's, verfaßt. Ich war eine Zeitlang oft Vorsänger und trank mit den Anderen, obgleich das Trinken niemals meine Sache war; aber die begeisternde Geselligkeit und der Gesang erfreuten mich. Auf diese Weise kam ich auch in eine nähere Bekanntschaft mit mehreren älteren, ausgezeichneten Männern, welche ich sonst nicht sobald oder nicht so genau kennen gelernt haben würde. Unter diesen waren die =Gebrüder Mynster= und =Bentzon=. Der Doctor, später Professor, Ole Hieronymus Mynster, war ein Jahr vorher mein Lehrer in der Naturgeschichte in der Schule für die Nachwelt gewesen. Ein vortrefflicher Kopf, voll von Humor, Verstand und Witz, ebenso wie sein Bruder, der jetzige Bischof Jakob Peter Mynster; doch war dieser stiller und gelehrter. Meine erste Bekanntschaft mit Jakob war gleich heilend, wenn auch für den Augenblick schmerzlich. Wir trafen, wie gesagt, in Dreyer's Klub zusammen, wo die Rede auf meinen Held Lafontaine kam, den Mynster so stark und scharf tadelte, daß mir die Thränen in die Augen kamen. Er hat mir später erzählt, daß es ihm herzlich leid that, als er sah, wie tief es den armen jungen Menschen schmerzte, dessen Gesicht er gleich gern mochte. -- Indessen riß er mir das Band von den Augen, und überzeugte mich, daß in den Lafontaine'schen Romanen nicht Das lag, was ich bisher darin zu finden geglaubt hatte. Bentzon, der kurz darauf Regierungsrath und später Generalgouverneur in Westindien wurde, war ein junger, kräftiger Mann, obgleich er hinkte. Er hatte ein schönes Gesicht, seltene Kenntnisse, viel Scharfsinn, aber kein feines Gefühl. Er war übrigens im Umgange lebenslustig, freundlich gegen seine Freunde, bewunderte jedes Talent, achtete jede Tüchtigkeit. Gegen die Mittelmäßigkeit war er unbarmherzig, grob gegen die Eingebildetheit, im Ganzen genommen etwas arrogant, und in späterer Zeit etwas geizig. Was Wunder, daß er Feinde zu Dutzenden bekam, besonders als er durch Schimmelmann in jungen Jahren sein Glück machte. Aber er kümmerte sich nicht sehr darum.

Er war jedoch nicht ohne Eitelkeit, besonders verdroß es ihn, daß er hinkte; und obgleich er lächelte, wenn O. H. Mynster auf seine scherzende Weise sagte: »Da kommt der lahme Bentzon!« ärgerte es ihn doch. -- Da er aber gewöhnlich so hochfahrend war, freute es uns, ihn auf diese Weise etwas zu demüthigen. Eines Tages ging ich mit ihm vor dem Thore spazieren. »Oehlenschläger!« sagte er, »sage mir aufrichtig, hinke ich sehr? ist es sehr zu bemerken?« -- »»Nein!«« entgegnete ich, »»wenn Du still stehst, merkt man fast gar Nichts.«« Diesen Zug habe ich später in meinem Fragment =Knud Lavard= benutzt.

[Sidenote: Bentzon.]

Bentzon hatte ein paar Jahr vor unserer Bekanntschaft eine ästhetische Preismedaille gewonnen. Er hatte sehr viel Sinn für das Derbe und Tüchtige in der Poesie; das Flache und Trivielle verachtete er. Er verstand gut Griechisch, und liebte die Genialität in den griechischen Werken. Goethe, dessen Geist in seinen späteren Jahren eine antike Richtung genommen hatte, bewunderte Bentzon besonders in solchen Werken, in denen sich dies aussprach. Sehr viel Gewicht legte er auf folgende Goethe'sche Verse:

Also das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert, Daß Martial sich zu mir auch der Verwegne gesellt; Daß ich die Alten nicht hinter mir ließ, die Schule zu hüten; Daß sie nach Latium gern mir in das Leben gefolgt; Daß ich Natur und Kunst zu schauen mich treulich bestrebe; Daß kein Name mich täuscht, daß mich kein Dogma beschränkt; Daß nicht des Lebens bedingender Drang mich den Menschen verändert, Daß ich der Heuchelei dürftige Maske verschmäht? Solcher Fehler, die Du, o Muse! so emsig gepfleget Zeihet der Pöbel mich; Pöbel nur sieht er in mir.

* * * * *

[Sidenote: Wilhelm Meister.]

J. Mynster hatte mich also von der falschen Sentimentalität geheilt, und Bentzon mich auf das tüchtige Objective aufmerksam gemacht. Das war Alles ganz gut, aber nicht genug; ich bedurfte wieder Etwas für das Herz. -- Der herrliche Wilhelm Meister hatte mich sehr erquickt; besonders, da ich mich -- wenn nicht von der Seite des Characters, so doch von der Seite der Ereignisse -- in so naher Verwandtschaft mit Wilhelm Meister fühlte, daß ich oft in den ersten Büchern meine eigne Lebensbeschreibung zu lesen glaubte. Das Marionettspiel, die Characterschilderung von Mariane, Philine, die Abenteuer mit den Schauspielern und Seiltänzern erfreuten mich unendlich. Den Besuch bei dem Grafen und der Gräfin, den närrischen, protegirenden Baron mochte ich auch sehr gern. -- Aber Jarno und Lothario waren mir zu kalt vornehm. Es gefiel mir nicht, daß Wilhelm sich von den steifen und stolzen Formen der Convenienz imponiren ließ; besonders da ich die Absicht bei dem Dichter zu bemerken glaubte, der vornehmen Welt das Wort zu reden. »Die Bekenntnisse einer schönen Seele« machten mich oft an meine Mutter denken; -- deßhalb waren sie mir lieb, obgleich ich mich in dieser Welt nicht recht zu Hause fand. Unendlich dagegen entzückte mich der Harfenspieler und Mignon; in ihren herzergreifenden Liedern erkannte ich ganz den =ersten= Göthe, in ihrer Schilderung den vollendeten Meister wieder.

* * * * *

[Sidenote: Jean Paul.]

Aber meine nach Liebe dürstende Seele konnte sich mit diesen classischen Dichtungen nicht begnügen; ich bedurfte eines unendlichen Dichtermeeres, in dem mein Geist sich wiegen und in Ahnung, Sehnsucht und Wehmuth, in Laune und Uebermuth taumeln konnte; und dies fand ich, als O. H. Mynster mich mit Jean Paul bekannt machte -- und ich seinen Hesperus, Siebenkäs und das Campanerthal gelesen hatte. Freilich mußte ich mich hineinarbeiten; viele Gleichnisse und Anspielungen verstand ich nicht; ich mußte über Haiden gehen, durch Moräste waten, und Dornengebüsche durchbrechen, um zu den schönen Oasen zu gelangen, welche mitten in der Wüste der Weitläufigkeit lagen. Aber wenn ich nun dort stand, wie labte mich die Quelle, wie belohnt fühlte ich mich. Jean Paul hat ausgesprochen, was kein anderer Dichter auszusprechen wagt. Oft beginnt er da, wo Andere schweigen, und setzt seine Rede fort, bis sie gleich himmlischer Musik in den Wolken verschwindet. Welche Kenntniß von Allem, welch tiefer Blick in das menschliche Herz, welch schöne Liebe für alles Schöne! Er hat sich an eine ermüdende Manier gewöhnt, die ihm zur andern Natur geworden und wohl auch ursprünglich aus seiner eignen hervorgegangen ist; aber er sollte sie gebildet und eingeschränkt haben, denn auch des Humoristen extravagante Natur läßt sich bilden, ohne das Characteristische zu verlieren. -- Wie freuten mich seine komischen Figuren, seine Personen, die ungeachtet aller subjectiven Eigenheiten der Darstellung doch objective Wahrheiten behalten. Der Caplan, Victor, Flamin, Mathieu, die holde Clotilde, Leibgeber, Agathe, Stiefel. -- Seine Characterzeichnungen erinnerten mich oft an das Bild eines Königs, das ich in meiner Kindheit gesehen hatte; es bestand aus lauter kleinen Sechsen, wenn man es genauer betrachtete, und war doch ähnlich. -- Freilich flattert Jean Paul allzusehr in der Morgen- und Abendröthe umher, verliert sich allzu oft in der Milchstraße und den Nebelsternen; doch lohnt es sich wohl der Mühe, mit diesem Luftschiffer in dem poetischen Ballon in die Höhe zu steigen, wenn man auch zuweilen Nichts vor lauter Wolken sieht und von den Nebeln durchnäßt wird. Wie viele schöne Morgen- und Abendstunden habe ich nicht mit ihm in dem kleinen Garten meines Vaters unter dem Kirschbaume zugebracht, der seinen weißen Blüthenschnee auf die Blätter des Buches streute. Wie oft habe ich nicht seinen Namen auf dem Titelblatte bei der Lectüre seiner herrlichen Schilderungen geküßt; eine Gewohnheit, die ich stets habe, wenn ein Verfasser mich hinreißt.

* * * * *

O. H. Mynster selbst hatte Jean Paul's Bekanntschaft in Wien gemacht und ging in den ersten acht Tagen fast nicht aus dem Hause, um vom Morgen bis zum Abend in seinen Werken lesen zu können, obgleich ihm diese große österreichische Hauptstadt noch ganz fremd war.

* * * * *

Göthe sagt in einem seiner Briefe an Schiller: »Wenn man nicht sowohl von Werken, wie von Handlungen, mit liebevoller Theilnahme, mit einem gewissen poetischen Enthusiasmus spricht, so werden sie so vollständig zu Nichts, daß es nicht der Rede werth ist. Lust, Freude, Theilnahme an den Dingen ist das einzige Reale, das wieder Realität hervorbringt, alles Uebrige ist nur leer und eitel.«

Deßhalb, lieber Leser, suche ich jedes Mal, wenn ich von einem neuen Verfasser spreche, Dir meine Gefühle und die Freude auszudrücken, welche die Lectüre seines Buches mir bereitete; denn das ist ein wichtiges Stück meines geistigen Lebens. Du wirst leider nur allzu oft vortreffliche Werke auf den Tischen der kritischen Anatomen finden; sie schneiden einen großen Mann auf, um den Zuschauern die Breimasse zu zeigen, mit der er gedacht, den kalten Fleischklumpen, mit dem er gefühlt hat. Aber ich glaube, daß auch ein Kritiker Zeichen von Phantasie und Herz geben muß, und wer das nicht kann und doch kritisirt, kritisirt eben ohne Verstand. Man muß mit Geist von Geist, mit Witz von Witz, mit Phantasie von Phantasie, mit Verstand von Verstand, mit Kenntnissen von Kenntnissen sprechen. Sonst ist es Nichts! Ein Kritiker soll auch Künstler, Schöngeist, ein edler Mensch sein. Seine Untersuchung von dem Schönen muß selbst schön, von dem Edlen selbst edel sein, sonst bringt er ein Dunkel hervor, während er Andere aufklären will; er zerbricht das Kunstwerk mit plumpen Händen, wundert sich dann darüber, daß es keinen Zusammenhang hat, und trägt mehr, als irgend Einer zur Schiefheit der Gedanken und Gefühle und zur Verwirrung in der geistigen Welt bei.

* * * * *

[Sidenote: Erwachendes Selbstgefühl.]

Während ich nun mehrere solch' herrliche Bücher las, ging es mir, wie Correggio, der das Raphael'sche Bild sah und ausrief: »_Anch'io son' pittore_!« oder wie der gute Hans Sachs in Göthe's Holzschnitt:

»Er fühlt, daß er eine kleine Welt In seinem Gehirne brütend hält; Daß die fängt an zu wirken und leben, Daß er sie gern möchte von sich geben.«

Dieses Gefühl äußerte sich auf eine wunderbare, fast komische Weise eines Abends bei Oersteds, als der Physiker, das Doctor-Examen gemacht hatte, und einige junge und ältere Männer der Wissenschaft bei ihnen waren. Sie sprachen zuerst über verschiedene gelehrte Dinge. Ich saß still in einem Winkel, leerte zuweilen mein Glas, füllte die Gläser der Anderen und ließ sie reden; wie ich überhaupt selten laut in großen Gesellschaften bin. -- Nun kam endlich auch die Dichtkunst an die Reihe, und in Bezug hierauf äußerte eine barmherzige Seele ihr Mitleid mit der dänischen Dichtkunst, daß sie seit Ewald's Zeiten so außerordentlich gesunken wäre. Bei diesen Worten erfüllt mich Geist und Feuer, ich stehe rasch auf, trete mitten in den großen Kreis, sehe ihnen Allen kühn und stolz in die Augen und rufe, indem ich mit geballter Faust auf den Tisch schlage: »Ja, es ist wahr, sie ist gesunken, aber sie soll sich, hol' mich der Teufel, wieder erheben.«

Ich hatte damals noch nichts Andres drucken lassen, als einige Lieder und ein kleines Stück: »der zweite April«, eine dramatische Situation, wie ich es nannte. Ich durfte mich nicht beleidigt fühlen, wenn mich die ganze Gesellschaft ausgelacht hätte; aber mochten sie mich nun aus Gutmüthigkeit nicht demüthigen, oder glaubten sie vielleicht, in dem Kerl muß doch Etwas stecken; -- genug, sie schwiegen, blickten mich verwundert an, und nicht einmal ein spöttisches Lächeln strafte mich. Aber dieser Hochmuth war gerade allein geeignet, mich zu demüthigen; ich schlich mich wieder in meinen Winkel zurück und fühlte, daß ich eine Dummheit begangen hatte. -- Aber Oersteds, meine Freunde, betrachteten es als eine Prophezeihung. Wir glaubten schon damals gegenseitig von einander, daß Jeder von uns in seinem Fache es weiter als bis zu dem Gewöhnlichen bringen würde.

* * * * *

[Sidenote: Lustige Streiche.]

Wenn ich nun im Klub war, und die große Bowle geleert wurde, so füllten die Anderen zuweilen tüchtig mein Glas, weil sie bemerkt hatten, daß meine Schüchternheit und mein Schweigen verschwanden, und daß ich lustig und gesprächig wurde, wenn ich einige Gläser getrunken hatte. Eines Abends auf der Straße, als wir aus dem Klub gingen, beschuldigte mich Einer im Scherz, daß ich einen Rausch hätte. Ich bat gleich die forteilende Schaar, einen Augenblick zu warten und rief: »Meine Herren, hier muß eine Ehrensache entschieden werden, ehe wir weiter gehen. Mein Freund dort beschuldigt mich, betrunken zu sein; um ihm und Euch Allen nun meine Nüchternheit zu beweisen, werde ich an jener Leiter, die dort hängt, auf den Laternenpfahl hinaufklettern und Euch eine Rede halten!«

Es war dem Klubhause schräg gegenüber, auf einem Platze mit Planken eingefaßt, wo die abgebrannte Synagoge gestanden hatte. Ich weiß nicht, ob es Mangel an Geld oder an Gottesfurcht gewesen war, der die Gemeinde gehindert hatte, die Synagoge wieder aufzubauen. Aber so viel ist gewiß, daß daselbst nur ein Plankenwerk mit einem Laternenpfahl stand, an dem sich nicht einmal eine Laterne, wenigstens nicht an diesem Abend, befand. An der senkrecht hängenden Leiter kletterte ich also hinauf und stand oben auf dem kleinen Quadrat des Laternenpfahls, um zu beweisen, daß ich keinen Rausch hatte; ein handgreiflicher Beweis dafür, daß ich gerade einen hatte, denn nüchtern wäre ich bestimmt herabgefallen, wie ein Nachtwandler vom Dache, wenn man seinen Namen ruft. Wie ich nun da oben stand und zur Erbauung der rund umher Versammelten redete, kam der Wächter und fragte: »was ich da zu thun hätte?« -- Ich antwortete ruhig: »»Ich studire Astronomie!«« Nun wollte er Lärm machen; aber meine Zuhörer, unter denen mehrere Offiziere waren, riethen ihm, einen jungen Menschen nicht in seinen Studien zu stören. Er ging seiner Wege, und ich stieg glücklich wieder herunter, ohne mir Hals und Beine zu brechen.

[Sidenote: Der Dichter Pram.]

In Dreyer's Klub machte ich die Bekanntschaft des Dichters =Pram=, eines feurigen Norwegers, voller Geist und Herz, mit großen Talenten, der sich aber mit zu vielen Dingen abgab, als daß er es in irgend einem zur Vollkommenheit hätte bringen können. Er schrieb nicht nur lyrische und epische Gedichte, heroische Dramen und Komödien, Singspiele und prosaische Erzählungen, sondern auch große, statistische Abhandlungen; er war Oekonom im Commerzcollegium, politischer Schriftsteller in der Minerva und opferte viel Zeit finanziellen Berechnungen. In Allem, was er unternahm, sah man den Mann von Kopf; aber da er so rasch arbeitete, hatte er, wie Madame Sevigné (und ich glaube Plinius vor ihr) sagt, nicht Zeit kurz zu sein, sondern drückte sich gewöhnlich weitläufig in schwerfälligen Perioden und Parenthesen aus. Ueberhaupt schien er nicht von der Natur das Talent bekommen zu haben, sich mit Leichtigkeit auszudrücken. In seinem epischen Gedichte Stärkodder stehen besonders die holprigen Verse und die Weitläufigkeiten vielen einzelnen Schönheiten im Lichte. Man reist, wie früher, auf dem Steindamme von Hamburg nach Lübeck. In einigen seiner Theaterstücke und Novellen sind gute Scenen und Stellen, in denen sich die dänische Nationalität mit Humor äußert. Sein Gedicht =Emiliens Quelle= ist mir stets als das hübscheste erschienen.

Dieser vortreffliche Mann kam mir gleich freundlich und vertraulich entgegen. Wir mußten auch Brüderschaft mit einander trinken. Ich habe keinen Menschen gekannt, der einen so hohen Grad von Gutmüthigkeit und Wohlwollen mit einer so aufbrausenden Heftigkeit vereinigt hat. Aber er meinte nichts Böses damit, und wer ihn kannte, betrachtete sein Lärmen, wie das Klappern einer Mühle, während das nährende Korn dabei gemahlen wird. Freilich konnte Der, der den sausenden Flügeln zu nahe stand, zuweilen auf eine tüchtige geistige Ohrfeige rechnen. Er hatte keinen Freund, dem er nicht die Thür gewiesen und mit Prügeln gedroht hätte; und er hatte doch viele Freunde, und war von Jedem, der ihn kannte, herzlich geliebt. Alles Inländische von einigem Werth schätzte er hoch; aber er war, wie die meisten Dichter damals, aus der französischen Schule und tadelte eifrig Göthe und Schiller; Lafontaine und Kotzebue ließ er dagegen gelten, weil sie keine Opposition gegen den französischen Geschmack bildeten. Hat man nicht auch in Paris lange Zeit Kotzebue Göthen vorgezogen? Und Menschenhaß und Reue und die zwei Brüder wurden im _Théâtre français_ gespielt, beweint und beklatscht; eine Ehre, die kaum Göthe zu Theil werden wird.

Ich hatte eine kleine nordische Erzählung, die sich jetzt, durchaus umgearbeitet, in Hroar's Sage befindet: =Erik und Roller=, geschrieben und wollte gern Pram's Urtheil darüber hören. Er bestimmte mir einen Tag zum Vorlesen. Ich kam zur festgesetzten Zeit, fand ihn aber nicht zu Hause. Einige Tage darauf besuchte ich ihn wieder, ohne das Manuscript mitzubringen. Ich begrüßte ihn freundlich und sagte ihm bescheiden und ohne Vorwurf, daß ich vorgestern nach seiner Erlaubniß bei ihm gewesen sei, ihn aber nicht getroffen habe. -- »Was?« rief er aufgebracht, -- »willst Du auf mich sticheln weil ich nicht zu Hause war? Dann geh' wieder und fahr' zur Hölle!« -- Ich bedachte mich einen Moment, was ich antworten sollte. In demselben Augenblick kam das Mädchen herein und stellte eine Tasse Kaffee für ihn auf den Tisch. »»Nein,«« -- antwortete ich nun ruhig, -- »»ich gehe nicht, sondern ich bleibe hier und trinke Kaffee mit Dir!«« -- »Das kannst Du auch!« -- antwortete er gleich wieder freundlich gestimmt, indem er mir die Hand zur Versöhnung reichte; und zum Mädchen sagte er: »Bring' dem Herrn da auch eine Tasse!« So hatte ich auf eine freundliche Weise den guten Pram darauf aufmerksam gemacht, daß er mein Wirth sei, und sich davor hüten müsse, die schöne Pflicht der Gastfreundschaft zu übertreten. Nun waren wir wieder Freunde, aber von der Novelle sprach ich nicht mehr, habe ihm auch nie wieder Etwas von meinen poetischen Producten vorgelesen; dagegen erwies er mir späterhin oft die Ehre, meinen ästhetischen Vorlesungen beizuwohnen.

[Sidenote: Deutsche Schriftsteller in Dänemark.]

Die Tragödien des unsterblichen Schiller setzten alle Kenner in Erstaunen. Bekanntlich waren der Herzog von Augustenburg und Graf Schimmelmann seine Wohlthäter; er sandte ihnen daher stets seine Stücke im Manuscript, ehe sie gedruckt wurden. Man las sie in einem gebildeten Kreise vor und beurtheilte sie, und auf diese Weise hatte Schiller hier in Kopenhagen einige seiner ersten Bewunderer. Aber dies waren Deutsche! Die Dänen fingen erst später an, ihn zu verstehen und zu genießen. Alles muß seine Zeit haben; selbst das Licht bedarf langer Zeit, um seine Strahlen von den Fixsternen zu den Planeten zu senden; und erst jetzt beginnt man ja in Frankreich und England Deutschlands großen Geistern Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen.

Die älteren dänischen Schriftsteller, besonders Thaarup und Pram, konnten Göthe und Schiller nicht leiden. Rahbek mochte damals nur den =ersten= Göthe, wie er ihn nannte, den Verfasser Werther's, Götz' von Berlichingens, Stella's und Clavigo's. Von Schiller liebte er damals nur die Räuber, Fiesco und Cabale und Liebe. Später hat er selbst Wilhelm Meister und mehrere Stücke übersetzt. Baggesen (den wir fürs Erste nicht mehr zu den Dänen rechnen durften) bewunderte Schiller; aber gegen Göthe hatte er einen eingewurzelten Haß, der wohl für den Augenblick gedämpft wurde, aber bald wieder aufs Neue ausbrach; welches sein Faust beweisen kann, wenn er ohne spätere Veränderungen gedruckt wird.

Ein junges Blut wie ich, hatte also genug zu thun, um seine, noch nicht durch philosophische Klarheit befestigten Ansichten im Umgange mit Aelteren zu äußern und zu vertheidigen, deren Gespräche stets seine liebsten Gefühle verletzten. Mit Pram disputirte ich zuweilen, bis er rasend und ich hitzig wurde. -- »Höre,« sagte er einmal, als wir von Schiller sprachen, »wenn ich einem deutschen Unteroffizier sage: Du sollst mir so ein Stück schreiben, wie Wallenstein, und der Schlingel es nicht in vierundzwanzig Stunden thut, so hat er siebenundzwanzig Stockprügel verdient!« Nun brach ich in ein Lachen aus, legte die Hand auf seine Schulter und sagte: »»Lieber Pram, und wenn man Dich todt schlüge, Du könntest nicht eine einzige solche Scene schreiben.«« -- »Das ist, meiner Treu, sehr möglich,« sagte er nun ganz freundlich; »ich habe auch nicht von mir gesprochen.« Er brach auch eigentlich nicht in Zorn gegen Schiller aus, sondern nur gegen mich, den Jüngern, der ihn, den Aeltern, hofmeistern wollte.

Niemals schrieben Pram und Thaarup eine Zeile gegen die großen deutschen Dichter; sie machten nur zuweilen unüberlegt ihrer bösen Laune in Worten Luft. Bedenkt man dagegen, wie unverschämt und einfältig der Holländer Bilderdyck von den großen deutschen Meistern gesprochen hat, so stehen die Dänen im Vergleich zu ihm mit der Palme in der Hand da.

* * * * *

[Sidenote: O. H. Mynster.]

Mein einziger Trost bei all' diesen ästhetischen Anfechtungen waren Mynsters. Diese, von einem ganz anderen Glauben, liebten Göthe und Schiller sehr und waren bereits in das Heiligthum eingetreten, um ihre zartesten Schönheiten zu fühlen.

Hieronymus Mynster hörte mit Geduld meine Verse an, und als Ersatz ließ ich sie ihn corrigiren, es amüsirte ihn und seine Bemerkungen waren größtentheils richtig. -- Wenn ich ihn des Morgens auf dem Friedrichshospital besuchte und er frisirt wurde, wie es damals Gebrauch war, fand ich ihn zuweilen in komischer Unterhaltung mit seinem Friseur, einem ehrlichen Kerl, den er gern mochte, aber doch immer neckte. Oft sagte Mynster =Ihr= zu ihm, bloß weil er wußte, daß der Andere aus honnetter Ambition auch Ihr sagen würde; denn trotz seiner Ehrerbietung vor Mynster glaubte er doch, daß er seiner Ehre solche Repressalien schuldig sei. Zuweilen wollte derselbe Mann wissenschaftliche Kenntnisse verrathen, wo er deren nicht besaß, und das amüsirte Mynster am Meisten. Sie sprachen eines Tages davon, wie viel Grad es in der vorigen Nacht gefroren habe. »Herr Doctor,« fiel nun der Friseur Mynster in's Wort, -- »Grad -- sind das nicht fünfzehn Meilen?« »»Ja, sehr richtig,«« antwortete Mynster ganz ernst.

Er und sein Bruder Jakob, oder wie er ihn nannte, Job, schrieben Beide sehr hübsche Verse, sowohl dänische wie deutsche, in denen immer etwas Originelles und Geschmackvolles war; aber sie ließen Nichts drucken. -- »Oehlenschläger!« sagte Hieronymus eines Tages zu mir, als ich ihn besuchte, »ich habe eine Gespenstergeschichte geschrieben, willst Du sie hören?« -- »»Ja, mit dem größten Vergnügen!«« -- »Nun dann setze Dich! ich will sie Dir vorlesen, sie ist nicht lang, aber erschütternd!« -- »»Lies, bester Freund! ich bin ganz Ohr!«« -- Er las:

»Es war Mitternacht! Der Mond warf sein schwaches Licht auf die Marmorbrücke; die eingehüllte Gestalt mit dem Korbe unter dem Arm konnte nicht weiter gehen. Sie setzte den Korb auf den Rand der Brücke und schaute mit ängstlichem Blick umher, ob Jemand in der Nähe sei. Nur der Mond blickte mitleidig auf das schöne todte Kind« -- --

»Ja, weiter bin ich nicht gekommen,« sagte Mynster ganz phlegmatisch, indem er sich erhob, legte das Blatt fort und ließ mich voller Erwartung mit offenen Augen und Ohren dasitzen. Das machte ihm nun Spaß.

* * * * *

[Sidenote: Der Componist Weyse.]

Wer damals nie meine Erwartung täuschte, wenn ich ihn zu Hause fand, war der Componist =Weyse=. Wir besuchten uns gern und es that uns nur leid, wenn wir uns verfehlten. Eines Tages, als ich ausgegangen war, fand ich mit großen Kreidebuchstaben an die Thür geschrieben:

Oehlenschläger ist nicht zu Hause, Sitzt vielleicht bei einem Schmause. Weh' mir, rief ich, zehnfach Weh'! Erde zittre, Welt vergeh'!

Weyse sprach damals noch meistens deutsch, und es amüsirte ihn, lustige deutsche Knüttelverse zu machen. Sein Humor war sehr angenehm. Er hatte eine alte, taube Haushälterin, der er auf eine komische Weise ins Ohr schrie, wenn er ihr Etwas aufzutragen hatte. Sie schrie wieder ärger als ein Papagey; und dieses entsetzliche Lärmen war oft der Vorläufer zum schönsten Adagio, wenn er sich ans Fortepiano setzte. Seine schöne Melodie zu Thecla's Lied im Wallenstein: »Der Eichwald brauset,« riß mich hin, und ich benutzte sie später im Sct. Hansspiel. Er hatte begonnen, Bretzner's Schlaftrunk zu componiren, spielte mir viele herrlichen Nummern daraus vor, und ich versprach ihm, dasselbe für die dänische Bühne umzuarbeiten.

* * * * *

[Sidenote: Schriftstellerische Versuche.]

In den Stunden, in denen ich nicht Jura studirte oder Latein las, beschäftigte mich besonders die altnordische Mythologie und Geschichte. Ich las Snorro Sturlesön und Saxo Grammaticus, um Stoff zu einer Tragödie oder einem heroischen Drama zu finden. Harald Schönhaar's Geschichte, wo er die Kleinkönige bezwang, um die schöne Gyda zu gewinnen, schien mir vortrefflich dazu geeignet, obgleich es nur Stoff zu einer Reihe von Episoden hätte geben können. Einige solcher Episoden schrieb ich, deren eine, von Herlaug (der sich lebendig begraben läßt, um nicht von Harald besiegt zu werden) selbst fast ein Ganzes ausmachte. Ich zeigte sie Sander. Er lobte, wie gewöhnlich, rieth mir aber auch zugleich, wie gewöhnlich, Nichts drucken zu lassen.

Ganz konnte ich dem Verfassergelüst doch nicht widerstehen. Ich hatte einen Musenalmanach =Siofna= herausgegeben, in dem eine Uebersetzung von Wieland's komischer Erzählung »der Fischer« den größten Theil ausmachte. Ich schrieb sie während eines Nervenfiebers, das auch bald wieder vorüber ging. Von meiner nordischen Erzählung: Erik und Roller hatte ich mehrere Bogen drucken lassen; Anton Wall's: Adelaide und Aimar hatte ich übersetzt; dies gab mir später die Idee zu dem Singspiel: »die Räuberburg.« Göthe's Götz von Berlichingen übersetzte ich auch.

Ich studirte noch etwas Isländisch mit Hülfe von Björner's und Peringskiold's schwedischen Uebersetzungen, wodurch ich auch Schwedisch lernte. Ich las Alf's, Frithjof's, Rolf Krake's und Welent's Saga. Die letztere übersetzte ich.

* * * * *

[Sidenote: Der Alterthumsforscher Arndt.]

Es ist mir öfter begegnet, daß, wenn ich eines literarischen Mitarbeiters bedurfte, er gerade in mein Zimmer trat. So kam diesmal =Arndt=, eine der merkwürdigen Karrikaturen unsrer Zeit, mit schmutzigen Wasserstiefeln, einem groben blauen Ueberrock, und den langen gelben Haaren, die, zwischen den Rock und Ueberrock gesteckt, ihm bis zu den Hüften hinabhingen. Dieser wunderliche Mensch, in Altona geboren, war, so zu sagen, ein Gespenst des Alterthums, und lebte eigentlich gar nicht in der Gegenwart. Doch war er von der Natur ausgegangen und hatte sich zuerst auf die Botanik gelegt; aber bald verdrängten Grabsteine und Runen die Pflanzen und Blumen. Er war ein Antiquar erster Klasse. Alles, was da lebte, blühte, sproßte und kräftig in der Gesellschaft wirkte, verachtete er; nur die vermoderten Ueberreste, nur die dunkeln Sagen der halb oder ganz verschwundenen Sprachen liebte er. Ganz Europa betrachtete er wie eine große Studirstube, in der er zuweilen etwas weit umhergehen mußte, um Citate zu sammeln. So war er einmal hoch oben in Finnmarken, um Runensteine abzuzeichnen, als es ihm plötzlich einfiel, daß es doch wohl am Besten wäre, wenn er nach Venedig hinunterginge, um einige griechische Zeilen von einer Statue abzuschreiben, in denen er etwas Dänisches aus der Zeit der =Wäringer= zu finden glaubte. -- Den Culturzustand und die politischen Institutionen ignorirte er ganz; und wenn er davon sprach, so geschah es nur, um mit Flüchen und Schimpfworten seinem Herzen Luft zu machen. Auf seinen Wanderungen quartirte er sich bei Gutsbesitzern und Predigern ein; er ließ sich von ihnen bewirthen, schlief in ihren Betten, vergalt aber gewöhnlich ihre Gastfreundschaft mit Grobheit und Unverschämtheit. Er glaubte, es sei ihre Pflicht, einem Manne wie ihm, der aus Eifer für das Alte, allen Bequemlichkeiten des Lebens entsagte, zu helfen. Ein Dienstmädchen, das einmal gewagt hatte, seine Stiefeln zu putzen, schalt er heftig aus. »Lasse sie,« sagte er, »ein anderes Mal meine Stiefeln in Frieden, ich brauche das dumme Putzen nicht; wenn meine Stiefeln schmutzig sind, so spüle ich sie in einem Bach rein und damit ist's gut.« -- Oft bekam er Schläge und wurde zur Thüre hinausgeworfen; aber das kümmerte ihn gar nicht. Er hatte keinen Freund, keine Heimath. Alle seine Manuscripte trug er in den Taschen, bis sie ihm zu schwer wurden; dann verbarg er sie, -- nicht in einer Stadt oder bei einem Bekannten; denn für ihn gab es keine Städte und keine Bekannten; sondern in einem Steinhaufen aus dem Felde oder in einer alten Ruine, wo er sie wieder finden konnte.

Dieser seltsame Mann kam gerade zu mir, wie ich über meinen isländischen Sagen studirte; er half mir bei Einem und dem Andern und verschaffte mir einen Begriff von der isländischen Grammatik. Um neuere Poesie kümmerte er sich durchaus nicht; dagegen war ihm jeder Reimbuchstabe, jedes verdrehte Bild bei den alten Skalden heilig; und da er mit den Sitten und dem Wesen der nordischen Heldenzeit vertraut war, lernte ich eine Masse von ihm, und es amüsirte mich, mich mit dem Antiquar in das Dunkel des heidnischen Alterthums, gleich Aladdin mit Noureddin in die unterirdische Höhle nach der wunderbaren Lampe, zu wagen.

* * * * *

[Sidenote: A. S. Oersted wird mein Schwager.]

Ungefähr zur selben Zeit wurde ich durch eine höchst angenehme Nachricht überrascht. Anders Sandöe Oersted, der so oft mit mir nach Friedrichsberg gegangen war, hatte meiner Schwester Bekanntschaft gemacht; und ohne mir ein Wort davon zu sagen, hatten sie sich auf eigne Hand verlobt. Die Hochzeit folgte bald darauf. Er wurde Assessor im Hof- und Stadtgericht, und dies gab unsern gesellschaftlichen Verhältnissen neues Leben. Hätte der gute Oersted damals nur nicht zu sehr, als Folge zu eifriger Studien, gekränkelt. Auch meine Schwester litt oft an den Folgen eines Scharlachfiebers; wenn sie rasch ging, fühlte sie ein eigenthümliches Klopfen in der Brust, vermuthlich eine Venenverstopfung. Doch vermochte dies nicht ihre lebhafte Munterkeit zu schwächen.

* * * * *

[Sidenote: Die Dichterin Frau Koren.]

Damals besuchte uns die Dichterin Frau Koren aus Norwegen mit ihrer Tochter Sara, einem schönen Mädchen von zwölf Jahren, voll nordischen Gefühls, Ernstes und Characters. Der Tod raubte dieses holde Kind wenige Jahre darauf in seiner blühendsten Jugend. Ihre Mutter hatte das schöne Talent, Wohlwollen zu verbreiten, und die Herzen, wo sie hinkam, einer muntern Geselligkeit zu eröffnen. Sie dachte von allen Menschen gut, sie idealisirte sich in ihrer idyllischen Unschuld; und so zwang sie Viele wenigstens auf kurze Zeit besser zu sein, als sie wirklich waren; denn die Menschen sind oft so, wie man sie nimmt. Das wirklich Gute entging niemals ihrer Aufmerksamkeit! Eine solche Frau ist ein Schatz in der Gesellschaft! Die schöne Eintracht, das freundschaftliche Verhältniß, das sie zwischen Männern stiftet, hat wohlthuende Folgen, selbst lange nachdem sie wieder heimgegangen ist. Du folgtest Deiner Sara! Deine kleinen Gedichte werden nicht viel gelesen, aber Du hast ein Band um viele Edle geschlungen, und so lange sie leben, werden sie Deiner liebevoll gedenken!

* * * * *

Es ergriff mich auch, als ich erfuhr, daß mein lieber Lehrer Dickmann sie in frühern Jahren geliebt habe; aber sie war bereits verlobt und folgte treu und ergeben ihrem Koren nach Norwegen. In meinem Zimmer und in meiner Gegenwart sahen sie sich nach vielen Jahren der Trennung zum ersten Male wieder und es war dies auch das letzte Mal.

* * * * *

[Sidenote: Nächtliches Abenteuer.]

Ehe mein Freund =Bull= mit mir zusammen wohnte, hatte ich eine Zeitlang einen andern guten Freund bei mir, den ich nicht vergessen darf. Mit ihm übte ich mich viel im Lateinischen. Wir hatten einander sehr lieb, disputirten aber zuweilen; dann lief er fort und kam wieder, wenn die Hitze vorbei war. Eines Sommerabends bei schönem Mondenschein zankten wir uns, ehe wir zu Bett gingen. Er lief wie gewöhnlich fort. Ich dachte: »Wo will er hin? es ist jetzt zu spät, um wo anders unter Dach zu kommen; er kommt gewiß wieder.« Ich legte mich zu Bett, verschloß die Thür nicht und schlief ruhig ein. Am nächsten Morgen, als ich erwachte, und ihn an meiner Seite zu finden hoffte, war Niemand da. Ich stand auf, setzte mich betrübt an den Theetisch und gerade, wie ich einschenken wollte, trat er vergnügt und munter ins Zimmer. »Guten Morgen, Oehlenschläger!« -- »»Guten Morgen, lieber Freund! wo warst Du denn heute Nacht?«« -- »Ich war auf Friedrichsberg und habe in einem Gartenhause im Südfelde geschlafen. Es war dort ganz charmant. Aber ich hatte einen curiosen Schlafcameraden; ein Stachelschwein schlief in einem Winkel desselben Gartenhauses.« Ich glaubte erst, es sei Satyre, weil ich zuweilen auf ihn stichelte; aber es war vollkommener Ernst. Ich hatte sonst nie von Stachelschweinen im Südfelde sprechen gehört. -- Dieser Freund war ein vortrefflicher Mensch, zuweilen aber hatte er ganz sonderbare Einfälle. Wenn er sich erkältet hatte, pflegte er Kampher in Bier zu thun, dies zu wärmen bis der Kampher zerlaufen war und es so zu trinken. Aber da er fürchtete, daß der Kampher beim Schmelzen verdunste und er dann nur das warme Bier trinken würde, wollte er es ein Mal besser machen und bröckelte den Kampher wie Brot ins Bier und trank dies dann mit den Stücken. Die Folge hiervon war, daß er in der Nacht ganz verstört im Kopfe erwachte. -- Damals schlief er nicht mehr bei mir. -- Sein Zimmergenosse glaubte, er habe den Verstand verloren. Man fuhr ihn in diesem Zustande zum seligen Professor Bang nach dem Hospital hinaus. Auf Königs-Neumarkt glaubte der Freund drei nackte Nymphen in der Neujahrsnacht im Schnee tanzen zu sehen, obgleich es im hohen Sommer war. Als er zum Professor kam, der aus dem Bett geholt wurde, sagte er: »Ach Herr Professor! es begegnet Ihnen heute Nacht ein Zufall mit einem Menschen, dessen Gleichen Sie in ihrem Leben nie gekannt haben.« -- »Ach, lieber gar,« antwortete der alte Bang verdrießlich, weil er in seiner Nachtruhe gestört war; »'s ist ja eine reine Bagatelle, fahren Sie nur nach Hause und schlafen Sie den Rausch aus; morgen ist's vorbei. Und trinken Sie künftig nicht Bier mit Kampher.« Der Doctor hatte Recht; am nächsten Mittag aß der Patient mit uns und hatte einen so guten Appetit, als wenn gar Nichts passirt wäre.

* * * * *

[Sidenote: Erste Bekanntschaft mit Steffens.]

Ein früherer Kaufmann Richter hatte ungefähr zu derselben Zeit eine Restauration auf Königs-Neumarkt etablirt, wo man sehr gutes Beefsteak aß und sehr guten Rothwein trank. Dort saß ich eines Mittags, als mir Jemand leise auf die Schulter klopfte. Ich wandte mich um und sah O. H. Mynster hinter meinem Stuhle mit einem jungen schlanken Manne, der ein schönes Gesicht voller Leben und Geist hatte. »Darf ich Dich,« sagte Mynster zu dem Fremden, »mit einem jungen Manne bekannt machen, der schon mehrere Gedichte herausgegeben hat?« »»Ich habe bereits einige davon gelesen,«« sagte der Fremde höflich. »Du sprichst mit Dr. Steffens,« sagte Mynster. Ich sagte dem Herrn Doctor wieder einige höfliche Worte und er ging mit Mynster fort.

Später erzählte Sander mir, daß Steffens ein eifriger Anhänger, ein wichtiges Mitglied der sogenannten neuen Schule sei und man sich sehr vor ihm in Acht nehmen müsse. Dies nahm ich mir _ad notam_.

Mehrere Abende darauf traf ich ihn in Dreyer's Klub. Er sprach viel, äußerte mit Beredtsamkeit und Kühnheit viel neue Ansichten, wodurch uns die Haare zu Berge stiegen; und wir staunten ebenso sehr, wie der Küster und der Voigt in Erasmus Montanus, wenn dieser beweisen will, daß die Erde rund und der Küster ein Hahn sei. Ich spielte gewissermaßen des Küsters und des Voigts Rollen und »fand in meinem Gewissen,« daß Steffens Unrecht habe; aber ich war ihm in der Disputation nicht gewachsen und meine philosophischen Kenntnisse waren zu schwach, als daß ich mich mit diesem muthigen Kämpen auf das Glatteis hätte wagen sollen. Doch that ich, was ich konnte und war der Einzige von allen Anwesenden, der ihm zu widersprechen wagte. Er behauptete unter Anderm, daß Lessing kein wirklicher Dichter sei, und ich, der Lessing liebte, suchte das Gegentheil auf alle nur mögliche Art zu beweisen. -- Als Steffens gegangen war, lobten meine Glaubensverwandten mich und sagten, daß ich die gute Sache gut vertheidigt habe. -- Ich sagte: »Hört Kinder, Ihr irrt Euch, wenn Ihr glaubt, daß ich immer mit diesem Manne streiten will. Ich fühle es, Steffens und ich wir werden die besten Freunde werden. Mag er auch in Einigem Unrecht haben, aber welche Beredtsamkeit, welche Begeisterung, welches Feuer! welchen Verstand und Witz hat er!« -- Damit waren die Anderen nur wenig zufrieden, ich aber suchte ihn bald auf.

Da er sich wie ein neuer Ansgarius vorgenommen hatte, unsere Schöngeister und Philosophen im Norden vom Irrglauben abzuwenden, so war es ihm wohl auch recht lieb, einen jungen kecken Heiden zu treffen, der ihm für seinen Plan helfen konnte, wenn er selbst erst getauft war. Ich besuchte Steffens. Er wohnte in einem wunderlich alten Saal mit seltsam gemaltem Getäfel; Jakob Böhme's Aurora lag aufgeschlagen auf dem Tische. Er fing mit mir um elf Uhr Vormittags an zu sprechen, und so fuhren wir bis drei Uhr in der Nacht fort, also volle sechszehn Stunden. Indessen aßen wir Beefsteak, tranken Wein bei Richter, gingen nach Friedrichsberg und im Südfelde umher, von dort nach Kopenhagen, wo ich bei Steffens schlief aber im Traum aus dem Bette sprang und lärmte, nachdem ich etwas geschlummert hatte. Den Morgen darauf nach dem Frühstücke ging ich nach Hause, setzte mich gleich hin und schrieb das lyrische Gedicht »=die Goldhörner=,« um Steffens zu beweisen, daß ich ein Dichter sei, worin er nach den »einigen Gedichten, die er bereits gelesen,« noch Zweifel zu setzen schien. Er gestand, daß er nach dem Gedichte was er gesehen, zu schließen, mich sich als einen alten ausgelebten Mann mit Zopf und Perücke gedacht habe. Dies war nämlich das satyrische Gedicht an Apoll, nach alter Form zugeschnitzt, aber doch nicht ohne Salz; ich habe es deßhalb trotzdem später in meine Sammlungen aufgenommen.

Aus der Kunstkammer waren kurz vorher die zwei uralten Trinkhörner gestohlen und von dem Diebe eingeschmolzen worden, so daß sie auf ewig für die Nachwelt verloren gingen. Dieses Ereigniß faßte ich allegorisch auf und erzählte daß die Hörner zum Lohn für treues Alterthumsforschen gefunden, aber wieder von den Göttern fortgenommen seien, weil man keinen Sinn für ihren wahren Werth gehabt und sie nur neugierig wie andere Curiositäten begafft hätte.

»Ei mein Bester,« sagte Steffens, als ich ihm das Gedicht vorgelesen hatte, »Sie sind ja wirklich ein Dichter.« Ich antwortete ihm, daß ich es fast selbst vermuthete. Nun nahm er sich meiner sehr eifrig an, und wir waren von dem Tage an unzertrennlich.

Ich habe Niemand mehr geliebt als Steffens, und er verdiente es, denn er war in hohem Grade liebenswürdig, phantasiereich, verständig und gefühlvoll. Er äußerte keine Ansicht, in der ich nicht in reiferen Jahren etwas Wahres und Schönes gefunden hätte; und waren seine Aeußerungen auch zuweilen übertrieben, so muß man dies theils der Natur der Opposition zuschreiben, welche leicht verleitet wird zu weit zu gehen, theils seiner feurigen Jugend.

Das Erste, wodurch er mein Herz gewann, war seine Ehrerbietung und Liebe für die Poesie; dies äußerte er nicht nur begeistert, sondern deutete und bewies auch mit philosophischer Klarheit den Werth der Poesie.

Ich hatte dies stets gefühlt, aber es war mir noch nie geglückt, die geahnten Wahrheiten in deutliche Begriffe zu fassen. Stets hatte ich mich tief in meinem Herzen gekränkt gefühlt, wenn ich die Poesie von Leuten von Bildung zu einer hübschen Nebensache herabwürdigen hörte, mit der ein Talent sich in seinen Freistunden beschäftigen könne, wenn es erst die besten Kräfte dem Nützlichen geopfert habe. Die Poesie war unnütz, das Nützliche war das Beste; also kam der Kunst ihrer Natur nach ein untergeordneter Rang zu. Die Phantasie, ja selbst das Genie rechnete man zu den niedrigeren Seelenkräften! Zuweilen ließ ich mich von diesen Sophismen blenden, und dann konnte ich in der Einsamkeit darüber weinen, daß die Natur mich zu etwas durchaus Untergeordnetem bestimmt habe. Oft dachte ich: »Es ist doch seltsam! Um die Kunst auszuüben, die doch nur ein Spielwerk im Leben ist, bedarf es seltener Naturgaben; um ein nützlicher Bürger im Staate zu werden, bedarf es nur des Fleißes und des gesunden Menschenverstandes. Und doch ist dieser edler und ehrwürdiger. Wunderbar! Ganz gegen den gewöhnlichen Gang der Dinge. Doch es muß wohl auch so in der Natur sein; der Apfel ist gewiß edler als die Rose, weil man den Apfel essen und die Rose nur riechen kann; und Kartoffeln und Erbsen sind gewiß wieder edler als die Früchte, weil man sich an jenen, nicht aber an diesen satt essen kann.«

Steffens lehrte mich bald das Schiefe dieses Schlusses einsehen, das daher kommt, daß man das Nützliche als das höchste Ziel des Menschen betrachtet und das Nothwendige mit dem Höchsten vermischt. Bald sah ich ein, daß das Nützliche nur eine Bedingung für unsere irdische Natur sei, damit wir als Menschenthiere gesund und bequem leben und gedeihen könnten; aber unser überirdisches Ziel als Menschengeister ist Kenntniß, Genuß und Ausübung des Wahren und Schönen, zu welcher Kenntniß und Ausübung in der höhern Bedeutung wir nur durch Wissenschaft und Kunst gelangen können. Auch hier sah ich bald ein, daß die Ausübung des Schönen nicht der subjectiven Anschauung untergeordnet ist; da gerade das Wahre und Gute darin besteht, daß man das Schöne in allen Verhältnissen der Natur erkennt und ausübt.

Aus diesem Irrglauben des Nützlichen konnte man nun leicht alle Mißgriffe und schiefen Ansichten der Zeit herleiten, z. B. die übertriebene Achtung vor der sogenannten Aufklärung, welche nicht in einer wahren Aufklärung, sondern in einer egoistischen Vergötterung der Zeitansichten bestand; wozu gehörte, Alles zu verachten, was Bezug auf Phantasie und höhere Idee hatte und dem Triviellen und Alltäglichen einen phantastischen Werth beizulegen.

[Sidenote: Die neue Schule.]

Diese Irrthümer hat die neuere Schule gut bekämpft, doch wenn es zur Selbstthätigkeit kam, so verfiel sie oft in entgegengesetzte Uebertreibungen.

Sie hatte vollkommen Recht darin, daß man früher das Poetische und Schöne des Mittelalters weder richtig gekannt noch geschätzt hat. Sehr viel Lob verdienen die Sprachforscher und Dichter der neuern Schule, welche alte Bücher und Bilder aus dem Klosterstaube hervorholten und von ihnen genährt und begeistert, selbst Werke schufen, in denen das Schöne des Mittelalters neugeboren und idealisirt erschien; aber man hatte Unrecht, wenn man Alles im Mittelalter schön fand, blind für alle die Tollheiten und Grausamkeiten der dunkeln Jahrhunderte war und uns einbilden wollte: daß die Zeit seitdem zurückgegangen sei und daß wir nichts Besseres thun könnten als künstlich wieder romantische Barbaren zu werden.

Es war rühmenswerth, daß die Minnelieder und Heldengedichte der Ritterzeit herausgegeben wurden, daß man auf den nationalen Character, das heroische Gepräge, den Wohlklang in der Sprache und die vielen einzelnen schönen Stellen in diesen Gedichten, die nicht besser sein konnten, aufmerksam machte; aber Unrecht war es, unendlich lange Reimchroniken, in denen Monotonie und Wiederholungen herrschten, als vollendete Meisterwerke zu rühmen; während man unbarmherzig und streng gegen alles Neuere war und Vieles in unsrer Zeit, in dem doch viel Schönes war, verkannte und verurtheilte.

Recht und billig war es von den Protestanten, den alten Groll fahren zu lassen und das Schöne selbst in dem katholischen Gottesdienste zu bewundern; denn der Protestantismus war zu weit gegangen, und im Geist der Bilderstürmer protestirte man zuletzt gegen alles Poetische, das sich doch so herrlich mit der Religion verbindet und sie stärkt. Es war nicht mehr die Rede von schönen Kirchen, von Gemälden darin, von einer herzergreifenden, erhebenden Musik, von poetisch rührenden Gesängen des christlichen Alterthums. Ein häßlich melancholischer Geist hatte sich vieler Protestanten bemächtigt. Sie betrachteten das Leben, gleich fanatischen Märtyrern, wie ein Jammerthal, ohne Kraft und Freuden; nur noch mit halb wahnwitzigen Augen starrten sie auf Tod, Grab, Blut, Verwesung, Vernichtung. Die neuere Schule zeigte das Poetische, das =Heiter-Schöne= in dem katholischen Gottesdienste, und daran that sie Recht. Aber sie hatte Unrecht, wenn sie Luther's großen Schritt zur Verbesserung verkannte, wenn sie blind für die Lehren neuerer philosophischer Christen war, und ihre vernünftigen Ansichten thörichte Aufklärungen nannten; wenn sie das Kindisch-Spielende, oft Geschmacklose in den katholischen Ceremonien der einfältig ernsten Größe des geläuterten Christenthums vorzogen; wenn sie einen plumpen Köhlerglauben über Willenskraft und Tugend setzten, die Herzensgüte und milden Gefühle als dumme Sentimentalität ausschalten, und Toleranz oder billige Schonung zu einem Scheltnamen machten, der laue oder schlechte Gleichgültigkeit bezeichnen sollte.

So waren damals die Ansichten der Schule, so glaube ich wenigstens, sie verstanden zu haben. Uebrigens hatte Jeder seine eigenen Ansichten, Steffens auch die seinigen, und sein liebevoller Sinn, sein leicht bewegliches Herz konnten keinen Hang zu Härte und Kälte haben, so wenig, wie sein wissenschaftlicher Blick für die Natur ihn einseitig schwärmen ließ.

Gerade sein poetischer, für jeden Gegenstand offner Sinn, der muntre Witz, mit dem er die Pedanterie und den Eigensinn verspottete, gewannen mein Herz. Er hielt naturphilosophische Vorlesungen, auch Vorlesungen über Goethe's Werke, wodurch ich Vieles in den Gedichten dieses großen Meisters besser verstehen lernte. In mehrere Dinge legte Steffens eine philosophische Bedeutung, in denen ich vorher nur die schöne Darstellung des Wirklichen oder Gedachten bewundert hatte. Ich bin später zu dieser ersten Anschauung zurückgekehrt, und glaube nicht, daß ein wahrer Dichter gewinnt, wenn man seine Poesie in Philosophie übersetzt. Eine Idee, ein Hauptgedanke muß wohl das Ganze zusammenhalten, aber die ideale, geniale Darstellung, Erfindung und Gefühl des schönen individuellen Menschlichen sind und bleiben die Hauptsache der Dichtkunst.

Göthe's Faust, sein philosophischestes Werk, war auch Steffens' Lieblingsgedicht, und er äußerte Vortreffliches darüber. Steffens eigner poetischer Geist zeigte sich bereits hier in einem philosophischen Gewande; und ohne selbst Dichter zu sein, würde er mich wohl auch nicht so ganz gewonnen haben; denn obgleich ich mir Kant's, Fichte's und Schelling's Hauptansichten und Hauptgedanken von meinen philosophischen Freunden in die Volkssprache, d. h. in die Muttersprache übersetzen ließ, und sie auf diese Weise recht gut kannte und begriff, war es mir doch eine Unmöglichkeit, mich selbst durch die terminologischen Systeme der =reinen Vernunft=, der =ästhetischen Urtheilskraft=, der =Wissenschaftslehre= und des =Idealismus= hindurchzuarbeiten. Ich verstand leicht, was ich las; aber ich hatte nicht Geduld genug, um lange in diesen Büchern zu lesen; es ging mir zu langsam, die Form sagte mir nicht zu, und oft schien es mir auch, daß die Verfasser von dem geraden Wege, dem rechten Ziele abwichen, um auf einem langen Umwege zu einem anderen Ziele zu kommen.

* * * * *

[Sidenote: Novalis und Tieck.]

Steffens Lieblingsdichter, =Novalis= und =Tieck=, las ich gern und oft. Wie freute mich Novalis mit seiner schönen, religiösen Sentimentalität, und die Stellen in Heinrich von Ofterdingen, in denen Eltern, Söhne, Natur und Bergmannswesen so lebendig geschildert werden. Auch die »blaue Blume« winkte mir, als ich mich ein paar Jahre lang zu einer gewissen mystischen Schwärmerei hingezogen fühlte. =Tieck= war nun ganz anders! Von Wackenroder und Novalis hat er freilich eine milde Herzlichkeit geerbt, welche sich in dem kunstliebenden Klosterbruder und Sternbald's erstem Theile ausspricht. Aber nach dem Tode jener Freunde pochten Phantasie und Humor auf ihr mitgebornes Recht.

Besonders erquickten mich dieses romantischen Aristophanes »gestiefelter Kater«, seine »verkehrte Welt« und »Zerbino«. Seine Märchen amüsirten mich auch unendlich. Hier gebrauchte er nun freilich oft statt eines: _Deus ex machina_ einen: _Diabolus ex machina_, den er, um die poetische Gerechtigkeit (die er als alte Mode verwarf) zu ärgern, meistens überall triumphiren läßt. Durch diese neu erfundne =poetische Ungerechtigkeit= wirkten seine Märchen noch stärker, als die schönen phantastischen Scherze des Musäus. Und freilich giebt es nur zwei Arten, mit dem Teufel umzugehen: entweder man lacht ihn aus oder man bebt vor ihm. =Hoffmann= hatte später versucht, dieses Lachen und Beben in einem grinsenden Zähneknirschen zu vereinen, das (wenn es nicht zu grimassirt ist) seine Wirkung nicht verfehlt.

Was ich bei Tieck auch sehr liebte, war seine Vorliebe und Kenntniß des Mittelalters, die seinen Schilderungen ein warmes eigenthümliches Colorit giebt. So wie Talma ein echt griechisches Costüm auf der französischen Bühne einführte, so kann man sagen, daß Tieck ein der Ritterzeit würdiges Costüm in die deutsche Poesie brachte, wo man sich bisher mit Veit Weber'schen Plümagen auf den Helmen aus den verschiedensten Zeiten begnügt hatte. Goethe stellte in seinem Götz und seinem Faust die Umrisse von Luther's Zeit dar; Tieck ging bis zur Blüthezeit der Minnesänger und noch weiter zurück. Wie herrliche alte Bilder hat er uns nicht in seinem »getreuen Eckart«, den »Haimonskindern«, der frommen katholischen »Genovefa« gegeben. In seinem »Octavian« sind Clemens und Florens echt komische Charaktere.

* * * * *

[Sidenote: Neue Dichtungen.]

Ich habe bereits erzählt, daß ich vor Steffens' Ankunft in Kopenhagen mehrere Bogen von meinem Erik und Roller hatte drucken lassen. Diese cassirte ich alle, weil ich nun einen andern Geschmack bekommen hatte. Statt also Geld zu verdienen, mußte ich 150 Thaler an Drucklohn und für empfangnes Honorar zurückbezahlen.

Dies war keine Kleinigkeit für einen jungen Mann, der Nichts besaß. Aber mit einem andern Buchhändler, Herrn Brummer, hatte ich ein Uebereinkommen getroffen, daß er einen Band Gedichte von mir herausgeben sollte. Glücklicherweise war hiervon noch Nichts gedruckt. Steffens verwarf, mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten, auch diese ganze Sammlung; aber mein Buchhändler kannte den Inhalt der Sammlung nicht. Ich setzte mich also hin, schrieb ihm in größter Eile statt der verworfnen eine neue Sammlung, die ich ihm zur rechten Zeit lieferte, ohne ihm ein Wort davon zu sagen.

Hier hatte ich viele unserer alten Kämpeweisen zu größeren Romanzen bearbeitet. Ich führte den Ottaverim, so wie später die Terzine, die griechisch-dramatischen Versarten, die nordischen Reimbuchstaben und die Verse aus dem Heldenbuche und dem Niebelungenliede, in die dänische Poesie ein. Die Hauptarbeit in der 1803 herausgekommnen Sammlung war das Sct. Hansspiel, das zwar etwas an Göthe's Fastnachtsspiel und die Tieck'schen Satyren erinnert, aber doch originell ist, theils durch seine eigne Form, theils weil es den Sommerscherz unsres Thiergartens darstellt. Zum Schluß hebt die Dichtung sich zu einer erotisch ernsten Nachtscene, die sich auf eigenthümliche Weise mit dem Ganzen verbindet. Diese Gedichte machten Glück und schafften mir einen Namen unter den dänischen Dichtern.

Aber sie verschafften mir auch manche Feinde, weil Einige, die viele Freunde hatten, sich von den satyrischen Einfällen in dem Sct. Hansspiele getroffen fühlten. Die alte poetische Schule hob sich natürlich gegen die Ansichten der neueren. Man fand den Spott über das Nützliche und die Aufklärung ungerecht, und die Huldigung der alten Phantasieen gefährlich und unvernünftig.

Doch fand ich auch Freunde. Unter Anderen den späteren Probst Holm, der mich immer gern gehabt hatte. Kurz nachdem ich das Sct. Hansspiel geschrieben, eines Tages sehr bescheiden und verlegen in Dreyer's Klub eintrat und mich mit dem Rücken gegen die Wand in einen Winkel stellte, -- sagte Holm lächelnd: »Der steht da, bei Gott, als ob er nicht bis fünf zählen könnte.«

* * * * *

[Sidenote: Baggesen's deutsche Gedichte.]

In dieser Zeit (1803) kamen Baggesen's deutsche Gedichte heraus, unter denen das an Göthe mich in hohem Grade empörte. Meine große Begeisterung für Baggesen, die einer frühern Periode angehörte, war sehr verdunstet. Hieran war nun allerdings zum Theil die neuere romantische Schule schuld, welche mich dahin brachte, mit jugendlicher Einseitigkeit einen großen Theil Dessen zu verwerfen, was mich früher entzückt hatte, und das später wieder, wenn auch nicht gerade mich entzückte, so doch mir sehr gefiel. Aber reifere Jahre, ein klarerer Blick und besserer Geschmack hatten meine Augen auch für Vieles geöffnet, dem gegenüber ich früher blind gewesen war, und so fiel mir zuerst Baggesen's Affectation in die Augen. Diese hatte ich bereits früher einstimmig von allen seinen älteren Freunden und Bekannten tadeln gehört, und hieher paßte eine Anecdote, die Rahbek gern erzählte. Als er als Student bei seinem Vater in der großen Königsstraße in einem Parterrezimmer neben dem Thorwege wohnte, pflegte oft der eine oder der andere gute Freund die Nacht bei ihm zuzubringen, wenn der Freund seinen eignen Hausschlüssel vergessen hatte. Dann wartete er entweder auf Rahbek, der auch spät nach Hause zu kommen pflegte, oder klopfte so lange ans Fenster, bis ihm geöffnet wurde. Zuweilen hatte Rahbek auch seinen Schlüssel vergessen, aber dann pflegte er eine Scheibe einzuschlagen, das Fenster zu öffnen, hineinzusteigen, und, ohne sich weiter um den Zugwind zu kümmern, zu Bett zu gehen. Eines Abends, als Rahbek aus einer lustigen Gesellschaft kam, fand er Baggesen pathetisch melancholisch im Mondschein vor der Hausthür auf- und abschreiten. Rahbek begrüßte ihn, und fragte ihn, ob er bei ihm schlafen wolle. Aber Baggesen antwortete finster: »Ich gehe ins Wasser.« Rahbek schwieg und ging hinein, Baggesen folgte ihm. Rahbek kleidete sich aus, Baggesen ging im Zimmer auf und ab.

»Weißt Du was,« sagte Rahbek, als er unter dem Deckbett lag, und Baggesen noch keine Miene machte, seinem Beispiele zu folgen; »magst Du nun zu Bett oder in's Wasser gehen, jedenfalls sei so gut und lösche das Licht aus, wenn Du gehst!« Er wandte sich um und schlief ruhig ein. Am nächsten Morgen lag Baggesen im süßen Schlummer ihm zur Seite.

[Sidenote: Polemik gegen Baggesen.]

Ich sagte, daß Baggesen's Gedicht an Göthe mich im hohen Grade empörte; dies gab mir Veranlassung zu einigen Satyren gegen ihn, die ich jedoch nur meinen Freunden vorlas. Mehrere Jahre darauf war wieder sein Faust, ein großes Spottgedicht gegen Göthe, die erste Ursache zu seiner Feindschaft gegen mich, weil ich ihm meine Indignation darüber bezeugte, auf diese Weise einen großen Mann zu verhöhnen. Um Göthe's Willen also hatte ich diese vieljährigen Verfolgungen zu ertragen. Nie aber habe ich es diesen wissen lassen; ich mußte es auch viele Jahre hindurch ertragen, daß Göthe mich ignorirte und mich endlich in einigen Briefen an Zelter (die ein Mann, der sich früher mein Freund genannt, und dem ich keinen Strohhalm in den Weg gelegt hatte, Dr. Riemer, kleinlich genug war, herauszugeben) _à la_ Baggesen behandelte. -- In Baggesen's gröbster Periode gegen mich, rächte ich mich nicht dadurch, daß ich diese Gedichte drucken ließ. Ich fürchtete, daß man glauben würde, ich hätte sie geschrieben, um mich zu rächen, da sie doch nur aus Liebe zu einem großen Dichter und aus Mißbilligung gegen Baggesen's Wesen, mir persönlich aber durchaus fremd entstanden waren.

Nun, da er todt ist, da ich meine Lebensbeschreibung vervollständige, in der mein Verhältniß zu Baggesen ein wichtiges Capitel ausmacht, das die Leser der Nachwelt interessiren kann, und da man einen großen Theil seiner schlimmsten Angriffe gegen mich in seinen Werken hat drucken lassen, ist es nöthig, daß die Wirkung dieses Giftes durch ein Gegengift neutralisirt werde.

Man wird übrigens sehen, daß diese Arbeiten, in den Jünglingsjahren geschrieben, weit mehr übermüthig, als giftig sind. Nicht Baggesen's Humor und Witz, seine augenblickliche Grazie, seine sinnreichen Einfälle und seine brillante Phantasie sind darin angegriffen; sondern er wird als =Geschmacksrichter= und als =sublimer= Dichter behandelt.

=An Baggesen.= (Als er Göthe heruntergerissen hatte.)

In Corsöer auferzogen, Kamst Du zur Stadt geflogen, Du warst ein muntres Kind. Wie Holberg Wessel färbte, So dieser Dir vererbte Die Farbe ganz geschwind. Mit Kallundborg, Corsöer Du Hast leer die Mus' gemacht; Doch hast zu großer Ehr' Du Es durch dies Werk gebracht.

Dann satt den fränk'schen Wust -- Schriebst »Holger« Du mit Lust, -- Nicht allzu dänisch just; Ich hörte gar vermuthen Daß »Erik« auch »dem Guten« Ganz fehlt die dän'sche Brust. Den Ersten parodirt man, -- Das war ein bitt'rer Trank, Den Zweiten pardonnirt man, Weil gut war der Gesang.

Zu Zeiten Thränen rinnen, Wir Stellen lieb gewinnen, Wo's viel des Wassers giebt. -- Ja, ich gesteh's mit Schmerze, Dich, guter Mann, mein Herze Hat einstens sehr geliebt. Mußt' Deine Triller schlagen, Ich summte Deinen Sang, Doch vom Verstand zu sagen -- Der war kaum Ellen lang. --

Oft möchte man entweichen Nach Sirius' fernen Reichen Und zu den Sonnen weit; Man liebt die Eminenzen, Das sind Reminiscenzen Noch aus der Kinderzeit. Sah ich Dich aufwärts fliegen, Da dacht' ich: Gott der Welt, Wie hoch ist der gestiegen, Ohn' daß er niederfällt?

Du schenkt'st mir Deine Leyer, Als Zucker, Rum und Eier Die Herzen uns erweicht. Ich klimperte so schüchtern -- Doch bald ward mir's zu nüchtern, Bald ward es mir zu seicht. Der Herr zu meinem Glücke Schenkt' mir Barmherzigkeit, Er öffnet' mir die Blicke, -- Ich warf die Lyra weit.

Das konnt'st Du nicht vertragen, Die Gab', hört' ich Dich sagen, Hätt' schlecht ich angewandt. Wie Götz von Berlichingen Hätt' ich mit ihrem Klingen Dir fast sie heimgesandt, Gleich ihm gesagt: »Im Leben Hast Du mich nicht gekannt; Drum will zurück ich geben, Die Du mir gabst, die Hand.«

Doch dacht' ich, alle Teufel, Der Mann hat ohne Zweifel Doch sicherlich Talent. Er geht als Scheerenschleifer Umher mit vielem Eifer Und singt dann excellent. Doch wie den Schmerz ich tödte, Als ich die Wund' vergaß -- Sah ich Dein Lied an Göthe Und staunte, da ich's las.

Was? =Er= singt »für den Pöbel«? Solch wurmzerfress'nes Möbel Wagt an den Helden sich? Du, =Jens= für Weib und Dirne, Tief in den Staub die Stirne Vor Göthe, paßt für Dich, Der gleich dem Fisch sich windet Im salz'gen Thränenmeer! Jens Baggesen verschwindet! Jens lebt jetzt gar nicht mehr!

Da sah in einem Zimmer So fern vom Tagesschimmer Ich eine Frau allein. Sie konnte nicht vertragen Des Morgens schönes Tagen, Und nicht den Sonnenschein. Mit ihrem Blick, dem matten, Und ohne Lebensspur Saß sie im dunkeln Schatten Und liebt das Dämmern nur.

Da schwand mein ganzes Grollen. Gott möge helfen wollen! So sehr beklagt ich dies. Laßt ihn in Frankreich bleiben Und deutsche Lieder schreiben Auf Holstein'sch in Paris. Denn schon als kleiner Schlingel Hast Du vor Freud' gelacht, Aß'st Du »Pariser Kringel«, Die hier zu Haus gemacht!

* * * * *

=An Baggesen= (1804).

Als lust'ger Slaglosianischer Student Warst Du excellent, Und wirklich ein kom'scher Scribent. Da fielst Du -- Gott helf' in der Noth -- In Vierländ'schen Koth. Strecktest aus dem Mist empor die Glieder, Wolltest Etwas und vergaß'st es wieder; Nanntest Voß, Virgil, Racine -- -- Gott schütz' ihn! -- Um Dich nun aus dem Schlamm herauszuwälzen, Klopstockst Du umher auf Stelzen; Dünkst Dich 'nen Homer von Profession, Statt, lieber Mann, Was Du bist, was man Dir lassen kann, Einen lust'gen Patron! Schreib vom Jeppe doch immer! Homer wirst Du nimmer. Soll wieder blühen des Alterthums Kranz In seinem vollen Glanz Da bedarf's mehr, als der Plaisanterie, Des Decorums und Kant'scher Philosophie.

* * * * *

[Sidenote: Satyre gegen Pavels.]

Ein älterer, etwas einseitiger Literatus, übrigens ein guter, einsichtsvoller Mann, und früher und später mein Freund, =Pavels= (als Bischof von Bergen gestorben) schrieb eine harte, und nach der Ansicht der meisten Sachverständigen, schiefe Kritik über meine Gedichte. Ich rächte mich wider meine Gewohnheit durch eine Satyre, die ich hier mittheile, insofern sie das Verhältniß schildert, wie ich als kämpfender, aufbrausender Jüngling zu den anders denkenden Dichtern und Literatoren jener Zeit stand.

Daß in den Liedern Du die Spur Nicht fand'st von Mythen der Natur, Das kann ich allenfalls begreifen. Auch will ich die Erklärung sparen, Denn möcht' ich Dir's auch offenbaren, Es würd' für Dich an's Myst'sche streifen.

Daß Shakespeare, voll Verstand, doch »keinen Geschmack gezeigt«, -- das will ich meinen; Nie schrieb er solche Recension! Nicht =der= Geschmack würd' ihm behagen, Schmeckt er ihn jetzt in unsern Tagen, Der ungehobelte Patron.

Du Göthe prüf'st mit krit'schem Stahl, Und nennst ihn tadelnd sent'mental. Er braucht den Rath! Ich bill'ge das! Das fällt, mir scheint's, mit dem zusammen, Als spräch' das Wasser zu den Flammen: »Mein Herr! Sie sind doch gar zu naß!«

Du sagst, daß ich Homer verachte, Wenn Das, was ich in Verse brachte, Ihn nicht copirte affectirt. Du willst nicht, daß ein Band sich bilde Um Nordens Kraft und Südens Milde, -- Das hat mich wenig nur gerührt.

Dem wahren Dichter ward's gegeben Zu sehn Natur, zu schaun das Leben In Glanz und aller Herrlichkeit; Gott, dessen Blick das All durchdringet, Sein Wort im Ton der Harfe klinget Mit mächt'gem Strom durch alle Zeit.

Ein Leben, wie's dem Geist entstammet Sollst Du erschaffen, daß es flammet In einem ew'gen, reinen Glanz. Das ist das Ziel, das ich erkenne, Das ist es, was ich Dichten nenne, Durch das erwirbt man Daphne's Kranz.

Zur Waffe für die schwache Lyra Ruht Persiflage und Satira Tief in des kecken Dichters Brust. Stets Hindernisse ihn umringen, Er muß die scharfe Geißel schwingen; Glaubst Du, er schwinge sie mit Lust?

Du siehst im Sturm die Rose stehen, Und feuchte Nebel sie umwehen, Drum lenkt man ab des Wassers Gang; Wenn wuchernd Unkraut sich verbreitet, Und zarten Blüthen Tod bereitet, Dann tönt der scharfen Sichel Klang.

Ein zufälliger Umstand machte vielleicht das Verhältniß zwischen Pavels und mir unangenehmer für ihn, als ich es wünschte. Aber ich konnte Nichts dafür. Wir wohnten nämlich während dieses Sommers in demselben Hause in der Friedrichsberger Allee. Ich begegnete ihm oft, grüßte ihn stets, er grüßte wieder; aber solch' formelle Höflichkeiten schaden mehr, als sie nützen, wo das Wesentliche fehlt.

Die Hiebe, die ich Pavels in diesem Gedichte gegeben hatte, fanden in meiner Jugend keine hinreichende Entschuldigung bei Denen, welche sie trafen. Es machte das Uebel nur größer, und bald fühlte ich, daß ich nicht länger in gesellschaftlicher Beziehung zu den Anhängern der alten Schule stehen könne. In der dramatischen Gesellschaft bekam ich gar keine Rollen mehr und meldete mich nach einigen Unannehmlichkeiten als ausgetreten.

Rahbek, der gern bei solchen Gelegenheiten _juste milieu_ halten wollte, und deßhalb zuweilen -- (nach einer Redensart des Marqueurs in Dreyer's Klub) »weder parteiisch noch unparteiisch« war, sagte recht treffend, als man ihn nach seiner Meinung über das Gedicht fragte: »Es kommt mir vor, als ob Oehlenschläger versucht hätte, witzig und malitiös zu sein, und Keins von Beiden ist ihm geglückt.«

* * * * *

[Sidenote: Unangenehmer Vorfall.]

In Dreyer's Klub saßen eines Tages bei einem Festmahle Hans Christian Oersted und ich zusammen. Es wurden mehrere neue Lieder gesungen: unter anderen eins von einem guten Prediger aber keinem Dichter. Als das Lied gesungen war, sah mir mein _vis à vis_ starr in die Augen und sagte: »Das war eine schöne Melodie!« -- »»Ja,«« entgegnete ich, »»sehr hübsch.«« -- »Es war auch ein sehr schönes Lied!« -- »»O ja!«« antwortete ich höflich. »Ja« rief er heftig, »es ist freilich keins von diesen neumodischen Gedichten, die jetzt gemacht werden und mir vollständiger Mist zu sein scheinen; aber was verstehe ich davon?« -- Kalt antwortete ich: »»Es kann kein Mensch verlangen, daß Sie etwas von Poesie verstehen sollen: Alles, was man fordern kann, ist, daß ein alter Mann sich nicht wie ein Knabe beträgt!«« -- Der heftige Mann sprang nun vom Tische auf und rief laut: »Hiermit lasse ich die Gesellschaft wissen, daß Herr Oehlenschläger mich einen Knaben gescholten hat!«

Es entstand nun ein großer Lärm und Viele glaubten gleich ungehört, daß ich Unrecht hätte. Um nicht das Vergnügen der Gesellschaft zu stören, und da ich nicht einsah, wie dieser Streit auf eine würdige Weise ausgeglichen werden könne, da ich außerdem auch fürchten mußte, daß ähnliche Scenen wieder Statt finden könnten, erzählte ich kurz und gut den Umherstehenden den Zusammenhang, verbeugte mich und sagte: »Ich melde mich als aus der Gesellschaft ausgetreten!« -- »Und ich auch!« rief mein treuer Hans Christian Oersted, der Alles mit angehört hatte und sehr entrüstet darüber war. Wir gingen nun Beide fort. Hierdurch gewann meine Sache in der öffentlichen Meinung und mein Austritt glich mehr einem Siege als einer Flucht.

Ich habe diese Scene nach dem Verlaufe von 46 Jahren, durchaus nicht aus Groll gegen einen Mann erzählt, der mir weder früher noch später jemals feindlich entgegengetreten ist, eben so wenig, wie ich ihm; ich weiß, wie leicht ein unüberlegtes Wort dem Munde entschlüpfen kann! Ich erzähle es nur, weil die Ursache zu einer solchen, öffentlich bekannt gewordenen Begebenheit mit zu meinem Leben gehört, und weil dieser Zug zur Characteristik der damaligen Zeit beiträgt.

* * * * *

[Sidenote: Zusammenleben mit Rahbek.]

Von dieser Zeit an lebte ich eingezogener in meinem häuslichen Kreise, besonders bei Rahbeks und Oersteds. Frau Rahbek war stets liebenswürdig und interessant und doch durchaus verschieden von meiner Schwester Sophie. Steffens kam oft und gern in beide Häuser. Unser Verhältniß zu Rahbek war eigenthümlich. Er war unser Beider erster Geschmacksbildner gewesen, und noch jetzt stand er als Haupt- und Wortführer an der Spitze der Schule, die wir bekämpften. Und doch blieben wir recht gute Freunde; denn Rahbek ließ auch uns etwas gelten und sprach in seinem Blatte oft vermittelnd gegen allzu große Einseitigkeit; freilich lobte er viel, was uns nicht gefiel, und wir äußerten Manches, das ganz gegen seinen Glauben stritt; aber er war im Ganzen eben so tolerant, wie eigensinnig. Disputiren mochte er nicht; er wußte sich stets mit Beispielen und witzigen Einfällen aus der Sache zu ziehen. Wenn wir unsere Ansichten aussprachen, schwieg er, und blickte durch das Fenster, wo er eine schöne Aussicht über den See nach Amager hin hatte; wurden wir allzu begeistert, so ging er in sein Studirzimmer, wo seine Kanarienvögel frei über den Büchern umherflatterten. Er hatte eine große Vorliebe für alle seine Hausthiere. Ein Taubenschlag war vollgepfropft mit Tauben, weil er es nicht duldete, daß eine von ihnen geschlachtet wurde. Eine alte Gans ging in späteren Zeiten auf dem Hofe umher, die fast dumm vor Alter geworden war, und Leute in die Beine beißen wollte. Ja, diese Liebe, das Alte unverändert zu bewahren, erstreckte sich sogar bis auf den Garten und die Pflanzen. Einige Stachelbeerbüsche wollte er durchaus nicht beschneiden lassen; die Folge davon war, daß sie ihm über den Kopf wuchsen, endlich keine Früchte, ja sogar keine Blätter mehr trugen und zuletzt nur Dornen übrig behielten, mit denen sie ihn rissen, wenn er in ihren Labyrinthen umherschwärmte. In das Südfeld, einige Schritte von seinem Hause, setzte er nie seinen Fuß. Wenn er nun in seinem Zimmer bis zur Eßzeit gearbeitet und seinen Schnaps »Brenndarium,« wie er es nannte -- getrunken, und etwas in die falsche Kehle bekommen und er darauf gehustet hatte, -- so wurde er aufgeräumt, und das Gespräch nahm dann gewöhnlich statt einer philosophischen und lyrischen eine epische Wendung. Er erzählte uns dann gern Anecdoten und Characterzüge aus einer ältern Zeit; und bei dieser Gelegenheit bewunderten wir ebenso sehr sein Gedächtniß für Tauf- und Zunamen, für Straßen, Gassen, Jahreszahlen und Monate, wie den Witz und Humor mit dem er erzählte. Besonders amüsirte es mich, Etwas von ihm über Ewald und Wessel zu hören. Wie Jener, wenn er Abends mit einem Rausch nach Hause ging, mit seinem gezogenen Degen auf das Pflaster schlug, so daß die Funken ihm um die Ohren sprühten und rief: »Nun grassirt der Poet Eward,« denn den Buchstaben L konnte er nicht im nüchternen Zustande, geschweige denn, wenn er betrunken war, aussprechen. -- Wie Rahbek einmal als junger Mann ihm bescheidne Complimente gemacht, und wie Ewald ihn aufgemuntert und gesagt hatte: »Lobe mich nur Gevatter, ich mag das gern hören;« wie Ewald endlich, als er krank und bettlägerig war, und der Doctor ihm Punsch verboten und Thee verordnet hatte, Punsch aus einer Theekanne in die Tasse goß, um den Doctor und sich selbst zu betrügen.

[Sidenote: Anecdoten von Wessel.]

Von Wessel hörten wir: wie er an einem warmen Sommernachmittag verstimmt und niedergeschlagen an einem Seiler vorbei ging, der fürchterlich von der Hitze litt, weil er zwei Hemden anhatte. Der Seiler behauptete eifrig, daß Nichts in der Welt den Menschen so in Hitze bringen könnte, wie zwei Hemden. »Was meint er denn von dreien?« fragte Wessel. -- Ein Freund besuchte ihn und fand zwei Bücher auf der Commode seiner Frau. »Potztausend, Wessel,« fragte der Freund lustig, »sind das alles Deine Bücher?« »»Nein,«« antwortete Wessel, »»nein, die meisten davon sind geliehen.«« Ein vermögender Mann lud ihn ein, Punsch bei ihm zu trinken; er habe einen vortrefflichen Rum bekommen. -- »Lieber Freund,« sagte Wessel, »schicke mir lieber ein paar Flaschen Rum nach Hause, ich trinke ihn am liebsten =trocken=.« -- Er wohnte eines Sommers auf der Westerbrücke in der sogenannten Galgenmühle. »Besuche mich einmal, Du!« sagte er zum Schauspieler Saabye, »ich wohne dort in der schönen Natur.« Saabye kam, fand ihn aber nicht zu Hause; er war auf das Feld hinausgegangen. Dort stand das Hochgericht, das seit langer Zeit nicht benutzt war; und unter dem früher erwähnten, gemauerten Galgen, dem einzigen schattigen Ort auf dem Felde, lag Wessel und las in einem Buche, mitten in der schönen Natur!

»Nein Wessel!« sagte 'mal ein Freund zu ihm, »Du mußt doch versuchen, Dein Glück zu machen; Du mußt Minister Guldberg besuchen. Er ist selbst ein gelehrter Mann, ein tüchtiger Kopf und wird gewiß Etwas für Dich thun.«

»»Das geht unmöglich,«« antwortete Wessel. -- »Weßhalb?« -- »»Ich habe keine Perücke.«« -- »Die will ich Dir geben!« -- »»Ich habe auch keine Hosen.«« -- »Ich will Dir ein Paar hübsche schwarzseidene Beinkleider leihen!« Er ging zu Guldberg. Der Minister fragte: »Wer sind Sie?« -- »»Ich heiße Wessel.«« Guldberg weiß noch nicht recht Bescheid. Wessel glaubt, die Perücke mache ihn unkenntlich, er nimmt sie ab, und steckt sie in die Tasche. Nun erkennt Guldberg ihn und fragt, womit er ihm dienen könne? -- »»Ew. Excellenz, es müßte ein Amt sein, wo Viel zu verdienen und Wenig zu thun ist; denn dazu fühle ich mich besonders disponirt.«« -- Guldberg weiß noch nicht recht, wie er dies verstehen solle, dreht verlegen seine Dose in der Hand und wiederholt die Frage, womit er ihm dienen könne? »»Nun,«« sagt Wessel, »»dann geben Sie mir eine Prise Taback, Gevatter!«« Die bekam er, verbeugte sich und ging seiner Wege.

Vermuthlich wollte Wessel kein Amt haben. Er meinte, daß er, als ein ausgezeichneter Dichter, der dem Vaterlande Freude und Ehre bereite, eine kleine Pension verdiene. Aber so weit war man damals noch nicht gekommen, daß man glaubte, ein guter Dichter verdiene den Lebensunterhalt als Dichter. Kann man es ihnen dann verdenken, wenn sie ihre Zuflucht zu Bacchus nahmen, um in seinen Nebelwolken eine Welt zu vergessen, die sie verschmähte?

Doch muß man auch der Wahrheit gemäß gestehen, daß Ewald und Wessel zu wenig für sich selbst arbeiteten, und sich in einem gewissen Müßiggange, und einem unordentlichen Leben gefielen, das sie zuletzt zum Abgrunde führte. Ein eigenthümlicher Gegensatz zu diesen zwei Genies, sowohl in des Wortes guter, wie schlechter Bedeutung, war Holberg; dieser hatte sehr fleißig, sehr ordentlich, sehr mäßig und fast geizig als Junggeselle gelebt; so daß er sich endlich für das durch seine Schriften erworbene Vermögen eine Baronie kaufen konnte, die er dann wieder dem Vaterlande schenkte. Auch Tullin war ein Gegensatz zu ihnen.

Aehnliche Anecdoten konnte Rahbek bis in die Unendlichkeit hinein erzählen. Auch hörten wir ihn gern uns von seiner Reise nach Deutschland berichten; wie er nur von Theater zu Theater zog, nur mit Schauspielern und Theaterdichtern umging und sich in der Diligence in einen dunkeln Winkel setzte, um auf den Landstraßen durch Naturschönheiten und Aussichten nicht in seinen Kunsterinnerungen gestört zu werden. Musik, Malerei und Bildhauerkunst hatten für ihn nur wenig Anziehungskraft, aber desto mehr gab er sich mit der scenischen Darstellung der Charaktere ab. In der alten und neuen Literatur war er sehr gut bewandert; in literarischer Bildung stand er mit Ausnahme von Baggesen, über allen Dichtern seiner Zeit; und trotz seiner Eigenheiten war er doch der billigstdenkende von ihnen Allen.

[Sidenote: Camma Rahbek.]

Seine Frau, wenngleich viel jünger als er, liebte ihn innig; und trotz aller ihrer Talente hatte sie sich doch daran gewöhnt, blind an seinen Geschmack zu glauben. Dies fanden wir nun recht hübsch, doch suchten wir sie zuweilen in ihrem Glauben wankend zu machen. Glücklicher Weise hatte sie einen Character, der sich recht für ihre Stellung eignete. Sie sprach selten von Poesie. Sie hatte ein edles Herz, eine rasche Auffassungsgabe, ein gutes Gedächtniß, einen außerordentlichen Witz, die größte Leichtigkeit mechanische Schwierigkeiten zu überwinden; aber Phantasie und Tiefe, um lange bei =einer= Vorstellung zu verweilen, fehlten ihr. Witz und Humor herrschten stets mit erstaunlicher Lebendigkeit in ihrem Geiste vor. Wenn sie ernst war, war sie gewöhnlich niedergeschlagen. Bücher las sie meist der Sprachen wegen. Sie verstand gut deutsch, französisch, englisch, italienisch, spanisch, und in späteren Jahren sogar Latein und etwas Griechisch; aber man hörte sie selten eine fremde Sprache reden. Geschmack für das Schöne zeigte sie hauptsächlich in der Malerei (sie zeichnete selbst hübsch) und in der Gartenkunst. Sie war eine vortreffliche Gärtnerin, und saß -- obgleich kränklich -- auf Bakkehuset wie eine Flora oder Pomona; herrliche Blumenbeete lächelten bunt in dem feinsten, frischesten Gras; schwere herabhängende Trauben rankten sich um ihre Fenster, und im Zimmer blühten Witz und Humor noch schöner von ihren Lippen. -- Sie hörte also auf Steffens und mich mit schelmischer Aufmerksamkeit; Manchem gab sie ihre Beistimmung, Manches ließ sie dahingestellt, und nie griff sie unsere Truppen mit der Infanterie der Gründe oder der Gegenbeweise an. Aber wenn wir uns zuweilen selbst widersprachen, oder wenn sich eine Lücke, ein Wirrwarr im Gedankengang zeigte, dann konnte kein Mürat mit seiner Cavalerie rascher und tapferer einhauen als sie mit ihren beflügelten Witzen uns in die Flanken fiel, und ein entsetzliches Blutbad unter allen unseren Behauptungen anrichtete, wobei wir ihr selbst mit lautem Lachen halfen, wenn einmal das Terrain geräumt war. Zuweilen amüsirte es sie doch, Steffens und mich ein wenig zur Vergeltung zu necken, wenn wir Etwas gesagt hatten, das Rahbek nicht mochte. Einmal disputirte sie mit mir über Göthe's kleines hübsches Gedicht: »Ein Veilchen auf der Wiese stand.« Sie behauptete, daß es überspannt phantastisch sei. In demselben Augenblick kam Rahbek: »Nicht wahr, Rahbek, Du bist derselben Meinung?« Rahbek rieb sich die Hände, schwieg und blickte zum Fenster hinaus nach Amager hinüber. -- Später, als ich ein Mal in seinen Gedichten blätterte, fand ich, daß er dies selbst übersetzt hatte.

* * * * *

[Sidenote: Meine Schwester Sophie.]

Meine Schwester Sophie war nun ganz anders, doch glich sie Camma in vielen Dingen; sie war eben so witzig, geistvoll und lebendig; aber sie hatte nicht die Lust zu den Sprachen und die mechanische Fertigkeit, wie Camma. Diese hatte außerordentlich viel gelernt, Sophie sehr wenig; aber mit ungewöhnlicher Schnelligkeit verstand sie doch bald, sich das Nothwendigste zu erwerben. Sie fing an, Götz von Berlichingen deutsch zu lesen, als sie kaum noch das zweite Wort verstand; als sie aber damit fertig war, verstand sie das Meiste ganz gut. Sie war sehr poetisch; sie war vertraut mit der stillen Freude der Wehmuth und ihre leicht geweckten Gefühle exaltirten sie zuweilen zu sehr. Nie lernte sie eine andere fremde Sprache, als deutsch, und auch diese konnte sie nicht grammatikalisch. Aber da sie täglich mit Deutschen umging, so sprach sie vortrefflich, das heißt, im Geist der Sprache mit allen Idiotismen und Wendungen; obgleich wir sämmtlichen Dänen nicht vermeiden konnten, zuweilen kleine Fehler zu machen. Sie kleidete sich mit Geschmack, nähte selbst Alles, was sie brauchte, putzte sich gern (sie war von hübscher Figur) und ging gern spazieren. Frau Rahbek saß entweder zu Hause oder machte in späteren Jahren Reisen auf dem Dampfschiffe nach Hamburg. Fremde Gesellschaft liebte weder sie noch Sophie; dagegen kamen täglich einige gute Freunde zu ihnen. Meine Schwester war sehr häuslich, hielt nur ein Mädchen und fegte selbst ihre Stuben aus, was man, ihren weißen Händen nach zu urtheilen, nicht geglaubt haben würde. Sie hatte in ihrer Kindheit viel an Blattern gelitten, doch waren die Narben ziemlich verwachsen; sie hatte rothe Wangen und große, freundliche, lebendige Augen. Camma Rahbek war mager; ihre schönen, großen, blauen Augen sahen, wenn sie ernst war, etwas melancholisch aus; aber kaum bekam sie einen lustigen Einfall, so funkelten sie mit seltner Lebhaftigkeit.

* * * * *

[Sidenote: Literarische Wirksamkeit.]

Bei meiner Schwester, die eine Zeitlang auf der Weststraße, so wie ich, aber in einem andern Hause wohnte, hatte ich mein förmliches Standquartier und dort las ich ihr und Oersteds fast jeden Abend vor. -- Die Werke, die wir damals zusammen genossen, und über die wir dann sprachen und urtheilten, waren: Voß, Homer, Tieck's Don Quixote, Schlegel's Shakespeare und Calderon's, Göthe's, Schiller's, Tieck's und Novalis' Werke.

Steffens reiste im ersten Jahre unserer Bekanntschaft als Geognost nach Norwegen. Ich dichtete in diesen paar Jahren Viel. Erst arbeitete ich den Schlaftrunk für Weyse um. Der phantastische Humor in Shakespeare's Werken hatte mich begeistert, und ich fühlte mich mit einer solchen dramatischen Munterkeit geistig verwandt. Ich fühlte, was später Jean Paul so herrlich in seiner Aesthetik ausgesprochen hat: daß auch Shakespeare's humoristische Charactere allgemein, symbolisch und nur unter dem Wulst und den Ausstopfungen des Humors verborgen sind. »Der Scherz fehlt uns blos aus Mangel an Ernste,« -- sagt Jean Paul; -- »an dessen Stelle trat der Gleichmacher aller Dinge, der Witz, welcher Tugend und Laster auslacht und aufhebt. Der freie Scherz wird da nur gefesselte Anspielung. Aber der Humor ist das =umgekehrte Erhabene=. Der gemeine Satiriker mag auf seinen Reisen oder in seinen Recensionen ein Paar wahre Geschmacklosigkeiten und sonstige Verstöße aufgreifen und an seinen Pranger befestigen, um sie mit einigen gesalzenen Einfällen zu bewerfen statt mit faulen Eiern; aber der Humorist nimmt fast lieber die einzelne Thorheit in Schutz, den Schergen des Prangers aber sammt allen Zuschauern in Haft, weil nicht die bürgerliche Thorheit, sondern die menschliche, d. h. das Allgemeine sein Inneres bewegt. Der Humorist erwärmt, der Persiflirende erkältet die Seele. Aber zu solchem Lebenshumor ist jetzt weniger unser Geschmack zu fein als unser Gemüth zu schlecht.«

Mit diesem Gefühle arbeitete ich Bretzner's »=Schlaftrunk=« um. Der Humor und fast alle Einfälle im Dialoge, durch welche die Gestalten dieses Singspiels poetische Persönlichkeit gewinnen, gehören mir, ob sich gleich gut auf Bretzner's munterm Grunde bauen ließ. Dieses Stück ließ Weyse neun Jahre lang liegen, nachdem er etwas über die Hälfte componirt hatte; nach Verlauf von zehn Jahren vollendete er seine Arbeit. Wie schön und reizend die Musik ist, wissen die meisten Kopenhagener; wer es aber nicht weiß, dem wird es schwer fallen, die Zusammensetzung zu bemerken. Der Zwischenraum der neun Jahre fällt zwischen Charlottens Arie: »Ihr der Liebe goldnen Tage,« und dem Quartett: »Ob nicht alle unsre Thränen« im zweiten Akt. Wie Frydendahl in einer Reihe von zwanzig Jahren das Publikum als Brausse und erst Knudsen, später Ryge als Saft amüsirt haben, darüber ist nur Eine Stimme.

Da ich mich bei der Umarbeitung des Schlaftrunkes etwas in dieser Dichtungsart geübt hatte und der Concertmeister Schall mich bat, ein Singstück zu schreiben, das er componiren könne, dichtete ich »=Freia's Altar=,« welches muntere harmlose Lustspiel stets ein tragisches Schicksal gehabt hat, wenn es aufgeführt werden sollte. Der Oberhofmarschall, dem ich es vorlas, lachte unaufhörlich dabei und fürchtete, daß es allzukomisch sei. Die Theatercensoren verwarfen das Stück. Freia's Altar wurde gedruckt und machte außerordentliches Glück bei Jungen und Alten. Das Stück wurde oft in Gesellschaften vorgelesen und zum größten Vergnügen auf vielen Privattheatern zum Benefiz der Armen gespielt. Aber als ich es einige Jahre darauf wieder auf die Bühne bringen wollte, entstand ein großer literarischer Lärm, der zu unangenehm und langweilig war, als daß ich ihn erneuern sollte. Noch zum dritten Male ließ ich mich verleiten, das alte Singspiel mit Melodieen von verschiedenen Componisten, von Herrn Fröhlich arrangirt, auf das Theater zu bringen. Aber es war die größte Hitze in den letzten Tagen der Saison, einige Rollen waren nicht gut vertheilt; der Herausgeber der fliegenden Post, Verfasser von »König Salomon« und »Jörgen Hutmacher« Heiberg, riß Freia's Altar herunter, als ob es das elendeste dumme Zeug wäre, -- und so ließ ich diese humoristischen Bilder wieder in den Hintergrund treten. Im Rauch und Dampf hätte man sie doch nicht gesehen; um das Muntere und Freundliche mit Geschmack und Gefühl darzustellen und zu genießen, muß man selbst munter, freundlich und ruhig gestimmt sein.

Kurz nach Freia's Altar dichtete ich (1804) »=Thor's Reise nach Jothunheim=«, die später in »=die Götter des Nordens=« aufgenommen ist. Ich hatte kurz vorher das deutsche Heldenbuch gelesen, und meinte, daß dessen kurze und kräftige Reime und die derben Holzschnitte dieser Art gut für Thor's Abenteuer passen dürften.

[Sidenote: Die Langelandreise.]

Nach einer Fabel in der Edda schrieb ich »=Vaulundurs Saga=.« Eine kleine Reise nach Langeland hatte die »=Langelandreise=« hervorgebracht. Obgleich ich in diesem Gedicht umständlich meine Reise beschrieben habe, wird es viele der Leser vielleicht doch amüsiren, wenn ich Fragmente eines Briefes an meine Christiane mittheile, die geschrieben waren, ehe die Langelandreise gedichtet war.

Rudkjöbing, den 10. Juli 1804.

Rudkjöbing, hörst Du liebe Christiane, Rudkjöbing, fünfundzwanzig Meilen weit von meinem Herzen[1]. Das will etwas sagen. Schwindelt Dir nicht, indem Du an eine solche Entfernung denkst? eine so gähnende Tiefe? Ach Ihr armen Stubenhocker, die Ihr höchstens nur vier bis fünf Meilen von Eurem Herzen entfernt gewesen seid, wie beklage ich Euch. Du wünschst es vermuthlich in Deinem kleinen kopenhagener Winkel, weit von dem Geräusche der Welt, Etwas von meiner Reise zu hören. Also: Donnerstag kamen wir glücklich nach Roeskildekrug und bekamen ein Stück Schinken zum Frühstück, zähe, wie ein Brett, so daß es sehr gut als Schild über dem Wirthshause hätte dienen können. In Roeskilde fand ich die Kirche in ihrer alten Ordnung; die alten Könige ruhten noch auf ihrem alten Fleck; Harald Blauzahn stand in der Mauer gerade wie vor sieben Jahren und wo er seit achthundert Jahren gestanden hat, ohne müde zu werden. Was ich übrigens innerlich und äußerlich gesehen, will ich nicht allein Dir, sondern dem ganzen Publikum und zwar in Versen erzählen, damit ich nicht durch die Prosa das Heilige entweihe. -- Im Svinlillekrug machten wir mit einem Dorfküster Bekanntschaft, der sich entschuldigte, weil er auf dem Landwege vor uns her gefahren war, und uns bat, wir möchten ihm das nicht als =Maliciösheit= auslegen. Wir luden ihn zu einer Pfeife Taback ein, aber als er hörte, daß wir mit Thee tractirten, setzte er die Pfeife fort, und trank nun, wie der Abgrund das Blut des Riesen Ymer trank. Im Krebshause schrieb ich meinen Namen mit einem Feuerstein in Ermangelung eines Diamanten (da ich weder Millionär, noch Glasermeister bin) ins Fensterglas. Darauf fuhren wir in Sturm und Regen fort. Auf dem Wege sah ich links ein Kirchdorf liegen. Ich war an anderen vorübergefahren, ohne darnach zu fragen; aber den Namen dieses Dorfes meinte ich, müsse ich erfahren. »Sigersted,« sagte der Kutscher. Und da wurde mir nun wieder wunderlich zu Muthe; denn Saxo erzählt eine schöne Geschichte von Sigar's Tochter, Signe, und ihrem Geliebten Habor, über die eine der schönsten Kämpeweisen gedichtet ist. Oft hatte bei der Lectüre mein geistiges Auge in die alte umnebelte Zeit geblickt, sowie jetzt mein körperliches Auge in dem natürlichen Nebel an dieser Kirche vorüberstreifte, deren Name noch als ein vereinzelter Laut aus der verschwundenen Zeit zu uns tönt.

In *** erzählte die Wirthin uns, daß sie mit Oersteds verwandt sei und sprach mit vielem Interesse von der Familie. Ich dachte, es ist doch gut, nach verwandten Wirthshäusern zu kommen; aber als wir abreisen und bezahlen wollten, gab mir dies Veranlassung zu folgendem Epigramm:

»Blut ist nimmer so dünn, ist dicker doch immer, als Wasser!« Dacht' ich, als von der Verwandtschaft die Wirthin so rührend uns sprach. »Blut ist nimmer so dick, ist dünner doch immer, als Wasser!« Dacht' ich wieder aufs Neu, als sie die Rechnung uns gab. -- --

[1] Der später als Romanverfasser bekannte und beliebte Laurits Kruse hatte damals kurz vor meiner Reise ein Gedicht von Hamburg aus nach Kopenhagen geschickt, das so anfing:

»Sechzig Meilen weit von meiner Heimath, Sechzig Meilen weit von meinem Herzen.«

* * * * *

[Sidenote: Aladdin.]

Als ich von Langeland nach Hause gekommen war, schrieb ich: »=Jesus in der Natur=;« und wagte die Jahreszeit mit ihren verschiedenen Wirkungen als eine Allegorie auf das Leben und die Lehre Jesu darzustellen. Das Hauptgedicht dieser Periode war jedoch »=Aladdin=«. -- Ich ergriff mit jugendlichem Feuer und mit Begeisterung eine der schönsten Scenen aus »Tausend und Eine Nacht«; und die natürliche Aehnlichkeit, die dieses Mährchen mit meinen Lebensverhältnissen hatte, gab dem Ganzen vielleicht etwas Naives und Eigenthümliches, das die Wirkung verstärkte; hatte ich nicht selbst in der bei mir entdeckten Dichtergabe die wunderbare Lampe gefunden, die mich in den Besitz der Schätze der Welt setzte? Und die Phantasie war mir ein Geisterring, der mich überall hinversetzte, wohin ich wollte. Meine Bildung hatte sich spät aber ziemlich rasch entwickelt, gleich Aladdin's, und gleich ihm hatte ich vor Kurzem die Liebe kennen gelernt. Meine Mutter war todt und als ich Aladdin's Wiegenlied auf seiner Mutter Grab schrieb, rannen meine Thränen auf das meiner eignen Mutter. So berührte dieses Mährchen in vielen Punkten meine eigenen Lebensverhältnisse; ich ironisirte auch damit, und war mir dessen während der Dichtung klar bewußt.

* * * * *

[Sidenote: Caspar Bartholin.]

Einer meiner liebsten Freunde war =Caspar Bartholin=; er war Officier gewesen, aber ein Sturz vom Pferde, bei dem er, sich die Brust verletzte, zwang ihn, einen stilleren, weniger anstrengenden Lebensweg zu suchen; und -- mehr als dieses Unglück zog ihn wohl sein eigner, ausgezeichneter Geist zur Wissenschaft und Kunst. Er machte das juridische Examen; sein Umgang mit Steffens und mit mir wirkte auf ihn ein; er unternahm eine Reise ins Ausland, aber die Verletzung, die er beim Sturze vom Pferde bekommen hatte, kürzte seine schönen Tage, und er starb in Rom -- mitten in der Bewunderung des Großen und Schönen an einem Blutsturz. Einen Brief, den er mir von Paris aus sandte, theile ich hier mit.

Paris, den 26. Dec. 1804.

Verzeih, bester Oehlenschläger, daß ich Dir nicht nach Deinem Wunsche und meinem Versprechen eher geschrieben habe. In dem Taumel von Zerstreuungen, in dem ich lebe, läßt sich so etwas leicht aufschieben, und die Folgen des Aufschiebens kennst Du ja! Gott weiß es, daß ich nie mit mehr Sehnsucht an Dich gedacht habe, als gerade hier, ob ich nun mit stiller Bewunderung an den schönsten Denkmälern der Kunst vorüberwandelte, oder ob ich mich über die Flachheit in all' den Unternehmungen und Reden der großen Nation ärgerte, oder auch wenn ich in der Stille an mein Vaterland und an Deine reine Dichterflamme dachte. -- Endlich traf ich gestern Friedrich Schlegel. Ich sprach mit Willers, der mir sagte, daß Schlegel hier sei. Ohne Zaudern eilte ich nach Hause, holte Oersted's Brief und im Augenblick hatte ich die halbe Meile zurückgelegt, die ihn von mir trennte. Ich traf ihn allein und, wie ich vermuthete, mit Zend Avesta vor sich. -- Er erzählte mir, daß das einzige Nordische, was er gelesen habe, die isländischen Sagen seien, und hieraus nahm ich Veranlassung, von Dir zu erzählen, daß Du daran dächtest, sie zu bearbeiten und bereits begonnen habest. Er versicherte, daß er sehr viel Lust habe, dänisch zu lernen, aber nicht wisse, wo er ein gutes Lexicon hernehmen solle. Ich empfahl ihm eines, das er sich notirte. Zugleich bat er mich, ihm Steffens' Einleitung zu verschaffen. Willst Du mir zu dem Ende nicht behülflich sein, und sie mir durch Oersteds herbesorgen, entweder an das dänische Ministerium oder lieber an Guilleaumeau adressirt, denn ich werde wohl nicht mehr hier sein, wenn es ankommt. Die Kosten werde ich Dich bitten, mir bis zu meiner Rückkehr zu creditiren. Von der »Europa« ist das vierte Heft herausgekommen. Es war mir eine Freude, die Liebe und Freundschaft zu hören, mit der Alle, die Oersted kennen, von ihm sprechen. -- Auch Lehmann ist gekannt und geachtet. -- Baggesen spreche ich oft. Er liest mir zuweilen seine Gedichte vor, weint über sie und versichert, daß ihm sein Dichtergenius entflohen sei. Auch von Dir hat er zuweilen gesprochen und wußte nicht einmal, daß der erste Band Deiner Gedichte herausgekommen war. Er schlug die Hände zusammen und entsetzte sich, ja wollte mir fast nicht glauben, als ich ihm sagte, was Du producirt habest und noch zu produciren beabsichtigtest. Wenn ich lange genug hier bliebe, wollte ich Dich bitten, mir fünf bis sechs Exemplare Deiner letzten Gedichte zu senden, damit die gute Sache gefördert werden könne, und es geschehe, wie da geschrieben stehet. Ich würde mir dann ein Vergnügen daraus machen, sie Fr. Schlegel zu verdollmetschen und vielleicht durch ihre Hülfe Baggesen von dem Throne herabstoßen, den er sowohl bei den Dänen, wie auch bei den Deutschen hier usurpirt hat. -- Ich möchte Dir gern etwas von Raphael's göttlicher Transfiguration erzählen, seiner heiligen Cäcilia und Jungfrau Maria's Apotheose; aber dies sind ewige Mysterien, die sich nur schauen, nicht von einem Profanen deuten lassen. Wäre ich gleich Dir von der Natur in die heilige Sprache eingeweiht, die eine solche Beschreibung voraussetzt, so würdest Du die Gewalt begreifen, die ich mir anthun mußte, um nicht niederzufallen und sie anzubeten. -- Ein Stück von Dominichini (die Leiden der heiligen Agnes) hat nächstdem den größten Eindruck auf mich gemacht. Stelle Dir die schöne Leidende von ihren entmenschten Henkern umgeben vor, die mit der teuflischsten Grausamkeit auf alle mögliche Weise ihre Qualen zu vermehren suchen, während sie mit einer himmlischen Ruhe jeden Schmerz, den sie ihr bereiten, erträgt, und fast über der irdischen Sphäre erhaben zu sein scheint. Nun hebt sie die Augen unwillkürlich zum Himmel, von dort muß ihr Muth kommen, denn er ist mehr, als menschlich. Und siehe, sie werden nicht betrogen, die dort Trost suchen, der Erlöser in seiner Herrlichkeit reicht einem Engel die Märtyrerpalme, der bereits in vollem Fluge scheint, um sie damit zu krönen. Es ist eine wunderbare Wirkung, den der Gegensatz von himmlischer Seligkeit und irdischem Schmerz hervorbringt. Hätte man ein solches Bild stets vor Augen, dann unterwürfe man sich diesem gewiß mit Freude. -- In einem sparsam erleuchteten Winkel entdeckte ich vor Kurzem ein Bild, welches von Allen unbemerkt schien, mich aber doch durch seine Wahrheit und seinen Ausdruck, sowie durch einen unendlich schönen Magdalenenkopf frappirte. Es war Christi Abnahme vom Kreuz, und, wie ich richtig vermuthete, von Lucas von Leiden. Tieck hat uns mit bewunderungswürdiger Genauigkeit von diesem Maler unterrichtet, und man braucht nur seine Beschreibung im Gedächtniß zu haben, um Lucas von Leiden's Bilder von denen eines jeden Andern unterscheiden zu können. Von Albrecht Dürer sind hier nur sehr wenige, und seine Bilder sind auch nicht sehr geachtet. Kurz vor meiner Ankunft wurde eins seiner größten Gemälde für 400 Frcs. verkauft. -- Apoll von Belvedere hat mich von allen Statuen am Meisten angezogen. Es ist die idealste Form, die Du Dir vorstellen kannst und es ist unmöglich, ihn für etwas Anderes als den Gott der Poesie und alles Großen und Herrlichen in der Natur zu halten. Ihm gegenüber prangt seine Halbschwester Venus. Aber man vergißt sie ganz, wenn man ihn sieht, es ist als ob der Ausdruck der Liebe auch in seiner Form läge. Dicht neben ihr wird man von einem entsetzlichen Schauer überfallen -- bei dem Anblick des Laokoon. Es ist der grausamste Schmerz nach dem Ideal der höchsten Schönheit ausgedrückt, eine ewige Tragödie: der vergebliche Kampf des Menschen gegen das Geschick. -- Doch wohin man sieht, fällt das Auge auf etwas unbegreiflich Schönes. Hier bewundere ich den Ausdruck in dem herkulischen Torso, ihm gegenüber in dem sterbenden Fechter; dort frappirt mich die entschiedenste Nachlässigkeit in dem ruhenden Faun, hier die ruhige Freude des majestätischen Herkules bei dem Anblicke seines Sohnes Telephus; -- und so sieben Säle hindurch. -- Aber ach! -- neben all' Dem vermisse ich die classische Erde, verletzt mich die Gleichgültigkeit, und zürne ich über die Anmerkungen, die man von Zeit zu Zeit über sie hören muß. -- In vierzehn Tagen reise ich von hier nach Straßburg, Mainz, Frankfurt, Göttingen und hoffe in sechs Wochen die Freude zu haben, unsern Steffens in Halle zu begrüßen. In drei Monaten hoffe ich Dich wieder umarmen zu können und versichere Dich der Freundschaft und Achtung, mit der ich verbleibe Dein treuer

C. =Bartholin=.

[Sidenote: Zusammenleben mit Steffens.]

Zwei Sommer hatte ich mit Steffens auf der Friedrichsberger Allee gewohnt. Hier schrieb ich den Schlaftrunk, Freia's Altar und Thor's Reise. Der Procurator Bjerring, den ich von Dreyer's Klub her kannte -- er war Einer von der alten Schule und also selten mit mir einig -- schlug mir einmal im Scherz vor, als ich ihm in der Allee begegnete, daß Steffens und ich uns malen und die Bilder vor dem Hause, wie bei den Thierbuden heraushängen lassen sollten. Herrliche Tage verlebte ich da mit meinem Freunde, doch darf ich bei dieser Gelegenheit nicht vergessen, eines tragikomischen Auftrittes zu erwähnen.

Wir wohnten Parterre und die Fensterläden wurden an jedem Abend geschlossen, woraus folgte, daß es dann stockfinster war, bis sie wieder geöffnet wurden. Nun hatte ich in jenen Jahren und noch viele Jahre hindurch einen wunderbaren Traum, eine Art Alpdrücken, das oft wiederkehrte. Ich träumte nämlich, daß ich in meinem Bette lag, was wirklich der Fall war, ich erkannte meine Schlafkammer deutlich wieder, obgleich es dunkel war, -- und nun entdeckte ich einen Räuber mit einem Dolch, der herbeischlich um mich zu durchbohren. Ich erhob mich leise in Todesangst, um aus dem Bette zu springen, mich hinter ihn zu schleichen und ihm den Dolch aus der Hand zu reißen. -- Kaum setzte ich den Fuß auf den Boden, so erwachte ich und fand mich mit nackten Füßen, zitternd mitten im Zimmer. Ich legte mich dann gleich wieder zu Bett und schlief ruhig den übrigen Theil der Nacht. -- Erst in späteren Jahren, als ich nicht mehr meinen gewöhnlichen Abendschnaps trank und im Sommer Wasser in den Wein goß, blieb der Räuber fort. Meine Gespräche mit Steffens, durch die zuweilen die Phantasie aufgeregt wurde und das Blut in stärkere Bewegung kam, trugen wohl auch Etwas dazu bei, den Räuber herbeizulocken. Ich habe bereits erzählt, daß ich einmal früher bei Steffens aus dem Bette sprang; damals lief es doch friedlich ab und er merkte nichts. -- Aber hier in der Allee weckte ich ihn eines Nachts mit einem entsetzlichen Geschrei, als ob mir ein Messer in den Hals gestoßen worden wäre. »Mein Gott!« -- rief er -- »was giebts?« -- »»Räuber!«« -- röchelte ich. -- »»Sie ermorden mich.«« -- »Allmächtiger Gott!« rief Steffens und stürzte aus dem Bett, in dem stockfinstern Zimmer über mich hin, wo er durchaus Nichts unterscheiden konnte, und mir also auf mein Wort glauben mußte. Nun hatte ich mich gefaßt. »»Ach!«« -- seufzte ich langsam und ruhig -- »»es war nur ein Traum!«« Aber nun war die Reihe des Phantasirens an ihn gekommen. »Das ist, hol' mich der Teufel, gleichgültig!« -- rief er -- »ich muß Gewißheit haben; ich schlage Feuer. Ich hole meinen Säbel!« So hörte ich ihn in das andere Zimmer tappen; er zündete Licht an und es dauerte nicht lange, so kam er mit drohender Miene und gezogenem Schwerte. Nun glaubte ich, daß er verrückt geworden sei, und rief: »»Steffens, um Gottes Willen, sei doch vernünftig! Der Traum hat aufgehört.«« Aber da verwandelte sich seine Wuth gegen die Räuber in Aerger gegen mich. »Ja, mein Bester!« sagte er, »das ist ganz gut, aber es ist doch zu toll, solche Träume zu haben, besonders wenn die Fensterläden geschlossen sind. Ich mußte Dir ja aufs Wort glauben.« »»Ich danke Dir, bester Freund!«« -- entgegnete ich, -- »»für Deine Tapferkeit und Deine Hülfe, in der Noth soll man seine wahren Freunde erkennen. Aber sei nun nicht böse darüber, daß kein wirklicher Mörder hier ist. Ich werde mich in der Zukunft vernünftigerer und wahrerer Träume befleißigen.««

[Sidenote: Eine Sonnenfinsterniß.]

Als Steffens fortgereist war, spielten mir die geschlossenen Fensterläden einen andern Streich. Ich hatte einen alten verunglückten schwedischen Schuhflicker zum Aufwärter, der zugleich mein Frühstück besorgte. Zuweilen schmierte er meine Stiefeln mit Butter ein, wenn er keine Stiefelwichse hatte. Er hatte Frau und Kinder in der Stadt, kam aber jeden Morgen um 7 Uhr zu mir heraus, öffnete die Fensterläden und weckte mich wenn ich schlief. Eines Abends hatte ich gehört, daß am nächsten Morgen um 5 Uhr eine große Sonnenfinsterniß eintreffen würde. Ich dachte: »die mußt Du auch sehen!« schwärzte ein Stück Fensterglas über dem Lichte, um dadurch in die Sonne hinaufzuschauen, und sagte zum Schuhflicker, er müsse etwas vor 5 Uhr auf dem Platze sein, die Fensterläden öffnen und mich wecken. Am nächsten Morgen erwachte ich von selbst, es war still und finster rund um mich her, ich drückte den Kopf wieder in die Kissen und schlief weiter. Endlich erwachte ich zum zweiten Male. Noch immer war Alles still und finster. Ich dachte: »Nun muß die Uhr doch bald fünf sein.« Ich konnte nicht länger schlafen, stand auf, öffnete die Fensterläden ein wenig, um beim Ankleiden sehen zu können und eilte dann durch die Thüre in den Garten, denn ich schlief in einer Gartenstube. Ein blendender Sonnenschein strahlte mir entgegen, aber das störte mich nicht in meinem Vorsatze. Ich nahm mein geschwärztes Glas hervor und starrte aufmerksam in die Sonne. Zwei junge Damen saßen auf einer Bank im Schatten. Nachdem sie mir lange zugesehen hatten, fragte die Eine lachend: »Wonach schauen Sie?« »»Ich sehe nach der Sonnenfinsterniß, mein Fräulein!«« entgegnete ich, »»aber sie hat wohl noch nicht begonnen. Die Uhr kann wohl nicht weit von Fünf sein?«« »Mein Gott!« rief sie erstaunt, »es ist ja schon Elf! Die Sonnenfinsterniß ist ja vor sechs Stunden vorüber.« »»Na,«« rief ich erbittert, »»daran ist wieder kein Andrer, als der verdammte Schuhflicker Schuld! Aber ich will's ihn lehren!«« Sie sahen mich verwundert an, aber als sie hörten, daß er des Morgens nicht da gewesen sei um die Fensterläden zu öffnen, verstanden sie meine Rede.

[Sidenote: Seltsame Träume.]

Da ich hier von Schlaf und Träumen rede, finde ich den Ort passend, um zwei andere Träume zu erzählen, die ich gehabt habe. Der erste, glaube ich, fällt in jene Zeit, der andere um mehrere Jahre später. Ich habe sie nie vergessen können, und ich erzähle sie ohne Ausschmückung; es wäre leicht, einen amüsanten Traum zu erfinden, dagegen ist es nicht so leicht amüsant zu träumen.

Erster Traum. -- Mir träumte, ich läge als Leiche in der Roeskilder Domkirche, in der nördlichen Kapelle, wo die königlichen schwarzen sammtbeschlagenen Särge stehen. Plötzlich hörte ich die Schlüssel an der Gitterthür rasseln, sie ging auf, mein Vater kam mit einem Schwarm Fremder und zeigte ihnen die Kirche, so wie ich ihn oft in meiner Kindheit fremden Leuten das Friedrichsberger Schloß hatte zeigen sehen. Sie näherten sich meinem offnen Sarge und mein Vater sagte: »Dieser arme Mensch, der hier liegt, ist wirklich zu beklagen! Er bildet sich ein daß er noch lebt, während er doch schon lange eine todte Mumie ist. Sehen Sie einmal!« Hier faßte er mich an der großen Zehe und rieb Etwas davon zwischen den Fingern zu Staub. Er wollte nun mit der Gesellschaft weiter gehen und das Gitter wieder schließen. Ich fühlte mich von einer entsetzlichen Angst ergriffen, daß ich da nun mehrere Tage allein zwischen wirklichen Leichen liegen solle, bis ich selbst stürbe. Ich strengte alle meine Kräfte an, es gelang mir, mich zu erheben, und zu den Fremden hinzuwanken, aber mehr vermochte ich nicht; ich sank wieder zwischen ihnen auf einer Treppe in einen Todesschlummer. »Sehen Sie wohl?« sagte mein Vater; »lauter Einbildungen! er glaubt immer, daß er noch lebt. Aber wir könnten ihn doch in ein warmes Bett bringen, obgleich ich im Voraus weiß, daß es nichts hilft.« Kurz darauf befand ich mich in einem hohen schmalen Zimmer, mit dunkelgrünem Damast bekleidet, der von vergoldeten Leisten eingefaßt war. Ich lag in einem Bett, unter einem Thronhimmel mit dicken drappirten Gardinen, gleichfalls von dunkelgrünem Damast; in meinem Schlafgemach herrschte Halbdunkel. Aber dicht daran stieß ein großer Saal voller Menschen, die an einem Tische saßen. Ich hörte Musik, die Teller rasselten, es wurde oft laut gelacht, der Glanz der Kronleuchter strahlte durch das Schlüsselloch zu mir herein, der ich in der dunkeln Einsamkeit da lag, um zu sterben. Eine unbeschreibliche Lust zu leben, die muntern Freuden des Lebens zu genießen, erfüllte meine Brust, und gab mir wieder Kraft, mich zu erheben. Ich sprang aus dem Bett, öffnete die Flügelthüren zum Saale, eilte hin und setzte mich auf einen leeren Stuhl zwischen zwei schöne Mädchen, füllte mein Glas und sang:

»Und soll ich nicht mehr leben frisch Und in die Erde sinken, Will ich doch noch an diesem Tisch Erst lieben -- und singen -- und trinken!«

Darauf stieß ich mit den Schönen an, küßte sie und leerte mein Glas. Ich fühlte den Rothwein, zu warmem Blute verwandelt, wieder meine Adern füllen und durchströmen; ich war gesund und frisch und -- erwachte. Des Verses entsann ich mich noch, und wiederholte ihn so oft, bis ich ihn nicht mehr vergessen konnte.

Der andere sonderbare zusammenhängende Traum, den ich mich entsinne, gehabt zu haben, war folgender: Ich befand mich wieder in einer Kirche, aber sie war klein und hatte einige Aehnlichkeit mit der auf Friedrichsberg. Ich hatte die Musik zu einer Cantate componirt, die nicht von mir gedichtet war. Sie wurde von einer zahlreichen Gemeinde aufgeführt, während der Prediger als Erzbischof, im Purpurgewande, und mit dem Hirtenstab in der Hand vor dem Altare stand. Die Musik war rührend und begeisternd. Alle fühlten sich dadurch bewegt. Aber es war ein Engelchor in der Cantate, den ich nicht zu componiren vermocht hatte, weil der Inhalt zu himmlisch war. In meiner Verlegenheit hatte ich dies verschwiegen; das Concert ging vortrefflich ohne Probe, mit Gesang und Instrumenten vom Blatte, bis man zu dem fehlenden Chor kam, wo Alles schwieg. Es herrschte Todesstille in der Kirche. Endlich fragte mich der Prediger laut vom Altare aus: warum ich nicht auch diesen Chor componirt hätte? Ich antwortete ängstlich: »Ich war es nicht im Stande, ehrwürdiger Herr! Solche Gefühle kann nur ein seliger Geist ausdrücken, der ganz vom Erdenstaube befreit ist.« -- Da öffnete sich eine kleine Thür in der Wand, die Niemand vorher gesehen hatte, nicht weit vom Altar, etwas über dem Haupte des Predigers. Und Ewald stand dort, bleich und freundlich mit Schlafrock und Nachtmütze, eine Rolle Noten in der Hand, die er dem Prediger mit den Worten darreichte: »Ich habe es componirt!« Im Augenblick war die Oeffnung wieder verschwunden, und die Stelle, wo sie gewesen war, nicht zu erkennen. Die Musik wurde gleich ausgeführt; ihre himmlische Milde läßt sich nicht beschreiben; sie löste meine ganze Seele auf, und ich erwachte, in Thränen gebadet.

Man sieht hieraus, daß mich doch nicht immer Räuber- oder Mörderträume ängstigten, sondern daß ich auch schön träumen konnte; obgleich der erste Traum, trotz seiner poetischen Einkleidung, etwas mit der alten Geschichte gemein hatte, und gleich dem Räubertraume, auf Lebensgefahr und Rettung hinausläuft.

* * * * *

[Sidenote: Festgedicht an Steffens.]

In dem zweiten Sommer unserer Bekanntschaft reiste Steffens nach Halle, und holte seine schöne Braut, =Hanna Reichardt=. Hierdurch wurde unser gesellschaftlicher Kreis vergrößert und belebt. Zu ihrer Ankunft veranstaltete ich ein Fest, an dem auch Camma Rahbek und meine Schwester Theil nahmen. Bei dieser Gelegenheit schrieb ich mein erstes deutsches Gedicht, damit die junge deutsche Frau es verstehen solle. Es lautete, mit wenigen Veränderungen, ungefähr so:

Es war einmal ein Junggesell Voll Eigensinn; Der wollte, wie ein flücht'ger Quell, Ins Weite hin; Es ward ihm gar zu eng und weh Im alten Haus, Drum sagt der wilde Bursch Ade, Und zog hinaus, Und fuhr auf die Fluthen nach Norweg.

Der Herr Gott ließ die Winde los, Beim Strafgericht:[2] Der Jüngling fiel in Meeresschoos; Doch starb er nicht. Ganz trocken bald -- ich weiß nicht wie -- Und wieder flott Stand er -- und war ein Kraftgenie! Du lieber Gott! Zur Sünde nur war er gerettet!

Drauf streift er weit, im röm'schen Reich, Und sucht Natur; Vertiefte sich in Wald und Teich, Und Blumenflur; In Schachten nach dem Urgestein Er suchend kroch; Sah nach den süßen Mägdelein, Durchs Fensterloch, Und Alles der Wissenschaften wegen.

Da fügt's sein Schicksal, immer gut, Solchergestalt; Er macht, mit liebevollem Muth In Halle Halt. Was einzeln erst im Bergrevier Und Flur er sah, Vereinigt in dem Mädchen hier Stand Alles da. Da ward's ihm gar freudig zu Muthe!

Nun braucht' er gar nicht suchen gehn Lazurgestein; Ins Auge braucht er nur zu sehn Dem Mägdelein; Und wenn die Rosenlippen süß Er lächeln sah, War gar nichts auf der Blumenwies' Von Rosen da; Sie welkten, vor Neid, und erbleichten.

Des Dichters goldner Leierklang Er auch vermied, Wenn sie mit süßer Stimme sang Des Vaters Lied. Der Vogel saß so andachtsvoll Am grünen Ort, Wenn über ihre Lippen quoll Das holde Wort; Es rieselte leiser die Quelle.

Nun lieber Heinrich bist Du hier Mit ihr im Bund'; Drum singen und drum jauchzen wir Aus Herzensgrund; Drum zechen wir, mit großer Lust, Den guten Wein, Und drücken Dich an unsre Brust, Und singen drein: Willkommen uns, =Heinrich= und =Hanna=!

[2] Steffens litt auf dieser Reise Schiffbruch.

Die Freude, diese lieben Freunde in unsere Nähe zu haben, währte nicht lange, im folgenden Jahre verließen sie uns leider wieder, da Steffens als Professor nach Halle berufen wurde.

* * * * *

[Sidenote: Ein Symposion.]

Ein Freund meines Jugendfreundes Winckler (mit dem ich in der letzten Zeit nur wenig umgegangen war) reiste kurz darauf nach Westindien. Sie veranstalteten Beide bei dieser Gelegenheit ein Fest, wobei es besonders auf ein Trinken losgehen sollte, weßhalb sie auf ihren Einladungskarten das Fest auch ein =Symposion= nannten. Zur Ehre unserer Landsleute kann man wohl sagen, daß es bereits in meiner Jugend selten war, betrunkene Leute zu sehen. Selbst unter den Bauern wurde ein »Jeppe vom Berge« mehr und mehr zu einer Ausnahme. Nur unter den Matrosen war es häufiger, weil es scheint, als ob das Trinken mit zu ihrem Elemente gehöre. Aber im Ganzen genommen paßte Hamlet's Replik nicht mehr auf uns:

»_This heavy-headed revel, ease and west, Makes us traduc'd, and tax'd of others nations; They clepe us drunkards._«

Dagegen hatte man eine Menge Erzählungen von lustigen Trinkgelagen in alten Tagen, die mit Witz und Humor abgehalten worden waren. Ein solches veredeltes Bacchusfest war das, welches unsere Freunde hier wieder bereiten wollten. Zum Ort für das Fest wählte man das Ermelundhaus im Thiergarten, welches, die Brunnenzeit ausgenommen, einsam daliegt. Unsere Wirthe mietheten das ganze Haus für den Abend, und kein Fremder wurde eingelassen. Man hatte dafür gesorgt, daß sich nichts Plumpes und Widerliches in den muntern Uebermuth mischen solle; die große Gesellschaft bestand meistens aus Gelehrten und Künstlern. -- Nun ging es auf ein Trinken los, und die Kunst bestand darin, so übermüthig als möglich zu sein, ohne brutal und geschmacklos zu werden. Die Convenienz und die Formen konnte man hingegen, so viel man wollte, übertreten; das wünschte man gerade, und Keiner durfte dem Andern eine Tollheit übelnehmen. Das Haus wurde den Gästen von den Wirthen Preis gegeben, und die Freude der Betrunkenen, Spiegel und Fenster in Stücke zu schlagen (welches in der Natur des Rausches liegt, weil der Mensch in diesem Zustande gern seine flüchtige Phantasie mit der einen oder der andern plötzlichen oder abenteuerlichen Verwandlung unterhält) stand Jedem frei, und wurde auch zuweilen ausgeübt; obgleich mit Bescheidenheit und ohne Schadenfreude, nur um dem Uebermuthe zu huldigen. Mitten in einem ernsten Gespräche sah man wissenschaftlich gebildete geistreiche Männer bald einen kleinen Spiegel von geringem Werthe, bald eine Fensterscheibe in Stücke schlagen, ohne daß dies die geringste Stockung im Gespräche hervorrief. Einer der Gäste goß etwas Rothwein aus seinem Glase in Hans Christian Oersted's Halskrause, als dieser gerade im Begriff war, etwas Schwieriges in der Physik zu erklären. Er bat Oersted, es um Gottes Willen nicht übel zu nehmen, worauf dieser ruhig antwortete: »Da müßte ich doch ein großes Kameel sein, wenn ich darüber böse werden wollte.« -- Ein vorzüglich guter Schauspieler, der von uns Allen geliebt war, hatte gerade einen rührenden Vater in einem von Kotzebue's Stücken gespielt, und kam etwas spät, als wir Andere bereits die Gläser tüchtig geleert hatten. Da er noch nüchtern war, wollte er satyrisch sein, aber ich sagte: »Lieber Freund, wir sind bereits lange über die Satyre hinaus! Mache rasch und werde lustig und guter Dinge gerade wie wir.« Kaum hörte er dies, so setzte er eine Flasche an den Mund; und mit unglaublicher Geschwindigkeit hatte er bald uns Alle eingeholt und wurde der gemüthlichste Mensch von der Welt. Aber zuletzt wurde es ihm zu heiß, denn es war in der warmen Jahreszeit; er warf Stiefel und Oberkleider ab, und stolzirte endlich munter in durchaus anständigen Unterhosen umher. So wurde er in einen Wagen gesetzt und Einige der Anwesenden wollten ihn entführen, aber seine Abwesenheit wurde bald bemerkt; Eilboten zu Pferde wurden ihm nachgesandt, holten ihn eine Viertelstunde vom Wirthshause ein und brachten ihn im Triumphe zurück. Wir standen Alle in der Thür, als er ankam; und während er in bloßen Strümpfen aus dem Wagen stieg, grüßte er voller Huld und sagte: »Es war ein Mißverständniß, meine Herren! es war ein Mißverständniß!« Man hatte ihm nämlich gesagt, daß das Fest in einem anderen Wirthshause fortgesetzt werden solle. Solcher lustigen Scenen fanden viele statt.

Die Wirthin war auch froh darüber, daß sie Alles auf die Rechnung setzen konnte; sie characterisirte den Zustand der Gäste nach den zerschlagenen Sachen, und sagte zu ihrem Mädchen: »Nun sind sie bei den Fenstern! Nun sind sie bei den Spiegeln!« u. s. w.

Endlich begann doch die Natur ihr Recht zu verlangen; Viele wurden schläfrig und gingen in die Kammern hinauf, wo für ihre Bequemlichkeit gesorgt war. Einige hatten sich etwas mit dem Glase geschnitten, Andere waren seekrank. Da nun Kopenhagens beste, junge Aerzte da waren, so theilte man die Patienten, wie in dem Hospitale, in die chirurgische und die medicinische Seite ein, besuchte sie fleißig und heilte sie bald. Winckler selbst, als er merkte, daß er die Augen nicht länger aufhalten könne, lehnte sich an die Brust eines Freundes, trug ihm auf, für die Punschbowlen zu sorgen, sagte ihm, wie viel Rum, wie viel Citronen und wie viel Zucker zu jeder gehöre; und als er derart gewissenhaft sein Testament gemacht hatte, schlief er sanft ein.

Gegen Morgen hin fuhren wir wieder zur Stadt; aber am Nachmittag waren wir zu einem großen Thee auf der Schießbahn eingeladen, wo wir zusammenkommen und mit einander von den Begebenheiten des vergangenen Tages reden wollten, gleich den Asen in Gimle, nach Ragnarokur von den Thaten des vorigen Lebens. Hier wurde nun ein köstliches Abenteuer erzählt, das Einigen in der Gesellschaft begegnet war. Sie hatten nämlich die Absicht, auf dem Heimwege abzusteigen und in einem Gasthause zu frühstücken; aber da die Uhr noch nicht einmal drei war und man ihnen die Thür nicht öffnen wollte, kletterten sie über die Mauer. Da saßen sie nun rittlings, wie die Klammern an der Wäsche, als der Wirth im bloßen Hemde mit seiner geladenen Büchse herauskam und sie, wie Spatzen, herunterschießen wollte, weil er glaubte, es seien Räuber. Erst nach vielen Eiden und Versicherungen überzeugten sie ihn, daß sie ehrliche Leute seien, die nur in der edlen Absicht gekommen wären, ihm Etwas zu verdienen zu geben.

In diesem muntern, ungewöhnlichen Symposion nahm auch ich, ohne es noch zu wissen, Abschied von meinem Vaterlande und dem lieben seeländischen Walde. Mein Plan war gefaßt, ich gab die Jurisprudenz auf, ich fühlte, daß die Natur mich zum Dichter geschaffen habe, daß es thöricht und vergeblich sei, gegen meinen Beruf anzukämpfen. Freilich sah ich ein, daß ich, indem ich den allgemeinen Weg verließ, auch die Beamtenbahn aufgab; aber es ahnete mir, daß ein schmaler Steg, der freilich über tiefe Moore ging, in denen man leicht stecken bleiben konnte, mich rascher zum Ziele führen würde.

[Sidenote: Der Maler Abildgaard.]

Ich hatte zuerst beschlossen, mich auf das Isländische zu legen, und einige alte Sagen zu übersetzen; ein Subscriptionsplan war bereits entworfen; ich hatte auch die Akademie der Künste gebeten, mir einen Saal zu leihen, in dem ich Vorlesungen über nordische Mythologie halten wollte, da das fehlende Doctordiplom es mir nicht gestattete, sie in der Universität zu halten. Ich sprach deßhalb mit Thorwaldsen's Lehrer, dem Director der Akademie, Maler =Abildgaard=. Dieser lange hagere Mann hatte bedeutende Gaben, sehr viel Talent, große Kunstfertigkeit; aber ein gewisser Eigensinn, eine ihm zur andern Natur gewordene Manier schadeten ihm. Farbensinn hatte er in einem seltenen Grade, zeichnen konnte er vorzüglich, und so ist Thorwaldsen ihm Dank schuldig, so wie ein großer Philolog seinem verständigen Rector, der dem Schüler zeitig durch fleißigen Unterricht die unentbehrliche Grammatik einprägte. Als ich Abildgaard erzählte, daß ich für die nordische Mythologie begeistert sei, machte er mir erst die gewöhnlichen Einwendungen; aber als ich ihm einige meiner Ideen mitgetheilt hatte, betrachtete er mich mit großer Aufmerksamkeit; sein spöttisches Lächeln verwandelte sich allmälig in eine ernste Verwunderung, und als ich fertig war, sagte er: »Ja, ich bin wahrhaftig nicht der Mann, der sich dem Guten und Sinnreichen widersetzt, weil es neu ist!« -- Wir sprachen über mehrere Gegenstände, auch über Poesie; und da bemerkte ich nun, daß er sich von dieser einen falschen Begriff machte. Er sagte: »Mit Poesie und Kunst verhält es sich ganz entgegengesetzt. Ein Dichter liegt in der Nacht schlaflos da, es entsteht eine glückliche Idee in seinem Kopfe, er spricht sie aus, und hat sich unsterblich gemacht. Der Künstler muß viel arbeiten, und gelangt erst allmälig zum Ziele!« Ich entgegnete ihm: »daß der Dichter sich auch, aber wissenschaftlich, ausbilden müsse, daß eine glücklich ausgesprochene Idee freilich Hoffnungen wecke, aber noch nicht den wahren Dichter zeige; daß auch viel Arbeit, Kunst, Studium und Nachdenken dazu gehöre, um ein bedeutendes Dichterwerk hervorzubringen und zu vollenden.« -- Abildgaard nahm freundlich von mir Abschied; kurz darauf änderte ich meinen Beschluß und sah ihn nicht wieder.

* * * * *

[Sidenote: Die Gräfin Schimmelmann.]

Man sagte mir, daß die Gräfin =Schimmelmann= meine poetischen Schriften gelesen habe, und daß sie den Verfasser des Aladdin gern sehen wollte. Zugleich wünschte man mir Glück zu dieser Bekanntschaft; »denn«, sagte man, »Graf Schimmelmann achte und liebe Talente und helfe ihnen vorwärts, wo er könne. So habe er meinen Freunden Bentzon und Steffens früher geholfen, und es sei daher möglich, daß er auch Etwas für mich als Dichter thun würde, besonders wenn die Gräfin auf meiner Seite stehe.«

Ich ging also an einem schönen Sommertage mit pochendem Herzen nach seinem Landgute Seelust hinaus. Als Kind und Knabe war ich oft an der schönen Emilienquelle vorübergegangen und gefahren. Eine Gräfin Emilie Rantzau war Schimmelmann's erste Frau gewesen, die er bis zur Schwärmerei geliebt, deshalb hatte er ein Auge in den Stein aushauen lassen, welches stets weinte, wenn das Wasser herausfloß. Diese Idee war nun zwar weniger glücklich, aber muß durch den sentimentalen Geschmack jener Zeit entschuldigt werden. Was Schimmelmann's eigene Augen betraf, so weinten sie nicht mehr über einen Verlust, den ihm seine zweite Frau, Charlotte Schubart, wiederum ersetzte.

Heute ging ich nicht zur Quelle, sondern wendete mich in den Hof hinein, wo ich nie gewesen war; zum ersten Mal in meinem Leben sollte ich eine so vornehme Dame besuchen, die ich noch nie gesehen hatte. Ich stand im Vorzimmer, wartete, drehte den Hut in der Hand, faßte Muth und beschloß, mich nicht verblüffen zu lassen -- als eine bleiche, magere Frau, einfach gekleidet, hereintrat und freundlich grüßend sagte: »Mein Mann wird gleich kommen.« Das war also die Frau Gräfin. Sie nahm mich mit in ihren großen Gartensalon, wir wurden bald bekannt, und ich bekam Muth, als ich merkte, daß ich in ein Haus gekommen sei, wo man Poesie verstand, und sie mit zu den höheren Nothwendigkeiten des Lebens rechnete. Schimmelmann's Eintritt und Gespräch setzte mich in nicht geringe Verwunderung. Ein solches Wesen hatte ich mir früher nie gedacht, nie in einem Dichterwerk dargestellt gesehen. Die eigenthümlichen Contraste waren bei ihm auf eine so naive Weise verbunden, daß sie sich zur Harmonie vereinigten.

[Sidenote: Der Graf Schimmelmann.]

Er war klein, mager und häßlich, er schielte mit einem der kleinen dreieckigen Augen, war pockennarbig und schnupfte stark Taback, und das mit einer Nachlässigkeit, die unangenehme Spuren an Kleidern und Fingern zurückließ. So trat er wankend ein, mit blauem moirirtem Ritterbande und zwei großen Sternen auf der Brust, die dünnen Haare frisirt und gepudert und mit einem kleinen Zopf in dem Nacken. Ich stutzte fast über diese Häßlichkeit; aber kaum hatte er einige Worte gesprochen, als sich das schönste, freundlichste Wesen über dem pockennarbigen Gesicht ausbreitete, als das eine Auge, das nicht schielte, mit einer so ausnehmenden, ehrlichen, tiefen Menschenliebe in mein Herz lächelte, -- daß ich glaubte Sokrates zu schauen; doch lag keine Ironie in diesem Lächeln, es war bescheiden, mädchenhaft, schüchtern, gefühlvoll. Das Ritterband verschwand vor dem Bande der Natur, mit dem ich mich gleich an diese edle Seele geknüpft fühlte, und die Sterne auf der Brust wurden Flitterstaat gegen das himmlische Sternenfeuer, das in seinem geistvollen Auge funkelte.

Ich kehre später zu diesem edlen Manne zurück, und will diesmal nur noch bemerken: die Gräfin hatte Sinn und Geschmack für Poesie; Schimmelmann hatte Seele und selbst Genie. Aber hier herrschte nun wieder der eigenthümliche Contrast! Trotz der treuesten Hingebung für die Gegenstände war er im höchsten Grade zerstreut, und dieser Zustand erlaubte ihm nicht, lange Zeit bei einer Vorstellung zu verweilen. -- Erst viele Jahre darauf fand ich den Schlüssel zu diesem seltsamen Wesen. Schimmelmann war ein Siebenmonatskind. Was wäre nicht aus ihm geworden, wenn ihm die zwei Monate noch vergönnt gewesen wären. Er rieth mir, Se. Königl. Hoheit den Kronprinzen (später Friedrich VI.) um ein Reisestipendium aus dem Fond ad usus publicos nachzusuchen. Froh setzte ich mich nun mit meinen Wohlthätern an eine prächtige Tafel, jener gleich, die ich auf Friedrichsberg so oft gesehen, aber an der ich nie Theil genommen hatte.

* * * * *

[Sidenote: Friderike Brun.]

Ich machte in der Zeit auch die Bekanntschaft der Dichterin Frau Etatsräthin =Brun= auf Frederiksdal. Mein guter Freund =Rothe= (später Prediger bei der Trinitatiskirche) war der Hauslehrer des Sohnes. Auch hier traf ich die sonderbarsten Contraste, doch nicht in einer Person vereinigt. Wenn ein Komödiendichter den Gegensatz von übertrieben poetischer und übertrieben prosaischer Tendenz schildern wollte, so konnte man hierzu nie besser Veranlassung finden, als im Etatsrath (späterem Geheimrath) Brun und seiner Frau. Der erste, Kaufmann mit Leib und -- _sit venia verbo_ -- Seele; praktisch, thätig, auf Geld versessen, wie ein Habicht auf die Beute; aber ohne jede höhere Idee; der Poesie, als Kinderstreichen, und seiner eigenen Ehehälfte, als der Repräsentantin der Poesie auf Sophienholm, spottend. Frau Brun war in der Klopstock'-, Salis'-, Mathisson'-Bonstetten'schen Schule gebildet. Die sentimentale Richtung, die ihr Wesen hierdurch genommen hatte, sagte ihrem Manne nicht zu, der den Mond nur als Zeitmesser und als eine gute große Laterne betrachtete, deren Licht kein Geld kostete. Man erzählte aber doch als eine Merkwürdigkeit, daß Brun einmal als Liebhaber, um ihr zu gefallen, ihr eine ganze Ode von Klopstock recitirt habe, die er auswendig gelernt hatte. Wenn dies der Fall ist, zeugt es von seinem guten Kopfe, der zu allen Geschäften geschickt war, aus denen er Vortheil ziehen zu können glaubte, selbst zum Auswendiglernen der Poesie. Aber in sich hinein hatte er sie nie gelernt. Die gute Frau Brun -- (ich werde sie und ihren Mann später näher besprechen) hatte viel Geist, ein leicht bewegliches Gefühl, und war dadurch gebildet, daß sie auf ihren Reisen mit den tüchtigsten Köpfen des Zeitalters umgegangen war. Unglücklicherweise war sie schwerhörig geworden und dies in Verbindung mit der Bequemlichkeit und Unabhängigkeit, die der Reichthum verschafft, hatte sie mehr zu einer theilnehmenden Zuschauerin des Lebens, als zu einer eingreifend handelnden Person gemacht. Darin stimmten aber doch Mann und Frau überein, daß sie Beide einen eleganten Kreis an einem Orte um sich liebten, der durch Wohlstand und Geschmack verschönert wurde. Denn Brun war nicht ohne Geschmack für das Behagliche des Lebens; er hatte auch einen gewissen naiven plattdeutschen Humor, der für ihn einnahm; und das stete Hacken und Schelten auf seine Frau, wenn sie nicht zugegen war -- (und wenn sie zugegen war, konnte sie es doch nicht hören) hatte etwas Amüsantes, gerade weil die komische Uebertreibung zeigte, daß es nur halb gemeint war.

Auf diesem schönen Sophienholm brachte ich nun auch einige angenehme Tage vor meiner Abreise zu.

[Sidenote: Abreise.]

Ich zeigte Schimmelmann mein Gesuch an den König um das Reisestipendium. »Ein solches Gesuch =kann= ja nicht abgeschlagen werden!« sagte er lächelnd. Ich betrachtete nun die Sache als abgemacht; aber um nicht Zeit zu verlieren, und um -- gleich den kühnen Soldaten -- die Brücke hinter mit abzubrechen, so wie ich über den Fluß gekommen war, reiste ich gleich nach Halle, da Steffens mich dorthin eingeladen hatte, und -- um Christianen und mir selbst den Schmerz des Abschiedes zu ersparen, sagte ich ihr vorläufig, daß es nur eine kleine Lustreise auf einen Monat sei.

Mein Vater gab mir hundert Reichsthaler in einem dicken Packet kleiner Scheine, um die Kosten bestreiten zu können, bis das Stipendium einträfe. Im Anfang furchtsam, da ich nie vorher eine so große Summe besessen hatte, griff ich oft ängstlich in die Tasche, um zu sehen, ob das Geld noch da sei. So bestieg ich im Anfang des Monats August 1805 das Packetboot, um nach Kiel zu reisen. Sobald ich nach Hamburg gekommen war, schrieb ich meiner Christiane. Mit diesem Briefe beginnen wir den zweiten Theil meiner Erinnerungen.

* * * * *

=Ende des ersten Bandes.=

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

* * * * *

Anmerkungen zur Transkription:

Der Schmutztitel wurde entfernt.

Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden übernommen, und offensichtliche Druck- und Setzfehler wurden korrigiert.

Der Originaltext ist in Fraktur und fremdsprachliche Passagen sind in Antiqua gesetzt. Abkürzungen wie Dr. und römische Zahlen wie XV wurden nicht in Antiqua dargestellt.

Gesperrter Text wurde mit (=Text=) und Text in Antiqua wurde mit (_text_) markiert.

Die Kapitelüberschriften aus den Kopfzeilen wurden in den Text als Randnotizen eingefügt.