Romanzen vom Rosenkranz by Brentano, Clemens

Clemens Brentano

Herausgegeben und eingeleitet von Alphons M. von Steinle Petrus Verlag, Trier, 1912

* Einleitung

In weiter Kammer schlief ich und die Brüder Auf stillen Betten, die der Traum umspielet; Der Amme Lied ertönte still, und nieder Die Winternacht mit kalten Sternen zielet. Gesegnet seid, ihr ernsten nächt'gen Scheine, Die ihr mir in die junge Seele fielet! Ich fühlte ruhig mich, in Frieden klar und reine; Der Brüder Herzen hört ich um mich schlagen, Ergötzt war meine Brust, ich wacht alleine, Hört sie im Traum die kindschen Wünsche klagen. Der eine sprach von Wagen und von Rossen. "Hinan, hinan!" hört ich die Schwester sagen, "Ein Auge schließ ich auf der Leiter Sprossen, Daß mich der tiefe Abgrund nicht ergrause." Sie wußte nicht, daß beide sie geschlossen. Die andre sprach von ihrem Blumenstrauße, Wie er schon wieder frisch erblühen werde; Und die ihr nah: "O tritt die Spitzenkrause Mir nicht so liederlich hin an die Erde!" Doch ferner schlummert einer; heftig bebet Sein Busen, und mit trotziger Gebärde Spricht er: "Seht hin, Geliebte, seht, es schwebet Der Luftball hoch, ich habe ihn erfunden!" Dann wirft er sich im Bette, hoch erhebet Die Füße er, das Haupt hängt er nach unten. Des Fensters Schatten lag gleich einer Leiter Auf seiner Decke; künstlich eingewunden Erseufzt er tief und schlummert lächelnd weiter. Auf eines Mägdleins Bette glatt gestrichen Erglänzt zur andern Seite Mondschein heiter; Die weißen Röcklein auf dem Stuhle glichen Zwei Engeln, die ihr still zum Haupte wachten. Still war sie, bis der Mond von ihr gewichen; Er senkte sich zur Erde. Sprünge machen Sah ich ein Kätzlein schwarz beim letzten Bette; Es spielte mit herumgestreuten Sachen, Ein Strumpfband wars und eine Blumenkette; Und als der Mond am Bett hinaufgeschwebet, Sah ich's, als ob es glühnde Augen hätte. Bang hob ich mich, und mir entgegen hebet Das Mägdlein sich und sprach: "Wie schön gesungen Hat heut die Amme, noch das Herz mir bebet: Frau Nachtigall, mein Herz ist mir zersprungen." So sprach das Kind und legte still sich nieder. Ich fühlte mich mit Weh und Lust durchdrungen, Ein stilles Feuer zog durch meine Glieder. Oft hieß es mich empor nach ihr zu sehen, Und immer hob ihr lockigt Haupt sie wieder. Dann sprach sie Worte, mir nicht zu verstehen, Gebetet war es, und es war gedichtet, Und bis ich sah den Mond mir untergehen, Blieb mir ihr Haupt genüber aufgerichtet. Dann hört ich draußen -- harte Worte klangen, Bis eine milde Stimm den Streit geschlichtet. In unsre Kammer leise kams gegangen, Von Bette schlichs zu Bette, gab uns Küsse Und segnet uns auf Stirne und auf Wangen. Ich war der letzte. Heiße Tränengüsse Fühlt ich aus Mutteraugen auf mich fließen. Ich wußte nicht, warum sie weinen müsse, Ich traute nicht, den Arm um sie zu schließen. Und als sie aus der Kammer war geschieden, Da mußten meine Augen Tränen gießen, Da fühlte ich zuerst den Schmerz hienieden! Ich betete: "Maria, sei gegrüßet, So viele Tränen sie geweint!" und schlief in Frieden.

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Viel war ich krank, kam wenig an die Sonne, Die bunte Decke war mein Frühlinggarten, Der Mutter Pflege war mir Frühlingswonne. Ich konnte oft den Abend nicht erwarten, Wenn sie die Wundermärchen uns gesungen, Daß rings die Kinder in Erstaunen starrten. Und keines ist mir so ins Herz gedrungen, Als von des süßen Jesus schweren Leiden, Wie des Herodes Kindermord mißlungen, Maria durch Ägypten mußte reiten, Und was sie da erfuhr in schweren Nöten, Da focht ich in Gedanken gen die Heiden. Und sah ihr Blut in allen Abendröten. -- Oft kam ein alter Diener mich besuchen, Mit kräftgen Reden meine Zeit zu töten, Die Tasche leer vom oft versprochnen Kuchen, Ein Meister im Versprechen und Beteuern, Was oft sich falsch bewärt; dazu ohn Fluchen Konnt er mit seinen Augen Glaub erneuern. Vom Antichrist tät er mir prophezeien, Und hat zum Held gen ihn in Abenteuern Vor allem mich mit einem Schlag geweihet, Den scherzhaft er mir auf das Haupt gegeben; Doch meine Seele ihn des Ernstes zeihet; Nichts traf so ernsthaft mich in meinem Leben; Der Antichrist erfüllet mich mit Schrecken, Und täglich mußt ich vor dem Trüger beben. Ich sah ihn stets gen mich die Hand ausstrecken: Allmächtiger, erleuchte meine Tage Und wolle mich vor meinem Feind verstecken! Und da dem Alten ich die Angst so klage, Sprach er: "Wenn du drei Tage ohne Weinen Geduldig bleibst, ich dich zur Kirche trage, Da sollst du dir ein großer Held erscheinen, Man wird dich singend bei dem Eintritt grüßen." Ich glaubte ihm. Bei aller Krankheit Peinen Ließ keine Trän ich von den Augen fließen. Und als die Stunde endlich war erschienen, Ward ich geschmückt vom Kopf bis zu den Füßen. Ich ließ mich stolz, gleich einem Herrn, bedienen; Der Alte selbst trug mich auf seinen Armen Und machte übertrieben ernste Mienen. Ich fühlte mich von Sonnenschein erwarmen, Und als wir uns dem alten Kloster nahten, Gab an der Pforte ich den frommen Armen, Die barhaupt bittend uns entgegentraten, Was ich besaß: sechs neue blanke Heller. Mein Träger ging auf wohlbekannten Pfaden; Er zeigte links hinab: "Dies ist dein Keller", Sprach er, "da hast du deine vollen Fässer Mit allen Sorten besten Muskateller!" Ich glaubte ihm, und mit dem blanken Messer Uns da ein schwarz und weißer Mönch begegnet. Der Alte sprach: "Nun sieh, stets kommt es besser!" Und als: "Wer war es?" ich ihm scheu entgegnet -- "Dies war dein heilger Pater Küchenmeister, Was er am Spieße brät, das ist gesegnet. Er ist aus Schwaben und Marcellus heißt er; Er soll den Antichrist zum Spieße stecken, Er ist ein Zauberer, beschwöret Geister." Nun hörte ich durch blühnde Gartenhecken Die Orgel aus der Kirche rührend klingen; Mich faßte da ein nie gefühlt Erschrecken. Als endlich zu der Kirche wir eingingen, Des Weihrauchs süße Wolken mich umwallten, An hohen Säulen goldne Engel hingen, Der vielen Bilder seltsame Gestalten, So stille und so kühl die hohen Bogen, Wie unsre Schritte in den Hallen schallten, Die Orgeltöne jubilierend zogen, Und wie die Mönche zu den Stühlen schlichen -- So wunderbar hat nie mein Herz geflogen. Der Alte machte mir des Kreuzes Zeichen, Mit Weihewasser er mich tüchtig sprengte, Befahl mir dann, zu horchen und zu schweigen. Die Seele sich in meine Ohren drängte. Als laut im Chor sie meinen Namen sagen, Entzücken sich mit tiefer Angst vermengte. Die Worte mir wie Feu'r zur Seele klangen: "|O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria!|" Ein ewiges Gefühl hab ich empfangen. Ruft man mich Clemens, sprech ich still: "|o pia!| In meiner letzten Stund dich mein erbarme; |O clemens, o pia, o dulcis virgo Maria,| Empfange meine Seel in deine Arme!"

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Schon siebenmal war Weihnacht mir erschienen Mit ihres Kinderschatzes frommen Glanz; Ich konnte lesen und die Messe dienen. Die Erde stand in Frühlingsfreude ganz; Des lustgen Pfingstfests Feier zu begehen Schmückt man die Kinder mit dem Blumenkranz. Zur Kirche sah man tausend Kinder gehen; Es teilt die Firmung dort der Bischof aus, Daß sie bestätigt in dem Glauben stehen. In Feierkleidern trat ich aus dem Haus Und zog mit vielen Kindern zu der Weihe, Wie sie geschmückt mit einem Blumenstrauß. Am Chore kniend in der langen Reihe Hab ich vom Bischof da das Öl empfangen Auf meine Sirne, Gott mir Kraft verleihe! Den Backenstreich empfingen meine Wangen, Daß ich gedenke an den ernsten Tag, An dem zur Kirch ich neu bin eingegangen. Derb und empfindlich schien bei mir der Schlag; Er sah in mir wohl jenes irdsche Wanken, Das zu bestimmen noch ich kaum vermag. Ich trat erschüttert aus den heilgen Schranken, Und meine Stirn umschlang ein blaues Band. Jedoch in mir, da schwankten die Gedanken, Denn mir zur Seite an dem Altar stand Ein kleines Mägdlein, das mich tief gerühret; Ich faßte heftig ihre kleine Hand Und habe sie zwei Schritte wohl geführet. Da sprach mein Führer: "Laß das Mägdlein stehn! Dergleichen Spiel allhier sich nicht gebühret." Sie schied von mir, ich mußte weitergehn; Verschlungen ward dies Kind mir von der Menge, Und nimmer hab ich wieder es gesehn. Von Sehnsucht wird noch jetzt die Brust mir enge; Ich suche jetzt wohl noch nach jenem Kinde, Und immer mehr tritt mirs aus dem Gedränge. Traf mich des Priesters Hand dort nicht gelinde, So traf mich schärfer noch mit seinem Pfeil Der kleine Cupido mit seiner Binde. Des Priesters Schlag rührt mich nur kurze Weil, Und nie genas ich von der Liebe Wunden; Der Tod empfängt den Kranken noch nicht heil. Du zartes Mägdlein, dir mir dort verschwunden, Siehst du auf Erden noch das süße Licht, Hast du gelebt und hast du Leid empfunden, Begegnet dir dies dunkele Gedicht: Nimm hin den Gruß und Dank, du Namenlose, Im irdschen Traum du himmlisches Gesicht! Und schläfst du schon in unsrer Mutter Schoße, So falle dir aus meinem ernsten Kranz Ein Opfer auf das Grab: die weiße Rose!

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Getrennet lebte fern ich von den Meinen In strenger und unmütterlicher Zucht. Denk ich der Zeit, seh ich sich mir versteinen Die Tage in des Lebens Blumenflucht, Wie kleine Gärten zwischen steilen Mauern, Die nie ein Sonnenstrahl hat heimgesucht, Wo kalte Marmorkinder einsam trauern, Die wilder Buchs und Salbei trüb umkreist. Ihr kennet wohl des Knaben einsam Trauern! Ich fühlte elend mich und tief verwaist. Du, Schwester, die die trüben Tage teilte, Du fühltest auch, was fremde Pflege heißt. Den Genius, der früh bei mir verweilte, Den sah ich dort zuerst, als unerkannt Er mir das junge Herz begeisternd heilte. Da schmückt ich mich mit einem blauen Band, Und fesselt mich mit goldpapiernen Ketten, Trug einen Schäferstab in kindscher Hand Und auf der Brust geweihte Amuletten. Ein alter Scherbenhügel war mein Thron; Ich sprach: "Wer will den armen Sklaven retten?" Fürst, Schäfer war ich, und verlorner Sohn, Und sehnt mich zu den zarten Wolkenschafen, Die durch den Himmel überm Haupt mir flohn. So war ich einst begeistert dort entschlafen. Schon stiegen die Gestirne aus dem Blau, Die gütig mich mit ihrem Segen trafen; Es spiegelte der Traum sich in dem Tau, Der meine Stirne kühlend schon benetzte; Er führte mich auf eine stille Au, Wo eine Kinderschar sich laut ergötzte. Fremd schienen sie; ich stand an einem Baum, Zu dem ich scheu mich endlich niedersetzte. O seliger, o himmelvoller Traum! Ich sah hinauf. Aus deinem Himmel, Linde, Zog nieder eines weißen Kleides Saum, Und nieder stieg ein Kind aus dem Gewinde Der Zweige, die es neidisch mir versteckt, Ein Ebenbild von jenem Firmungskinde. Sehnsüchtig hatte ich die Arme ausgestreckt, Da kamen sie, dich boshaft mir zu rauben, Die Unverständ'gen haben mich geweckt. Nie blüht ihr wieder mir, ihr Jugendlauben, Im Fackelschimmer nie betrogner Lust! Die Liebe starb, die Hoffnung und der Glauben. Was füllet jetzt die narbenvolle Brust? Verbrannt das Herz! wie knirscht die tote Kohle! Das habt ihr stillen Tränen wohl gewußt. Zur Stube mußt ich, harte Worte holen, Zur Strafe büßt ich ein mein Abendbrot, Als hätte ich, was Gott mir gab, gestohlen: Des selgen Traumes tiefes Abendrot. Da war mein Herz im Innersten ergrimmet, Ich fühlte recht, was mir zum Dasein not: Ein Himmel blau, in dem die Hoffnung schwimmet, Ein Schmerz in meiner freien starken Hand, Die ihn nach ihren Melodien stimmet. Und alles dies, was da zuerst ich fand, Ward mit Moralien und trocknen Blicken Zertrümmert mir, was niemals ich verstand. Entschuldigend erzählt ich mein Entzücken; Da lachte man den armen Träumer aus, Den Scherbenkönig, drehte mir den Rücken; Und als ich weinte, bracht man mich hinaus Zum dunklen Gartensaal voll Malereien, Der immer mich erfüllet hat mit Graus. Es schienen da in traurig langen Reihen Die Bilder von den Schatten überbebt, Die mondumspielte Rebenlauben streuen. Den Richter sah ich, der das Schwert erhebt, Vor Salomon das Kindlein zu zerspalten; Es schwankt das Laub, er zuckt, er scheint belebt. Ich schauderte und konnte mich nicht halten Und kniete nieder vor Mariens Bild. Die Hände hab ich innig da gefalten Und flehte kindisch zu der Mutter mild: "O, Mutter Gottes, hilf dem armen Kinde!" Da deckte sie mich mit allgütgem Schild; Mein Schmerz zerfloß im Beten hin gelinde, Es senkte nieder sich der ernste Traum, Ich schlummert ein im Schatten jener Linde.

* Romanzen vom Rosenkranz ** Romanze I: Rosablankens Traum

"Bitte für uns arme Sünder Jetzt und in dem Tode, Amen!"

Spricht sie -- und vom Stern der Frühe Weissagt auch die fromme Schwalbe, Und des Traumes schwülen Flügel Spannt sie über Rosablanken.

Auf der goldnen Locke Fülle, Schwer vom blanken Nacken wallend, Sinkt ihr schlummernd Haupt zurücke, Himmelsspiegel wird die Wange.

Schüchtern um die rosgen Füße Ihr der Tau die Traumflut sammelt, Und der West mit kühlem Flüstern Dunkle Schlummersegel spannet.

Und der Traum spielt, sie berückend, Auf der Wimpern goldnen Strahlen, Die zum Schlummer sind entzücket In des Morgensternes Glanze.

Und es kreuziget die Süße Fromm gewohnt sich Stirn und Wange, Legt in Gottes Hand die Zügel Der nachtwandelnden Gedanken.

Von den lichtergrauten Hügeln Nieder zu des Tales Garten Durch die Nebelwege düster Sieht sie einen Jüngling wallen.

Zu des Gartens Rosengrüften, Wo die Düfte schlummernd schwanken, Eilet Rosablanka schüchtern; Jener folget ihrem Pfade,

Wandelt ernsthaft durch die Türe, In der Rechten einen Spaten, Und sie wagt nicht, ihn zu grüßen, Also hell und finster war er.

Und sie pflückt gebückt in Züchten Süße Blümlein, die noch schlafen, Die unschuldgen, ohne Sünde, Ohne Taufe, ihm zum Kranze.

Da sie scheu den Kranz schon ründet, Steht vor ihr der trübe Wandrer, Spricht: "Wohl selig sind die Blüten, Die du tötetest im Schlafe;

Selig in der Nacht gepflücket, Die in Unschuld sind empfangen, Die nicht traf der Fluch der Sünde, Starben selig vor dem Apfel.

Aber uns tut not zu büßen, Denn das Weib ward durch die Schlange Zu dem Gottesraub verführet, Den sie teilte mit dem Manne.

Und so hat der Herr erzürnet An die Erde uns gebannet; In der Mutter muß ich wühlen Nach dem göttlichen Erbarmen.

Mit dem Fleische ist die Sünde Aus der Erde aufgegangen; In der Mutter muß ich wühlen, Bis der Vater sich erbarmet!"

Und vor Rosablankens Füßen Fing der Ernste an zu graben, Und da er die Gruft erwühlet, Hat die Erde ihn umfangen.

Mit ihm zu der Erden Grüften Sinken auch des Tales Schatten; Aus den Gründen zu den Hügeln Tritt die Nebelwoge wachsend.

Trüb getürmt auf düstern Füßen Schwankt der Riese auf am Walde, Schwingt die Nacht auf seinen Rücken, Kalt die Nebelfäuste ballend.

Trügend rüstet sich der Lügner Mit dem Sonnengott zum Kampfe, Der auf goldnen Flügelfüßen Flammet aus dem Ozeanen.

Seinen Spiegel stellt er lügend In der Dünste giftgem Walle Antichristisch ihm genüber; Jeder wache, nicht zu fallen!

Wo der Traum in irdschen Gründen Barg den Mann, will Rosablanke Ganz in tiefer Angst entzücket Ihren Blumenkranz begraben.

Aber ihr entgegen züngelnd Reckt sich eine bunte Schlange, Und mit heilgem Mut gerüstet Betet bebend Rosablanke:

"Sei verflucht, du Geist der Lügen, Dich zertrat des Weibes Samen; O Maria, sei gegrüßet, Mutter Gottes, voller Gnaden!

Amen!" und aus Himmelsflüssen Gießt sich aus ein Meer des Glanzes: __Maris Stella__ sei gegrüßet, __Semper virgo, ave, salve!__

Und der Jungfrau Heldenfüße Traten auf das Haupt der Schlange; Kindisch ihre Schuld zu sühnen Gibt dem Kranz ihr Rosablanke.

Aber auf des Tales Hügeln Glüht die Sonne, und es wallen Schon die Bienen nach den Blüten, Und es eilt die fromme Schwalbe,

Kühlt des Traumes schwülen Flügel Auf dem Spiegel klarer Wasser, Und beträufelt mit dem Flügel Weckend Rosablankens Wange.

** Romanze II: Kosme und Rosablanka

Auf des Fensters Efeuranken Spielt der Strahl der jungen Sonne, Und des Laubes Schatten schwankend Weckt den greisen Vater Kosme.

Schlummerstille ist die Kammer Rosablankens, als er horchet, Und er trägt den Krug zum Bache, Füllet ihn mit frischem Borne.

Aus dem Wasserspiegel mahnet Ihn des Alters ernster Bote; "Du wirst bald die Schuld bezahlen!" Spricht des Hauptes Silberlocke.

Betend senkt er in dem Schatten Seine Stirne an den Boden; Mit ihm betet auch das Wasser und des Gartens heilge Rose.

Und des Tales Sänger alle, Blumen, Bäume, hohe Wolken, Schallend, wachend, atmend, wandelnd, Opfern fromm der goldnen Sonne.

Aber zu der Kinder Lallen Weint der graue Büßer Kosme, Denn um seine Hütte wachsen Weiße, rote, gelbe Rosen.

Schamvoll, schuldvoll überschwankend Wiegt die rote, blutge Rose -- Ach, sie treffen ihn gleich Stacheln -- Stumm zwei Knospen an der Sonne!

Abgewendet von dem Alten Unterm Zorn der dunklen Dornen Läßt die gelbe Rose wanken Tränenschwere Trauerglocken.

Und die weiße Rose, zagend, Gleicht dem Geiste einer Nonne, Bleicht den Schleier weinend, wachend Ewig unter Mond und Sonne.

Jetzt auch zu dem Bache wandelt Rosablanka, während Kosme Betend liegt; mit kühlem Wasser Netzt sie Wange, Brust und Locke,

Ihre Stimme noch umfangen Von des Traumes Nebelkrone, Und die Augen scheu umflattert Von der Sonnenbilder Flocken.

Doch des Wassers Spiegel mahnet Zu dem frommen Wunsch die Fromme: "Könnte alle Schuld ich zahlen Mit der goldnen Flut der Locken!"

Ihre Worte hört der Alte, Und spricht zu ihr: "Fromme Tochter, Sei gesegnet an dem Tage, Da du bist zum Licht geboren!

Aber bleich sind deine Wangen, Und die Augen trüb umfloret?" -- "Vater, schwere Träume brachte Diesen Morgen mir Aurore.

Überm Haupte bang gespannet Schwankt und droht des Traumes Bogen, Den zerbrochen mir die Schwalbe, Niederträufelnd einen Tropfen." --

"War es Feuer, war es Wasser, Rosablanka, was dir drohte? War erwühlet dir der Garten? Bebte unter dir der Boden?" --

"Ja, es waren Tränen, Vater, Und es war die Glut der Rosen, Und um göttliches Erbarmen Ward erwühlt des Gartens Boden." --

"Wehe! wehe! Rosablanka, Der gewühlet in dem Boden, Fand er göttliches Erbarmen Oder blieb sein Werk verloren?" --

"Er ging unter still ermahnend, Über ihm ist aufgeschossen Eine bunte, schöne Schlange, Dringend hin nach meinen Rosen."

"Wehe! wehe! Rosablanka, Gabst du hin die heilgen Rosen? Hat die bunte, schöne Schlange Dich mit bunter Luft betrogen?"

"Von dem Himmeln kam gegangen Die den Heiland hat geboren; Sie zertrat das Haupt der Schlange Und ich gab ihr hin die Rosen." --

"Sei gesegnet, Rosablanke, Für die Worte voller Trostes! Daß sich mein der Herr erbarme Mag ich nun in Demut hoffen." --

Tiefbeweglich sprach der Alte, Und es wagte nicht die Fromme Nach der Rede Sinn zu fragen, Sie sah schüchtern an den Boden.

Aber zu der Hütte wandeln Beide nun, und Vater Kosme Spricht: "Nun gehe zu dem Garten, Fülle deinen Schoß mit Rosen,

Während ich die Honigwaben Und das Wachs, das diese Woche Ich zu Kerzen zog und malte, Dir in deinen Korb geordnet.

Nach Bologna mußt du wandern, Eh noch höher steigt die Sonne, Dort verkaufe deine Ware Bei den schwarz und weißen Nonnen.

Zwanzig Soldi nur an barem Gelde nehme ich vom Kloster; Was dir bleibt von deinem Wachse, Tausche ein um weiße Brote.

Bringe mir auch Purpurfarbe, Einen Gran geriebnen Goldes, Und Ultramarin zwei Asse Aus dem Kram am römschen Tore.

In dem Kloster zu Sankt Claren Gibt dem Meßner zwanzig Soldi, Daß er morgen, eh es taget Eine Seelenmesse ordne.

Morgen sind es zwanzig Jahre Daß die Mutter dir gestorben. Herr, dich ihrer Seel' erbarme Durch die Mutter deines Sohnes!

Ew'ge Ruhe gibt den Armen, Die der Erde Schoß bewohnen." -- Amen! betet Rosablanke, Und geht weinend nach den Rosen.

Da sie kehret, hat der Alte Ihr den Korb schon wohlgeordnet, Drüberhin ein Tuch gespannet, Darauf gießt sie aus die Rosen.

"Was dir bleibet, Rosablanke, Gib den Armen oder opfre; Gehe in Gottes Namen." -- Und sie gehet mit dem Korbe.

Kosme schließt das Tor des Gartens Und der Hütte kleine Pforte, Riegelt ein sich in der Kammer, Wäre gern allein verschlossen.

Aber nicht am Tor des Gartens, Nicht an seiner Hütte Pforte, Noch der Kammer, hört den Hammer Er des strengen Gläubgers pochen.

In den Bußen wohnt der Mahner Alter Sünde, und die Rose Mahnt am Fenster, und die Schwalbe, Seiner Armut Gast, mahnt Kosme.

Und die fromme Rosablanke, Die mit goldner Flut der Locken Möchte alle Schuld bezahlen, Ist der strengste Gläubger Kosmes.

Zu der Hütte letzter Kammer Schleichet bang der alte Kosme, Dort hält er den Schatz des Jammers Sich im festen Schrank verschlossen.

Eine Locke blonder Haare, Die Gewande einer Nonne Nimmt er weinend aus dem Kasten, Und dann eine schwere Rolle.

Er befestigt sie am Rande, Und es rollet zu dem Boden Ein Gemälde, das der Maler Unvollendet, halb entworfen.

Unten auf dem Meer der Schatten Schwankt, umwogt von dunklen Wolken, Ohne Steuer, ohne Flagge, Bleich der Kahn des halben Mondes.

An den Seiten aufwärts wallen Opfersäulen grauer Wolken, Die den Regenbogen tragen, Des Triumphes Friedenspforte.

Um des Tores Bogen ranken Engel sich, aus rotem Golde, Und von ihren Händen fallen Purpurrote Morgenrosen.

Wo sie zu dem Monde fallen Scheinet er von blankem Golde Eine Sichel, die am Abend Rosen streute für Auroren.

Aber nächtlich hat die Schlange Um die Sichel sich gerollet. O erscheine, Herr des Gartens, Tritt den Lügner an den Boden!

Denn inmitten dieser Tafel Ist noch kaum ein Strich gezogen, Gleich des Blinden Auge starret, Gott erharrend, hin der Bogen.

Jährlich nur an diesem Tage Weint vor dem Gewand der Nonne Und der Locke goldner Haare, Büßt vor diesem Bilde Kosme.

Wie, an heilgen Jahrestagen Nur, die Kirche die Kleinode, Die Reliquien des Schatzes Auftut, zu der Frommen Troste,

So auch liegt der Schatz des Jammers Jährlich vor dem Büßer offen Da geboren Rosablanke, Da die Mutter ihr gestorben.

Die in schwerer Schuld empfangen, Die in schwerer Schuld gestorben, Und es ist der Sünde Vater Rosablankas Vater Kosme.

Bis in tiefer Reue Flammen Der Verzweiflung Erz geschmolzen, Weinet Kosme in der Kammer Vor dem Bild und Kleid der Nonne.

Und als in des Büßens Asche, Wie der Blick geschmolznen Goldes, Hoffnung ihm entgegenlachet, Geht bereiten er das Opfer.

Er gießt aus gebleichtem Wachse, Das im Mittagsstrahl zerflossen, Eine hohe Totenfackel, Einer Schlange gleich geformet.

Malt sie an mit bunten Farben, Schmückt sie auch mit Punkten Goldes; Brennen soll sie am Altare Bei der Totenmesse morgen.

Und so hat er still gemalet, Bis zum Garten ging des Mondes Blanke Sichel, und des Abends Rosen streute für Auroren.

** Romanze III: Meliore und Apone

Ruhig steht mit seinem Buche Schon Meliore auf der Straße, Vor dem Haus der hohen Schule auf die Mitgenossen harrend.

Er bedenkt die tiefsten Punkte, Die Apone vorgetragen, Wünscht ihm eine leichtre Zunge Und sich schärfere Gedanken.

Daß die Welt aus Gott entsprungen, Und doch nicht von ihm erschaffen; Daß Gott sei im Mittelpunkte, Wo auch nichts sei und doch alles --

Dieses scheint ihm höchstens dunkel; Aber da er Apo fragte, Sprach der Lehrer: "Es war dunkel, Da das Licht noch war im Schaffen.

Bildend in den Kreaturen, Hatte es nicht Zeit zu strahlen; Also sei es dir kein Wunder, Daß es noch bei dir nicht taget.

Fühlst du erst die Macht des Dunkels, Dann magst du nach Licht recht schmachten, Nur der Durstgen Wünschelrute Wird auf kühle Brunnen schlagen.

Ist es mir erst recht gelungen Euch ins Dunkle einzufangen, Dann zu sehn des Lichtes Wunder, Mögt ihr selbst ins Aug euch schlagen." --

Und so gab er sich zur Ruhe, Wollte nicht mehr weiter fragen, Ließ ergeben sich hinunter In der Weisheit Stollen fahren.

Harmoniam der Naturen, Welche auf smaragdner Tafel Nach der Sündflut aufgefunden Zara, in Hermetis Grabe,

Und der Dinge Signaturen Hat schon Apo vorgetragen, Und beinahe ists schon dunkel, Daß man sich ins Aug möcht schlagen.

Aber heute in der Stunde Wird er hohe Dinge sagen, Von der Töne Macht und Wunder Und der Kunst des Liebestrankes.

O, daß er die ganze Stunde Lehrte von dem Liebestranke, Denn Meliore kennt die Wunder Harfenklanges und Gesanges.

Denn es schlug die Liebeswunden Ihm Biondettas Wunderharfe, Die um Tanz und Sang und Tugend Man die heilge Tänzrin nannte.

Doch nun hört an dem Turme Eine Viertelstunde schlagen, Und durchs Fenster in der Schule Apos Stimme lehrend schallen.

Da er so versäumt die Stunde Von der Kunst des Liebestrankes, Will er eilen zu dem Brunnen, Wo der Trank lebendig wallet.

Trunken schlugen seine Pulse, Da er ihrer Wohnung nahet; Wie durch dunkle Grüfte, rufend Sich, verwandte Quellen wandeln,

Sich in ewiger Unruh suchen, Aber fest in Stein gefangen, Murmelnd ungeduldig sprudeln, Können nicht zusammenfallen.

An Biondettens Fenster duftet Einer blühnden Linde Schatten, In den Zweigen gehn zur Schule Gern die süßen Nachtigallen.

Lauschen in den Dämmerungen Auf der Jungfrau Sang und Harfe, Wenn die Meisterin verstummet Wiederholen sie es lallend.

In Bewundrung ganz betrunken Singt das Bölklein durcheinander, Die Studentlein ohne Ruhe Mit dem Federmantel schlagen.

Oft auch mischt ein frecher Kunde Drein den ungewaschnen Schnabel, Und die Sänger all im Sturme Fassen, rupfen ihm den Kragen.

Und entflohn zum nahen Turme Lehrt der Star die andern Stare Eines höhern Standpunkts Schule, Gründend auf der Wetterfahne.

Klagt auch, daß die andern drunten Seine Hauptideen stahlen, Macht ein kunterbunt Gemunkel, Läßt in alle Welt es tragen.

Doch in den Begeisterungen Weiß die Jungfrau nichts von allem, Sie hat nur vor Gott gesungen, Lauschen gleich die Nachtigallen.

So vergleicht der hohen Schule Er der hohen Linde Schatten, Wo in überflüssgen Zungen Ihm Biondettens Sang verhallet.

Ach! er möchte hin zum Grunde Stürzen dieses Baumes Schatten, Oder in den Zweigen ruhend, Die ihm bloß ertönt, betrachten.

Doch ein Bild von Gottes Mutter Steht auf einsamen Altare Bei der Linde, ihre Kuppel Wölbet ihm des Tempels Halle.

Ihm zur Seite steht ein Brunnen Einsam wie das Bild, es fallen Leis der Linde Blüten runter Auf den Spiegel seines Wassers.

Arm ist wohl das Bild an Schmucke, Handel-, wandellos die Straße, Aber nächtlich hört die Mutter Hell Biondettens süßes: Ave!

Und geht sie, im bunten Putze Schimmernd, zu der Bühne abends, Teilt sie fromm die Flitterblumen Mit Marien, voll der Gnaden.

Auf des Altars öder Stufe Keimen Blümlein in dem Grase; Nahe ist das Tor, hier ruhen Gern, sich ordnend, müde Wandrer.

Denn hier steht ein kühler Brunnen Einsam wie das Bild, es fallen Leis der Linde Blüten runter Auf den Spiegel seines Wassers.

Still an des Altares Stufen Kniet Meliore und betrachtet Glaubend, was mit Dämmerungen Ihm der Schule Geist umnachtet.

Eine Jungfrau kömmt zum Brunnen; Zu der Stadt trägt Rosablanke Einen Korb mit Wachs und Blumen, Sprengt die Rosen an mit Wasser.

Sitzt zu ruhn dann auf die Stufen Bei dem Jüngling am Altare, Ihre züchtgen Augen wurzeln Bang auf der Gestalt des Mannes.

Die erfrischten Rosen rufen, Und er blickt nach Rosablanken; Wie der Born geweckt die Blumen, Weckt sein Blick die Rosenwange.

Von geheimer Macht bezwungen Spricht die Jungfrau: "Herr, im Garten Bot ich heut dir diese Blumen, Und du hast sie ausgeschlagen.

Grubst dir emsig eine Grube, Und empor schoß eine Schlange; Du gingst in der Grube unter, Ach in mir ist dieser Garten!

Es erschien mir Gottes Mutter Und zertrat die böse Schlange, Und doch fühl ich mich verwundet, Da ich lebend dich betrachte!"

Und Meliore spricht verwundert: "Du klagst einem kranken Arzte, Rettung müßte ich sonst suchen Vor der Schönheit meiner Kranken.

Du sagst wahr: Längst ging ich unter In der Wangen Rosengarten, Der Gesang des süßten Mundes War mir eine bunte Schlange.

Aber hier steht Gottes Mutter. Daß sie unser sich erbarme, Lasse um die Stirn ihr duftend Einen Kranz von Rosen prangen!"

Und er sitzet auf den Stufen, Flichten den Kranz mit Rosablanken; Da bricht durch der Linde Dunkel Zu dem Bild Biondettens: Ave!

Und es krönet Gottes Mutter Schon Meliore mit dem Kranze, Und Biondettens Lied verstummet, Bitter weinet Rosablanke.

Ihr zum Herzen hingedrungen Sind die Fluten des Gesanges, Ihr im Busen ist entsprungen Eine Quelle des Verlangens.

Und der Tränen Flut wird suchen Stets die Fluten des Gesanges, Bis sie einst durch Gottes Wunder Selig ineinander fallen.

Doch nun eilet mit den Blumen Nach dem Kloster Rosablanke, Weil von Schülern dicht umrungen Apo sich der Linde nahet.

Er mag gern mit seinem Zuge Durch Biondettens Straße prangen, Und sie bei dem nahen Turme, Wo er hauset, stolz enlassen.

Ernsthaft mit gezogenem Hute Folgt die Schar dem finstern Manne; Vom Altare springt herunter Schnell Meliore, ihn erwartend.

Nahet nach demütgem Gruße Ruhig dann dem finstern Manne. "Daß ich heut versäumt die Schule" -- Spricht er -- "muß ich leider klagen.

Ungeduldig, ohne Ruhe, Konnt ich nicht die Zeit erwarten, Und ging aus, sie aufzusuchen, Aber ich bin irr gegangen."

Zu ihm spricht mit höhnscher Zunge Apo, scharf ins Aug ihm fassend: "Und der Irrgang scheint gelungen, Angenehm ist dieser Schatten.

Dieser Baum hegt geistge Zungen. Einen Vogel zu erhaschen, Bist du zum Altar gesprungen, Und doch führst du leere Taschen." --

"Meister, nein! das Haupt der Mutter Krönt ich mit dem Rosenkranze, Während ich, bis du zum Turme Kehretest, deiner hier geharret.

Denn ich wollte dich ersuchen, In der Kürze mir zu sagen, Was in der versäumten Stunde Mir vom Liebestrank entgangen.

Denn der Töne Macht und Wunder Kann ich mir schon deutlich machen; Dieses Baumes geistge Zungen Über mich sind ausgegangen."

Apo spricht: "Der Töne Wunder Lehrte dich der Linde Schatten, Lerne nun von diesem Brunnen Auch die Kunst des Liebestrankes." --

"Meister, höchlich ich bewundre, Wie du fein mich höhnend strafest; Ach! zu tief ist mir der Bunnen, Und der Eimer schöpft nur Wasser.

Auf des Glanzes Spiegel unten Sah ich oft ein Antlitz strahlend Durch die grünen Zweige funkeln, Aber nimmer steigts zum Rande.

Treulos immer ists verschwunden, Wenn ich weisheitsdurstig nahte. Nur das Bild von Gottes Mutter Weilte ruhig meinen Klagen.

Und so krönt ich sie mit Blumen, Daß, nach gleichem Preis verlangend, Auch das schönre Bild des Brunnens Gütger meiner Andacht achte.

Doch noch immer muß im Durste Ich am kalten Rande schmachten, Möcht hinab zu einem Kusse Stürzend mich im Tode baden." --

"Trage Wasser in den Brunnen." -- Spricht der Meister -- "bis zum Rande, Dann magst du die durstge Zunge Bald im kühlen Spiegel laben." --

"Meister, was dir nie gelungen", Spricht Meliore, "soll ich wagen? Seit dem Teufel hat die Schule Wasser in den Born getragen.

Doch des Himmels Spiegel unten Ist noch nie heraufgewallet; Von der Schule zu gesunden Will den Blick ich aufwärts schlagen."

So sprach er im Jugendmute, Als er fühlt der Rede Stachel. Apo spricht: "Ich sag dem Kruge: Gehe, bis du brichst, zum Wasser!

Kühner Knabe, willst du Funken, Fange eh du streichst die Katze!" Zornig geht er dann zum Turme, Und Meliore steht verlachet.

** Romanze IV: Rosablanka und Biondetta

Nieder auf Bolognas Gassen Brennt die volle Mittagssonne, Und aus hohen Schloten wallen Weiß des dichten Rauches Wolken.

In den Kellern klimpern Flaschen, Und auf kühlem Marmorboden Wird mit silbernem Gerassel Schon des Reichen Tisch geordnet.

Suchend hie und da den Schatten, Schleichen von der Klosterpforte Auch die Bettler zu dem Mahle, Mit dem vollen Suppentopfe.

Und der Ochse lauscht am Wagen, Wiederkäuend in der Sonne Einsam auf dem heißen Markte, Auf das Plätschern hoher Bronnen.

Aber in der Linde Schatten, Wo die fromme Tänzrin wohnet, Scheint der Mittag selbst entschlafen An dem lieben, stillen Bronnen.

Leis umgrast von seinem Lamme Auf dem dicht berasten Boden Ruht ein süßer, kleiner Knabe, Schlummerglühnd in goldnen Locken.

Jede Blüte hör ich fallen, Hör des Knaben leisen Odem, Und die reine Rosablanke Tritt einher mit ihrem Korbe.

Auf den Stufen des Altares, Wo sie früh den Kranz geflochten, Ladet sie zum armen Mahle Kindlich ein die Mutter Gottes.

Eine goldne Honigwabe, Auch ein Stückchen weißen Brotes Und die milchgefüllte Flasche Nimmt sie aus dem weißen Korbe.

Da erwacht der blonde Knabe Und steht harrend bei dem Bronnen, Und es rief ihn Rosablanke: "Komm, ich geb dir Honigbrote!"

Und er nahet mit dem Lamme Freundlich sich der Jungfrau Schoße, Auch ein Vöglein kommt zu Gaste Von der Linde abgeflogen.

Liebreich lächelt Rosablanke, Heißt sie allesamt willkommen, Und es spricht der blonde Knabe: "Du bist mild, o fromme Tochter!

Was du teilest mit den Armen, Das hast du dem Herrn geboten, Der sich deiner wird erbarmen In der Stunde deines Todes!"

Von der Gäste lautem Danke Ward Biondetta hergelocket, Schaut herab zur offnen Tafel, Will mit ihrer Kunst sie loben.

Leis ergreift sie ihre Harfe, Singet still herabgebogen: "Heil dir, Jungfrau, mit dem Lamme, Mit dem Knaben, mit dem Vogel.

Über deinem frommen Mahle Weile gern das Auge Gottes, Denn so liebe Gäste saßen Einstens um das Tischlein Josefs.

Herr, dies Mahl laß dir gefallen Zum Gedächtnis deines Sohnes, Und die arme irdsche Harfe Klinge bald am Himmelstore."

Als die Worte niederklangen, Saß die Jungfrau stille horchend, Ließt die Gäste munter naschen Brot und Honig aus dem Schoße.

Und Biondetta flüstert sachte: "Mägdlein, sieh nach deinem Korbe, Denn das Lamm hat mit der Nase Schon das weiße Tuch erhoben.

Kindisch horchend meiner Harfe, Bist du um dein Brot gekommen: Darf ich dich zu Gaste laden, So tritt ein in meine Pforte!"

Doch nun spricht der blonde Knabe: "Eh du gehest, fromme Tochter, Gib drei Kerzlein mir vom Wachse, Daß ich sie heut abend opfre.

Ich will dir ein Lied auch sagen, Wenn ich wieder zu dir komme, Von dem Knaben und dem Lamme Und drei wundervollen Rosen.

Ich kenn deines Vaters Garten; Will es Gott, so komm ich morgen." Und sie gibt drei schön gemalte Kerzen ihm, daß er sie opfre.

Eine rote, eine schwarze: Und er spricht: "Für dich, du Fromme, Ist die weiße hier -- drei Farben Will ich für drei Rosen opfern!"

Und nun wendet sich der Knabe, Spricht: "Gedenke dieses Morgens, Denk der Schlange und des Mannes, Folge seinen ernsten Worten.

Daß sich unser mög erbarmen, Der du gabst die frischen Rosen, Die zertreten hat die Schlange, Die den Heiland hat geboren!"

Und nun schied er. Tief erbanget Denkt die Jungfrau seiner Worte, Bis Biondetta sie ermahnte Mit der Saiten goldnem Tone.

Ihren Korb nimmt Rosablanke; Wie von lieber Hand gezogen Steigt sie zu Biondettas Kammer Und spricht schüchtern: "Willst du Rosen?

Rosen, rot wie deine Wangen, Kerzen, rein und schlank gezogen, Wie dein klarer Leib gestaltet?" Sprichts und zieht das Tuch vom Korbe.

Kann die Antwort nicht erwarten, Setzt sich nieder an den Boden, Fleht: "O schlage an die Harfe, Singe, singe rein und golden!"

Und Biondetta spricht: "O klare Jungfrau, schöne Harfe Gottes, Woll an meinem Herzen schlagen Von den Armen lieb umschlossen!"

Und es sinket Rosablanke Ihr ans Herz, und heilig lodert Über sie die Gottesflamme, Daß die Seelen dicht verschmolzen.

Daß von ihren süßen Wangen, Von den rot und weißen Rosen, Von dem Klang verborgner Harfen Heilge Tränenquellen flossen.

"Hörst du, hörst du, wie vom Klange Mir des Herzen Saiten pochen, Wie von göttlichem Gesange Sich ein Netz um uns gezogen?

O, wer bist du? meine Arme Haben einen Schatz gehoben; O, wer sind wir, die sich fanden? Sprich, wo wir uns einst verloren?"

Also ward in süßen Fragen Ihrer Arme Bund erschlossen, Der mit heimlichen Gewalten Ihrer Seele Bund geschlossen.

"Da ich früh heut am Altare Einen Rosenkranz geflochten, Fühlte ich in dem Gesange, Liebe, mich an dich verloren.

Durch die Rosen meines Kranzes Und durch meines Blutes Rosen, Die in Lieb und Andacht wachsen, Flocht ich deine Töne golden!" --

"Da ich dich gesehn beim Mahle Mit dem Knaben, Lamm und Vogel, Fühlte ich ein tief Erbarmen, Daß ich hier so einsam wohne.

Wie ein Himmelsglanz die Kammer Heilgen Möchen in Visionen Füllet, also füllte strahlend Mich Verlangen, Lieb und Hoffen!"

Um sich blicket Rosablanke, Sieht das Stübchen wohl geordnet, Spiegelblank sind Stuhl und Tafel, Schrank und Wand von edlem Holze.

Reicher Stoff in reichen Falten Schwebet um der Fenster Bogen, Und ein Bilderteppich spannet Augerquickend sich am Boden.

Und wo es erwünscht, da ragen An den Wänden, halb erhoben, Kunstgebildete Gestalten: Mensch und Vase schön geformet.

Marmor, Glas und Alabaster, Erze, Silber, Gold und Bronze, Die Metalle und Kristalle Sprechen, was der Meister wollte.

"Reich ist, Jungfrau, wohl dein Vater, Der dir all dies Gut erworben? Solchen Reichtum zu betrachten, Ist mir füher nie geworden." --

"Nur der Welt gehört dies alles," Spricht Biondetta, "aber folge Jetzt mir auch zum eigenen Schatze, Den ich selber mir erworben.

Trete in die enge Kammer, Sieh mein Bett von trocknem Moose, Wo ich mit dem Licht erwache, Mit der Schwalbe Gott zu loben.

Vor dem Fenster schwebt ein Garten Auf der alten Mauerkrone, Wo zwei süße Nachtigallen Meine Lieder wiederholen.

Aber deine Augen fragen, Was das Tüchlein dort verborgen Über meinem Betstuhl halte: Sieh, das Bildnis einer Nonne.

Schlecht ist nur das Bild gemalet, Doch in seinen Zügen wohnet Strenge, die mich liebreich strafet, Liebe, die mich ernsthaft lobet.

Heiliger als alles, alles, Ist mir dieses Bild geworden, Seinen Linnenvorhang achte Höher ich, als sei er golden.

Aber über deine Wangen Seh ich sanfte Tränen rollen?" "Kann ich," saget Rosablanke, "Vor dem Bild nicht weinen wollen?

Denn ich seh auf seinen Wangen Blasser Lilien Kelch erschlossen, Der von Tränen bittren Grames Bis zum Tode überflossen.

Wer hat dir das Bild gemalet, Wer hat dir das Tuch gesponnen, Daß sie lieb dir über alles Und mir auch so lieb geworden?" --

"Was ich weiß, sollst du erfahren," Spricht Biondetta, "doch zu sorgen Bleibt mir vieles noch heut Abend; Ich muß meinen Putz noch ordnen;

Muß noch stimmen Leir und Harfe Und die Lieder wiederholen, Denn schon mahnet mich der Schatten Meiner Uhr dort an der Sonne."

Schüchtern fraget Rosablanke: "Hohe Gäste hat entboten Wohl dein Vater für heut Abend, Die so reichen Putz erfordern?" --

"Alles das will ich dir sagen," Spricht Biondetta, "doch nun folge Mir zu meinem Kleiderschranke, Hilf mir die Gewande ordnen."

Vor den Blicken Rosablankens Stehn die blanken Türen offen: Ach die seltsamen Gewande Und die bunten, reichen Stoffe,

Und die schönen Blumen, wankend Bei den Sternen silbern, golden, Wie die zarten Federn schwanken # schwonken Um die leichten, duftgen Flore,

Wie die Diamanten strahlen Lachend in rotgoldnen Kronen, Wie die Perlenschnüre fallen Weinend durch des Purpurs Wogen.

Und in blanken Silberpanzern Spiegeln dunkle Seidenrosen, Windend sich um Schwert und Lanze Aus des Goldhelms stolzem Schoße.

Muschelhut und Pilgerflasche Hängt am sarazenschen Bogen, Falsche Stern und Monde prangen Auf des Turbans üppgen Wolken.

Flitterschuhe und Sandalen, Bei Kothurn und Goldpantoffeln Und gespornten Schienen, paaren Traulich unten sich am Boden.

"Reich ist, Jungfrau, wohl dein Vater, Der dir all dies Gut erworben?" -- "Nur der Welt gehört dies alles, Ich bin freier Künste Tochter.

Muß auf offner Bühne tanzen, Bin zur Lust der Welt erzogen; Heute sind es nun sechs Jahre, Daß ich sang die erste Rolle.

Heute sind es zwanzig Jahre, Daß ich bin gefunden worden Als ein Kindlein am Altare, Wo du früh den Kranz geflochten.

Findelkind Mariens nannte Mich die Tänzrin, die hier wohnte, Ihr verdank ich Sang und Harfe, Sie ist meine Mutter worden.

Was mit Staunen du betrachtest, Ist das Gut, das sie erworben Und mir gütig hat gelassen, Als ich sie im Tod verloren.

Da zur Jungfrau ich erwachsen, Übernahm ich ihre Rollen, Und sie hat vom offnen Wandel Sich zu Gott zurückgezogen.

In dem Kloster zu Sankt Claren Ward sie endlich aufgenommen. Und im heilgen Kleid begraben Als ein Mitglied jenes Ordens.

Sterbend hat sie mir gestanden, Daß ich ihre Findeltochter, Und mir Zeit und Ort gesaget, Da ich bin gefunden worden,

In dem Tüchlein eingeschlagen, Mit dem Bilde jener Nonne, Und dem Ringlein, das ich trage, Am Altare bei dem Bronnen.

Heute sind es zwanzig Jahre; Freitag nachts, als aus der Oper Einsam sie nach Haus gegangen, Nahm sie auf mich von dem Boden.

Hat mit mir sich in der Kammer Mutterheimlich eingeschlossen, Und von den gemalten Wangen Liebestränen auf mich flossen.

Da sie sterbend mir dies sagte, Fragt ich: wer hat mich geboren? Doch sie konnte mirs nicht sagen, Ihre Lippe war verschlossen.

Ihre Blicke, aufgeschlagen, Sahen nach dem Bild der Nonne, Und auf ihre bleichen Wangen Kalte Tränen niederflossen,

Die noch traurig darauf standen Als ich ihr das Aug geschlossen; Und so sind mit ihr mir Armen Beide Mütter mir gestorben:

Die mich hilflos mußte lassen Als sie mich zum Lichte geboren, Die mich treu in ihre Arme Als ein Kind hat aufgenommen.

Heute nun zum letzten Male Will ich tanzen in der Oper, Will ich meine Wangen malen Meiner Lehrerin zum Lobe,

In der Künste bunter Flamme Ihrem Leben noch dies Opfer, Und dann fromm die jungen Tage Opfern ihrem selgen Tode."

Alles höret Rosablanke, Dinge, die sie nie vernommen, Über manches möcht sie fragen, Stünd der Schrank nicht vor ihr offen.

Lange steht sie vor den Masken, Wie umgafft von fremden Volke; Kindisch wagt sie nicht zu fragen, Wer die Augen ausgestochen.

Doch fragt sie bei Armors Larve, Der ein Band von leichtem Flore Um die Augen war gefaltet: "Ist ihm auch das Aug genommen?" --

"Da ich einstens trug die Larve, Sprach Apone unterm Volke: Wer darf deine Mutter tadeln, Wenn du spielst des Vaters Rolle!

Da erglühten meine Wangen, Durch die Maskenöffnung rollten Heiße Tränen, und die Farben Um die Augen her verloschen.

Darum hab ich mit dem Bande Diesen Schaden schnell verborgen, Und blieb ferner an dem Abend Von dem Toren unverspottet.

Aber nun sollst du die Haare Mir für heute Abend ordnen, Wie um eine Silbernadel Du die deinen hast geflochten.

Willst du mir die Zöpfe machen? Ich knie nieder an den Boden, Und indessen sollst du sagen, Wer dein Vater, wo du wohnest."

Und sie flicht Biondettens Haare, Windet sie in feste Knoten, Während sie vom Rosengarten Spricht und von dem Vater Kosme.

Wie im Traume heut die Schlange Gegen sie emporgeschossen, Wo der ernste Mann gegraben, Der versunken in den Boden.

Wie dann später am Altare Sie ihn wieder angetroffen: "Ach, da hört ich deine Harfe, Hab mit ihm den Kranz geflochten!

Und jetzt hat der blonde Knabe Mit dem Lamme und dem Vogel Zu bedenken ernst ermahnet, Was der ernste Mann gesprochen.

Ach, ich bin mit Angst umfangen! Mich umdrängen diesen Morgen Jener Mann, der Knab, die Schlange, Du, dein Glanz, das Bild der Nonne!

Beten will ich noch heut Abend, Beten, recht von Herzen, morgen An der armen Mutter Grabe, Die mich sterbend hat geboren.

Auch sie ruhet bei Sankt Claren; Ich hab morgen angeordnet Ihre Messe, eh es taget; Willst auch du hin beten kommen?

Aber halte fest, du wankest! Sieht, jetzt durch den Flechtenknoten Steck ich meine Silbernadel, Bleib der Geberin gewogen!"

Und Biondetta spricht: "Die Nadel Will ich heut ins Herz mir stoßen, Wenn ich auf des Spieles Bahnen Mich dem schönsten Tode opfre.

Wenn die Fluten des Gesanges Weltlich alle sind zerronnen, Wenn die Schwingungen des Tanzes Alle nieder sind gezogen.

Wenn die Saiten meiner Harfe Weltlich alle sind gebrochen, Denk ich deiner, Rosablanke, Dient die Nadel mir zum Dolche!

Und das Ringlein, das ich trage, Das mit mir gefunden worden, Nimm es hin zur Gegengabe! Also bin ich dir gewogen!

Aber wähl auch aus dem Schranke Irgend ein Gewand dir, Holde! Zur Erinnrung dieses Tages Zeige es dem Vater Kosme.

Morgen will ich Sankt Claren Zu der Totenmesse kommen, Und dann dir zum Rosengarten Deines ernsten Vaters folgen."

Lange wählet Rosablanke Welch Gewand sie nehmen sollte, Und Biondetta singt zur Harfe, Ihre Rolle wiederholend:

"Lebet wohl, ihr falschen Farben, Eitler Tränen Regenbogen, Sterne, die mit falschem Glanze Dienten einem Flittermonde!

Meine Tränen sollen wachsen, Daß sie mit den bittern Wogen Ganz mein Irdsches überwallen, Bis die Schuld ist hingenommen.

Aus dem Argen in die Arche Geh ich, eine Tochter Noä, Kleide mich in schwarzer Farbe, Wie der Rabe ausgeflogen.

Kleide schwarz mich gleich dem Raben, Der als Bote ausgeflogen, Und so traurig auf den Wassern Schwebte, bis sie abgenommen.

Schleire mich mit weißer Farbe Gleich der Taube, die als Bote Wiederkehrte mit dem Blatte, Das dem Friedensbaum entsprossen.

Sei gegrüßt, du Tag der Gnade! Durch den Friedensbogen Gottes Will ich zu den Vätern wallen Auf der Opferflamme Wolken."

Also sang sie. Rosablanke Wählt das Röcklein einer Nonne, Weiß den Schleier, schwarz den Mantel, Wie die beiden Friedensboten.

Da sie dies im Korb bewahret, Und ihn auf das Haupt gehoben, Singen scheidend sie zusammen, Wie Biondetta angehoben:

"Lebet wohl, ihr falschen Farben, Eitler Tränen Regenbogen, Sterne, die mit falschem Glanze Dienten einem Flittermonde!"

** Romanze V: Guidos Bild

Welch Getümmel in der Ferne, Welche wilde, freche Stimmen? Ach, ich höre Degen wetzen, Höre böse Klingen klirren!

Näher, näher um die Ecke, Ganz von Fechtenden umringet, Weicht Meliore, mit dem Degen Hebt er künstlich auf die Stiche.

"Freistatt!" ruft er dann befehlend, Springend nach Mariens Bilde, "Diese Zuflucht müßt ihr ehren!" Und sein mutger Ruf gelinget.

Denn ein Angesehner stellet Sich an seiner Gegner Spitze. "Wackre Knaben, meine Herren, Lassen Sie uns hier besinnen,

Fromm und höflich unsre Degen Senken und fein salutieren, Höflich schöner Frauen wegen, Fromm vor dem Marienbilde!

Daß Meliore eingestehe, Daß uns Zucht und Sitte bindet, Wie für Wissenschaft gesehen Er die raschen Klingen blinken.

Darum will ich mit ihm reden, Unsern Streit nun auszumitteln!" Sprichts's und tritt dem Feind entgegen, Den die ganze Schar umzingelt.

Doch an den Altar gelehnet, Lauscht Meliore auf zur Linde, Er hat allen Streit vergessen, Denn er hört Biondettens Stimme.

Jener aber spricht: "Mein Bester, Keine Wahrheit ist zu finden Hier in diesem bunten Leben, Darum laßt uns Frieden stiften!

Und da Liebe nur im Sterben Kann gefunden" ... "Stille, stille!" Spricht Meliore, "ach, es wehet Auch kein Lüftchen in der Linde!" --

"Willst du's kurz?" fragt dann der Redner. Und Meliore spricht ergimmet: "Schweigt sie, magst du ewig reden, Schweige ewig, wenn sie singet!"

Jener spricht, zurück sich wendend: "Schweigen sollen wir, sie singet!" Aber in dem Kreis erheben Heftig schreiend sich die Stimmen:

"Er soll gleich zurück jetzt nehmen, Was er Apo sprach zum Schimpfe; Laßt uns mit dem Degen wetzend Überlärmen seine Dirne!"

Und ein frecherer Geselle Schreit hinauf: "Ha! schweig sie stille, Heilge Jungfrau, um die Wette Wollen wir mit ihr eins singen!"

Aber wütend an der Kehle Packt Meliore ihn und ringet An den Boden hin den Frevler, Und es heben sich die Klingen.

Alle dringen ihm entgegen; Auf den Altar fliehend springet Nun Meliore, sich das Leben In der heilgen Freistatt fristend.

"Seinen Mantel werfe jeder Nieder, der zu fechten willens, Jedes Klinge will ich messen, Dem ich Ehre abgeschnitten;

Und da vor so vielen Gegnern Ich wohl keine Rettung finde, Darum laßt zu Gott mich beten Nur noch wenge Augenblicke!"

Eine tiefe Stille ehret Seine Bitte, und er kniet; Und von zwölfen breiten elfe Ihre Mäntel um die Linde.

Wie zwei aufgeschreckte Rehe In gehemmter Flucht erzitternd Stehn die Jungfraun stumm am Fenster, Niederblickend durch die Linde.

Als Meliore sie ersehen Ruft er aufwärts: "Wenn ich sinke, Liebesengel, Todesengel, Bete für mich, wenn ich sinke!"

Und nun springt er an die Erde, Seinen Rücken deckt die Linde, Zierlich grüßt er mit dem Degen Jeden in dem weiten Ringe.

Doch zuerst tritt ins Gefecht Den er niederwarf im Grimme, Und in tiefen Ängsten schwebend Stehn die Jungfrauen und singen:

"Gott und Vater, soll er sterben, Lasse seinen Zorn sich stillen, Daß er möge Heil erwerben Um Herrn Jesu Leiden willen!

Gott und Sohn! Schirm den Gerechten, Decke ihn mit deinem Schilde, Lasse ihn mit Ehren fechten Hier vor deiner Mutter Bilde!

Heilger Geist, das Herz erhelle Ihm, dem frommen Schwertumklirrten, Daß der böse Feind nicht stelle Schlingen dem im Streit Verwirrten!

Und Maria, Mutter, helfe, Daß er seinen Judas finde, Denn hier stehen wieder zwölfe, Wie bei deinem heilgen Kinde!" --

"Gleiche Rechte, gleiche Rechte!" Ruft der Gegner, "Brüder singet! Hat er sich Musik bestellet, Laßt mir auch ein Lied erklingen!"

Und es bricht aus vollen Kehlen Ein Gesang mit wildem Grimme; An den stillen Mauern brechen Widergellend sich die Stimmen:

"Blanke Jungfern, blanke Degen Muß man küssen, muß man schwingen; Der Schwertfeger weiß zu fegen, Sind sie rostig, unsre Klingen!

Wenn der Metzger Messer wetzet, Muß sein Weib ein Lied ihm singen, Und das Kalb, vom Hund gehetzet, Hilft sie leichter ihm bezwingen.

Wetzt, ihr Brüder, wetzt die Degen, Weil die schöne Jungfer singet, Weil das Kalb sie uns entgegen Singend aus dem Stalle bringet.

Blanke Jungfern, blanke Degen, Muß man küssen, muß man schwingen; Der Schwertfeger weiß zu fegen, Sind sie rostig, unsre Klingen!"

Und schon mehret sich die Menge, Hergelockt aus allen Winkeln, Und es drohet aus der Ferne Schon der schwere Tritt der Sbirren.

Von dem wilden Sang erwecket, Kam nun Apo auch zu Sinnen, Der in seiner Weisheit Netzen Hing wie eine giftge Spinne.

Und kaum trat er auf die Schwelle, Nähert sich der heilgen Linde, Als ein Lebehoch entgegen Ihm von allen Lippen dringet.

Aber vor ihm fliegt ein Degen, Senkrecht in die Erde dringend, Den Meliore seinem Gegener Kräftig aus der Faust legierte.

Und Apone fragt verlegen: "Wer hat diesen Gruß geschicket?" Und Meliore spricht: "Vergebet, Es ist meines Gegners Klinge.

Nicht um Ehre, noch um Leben Fecht ich hier, bloß um die Klinge: Diese euch zu Füßen legend, Wählt mein Glück euch selbst zum Richter.

Und ich reich euch meinen Degen, Weil ich kann mit beßrer Sitte Weder rechten hier, noch fechten!" Spricht Apone -- "Werdet stille!

Denn es ist ein schwerer Frevel, Jetzt Tumulte anzuspinnen, Da der ganze Staat sich trennet In zwei feindliche Partien.

Wer jetzt offnen Lärm erreget, Gleicht der Krähe, welche pickend Auf dem hohen Alpenschnee Anstoß gibt zu den Lawinen,

Die sich wälzend mächtig schwellen Und verderbend niederdringen, Mit des kalten Eises Decke Städt und Dörfer überrinnend.

Übt ihr also meine Lehre, Die euch auf die stolze Spitze Höhrer Anschauung gestellet Der Natur und der Geschichte?

O, ihr kramt noch im Elenden, Streitend um gemachte Lichter, Ihr, die ich so frei gelehret Mit den Sternen umzuspringen!

Wollt ihr hier die Gieremei Und die Lambertazzi spielen, Die blind gen einander fechtend Töricht hier ihr Blut vergießen?

Welcher Jammer könnt entstehen, Wenn, in euern Lärm sich mischend, Die argwöhnenden Geschlechter Sich erblickten und erhitzten?

Und schon seh ich allerwegen Müßig Volk heran sich ziehen. Stecket ruhig ein die Degen, Tretet um mich bei der Linde.

Wer war unter euch zugegen Und nicht in den Streit verwickelt? Er soll treulich das Entstehen Dieses Kampfes mir berichten."

Aufgefordert naht der Redner, Beißt rhetorisch sich die Lippe: "Meister, deine Weisheit ehrend, Preis ich selig mein Geschicke,

Daß mir ward ein großer Lehrer, Der mich lehrte Frieden stiften. Früher schon war mein Bestreben, Diesen Zwiespalt zu vermitteln.

Doch mir war der Wind entgegen, Der hier weht durch diese Linde, Und die reizende Sirene, Die in diesen Meeren singet.

Er verachtete mein Reden, Und mit frecher Hand beschimpfte Jenen er, der von Biondetten Eine Pause wollt erzwingen.

Aber nicht um eigne Ehre Hat der Kampf sich so erhitzet; Herr, es galt um deine Lehre, Die er traf mit giftgem Witze!"

Also schloß der falsche Gegner. -- Apo spricht: "Nun ins Gesichte Wiederhole mir die Reden, Knabe, die du sprachst zum Schimpfe!"

Doch Meliore hat vergessen, Daß er stehet im Gerichte; Er gedenket an Biondetten, Wie sie sang die Totenhymne.

Was sie fromm für ihn gebetet, Als er flehend zu ihr blickte, Fühlt er schon als Himmelssegen Sich durch alle Adern rinnen.

Wie in geisterfüllte Segel Blickt er ins Gewölb der Linde, Freudig stößt er ab die Erde, Hin nach schönrer Heimat dringend.

Aber wie am Sterbebette Rechnend gern der Teufel sitzet, Zerrt ihn nun Apones Rede Vom Unendlichen zur Ziffer.

"Meister, was Ihr habt begehret, Laßt mich gütig nochmals wissen, Sagt mir's schnelle, denn die Schwelle Meines irdschen Hauses zittert."

Apo spricht: "Was meiner Ehre, Meiner Lehre du zum Schimpfe Sprachst, des Streites freche Quelle, Sollst du in den Bart mir spritzen!"

Und Meliore spricht: "Vollendet Hatte Guido grad, der Bildner, Ein Gemälde voller Schrecken Und zur Schau es ausgestellet.

Wie Aglaure und die Schwestern Wild vom Wahnsinn sind ergriffen, Kniend um den Korb Athenes, Den sie treulos aufgerissen.

Giftig aus dem Korbe strecken, Um das Kind Erechtheus ringelnd, Sich zwei Schlangen, und Entsetzen Packt die törichten Geschwister.

Um den Busen will sich Herfe Gürtend eine Schlange winden, Und es steigt ihr Haar zu Berge, Denn das Tier hängt an dem Kinde.

Und Aglaurens Fäuste treffen Rasend ihre eigne Stirne, Während Krampf die Füße hebet Und zu wilden Sprüngen zwinget.

Und Pandrosa zuchtvergessen Hat sich das Gewand zerrissen; Antlitz, Busen, Schoß und Lende Sind ein Spiegel der Erynnen.

Hinter ihnen steht Athene, Ernst in Marmor gottgebildet; Bösen Fluges Vögel schweben Um der fernen Tempel Zinnen.

Still und mannigfach erreget Hatten wir dies Bild umringet, Bis, sich ja nicht zu vergessen, Einer alle schnell erinnert:

"Jedes Kunstwerk, das vollendet", Sprach er und zog hoch die Stirne, "Muß, um klar sich auszusprechen, # wird niemals beendet Stehen auf ewigen Begriffen.

Doch, wie ich mich auch mag setzen, Vor und in und nach dem Bilde, Seh ich tot nur vor mir stehen Dieses Werk des alten Pinsels. --

Ei, der zweite ihm entgegnet, Mit der Schlange bei dem Kinde Ist wohl auf das Leid des Herren Und den Sündenfall gestichelt. --

Mit den törichten drei Schwestern Meinet er, sprach dann der dritte, Juden, Christen, Sarazenen Streitend um die wahre Kirche. --

Und der vierte nun versetzte: Die drei Tugenden der Christen Sind es, die sich toll gebärden: Glaube, Hoffnung und die Liebe: --

Und ein fünfter sprach: Ich sehe Hier entsetzt die Charitinnen Vor dem dreigeeinten Helden In angstvoller Flucht begriffen. --

Ach, was können, sprach der sechste, Juden, Sarazenen, Christen Und die Grazien hier erhellen, Die doch selbst Allegorien!

Mir sind es die drei Essenzen, Die das Wesen Gottes bilden, Im Begriffe eins zu werden In dem Wahnsinne der Christen.

Und der siebente wollt sehen Die drei Punkte Syllogismi, Denen Abälard das Wesen Der Dreieinigkeit verglichen.

Ja, sprach dann der achte frecher, Sie sehn drein wie Heloise, Die den Mittelsatz entbehret, Weil den Nachsatz er vermisset.

Doch mir sinds drei Fakultäten, Theologen, Mediziner Und Juristen, sie umgeben Tief erschreckt Apones Wiege. --

Und noch schlimmrer Rede Frevel Stand ich vor dem Schreckensbilde Mehr als durch es selbst entsetzet, Doch ich wiederhol sie nimmer!

Und nun trat von seiner Schwelle Guido selbst heraus zum Bilde; Kahl, ein Greis, in seiner Rechten Hielt er eines Messers Klinge.

Und er sprach: Mit frecher Rede Habt ihr mir das Herz zerrissen! Hat die rächende Athene Euch, Gesellen, auch ergriffen?

Wißt, ich war in tiefster Seele Lang ob dieser Zeit ergrimmet, Welche zu entblößen strebet, Was Gott keusch verhüllt will wissen.

Dieses schändlichen Entdeckens Strafe wollte ich hier schildern, Und ihr treibt denselben Frevel Mir vor meinem züchtgen Bilde!

Doch ich folg des Herren Lehre: Gibt dein Aug dir Ärgernisse Reiß es aus, tritts an die Erde! Liebes Bild, ich muß dich richten. --

Und nun riß er mit dem Messer Zürnend durch des Bildes Mitte, Und zertrat mit bittren Tränen Wild sein mühsam Werk mit Füßen.

Seiner lachten noch die Frechen, Dem das Liebste sie entrissen; Das traf tief ihn in der Seele, Und er stand in Tränen zitternd.

Und das Messer aus der Rechten Mußt liebkosend ich ihm winden, Daß er nicht zum Mörder werde, Schmeichelnd in das Haus ihn zwingen.

Seine Axt, die in der Ecke Stand -- er ist zugleich ein Zimmrer -- Mußt die Tochter schnell verstecken, Als ich ängstlich ihr gewinket.

Denn er war so tief erreget, Daß er gänzlich schien von Sinnen Und die Tochter kaum erkennte, Vor ihm auf den Knien liegend.

Und er schrie: O Himmel, sende Mir die Bären, die zerrissen Jene Buben, den Propheten Ob des nackten Hauptes schimpfend;

Denn mit Lachen seine Fenster Jene gottlos noch umringten, Und die Laden vorzulegen Wollten sie mich schmähend hindern.

Schrieen scherzend: Freund, wir sehen Uns dir heut sehr tief verpflichtet, Weil du für uns einen Bären Angebunden beim Philister! --

Da ich nun hinausgetreten, Derb die Schmach mir zu verbitten, Fragte mich dort jener Gegner Höhnend mit dem frechen Witze:

Lag das Findelkind Biondette Auch in solchen Schlangenwindeln, Weil du, gleich den tollen Schwestern, Sinnlos wardst, sie anzublicken? --

Alle lachten Beifall gebend. Fassen konnte ich mich nimmer, Und ich trat ihm wild entgegen, Sprach zu ihm mit scharfer Stimme:

Schäm der Rede dich! Athene Schämte auch sich dieses Kindes, Denn sein Vater war, du Frecher, Frech und wie dein Gleichnis hinkend!

Willst du deutelnd schärfer treffen, Sprich: Des Teufels Hirngespinste, Die mein Lehrer Weisheit nennet, Sah ich in Erechteus Windeln!

Denn im trunkenem Erfrechen Will sie sich mit Gott vermischen, Und empfangen von der Erde Gleicht sie wohl dem Drachenkinde.

Gleicht das trübe Wortgefechte, Das die Schule um uns stricket, Nicht dem Korb, in dem sich's dehnet, Wenn die Schlangen aufwärts dringen?

Springt der Decke, und ihr stehet Auf dem Standpunkt: den Alciden Glaubt ihr in dem Korb zu sehen, Wie er Schlangen würgt im Schilde!

Schreit auch wohl: "Ich will vergessen, Daß im Spiegel dies gebildet, Daß ich selbst ein Gott hier stehe, Der sich auf sich selbst besinnet!

Und den letzten Flug erhebend Zu den Göttern aufzudringen, Bringt, den Gnadenstoß zu geben, Euch der Teufel gar von Sinnen.

Euch steht nur das Haar zu Berge, Und dies nennt ihr reines Wissen; Nennts der Isis Schleier heben, Hebt ihr schamlos euern Kittel!

Wie durchs Maul und um die Kehle Schlechte Gaukler Viper schlingen, Zieht der Teufel eure Seelen Sich durchs Maul philosophierend.

Und ihr könnet nicht mehr beten Und ihr könnet nicht mehr dichten. Die die Schlange hat zertreten, Ist barmherzig, Gott ist Richter! --

Also habe ich geredet, Zwar erregt, doch wohl bei Sinnen, Und sie drängten mit dem Degen Mich bis zu der heilgen Linde,

Wo ich zu Biondettens Ehre, Aber nicht zu Eurem Schimpfe, Ruhig bliebt bei meiner Rede. Meister, nun seid Ihr der Richter!"

Und Apone zornbeweget Spricht mit falscher Kälte: "Immer Betend, horchend, fechtend, redend Finde ich dich bei der Linde!

Jacopone, dein gelehrter Bruder, lehrt dich wohl die Schliche; Er kann auch die Worte drehen In der Kirch und vor dem Richter.

Er, der die Parteien hetzet, Um sie künstlicher zu schlichten, Als wenn ich ein Bein verrenkte, Um es wieder einzurichten.

Ihn, der naseweis sich stellet In der Fraktionen Mitte, # Faktionen Werden einst die Schweine fressen Weil er sich der Kleie mischet.

Du bist von ihm angestecket, Dem juristischen Philister, Der verachtend meine Lehre Im lateinschen Stalle mistet.

Doch die Gieremei werden Einst verfluchen seine Listen, Und die Lambertazzi werden Einst bereuen seine Pfiffe.

Und ihr Streit wird dann erst enden, Wenn in seines Herzens Mitte Ihre Klingen sich begegnen, Einen ewgen Frieden stiftend!"

Und Meliore spricht: "O Lehrer, Übel bleibst du bei der Klinge; Um mich bitterer zu treffen, Willst du meinen Bruder schimpfen!

Ungerechter, den gerechten Bruder du statt meiner schimpfest, Denn du träffst auf den Unrechten, Schimpftest du ihm zu Gesichte!

Um das Recht mit Spott zu treffen, Willst die Rechte du beschmitzen, Doch ich räche den Gerechten, Deines Beispiels mich bedienend.

Du sprachst, unser Streit sei Frevel, Weil er leicht das Volk erhitze, Und im Zorne wirst du selber Jener Anstoß der Lawine!

Ob dem reinen Glanz des Schnees Leicht ein dunkler Rab erbittert, Und den bösen Schnabel wetzend, Stößt er nieder die Lawine!

Schmähst du meines Bruders Ehre, Dieser Musenalpe Zierde, Sonnenglänzend auf dem ewgen Eispalaste der Juristen,

Schmähst du ewige Gesetze, Der Gesellschaft Urgranite, Dann schimpfst du den Kern der Erde, Der zum Licht dringt in Gebirgen!" --

"Ja, ich schmähe," sprach der Lehrer, "Die Pandektentitel-Flicker Und die unfruchtbaren Rechte, Kahl wie deine Urgranite!

Die sich immer kahl vererben, So wie öder Berge Gipfel, Von Geschlechte zu Geschlechte Ihre alten Knoten schlingend.

Und wie magst du diese Zwerge In papiernen Nestern nistend, Noch vergleichen mit den Bergen, Die juristischen Philister?"

Und Meliore spricht: "Die Zwerge, Ja sie wohnen in Gebirgen, Schmieden dort die starken Schwerte, Eitle Riesen zu bezwingen.

Aus der Tiefe mit den Bergen Wächst das Eisen auf zum Lichte, Und von ihnen wiederkehret Alles zu der Tiefe wieder.

So steigt nieder von den Bergen Die Natur, und ihren Gipfeln Sind die weiten Sündflutmeere, Ist der Zorn zuerst entwichen.

So steigt nieder von den Bergen Die Geschichte: auf der Spitze Sinai gab Gott Gesetze Mosen für die Israliten.

Wenn die Erde längst verwelket, Steht noch das Granitgerippe, Und des Wassers Flut begegnend Heulet drum das Spiel der Winde.

So auch stehen die Gesetze, Wenn die Staaten rings versinken Und unzählige Geschlechter An dem alten Recht sich bilden."

Apo spricht: "Das Recht so kennend, Wirst du das Gesetz auch wissen, Daß Bologna Repetenten Nie erkennt ungraduieret.

Und du hast das kaum Erlernte Dennoch mir hier repetieret; Du kurzärmiger Geselle, Wisse, daß du delirierest!

Denn die Kerkerstrafe stehet Auf dem offnen Disputieren Von Studenten gegen jeden, Den die höhern Würden zieren." --

"Ja, ich kenne die Gesetze," Spricht Meliore, "und die Pflichten Eines Christen, daß er rede Den Verkehrten ins Gewissen." --

"Predge weiter," sprach der Lehrer, "Und entpflichte dich, mein Christe, Daß ich dem Gesetz dich gebe Ungestört in deinen Pflichten!"

Und Meliore sprach: "Ich nenne Jene Berge, euch Gewitter; Euer dunkelmaulend Wesen Ist nur dunkel, um zu blitzen.

Seit die Welt im Zirkel gehet, Kühlet sich das Wetter blitzend, Doch, als sei's das erst und letzte, Bläht sich jegliches Gewitter.

Nur daß man die Sterne heller Sehe auf der Berge Gipfel, Lasset ihr, euch selbst verwetternd, Euren trüben Schwall verwittern.

Und wo werdet ihr dan stehen, Wann zuletzt der ewge Richter Nach den ewigen Gesetzen Euch und jene kommt zu richten?

Die geschimpfet auf die Recht, Werden stehen auf der Linken, Da wo Gottes Affen stehen, Die gefallnen Engel hinkend.

Die unzähligen Systeme Frevelnder Philosophien Werden flehen, bei den Hexen Auf den Besen aufzusitzen.

Ihr Allfresser, wo des ersten Magen noch der zweite frisset, Wenn ihm selbst schon aufgefressen Seinen Magen hat der dritte!

Ja, der Teufel wird den letzten Noch zertrennen in der Mitte, Daß das Maul den Leib kann fressen; So wird sich die Kete schließen!

Meister, du hast diese Schwerter In der Schule selbst geschliffen, Höhre Anschauung mich lehrend Der Natur und der Geschichte." --

Aber zu dem Volk gewendet Ruft Apone: "Holla, Sbirren, Diesen Jüngling führt zum Kerker!" Und Meliore wird umringet.

Nochmals blickt er nach Biondetten, Folget freudig dann den Sbirren, Als sollt er zur Hochzeit gehen, Denn er höret ihre Stimme.

Und zu seinem Turme kehret Apo wird, finstern Blickes; Brach er gleich den Speer der Rede, Haftet tödlich doch der Splitter.

Freudig nichtig, gleich Raketen, Luftgetragen auf den Stimmen Hört er noch ein Vivat brennen, Und der Schwarm verliert sich singend.

Leise Lüfte hör ich wehen, Schüchtern kehren zu der Linde Auch die Vögel, und es treten Aus dem Haus die beiden Kinder.

Rosablanka und Biondette Grüßen sich mit stummen Winken; Da sich ihre Wege trennen, Lassen sie die Blicke sinken.

** Romanze VI: Pietro

Sieh, es schürzet Rosablanke Sich ihr Röcklein vor dem Tore, Rückt den Korb, daß er nicht wanke, Sich bequemer auf dem Kopfe.

Ganz befangen in Gedanken Und erfüllt mit neuer Sorge Eilet durch das Feld die Schlanke Wie auf traumbeschwingter Sohle.

Höret nicht den "Guten Abend", Den der Wandrer ihr geboten, Und erwidert kaum das Amen Auf ein: Jesus sei gelobet!

Aber an den letzten Garten Steht des Gärtners Fenster offen: "Rosablanke, Rosablanke!" ruft er ihr mit freudgem Tone.

"Willst du so vorüber wandeln? Nimm vorlieb; hier sind Melonen, Feigen, Ananas, Orangen, Alle bloß für dich gebrochen!

Lange hab ich dein geharret; Die mit dir zum Markte zogen, Sind schon lang zurückgewandert. Wo hast du so lang verzogen?"

Und die Jungfrau spricht, sich sammelnd: "Bald hätt ich mein Wort gebrochen, Aber lieber mirs erlasse, Denn es sinket schon die Sonne!

Ängstlicher, als du geharret, Harret mein der Vater Kosme. Sieh, wie lange schon die Schatten! Wäre ich den Berg erst oben!

Sei Geleitsmann deinem Gaste, Ich will deine Güte loben!" Also bittet Rosablanke; Jener greift nach seinem Korbe,

Füllt ihn unten mit Orangen, Legt die zarten Feigen oben, Hängt zur Schulter ihn am Stabe, Tritt heraus und schließt die Pforte.

Und er spricht zur Seite wandelnd: "Zürnen hätt ich mit dir sollen, Sehnlich hab ich dein geharret, Und nun ist auch dies verloren!

Dies ist ihrer Schritte Schallen, Glaubt ich, wenn mein Herz so pochte, Blickte ängstlich durch die Kammer Ob auch alles sei geordnet.

Und wenn ich dann wieder dachte: Sie versprach dirs nur zum Hohne, Fühlt das Herz ich lauter schlagen Als den Tritt der leichten Sohlen.

Wer mir bot den guten Abend, War an mir zum Lügner worden, Und die schnellen Stunden standen Boshaft still an meiner Pforte."

Also sprach er. Tränen drangen Ihm ins Aug, geheime Boten Züchtger Flamme, die gefangen Lag bis jetzt im Jugendstolze.

Doch dies fühlt nicht Rosablanke. Ungeschickt zu seinem Troste Spricht sie: "Gib mir die Orangen, Die du für mich abgebrochen!"

Nimmt die goldne Frucht und danket. Mutiger spricht er: "O Holde, Wolltest du mit gleichem Danke Nehmen, was du selbst gebrochen!

Was vertraulich bei dem Mahle Ich, dein Wirt, dir bieten wollte, Dieses Herz muß auf der Straße Scheu und unstet ich dir opfern.

Mich ernähret wohl mein Garten; Um Bologna aller Orten Siehst du keinen so gewartet Und so vorteilhaft geordnet.

Und, verzeih, ich muß es sagen; Also hab ich ihn erzogen In dem heimlichen Verlangen, Daß du drinnen mögest wohnen.

Wärst du mit hineingegangen, Unter bunten Blumenkronen Eine Königin, empfangen Hätt ich dich mit dieser Krone!"

Und nun setzt er Rosablanken Auf das Haupt die Blumenkrone, Die er in dem Korb bewahret, Ruhend auf den Früchten oben.

Und die Jungfrau in Gedanken Gehet mit bekränzten Locken Ihm zur Seite durch den Abend, Gleichend einer stummen Flore.

Pietro aber spricht: "Dein Vater Könnte dann bei uns auch wohnen, Und er wäre nie verlassen, Eines blieb ihm stets zum Troste.

Und an manchem schönen Abend Kömmt mein Bruder Jacopone, Der an Weisheit hochgeachtet, In den Garten, sich erholend.

Und zur Freundin wirst du haben Rosarosen, seine fromme Stille Gattin; dir gefallen Wird mein Bruder auch, Meliore."

Aber stumm bleibt Rosablanke, Und der Jüngling spricht betroffen: "Schweige nicht, o laß mich Armen Nicht in zweifelhaftem Troste.

Seit als Gärtner deinem Vater Ich gepflegt die roten Rosen, Trag ich heimlich, Rosablanke, Weißer Rosen bittre Dornen.

Ich versetzte ihm im Garten Weiße, rote, gelbe Rosen Und begehrt am letzten Abend Eine weiße mir zum Lohne.

Da gabst du von deinem Stamme Mir ein Zweiglein, dicht in Moose Hüllt ich's, trug's zu meinem Garten, Stellt es in den besten Boden.

Schonend ist der Sonne Wagen Über dieses Reis gezogen, Segnend hat des Mondes Schale Guten Tau zu ihm gegossen.

Hoch bei goldnen Pomeranzen Rankt sie aus den grünen Wolken, Deines Namens Sternbild strahle Günstig meinem Horizonte!

Paradiesisch blüht der Garten, Seit die Rose bei mir wohnet, Und ich gleich dem ersten Manne, Eh das Weib geschaffen worden."

Aber Rosablanke dachte Nun des Traums von diesem Morgen, "Pietro," sprach sie, "eine Schlange Rankt um deinen Baum die Rose!

Und der Herr hat sie geschaffen Aus der sehnsuchtvollen Woge Seines Busens; des Entschlafnen Herz entstieg die Traumgeborne.

Die Orange wird zum Apfel, Und der Apfel wird zum Tode, Willst du schließen in die Arme, Die dir in dem Herzen wohnet.

Heute früh in meinem Garten Grub er traurig bei den Rosen Nach dem göttlichen Erbarmen, Das er mit dem Weib verloren.

Und die bunte, böse Schlange Drang zu mir und meinen Rosen, Doch Mariens Füße traten Nieder diese Schuld des Todes.

Nimm zurücke die Orange, Die du mir vom Baum gebrochen, Denn ich teile keinen Apfel Weil der Herr um mich gestorben."

Also redet Rosablanke. Pietro schweigt, und tief betroffen Legt der Jüngling die Orange Zu den andern in dem Korbe.

Schweigend gehn sie nun zusammen Bis zu der Kapelle oben, Und des Abends Zaubergarten Schwankt vor ihrem Aug entrollet.

Aus den Tälern wächst der Schatten, Und es betet schon die Sonne Ihren Abendsegen, schwankend Auf des Waldes goldnen Kronen.

Durch des Himmels Gründe wallen Wolkenschafe, goldgeflocket; In dem Abendmeere badend Trinken sie die Purpurwoge.

Und zum Rosengarten wandelt Sich zu baden nun die Sonne, Einen Mantel webt im Schatten Ihr die Nacht aus grauem Flore.

Als sie schwebet ob dem Bade, Gleicht es einem Feueropfer, Sie dem Phönix, der mit Flammen Sich verjünget in dem Tode.

Aber rings aus Luft erstarren Hohe Purpurburgen, golden Wundervolle Inseln wachsen Aus des Äthers glühnden Wogen.

Und die Inseln werden Drachen Und die Burgen all Sankt George Und der Sonne Strahlen Lanzen, Gen die Drachen blank erhoben.

Aber ewig sich verwandelnd, Wo sie aufeinander stoßen, Ziehn sie eine Bucht kristallen Um der Sonne Bad voll Rosen.

Wie ein Schäfer scheu und schmachtend, Lauschend schleicht auf leichten Sohlen Zu der spröden Hirtin Bade, Zieht der Mond schon hinter Wolken.

Nieder zuckt sie gleich Dianen; Jungfräulich erglühnd im Zorne Spritzt empor sie Goldkristalle, Birgt den Schoß im Wellenschoße.

Und der Mond, den Tropfen trafen, Steht gehörnt gleich Aktäone, Und zu Sternen rings erstarren Um ihn her die goldnen Tropfen.

Mahnend zieht die Nacht den Mantel Vor des Unterganges Tore, Und die Herzen fühlen alle, Wer verloren, wer gewonnen.

Seine Schmerzen nicht mehr fassend, Spricht nun Pietro: "Deine Rosen, Sonne, sind im Abendgarten All verblutet an den Dornen.

Paris gab den goldnen Apfel Liebend hin der Schaumgebornen, Aber mir ward ausgeschlagen Die Granate, scheu geboten!

Und die Sonne gleicht dem Apfel, Paris gleicht dem Silbermonde, Und das Meer des Unterganges Der entschleierten Dione.

Aber ach, meine Granate Gleicht den Äpfeln von Gomorrha, Innen voll von giftger Asche, Außen lustig und voll Wohnne.

Und es drohet mir die blanke Todessichel dort des Mondes, Wie in meinem armen Garten Tödlich steht die weiße Rose!" --

"Pietro!" spricht nun Rosablanke, "Umschaun hat der Herr verboten, Sahst du in den Abendflammen Sodom und Gomorrha lodern.

Gab zurück ich dir den Apfel, Denk getröstet meiner Worte: Keinen Apfel mit dem Manne Teil ich; Jesus ist gestorben!

Lasse sinken all dies Trachten, Lasse sinken diese Sonne, Lasse wachsen diese Schatten! Sinkt zur Ruhe, wächst zum Troste!

Sieh, die Kerne der Granate, Die verglichen du der Sonne, Sind als Sterne aufgegangen, Leuchtend zu den Ewgen Lobe.

Betend sollst du nun betrachten, Wie gehütet von dem Monde Sie wie Gottes Lämmer wandern, Und du sollst nicht trauern wollen.

Trauern nicht um die Granate, Trauern nicht um eine Rose, Trauern nicht um Rosablanke, Die dem Himmel sich verlobet!"

Und nun nimmt sie die Gewande Von Biondetten aus dem Korbe, Legt sie an und fromm verwandelt Steht sie eine weiße Nonne.

Pietro spricht: "Leb wohl, zum Garten Kehre ich, die Hochzeitskrone Pfleg ich dir, dir muß sie tragen weiße Rosen, mir die Dornen!"

Und zur Erde kniet er jammernd, Aus den dunklen Augen flossen Tränen heiß, und seine Arme Hielt er schmerzemporgehoben.

Aber in den Büschen raschelt's, Und die Jungfrau spricht: "Es kommen meine Freunde, ausgegangen Sind die Hirsche, mich zu holen.

Beten werd ich noch heut abend, Daß die kühlen Tauestropfen Diese Nacht dein Herz erlaben, Und dich ruhig seh der Morgen."

Pietro spricht: "Es wird die Flamme In der Nacht noch wilder lodern, Büßend streue meine Asche Sich ins falbe Haar Aurore!"

Doch sie schreitet zu dem Walde: "Jesus Christus sei gelobet!" Pietro spricht ein leises Amen, Und der Mond tritt aus den Wolken.

** Romanze VII: Kosmes Buße I

Allem Tagewerk sei Frieden, Keine Art erschallt im Wald, Alle Farbe ist geschieden, Und es raget die Gestalt.

Tauberauschte Blumen schließen Ihrer Kelche süßen Kranz, Und die schlummertrunknen Wiesen Wiegen sich in Traumes Glanz.

Wo die wilden Quellen zielen Nieder von dem Felsenrand, Ziehn die Hirsche frei und spielen Freudig in dem blanken Sand.

In der Düfte Schwermut wiegen Sich die Rosen in den Schlaf, Das Geheimnis ruht verschwiegen, Das sie in den Busen traf.

Und es wandeln, die sich lieben, Flüsternd auf dem selgen Pfad, Wo sie gestern Scherze trieben, Zu des Meeres Glanzgestad.

Die Sirene stimmet wieder Ihre giften Lieder an, Und die Herzen tauchen nieder In untiefen süßen Wahn.

Denn es schied die Sonne wieder In der ewgen Flammen Pracht, Und es hebt die dunklen Glieder Abermals die alte Nacht.

Und die Erde aufgeriegelt Sendet ihren Geist heran, Um das Haupt schwebt sternbesiegelt Ihm der blaue Weltenplan.

Und des Waldes dunkle Riesen Drängen sich ums enge Tal, Und durch ihre Kronen gießen Sterne geisterhaften Strahl.

Aus der Tiefe aufgewiegelt Wachsen stumme Brunnen an, Drinnen schaun sich mondumspiegelt Die Gedanken traurig an.

Vor der Hütte setzt sich nieder Kosme, lauschet nach dem Wald, Ob nicht aus der Ferne wieder Seines Kindes Stimme schallt.

Ob sie jenseits aus der Tiefe, An dem schroffen Felsenhang, Nicht das treue Echo riefe In dem nächtlich späten Gang.

Aber nur die Melodieen Höret er der Nachtigall, Und zu seinem Herzen ziehen Nicht der Töne Flug und Fall.

Ihm ergießet keinen Frieden Der prophetschen Sterne Strahl, Alle seine Pulse schmieden Eines bösen Schwertes Stahl.

Die Milchstraße sieht er liegen In des blauen Himmels Bahn; Da stehn aller Waisen Wiegen, Lehret ihn ein frommer Wahn.

Und er denkt der bösen Liebe Und der Früchte, die sie gab, Die in sündlich frechem Triebe Er dem Schicksal übergab.

Und die Sünde warf ihn nieder, Fesselt ihn in schwerer Acht, Und mit bitterem Gefieder Rauscht um ihn die böse Nacht.

Tief in Ängsten schon erlieget Er des Herzens bangem Schlag, Denn in dieser Nacht gewieget Wird verhängnisvoll ein Tag.

Denn das Weib, das er geliebet, Ging zu Grabe diese Nacht, Und die Tochter, die er liebet, Kam zum Leben diese Nacht.

Und die Sünde, nie besieget Durch der Reue bittre Macht, Jene Schuld, der er erlieget, War erzeuget diese Nacht.

Und er wühlet in der Tiefe Seiner Brust der Sünde nach, Daß die Reue nicht entschliefe, Schreit er seine Tote wach.

Und er sieht sie heilig knieen, Wie er sie durchs Gitter sah, Sieht sie dann die Glocke ziehen, Da der böse Feind ihm nah,

Der die Farben ihm gerieben, Als ein heilig Bild er malt, Und den Schuldbrief ihm geschrieben, Den nur ewger Tod bezahlt.

Ach! auch sie ist da erschienen Seinen Augen keusch und klar, Wie sie als Modell sollt dienen Zu dem Bilde am Altar.

Mit den frommen heilgen Mienen, Mit den Rosen in dem Haar; Seinen Augen, brünstgen Bienen, Sie die süße Blume war.

Lust und Sünde sieht er wieder, Bis sie tief im Elend starb, Die Verzweiflung reißt ihn nieder, Weil er sie durch Lust verdarb.

Ach, daß alle Berge fielen Und bedeckten ihn im Tal! Wollten doch die Blitze zielen Auf sein nackte Haupt zumal!

Ach, daß alle Wasser stigen, Und es säh der neue Tag Öde, weite Fluten liegen, Wo er heute weinend lag!

Möchte dann die Taube fliegen Mit dem milden Frühlingsblatt, Sich en Friedensbogen biegen, Wo er schwer gebüßet hat.

Aber weh! das Nachtgefieder Schwingt der Rabe wild und hart, Stürzt sich auf sein Haupt hernieder Das in bösem Traum erstarrt.

Kalte Schrecken um ihn fließen, Und Entsetzen sträubt sein Haar: Wehe, dorten auf den Wiesen Werden die Gesichte wahr!

An dem Walde ist erschienen Eine weibliche Gestalt, Von dem Haupte mondbeschienen Das Gewand herniederwallt.

Gleich wie weiße Schwäne fliehen An der dunklen Wälder Rand, Sieht er eine Nonne ziehen Längs des Gartens Schattenwand.

Jetzt sieht er den Schleier fließen, Sieht die Füße blank und bar, Sieht den Strick den Leib umschließen Und die Rosen in dem Haar.

"Wehe, wehe, noch hienieden Schwebst du, teure Seele, arm! Wehe, wehe, noch kein Frieden! O, daß sich der Herr erbarm!"

Und der Schrecken reißt ihn nieder, Doch ihn faßt kein kalter Arm: "Vater, find ich so dich wieder? O, daß Gott sich dein erbarm!"

** Romanze VIII: Kosmes Buße II

Nieder stieg die Sonne wieder Auf des stummen Hügels Rand Und sieht scheidend ernst hernieder In das dämmervolle Land.

Ihre Strahlen fallen schiefer An der engen Kammer Wand, Malend an der Kerze, tiefer Sinket Kosme fleißge Hand.

Lang nach jenem Bilde sieht er, Das er hänget an die Wand, Und zur Erde kniet er nieder, Weit die Arme ausgespannt.

Und er spricht: "O Herr, den Frieden Gabst du, an das Kreuz gespannt, Und das Kreuz, es blieb hienieden, Du hast dich zu Gott gewandt.

Sieh gekreuzet mich hier knieen In der schweren Sünde Last, Bis du, Herr, auch mir verziehen, Auch für mich gelitten hast.

Ach, das Herz ward dir durchspießet Von verräterischem Stahl, Blutge Versöhnung sprießet Aus der heilgen Wunden Mal.

Aber ach, die Sonne spielet Ewig nur mit meiner Qual, Ewig, ewig sie mir zielet, Nimmer tötet mich ihr Strahl.

Wenn so rasch die Wolken fließen Um den nackten Feuerball, Alle Narben sich erschließen, Aufstehn meine Sünden all.

So wenn einst die Engel ziehen Mit der Zornposaune Schall, Nahn die Toten aufgeschrieen In des Wahnes Widerhall.

Nieder schmilzt der Sonne Siegel Vor des Richters jüngstem Tag, Es zerbricht des Todes Riegel, Klar steht, was verloren lag.

Und der ewgen Schönheit Spiegel Spiegelt jegliche Gestalt, Und des Rechtes Feuertiegel Prüfet jeglichen Gehalt.

Wohin soll ich dann mich schmiegen- Wenn das Licht hoch überwallt? In dem Staube werd ich kriechen Mit der Schlange Mißgestalt.

Weh, die Sonne sinkt, vergießend Blutge Tränen ohne Zahl, Und aus ihren Tränen sprießen Tausend Tränen bittrer Qual.

Und es weinen die Verliebten Einsam in vergeßner Schmach, Und es weinen die Geliebten, Denen man die Treue brach.

Unter gingst du, Lustgezierte, Der die Ehe mich verband, Der aus schändlicher Begierde Pflicht und Treue ich entwand.

Blutschuld ist die Rosenzierde In der Sonne Untergang: Fluch der teuflischen Begierde, Die mit Sünde dich verschlang.

Alle Tränen, die du gießest, Sinkend auf der ewgen Bahn, Bis du deine Augen schließest, Wachsen mir zur Sündflut an.

Und auf ihrer Woge ziehet Dort des Mondes bleicher Kahn, Aber keine Taube fliehet Mit dem Ölblatt mir heran.

Mond, wie blinkst du bleich und siechend An des Abends Rosengrab, Wo die Sonne still versiegend In den Schatten sinkt hinab.

Rosalata, du sankst nieder Mit dem roten Rosenkranz, Rosatristis, du kehrst wieder Mit der weißen Rose Glanz.

Mond, ich sah dich mahnend ziehen Wie ein Geist die Wolkenbahn, Und ich muß hier weinend knieen, Klagen mich der Sünde an.

Eile nicht, vorüberfliehend Mit der Sichel scharf und blank; Schneide ab den Stamm, der knieend An der Erde welk und krank.

Eine Wagschal, hoch auffliegend, Hebt die Buße dich hinan, Meine Sünde nie aufwiegend Klagest du vor Gott mich an.

Wie so weiß dein Schleier fliehet, Nonne, durch den Sternensaal, Mit dir betend, büßend, ziehet Still der Sterne Nacht-Choral.

Aus der Unschuld Paradiesen, Wo du trugst den Rosenkranz, Irrest du, durch mich verwiesen Mit des Schwertes Feuerglanz."

Doch der Mond zog stillverschwiegen Hinter eine Wolkenwand, Ließ ihn ungetröstet liegen, Wo er ihn in Tränen fand.

Und er hebt sich von den Knieen, Als er sein Gebet vollbracht; Aber ihm ward nicht verziehen. Auf dem Tale lag die Nacht.

** Romanze IX: Apo und Moles auf dem Turme

In des Turmes höchster Kuppel, Unter seinem Fuß die Glocke, Sitzt Apone, und die Uhren Rasseln unter ihm im Boden.

In des hohlen Spiegels Runde, Gegenüber einem Loche, Sieht die weite Stadt er ruhen Abgetürmt am Horizonte.

Doch des Meisters Blicke suchen Rings umher im weiten Bogen, Bis sie auf der hohen Kuppel Des Theaters fest geworden.

Also mit den Augen wurzelnd Sieht er ziehn die wilden Wolken, Und die hohen Sterne funkeln Aus des Himmels tiefer Woge.

Und er spricht mit finsterm Munde: "Venus, du bist mir gewogen, Du hast mich zu guter Stunde Immer mächtig angezogen!

Alle kenn ich euch, ihr Kunden, Die, man sagt, den Herren loben, Doch der Herr sitzt manchmal unten Und die Diener stehen oben!

Sterne, ich bin euch verbunden, Ich hab mich mit euch verwoben, Und ich kenne eure Stunden, Lasse euch nicht warten droben.

Auf der Erde gehn die Dummen, Wissen nicht, was ihr nur wollet, Doch ich kenne eure Summen, Ja, ich weiß auch, was ihr sollet!

Halb nur sind die Kreaturen, Denen Gott die Stirn erhoben Und die göttlichen Naturen Nicht erkennen, die da droben.

Als der große Geist des Grundes Wollte überm Lichte wohnen, Überschlug er sich im Sturze, Und das Schwere ward geboren.

Und das Leichte muß sich suchen, Daraus ward das Licht geboren; Schweres Dunkel war nun unten, Leichtes Licht, das schwebte oben.

Und das Schwere war umrungen Von dem Leichten, und es rollet, Bis geboren war das Runde, Das unendlich ist geformet.

Da das Licht dazu gedrungen, Ist das Feuer aufgelodert, Hat mit seiner bösen Zunge Schnell das Wasser hergelocket.

Und aus dieses Kampfes Schwunge Ward der Raum zur luftgen Woge, So daß, wenn der eine zucket, Wird der andre angestoßen.

Und dem Kampfe ist entsprungen, Was hienieden irdisch wohnet, Was da droben himmlisch rundet, Was im Ganzen göttlich thronet.

Der gespalten, was verbunden, Ist der Geist zum Fleisch geworden, Aber Fleisch war eine Zunge, Und die Zunge ward zum Worte.

Und der Mensch, der irdisch fußet, Suchet seinen Gott im Hohen, Der doch ist im Mittelpunkte Und ihn reißet zu dem Boden.

Doch ich habe ihn gefunden: Er der all den Streit erhoben, Der gestört die tote Ruhe, Ihm ist diese Welt entsprossen.

Er trägt mich mit festem Grunde, Er hat mich aus Staub geboren, Und die Sterne, die nicht ruhen, Ziehn mich neidisch auf im Zorne.

Adam aus dem Erdengrunde Ward als Geisel ausgeboren, Und das Licht ab einen Funken Als ein Unterpfand von oben.

Erde, feste Burg gerundet, Schwebest in des Lichtes Wogen Sicher, wie kein Schiff in Fluten, Wie kein Kind im Mutterschoße.

Denn es sitzt am Steuerruder Selbst des Lichts unehl'che Tochter, Die Philosophia schlummert Nie, und hält das Richt'ge oben.

Und Astronomia suchet Rastlos an dem Himmelsbogen Und dem Kompaß; alle Stunden Geht die Welt nach ihren Polen.

Medizina heilt die Wunden Mutig ringend mit dem Tode, Und Magia hat des Sturmes Flügel und des Windes Rosse.

O Magia, du des Dunkels Schwarze, lichtentsprungne Tochter, Du allein genügst zum Schutze, Mag das Licht auch ewig toben!

Doch zum frechen Überflusse Hat der Erdgeist auch geboren Flaggen jeglicher Naturen, Die allfarbgen Religionen.

Wenn das Schiffsvolk steht und murret Und nicht trauet dem Piloten, Wird die Flagge aufgewunden, Und Begeistrung strahlt die Sonne.

Plagt die Krankheit und der Hunger, Und das Wasser ist verdorben, Da suffliert der Erdgeist dunkel, Und sie beten, die Kujonen!

Also schwebt die Erde munter Um des dunklen Geistes Pole; Und sie dienen, dem sie fluchen, Und er schämt sich, sie zu holen.

Doch das Licht und auch das Dunkel Haben beide sich sich belogen, Und die Lüge war das Wunder, War das Wort, das Fleisch geworden.

Denn der Mann aus irdschem Grunde War um Erdgeist nur geformet, Daß das Licht, in ihm gebunden, Sei gefesselt an den Boden.

Und vom Lichte nur durchdrungen Ward der Mann, der Erdgeborne, Daß der Erdgeist, sei gezwungen In dem Manne hin nach oben.

So im wechselnden Betruge Ist der Streit zum Fleisch geworden, Und er herrscht im Mittelpunkte Des unendlich ewgen Zornes.

Da das Licht den Schlaf erfunden, Ward dem Mann das Weib geboren, Durch den Baum des Bös und Guten Führt der Erdgeist uns zum Tode.

Nach uns greift das Licht hinunter, Ziehet mächtig uns nach oben, Die Metalle schwer und dunkel Ziehen nieder uns zu Boden.

Beiden Welten so verbunden Wehet betend auf der Odem, Wer erkennen will, was unten, Stiehlt das hohe Licht von oben.

Als ich war im Licht betrunken Und um Weisheit fleht von oben, Sprach das Wort: Du sollst gesunden, Wenn du mir das Fleisch willst opfern!

Wenn das Böse du verblutet, Wenn versiegt der irdsche Bronnen, Wenn du wandelst in dem Guten, Magst du schauen in die Sonne.

Fasten sollte ich und hungern Und entbehren alle Wonnen, Recht in Schmerzen sollt ich wurzeln, Um im Lichte aufzusprossen.

Mit dem Licht stieg ich hinunter, Und der Erdgeist, leicht gewonnen, Gab zu trinken mir das Dunkel, Das in mir zum Licht geworden.

Und in diesem Licht betrunken Ist mir die Erkenntnis worden, Ich hab meinen Geist gefunden Und verstehe seine Worte.

Wie die Sterne oben runden, Die Metalle unten wohnen, Wie die Sonnen gehen unter, Wie herauf sich ziehn die Monde,

Fühl ich all in meinen Pulsen, Und mein Fuß fühlt in dem Boden, Wo die goldnen Schätze wurzeln, Wo die Quellen gehn verborgen.

Eva, Eva! schlaue Mutter, Hast den Apfel du gekostet, Hat die Schlange dich versuchet, Hast du uns den Tod geboren,

Hast das Böse und das Gute Du erkennet, soll verloren Mir nicht sein die teure Kunde, Um die du das Heil verloren!

Bin der Erde ich verbunden, Bin ich an den Tod verloren Um ein Schnitzchen sauren Obstes, Dreht um mich sich doch die Sonne!

Und ich will nicht eher ruhn In dem dunkeln Erdenschoße, Bis ich aller Sinnen Brunnen Überfüllend ausgesogen!" --

Also sprach Apone murmelnd Und bedeckt mit heißem Odem Seines Wunderspiegels Runde, Daß er trüb war und umfloret.

Und der rote Mond steigt blutend Über Wolken auf im Osten; Da er in den Spiegel funkelt, Heult der schwarze Hund Apones.

Und der Meister wischt mit Fluchen Von dem Spiegel seinen Odem: "Will des Theater Kuppel Noch nicht auf in Flammen lodern?"

Er nimmt einen Schwefelkuchen Und ein Glas voll goldnem Korne, Und den Schwanz von einem Fuchse Aus dem Kasten an dem Boden.

Und den Wetterhahn, der funkelnd Stehet auf des Turmes Knopfe, Nimmt er, greifend durch die Luke, Setzt ihn zu dem goldnen Korne.

Peitschet dann den Schwefelkuchen Mit dem Fuchsschwanz aller Orten, Und es springen helle Funken In das Glas zum goldnen Korne.

"Simson," spricht er, "deine Wunder Hab ich kürzer mir geordnet; Mir auch muß vom Schwanz des Fuchses Der Philister Korn auflodern!

Ja, Geselle, werde munter!" Spricht zum Hahne dann Apone, "Beug den Schnabel zu dem Futter, Wartest du, daß ich dich stopfe?

Der du in den Blitzen fußest, Der du krähest in dem Donner, Der du in der Sonne funkelst Und die Flügel schlägst im Monde,

Wettermacher, armer Schlucker, Du bestehst auf deinem Kopfe? Wart, ich will dich lehren schlucken, Daß dich Feuer reißt im Kropfe!"

Und er schlägt den Hahn mit Ruten, Bis der Kamm ihm schwillt im Zorne, Hetzet ihn mit seinem Hunde, Und nun neigt er mit dem Kopfe,

Schluckt das Feuerkorn mit Hunger, Das ihn brennt wie glühe Kohlen, Seine Flügel schon erfunkeln Und die roten Augen rollen.

Seine Sichel sprühet Funken, Sein Metallgefieder lodert, Plötzlich beide Flügel zucken Breit hinaus mit heftgem Tone.

Und er greift ganz ungeduldig Nach dem schwarzen Feuerhorne, Setzt es an am dunklen Munde, Lenkt hinaus es zu dem Loche.

Setzt den Hahn bereit zum Fluge In das weite Maul des Hornes, Der wie eine Feuerzunge Durch die Luft stürzt aus dem Horne.

Apo läßt die Feuerrufe Durch die klare Nacht hindonnern, Und auf des Theaters Kuppel Fliegt der Hahn, die hell auflodert.

Feuer! Feuer! schreit man unten, Und die Hörner schreien oben, Hoch die Glocken gehn im Sturme, Tief das Rasseln wilder Trommeln.

Aus des blauen Reno Ufern Eilen bald die gütgen Wogen, Hilfreich zu der Flammenkuppel Durch die Hände emsgen Volkes.

Hundert Eimer um die Brunnen Kommend, gehend, Wasser fordernd; Der Metallsirenen Busen Schimmert in der Fackeln Lohe.

Und die marmornen Neptune Und die blasenden Tritonen Gießen aus die vollen Muscheln In die Urnen rings erhoben.

In dem Widerscheine funkelnd Halten rings, die Menge ordnend, Blankgestahlte Reuter Runde, Jeder steht an seinem Orte.

Aus der fernen Klöster Dunkel Tragen schon die frommen Orden, Stille Litaneien murmelnd, Wasser zu in Prozessionen.

Niederstürzend aus den Stuben Sammeln schnell sich die Legionen Der Studenten, und sie rufen: |Pereat Incensus!| drohend.

Auf den festen Sammelpunkten Ordnen sich die Nationen, Und es schallen, sie berufend, Rings die Stimmen der Senioren.

Lärmend eilen zu den Pumpen Bald die munteren Franzosen, Und die Hebel auf und unter Hört man kreischend, jammernd toben.

Und die langgehosten Ungern Ziehn auf ihren kleinen Rossen Durch die weite Stadt umtummelnd, Wache haltend nach dem Tore.

Bei dem schiefen Eselsturme Sammeln sich mailändsche Chore, Senden rüstige Patrouillen Den Palästen ihrer Nobels.

Bei der Kirche Sankt Proculens Stellet sich der Römer Horde Auf zum Schutz der hohen Schule Und der edlen Professoren.

Sankt Januari Blut anrufend Füllen ihre Wasserrohre Zu der Büchersäle Schutze Neapolitansche Chore.

Und die festen deutschen Bursche, Mit den Ellenbogen stoßend, Schleppen auf den breiten Schultern Feuerleitern, Haken, Kloben.

Bald mit Macht hinangeschwungen Zu der hohen Fenster Bogen Nun die sichern Leitern ruhen, Allen Fliehenden zum Troste.

Viele retten sich im Sprunge; Andre, an den Feuerkloben Fest sich klammernd, hoch im Schwunge Kommen nieder in dem Bogen.

Denn zum wilden Rettungssturme Sind zu eng des Hauses Tore, Und auf ewig wird verschlungen Mancher in des Ausdrangs Woge.

In dem Brausen des Tumultes Bricht des Kerkers Tor Meliore, Eilet zu Biondettens Brunnen, Einen Eimer voll zu holen.

Und ein kleiner blonder Junge Hat den Eimer voll schon oben, Spricht: "Geh hin und hilf, du Guter, Traue auf die Allmacht Gottes!"

Bei der Kirche Sankt Proculens, Wo der Maler Guido wohnet, Steht Meliore, heftig rufend: "Komme, alter Guido, komme!

Werft die Äxte mir herunter: Ich und du und deine Tochter Steigen auf des Brandes Kuppel, Denn die Hilfe kömmt von oben!"

Und zum Feuer hingedrungen Mit dem Meister und der Tochter, Sieht aus einem Fenster, rufend: "Leitern, Hilfe!" Jacopone.

Jacopone, der sein Bruder, Hält die Gattin hoch erhoben, Und um sie im Hintergrunde Schon die roten Flmmen lodern.

"Rosarosa, spring herunter! Weihe dich der Mutter Gottes, Sie tut heut noch manches Wunder, Hält in ihrer Hut die Frommen!"

Rosarosa springt im Fluge, Stürzt sich in den Arm Meliores; Neben sie stürzt auch im Sprunge Jacopone an den Boden.

Als Meliore sie umschlungen, Schrie sie laut: "Gott sei gelobet!" Und erblasset; Ströme Blutes Stürzen von ihr aller Orten.

Und vier deutsche brave Bursche, Einen Manteln breit aufrollend, Tragen heim sie auf dem Tuche, Jammernd folget Jakopone.

Aber mit dem Wasserkruge Dringet aufwärts nun Meliore Auf der Jakobsleiter Stufen Mit dem Maler und der Tochter.

Die die Leiter hierher trugen. Sie sind göttliche Genossen; Hoch zu des Theaters Kuppel Steigen sie die lichten Sprossen.

Und nun hauet ohne Ruhe Guido und die rüstge Tochter Eine Öffnung in die kuppel, Seinen Krug leert Meliore.

Segen ist in seinem Kruge; Wie er gießt in stetem Strome, Ist er nimmer leer, o Wunder! Guido kniet und seine Tochter.

Und die Hände fest verschlungen Beten sie, den Herren lobend. Aber in des Hauses Runde Springet kühn nun Melire.

Eine Stimme hört er rufen; Wo sie rufet, wird er folgen, Rief aus der Hölle Schlunde, Rief sie von des Himmels Throne.

Als er stürzet mit dem Kruge, Ist die wilde Feuerlohe Bald in seiner Flut ertrunken, Und die Not ist rings erloschen.

Niedersenket sich die Ruhe. Mit des Wasser schneller Woge Rinnen auch des Volkes Fluten Ab zum Bette ihres Stromes.

Ruhig schaut von seinem Turme In den Jammer hin Apone; Wenn die Flammen aufwärts zucken, Fühlt er froh sein Herz erhoben.

Aber als er auf der Kuppel Sah den Maler und die Tochter, Grüßt er sie mit bösem Fluche Und den tapfern Meliore.

Denn aus einem armen Kruge Löschet er die wilde Lohe, Und so viele schwere Stunden Hat ihn selbst sein Hahn gekostet.

Als solches denkt, da rufet Laut der Hahn, der zu dem Knopfe Wiederkehrte, und im Turme Tönt herauf die Pfortenglocke.

Apo öffnet mit dem Zuge, Lauschet nach des Trittes Tone, Wie er auf den Wendelstufen Hell sich aufdreht hin nach oben.

Dumpfer schallte es von unten -- Es war schier, als sei er doppelt -- Schwerer in dem halben Turme, Als trüg man die Last nach oben.

Weiter oft der Tritt verstummet, Denn der Träger holet Odem, Endlich auf den letzten Stufen, Bald wird's an der Türe klopfen.

Apo blicket durch die Stube, Ob auch alles sei geordnet, Jagt den Hund vom roten Stuhle, Den er vor den Spiegel rollet.

Und mit einem Kranz von Blumen, Belladonna, Hundsviolen, Frauenschuh und Eisenhute, Kränzet er des Stuhles Stollen.

Zeichnet dann mit einer Rute In den Mehltau, auf dem Boden, Seinem Gast zum bösen Gruße Schnell ein magisches Willkommen.

Aber mitten in der Stube Brennt an einem Totenkopfe, Der in grüner Urne ruht, Eine zauberische Lohe.

Eine süße Laube duftend, Von des Mondes Strahl durchflochten, Scheint des Turmes rußge Stube, Als die Rosenflamme lodert.

Und die Flamme scheint ein Brunnen, Funkelnd in des Mondes Wonne, Wundersüße Träume murmelnd Durch den Duft wollüstger Rosen.

Und es pocht. Herein zur Stube Tritt der Famulus Apones, Moles, seufzend ob dem Buche, Das er anschleppt auf dem Kopfe.

"Du allein! Elender Bube!" Flucht entgegen ihm Apone, "Prahler! ist dir nicht gelungen, Was du frech mir zugeschworen?

Wo ist sie, die heilge Jungfer? Hat ein andrer sie gewonnen?" -- "Meister, schone deine Zunge!" Spricht und lacht der schlaue Moles.

"Du sitzt hier im Mondschein munkelnd Bei wollüstger Brunnen Wonne, Eine andere Laube funkelnd War um mich und andre Bronnen!

Trug ich gleich die süße Jungfer, Sprach sie doch unselge Worte; Ihr half eine andre Jungfer, Der ich nicht bin mächtig worden.

Auch sprang von des Hauses Kuppel Auf mich ein der Meliore, Und des Feuers wilde Zungen Leckten mich bis auf den Knochen.

Aber dummer als das Dummste War der Weihewasserbronnen, Den ein Mönch -- im Höllenpfuhle Durst er -- auf mich ausgegossen.

Meister, Meister, trotz der Gluten, Trotz dem scharfen Weihebronnen Schwör ich, nimmer will ich ruhen, Bis Biondette uns geworden!

Ach, wer dieses Leibes Wunder Einmal trug in seinen Pfoten, Wer den Druck des süßen Busens Fühlte und den Duft des Odems --

Disteln sind mir alle Blumen, Seit mir nah des Mundes Rose; Der Kometen Haar gleicht Ruten Vor der Goldflut ihrer Locken.

Und der Brüste Dioskuren, Aus der Leda Ei geboren, Durstig wie des Schwanes Busen, Da er taumelte in Wonne.

Unter ihrer Brauen Runde Lag der Venus Stern verschlossen, Wie in Wolkenbetten schlummern Liebestrunkne Nebelsonnen.

Und der Flammen durstge Zungen Konnten nicht die Luft austrocknen, Die, als ich sie trug, im Blute Mir ein süßer Quell ergossen.

Welche Hölle kann verdunkeln Dieses Himmels Wollustsonne? Ja, die Sünde hat Minuten, Wert des Lichtes ewge Kronen!" --

"Schweige, du berauschter Bube!" Spricht Apone nun im Zorne -- "Soll mich in der Zauberbude Trösten dein verdorbner Odem?

Ich glaub, von dem schweren Buche Wardst du toll in deinem Kopfe; Bringst du mir vielleicht vom Juden Dieses Buch zum schlechten Troste?" --

"Meister, Meister, wollt nicht fluchen, Denn von aller Liebeswonne Und von aller Schönheit Wunder Wird dies Buch nicht aufgewogen!

Bringe mir Biondetten ruhend In dem Schoße süßer Moose, Singend, von Gewürzen duftend, Wie das Lied des Salomone --

Nicht kauf ich sie mit dem Buche! Vor ihm seien die Kleinode, Die in Licht und Dunkel ruhen, Eine taube Nuß gescholten!

Ein Geschenk mit diesem Buche Mach ich dir, wenn du gelobest, Mir zu stellen diese Stunde, Ja jetzt gleich, die Horoskope.

Mir gab's meine selge Mutter, Die drum einen Mönch ermordet. Der es in dem Sarg gefunden Eines zauberischen Mohren,

Der von einem alten Juden Es getauscht um heilge Brote Wahren Leibs und wahren Blutes, Die er vom Altar gestohlen.

Und der Jude, einen Hunnen Hat er um das Buch betrogen, Der von einem Arzt beim Sturme Von Cracovia es erobert.

Und der Arzt kam zu dem Buche Durch die Erbschaft eines Kopten, Dessen Stamm durch manch Jahrhundert Es erhielt, Gott weiß wie, woher!

Doch daß über Adams Schulter Einsten an dem dritten Morgen Es ein Engel abschrieb munter, Stehet auf dem letzten Bogen." --

"Wie kam Adam zu dem Buche?" -- "Wisse, wann des Himmels Sonne Und die Sterne gehn zur Schule, Ist dies Büchlein in der Mode.

Da der Herr die Welt erfunden, War die Welt von wenig Worte; Alles war sehr kurz gebunden, Auf die lange Bank geschoben.

Des Vokals belebend Wunder, Ehgeheimnis der Diphthonge, Und der Konsonanten Hunger Lernt er draus zu Worten kochen.

In dem A den Schall zu suchen, In dem E der Rede Wonne, In dem I der Stimme Wurzel, In dem O des Tones Odem,

In dem U des Mutes Fluchen, Hat er aus dem Buch geholet, Als im H des Hauches Wunder Gottes Geist in ihm gegossen.

Auch das große Vaterunser Und der Herr Gott wir dich loben Findst du drin in grobem Drucke, Wie es beten Mond und Sonne.

Und manch Rätsel von der Tugend Und vom Fiat, fein verschoben; Die Auflösung stehet unten In verkehrt gedruckten Noten.

Fabeln mischen sich mit drunter, Wie die Tiere sich besprochen, Wie der Adam sich verwundert, Da die Eva kam in Wochen,

Da sie trug ein groß Gelüsten Nach ausländschem Himmelsobste, Wie die Schlange sie entbunden, Und wie sie moralisch worden.

Unterhaltung und auch Nutzen Sind verbunden hier gar vornhem, Denn du findest angebunden Kunstrezepten aller Sorten:

Färberkuppen, Tintenpulver, Surrogate für die Toten, Restaurantia für die Tugend, Manch Rezept zu Religionen.

Freier Wille ist des Buches Höhrer Titel in zwei Worten, Gottes Wille heißt's im Grunde, Seit die Freiheit ging verloren.

Und Notwendigkeit am Schlusse Heißt es auch mit anderen Worten, Not ist hier die wahre Wurzel, Und das Wenden wird verboten.

Gott sprach zu den Menschen: |Surge, Eheu, eheu Christofore, Nam ad scholam tempus nunc est!| Und weckt ihn mit seinem Odem.

Und vom Himmel kam herunter Diese A-B-C-Methode, Und die neugeschaffne Jugend Ist daraus zum Doktor worden.

Aber schwer sind die Geburten, Nötig sind die Rotationen, Und fatal ist das Versuchen, Seit das Weib den Tod geboren.

Und du lernst aus diesem Buche, Wie der Kaiserschnitt zu ordnen, Daß lebendig bleibt die Mutter Und das Kind auch sei gewonnen!

Denn wie alle ihre Wunder In den ersten Schriftleinsbogen Die Gelehrten gern hermustern, So ging's hier auch den Autoren.

Und weil Adam bei dem Buche Sich den Kopf zu sehr gebrochen, Fragte Eva, Rat sich suchend, Andere Kommentatoren.

Was im Stile oben dunkel, Hellen auf die untern Noten; Über oben, über unten Schrieb am Rand ein Geist die Glosse.

"Schweig, es ist genug; verstumme!" Spricht zu Moles nun Apone, "Ich weiß nicht, ob du den Dummen Spielest oder ob du spottest!

Hatt ich das in dir gesuchet? Redest du mir Kinderpossen, Oder bist du ein Verruchter, Der mich höhnisch denkt zu foppen?

Hat ein Arzt dies Buch beim Sturme Von Krakovia verloren, Und hieß Amber Herr des Buches? Rede, sage es unverhohlen?" --

"Amber, ja, so steht im Buche, Und er war ein Äthiope." -- "Hei! so ist ein Schatz gefunden!" Spricht in Freuden jetzt Apone,

"Gib es her!" -- "Nein!" spricht der Bube, "Stelle mir die Horoskope, Jetzt, sogleich, in fünf Minuten, Und dir geb ich's, wie gelobet!"

Und Apone fragt mit Murren: "Wann bist du geboren, Moles, Sag das Jahr, den Tag, die Stunde, Und ich stell die Horoskope." --

"Meister, meine letzte Mutter Hat mich dieses Mal geboren In dem Jahre Siebenhundert, Am Geburtstag des Herodes,

In der lustgen roten Stunde, Da die Kindlein man gemordet. Sie hat selbst es in dem Buche Angemerkt mit kurzen Worten."

Apo merkt sich diese Punkte, Hat der Kreise viel gezogen Und geschrieben viele Nummern An dem Boden mit der Kohle,

Und hierauf die ganzen Summen Von den halben abgezogen, Dann sich ernstlich drob verwundert, Als er fand die Horoskope.

"Du bist heut im Jahr der Stufen," Sprach er, "hüte dich vor Rosen! Du bist heut in diesen Stunden Von Gefahren schwer bedrohet!

Hüte dich, denn ob dir runden Die Gestirn recht im Zorne, Einge Stellen bleiben dunkel, Die vom Feuer und vom Tode.

Denn dein Schicksal ist verbunden Mit unzähligen Legionen, Unbekannt ist eure Mutter, Um Betrug wirst du betrogen

Und wirst sein von großen Nutzen Einem hohen Philosophen, Und dies ist schon mit dem Funde Deines Buches eingetroffen.

Aber dunkler wird's und dunkler, Denn ich sehe die drei Rosen, Die zu einem starken Bunde Gegen dich sich fest verschworen.

Hüte dich vor einem Brunnen, Wo die Kinder drinnen wohnen, Denn du teilest diese Punkte Mit dem Tage des Herodes.

Und in manchen Konjunkturen Stehen meine eignen Pole Mit den deinigen verbunden, Denn mir drohen auch die Rosen.

Durch dich, was mich gar sehr wundert, Wird entstehen einst ein Kloster, Und die böse Rosenblume Wächst im Garten dieses Klosters.

Einem ungeheuern Sturze Bist du auch noch unterworfen; Jetzt wird's klarer: Deine Stunde Wird dir mit dem Feuer kommen."

Und nun greift er nach dem Buches. "Nimm es hin!" sprach lachend Moles, "Du weissagst mir wenig Gutes, Mein Geschick ist nicht zu loben."

Aber an dem Turme unten Schallet heftig nun die Glocke, Und da Apo schaut hinunter, Sieht er seiner Schüler Horde.

"Was nur mag zu dieser Stunde Dieser Troß von mir doch wollen?" Und er öffnet mit dem Zuge Schnell des Turme kleine Pforte,

Löschet in der grünen Urne Schnell das Licht des Totenkopfes, Und es gleicht die schwarze Stube Einem alten dunkeln Boden.

Da die Schüler auf den Stufen Seiner Türe näher kommen, Spricht: "O Meister, laß mich suchen Einen Winkel!" zu ihm Moles.

"Weil in diesen bösen Stunden, Wie du sprachst, Gefahr mir drohet; Daß die Schüler dich besuchen, Macht mich ängstlich und betroffen."

Apo spricht: "Hier hinterm Stuhle Bist du gänzlich wohl verborgen; Ich verhäng dich mit dem Tuche, Das ihn rings bedeckt zum Boden."

Und es öffnet sich die Stube. Apo sitzt wie auf dem Throne, Und in eine halbe Runde Sich die Schüler um ihn ordnen.

Einer tritt dann mit der Urne Vor ihn, spricht: "O Herr, des Moles Asche in der Urne ruhet! Er starb eines seltnen Todes.

Ja sein Tod war recht ein Wunder, Denn die Sängrin retten wollend, Stürzten zu ihm alle Gluten, Brannten ihn vor uns zu Kohlen!

Und wie auch des Wasser Fluten Rings wir auf ihn niedergossen, Brannt er bis zum letzten Funken, Und es blieb auch nicht ein Knochen!

Da ein Mönch geweihten Brunnen Zu ihm sprengte ein'ge Tropfen, Ward er Asche; in der Urne Haben wir sie aufgehoben.

Herr verzeih, daß wir zur Stunde Uns hieher zu dir erhoben, Denn wir kommen hoch verwundert Zu dir, und entsetzt, erschrocken!"

Apo höret ihre Kunde, Und ihm stockt fast der Odem; Ängstlich spricht er: "Deine Zunge, Schüler, hat sie nicht gelogen?"

Alle sprechen in der Runde: "Meister, es ist nicht gelogen, Denn es sah's die ganze Schule, Und es sahens alle Ordnen.

Und es schrieen alle: Wunder! Die gelöschet in der Oper, Da sie unsern teuern Bruder Sahn zu Asche niederlohern!" --

"So enthüllet mir die Urne!" Sprach Apone tief erschrocken, "Daß ich Ehre an ihm tue, Denn ich war ihm stets gewogen.

Längst wußt ich, daß dieser Stunden Große Nöten ihn bedrohten; Seht: Hier mit dem schwarzen Ruße Stellt ich seine Horoskope.

Er war eine der Naturen, Die im Zentrum aller Sonnen Feuer tragen in dem Blute, Das sich in sich selbst vertrocknet.

Seine Asche untersuchen Wollen wir am nächsten Morgen, Daß er uns belehrend, nutze, Auch noch hilfreich in dem Tode!"

Da enthüllten von dem Tuche Sie die Urne; eine Wolke Schoß heraus, ganz dick und dunkel, Die rings durch die Stube rollte.

Sie drang auf mit solchem Schwunge, Daß der Schüler stürzt zu Boden, Und die Treppentüre suchend Alle übernander stoßen.

Wunderliche Zerrfiguren Bildete die wilde Wolke, Flog dann summend, eine Hummel, In den schwarzen Bart Apones.

Da er sie zu jagen suchte, Wuchs sie, ihm zu großem Zorne, Aus dem Bart als Bart herunter Und flocht sich zu einem Zopfe.

Apo fängt nun an zu fluchen, Und ein hohles Lachen kollert Um ihn her. Nichts mehr zu suchen Hatten die Studenten oben.

Und die Treppe schier kopfunter Schossen sie hinab von oben, Ihre Seelen auch mitunter Diesem, jenem angelobend.

Apo glaubt in falschem Mute, Daß sie seiner spotten wollten, Und stürzt nach mit seiner Rute Auf die armen jungen Toren,

Bis in seinem Bart verschlungen Er hinabzustürzen drohte; Denn er stieß mit einem Fuße Auf dem Weihbrunnkessel oben,

Der hellklingend auf den Stufen Widerspringend niederrollet Und der fliehenden Schuljugend Wie ein böser Donner folgte.

Hei! wie hat ein muntres Fluchen Da der zornge Mann erhoben! Aufwärts tappend nach der Stube Ward er an dem Bart gezogen.

Da er eintrag in die Kuppel, War der Bart dem Zug gefolget Und fiel vor ihm in der Stube Schwarz als Asche auf den Boden.

Apo reißt das Tuch vom Stuhle, Aber statt des Schelmen Moles Sieht er dort nur seinen Pudel Sitzend auf den Hinterpfoten.

Dieser Anblick macht ihn stutzen, Und es ging sein Zorn verloren; Vor der Überraschung Wunder War er innerlich erschrocken.

Er erkannte in dem Hunde Und in seinem Schüler Moles, Was er nimmermehr vermutet, Einen heimlichen Dämonen.

Und sprach nun mit kalter Ruhe: "Bist du solchen Schrot und Kornes, Soll dir alles auch zugute, Wie du mir's geboten, kommen!"

Greifet dann nach einem Buche Und nach einer Glasesglocke, Die bezeichnet mit Figuren Und beschrieben rings mit Formeln.

Und mit seines Fingers Drucke Töne aus der Glocke lockt er, Die dem wundersamen Pudel Peinlich schallten in den Ohren.

Mit dem Winseln eines Hundes Schrie: "Erbarmen!" laut der Moles. "Laß mich nicht so schwer verschulden, Daß ich scherzhaft bin geworden!"

Doch zu quälen ihn nicht ruhet Apo mit dem Ton der Glocke, Bis der Geist zu allem Guten Sich ihm hoch und tief verschworen.

"Sprich, in welcherlei Figuren Soll ich künftig bei dir wohnen?" Fragt er, "da ich in den Gluten Starb, nach deinem Horoskope."

Apo sprach: "Du bleibst mein Pudel; Aber soll ich deiner schonen, So erklär die dunklen Punkte Gleich jetzt deines Horoskopes.

Wer war deine erste Mutter? Wer hat dich zuletzt geboren? Wie steht es mit jenem Buche? Was bedeut der Haß der Rosen?

Was hast du mit einem Brunnen, Welchen Kinder klein bewohnen?" Nun spricht aus dem Hundeknurren Zu dem Herrn der schlaue Moles:

"Ich weiß nichts von jenem Brunnen Und auch nichts von jenen Rosen, Sie sind mir wie dir so dunkel, Auch die Stiftung jenes Klosters.

Denn es gibt gar manche Wunder, Die mir ewig sind verschlossen: Aber ganz auf andre Spuren Hab ich suchend mich geworfen!

Wenn Biondetten du errungen, Wenn getötet du Meliore, Wenn ohn Abendmahls Genusse Starb das Weib des Jacopone,

Wenn verzweifelt, ohne Buße, Starb der Fackelgießer Kosme, Und wenn stürzt in schwere Schulden Seine jungfräuliche Tochter,

Und in Raserei zugrunde Geht der Bruder Jacopones, Pietro, der die schönen Blumen Ziehet vor dem römschen Tore:

Dann magst du und ich in Ruhe Ewig hausen vor den Rosen Und dem Kinde jenes Brunnens Und vor jenem neuen Kloster!

Aber willst du meine Mutter Kennen, lies die ersten Bogen Des dir hochgepriesnen Buches Von dem Weib des Erdensohnes!"

Also sprach der Geist. Zum Buche Sitzt begierig nun Apone, Ihm zu Füßen liegt der Pudel Augenfunkelnd an dem Boden.

Doch die Lettern dieses Buches Sind ihm unbekannte Formen, Und erzürnt der Meister fluchet, Moles mit den Füßen stoßend.

"Was soll mir der welsche Plunder? Wahrlich, diese Schrift ist toller, Als im Schnee die krausen Spuren Hungrig scharrnder Hühnerpfoten!"

Zu ihm schwänzelnd spricht der Pudel: "Meister, diesen Fall ich lobe. Lang ging ich zu deiner Schule, Nun kannst du zu meiner kommen.

Ich will dir zur rechten Stunde Bald ein paar Tinkturen kochen, Und hast du davon getrunken, Liest du alle Hühnerpfoten!

Und dann geb ich dir in kurzem Auch die rechte Lesmethode, Wie von oben du nach unten, Und von unten liest nach oben.

Denn das ist des Buches Wunder, Trotz dem Werk der Philosophen: Du magst lesen drüber, drunter, Immer gleich bleibt dir geholfen.

Weil auf Schlüssen es beruhet, Die von hinten aus nach vornen Was nach oben, was nach unten Ward verknüpfet, schnell entknoten.

Konsequenz allein ist Tugend, Und das Ding verkehrt genommen, Was man kann, weil es gerundet, Kann das Laster selbst uns frommen.

Hast du Kraft dazu gefunden, Magst du immer unverhohlen Schwimmen gen den Strom des Flusses, Streichen gen des Wuchs die Borsten.

So findst du der Freiheit Wurzel, Dringst vom Abgrund du nach oben; Allen Zwang hat überwunden, Wer entwurzelt das Verbotne!" --

"Schweig mit der Moral der Hunde!" Sprach beschämet nun Apone, "Sage her des ersten Buches Inhalt!" -- Und zu ihm spricht Moles:

"Du liest in dem ersten Buche, Wie unendlich war ergossen Or Haënsoph ohne Dunkel, Ein unendlich Leuchten Gottes.

Wie dem Lichte ist entsprungen, Sich rückziehend durch das Wollen, Dunkler Raum im Mittelpunkte, Worin ward die Welt geboren.

Wie sich in des Rückzugs Spuren Kreisend dann das Licht ergossen, Mannigfach des Raumes Dunkel Licht erringend hat umschlossen.

Und wie, alles durchfiguret, Adam Kadmon war geboren, Aus sich selbsten ausnaturend Die zehn Kräfte Sephirote.

Wie vier Welte sind entsprungen, Da lebendig war das Wollen: Asia, Briat, Aziluthe Und Jezirah, Antlitz Gottes.

Die Jezirah ist durchdrungen Von zehn hohen Engelchoren, In astralschen Leiber funkelnd Sind sie alle schon personet.

Die Asia ist die untre, Materialisch schon geformet, Drin die bösen Geister wurzeln, Die in Gottes Zorn geboren.

Sie ist aus dem Streit entsprungen, Als das Ebenbildnis Gottes, Adam Kadmon, zu bewundern Gott die Engel aufgefordert.

Luzifer ist aufgedrungen Und hat da im ersten Stolze Adam Kadmon ausgerufen, Nicht als Bild, nein als den Gott selbst.

Denn als Gott sich ausfiguret In der Kraft des ewgen Wollens, Wollte Luzifer naturet, Über ihm als Herr nun thronen.

Aber aus dem Licht ins Dunkel Ward er da hinabgestoßen; So entstand die Schwere unten, So ward untre Welt geformet.

Die nun materialisch rundet Als die Erde, Mond und Sonne, Aber doch in ihrem Schwunge Ist der obern unterworfen.

Und so sind in Gott entsprungen, Aber doch in ihrem Wollen Widerstreitend scharf zwei Punkte: Ewges Licht und ewges Dunkel.

Wer nun in der Tiefe suchet, Wo die starken Geister wohnen, Der wird stark in ihrem Bunde; Jeder ist dem Geist willkommen.

Selig aber sind die Dummen, Sie gehn auf im Schoße Gottes, Wissen nicht das was sie tuen; Hast du Lust dazu, Apone?

Geißle blutig dir den Buckel, Schlafe auf dem harten Boden, Küß kein Weib und bet hungre, Gehe stolz einher im Spotte!

Und vor allem sei ein Kluger, Wählst du in den Religionen Unter Heiden, Christen, Juden, Daß du triffst die rechte Pforte!

Oder willst du im Abgrunde Mit dem hohen Geiste wohnen? Willst du leuchten in dem Dunkel Vor den andern Philosophen?

Jauchze dann in ewger Jugend, Plätschre in des Lebens Wogen, Daß dich heben Wollustfluten Übers Tor des ewgen Todes!

Denn das ist das hohe Wunder Und der Teufelsquell des Trostes, Daß wir nimmer gehen unter, Weil wir streben nur nach oben!

Wir allein sind fest gefußet, Sind es durch Erkenntnis worden Von dem Bösen und dem Guten; Stürzen können die von oben,

Steigen können die von unten!" -- Also sprach der schlaue Moles, Und begann von seiner Mutter Die Geschichte dann, wie folget.

** Romanze X: Schöpfungsgeschichte des Moles

"Als das Licht sich hat entzweiet, Stieg was leicht und sank was schwer, Und das Eine war gezweiet Zwischen Gott und Luzifer.

Luzifer, dem stolzen Geiste, Diente nun der feste Kern, Und was unterridisch kreiste, Nannte ihn den mächtgen Herrn,

Der von unten aufwärts greifet Und mit Wonne und mit Schmerz Was unsicher oben schweifet Niederreißt ans erzne Herz.

Und der Oberfläche Zweifel Stehet an der Scheide Weg, Und das eben ist der Teufel, Daß so eben ist sein Weg.

Aber nieder sah mit Neide Gott zum festen Erdenstern, Und er wollte, daß sie beide Anteil hätten an dem Kern.

Wollte, daß als Friedensgeisel Einer zwischen beiden geh, Und, des großen Künstlers Meißel Lobend, an der Sonne steh;

Der, den Geist der Erde preisend, Hafte an dem Grunde schwer, Mit der Stirne aufwärts weisend, Mit dem Leibe irdisch wär.

Und der Herr sprach: "Nieder reise Zu der Erde, Gabriel, Bring in ihre sieben Kreise Des Allmächtigen Befehl,

Daß sie dir des Staubes reiche Aus den sieben Tiefen schnell, Daß ein Bildnis, das mir gleiche, Ich ihr draus zum Herren stell."

Als der Seraph niedersteigend Zu der irdschen Feste schwebt, Lag die Erde einsam schweigend, Von der Geister Puls durchbebt.

Wo des Engels Flug ausgreifet, Spaltet sich das Firmament, Und aus seinen Ufern schweifet Bang das nasse Element.

Und es dreht sich das Eisen Schmerzlich in der Erde Herz, Daß die Quellen los sich reißen Aus der Tiefe himmelwärts.

Auf den Fittichen gebreitet Steht der Seraph vor dem Kern: "Erde, dir ist Heil bereitet Durch den Willen deines Herrn!

Sei gegrüßt, Gebenedeite! Denn mit dir will sein der Herr, Und aus deinem Eingeweide Soll erstehen dir der Herr.

Und die Frucht aus deinem Leibe Soll dem Herren ähnlich sehn; Daß dir Gottes Liebe bleibe, Soll sein Bild aus dir erstehn.

Drum aus deinen sieben Reisen, Von der Rinde bis zum Kern, Laß mich eine Handvoll greifen; Also ist der Will des Herrn!"

Vor des Engels lautem Schreie Widertönt der Erde Erz, Und mit einem tiefen Schreie Tönet auf aus ihr das Herz:

"Gabriel! zum Herrn ich schreie, Tief in innrer Angst erbebt, Daß er mir den Wunsch verzeihe, Daß ich bleibe unbelebt.

Daß ich jungfräulich im Scheine Seines Lichtes freudig steh, Nimmer um den Menschen weine, Nicht in Sünde untergeh.

Jetzo bin vor Gott ich reine; Soll ein Herr aus mir erstehn, Wie soll bleiben er der meine, Wenn er in das Licht gesehn?"

Und den Seraph hat das Weinen Der Jungfräulichen bewegt, Zu des ewgen Lichtes Scheinen Ihn der Flügel wieder trägt.

Und wo er im Flug verweilet In der weiten Himmelshöh, Geht die Sonne, da er eilet, Auf, daß sie die Erde seh.

Und er sprach: "O Herr, verzeihe! Mich durchdrang ihr rührend Flehn; Ihre Bitte, Herr, verleihe, Laß in Reinheit sie bestehn!"

Doch der Herr sprach: "Will im Scheine Meiner Sonnen keusch sie gehn, Will sie bleiben immer reine, Eh ihr auf die Augen gehn?

Sie liegt in des Traumes Zweifel, Wenn mein Bild nicht auf ihr lebt; Aus ihr schreiet nur der Teufel, Wenn sie zierend widerstrebt."

Und der Herr sprach: "Niedersteige Zu der Züchtgen, Michael! Daß sie dir des Staubes reiche, Nach des Ewigen Befehl!"

Als der Seraph sie umkreisend Sieht im Mittagsglanze stehen Und, des Herren Milde preisend, Sich im Sonnenstrahl ergehn,

Rühret ihn, den göttlich Freien, Der nicht kannte irdisch Weh, Ihr metallisch heißes Schreien, Daß ihr hart Gewalt gescheh.

Und er blieb, zur Höhe eilend Bittend vor dem Ewgen stehn, "Herr!" sprach er, "hör Gnad erteilend Schonend an der Erde Flehn!

Ich hab sie im Sonnenkleide Also schuldlos schlummern sehn, Aller Tränen Augenweide Unter meines Fittichs Wehn.

Als ich meine Flüge breitend Sie mit meinem Flug erweckt, Ihre Schmerzen tief mitleidend, Hat mich ihr Geschrei erschreckt!"

Und der Ewge sprach: "So steige Zu der Jungfrau, Raphael, Daß sie dir des Staubes reiche, Bringe ihr des Herrn Befehl!"

Und der Seraph niederschweifet Überm blauen Wogenmeer, Und die Erde lag umreifet Von dem Abendglanz umher.

In dem roten Sonnenscheine War sie so in Trauer schön, Stille lauschend, wie sie weine, Blieb er auf den Wogen stehn.

Und von ihrem heißen Weinen Wurden seine Flügel schwer, Und er mußte mit ihr weinen Nieder in das dunkle Meer.

Da er in die Wogen weinet, Da erbitterte das Meer, Und ihr Herz in Schmerz versteinet Floß in salzgen Quellen her.

Und der Engel wollte weichen, Da die Sonne stieg zur See, Und er stellt zum Friedenszeichen Ihr den Mond in blauer Höh.

Da er zu dem Licht aufreisend Durch das hohe Himmelsfeld, Rollen seine Tränen kreisend Um die Erd das Sternenzelt.

Und der Herr sprach: "Niedersteige Zu der Erde, Azrael! Daß sie dir des Staubes reiche, Bringe ihr des Herrn Befehl!"

Und der Seraph weit ausbreitet Er die Flügel um sich her, Daß der Schatten mit ihm schreitet Und die Nacht so tief und schwer.

Ihn soll nicht ihr Schmerz ergreifen, Er will sie nicht trauern sehn, Und vor ihm an ihren Reifen Mond und Sonne untergehn.

Von der neuen Lichter Scheine Die Geblendeten vergehn, Als sie freudg und alleine In ihr eigenes Herz gesehn,

Und fand allerlei Gebeine, Die das Licht in ihr erregt, Fand in sich die edlen Steine Dunkel schimmernd ausgelegt.

Und traumwandelnd sie beschleichet Nun der schlaue Azrael, Und die Träumerin sie reichet Sieben Staube dem Gesell.

Da er zu dem Ewgen steiget, Ließ er sie im Schlafe stehn, Der der Erde hat gezeiget, Daß sie müsse untergehn.

Da den Staub dem Herrn er reichet, Spricht der Ewge: "Azrael! Wer das Leben so beschleichet So vollbringet den Befehl,

Der soll alle Seelen leiten Zu dem Himmel, zu der Höll, Die sich von dem Leben scheiden, Todesengel Azrael!"

Und die Erden schärfer scheidend Ließ des Meisters Will entstehn, Tiere immer höher schreitend Kriechen, schwimmen, fliegen, gehn.

Und die sieben Erden einet Er zum Menschen noch zuletzt; Der da lachet und auch weinet War zum Erdherrn eingesetzt.

Ihn haucht an der Herr der Geister, Hat ihm einen Geist geschenkt, Daß er ähnlich sei dem Meister, Irdisch lebend göttlich denkt.

Von der Erd zum Sternenkreise Reicht er, wenn er aufgestellt; Sonnen gleich zu Gottes Preise War das Antlitz ihm erhellt.

Ruhend ihm die Stirne reichte, Wo die Sonne aufersteht; Ruhend ihm die Ferse reichte, Wo die Sonne untergeht.

Und die Tiere und die Geister Blieben betend vor ihm stehn, Glaubten ihn den ewgen Meister, So war herrlich er und schön!

Doch da sie ihm näher schreiten, Haben sie ihn erst erkennt, Da er schrie: "Die Herrlichkeiten Gottes sind ohn Zahl und End!"

Aber Gott sah ihn mit Neide, Wollte ihn verkleinern gern, Auf daß künftig unterscheide Man den Diener von dem Herrn.

Ließ vom Schlafe ihn beschleichen, Den erfunden Azrael, Zu ihm, zu den irdschen Reichen Stieg er, daß er ihn bestehl.

Machte um viel Ellen kleiner Und beraubt sein eigen Werk, Streute um ihn her die Beiner, Daß er seine Herrschaft merk.

Und da Adam war alleine, Sah die Tiere paarweis gehn, Wollt der Herr, daß er nicht weine, Ihm nach einem Weibe sehn.

Und er rief: "Hernieder steige in die Tiefe, Azrael! Daß sie dir des Staubes reiche, Bringe ihr des Herrn Befehl!"

Aber alle sieben Kreise Waren durch und durch belebt, Daß den Staub er zu sich reiße, Harten Kampf der Geist erhebt.

Als er in der Nacht ausgreifet, Griff er in ein Pfauennest, Und den Vogel hochgeschweifet Steckt im Wolkengurt er fest.

Weiter fassend zu ihm schleichet Eine Katze augenhell, Funken sprühen, wenn er's streichet, Aus dem glatten Schmeichelfell.

Aus der Wurzel sodann reißt er Belladonna Azrael, Und Fünffingerkraut; der Meister Wird schon wissen, was ihm fehl.

Eine Purpurschnecke reichet Ihm sodann das weite Meer, Und aus seiner Höhle steiget Basiliskus zu ihm her.

Und mit diesen Sechsen einet Er den König, der sich hebt, Und in roter Schminke scheinet, Wenn Merkur bei Sulphur lebt.

Diese böse Sieben reichet Klug dem Engel Luzifer, Der vor ihm im Dunkel schleichet, Als wenn er die Erde wär.

Diese Sieben formt zum Leibe Nun der Herr, die sonst getrennt, Gibt dem Adam sie zum Weibe; Lilith war das Weib genennt.

Adam! Adam! du mußt leiden, Dir ist bös ein Weib gesellt! Wer mag dich von Lilith scheiden, Die vom Herrn dir ward bestellt?

Schreiend, widergellend, keifend Eifert sie und widerbellt, Mit den tausend Augen schweifend, Die der Pfauenschweif enthält.

Und da heuchelt sie und schmeichelt In dem weichen Katzenfell, Und wenn er betört sie streichelt Kratzt und beißt sie den Gesell.

Nach der Belladonna weisend Er sie etwas giftig nennt, Bald auf seinen Wangen beißend Das Fünffingerkraut entbrennt.

Purpur und Zinnober weiset, Wie es mit der Wahrheit steht, Wenn der Basiliske gleißend Aus der falschen Schminke geht.

Ewig waren sie entzweiet, Sie erkannt ihn nicht als Herrn, Den Schemhamphorasch laut schreiend Flog sie in die Lüfte fern.

Da sprach Adam: "Herr der Geister, Lilith floh aus meiner Welt; Sie will nicht, daß ich als Meister Über sie sei aufgestellt!"

Gott ließ nun drei Engel reisen, Die sie fanden überm Meer; Sie zur Güte hinzuweisen, Machte sie den Engeln schwer.

Und nichts konnte sie erweichen, Daß sie zu dem Adam kehr, Und die Engel, daß sie schweige, Drohn zu stürzen sie ins Meer.

Da schwur sie, zur Qual alleine Sei geschaffen sie zur Welt, Zu der eignen Kindlein Peine Sei zum Leben sie bestellt.

Und der Herr sprach: "Ja, so bleib es! Doch, um sie zu bändigen, Sollen Kinder ihres Leibes Täglich hundert untergehn!"

Und seit diesen Fluch der Meister Ließ ergehen für ein Recht, Sterben täglich hundert Geister Aus der Lilith Urgeschlecht.

Um den Adam zu beschleichen, Gott sein Haupt in Schlummer senkt, Stiehlt die Rippe ihm, ein Zeichen, Daß der Mensch denkt und Gott lenkt.

Denn er war durch Schaden weiser, Scheute sich vor Luzifer, Und er geht Werke leiser, Will nun keine Erde mehr.

Und die Rippe wird zum Weibe; Heva hat er sie genennt, Sie war Fleisch von Adams Leibe, Und sie haben sich erkennt.

Ihre Locken zu den Seiten Flocht und schmückte ihr der Herr, Salbte sie, und tanzend schreiten Mußte sie zu Adam her.

Tausend Engel, sie zu preisen, Vor dem klaren Weibe gehn, Singend, spielend sie umkreisen Rings mit himmlischem Getön.

Und es tanzten rings den Reigen Sonne, Mond und Sterne fern Nach der Engel Harf und Geigen Vor der Braut des Erdenherrn.

Während seinen Segen beiden Reichet gütig nun der Herr, Zu der Mahlzeit sie zu leiten Eilten dann die Engel her.

Auf dem Tisch von Edelsteine Da die Hochzeitsspeisen stehen, Schenkend wohlgekühlte Weine Engel um die Tafel gehn.

Gott zeigt in dem Paradeise Einen Baum, der hoch aufstrebt, Spricht: "Die Frucht nehmt nicht zur Speise, Sie ist tödlich!" und entschwebt.

Da er von der Erde weichet, Von dem Herren zum Geschenk Raphael ein Buch ihm reichet, Daß er seiner Liebe denk.

Aller Schöpfung Heimlichkeiten In dem Buch verzeichnet stehn, Und die Engel aller Seiten Schleichen, in das Buch zu sehn.

Hinter seinem Rücken schreibet Ab das Buch der Samael, Luzifer ihn dazu treibt, Daß auch nicht ein Buchstab fehl.

Doch zu viel sitzt seinem Weibe Bei dem Buche der Gesell, Und sie schweift zum Zeitvertreibe Durch den weiten Garten schnell.

Und sie sieht zur ihr herreiten Auf dem ragenden Kameel, Der sie will zur Freiheit leiten, Stolz den hohen Samael.

"Wollet mich zum Baum doch leiten", Spricht er, "der im Garten steht, Der verboten ist euch beiden, Auf daß ihr euch nicht erhöht!

Aus des Buches Heimlichkeiten Hab ich heute eingesehn: Wer der Früchte ißt, wird schreiten Auf zu Gott, ja gleich ihm stehn."

Und geführet von dem Weibe Greift zum Baume Samael; Daß er ungetötet bleibe, Zeigt er essend ohne Hehl.

Und das Weib zum Baume greifet; Aber wehe! vor ihr schnell Zu der Erde niederschweifet Todesengel Azrael.

Sie gedacht in tiefem Leide, Daß sie nicht alleine sterb. "Sterben wir doch besser beide, Daß kein Weib ihn mehr erwerb."

Zu dem Mann ist sie geeilet, Der bei seinem Buche steht; Bis die Sünde er geteilet, Eher sie nicht von ihm geht.

Und der Herr sah es mit Neide, Und aus Adams Händen schwebt Weg das Buch, daß er mit Leide Seinen Blick zu Gott erhebt.

Und er schlug sein Haupt und weinte, In den Gichon-Fluß sich stellt, Und so jammerte und weinte, Daß er bis zum Haupt ihm schwellt.

Und der Schimmer seines Leibes Rostet und wird träg und schwer, Und es wird zum Fluch des Weibes, Daß mit Schmerzen sie gebär.

Gott stürzt sie vom Paradeise, Und sie stürzten ab, getrennt; In der Erde tiefstem Kreise Adam sich zuerst erkennt.

Erez Hattachtona heißet Sie und Welt im finstern Kern; Aber Luzifer beweiset Sich als einen guten Herrn.

Er schickt zu dem zweiten Kreise Adamah, den Erdgesell, Daß den Boden er aufreiße Und das Bergwerk ihm bestell;

Wo er hundert Jahre bleibet. Lilith drang da zu ihm her, Und mit diesem bösen Weibe Zeuget Zwerg und Riesen er.

Heva lebt im tiefern Kreise Mit dem Geiste Samael, Zeugt mit ihm in gleicher Weise Geister und Dämonen schnell.

Da bevölkert er die Kreise, Wie er wollte, Luzifer, Ließ er sie zur Arka reisen, Die die vierte Erde wär.

Und hier fanden sie sich beide, Und da sie sich hier erkennt, Ward geboren ihrem Leide Stolz ein Sohn und Kain genennt.

Und nun stiegen nach der Reihe Um drei Erden still einher Bis zur Tebhel alle dreie, Unsere Erde, unser Meer.

Adam hier ein Buch aufschreibet, Was er unten hat gelernt, Und was ihm erinnerend bleibet Aus dem Buch, das Gott entfernt.

Viel vom Bann und Glück der Geister Ihm die Eva auch erzählt, Wenig hat ihr starker Meister Samael vor ihr verhehlt.

Alles in das Buch er schreibet, Alles in dem Buche steht, Und das hohe Buch es bleibet Als er stirbt dem Sohne Seth.

Von dem Seth zum Tubalkaine Hat sich dann das Buch entfernt, Der die harten Eisensteine Daraus künstlich schmieden lernt.

Jubal lernt daraus der Geigen Und der Flöten süß Getön, Und aus seines Stammes Zweigen Alle Pfeifer auferstehn.

Und so steigt es immer weiter Von Geschlechte zu Geschlecht, Und auf seiner ewgen Leiter Stehen alle Künste recht.

Mündlich, schriftlich, stets erweitert Geht es durch die trübe Welt, Die es mit der Kunst erheitert, Mit Erkenntnissen erhellt.

Noah schrieb hinein die Reise Durch der Sündflut hohes Weh Und der Tiere Art und Weise, Ihrer Sprache A B C,

Und des Weines Zaubereien, Und wie man am Firmament Aus der Sterne klaren Reihen Menschliches Geschick erkennt.

Abram, daß die Kunst mög bleiben Die Gestirne zu verstehn, Wollte sie auf Körper schreiben, Die durch Feu'r und Wasser gehn.

Er schrieb sie zum Trost der Seinen Auf zwei Säulen himmelwärts, Eine von gebrannten Steinen Und die andre war von Erz."

So sprach Moles zu dem Meister, Der in hoher Freude steht, Daß die Weisheit aller Geister Nun in seinen Händen steht.

"Aber sag," spricht er zum Geiste, "Wie sich deine Mutter nennt?" "Heva," sprach er, "mit mir kreiste Durch den Vater Samael.

Und du selber, starker Meister, Stammest von der Lilith her; Dein Urvater, Adam heißt er, Und der Taufpat Luzifer.

In Ägypten hat verbreitet Sich dein mächtiges Geschlecht, Und durch deinen Vater streifte Es herüber ungeschwächt."

"He! mein Vater, he! wie heißt er?" Spricht nun Apo zum Gesell. "Amber, Amber, lieber Meister," Spricht der Hund, "doch ist's nicht hell!

Denn es mag die Heimlichkeiten, Die die Liebe zwirnt und dreht, Selbst der Teufel nicht entscheiden; Mancher erntet ungesät."

Also sprachen diese beiden, Bis es an dem Turme schellt, Apo zu den letzten Leiden Einer Kranken ward bestellt.

Und der Geist ward immer dreister: "Mach, daß sie das Sakrament," Sprach befehlend er zum Meister, "Nicht empfängt vor ihrem End!"

** Romanze XI: Biondetta in dem Theater

Schwarze Damen, schwarze Herren Wandeln durch Bolognas Straßen. Werden sie zur Leiche gehen? Wen bringt man so spät zu Grabe?

Doch kein Priester wird gesehen, Kreuz und Fahne nicht getragen; Alles strömet laut und rege, Und die schnellen Wagen rasseln.

Nicht zur Mette oder Vesper, Miserere, Salve, Ave, Auch zu keiner Totenmesse: Diese liest man nicht am Abend.

Nein, sie gehn zur letzten Ehre, Trauernd all in schwarzer Farbe, Was sie lieben anzusehen In die Runde des Theaters.

Denn die herrliche Biondette Wird der Bühne heut entsagen, Morgen dann den Schleier nehmen In der Kirche zu Sankt Claren.

Und der Schein unzähl'ger Kerzen Füllet leuchtend schon die Hallen, Und es lodern alle Herzen In unsichtbar schönen Flammen.

All die schwarzen Fraun und Herren, All die Diamanten strahlend Und die schwarzen Augen brennend Reihen blendend sich zum Kranze.

Bis lebendig alle Wände In viel tausend Herzen schlagen, Jeder Blick ein Aug muß treffen, Jeden Ton ein Ohr muß fassen.

So gleich einem Firmamente Mit viel guten Sternen flammend, Baut sich wundersam ein Tempel, Um Biondetten zu umfangen.

Da der Vorhang ruhig schwebet, Sonne, bist du aufgegangen, Leise Kühlung duftend wehet Um die sehnsuchtsheißen Wangen.

Liliensäulen sich erheben Eine Rosenkuppel tragend; Unter einem Blumentempel Steht Biondetta mit der Harfe.

Ach, sie war ein klarer Engel, Voll von lieblichen Gedanken, Einer frommen Jungfrau Seele An der Himmelspforte zagend.

Alles Licht zu ihr sich sehnet, Zu ihr alle Strahlen fallen, Alles schweigt und liebt und betet Recht in selgem Wohlgefallen.

Also schwieg die junge Erde, Da der Mensch, der Gottgeschaffne, In dem Kelch des jungen Lebens Sinnend schwankt und weint und lachte.

In ihr nur war alles Denken, In ihr alle Herzen schlagen, Mit ihr jedes Aug gesenket Oder freudig aufgeschlagen.

Nun erhebet sie die Rede, Und die tausend Hörer alle Fühlen ihrer Lippe Beben Still in freudigem Erwachen.

Züchtig sprach sie: "Hochgeehrte! Schonend habt ihr mich vor Jahren Aufgenommen in den Tempel, Habt geduldet mich seit Jahren.

Wollet heute auch in Ehren Eure Dienerin entlassen, Daß mich rein ein reinrer Tempel Aus der Künste Haus empfange.

Als ein Opfer will ich geben heut des äußren Lebens Fabel, Daß ich dann das innre Leben Morgen opfre am Altare!"

Und nun stieg des Tempels Schwelle. Mit Biondetten, einsam ragend Stand ein Fels in ödem Meere, Ein Marienbildlein tragend.

Rings die tausend Lichter blendend Sanken ein, die Diamanten Blickten schüchtern, ferne Sterne, An dem dunklen Firmamente.

Eine weite Dämmrung streckte Sich umher, und keine Schranken Schienen um den Fels zu stehen, Als nur liebende Gedanken.

Bei dem Bildlein saß Biondette In dem Scheine einer Lampe, In den weißen Arm gelehnet Schimmerte die goldene Harfe.

Schweigend glich das Volk dem Meere, Über dem ein Gott hinwandelt; Als ruht und wogt die Menge In Biondettens Sang und Harfe.

Und es sind des Meeres Wellen An der Jungfrau Lied gebannet, Weh und Wonne fluten, ebben, Wie sie will in allen Adern.

Hell auf meerumwogten Felsen Hebt sich über ewges Wasser Ein Marienbild; des Meeres Stern auf ihrem Haupte flammet.

"Meerstern, wir dich grüßen, Die durch Tränenwüsten Aus der sündedunkeln Zeit Einsam steuern müssen Zu den hellen Küsten Der gestirnten Ewigkeit."

Nächtlich steigt zur ihr Sirene, Opfert Perlen und Korallen, Singt auf mondbeglänzter Schwelle Zu kristallner Harfen Schalle:

"Jungfrau, laut verkünden Von des Himmels Bühnen Engel deine Herrlichkeit; Und aus Meeres Gründen Steigt, dich zu versühnen, Was da lebt in irdschem Streit."

Aber dunkle Wolken treten Vor den Mond, das weite Wasser Sträubt das Wogenhaar zu Berge Vor den tosenden Orkanen.

"Jungfrau voller Güte, Wie das Meer sich türme, Stehest du in Heiterkeit; Wie gefallne Blüten Schütten dir die Stürme Himmelssterne auf dein Kleid."

Ach, im zorngen Elemente Schwankt ein Schifflein notumklammert! Leuchte, leuchte, Stern des Meeres, Einer Mutter dich erbarme!

Ach, sie flehet nur zu retten Ihren Säugling, den umarmend An der Brust sie nährt zum Leben, Schwankend selbst im Untergange.

Dir, o Meerstern, weiht sie betend Den sie unterm Herz getragen, Nun zur Wogenwiege leget Aus den sichern Mutterarmen.

"Denk, o Mutter süße, Wie du durch die Wüste Unsern Herren trugst in Pein, Daß er für uns büße, Trank er deine Brüste, Sog er deine Milde ein."

Schon zerbricht des Sturmes Segel, Und der Blitze Feuerflagge Zucket einsam auf den Wellen, Wo das Schiff in Nöten schwankte.

Nieder zur der Gruft der Meere Sank das Schiff; es folgt dem Sarge Schwarz der Donner, ernstlich betend, Und der Blitze Leichenfackel.

Und es suchen kleine Sterne Einsam durch die dunklen Wasser Nach der Mutter, ach vergebens! Fromme Kerzen ihres Grabes.

"Jungfrau, Himmelstüre, In des Todes Gründe Senke deiner Strahlen Schein Und helleuchtend führe Aus dem Meer der Sünde Uns zum Quell des Lichtes ein!"

An dem Himmelsdome brennet Still des Mondes ewge Lampe; Zu dem Felsen rauscht Sirene, Einen Schatz im Arme haltend.

Denn sie trug das Kindlein flehend Zu dem steilen Felsenrande, Das die Mutter untergehend Legte in Mariens Arme.

Die, ein heller Stern des Meeres, Trägt den Scheiternden Erbarmen, Hat es sicher durch die Wellen In Sirenens Arm getragen.

Aus dem wilden Elemente Trug sie nun das Bild der Gnade Freudig aufwärts zu dem Felsen, Ganz in neuer Lieb erwallend.

Liebvoll löst sie ihre Flechten, Teilt die Locken sich am Nacken, Bildet draus am warmen Herzen Für das Mägdlein weich ein Lager.

Setzt sich an des Bildes Schwelle Mit dem süßen Wunderpfande Und spricht fromm: "O Stern des Meeres, Lasse mich dies Kind erlaben!"

Und nach ihren Brüsten wendet Sich das Kind und findet Gnade; Die es lebend hielt in Wellen, Gab barmherzig ihm die Amme.

Alle die keuschen Lebensquellen Über ihrem Herzen wallen, Muß sie süße Blicke senken Zu dem Kind in Mutterarmen.

Und dann singt sie; schlummerwebend Tönt das Lied und rauscht das Wasser, Und es wandeln Mond und Sterne Leise, daß das Kind entschlafe.

"Da der Morgen wiederkehrte, Lag ich in kristallner Kammer; Auf der weichen Purpurdecke Spielten goldne Sonnenstrahlen.

Und am Mittag wiegt Sirene Mich in glatten Muschelschalen, Und ich schlief bis sie mich weckte Mit Gesang und süßer Harfe.

Rötet Abendlicht die Welle, Trug sie mich in Mutterarmen Zu dem Bilde, für mein Leben Der Gebenedeiten dankend.

Wenn um Mitternacht die Sterne Sinnend in dem Meere schwankten, Flocht mir durch den Traum Sirene Ihrer Lieder heilge Schlangen.

Also in dem Land des Lebens Und in Andacht schon erwachsen, Nannte sie das Kind Biondette Ob der goldnen Flut des Haares.

Frühe lehrt sie mich zu schweben Auf des Tanzes Wunderbahnen, Früher noch die Blicke heben Und zu Gott die Händlein falten.

Und sie lehrt die junge Seele Sich erschwingen im Gesange Und mit Engeln auf der Töne Himmelsleiter freudig tanzen.

Aber endlich sprach Sirene: `Folge mir in meine Kammer; Fest ist schon in dir das Leben, Lerne nun, dich zu verwandeln!

Alles Leben lerne leben, Alle schöne Klage klagen, Alle Freude schön erheben, Alle Geister aufwärts tragen!

Alle Herzen sollen beben In dem Klange deiner Harfe! Bannen sollst du alle Seelen In die Kreise deines Tanzes!

Mit der Künste heilgem Zepter Schlage an das Herz der Sklaven, Die du in den Sinnen fesselst, Um im Geist sie zu entlassen!'

Also sprach zu mir Sirene, Hüllend mich in einen Mantel, Der sich wie der Leib der Seele Allgestaltend um mich faltet.

Nieder stieg ich. Tief im Felsen Tut sich auf ein bunter Garten, Rauschet, strömet Toneswellen Um das Eiland aller Farben!"

Also schwieg das Lied Biondettens. Neben ihr die kleine Lampe Ward zu einem Kranz von Sternen, Um das Bild Mariens strahlend.

Dies erhob sich leis vom Felsen Zu dem Himmel aufgetragen; Mit dem Felsen sank Biondette Knieend und die Harfe schlagend.

Und die wilden Elemente Schieden sich, sie zu empfangen; Es stieg aus dem öden Meere Einen Wunderinsel prangend.

Tonumflutet vom Orchester Trennte sich das Kunstgestade Von dem Garten des Parterres Und der Logen Glanzterrassen.

Auf den stillen Blumenbeeten Blinkt der Tau der Diamanten Und die stillen Tränenperlen In dem Blick der schwarzen Damen.

Und es stieg hoch überschwellend Melodie aus allen Schranken, Aus den Wänden tausend Kerzen, Aus dem Boden tausend Lampen.

Von Marien niederwehend Sank der himmelblaue Mantel, Schürzt sich feierlich zum Zelte In des Ölbaums grünen Armen.

Aus dem Zelte tritt Biondette, Eingeflochten ihre Haare, Stolz geschmückt mit milden Perlen, Edelstein und goldnen Spangen.

Schwer ein Schwert faßt ihre Rechte, Von der linken Schulter wallet Eine blutge Purpurdecke, Hüllend, was die Linke trage.

Und sie schürzt die Decke, sprechend: "Den durch Gott ein Weib geschlagen, Seht das Haupt des Holofernes, Seht die Decke seines Lagers!

Und so wahr der Herr uns lebet, Rein sein Engel mich bewahrte, Die ohn Sünde wiederkehret, Nur mit Freud und Sieg beladen!"

Nun tritt sie zurück zum Zelte, Das nach ihr hernieder wallet, Aber rings Gesang sich hebet, Freudig Flöt und Zimbeln klangen.

Jauchzend durcheinander wehten Alle Töne, und es schwangen Triumphierend sich die Chöre Wie ein Wald voll Siegespalmen.

Schneller, jubelnder und heller, Bis zu einer wilden Flamme, Die sich wieder selbst verzehrte, Bis zur stillen glühen Asche.

Da trat still einher Biondette Unter weißem Rosenkranze, Ihre Locken, goldne Flechten, Von der Stirn zum Gürtel fallen.

Um die zarten Glieder bebet Ihr ein schlichter, weißer Mantel, An des Gürtels Silberkette Hängt ein Brot und eine Flasche.

Ihrer Augen blaue Quellen Lassen Tränenperlen fallen In der Maienglöckchen Kelche An dem goldnen Knauf der Harfe.

Als die zarten Finger beben Durch der Saiten goldnen Garten, Blühen ihrer Lippen Nelken Und das Rosenfeld der Wangen.

Und sie sang ein Lied bewegend Von dem Tode eines Lammes, Das, die Schuld von uns zu nehmen, Starb in heilger Opferflamme.

Als schleiert sich in Nebel Oft der Mond; aus keuschen Strahlen Einen Heilgenschein sich webend, Weint er umd die trüben Tage;

Also tönt ein Schwan im Sterben, Der im Spiegel klarer Wasser Stumm sein Sternbild angesehen, Grüßt es scheidend im Gesange.

"Lebet wohl, ich will mich wenden Zum Gebirge; einsam wandelnd Will die reine Tochter Jephtas Weinen um die jungen Tage!

Weinen um den Schein des Lebens, Weinen um den Duft des Kranzes, Weinen, daß die Seele heller Scheine, als des Opfers Flamme!"

Und nun wendet sich Biondette Trauernd zu dem Felsenpfade, Der bald sichtbar, bald verstecket Aufsteigt an des Berges Rande.

Wo der Steg zu Tal sich wendet, Stand sie grüßend mit der Harfe, Ferne Sehnsuchtsklänge sendend Zu verlaßnen Frühlingstalen.

Rings die Hirtenflöten flehen, Und der Herden Glocken stammeln, Und die Abendlieder schweben Klagend aus der Büsche Schatten.

Sie geleitend steigt am Felsen Sonnenschein zum Untergange, In der Tritte Spuren senket Dämmerung den ernsten Mantel.

Aber schaut! Nun steht Biondette Hoch am dunklen Tor des Waldes, Niederkniet sie und singt betend In die Welt, die sie verlassen:

"Lebet wohl, ihr falschen Farben, Eitler Tränen Regenbogen, Sterne, die mit falschem Glanze Dienet einem Flittermonde!

Meine Tränen sollen wachsen, Daß sie mit den bittren Wogen Ganz mein Irdsches überwallen, Bis die Schuld ist hingenommen.

Aus dem Argen in die Arche Geh ich gleich der Tochter Noä, Kleide mich in schwarzer Farbe, Wie der Rabe ausgeflogen.

Kleide schwarz mich gleich dem Raben, Der als Bote ausgeflogen Und so traurig auf den Wassern Schwebte, bis sie abgeronnen.

Schleire mich in weißer Farbe Gleich der Taube, die als Bote Wiederkehrte mit dem Blatte, Das dem Friedensbaum entsprossen.

Sei gegrüßt, du Tag der Gnade! Durch den Friedensbogen Gottes Will ich zu den Vätern wallen Auf der Opferflamme Wolken!"

Aber in den Wald nun senket Sich die Sonne, und mit Flammen Scheint Biondetta rings umgeben, Schwarz geschleiert, nur ein Schatten.

Da der Wald im Glanze stehet, Schweigen rings die Flöten alle, Und ein Chor von Hörnern schwebet Klagend auf im Widerhalle.

Und das Volk lauscht tief beweget, Denn die Sonne widerstrahlend Spielet, die nicht auszusprechen, Lieder durch die goldne Harfe.

Und so stille war die Menge, Daß man hört die Tränen fallen Und die heißen Seufzer wehen Und die bangen Herzen schlagen.

Wie ein Kahn auf stillem Meere Mondumspielet träumend wanket Und der Fischer hingestrecket Schlummert ein in dem Gesange:

Also waren alle Schmerzen In Biondettens Lied entschlafen, Scheiden kann sie von den Herzen, Die in Wunderträumen wandeln.

Doch es treibt das Schiff zum Felsen Und füllt sinkend sich mit Wasser; Nacht ist's und der Mond bedecket, Und der Mann starb unerwachet.

Aber weh! nicht so die Schmerzen, Schlummernd, träumend im Gesange, Hier im süßen Schlafe starben, Wie der Fischer, Mond und Rachen.

Um Biondetten wird es heller: "Wehe, wehe, das sind Flammen! Feuer, Feuer, Helft! o helfet!" Schreiet alles im Theater.

"Feuer! Helfet!" schreit Biondette. -- "Stürzet das Gerüst zusammen, Ist sie nimmermehr zu retten": So erfüllt das Haus ein Jammer.

Nach den Türen, zu den Treppen Stürzen alle Herrn und Damen, Und die Menge des Parterres Will sich wogend überschlagen.

Bald in allen Fenstern stehen Hohe Leitern; Herrn und Damen Drängen sich, hinab zu klettern, Und hinauf die Herrn Soldaten.

Dieser will sein Liebchen retten Und faßt seine alte Base; Jener, der die Frau will heben, Wird umklammert von dem Manne.

Und die duftgen Cicisbeen Müssen gar zu harter Strafe Helfend auf und nieder klettern, Wie die nassen Katzen jammernd.

Denn den Fliehend entgegen Springen schon die Wasserstrahlen; Wer im Feuer nicht kann leben, Muß sich durch das Wasser baden.

Schreien, Weinen, Fluchen, Beten, Steigen, Klettern, Ohnmachtfallen, Trommelschlag und Brandtrompeten, Wagenrasseln, Glockenschlagen.

Und schon windet sich die Menge Kapuziner, Domnikaner Sich in braun, schwarz-weißer Kutte, Wassereimer eilig langend.

Doch die mutigen Studenten Springen jubelnd zum Theater, Stürmen die papiernen Felsen, Niederreißend rings die Lampen.

Oben an des Haues Decke Hört man schwere Äxte fallen, Sieht auch bald die Zimmrer stehen, Niederstürzend Fluten Wassers.

Und schon ordnet sich die Menge, Massen bilden sich und Straßen, Alles stehet, geht und kehret, Keiner hindert mehr den andern.

Aber unter den Studenten Achtet einer nicht der Flammen; Er hat gar ein wildes Wesen, Gleichet einem Salamander.

Und schon klagt man um den Helden, Den umkrachten alle Sparren, Doch er kehrt und trägt Biondetten In den dunklen, harten Armen.

Da er eilet in die Szene, Schreit die Jungfrau: "O erbarme Dich, Maria! Rette, rette Mich von ihm in Jesus Namen!"

Da springt von der offnen Decke Kühn ein Jüngling, wütend packet Er den Räuber von Biondetten, Doch der stehet ganz in Flammen.

Alle Glut zu ihm sich wendet, Und wie auch die Wasserstrahlen Auf ihn stürzen, wills nicht helfen, Und man hört ihn gräßlich lachen.

Und wie Wirbelwinde drehen Zu ihm hin sich alle Flammen, Die wie Haare um ihn wehen, Wenn er also gräßlich lachet.

Und so hat er lachend, brennend, Eine lange Zeit gestanden, Da das Feuer rings geendet, Und das Volk schrie laut: Mirakel!

Da ein Priester zu ihm sprenget Einen Strahl geweihten Wassers, Ward er, allen zum Entsetzen, Nur ein Häuflein dunkler Asche.

Und das Volk kniet ringsum betend. Von der Höhe des Theaters Sprach der Priester dann den Segen, Und es schallt ein lautes: Amen!

Fromme Litaneien betend, Ziehn die Mönche still gepaaret, Und die hilfreichen Gewerke Folgen betend aus den Hallen.

In des Hauses weiter Leere Schallet das Geträuf des Wassers; Rings die stummen Wachen stehen Bei dem wilden Schein der Fackeln.

Aber die Studenten stehen Staunend um das Häuflein Asche; Den die Flamme hat verzehret, War der beste Kandidate.

Er war Famulus des Lehrers, Und sie brechen aus in Klagen, Bis die rufenden Pedellen Sie zur Heimkehr laut ermahnen.

In den Weihewasserkessel, Den die Mönche stehn gelassen, Sammelt unter Tränen jeder Des verbrannten Freundes Asche.

Und dann ziehen die Gesellen, Die geliebte Urne tragend, Trost sich singend, von der Schwelle, Um Apone es zu klagen.

Schweigend steht das Haus. Es sehen Durch die Öffnungen des Daches Stille nieder Mond und Sterne, Traurig spiegelnd in dem Wasser.

An der Erde ruht Biondette; Als sie nannte Jesu Namen, Ließ der fürchterliche Retter Sinken sie aus seinen Armen.

Bei ihr kniet mit seinem Schwerte Stumm Meliore; in die Harfe Hat er sorglich sie gebettet, In den himmelblauen Mantel.

Er verließ im Lärm den Kerker, Er war's, der den Sprung gewaget Von der Decke, sie zu retten Aus des Räubers dunklen Armen.

Da es stille war, erhebet Sich Biondette, und den Mantel Schlingt sie um sich, von der Erde Hebt sie dann die goldne Harfe.

Spricht, sich zu Meliore wendend: "Sei gegrüßt! In Jesu Namen Hast du mich von ihm gerettet Und gehütet in dem Schlafe.

Einen Traum hab ich gesehen: Asche war ich, und zu Asche Soll ich einstens wieder werden, Wenn erfüllet sind die Tage.

Für dich hab ich heut gebetet, Da du fochtest am Altare; Und du hast für mich gebetet Jetzt in dringenden Gefahren.

Du hast liebend mich gerettet Aus des ewgen Todes Banden, Und ich werde dir's vergelten Bald in übervollem Maße.

Laß die Sinne untergehen, Liebe nicht, was irdisch schwanket; Die du irdisch angesehen, Wird dir göttlich liebend danken.

Hier auf dieser öden Stelle Wird es einstens göttlich tagen. Sieh, es haben schon die Sterne Ihren Strahl den Weg gebahnet.

Wenn hier an des Altars Schwelle Eine Jungfrau wird entsagen, Werd ich durch dich auferstehen Aus der irdschen Leibesasche.

Und du wirst die Asche nehmen, Streuen sie in deine Haare, Weil die Schlange wird zertreten Von des Weibes heilgem Samen.

Was in Träumen ich gesehen, Hab ich alles dir gesaget; Denn auch du bist ausersehen Zu unendlich großen Gnaden.

Wir gehn auf demselben Wege; Lasse uns im Geiste wallen, Lasse uns nie Abschied nehmen, Gehe hin in Gottes Namen!"

Da geendet sie die Rede, Konnt er nicht den Blick ertragen; Also mächtig war ihr Wesen, Daß er schweigend ging von dannen.

Und zur Harfe sang Biondete: "Lob sei Gott dem Herren! Amen!" Und das öde Haus erbebte, Widerhallend: Amen, Amen!

Amen! sprachen Mond und Sterne, Träufelnd sprach das Wasser: Amen! Und da sie verließ die Schwelle, Riefen rings die Wachen: Amen!

** Romanze XII: Jacopone und Rosarosa

Von Folianten rings umgeben Sitzt der stolze Jacopone; Hochgeehrt von den Klienten Ist der junge weise Doktor,

Ausgetreten seine Schwelle; Denn mit vollen Händen kommen Taufend, um in ihren Rechten Weise Sprüche sich zu holen.

Täglich, nächtlich kommen, kehren Zu ihm, von ihm schnelle Boten, Fern und nah muß er die Texte Streitigen Parteien ordnen.

Und vor seinem Hause stehen Oft der Fürsten stolze Rosse, Er ist rings im Land gebeten, Und man wünscht ihn allerorten.

Er verstand wohl die Gesetze Gleich dem griechschen Hermodore. Die zwölf Tafeln hergestellet Hätt er, wären sie verloren.

Und wie Flavius gelernet Auswendig die Aktionen, Kannte auch wohl alle Leges, Alle Formeln Jacopone.

Mutius hat er gelesen Und den Brutus wohl erwogen, Den Manilius versteht er, Ist Sulpicio gewogen.

Des Antistius Labeo Gegner Folget er, des Capitonis Schüler, des Sabini Regeln, Sabinianischer Methode.

Er hielt streng bei den Gesetzen und schrieb |dissertationem|, Die ihn bracht zu hohen Ehren: |De bonorum possessione|.

Salvium Julianum kennt er, Gaji Institutionen, Papinian, Ulpiano strebt er Und Herennio zu folgen.

Ehre hätte dem Katheder Zu Beryt, Konstantinopel Und zu Rom er einst gegeben, Wie jene Antecessores.

Hätte damals er gelebet, Die drei Codices zu ordnen In den Justinianschen, neben Tribonian würd er gelobet.

Und die Sechzehn, die mit jenem Die Pandekten ausgeboren, Wären Siebzehn dann gewesen; Also war sein Geist zu loben.

Zum Behufe der Pandekten, Auf die fünfzig Dezisionen Für Justinian zu stellen, Wär er mitbeehret worden.

Dem Theophilo wohl neben Dorotheo zugeordnet Wär er, Triboniano helfend Bei den Institutionen.

Er wär recht der Mann gewesen |Repetitae praelectionis Codicem| ins Licht zu stellen, Und |nearai diataxeis|.

Aber spätrer Zeit zur Ehre War er recht ein Schmuck geboren Auf Bononischem Katheder |Magnae matris studiorum|

Wo Irnerius gelehret Seine Justinianischen Glossen, Bulgar, Gosias gelebet, Hugo und Glossatoren.

Weil er ganz besonders ehrte Jakob vom Ravenner Tore, Hat er sich nach ihm genennet Gar bescheiden Jacopone.

Und Accursius war sein Lehrer, Otofredus diesem folgte; So hat er das Recht erlernet Nach der Summa des Azzonis.

Und kaum dreißig Jahre zählt er; Um die hohe Stirne Locken Wallen braun aus dem Barette, Und sein Bart ist schön geordnet.

Wenn er im Ornate stehet Und kreieret die Doktoren, Fließet ihm die stolze Rede Gleich dem zweiten Cicerone.

Wüßten das, was er vergessen, Manche andre Professoren, Wäre ziehenden Studenten Öfters aus der Not geholfen.

Und so ganz in Ehren schwebend, Lebte er in seinem Stolze; Seinem Ruhm sind nah und ferne Tausend Schüler nachgezogen.

Dunkler Herkunft zu entstreben, Hat ihn so sein Fleiß erhoben, Denn nicht seinen Vater kennt er, Seine Mutter starb verborgen.

Er begann sein Jugendleben Mit zwei Brüdern in dem Kloster; Pietro ward ein Blumengärtner, Noch studieret Meliore.

Da er stieg zu dem Katheder, Nahm zum Weib er Rosarosen, Eine Jungfrau auserlesen, Eines Arztes Pflegetochter.

Als er ging zur Doktorehre Durch der Aula hohe Pforte, War die Züchtge ihm begegnet, Und er sprach zu ihr die Worte:

"Schöne Jungfrau! Ihr begegnet Mir an sehr gefährlchem Orte, Jetzo ich zu streiten gehe |De bonorum possessione|.

Und die Schätze aller Welten Habe ich bei Euch verloren, Nichts besitz ich auf der Erde, Da Ihr mich mir selbst genommen.

Was ich künftig nun erwerbe, Habt Ihr schon von mir gewonnen. Geht und betet, daß die Ehre Mir nicht gehe heut verloren!"

Rosarose sah beschämet An den glatten Marmorboden: "Ich erfleh Euch, Herr, die Ehre", Sprach Sie, "und halt Euch beim Worte:

Daß Ihr mir sodann die Ehre Teilet, die ich Euch erworben, Und nie nehmet mir die Ehre, Die um jene Gott ich opfre!"

Ach, zu spät verstand die Rede Rosarosas Jacopone, Und es hat ihn sehr beschweret, Was er damals ihr versprochen.

Und sie schieden; sie zum Tempel, Er zu dem Juristenhofe; Sie erfleht ihm Gottes Segen, Er den Doktorhut erobert.

Als er austritt hochgeehret Unter der Schalmeien Chore, Wird bei Pauken und Trompeten Ihm drei "Vivat hoch!" erhoben.

Doch er blicket allerwegen Nach der Jungfrau dieses Morgens, Ihm will auch der Wein nicht schmecken Bei dem Doktorschmause oben.

Ach, wenn sie den Trank kredenzte, Säh er in des Bechers Golde Spiegelnd ihre Augen brennen; Ach, wie er dann trinken wollte!

Ach, und wo ihr Mund den Becher Selbst entsauget einen Tropfen, Durstig hätte er die Stelle Ausgebissen aus dem Golde.

Und in dem Tumult des Festes Schleicht er aus dem lauten Chore, Irret auf verschiednen Wegen, Denn er wußt nicht, wo sie wohnet.

Wo vor Stunden sie sich trennten, Geht er, ihren Weg verfolgend, In den Garten, nah gelegen, Von Sankt Clarens stillem Kloster.

Längs den still beblumten Feldern Wiegen sich die vollen Rosen, Von den Tönen tief beweget Einer süß gerührten Orgel.

Und im stillen Garten stehet Tief erschüttert Jacopone; Lang hat ihn nicht angewehet Der unschuldge Odem Gottes.

Lange hat er nicht gesehen In das offne Herz der Rosen, Und so frommer Töne Wehen War entfremdet seinen Ohren.

Er war in der Bücher Menge Ganz verriegelt und verschlossen, Und hier, wo die Blumen scherzten, Ist ihm auf das Herz gebrochen.

Brach ihm auf in Liebesschmerzen, Recht wie eine Blumenknospe Ihn Geschmeide keusch ausleget In dem Kuß der jungen Sonne.

Wie verschloßne Felsenquellen Traurig in dem Dunkel wohnen, Jauchzend dann zutage brechen Zu den Sternen, zu der Sonne,

Und mit bunten Steinen scherzend Und mit Fischen spielend wogen, Wo die Blumen spiegelnd stehen, Von Libellen leicht umflogen.

Wie, dem Kinde gleich, die Welle Gern um Tand die Körner Goldes Hingibt, die im Schoß der Berge Sie mit Angst vom Geiz erworben,

Und den süßen Blütenregen Freudig zu dem Fluß hinwoget, Freudiger dann Fischersegel Trägt, und durch die Mühle toset,

Hohe Masten dann bewegend In den breiten starken Flossen, Und dann kühne, volle Segel Führet, recht in hohem Stolze,

Dann dem ganzen Elemente Sich hingebend, abwärts tosend In die hohen, vollen Meere, Stirbt in Wiedersehens Wonne;

So fand er sich tief beweget Und, dem Bücherstaub entronnen, Neue Liebe in dem Herzen, Zwischen Blumen in der Sonne.

Doch da eine Stimme schwellend Sich ergießt zum Orgelstrome, Schreitet er zu der Kapelle, Die in Büschen steht verborgen.

Und er wurzelt auf der Schwelle; Rosarosa schlägt die Orgel Singend, ohne ihn zu sehen, Zwischen Engelbildern golden.

Auf dem kleinen Orgelwerke Steht das Bild der Mutter Gottes, Frische Rosen reicht ein Engel Unserm Herrn in ihrem Schoße.

Und das Bild des andren Engels Hebt empor in goldnem Korbe, Singend auf und niederschwebend, Einen süßen, bunten Vogel.

Und die leichten Bälge tretend, Sieht er einen goldumlockten, Schönen Knaben freudig schweben. Ach! er glich dem Liebesgotte,

Wäre nicht so fromm sein Wesen; Doch ihm fehlen Pfeil und Bogen, Und ein Kreuz im Arm ihm lehnet Aus zwei jungen Weidensprossen.

Einen Rosenstrauß am Herzen, Schlummert still sein Lamm am Boden; Niedersinket auch zur Stelle Auf die Kniee Jacopone.

Ihr Gesang sich so erhebet: "Heilge Jungfrau! Mutter Gottes, Denke, wie sandst im Tempel Jesum, den du glaubst verloren,

Streitend mit den Schriftgelehrten, Mit den Ärzten, Philosophen, Wie er als ein Kindlein redet Wunderbare, hohe Worte.

Als er fragt: `Ihr Männer, wessen Sohn Messias wird geboren?' Alle kecklich zu ihm sprachen: `Davids Sohn wird er geboren!' --

`Warum dann,' dein Kind versetzte, `Nennt ihn David seinen Obern? Sprach der Herr zu meinem Herren: Du sollst mir zur Rechten thronen,

Daß ich dir zu Füßen werfe Deine Feinde an den Boden!' -- `Hast die Bücher du gelesen?' Fragte Jesum dann ein Doktor.

Und dein Kind sprach: `Ja, gelesen Und auch das, was drin verborgen.' Dann erklärt er dem Propheten Satzungen und dunkle Worte.

Allen war er ein Entsetzen; Ärzte und die Philosophen, Pharisäer, Schriftgelehrte Mußten Kinderweisheit loben.

Hohe Mutter, o gedenke, Wie dein Herz in Freuden wogte, Da du dort in solchen Ehren Wiederfandest den Verlornen.

Zu ihm sprachst du: `Warum setztest Mich und Joseph du in Sorgen, Die dich suchten allerwegen, Glaubten, du seist uns verloren?'

Und dein Kind sprach, zu dir redend: `Warum sucht ihr nach dem Sohne, Dem ihr selbst als Zucht gelehret, In des Vaters Haus zu wohnen?' --

O Maria! denk der Ehren, Die die Meister dir da boten, Preisend deines Leibes Segen, Der so weis ein Kind geboren!

O, verleihe deinen Segen Jenem Jüngling, der heut morgen Mir so huldvoll ist begegnet An des Rechtshofs hoher Pforte!

Für ihn bring ich meine Ehre Deinem Gottessohn zum Opfer, Lasse ihn das Recht vermehren Zur Vermehrung des Lob Gottes!

Laß geehrt nach Haus ihn kehren, Recht zu seiner Mutter Wonne, Denk der Freude, denk der Ehre, Die du sahst an deinem Sohne!"

Als sie so das Lied geendet, Gab der Knabe gute Worte: "Ich will singen, ich will beten; Schlag auch meinem Lied die Orgel!"

Und die Jungfrau ohn Bedenken Seiner frommen Bitte folget, Und er singt, die Bälge tretend, Wie ein Engel klar aus Wolken:

"O, mein Jesulein, gedenke Deiner hohen, weisen Worte, Als Zachäus dich belehren In dem Aleph Beta wollte!

`Sage Aleph!' sprach der Lehrer; `Aleph, hast du fromm gesprochen; Nun sprich Beth!' der Mann begehrte; Da sprachst du zu ihm die Worte:

`Nein, ich sprech Beth nicht eher, Bis mir Aleph deutlich worden; Du sollst erstlich mich belehren, Warum Aleph so geformet.'

Und da sahst du deinen Lehrer In Unwissenheit betroffen; Sprachst: `Ich will dich nun belehren, Wie das Aleph ist geformet.

Aus drei Strichen es bestehet, Weil auch steht die Einheit Gottes, Dieses Aleph alles Lebens, In drei göttlichen Personen!' --

Als dein Lehrer ob der Rede Dich, o Jesu, schlagen wollte, Mußte er zur Stunde sterben, Der gen Gott die Hand erhoben!

O du Anfang, o du Ende Aller Weisheit ausgeboren, Allbarmherziger, o spende Weisheit zu der Frommen Troste!"

"Amen!" sang die Jungfrau bebend, "Amen!" sang da Jacopone, Und da sie ihn sah, sich wendend, Blühen ihrer Wangen Rosen.

Und sie geht aus der Kapelle; Auch der Knabe hin ihr folget, Wo in einem Rosenzelte Freudig tanzt ein frischer Bronnen.

Und zu Rosarosen redet Zärtlich dankend Jacopone: "Gott erhörte gern dein Beten, Durch dich bin geehrt ich worden.

Was ich heut von dir erflehet, Ist mit Ruhm an mir erfolget, Um dich ward mein Haupt bedecket Mit dem Doktorhut der Rechte.

Und nun möchte ich die Ehre Mit dir teilen, Fromme, Holde; Ach, wie auf so selge Wege Hast du, Jungfrau, mich gelocket!

Aus dem dunklen Bücherkerker In den Blumensaal der Sonne, Zu der heimlichen Kapelle, In den selgen Klang der Orgel!

Sieh, es tanzet meine Seele Auf dem frohen Strahl des Bronnens, Und sie faltet ihre Hände, Dir ihr Herz in Liebe opfernd!"

Rosarosa ihm entgegnet: "Freund, ich bin dir wohlgewogen, Doch ich kenne keine Eltern; Kannst du lieben eine solche?

Mich gefunden und gefleget Hat des Arztes Weib Dolores; Sie erbaute die Kapelle, Stiftete die kleine Orgel.

Dort fand sie des Grabes Stelle, Und ich lebe von vier Soldi, Die sie täglich ausgesetzet, Daß ich sing und spiel die Orgel.

Mir zum Vormund ist gesetzet Fromm ein Priester, der Benone, Bis ich in den Ehstand gehe Oder trete in ein Kloster.

Sonst kann ich auch schreiben, lesen, Schnüre wirken und auch Borten, Spinnen und Tapeten weben, Sticken Silbernes und Goldnes.

Und daß ich nicht müßig gehe, Habe ich im Klosterhofe Eine Schule angeleget In des Kreuzgangs hohen Bogen.

Oft auch hier bei dieser Quelle Zu mir meine Kinder kommen, Mannigfaltge Schulgesellen Sich aus allen Winkeln holend.

Hier der Knabe war der erste, Der sich selbst mir angeboten, Und mit seines Lammes Schelle Andre Kinder angelocket.

Wie sich meine Schüler nennen, Weiß ich nur durch ihre Worte, Kenne keines einzgen Eltern, Meine Schul ist frei und offen.

Und die Mütter stehn oft ferne, Lauschend an der Gartenpforte; Täglich mehret sich die Herde, Und ich lehr um Gottes Lohne.

Und die gute Hirtin nennen Mich die Kinder, und ich wollte, Hätt ich nimmer dich gesehen, Keinen andern Namen borgen." --

"Hättst du nimmer mich gesehen!" Jacopone wiederholet; "Hätt ich nimmer dich gesehen! O, wie sind dies goldne Worte!

Wären nimmer sie geredet Mit so liebem, süßem Tone, Möchte ich in diesem Leben Nimmer sehen diese Sonne!

Unser Los ist gleich gestellet, Unser Würfel gleich geworfen; Auch ich kenne keine Eltern, Ward im Kloster auferzogen.

Willst du deine Hand mir schenken, So will ich dir angeloben: Du magst deine Kinder lehren, Du magst spielen hier die Orgel.

Wenn mein Reichtum sich vermehret Durch den Ruhm, den ich erworben, Will ich in das Haus noch nehmen Meinen Bruder Meliore.

Einen Garten auch erwerben Pietro, dem Zuletztgebornen Meiner Mutter, der jetzt lernet Blumen pflegen in dem Kloster."

Und dann hat er ihr gegeben Einer Rose Doppelknospe, Und mit scheuen Fingern trennen, teilen sie die Zwillingsrose.

Tief sich in die Augen sehend Waren sie vor Gott verlobet, Wußten nicht, wie es geschehen, Waren still und voller Wonne.

Aber Rosarosa redet, Da sie hört des Lammes Glocke: "Lebe wohl, auf Wiedersehen! Meine Schüler hör ich kommen!"

Jacopone spricht: "Ich gehe Hin zum alten Mönch Benone, Unsern Bund ihm vorzulegen." Und dann eilt er von dem Bronnen.

Einsam Rosarosa stehet, Blicket in den Strahl des Bronnens; Wie er sinket, wie er schwebet, Fühlt sie in dem Herzen pochen.

In den Händen die getrennte, Sonst gepaarte Zwillingsrose, Und es fließen ihre Tränen Auf die stille Rosenknospe.

Eilet dann zu der Kapelle, Findt an der belaubten Pforte Ihre kleine Schülerherde Feierlich im Kreis geordnet.

Und der Knabe trägt in Händen Einen Kranz von weißen Rosen, Einen Schäferstab, weiß blendend, Sprach zu ihr die süßen Worte:

"Du hast dich in der Kapelle, Hirtin, heut dem Herrn verlobet, Der ein treuer Hirt, die Herde Weidet an dem Himmelsbogen.

Und darum soll ich dich kränzen Mit dem Brautkranz weißer Rosen Und den Schäferstab dir geben, Daß du denkest deiner Worte!"

Rosarosa kniet zur Erde, Und er kränzt die dunklen Locken Mit den weißen Rosen blendend, Gibt den weißen Stab der Holden.

Und die Kinder sie umgeben, Freuen sich der Rosenkrone; Jacopones und des Herren Denket weinend Rosarose. --

Wenig Sonnen untergehen, Und herauf ziehn wenig Monde, Wenig volle Rosen sterben Aufgekeimt sind wenig Knospen,

Da geschmückt am Altar stehen, Vor dem alten Mönch Benone, Rosarosa, weiß bekränzet, Rotbekränzet Jacopone.

Als sie goldne Ringe wechseln, Fällt das Ringlein Jacoopones Springend nieder an die Erde, In dem Kreise weit hinrollend.

Und dem Knaben, der zugegen, War es endlich zugerollet, Der es in dem Lilienkelche, Den er trug, der Braut geboten.

"Nimm den Ring im Lilienkelche", Sprach das Kind, "und denk des Opfers, Da du um des Jünglings Ehre Deinem Herrn dich hast verlobet!"

Und er schied. Sie nahm erbebend Nun den Ring, und Jacopone Wußte nicht, was sie beschwerte, Da sie schwer das Ja gesprochen.

Und der Priester sprach den Segen; Traurig weinte Rosarose, Als sie still von dannen gehen; Freudig weinet Jacopone.

An des Tempels Marmorschwelle Sprach die Jungfrau: "Jacopone, Laß mich gehn zu der Kapelle, Einsam meinen Herrn zu loben.

Daß ich fromm am Abend kehre, Bei dir in dem Haus zu wohnen; Einen Trunk aus unsrer Quelle Bring ich dir und viele Rosen."

Einsam geht nun der Geselle, Seine Kammer schön zu ordnen. Pietro hat zum Schmaus gebeten Er, und auch den Meliore.

Und es steigt im Abendmeere Feurig nieder schon die Sonne, Und es zieht die Sternenherde Vor dem Monde durch die Wolken.

Rosarosa noch nicht kehret; Pietro spannt die Blumenbogen, Und es zündet hundert Kerzen In der Kammer Meliore.

In der Kammer Mitte stehet Blank ein Tischlein, wohlgeordnet, Zierlich ist da aufgedecket Für vier fröhliche Personen.

Pietro Rosarosens Teller Ziert mit einer Myrtenkrone, Und zwei künstliche Sonette Legt dazu ihr Meliore.

Aber von dem Hochzeitsbette Springet traurig Jacopone: "Will mein Weib denn noch nicht kehren, Gehe ich, sie mir zu holen!

Was des Kaisers ist soll geben Man dem Kaiser, Gott was Gottes, Und der Mann, er soll sich nehmen, Was ihm ward vor beider Throne!"

Seinen Mantel umgeleget Hat er dann im Liebeszorne, Und mit raschen Schritten geht er, Doch der Garten ist verschlossen.

Er vernimmt ein leises Reden, Doch das Sprudeln jenes Bronnens Und der Büsche flüsternd Wehen Überrauschet ihm die Worte.

Eifersucht seine Herz durchbrennet, An sich hält er seinen Odem, Aber nur der Büsche Wehen Hört er, und des Herzens Pochen.

Und er findet eine Stelle An der Mauer ausgebrochen, Und behutsam überkletternd Kommt er an des Gartens Boden.

Durch die Gänge schleicht er, geht er; Der wollüstge Duft der Rosen Schüret ihm die Brust noch enger, Und er greift nach seinem Dolche.

Ach, es spiegeln sich die Sterne In dem blanken, bösen Dolche. Ach, wie schrecklich sind die Sterne, Denkt im Herzen Jacopone.

Unbekümmert um mein Elend Spielen sie mit meinem Dolche; Nein, sie sollen ihn nicht sehen! Und er haucht ihn an mit Odem.

Aber seine Tränen nehmen Stets den Odem von dem Dolche. Und die Sterne ruhig sehen In den Stahl den Himmelsbogen.

Und nun hört er wieder reden, Und er hört die leisen Worte: "Du wirst mich nicht wiedersehen Als bei deinem frühen Tode!

Was du unterm Herzen trägest, Ist ein Pfand von dem Verlobten; Wolle nie des Leibes Tempel Einer andern Liebe opfern!"

Rosarosa dann entgegnet Sammelnd liebestrunkne Worte: "Ja, ich bin die Magd des Herren, Dem ich liebend bleib verlobet!

Was ich trage unterm Herzen, Bleibt dir treulich aufgehoben, Durch dich mag es heimlich leben, Durch mich werde es geboren.

Nimmer habe ichs gesehen, Nimmer werde ichs sehen wollen, Unbekannt ie meine Seele, Die durch Gott den Leib bewohnet.

Stünd geschrieben mir am Herzen Gar die Stunde meines Todes, Nimmer würde sie gelesen, Und ich stürbe unverhoffet.

Keusch bleibt meines Leibes Tempel Dem Geliebten nur geopfert, Meine Blicke haben selber Nimmer Teil an mir genommen.

Wenn der Himmel ist bedecket, Ohne Sterne, Mond und Sonne, Hab ich hier in dieser Quelle Einsam kühl das Bad genommen.

Meines Herren Aug erhellte Mir das Herz mit Liebeswonnen, Unter Beten, unter Flehen Bin ich ihm so lieb geworden.

Und sah ich am Tag die Quelle, Die mich nächtlich kühl umschlossen, Schamrot konnte ich wohl wetten In der Röte mit den Rosen.

Leb dann wohl, auf Wiedersehen, Du geliebter Blondgelockter! Werde in des Todes Wehen Rosarosen einst zum Troste!" --

Und nun höret jemand gehen Durch den Garten Jacopone, Und er sucht ihm zu begegnen, Irret durch die Laubenbogen.

Ach, in seinem Herzen wehen Höllenflammen tiefen Zornes, Den Geliebten Rosarosens Will er mit dem Dolch durchstoßen!

Mondhell fand er eine Stelle, Und es rauschet Laub am Boden; Mit gezücktem Dolch verstecket Er sich im Gebüsch der Rosen.

Schon sieht er den Schatten schweben Des verhaßten Blondgelockten, Und er hat in bösem Streben Seinen Dolch schon hoch erhoben,

Als der Knabe vor ihm stehet Und ihm ruhig sagt die Worte: "Jacopone, wiedersehen Wirst du mich bei deinem Tode!"

Und er fühlte sich gefesselt Und stieß nieder mit dem Dolche In die kalte, harte Erde; Hat sich lange nicht erholet.

Als er wieder sich erhebet, War sein Sinn ganz wild verworren, Auch der Himmel war bedecket Mit dem Mantel schwarzer Wolken.

Und an Rosarosen denkt er: War der Knabe nur ein Bote? Sie muß selbst den Herrn mir nennen Oder sterben von dem Dolche!

Und nun tappt er nach der Quelle Durch die dunkeln Laubenbogen, Und er höret Rosarosen Badend plätschern in dem Bronnen.

Und in seinem Herzen reget Sich ein Strahl geheimer Wonne. "O, wie boshaft seid ihr, Sterne, Daß ihr jetzt euch habt verborgen!

Meine Augen, Feuerspeere, Möchten gern die Nacht durchbohren, Daß der helle Tag anbreche Glänzend mit der vollen Sonne;

Daß ich meine Braut könnt sehen In dem Schoß kristallner Wogen, Süß errötend in dem Tempel, Taufend voller Liebesrosen!

In den Arm wollt ich sie nehmen, Und mit lustberauschten Worten Meines Gartens Rosen brechen Beim Geläut der Blumenglocken!"

Also denkt er, und es hebet Sich ein lauer Wind von Osten, Der die Bäume leis beweget Und im Laube laut ertoset.

Und es wirft zur Badequelle Viele Rosen Jacopone, Doch im Bad die Jungfrau denket, Daß der Sturm sie abgebrochen.

"O Geliebter", spricht sie betend, "Nicht mit Rosen, nur mit Dornen Deine arme Dienrin treffe, Weil sie dir das Wort gebrochen!"

Doch nun schleicht zu der Kapelle, Zündet an der Ampel Dochte Jacopone eine Kerze, Trägt sie unterm Hut verborgen.

Da er kehrt zum Rosenzelte, Da er nah des Bades Bronnen, Füllt er plötzlich mit der Kerze Schein die dunkle Blumengrotte.

Rosarose taucht erschrecket Schreiend nieder in den Bronnen, Alle Sinne ihr vergehen, Als wär sie vom Blitz getroffen.

Und es löschte aus die Kerze Vom Gespritze. Jacopone, Ach, er hat sie nackt gesehen, Nimmer wird der Anblick frommen!

Und sie weinet, und sie flehet, Daß er fliehe ovn dem Orte; Aber er war tief verblendet, Sprach zu ihr die harten Worte:

"Für mich bist du nicht zu sehen, Aber für den Blondgelockten; Das, was du trägst unterm Herzen Soll mir ewig sein verborgen!

Ihm willst du nicht Treue brechen, Aber mir ist sie gebrochen; Aber jetzt sollst du ihn nennen, Und dann will ich dich durchbohren!

In des frechen Blutes Quelle Soll erröten dieser Bronnen, Sich und dich der Lüge schelten, Denn hier hast du mich belogen!"

Stammelnd ihm entgegnet: "Herr und Gatte, hör mein Flehen! Ehe du mich willst ermorden, Laß mich an die Kleider legen,

Daß mich nicht errötend sehe So entblößt der junge Morgen; Herr, nur aus der Laube trete, Ich will rufen dich zum Morde!

Denn ich kann dir nimmer nennen, Was mir unterm Herzen wohnet, Da ichs nimmer hab gesehen, Da es immer bleibt verborgen.

Herr und Gatte, hör mein Flehen! Laß mich beten vor dem Tode, Laß mich nicht so elend sterben Ohne Sakramentes Troste!"

"Das will ich dir zugestehen!" Sprach voll Unwill Jacopone, "Doch die Kleider dir verstecke Ich, daß du nicht kommst vom Orte.

Ich will bald zurücke kehren Mit dem alten Mönch Benone; Der den bösen Bund gesehen, Seh zerhauen auch den Knoten!"

Und mit ihrem Mantel gehet Schnell von dannen Jacopone. Hartes Weh ist ihr geschehn, Die zurückblieb in den Wogen.

Doch den Herrn um Hilf anflehend, Ist ihr Herz erstärket worden, Mutig stieg sie aus der Quelle, Und die Nacht ist dunkler worden.

Da sie nackt in der Kapelle Bleibe vor dem Licht verborgen, Breitet sie der Haare Flechten Um sich her bis auf den Boden.

Und auf ihre Augen senket Nieder sie den Kranz der Rosen, Den als Braut sie aus dem Tempel Traurig trug in ihren Locken.

Da sie tritt zu der Kapelle, Ist die Lampe schnell erloschen, Ihre Keuschheit zu verehren; Und sie suchet an der Orgel,

Wo der goldne Schlüssel hänget Zu dem Grabe der Dolores; In verzweifeltem Gebete Hat sie dann die Gruft erschlossen.

Und die Stufen abwärts tretend Sprach sie: "Heil euch, heilge Toten! Wollet meine Blöße decken, Einer armen züchtgen Tochter!"

Und sie hört die Stimme beben Der verstorbenen Dolores: "Liebe Tochter, wir dir geben Hilfe, kniee an den Boden!"

Und sie fühlt sich um die Lenden Ein Cilicium geschlossen, Und von einer schnellen Schere Ihre Locken abgeschoren,

Dann mit seidenen Gewändern Ihren züchtgen Leib verborgen, Hört dann nahe vor sich reden Die unendlich süßen Worte:

"Den Bußgürtel um die Lenden Trage, bis bei deinem Tode Deine arme Schwester erbet; Büß um meine Schuld, o Tochter!

Trage züchtig, die dich decken, Diese farbgen Seidenstoffe, Und die Schuld, die sie beflecket, Helf mir büßen, liebe Tochter!

Einstens werd ich bei dir stehen; Zu unendlich süßem Troste Wirst du deine Mutter sehen; Jetzo gehe, süße Tochter!"

Und es scheidet Rosarose Freudig von der gütgen Toten, Hängt den Schlüssel an die Stelle, Da sie hat die Gruft verschlossen.

Und die Lampe brennet helle; Sie setzt freudig sich zur Orgel, Läßt ein Requiem erschwellen, Recht in freudig vollem Tone.

Als in des Benone Zelle Eingetreten Jacopone, Lag der Alte im Gebete Und sprach hörbar diese Worte:

"Herr, dein Aug nicht von mir wende, Wenn ich steh in bösem Zorne! Herr, o leite meine Seele Durch des Sündenmeeres Toben!

Herr, laß keinen trostlos sterben, Ohne heilge Sakramente, Laß den Sünder nicht verderben, Ohne Buß vor seinem Ende!"

An der Zelle Türe stehet Dieses hörend Jacopone, Und von Schrecken ganz erbebet Pochet er und ruft: "Benone!"

Und, die Tür geöffnet, redet Ernst der Mönch: "O Jacopone, Gott hat mein Gebet gesegnet, Daß du bist an diesem Orte!

Doch du hast ein wildes Wesen, Was willst du mit diesem Dolche? Deine Haare um dich wehen, Kommst du, mich hier zu ermorden?

Oder hast du Rosarosen, Deine fromme Braut, erstochen? Fremde Lieb bei ihr erkennend, Was der Herr verhüten wolle?

Oder hast du gen dich selber Diesen bösen Stahl erhoben, Willst in blinder Wut du sterben? O, du armer Jacopone!

Weh, ich seh Rosarosens Mantel deinem Arm entrollet! Rede, rede, du Entstellter, Gibt dem stummen Schrecken Worte!"

"Vater, zu dem Garten gehe," Spricht nun bebend Jacopone, "Wo mein Weib in der Kapelle Täglich singet zu der Orgel.

Trete zu ihr an die Quelle, Wo sie badet in dem Bronnen, Laß sie beichten, laß sie beten, Eh sie stirbt von diesem Dolche.

Daß sie nackt die Flucht nicht nehme, Hab ich ihr Gewand genommen; Du magst rücklings hin es werfen, Wenn du zu dem Bronnen kommest."

Und der Mönch schließt seine Zelle, Folgt zum Garten Jacopone. Da sie an der Brücke stehen, An des Reno blauen Wogen,

Spricht der Mönch zu dem Gesellen: "Wirst du mich nicht hier durchbohren, Mich dann in den Reno werfen? Sieh, ich trau nicht deinem Dolche;

Gib ihn mir doch aufzuheben!" Und es gibt ihn Jacopone, Und sie gehn. Doch unbemerket Wirft der Mönch ihn in die Wogen.

Vor dem Garten nun begehret Seinen Dolch der Jacopone: "Er ruht in des Reno Wellen!" Spricht zu ihm der Mönch Benone.

Und die Arme um ihn legend Küßt die Stirn er Jacopone, Spricht: "Zu deiner Kammer kehre, Deine Seele steht im Zorne!

Dir zum Troste wiederkehren Will ich bald mit Rosarosen. Gott verleih dir seinen Segen!" Und es gehet Jacopone.

Und auf seinem Weg begegnet Suchend ihn der Meliore, Fragt ihn bang nach Rosarosen, Doch es schweiget Jacopone.

Da sie in die Stube treten, Schlummert Pietro an dem Boden, Abgebrannt sind tief die Kerzen, Traurig stehn die Blumenbogen.

Jacopone spricht: "O wehe!" Und bricht aus im Tränenstrome, "Weh, ihr dunkeln Hochzeitskerzen, Weh, ihr armen Blumenbogen!

Nieder brennt ihr in dem Herzen Und erlöscht im Tränenstrom, Nieder welkt ihr in den Schmerzen Unter meiner Klage Odem!

Kehret nicht zum Firmamente, Sterne, Mond und hohe Sonne1 Ewig an des Himmels Schwelle Steh blutweinende Aurore!

Also ewig stille stehen Soll der Puls im Herz gebrochen, Ewig meine Hochzeitskerze Niederbrennen unverloschen!

Ewig meine Kränze welken, Von den Tränen nur begossen, Stille ewig sterbend leben Nur die bittren Tränen rollend!

Blumenkränze, Hochzeitskerzen, Sterne, Mond und hohe Sonne, Ewgen Schmerzes Tränenquellen Und blutweinende Aurore:

Welket, brennet, steht in Schmerzen! Nimmer lachet Jacopone; Die die Liebste mir gewesen, Sie ist schlecht mir vorgekommen!"

Aber zu dem Mahl einkehret Nun der alte Mönch Benone, Ihm zur Seite traurig stehet Rosarose ohne Locken.

Pietro, vom Geräusch erwecket, Springet auf; die Myrtenkrone Reichet er der neuen Schwester, Lieb und Treue ihr gelobend.

Dann putzt schnell er rings die Kerzen, Daß es helle ward. Meliore Grüßt sie, reicht ihr die Sonette Und blickt schüchtern an den Boden.

Aber auf dem Hochzeitsbette Lieget jammernd Jacopone: "Die die Liebste mir gewesen, Sie ist schlecht mir vorgekommen!" --

"Nun genug der frevlen Reden!" Spricht zu ihm der Mönch Benone, Daß, der du ihr lieb gewesen, Ihr nicht schlechter vor mögst kommen!

Hier empfange Rosarosen, Und bei Gott im Himmel droben Bist gleich ihr du reines Herzens, Will ich dich vor Engeln loben.

Ich hab all ihr Tun gesehen, Da ich bin ihr Beichtger worden, Konnt des Herren Leib ihr geben Ohne Absolutionen.

Sie hat dir auch schon vergeben, Daß du sie ermorden wolltest. Die du hast entblößt im Leben, Ward gekleidet von den Toten."

Aber Rosarosa redet: "Denke meiner ersten Worte: `Ich erflehe eure Ehre, Gebe meine Gott zum Opfer.

So bin eine Braut des Herren Ich, und dennoch Euch verlobet, Teile mit euch eure Ehre, Meine bleibe unverloren!

Was im Garten hat geredet Jener Knabe, dunkle Worte Sind es mir wie dir; erhellen Müssen sie zukünftge Sonnen!"

Und sie knieet vor dem Bette, Nimmt die Rechte Jacopones, Auf ihr nacktes Haupt sie legend In den vollen Kranz der Rosen.

Und der Jüngling, tief beweget, Spricht: "O Weib, wo sind die Locken, Die ich wollte liebend flechten? Was soll mir der Kranz voll Dornen?"

Liebvoll Rosarosa redet: "Ich ließ sie den gütgen Toten, Die dein nacktes Weib bedecket, Das du hast entblößt im Zorne.

Auch den Hochzeitsmantel schwebend, Den zurück mir gab Benone, Hab ich ihnen hingegeben, Ihre Güte zu belohnen.

Herr, o wolle dich erheben, Sieh, es kehret schon Aurore, Wolle mich zu dir aufnehmen, Züchtig will ich bei dir wohnen!

Eine Magd mich dir bequemen, Spinnen dir zur Nacht, zum Morgen. Für dich beten, für dich sterben; Herr, entsage deinem Zorne!"

Jetzt erhebt er sich, doch sehen Kann er nicht, ein Regenbogen Schwebt um sie von seinen Tränen In dem Schein des Morgenrotes.

Und sie trocknet seine Tränen, Still mit ihres Kranzes Rosen, Und Benone gibt den Segen, Will dann kehren nach dem Kloster.

"Trink des Brautweins einen Becher, Heilger!" flehte Jacopone. "Gib ihn mir, ich will zur Messe Ihn verwandeln!" spricht Benone.

"Dort will eurer ich gedenken Und als Christi Blut ihn opfern!" Und nun kehrt zu seiner Zelle Still der alte Mönch Benone.

Rosarosa spricht nun: "Denke, Lieber, was ich dir versprochen: Hier ist Wasser aus der Quelle, Hier sind unsres Gartens Rosen.

Lasse unsre Augen netzen, Die getrübt vom Weinen worden." Und nun auf die Tafel setzet Sie das Glas bekränzt mit Rosen.

Und sie kühlen mit der Quelle, Den die Tränen all entquollen, Ihrer Augen heiße Quellen; Sieh, da steigt herauf die Sonne.

"Sie will sein bei unserm Feste!" Spricht der stille Meliore; Aber Pietro laut erhebet Seine Stimme ihr zum Lobe:

"Grüß dich, Held des Orientes, Grüß dich, Gottes Morgensonne, Grüß dich, Heiland aller Wesen, Grüß dich, Heiland voller Rosen!

Grüß dich, Trost der dunklen Felder, Grüß dich, Quell der Tauestropfen, Grüß dich auf dem Himmelswege, Grüß dich, goldne Morgensonne!

Singt mir, was sie spricht, ihr Lerchen, Singt die sieben letzten Worte, Singt den Held des Orientes, Der die schwere Nacht gebrochen!"

Also sang er, während betend Die drei andren zu ihm horchen, Und die volle Sonne sehen Sie, und waren voll des Trostes.

Und sie trinken einen Becher Brautwein, haben angestoßen Einer zu des andern Segen, Und dann aßen sie des Brotes.

Da ertönt das Glöcklein helle An dem wohlbekannten Kloster, Und sie gehen zu der Messe Ihres alten Freunds Benone. --

Also liebte er ihr Wesen, Hat sich so mit ihr versprochen, Feiert so die Hochzeitsfeste, Der gelehrte Jacopone.

Und sie war ihm tief ergeben, Eine Magd ihm unterworfen, Winke waren ihr Befehle Und Gesetze seine Worte.

Auf sein Haus strömt voller Segen, Und man pries ihn allerorten; Die er führte, die Prozesse, Waren alle bald gewonnen.

Und sie füllte spinnend, webend, Seine Schränke an bis oben, Nähte ihm wohl hundert Hemden, Die sie alle selbst gewoben.

Sie half ihm die Bücher stellen, Wußte sie gar wohl zu ordnen, Schrieb ihm ab viel dicke Hefte Und gar manchen schweren Codex.

Als sie einst ihm die Pandekten Heimlich schrieb mit flüssgem Golde Auf schneeweißem Pergamente Und ihm gab am Christtagsmorgen,

War er gar in Lieb beweget, Schenkte ihr, die sie gesponnen Und gewebet, all die Hemden Und dazu viel Münzen Goldes.

Und sie ließ auf allen Wegen Zu sich bald die Armen kommen, Ihre Linnen sie ausspendet, Recht zu aller Frommen Troste.

Und so lebten sie in Segen, Wohl vier Jahre ohne Sorgen, Und es wußte kaum zu bergen Seinen Reichtum Jacopone.

Und Bologna war getrennet In Parteien. Die des Volkes Sich die Gieremei nennen, Stritten für das Recht des Volkes.

Lambertazzi, ihre Gegner, Für des Adels Recht erhoben; Von zwei feindlichen Geschlechtern War der Namen angenommen.

Und da diesen eigenen Händeln Sich noch fremde eingeflochten, Ghilbellinen und die Guelphen, Ward die Sache mehr verworren.

Und so ward gar viel gerechtet, Manches Blut im Streit vergossen, Daß die Frauen bittre Tränen Um die Toten weinen konnten.

Oft erteilte den Geschlechtern Seinen Rat auch Jacopone, Und in ihrer Mitte stehend Mußte Freund und Feind ihn loben.

Wenn in diesem stolzen Leben War sein irdscher Mut erhoben, Sah er oft sein Weib beschämet Neben sich so still verborgen.

Die den Schleier nie ableget Von des schönen Hauptes Locken, Die mit Edelstein und Perlen Nimmer vor ihm prangen wollte.

Und sie wollte niemals gehen Zu dem Tanze, zu der Oper, Ging vor Tag nur in die Messe Und zu der Kapelle Orgel.

Endlich hat er sie erbeten, Ihm zu folgen in die Oper, Da die Sängrin Biondette Wollt entsagen zu dem Kloster.

Und er hat ihr angeleget Schwere Spangen roten Goldes, Edelsteine, reiche Perlen Und Rubinen, blutge Rosen.

Als er ihr den Schmuck anlegte, Stand sie wie ein Lamm des Opfers, Und er sprach: "Den Schleier lege Ab, laß flechten mich die Locken!"

Doch sie wollt ihn nicht ablegen, Bis er zürnend es befohlen; Ach, was muß erschreckt er sehen: Schneeweiß sind des Hauptes Locken!

Ruhig sie da zu ihm redet: "Darum hielt ich sie verborgen. Seit sie von der Totenschere Fielen, sind sie bleich geworden!"

Ach, wie recht im tiefsten Herzen Traf die Rede Jacopone, Da er sah die Jungfrau stehen Mit des Alters grauen Locken.

"Könnte ich mit meinen Tränen Dir das Silberhaar vergolden! Ach, ich habe dich dem Schrecken Jener Schere unterworfen!"

Und er hat die Silberflechten Mit Rubinen ihr durchzogen, Wie ein Busch im Blütenschnee, Vom Johanniswurm umflogen.

Wunderbar war sie zu sehen, Eine Diamantensonne, Und es freut an Rosarosen Wie ein Kind sich Jacopone.

Wie die Flitterkränze schweben, Und die flimmernden Goldrosen Zitternd auf der Jungfraun Särgen, Schien sie in der Glorien Krone

Eine selge Braut der Engel, Eine Königin der Toten, Eine hochzeitliche Seele, Ein gestirnter Geist voll Wonne.

Schier geneigt, sie anzubeten, Ging bei ihr der Jacopone. Da sie ins Theater treten, Ging ein Flüstern durch die Logen.

Nie noch hatte man gesehen Die Gemahlin Jacopones, Und nun wie ein höhres Wesen Stand sie blendend vor dem Volke.

Und in der erstaunten Menge Hat ein Klatschen sich erhoben, Bis beschämt in tiefstem Herzen, Sie den Schleier umgenommen.

Als die liebliche Biondette Sang ihr Leben vor dem Volke, War die schöne Rosarose Tief im Herzen scharf getroffen.

"Daß du mich mit dir zu gehen Hast bewogen, Jacopone," Sprach sie, "dank ich dir ohn Ende. O, wie ist mir wohl geworden!

Diese Jungfrau anzusehen Ist mir nie genossne Wonne, Und ich könnte ruhig sterben, Spräch sie zu mir süße Worte!

Ach, ich fühle ihrem Wesen Meine Seele tief verwoben, O, ich werde nie genesen, Steht sie mir nicht bei im Tode!"

Und sie war so tief beweget, Da die Jungfrau ihre Rollen Wiederholt als Judith, Jephthe, Daß sie nachsprach alle Worte.

Aber als sich um Biondetten Hat die wilde Glut erhoben, Hat sie, nicht um sie, um jene Nur, das Hilfsgeschrei erhoben.

Und es brachte sie zu retten Mit Gewalt nun Jacopone Hinzu einem hohen Fenster, Da ersah sie Meliore.

Keine Leiter ruht am Fenster, Rings schon alles um sie lodert, Und sie sprang, sich Gott befehlend, Nieder in den Arm Meliores.

Glücklich nieder zu der Erde Folgt ihr springend Jacopone, Doch er findet sie mit Schrecken Blaß und schon ihr Aug geschlossen.

Und rings unter ihrem Herzen Blutge Tropfen niederflossen, Doch sie sprach: "Mein Herr, ich lebe Annoch durch die Hilfe Gottes!"

Und vier rheinische Studenten Sie auf ihren Mantel hoben, Trugen still sie durchs Gedränge, Weinend folget Jacopone.

Und sie ward auf ihren Wegen Angestaunet von dem Volke, Wie ein Kunstwerk von Juwelen Und ein Bild von lauterm Golde.

Nimmer ward von solchem Werte Ein geheimer Schatz gehoben, Und die tragenden Studenten Nimmer von ihr blicken konnten,

Wenn sie in dem Schein der Sterne Oder in dem Glanz des Mondes Auf dem weißen Mantel blendet, Wie auf Schätzen Flammen lodern.

Hätte sie nicht von Biondetten Oft den Namen ausgesprochen, Für die Leiche eines Engels Hätte man sie halten sollen.

Über ihres Hauses Schwelle, Bis zu ihrer Kammer oben, Auf sein keusches Hochzeitbette Ließ sie tragen Jacopone.

Dann entließ er die Studenten, Ihre Treue zärtlich lobend, Und zu ihm sprach Rosarose: "Höre mich, mein Jacopone!

Da ich aus dem Leben gehe, Soll dir bleiben unverborgen, Was ich mußte dir verhehlen, Das Geheimnis jenes Bronnens.

Warum du mich wolltest töten, Als den Knaben du gehorchet. Wisse, daß ich deine Schwester, Deinem Vater bin entsprossen!

Und ich danke, daß du ehrend Meine Unschuld nicht verdorben, Daß von Blutschuld unbeflecket, Keusch wir bei einander wohnten.

Aus versündeten Geschlechtern Sind wir sündenvoll geboren, Und die Sünde wird erst enden, Wenn ein schweres Jahr verflossen.

Von der eitlen Welt dich wende, Geh in einen frommen Orden, Wo das Schauspielhaus verbrennte, Laß erbauen mir ein Kloster!

Aber jetzo, eh ich sterbe, Hole mir den Greis Benone, Daß ich nehm die Sakramente, Zu der Seele letztem Troste!"

Jacopone steht entsetzet, Ohne Regung, ohne Worte, Nur sein Haar hebt sich zu Berge; Doch er eilet zu Benone.

Aber auf der Treppe schellet Schon des kleinen Lammes Glocke, Und zu Rosarose gehet Ein der Knabe blondgelocket.

"Grüß dich Gott zum Wiedersehen1 Ei, wie bist du schön geworden, Meine liebe Rosarose!" Hat das Kind zu ihr gesprochen.

Und sie sprach: "Mein guter Engel, Du kamst, wie du mir versprochen, Doch du bleibest stets derselbe, Du bist größer nicht geworden!"

"Mir ist", hier das Kind versetzte, "Dieses Maß gegeben worden. Ach, es war nicht zu ermessen, Als dies Maß war voller Wonne!"

Doch nun fühlt die Jungfrau Schmerzen; Klagend sprach sie: "O, Benone, Komme bald zum Trost der Seele Und geselle mich den Toten!"

Und der Knabe sorglich legte Auf die Stirn ihr eine Rose, Und von ihrem Duft erwecket, Hat die Jungfrau sich erholet.

"Du hast dich zum Hochzeitsfeste", Spricht er, "schön geschmückt mit Golde, Und mit Perlen und Juwelen Strahlst du in der Jungfraunkrone!

Wird dein Bräutigam dich auch kennen, Der dich sonst nur sah mit Rosen?" "Ja," sprach sie, "er wird mich kennen An dem Blut, das ich vergossen!"

** Romanze XIII: Tod der Rosarosa

Wie in dunklen Meereswogen Ein verbranntes Schiff entmastet Unterm weiten Himmelsbogen Traurig steht auf ödem Sande,

Wie die Flamme scheu noch lodert, Von den Fluten rings belagert, Bis die traurig tote Kohle Leicht umschaukelt in dem Wasser,

Fern schon ziehn die dunkeln Wolken, Die geübt die böse Rache, Und die Sterne vor dem Monde Ziehn heran, unschuldig fragend:

Wo ist hin das segelvolle Freudge Schiff, so hoch bemastet, Das wie eine Braut die Wogen, Buhlend mit dem Wind, durchtanzte?

Wo sind hin die Schifferchöre, Die in feuchten Tauen tanzten? Ist von all dem stolzen Volke An dem Fels der Ruf verhallet?

Und das Meer spielt mit den Toten, Mit den Segeln, mit den Masten; Sterbend zischen noch die Kohlen, Und dann schweigt und ruhet alles.

Und die Sterne zu dem Monde Brechen aus in bittre Klagen: Ach! wo ist die schöne Tochter, Die uns grüßte mit Gesange?

Die gelöst die goldnen Locken, Ließ in freudgen Lüften flaggen, Unsern Spiegel in den Wogen Betend grüßt mit Harfenklange?

Muß sie auch im Wasserschlosse, Von Untieren rings bewachet, Bei Sirenen und Tritonen Fern von uns nun sein gefangen?

Also klagen sie dem Monde, Der zu ihrer Klage lachet Und das blaue Feld der Wogen Überschüttet weit mit Glanze.

Und was schimmert dort so golden, Rauschend durch die Wasserbahnen, Zieht gleich einem Arione Ruhig durch die Meere, harfend?

Heil! Es ist die schöne Tochter; Sie steht auf dem Wundermantel Sicher, wie auf starkem Boote, Und ihr Schleier ist die Flagge.

Und die Sterne freudig horchen, Denn es zieht durch ihre Harfe Äolus mit süßem Tone, Daß die Ufer rings entschlafen:

Also unterm Himmelsbogen Stand zerstöret das Theater, Um die trüben Säulentore Schauerten der Wachen Fackeln.

Also in dem Glanz des Mondes Trat Biondette mit der Harfe Aus den hohen, dunkeln Pforten, Wie in lichter Geist umwandelt.

Unterm hohen Sternendome Steht sie auf dem öden Platze, Unter ihren leichten Sohlen Knirscht die Kohle auf den Platten.

Und zum Monde auf sich wolket Noch der Rauch des toten Brandes, Dumpf schallt fernes Wagenrollen Und es rinnet rings das Wasser.

Und des blauen Reno Wogen Lauter durch die Nacht hinwallen, Lauter rauschen auch die Bronnen Siegreich ob dem Feuerkampfe.

Und Biondetta wiederholet: "Lebet wohl, ihr falschen Farben, Eitler Tränen Regenbogen, Sterne hell von falschem Glanze,

Ihr dient einem Flittermonde!" Sprachs, da klang es in der Harfe, Und zwei hohe, weiße Nonnen Geistig ihr zur Seite standen.

Von dem Schleier ganz verborgen Schienen sie zwei selge Schatten, Winkend, ihnen nachzufolgen, Sie Biondetten still ermahnten.

Eine schweift in einem Bogen Um sie, Freudenzeichen machend, Und die andre sah zu Boden, Traurig ihr Hände faltend.

"Sprechet, was ihr von mir wollet, Fromme Schwestern von Sankt Claren?" Frug die Jungfrau. Nachzufolgen Winkend jene sie ermahnten.

Und Biondetta folgt den Nonnen, Die wie Geister vor ihr wallen, Zu dem Hause Jacopones, Zu der Rosarosa Lager.

"Sei willkommen mir im Tode!" Sprach die Kranke, und vom Lager Hat sie leis ihr Haupt erhoben, Unterstützet von dem Knaben.

"Daß dem Feuer du entkommen, O, Biondetta, Gott ich danke; Wolle nun zu meinem Troste Mir ein Lied zur Harfe schlagen!"

Als die Jungfrau harfen wollte, Sah sie an den blonden Knaben: "Sah ich heut dich nicht am Bronnen Mit dem Vogel, mit dem Lamme,

Bei der Jungfrau mit den Rosen, Bei der süßen Rosablanke, Die heut früh den Kranz geflochten Für Marien am Altare?"

Und der Knabe hat gesprochen: "Reicher als heut am Altare Ward auch hier ein Kranz geflochten, Und du wirst die Dornen tragen.

Als der Gärtner säte Rosen In der Buße bittren Garten, Fiel dein Körnlein in die Dornen, Und du kennst nicht deinen Namen.

Denn du heißest Rosadore, Jene heißet Rosablanke, Rosarosa, rote Rose, Ihr seid aus demselben Stamme!

Seid geschenkt der Mutter Gottes, Als sie vor zwölfhundert Jahren Auf der sündgen Erde wohnte; Jetzt erst seid ihr aufgegangen.

Doch noch seid ihr kaum entsprossen! O erscheine, Herr des Gartens, Hüte deine heilgen Rosen Und zertritt die falsche Schlange!" --

"O, Benone, mir zum Troste Eile!" nun die Kranke klaget, "Denn es wirft die Lebenssonne Über mich schon lange Schatten!"

Und der Knabe spricht: "Zum Kloster Gehe ich, ihn zu ermahnen; Doch zuvor, o fromme Tochter, Muß ich deiner Treue danken.

Denn ich kann nicht wiederkommmen, Eh erfüllet sind die Tage, Daß wir alle durch die Pforte Der Barmherzigkeit einwandern.

Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt, Und, zu hören Gottesworte, Kinder gern um dich versammelt!

Viele dich am Himmelsthrone Palmen schwingend schon erwarten, Und sie singen dort im Chore, Die du sie gelehrt, die Psalmen.

Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt, Daß du dich dem Herrn verlobet Und die Treue ihm gehalten!

Also ist auch Jacopone In die Blutschuld nicht gefallen, Und so bricht der Tod dich Rose Zu der Sühnung ewgem Kranze!

Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt, Und das Kleid der gütgen Toten Unbeflecket hast erhalten!

Den Bußgürtel scharf gedornet Trugst du still und ohne Klagen, Und so halfst du, fromme Tochter, Deiner Mutter Sünde tragen.

Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt. Was dir unterm Herzen wohnet, Hast du nimmer mich gefraget!

Aber nun vor diesen Nonnen Öffne ruhig die Gewande, Zeige deines Herzen Rose, Dieses Siegel deines Stammes!

Und es soll auch Rosadore, Die man sonst Biondetten nannte, An des eignen Busens Rose Wahr erkennen ihren Namen.

Heil sei dir und ewge Wonne, Daß in Unschuld du gewandelt, Wisse, daß dir stets zu folgen, Mich mein eigen Heil ermahnte.

Denn ich harre der drei Rosen Länger als zwölfhundert Jahre. Eine bist du, bald gebrochen, Bald auch breche ich die andre!

Als der Heiland ward geboren, Hab ich auch das Licht empfangen, Und ich gab ihm meine Rosen, Da er spielte bei dem Lamme.

Und er gab mir eine Knospe Aus den Gräsern seines Lagers, Hat dann liebvoll auch gesprochen: `Agnus castus sei dein Name!'

Und wo ich bis jetzt gewohnet, Sät ich dieser Pflanze Samen, Ehrt sie höher als Kleinode, Weil der Herr auf ihr geschlafen.

Agnus castus aller Orten Heißt, wie ich, nun diese Pflanze. Weißt du noch, wie ich dir Mosse Sammeln sollte mit den Knaben,

Weil du dir bereiten wolltest Deiner Hochzeit keusches Lager, Wie ich dir zu deinem Schoße Nichts als Agnus castus brachte?

Und du hast sie angenommen, Dankend für die Hochzeitsgabe, So schliefst du und Jacopone Wie der Herr auf dieser Pflanze.

So hat eurem frommen Wollen Gern der Heiland beigestanden, Und das Lager deines Todes Blieb durch ihn der Keuschheit Lager.

Bald steht deines Herzens Rose Nun im selgen Himmelsgarten Und schmückt ihm die Dornenkrone, Die er hat für uns getragen!"

Als der Knabe so gesprochen, Ging er betend aus der Kammer: "Jesus Christus sei gelobet!" Und die Sterbende sprach: "Amen!"

Doch jetzt nahten sich die Nonnen, Die verschleiert fern gestanden, Leis hinschwebend an dem Boden, Rosarosens Sterbelager.

Und es knieet Rosadore Eingehüllet in den Mantel. Stille war es, nur der Odem Wehte und das Licht der Lampe.

Und die eine sprach: "O Tochter, Ich bin deiner Mutter Schatten. Weh mir, daß ich es geworden! Rosatristis ist mein Name.

Und auch du, o Rosadore, Hast durch mich das Licht empfangen; Fürchte nichts, erheb vom Boden Deinen Blick, der mich erlabet.

Ach, so kann ich nach dem Tode Mutterfreuden erst erlangen! Wie unendlich ist die Wonne Unergründlichen Erbarmens!"

Und nun schweift sie wie ein Vogel Freudig um das Bett der Kranken, Und umschwebet Rosadoren, Streifend kühl durch ihre Haare.

Rosarosens Lebenswoge Hebt sich nochmals Wellen schlagend, Stumme Freudentränen flossen Nieder von der bleichen Wange.

Denn sie hört im Ton der Worte Jene Stimme widerschallen, Die ihr einst das Haupt geschoren, Ihrer Blöße sich erbarmend.

Durch die Seele Rosadorens Bebt ein tiefes, süßes Bangen; Furchtlos hat emporgehoben Sie die Arme nach dem Schatten.

Denn sie sieht in dieser Nonne Jenes Bildlein ihrer Kammer, Das mit ihr gefunden worden, Das sie stets so wert gehalten.

Rosatristis nun voll Wonne Löst der Kranken Brustgewande, Daß des Busens heilge Wogen Schimmernd zu dem Lichte drangen.

Eine rote blutge Rose Rosarosens Brust bestrahlet; Was ihr unterm Herzen wohnet, Hat sie so im Tod erfahren.

Während leis zu Rosadoren Sich die andre Nonne nahte, Und sie sah, die sie erzogen, Rosalätens heilgen Schatten.

Rührend sprach sie: "Rosadore Die ich sonst Biondette nannte, Teure Jungfrau, zeig die Rose, Die dir gab den neuen Namen.

Lasse, die dich hat geboren, Meiner armen Schwester Schatten, Lasse ihres Heiles Rose Vor ihr blühn im keuschen Garten!"

Und in Zucht löst Rosadore Ihres Mieders goldne Spangen, Und des Herzens banges Pochen Hört man durch die Stille schlagen.

Eine kleine goldne Rose, Über ihrem Herz gemalet, Zeigt im Spiegel ihr die Nonne Als das Zeichen ihres Stammes.

Rosatristis spricht voll Wonne: "O, gesegnet ist der Garten, O, wie herrlich stehn die Rosen, Und derHerr wird sich erbarmen!

Aber eine weiße Rose Muß ich traurend noch erwarten, # trauernd? Sehen darf ich nicht die Tochter, Die unschuldge Rosablanke!"

Und nun hat sie aufgeschlossen Den Bußgürtel, der die Kranke Noch umgürtete -- da flossen Ströme Blutes von der Armen.

Stürzend in den Arm Meliores Aus dem Fenster bei dem Brande, Hatte von des Gürtels Dornen Tiefe Wunden sie empfangen!

Rosatristis spricht zum Troste: "Du stehst recht im Rosengarten, Den der Herr bei seinem Tode Für die Märtyrer gepflanzet.

Deines Blutes jeder Tropfen Fällt auf meine Seele labend; Heilig hast du es vergossen, Das in Sünden du empfangen."

Und sie gürtet Rosadoren Mit des Gürtels scharfen Stacheln: "Wolle ihn um mich, du Tochter, Treu wie deine Schwester tragen!

Gebe ihn bei deinem Tode", Spricht die Nonne, "Rosablanken!" Peinumgürtet steht die Fromme, Klaglos für die Marter dankend.

Und nun sinkt sie mit den Worten Froh in Rosarosens Arme: "Laß, o Schwester, deinen Odem Mich von deinen Lippen fangen!" --

"Sei willkommen, Todessonne!" Spricht die Kranke liebesstammelnd, "Mir ins Herz mit Siegeswonne Fallen deiner Augen Strahlen!

Aber, was du mir versprochen, Singe mir ein Lied zur Harfe, Daß die Seele vor dem Tode Auf dem Klang vorüber wandle!"

Da ergreifet Rosadore Geistberauschet ihre Harfe, Also süße Töne lockend, Daß die Nonnen selig schwanken.

Doch es tritt nun Jacopone Heftig ein mit einem Arzt: Der unheilige Apone Folgt ihm stolz und dreist zur Kammer.

Und vom Zug der Tür erloschen, Starb das Licht der kleinen Lampe. "Licht her, Licht!" schreit wild Apone, "Was tun hier die alten Ammen?"

Denn er sieht die beiden Nonnen Geistig schimmernd bei dem Lager. Und es eilet Jacopone, Anzustecken schnell die Lampe.

Und es folgen ihm die Nonnen, Geistig rauschend durch die Harfe, Rufen: "Wehe, weh Apone! Fluch der Schlang und ihrem Samen!"

Und nun griff der Arzt im Zorn, # Zorne? Und erfasset bei der Harfe Die versteckte Rosadore, Und die Jungfrau schreit: "Erbarmen!"

"Ha!" spricht Apo, "sei willkommen, Schöne Nachbarin! Zu fangen Solch ein Vöglein ich nicht hoffte Bei dem Bette einer Kranken!

Hat der kluge Jacopone Dich zu seinem Trost belanget? Die Juristen bei den Toten Gerne sich an Leben halten!"

Und nun will er Rosadoren Scherzend um die Hüfte fassen; Doch sie war erstarkt im Zorne, Reißt ihm schmerzlich an dem Barte.

"Also halt ich dich, du Toller," Spricht die Jungfrau, "bis die Lampe Wiederbringet Jacopone, Daß er sehe deine Schande!"

Frech erwidert ihr Apone: "Wenn du mich nicht fester fassest, Sind mir eine rechte Wonne Solche Händlein in dem Barte!"

Und nun kehret Jacopone Mit der Lampe in die Kammer, Und es läßt den Bart Apones Rosadore schamhaft fahren.

"Herr," spricht sie, "wie magst du zum Troste Deines Weibes du den alten, Ehrvergessnen Buben holen? Weh mir, daß ich hier gestanden!"

Aber nun zu Jacopone Spricht mit schwachem Ton die Kranke: "Um den tröstenden Benone Bat ich meinen Herrn und Gatten!"

Und er spricht: "Auch er wird kommen, Jetzt vertrau dem großen Arzte; Dieser Aesculap Bolognens Wird dich, Theure, mir erhalten. # Teure?

Conciliator, dich, Apone, Man ob hoher Weisheit nennet, Dich versühnend wolle folgen Der Bedeutung deines Namens."

Aber nun zu Jacopone Spricht mit schwachem Ton die Kranke: "Um den tröstenden Benone Bat ich meinen Herrn und Gatten!"

Und er spricht: "Auch er wird kommen, Jetzt vertrau dem großen Arzte. Wolle, daß die Kunst Apones, Teure, dich mir noch erhalte!" # Theure?

Und zum Arzt spricht er die Worte: "Herrlicher, vergiß des Kampfes, Der uns trennte oft im Zorne, Nimm die Hand zum Friedenspfande!

Dienen will ich deinem Lobe; Kannst du mir mein Weib erhalten, Geb ich dir zweitausend Kronen, Geb ich mehr noch, geb ich alles!"

Und zum Lager tritt Apone, Reißt die Decke von der Kranken, Doch es stürzt sich Rosadore Über sie mit ihrem Mantel.

Und der Arzt spricht wild im Zorne: "Was soll hier ich besser machen, Wo man meiner nur will spotten? Nackt muß ich die Kranke haben!

Über ihrem Herzen drohend Einen Flecken von dem Brande Sah ich schwarz. Sie ist des Todes, Wenn ich sie nicht heilend salbe!"

"Nimmer," spricht nun Rosadore, "Sollst du sie berühret haben, Ihres Herzens heilge Rose Nimmer sehen, böse Schlange!"

Und erbittert flucht Apone: "Nun, so soll ich sein verdammet! Schöne Buhlrin, dir zum Hohne Sollst du mir zur Seite wandeln!

Du sollst deine Jungfraukrone Selber mir ins Haus eintragen, In den Spuren meiner Sohlen Sollst du liebekrank herwandeln! # liebeskrank?

Abends an mein Lager kommen, Deinen Leib mir anzutragen, Und mit Füßen weggestoßen Sollst du in der Brunst verschmachten!

In der Kirche, vor dem Volke, auf dem offnen vollen Markte Sollst du mir verbuhlet folgen, Wie dem Leibe folgt der Schatten!"

Ihm erwidert Rosadore: "Mein wird sich der Herr erbarmen; Vor dem Fluch, den du geschworen, Wird er seine Magd bewahren!

Eher sollen alle Rosen Mit den Wurzeln abwärts wachsen Und die vollen Liebeskronen In der Erde Nacht begraben,

Eher all die bleichen Toten Aus der Tiefe blühend wandeln Und was lebet an der Sonne Fluchend in die Gräber tragen,

Eh der Mond vom Sternendome Buhlend in ein Nest voll Drachen Steigen und im keuschen Schoße Ungeheure Brut empfangen,

Und eh soll die lichte Sonne Weichen aus des Himmels Bahnen, Durch der Hölle Tor zu wandeln, Eh ich tret in deine Pforte.

Ja, eh wird dem Feinde Gottes, Dem satanschen Sündenvater, Auch ein Gottsohn ausgeboren, Keusch von einer Magd empfangen,

Und zu lösen uns vom Tode, An das heilge Kreuz geschlagen! Gott verzeihe mir die Worte, Antwort ungeheurer Fragen!

Nein! nein! nein! Du hast gelogen! O erscheine, Herr des Gartens, Tritt den Lügner an den Boden, Trete auf das Haupt der Schlange!"

"Kind," spricht Apo, "heiße Kohlen Möchtest auf mein Haupt du sammeln, Aber mir auch blühen Rosen; Gut lacht, wer am letzten lachet!"

Doch indes fragt Jacopone Flehend die geliebte Kranke, Wie sie so viel Blut vergossen? Und sie hat es ihm gestanden.

Und nun bietet er Apone, Daß er helfend ihm mög raten, Abermals zweitausend Kronen, Nimmt das Gold gleich aus dem Schranke.

Jener aber spricht: "Die Dornen, Die ihr schwer den Leib durchstachen, Wirf in einen tiefen Bronnen Oder in ein fließend Wasser;

Dann, so wie der Gürtel rostet, Schließen sich die Wundenmale; Doch vor allem einen Tropfen Nehme sie aus dieser Flasche!"

Und nun reichet ihr Apone Eine Flasche; doch die Kranke Winkt verneinend mit dem Kopfe, Und Apone weicht vom Lager;

Denn er höret eine Glocke; Fackelschein erhellt die Gasse, Weil begleitet von dem Volke Sich der Leib des Herren nahet.

Mit dem Sakrament gezogen Kommt Benone durch die Straße, Und die Kranke hebt frohlockend Und getröstet sich vom Lager.

"Bleibe liegen!" sprach Apone. "Willst du dir dein Weib erhalten," Sagt er dann zu Jacopone, "Hüt sie vor dem Abendmahle!

Sie stirbt eines schnellen Todes Bei der letzten Ölung Salbe. Da ich sie hab übernommen, Werd ich dieses nie gestatten!" --

"Jacopone, Jacopone," Seufzt nun angstbewegt die Kranke, "Willst du mich zur Hölle stoßen? Hüte mich vor diesem Drachen!"

"Seht, sie raset," spricht Apone, "Sie ist nicht mehr bei Verstande, Denn sie spricht verwirrte Worte, Taugt jetzt nicht zu heilgen Sachen!"

Doch nun tritt herein Benone, Nahet sich dem Bett der Kranken, Und sie spricht: "O Herr, willkommen! Wolle meine Beicht empfangen!"

Und der Priester will, es sollen Alle nun allein ihn lassen. "Rosadore, Jacopone Mögen bleiben," spricht die Kranke.

"Und ich geh nicht," spricht Apone, "Bis der Gürtel liegt im Wasser, Bis getrunken sie die Tropfen. Wer bringt meine Pflicht zu wanken?"

Und zu weichen hat Benone Nochmals friedlich ihn ermahnet; Aber höhnisch ihm der Stolze In das würdge Antlitz lachet.

Nun erst fühlet Jacopone, Welcher Geist in diesem Arzte, Und er spricht in schnellem Zorne: "Weich aus meinem Haus, du Laster!" --

"Hast du mich mit Schmeichelworten Hergelocket," spricht der Arge, "Bringst du mich mit bösem Trotze Wahrlich nimmermehr von hinnen!" --

"Weh uns!" jammert Jacopone, "Wer mag diesen Teufel bannen!" Und es nahet Rosadore, Spricht: "Ich wags in Gottes Namen!"

Und sie zieht gleich einem Dolche Jene Nadel Rosablankens Aus dem Haar, das Gold der Locken Fließt, sie rüstend, von dem Nacken.

Und im heilgen Zorne Gottes Springt die Kranke von dem Lager, Und ein Kreuz von rotem Golde Dienet ihr zur frommen Waffe.

Aber beiden reißt Apone Von dem Busen die Gewande. Da er sieht die heilgen Rosen, Fühlt er seine Sinne wanken.

Und er fluchet: "Moles, Moles! Dies ist unser Rosengarten. Daß er ewiglich verdorre, Mußt du dich zur Arbeit halten!"

Doch am Fenster ruft Benone Dem Geleite, und mit Fackeln Dringen sie herauf; Meliore Tritt einher vor allen andern.

Doch er stehet schwer erschrocken, Da er Apo sieht, und fraget: "Meister, lebet ihr hier doppelt? Eben hab ich euch verlassen!

Pietro kam als schneller Bote Zu dem Vater Rosablankens, Der erkrankte, euch zu holen, Und Ihr seid mit ihm gegangen.

Habt mir selbst die Hand geboten, Spracht, daß ihr des alten Hasses Gänzlich nun vergessen wolltet, Weil ich brav gelöscht beim Brande.

Dann hast du mich angesprochen Um ein Büschel meiner Haare; Sprachst: `Aus blondem Haar gesponnen Wird zur Wundennaht der Faden.'

Und ich gab dir eine Locke -- Sieh, hier fehlt sie mir im Nacken -- Folgte weit dir vor dem Tore, Bis in meines Bruders Garten,

Wo du eintratst, weiße Rosen Und Arzneikraut einem Kranken Zur Erquickung gleich zu holen; Dorten hab ich dich verlassen.

Denn es war dort bei den Rosen Solch ein heftger Duft entstanden, Daß mir schier gebrach der Odem; Wankend ging ich aus dem Garten.

Jetzt -- wie find ich dich hier oben?" Doch ihn bei dem Arme fassend Spricht Apone: "Freund Meliore. Jetzt geleite mich von dannen!

Denn die Gattin Jacopones Will das Sakrament empfangen, Gönnen wir ihr Raum zum Troste!" Und nun gehen sie zusammen.

Ihnen folgen, die vom Volke Mit den Fackeln aufwärts drangen. In den Armen Jacopones Ruht ohnmächtig noch die Kranke.

Da sie wieder sich erholet, Segnend ihr der Priester nahet, Und sie spricht mit leisen Worten, Matt aufrichtend sich vom Lager:

"Der du an der Stätte Gottes, Höre, wie ich mich anklage, Was ich sündlich hab verbrochen, Seit auf Erden ich gewandelt,

Mit Gedanken, Werken, Worten. Und zuerst nun mit Gedanken: Ich gedachte, meinem Gotte Könnt ich Sünderin gefallen.

Und ich sündigte mit Worten, Weil ich Gott nicht Wort gehalten, Als das ja ich Jacopone Treulos gab an dem Altare.

Und mit Werken," sprach die Fromme, "Da ich sprang von dem Theater; Denn ich glaubte fest, des Todes Würd ich an die Erde fallen;

Glaubt in meinem bösen Stolze Ohne Sakrament empfangen Käm ich doch zu meinem Gotte, Sündigte auf sein Erbarmen.

Doch mich nicht verderben wollend, Hat er mich zur Buß erhalten, Die von ihm durch dich, Benone, Ich zerknirschet nun erwarte!" --

"Rosarosa," sprach Benone, "Keiner noch trat ohne Makel Vor den Thron des ewgen Gottes; Er wird dein sich auch erbarmen!

In des Vaters, in des Sohnes, In des heilgen Geistes Namen Sei dir, meine fromme Tochter, Deine Schuld erlassen! Amen.

Fühlst du jetzt dein Haus geordnet, Deinen Herren zu empfangen, Speis ich mit dem Himmelsbrote Dich zu diesem letzten Pfade." --

"Bis zum neuen Morgenrote Harret noch", spricht leis die Kranke, "Einen Bissen weißen Brotes Aß ich heut von einer Armen,

Der durch dich, mein Jacopone, Ward ihr kleines Feld erhalten Gen den Anspruch eines Großen; Sie bracht mir das Brot zum Danke,

Bat: `O esse von dem Korne Jetzt aus Liebe zu dem Manne, Der gerettet mir den Boden Dem dies Brot für mich entwachsen!'

Aber hört, die elfte Glocke Schlägt! Noch eine Stunde harret; Reicht indes zum letzten Troste Mir des heilgen Öles Salbe!"

Doch nun klaget Jacopone, Der bis jetzt in stummen Jammer Saß an ihrem Lager oben: "Weh, o weh, ich muß dich lassen!

O dich, aller Jungfraun Krone, Keusch und duldend gleich dem Lamme, Das die Schuld hat hingenommen, Das für uns das Kreuz getragen,

Rosarose, heilge Sonne Meiner irdisch trüben Tage, Firmament voll Lichtessonne, Ewig gleiche Friedenswage! # waage?

Herr, was hab ich denn verbrochen, Daß ich in der Nacht soll wandeln, Daß aus meines Himmels Dome Nun erlischt die heilge Lampe?

Weh, o weh, du süße Rose, Dornen dir das Herz zerbrachen, Die du fromm vor mir verborgen; Schuldig muß ich mich anklagen!

Weh, ich bins, der dich gemordet, Blind an jenem Hochzeitsabend, Da durch mich du von den Toten Hast den Dornengurt empfangen!

Und ich habe zu der Oper Dich geführet heute Abend: Weh, durch mich wards du durchbohret Von dem Gürtel bei dem Brande!

Deine letzte Zeit verdorben Hab ich dir aus falschem Wahne Durch den Bösewicht Apone, Hoffend, dich mir zu erhalten!

Ach, ich diene bösem Stolze! Die ich nie besessen habe, Die mir ewig war verloren, Wollt ich mir durch Kunst erhalten!

Weh, mein Weib, du Jugendrose, Auf dem Wasser der Demanten Spiegelt deiner Schönheit Sonne Ihres Abendrotes Flamme!"

Also jammert Jacopone. Ihm erwidert dann die Kranke: "Wolle nicht mit harten Worten Gegen Gottes Willen klagen.

Lasse uns den Herren loben, Daß er uns zurückgehalten Von dem Abgrund ewgen Todes, Von der Blutschuld hartem Laster.

Wenn der Schleier wird gehoben Über unserm dunklen Stamme, Singst du bis zu deinem Tode Gott und seiner Mutter Psalmen.

Seit das Weib den schwer verbotnen Apfel teilte mit dem Manne, Bringt das Weib das Kind des Todes Zu der Welt mit Not und Jammer.

Und wir durch die Güte Gottes Haben schuldlos uns erhalten, Und er wird uns nicht verstoßen Aus des Paradieses Garten.

Auch ich muß von diesem Orte In den Willen des Erbarmers; Dich, bei dem so gern ich wohnte, Muß ich einsam nun verlassen.

Und du sollst, wie Christen sollen, Deinem irdschen Gut entsagen, O, mein Bruder, wolle folgen Eines schwachen Weibes Rate.

Geh in einen frommen Orden; An die Stelle des Theaters Laß erbaun ein heiles Kloster; Dort auch ruhe meine Asche!

Lasse jetzt von armen Volke Stille mich zu Grabe tragen, Bis erbauet ist das Kloster Zur Kapelle bei Sankt Claren.

Und den Schwestern dieses Ordens Dann das neue Kloster lasse, Weil sie jetzt nur ärmlich wohnen Und das Haus sie kaum mehr fasset.

Meinen Sarg, geschmückt mit Rosen, Laß von armen Jungfraun tragen; Lasse auch die Kinder folgen, Die ich stets geliebet habe.

Allen spende aus zum Lohne Meine vollen Kleiderladen, Aus dem Tuch, das ich gesponnen, Lasse allen Hemdlein machen.

Mein Geschmeide, silber, golden, Alle Perlen und Demanten, Die mir deine Huld erworben, Schenke ich zu dem Altare.

Lasse eine Mutter Gottes Recht vor allen herrlich malen Und ihr vor dem hohen Chore Himmlische Musik erschallen.

Mit des Weihrauchs süßen Wolken, In wollüstger Düfte Kampfe, Soll ein Wald unzählger Rosen Um der Kirche Säulen ranken.

Kelche, Lampe, Weihebronnen, Leuchter, Rauchfaß und Monstranzen: Alle seien goldne Rosen, Durch der Künstler Fleiß gestaltet.

Und die groß und kleine Glocke Und der Taufstein und die Kanzel Seien Rosen gleich geformet. O, welche frommer Rosengarten!

Als ich bin getragen worden Sinnlos weg von dem Theater, Hat sich ein Gesicht ergossen, Hab ich diesen Wunsch empfangen.

Unter einem hohen Dome Sah ich Weihrauchwolken wallen Und Gesang und Klang der Orgel Durch die Säulenwälder wachsen.

Und ich sah den Greis Benone Eine Totenmesse halten, Aber alles war voll Wonne, Alles war voll selgen Glanzes!

Und ich sah viel fromme Nonnen Einsam betend in der Kammer, Sah sie nächtlich in dem Chore Himmlische Gebete lallend.

Und vor allen glanzumflossen Sah ich eine mit der Nadel Weiße, rote, schwarze Rosen Wirken in die Meßgewande.

Und das Bild der Mutter Gottes, Gnädig blickend vom Altare, Glich dir, meine Rosadore, Aber heilger, höher strahlend.

Und ich selbst lag eingeschlossen Kühl in einem Marmorsarge; Auf der schweren Decke oben Schlief der Knabe mit dem Lamme.

Rings um mich geliebte Tote Schlummerten zum letzten Tage; Doch kein Sinn war mir verschlossen, Und ich sah und hörte alles.

Ach, wie mag die Visionen Alle ich in Worte fassen! Durch der Kirche hohe Bogen Himmelschöre niederdrangen!"

Und nun sagte Rosadore: "Ja, des Himmels Tore standen Über diesem Tempel offen, Von den Seligen umscharet.

Und es stand die Mutter Gottes Und der Heiland mit dem Lamme Ganz bekränzt mit süßen Rosen In des Lichtes ewgen Glanze.

Und der Engel Legionen Sangen: Gnade! Gnade! Gnade! Tausend Kränze heilger Rosen Sah ich zum Altare fallen.

Und den Schleier einer Nonne Sah ich nehmen Rosablanken; Eine Goldflut ihrer Locken Vor der Schere niedersanken.

Singend stand ich auf der Orgel, Vor mir stand die goldne Harfe; Aber stille und gestorben Lag mein Herz in kalten Banden,

Wie in bösem Traum der Boden Fliehenden die Füße bannet, Hilferufenden der Odem Kämpfend in der Brust erstarret.

Lebend und doch eine Tote, Sehend und doch dicht umnachtet, Stumm, doch singend vollen Tones, War ich wie von Stein umfangen.

Neben mir stand schwarz Apone. Weh, o weh, was er gesaget, Was er sprach vorhin im Zorne, Füllet mich mit tiefem Bangen!

Doch am Altar aufgezogen Ward ein himmelblauer Mantel, Und das Bild der Mutter Gottes Grüßte laut des Volkes Ave.

Und ich hört in meinen Ohren: Ave, Salve, Mater! schallen, Und aus meinen Augen quollen Wieder Tränen auf die Wangen.

In der Kirche hohem Dome Schmetterten die Nachtigallen, Ganz durchzucket von dem Tone Fühlt mein Herz ich wieder schlagen.

Und ich bin emporgeflogen, Eine Stimme, singend Ave, Bin des Engels Gruß geworden, Ave, Salve, Dei Mater!

Dies Gesicht war mir ergossen, Da ich sinnlos in der Harfe Ruhete, von Meliore Fromm gerettet bei dem Brande." --

"Was du sahest, Rosadore, Sah ich alles," sprach die Kranke, "Herr! du hast in Visionen Wunderbar dich uns erbarmet!"

Und in stiller Wonne schlossen Beide sich in ihre Arme. Ruhig sprach nun Jacopone: "Herr, tu mir nach Wohlgefallen!"

Aber nun tritt durch die Pforte Agnus castus mit dem Lamme, Knieet betend an dem Boden Neben Rosarosens Lager.

Nach der Sanduhr sieht Benone, Eine Schelle rührt der Knabe, Niederknieet Rosadore, Jacopone bei der Kranken.

Beim Gesang des frommen Volkes, In dem Scheine heller Fackeln, Hat sie leis das Haupt erhoben Und des Herren Leib empfangen.

Und dann sprach sie noch die Worte: "Herr, du hast dich mein erbarmet, Herr, dein Wille sei gelobet, Meine Seele nun empfange!"

Mit dem heilgen Öl Benone Haupt und Hand und Fuß ihr salbet. Und sie sprach: "Des Herzens Rose Wirft unendlich weiten Schatten!

O der Wonne, o des Trostes, O des wundersüßen Garten! Singe, meine Rosadore, Mit des Himmels Nachtigallen!

In dem Schatten meines Todes Lasse Gottes Lob erschallen!" Und es sang nun Rosadore Zu dem Klang der goldnen Harfe.

Solch ein Lieb, so selgen Tones, Hat nur da die Luft getragen, Als der Heiland ward geboren Und die Engel Gloria sangen.

Also sang des Lichtes Bogen, Da den Lustkreis aller Farben Gott durch seinen Raum hinrollte In dem Glanz des ersten Tages;

Also tönt des Wassers Woge, Mit dem Rund des Erdenballes Selig spielend in der Sonne, Jauchzend an dem ersten Tage.

In so süßen Tones Strome War die Luft aus Gottes Atem Um die junge Welt ergossen, In der Lust des ersten Tages.

Und die neue Erde rollte Unter also freudgem Klange In den Kreis von Mond und Sonne, Jubelnd an dem ersten Tage.

Also sang das Blut, ergossen Durch des neuen Menschen Adern, Also sang der Mensch voll Wonne, Da er zu der Welt erwachte.

Doch annoch viel höhern Tones Wird das Lied der Selgen schallen, Wenn sie aus dem Haus des Todes Zu dem Antlitz Gottes wandeln.

Aber nun zieht mit dem Volke, Betend bei dem Schein der Fackeln, Nach dem Kloster hin Benone. Einsam steht der Toten Lager.

Und es küßt ihr Rosadore Tränenlos die bleiche Wange, Grüßet scheidend Jacopone Und verläßt ihn mit der Harfe.

Einsam sitzet Jacopone Auf dem stummen Sterbelager, In der Toten Demantkrone Mit des Schmerzes Blick hinstarrend.

Keine Träne ihm entrollet; Seine tiefe Trauer raget Wie die Wüste öd und trocken Auf, am Horizont verschmachtend,

Ohne Schatten, und die Sonne Selbst ein tiefer Feuerschatten, Der sich wie ein weiter Bogen Über seinen Scheitel lagert.

Die Gedanken an dem Boden Schleichend, in dem gleichen Sande, Alle Spuren von dem Odem Heißen Sturmes stets verwaschen.

An dem Himmel keine Wolke, An der Erde keine Pflanze, Auch kein einzger kühler Tropfen In dem ungeheuren Plane.

Also sitzet Jacopone In der Wüste seines Jammers, In die helle Demantkrone Der geliebten Leiche starrend.

Aber auf die Schulter klopfet Agnus castus ihm, der Knabe, Reicht ihm einen Korb voll Rosen: "Jacopone, jetzt erwache!

Kränz des Todes Braut mit Rosen; Sie sind aus demselben Garten, Wo die Rosen ihr gebrochen An dem ersten Hochzeitsabend.

Nimm ihr ab die Demantkrone, Die du ihr hast heute abend In das Silberhaar geflochten; Deiner letzten Pflicht gewarte! # gewahre?

Einst werd ich am rechten Orte Wunderbare Dinge sagen; Du wirst, die dir war verborgen, Deines Namens Schuld erfahren."

Sprachs. -- Da jener nahm die Rosen, Schied er betend aus der Kammer: "Jesus Christus sei gelobet!" Jacopone saget: "Amen!"

Als er löst die Demantkrone Aus dem Strom des Silberhaares, Ist des Schmerzes Kern gebrochen, Und des Jammers Quellen sprangen.

Da er ihr den Kranz der Rosen Legte in die Silberhaare, Sind die Augen in dem Strome Heißer Tränen ihm vergangen.

Da der arme Jacopone Ihr die kalten Hände faltet, Ist der Trauring roten Goldes In die Hand ihm schwer gefallen.

Da er ihr das Aug geschlossen, Brach er aus in lauten Jammer, Ganz in einem Tränenstrome Der Geliebten Antlitz badend.

Als die Nacht war hingezogen, Stand des Morgensternes Fackel An dem stillen Horizonte, Wie ein Irrlicht auf dem Grabe.

Wie in eines ausgestochnen Auges leere Höhle, zagend Sah des neuen Tages Sonne In das Herz des armen Mannes.

Und wie an dem Hochzeitsmorgen Pietro, sie begrüßend, sagte: Grüßt sie an dem Todesmorgen; Jacopone, laut aufjammernd:

"Grüß dich, blutge Todessonne, Grüß dich, Held des Unterganges, Grüß dich, Heiland voller Dornen, Grüß dich, Sichel meines Gartens!

Grüß dich, lichter Trauerbote, Grüß dich, Tauestränensammler, Grüß dich, Wecker aller Toten, Grüß dich, Feuerheld des Grabes!

Singt die sieben letzten Worte, Singt sie mir, ihr grauen Schwalben! Singt ihn mir, den Schild des Todes, Singt den Held des Unterganges!"

** Romanze XIV: Apo und Meliore

Durch die stillen Straßen schreiten Apo und Meliore hin, Gleiche Pfade führen beide Zu dem Turm, zur Tänzerin.

Wo das Mondgefild sich breitet Um des Brandes Trümmer hin, Ruht ihr Weg, und tief erweitet Fühlt Meliore seinen Sinn.

Und er spricht zum ernsten Meister, Den er bei der Rechten nimmt: "Selig, wer gleich dir die Geister Leicht nach seinem Willen stimmt.

Spricht, o Herr! auf welche Weise Reißest du mich jetzt zur dir? Da du heut im lauten Kreise Also hart begegnet mir?

Da du zürntest mir im Streite, Sieh, da scheute ich dich nicht; Jetzo friedlich dir zur Seite Alle Kühnheit mir gebricht.

Daß der, den ich erst geleitet Zu des Pietro Garten hin, Wieder mir zur Seite schreitet, Will mir nimmer in den Sinn.

Sprich, wie soll ich nur begreifen Deiner Künste tiefe List, Daß ich hier dich kann ergreifen, Der erst dort vor kurzer Frist.

Meister sprich, und dann verzeihe, Daß ich also heut mit Schimpf Traf des hohen Hauptes Weihe; Zeige deines Herzens Glimpf!

Kenntest du des Jünglings Leiden, Der so kühn dich heut bestritt, Ach, du würdest Trost bereiten Mir, der deinen Zorn erlitt.

Lass mich zum Kerker weichen, Dem das Feuer mich entriß, Kannst du mir die Hand nicht reichen, Daß mir deine Gunst gewiß!"

Apo gab die Hand: "Dein Eifer," Spricht er, "wisse, war mir lieb; Herrlich wirst du, wenn du reifer, Denn dich treibet hoher Trieb.

Doch es muß vor der Gemeine Leiden, wer zutage springt, Daß nicht aus dem Chor alleine Einer andre Weise singt.

Ob du würdig könntest leiden, War zu forschen ich gewillt; Nebst dem Schwerte zu dem Streiten Führe auch der Mann das Schild.

Und nun nenn ich dich den Meinen, Zeigte dir mein Doppelbild; Wird der dritte dir erscheinen, Ist das Ganze dir enthüllt.

Zeugnisgebende sind dreie, Und die dreie eines sind; Du hast einen Grad der Weihe, Noch bist du ein blindes Kind.

Wisse, der Dreieinigkeiten Schweben in dem Zirkel viel; Wer sie alle kann durchschreiten, Dreht den Zirkel hin zum Ziel.

Doch nun laß uns andre Kreise, Die uns näher liegen, ziehn, Daß ich tätig dir beweise, Wie ich dir gewogen bin.

Einsam sind wir und alleine, Ich und du und die Begier; Sprich, nach welchem Zauberweine Lechzt die trockne Zunge dir?

Fein ist diese Zeit; es schweifet Süß das trunkne Mondenlicht; Wer jetzt nach den Äpfeln greifet, Der verfehlt die reifen nicht.

Von der Venus Tau bereifet, Schwillt der Früchte süß Gewicht: Sage, welche Lust gereifet Dir aus heißem Busen bricht" --

"O, mein hoher Herr und Meister, Du bist weis," Meliore spricht, "Und es reichen alle Geister Deinen Augen gern ihr Licht.

Sehe, hier stehn wir im Freien, Unterm hohen Wolkenschild, Und des Brands Ruinen streuen Auf den Plan ihr Schattenbild.

Kannst du aus der Sterne Reihen Sagen, ob die Zukunft hier Andre Schatten wird verleihen Dieses Platzes hoher Zier?

Ob nicht seinen Schatten breiten Hier ein heilger Tempel wird, Wo wir jetzt durch Trümmer schreiten, Die des Wassers Flut durchirrt?"

Doch Apone sprach: "O schweige, Anderes begehr von mir, Daß ich anderes dir zeige, Was mir lieber ist und dir!

Denn nicht diese toten Steine Heben zu dem Licht den Blick; Nur des Lichtes Sohn alleine Liest gestirnet sein Geschick.

Geisterschwer erblühn die Zeiten Heute aus dem Sterngefild, Durch den reichen Himmel schreiten Seh ich wunderbar Gebild.

Denn die Jungfrau hebt den Schleier, Und der Widder freudig springt, Und der Stier erhebt sich freier, Da der Schwan verbuhlet sind.

Und die Zwillinge, sie weinen, Da die eine Wage sinkt, Und der Steinbock will nicht scheinen, Weil der Schütz den Bogen schwingt.

Amors Pfeil der Pfeil heut gleichet, Sieh, wie er zur Jungfrau ziel; Wie der Fisch zum Fische streichet Und in Wogenschimmer spielt.

Nach des Bechers süßem Weine Greift der Wassermann und trinkt, Bär und Hund, der groß und kleine, Tanzen, der Triangel klingt.

Pegasus mit Wiehern schreiet Zu dem kleinen Pferde hier, Des Zentauren Lust sich zweiet Zu der Jungfrau, zu dem Tier.

Und der Walfisch, ein Hochzeiter, Jauchzend im Eridan springt, Und das Schiff, es flagget heiter, In dem Pol sein Ruder klingt.

Bei dem Hafen jagdlich schweifen Sehe ich Orions Licht, Doch vor ihm die Flucht ergreifen Heute die Plejaden nicht.

Liebend denket er mit Schweigen Der Hyperboreerin, Und vor Herkuls Seele streichen Alle Thespiaden hin.

Cepheus, Cassiopeia neigen Liebend zueinander sich, Und Andromeda erreichen Seh den starken Perseus ich.

Freudig laut der Fuhrmann geißelt, Und das Böcklein zu ihm springt, Und der Löwe lustgekräuselt Seinen Schweif zur Jungfrau schwingt.

Wie im Paradiese schweifet Dort die Schlange lustgeringt; Weil die Feigen sind gereifet, Hoch der Rab den Becher schwingt.

Frei strömt, wie zur Hochzeitsfeier, Berenicens Locke hin, Und im Klang von Orpheus Leier Schaukelt trunken der Delphin.

Den Antinous umkreisend, Hoch des Adlers Fittig klingt, Der, sie von der Erde reißend, Götterknaben aufwärts schwingt.

Eine Schlange tragend weilen Seh den Polyides ich, Minos lehrte sie ihn heilen, Dich zu heilen lehrt sie mich.

In der Nordkron goldne Reife Eine Myrte süß sich schlingt, Und der Drach mit brünstgem Schweife Heiß den kalten Pol umringt.

Zu geheimer Liebe Feier Hell des Altars Glut entglimmt; Die Südkrone schimmert freier, Und in Lust der Südfisch schwimmt.

Ihre Scheren brünstig breiten Krebs und Skorpion zum Licht, Und der Wolf in Himmelsweiden Trübt der Lämmer Quelle nicht.

Also glühend sind die Zeiten, Also brünstig ist das Licht, Wie die Rose, die den Bräuten Venus durch die Locken flicht.

Die Granate senkt gereifet Ihrer Kerne Goldgewicht, Trunken durch die Blätter schweifet Amor, der sie taumelnd bricht.

Selig ist wohl der zu heißen, Der in Liebe selig ist; Sprich, kann ich dich selig preisen, Der du also liebend bist?

Meliore, sei der meine; Sage ohne Hinterlist, Ob Biondette je die deine Ganz und gar gewesen ist?

Ob dein selger Mund alleine Ihres Leibes Rosen bricht, In der Augen Sonnescheine, In des Busens Mondenlicht?

Ob du in die Wollustkreise Ihrer Mitternächte blickst, Daß dich jauchzend an sich reiße, Die entzücket du entzückst?"

Doch entsetzet hier den Meister Meliore unterbricht; "Bei dem Gott der selgen Geister Schwöre ich: das tat ich nicht!

Und will einer des sich preisen, Ich nenn einen Teufel ihn; Will mit Händen den zerreißen, Der sie solcher Schmach geziehn!

Gott und Vater! wüßt ich einen Solches denkend, sein Gehirn Schlüg ich ihm mit kotgen Steinen Aus der unverschämten Stirn!

Denn die Sterne sind nicht reiner, Als der Leib Biondettens ist, Und der Schoß, er war nicht reiner, Der empfangen Jesum Christ!

Doch du machst aus Weltenkreisen, Wo der Engel Palmen schwingt, Und, den Ewigen zu preisen, Gloria die Sphäre singt,

Einen Tummelplatz der Heiden, Wo die Sünde Lanzen bricht, Und ein ekles Wolluststreiten, Dem die Geilheit Kränze flicht!

Könntest du mir auch beweisen, So sei meiner Liebe Ziel, Möge mich der Stern zereißen, Der jetzt dort vom Himmel fiel!"

Also sprach er, und es breitet Apo seinen Mantel hin, Fing den Stern, der niedergleitet: "Sieh, was dir ein Stern erschien!

In dem trüben, kalten Schleime Hier, erkennest du das Licht? Stürzend durch des Himmels Räume Wahrlich, dies erschlägt dich nicht!

Alles ist nicht Gold, was gleißet, Und was glühend dir erschien, Sich als faules Holz erweiset, Nahest du dem Wunder kühn.

Und das eben macht den Weisen, Daß er in dem Sonnenlicht Kann die Mitternacht beweisen, In dem Leichten das Gewicht.

Daß selbst in des Lichtes Leichte Er die Wucht, die niederzieht, In dem Abgrund auch das Seichte, In dem Seichten Abgrund sieht.

Sollt ich dich nicht selig preisen, Wäre solch ein Weib dein Spiel? Um die Erde möcht ich reisen Nach so wunderbarem Ziel!

Doch die Jugend möchte steigen, Um den Himmel zu erfliehn, Und das Alter muß sich neigen, Sieht ihn an der Erde blühn.

Willst du nun die Lust erreichen, Die dir durch die Adern rinnt, Einen Trank will ich dir reichen, Der dir ihre Gunst gewinnt.

Läßt du dir das Recht entreißen, Das dir Lust und Jugend gibt, Wird dich schwer der Neid zerreißen, Wenn sie andern sich ergibt.

Daß zum Falle sie gereifet, Seh in ihren Sternen ich, Wenn kein andrer sie ergreifet, Nenne einen Lügner mich!" --

"Den möcht ich jetzt gleich dich heißen," Zürnend nun Meliore spricht, "Solche Unschuld kann nicht gleißen, Gottes ist ihr Angesicht!

Körner streust du; ich soll gleiten, Aber Gott erhalte mich! Sündflut aller Eitelkeiten, Hier vor Gott verfluch ich dich!

Ja, gleich leicht magst du beweisen, Diesen Himmel ernst und still Sehest du vom Blitz zerreißen Und von donnerndem Gebrüll;

Und die Stadt im Mondenscheine Fülle jetzt der wilde Krieg, Und daß jetzt, wo wir alleine, Weit ein Feld voll Leichen lieg;

Daß Bologna ihre weite, Hochgetürmte, feste Stirn Niederbeuge jetzt im Streite Vor dem himmlischen Gestirn!

Daß du doppelt kannst erscheinen, Weil ichs sah, bewiest du mir; Doch Biondettens Schuld verneinen, Selbst sie sehend, würd ich dir!" --

"Malst du an die Wand den Teufel," Apo zu dem Jüngling spricht, "Hält er dir auch ohne Zweifel Zu der Malerei das Licht!"

Sprachs. Und plötzlich donnernd steiget Um den Mond die Finsternis, Und so weit der Himmel reichet, Hell ein Blitz die Nacht zerriß.

Und rings durch die Stadt verbreitet Sich ein tosend Stahlgeklirr; Näher, immer näher streitet Her der Stimmen Kampfgewirr.

Meliore bebt. Es schreiten Tausend Bürger in den Ring, Und mit Wut von allen Seiten Hebet sich das Schwertgekling.

Und es sinket Reih auf Reihe Auf dem blutgen Mordgefild, Daß von Wut- und Wehgeschreie Laut ertost das Wolkenschild.

Weh! da stürzen auf die Streiter Rings Bolognas Türme hin, Doch sie kämpfen immer weiter, Nichts erschrecket ihren Grimm!

Zu den Füßen seinem Meister Sinnlos hin Meliore sinkt, Bis das Spiel der bösen Geister Dieser in den Abgrund winkt.

Und von Schrecken ganz gebleichet Richtet auf der Jüngling sich: "Du hast Böses mir gezeiget, Meister, nun entlasse mich!"

Apo spricht: "Du prophezeitest Dieser Stadt dies Ungeschick, Weil du sie so toll vereidest Für Biondettens Tugendglück.

In der Wage liegen beide, Leg dich zu der Tänzerin; Daß dein Vaterland nicht leide, Gebe dich der Freude hin!

Größre Wunder könnt ich zeigen -- Eines Wortes leicht Gewicht, Eines nichtgen Blickes Steigen Führt oft her ein schwer Gericht.

Und so stehn die Himmelszeichen: Es erfüllt sich dies Gesicht, Brichst du von Biondettens Zweigen Heut die reifen Früchte nicht!" --

"Läßt so leicht vom Himmel reißen Dieses Landes Schicksal sich," Spricht Meliore, "will verheißen Eine schönre Zukunft ich!

Hohe Nacht, ihr Sternenreiche, Mond, du keusches Angesicht, Euch Biondetten ich vergleiche, Sie weicht euch an Friede nicht.

Und so fest und ungebeuget Stehet ihrer Tugend Zier, Als einst fromm ein Tempel steiget Aus des Brands Ruinen hier!

Sieh! beweget sind die Steine, Ordnen auf zu Mauern sich; Diese Geister sind die meinen, Und ihr Meister bin auch ich!

Freudig auf die Pfeiler steigen; Hörst du, wie Biondette singt? Wie nach ihrer Harfe Reigen Stein auf Stein zum Himmel dringt?

Wie nach ihren Melodeien Kuppel sich an Kuppel ringt, Und die Säule ihre Reihen Mit dem Palmenknauf verschlingt?

Der Kapellen Einsamkeiten Ordnen sich in Harmonie; Wo die Töne sich durchschneiden, Wölbt des Chores Halle sie.

Wo die Töne höher steigen, Heben sich die Türme spitz, Die zum Firmamente reichen Mit der Kreuze goldnem Blitz.

Wo sie sich zur Tiefe neigen, Zu der Grüfte Labyrinth, Seh ich trauernd niederschleichen Still der Treppen Steingewind.

Heilig scherzt in tausend Weisen Blum um Blume, Bild um Bild, Und, die Meisterin zu preisen, Widerhall dem Stein entquillt.

In der Kerzen selgem Scheine Bebt der Altar feierlich, Und gleich einem Frühlingshaine Füllt das Haus mit Jubel sich.

Silbernem Gefäß entkreisend Süß der Weihrauch aufwärts dringt, Und des Himmels Tor aufreißend Hochgesang in Wonne ringt.

Sieh, wie zu des Tempels Weihe Rings die frommen Bürger ziehn; Meister! Gott uns Trost verleihe, Laß uns betend niederknien!"

Spricht Meliore, und den Meister Will er an dem Mantel ziehn; Helfet! alle guten Geister! Er sieht vor sich doppelt ihn!

Einer trägt ein Feuerzeichen Auf der hohen, dunkeln Stirn, Kalt sie sich die Hände reichen, Und es bebet das Gestirn.

Lachend sie von dannen schleichen, Sieh, da kehrt das Mondenlicht; Durch das nächtlich tiefe Schweigen Meliors Stimme bricht:

"Weh! Bologna, weh! Sich neigen Sah ich deiner Türme Zier, Sah ein blutig Feld der Leichen Über deinem Herzen hier!

Weh! in deinen Eingeweiden Reget sich ein Drachenkind, Und es streun die dunklen Zeiten Deine Asche in den Wind!

O, wie muß ich den beneiden, Der den Stamm, des Sohn er ist, Kennt, daß er den Fluch der Leiden Nicht in seinem Schuldbuch liest!

Einen Schuldgen suchend, reißen Um das Schiff die Stürme sich; Weh! ich kann mich des nicht preisen, Daß den Fluch nicht trage ich!

O Allmächtiger, o zeige, Ob der Sünde ich entspring, Daß ich zu der Flut mich neige Und ein sühnend Opfer bring!"

Also fleht er um ein Zeichen, Und sein Flehen ihm gelingt: Durch das tiefe nächtge Schweigen Hell die Totenglocke klingt.

Und der Glocke Schall geleitet Zu Biondettens Wohnung ihn; Wo der Baum die Schatten breitet, Kniet er bei dem Altar hin.

"Herr! die Seele, die jetzt streitet, Richt in deinem Zorne nicht; Herr! die Seele, die jetzt scheidet, Sehe bald dein Angesicht!"

Und er höret an dem Zeichen, Daß ein Weib gestorben ist, Weil die Zahl der Glockenstreiche Zweimal unterbrochen ist.

"Jacopones frommem Weibe Wohl das dunkle Auge bricht. Ob ich gehe, ob ich bleibe?" Bang der Jüngling zu sich spricht.

"Denn nicht lang mehr kann verweilen Die geliebte Tänzerin; Sah ich sie, dann will ich eilen Tröstend zu dem Bruder hin.

Ach, schon hör ich aus der Weite Leichter Füße Flügelschritt!" Von der monderhellten Seite Bang er in den Schatten tritt.

"Soll ich singen, soll ich schweigen, Wenn sie mir vorüberzieht? Gerne gäb ich ihr ein Zeichen, Daß ein Liebender sie sieht!"

Doch ein dunkler Fechter schreitet In dem Schatten vor ihn hin, Und zum Kampfe schnell bereitet Meliore sich gen ihn.

Aber in des Degen Kreisen Seine Klinge ihm zerspringt, Ihn durchbohrt des Feindes Eisen, Und er spricht, indem er sinkt:

"Herr! die Seele, die jetzt streitet, Richt in deinem Zorne nicht; Herr! die Seele, die jetzt scheidet, Sehe bald dein Angesicht!"

** Romanze XV: Meliore und Biondetta -- Biondettens hohes Lied

Gieße, Mond, dein Silber milder Durch die blauen Himmelsmeere; Blicket fromm, ihr Heldenbilder, Nieder aus dem Sternenheere.

Einsam kühle Nachtluft, stille Grüße aus dem Himmel sende; Blüten, Blumen, eure Fülle Duftend sich der Nacht verschwende.

Philomela, süßer stimme Deines Traumes Wonn und Wehe, Daß es zu den Sternen glimme Und um Gottes Liebe flehe.

Klang der süßberauschten Zither Unter Liebchens Fenster bebe; Still eröffne sie das Gitter, Daß sie Liebesworte gebe.

Jünglingen, die schlummernd liegen, Komm ein Liebestraum entgegen; Auf die Kindlein in den Wiegen Senke sich ein Engelsegen.

Und die Wünschelrute sinke Jedem auf des Schatzes Schwelle, Und dem Durstgen, daß er trinke, Sei der Schatz die kühle Quelle.

All ihr Bronnen, selig zielet In die mondberauschten Becken; Leis im West, ihr Blätter, spielet, Um die Vöglein nicht zu wecken.

Nacht, in deines Zaubers Schlingen Soll sich Liebesscham verketten, Unter lustbetrauten Schwingen Bräutliches Entzücken betten.

Was die Seele, was die Sinne Hoch begeistert, tief erreget, Deines Glücksrads Lustgewinne Seien alle ausgeleget.

Spinnet bei dem Mondenlichte Eure feinsten Netze, Elfen, Und die schlauen Zauberwichte, Alle Zwerge sollen helfen.

Felsbewohnende Sibyllen, Leichte Nymphen flüchtger Quellen, Einet alle euren Willen, Diese Netze aufzustellen.

Locket, locket, süßer singend, In die Netze, ihr Sirenen, Und den Tönen nicht gelingend, Laßt gelingen es den Tränen.

Denn es will uns heut entfliehen Der melodischste der Schwäne, Will zu heilgerm Himmel ziehen, Daß sein Herz sich nicht mehr sehne.

Königin der Sternenzinne, Priesterin verklärter Herzen, Lehrerin geheimer Minne, Heldin, Trösterin der Schmerzen,

Nacht! durch deines Tempels Mitte Sehe ich Biondetten gehen, Scheu verhüllt in züchtger Sitte; Du wirst sie nicht wiedersehen.

Auf dem Platze mondbeschienen Bleibt sie ruhig schauend stehen, In die düsteren Ruinen Noch einmal zurück zu sehen.

Sie beginnet leis zu singen; In der Nachtluft einsam Wehen Ihre Töne sich verschlingen Wie der Andacht schwankend Flehen.

"Herr, ich steh in deinem Frieden, Ob ich lebe, ob ich sterbe; Starb mein Heiland doch hienieden, Daß ich sein Verdienst erwerbe.

Will der Schmetterling zum Lichte, Muß die Larve er zerbrechen, So hast du dies Haus vernichtet, Meine Freiheit auszusprechen.

Laß die Flügel mich erquicken, In der Andacht sie erstrecken, Und zum Himmelsgarten zücken Durch der Buße dornge Hecken!

O, wie hast du hoch gezieret Diese Weltnacht, mir die letzte; Eine Seele triumphieret, Deren Tod mich hoch ergötzte.

Solchen Tod laß mich gewinnen, Herr, nach einem solchen Leben, Laß mich mit so klaren Sinnen Dir die Seele wiedergeben!

Denn in deinen Händen liegen Alle demutvollen Herzen, Wie die Kindlein in den Wiegen, Still entschlummert, ohne Schmerzen."

Also sang sie, und geschwinde Eilt sie auf verschlungnen Wegen, Und schon höret sie die Linde Nächtlich grüßend sich bewegen.

Rascher flügelt sie die Schritte Ihres Hauses Tor entgegen, Da begegnet ihrem Tritte Klirrend ein entblößter Degen.

Ach, und weiter noch zwei Schritte Liegt, vom Mantel leicht bedecket, Der den bösen Mord erlitten, Stumm ein Jüngling ausgestrecket!

Da sie zu ihm niederblicket, Will er noch die Blicke heben; Den der Tod schon fest umstricket, Kann die Schönheit noch beleben.

Gleich dem frommen Samariter Hebt die mutige Biondette Mühsam nun den toten Ritter, Trägt ihn hin nach ihrem Bette.

Lebend konnts ihm nie gelingen, In ihr Kämmerlein zu sehen, Und er mußte, einzudringen, Durch des Todes Pforte gehen.

Schnell die Lampe angezündet Unter bangen Herzensschlägen! Ach, das Herz, das sie verbindet, Schlägt noch liebend ihr entgegen!

Balsam macht sie aus den Giften, Die sie sonst im Tanz umgeben, Mit der Öle süßen Düften Ruft sie wieder ihn zum Leben.

Und sie löset ihm geschwinde Seinen Koller überm Herzen, Sauget ihm sein Blut gelinde Aus der Wunde mit den Schmerzen.

Ach! und ihren frommen Lippen Strömt die Torheit frech entgegen; Quelle böser Zauberklippen, Liebesgift war an dem Degen!

Auf der Brust ihm eingeschnitten Ihren Namen liest Biondette, Und ihr Bild, nach Liebessitte, Hängt darauf an goldner Kette.

Doppelt ihren Schleier windet Sie, mit Tränen ihn benetzend, Und die Wunde sie verbindet, Sich der Blöße nicht entsetzend.

Und sie eilt und schmückt das Zimmer, Zündet an wohl hundert Kerzen, In der Spiegel Widerschimmer Gold und Silber freudig scherzen.

Ihres Putzschranks Flügeltüren Öffnet sie mit leichten Händen, Daß ein eitles Triumphieren Rings entstrahle allen Wänden.

Und die falschen Götterbilder Schmücket sie mit Flitterkränzen, Aus dem Schoße goldner Schilder Läßt sie seidne Röslein glänzen.

Reiherbüsche pflanzt sie flitternd Auf des Boden Purpurdecken, Diamantne Nadeln zitternd Zäumt sie ein mit Federhecken.

In der Torheit Garten glimmend Rüstet sie ein Weihrauchbecken, Daß die Weihrauchwolken schwimmend, Lüstern halb den Glanz bedecken.

Weh! wer hat sie so verrücket? Alle Blumen muß sie brechen; Wie des Wahnsinns Braut geschmücket, Muß ihr keusches Herz erfrechen.

Schamlos tritt sie vor den Spiegel, Ihre Brust zu Tag zu legen, Weh! da blicket Gottes Siegel, Die Goldrose ihr entgegen.

Doch sie ist so tief verstricket, Nichts kann ihre Glut erschrecken, Ihre Blöße sie entzücket, Und sie mag sich nicht bedecken.

Und mit süß vertrauten Blicken Sitzt sie auf des Jünglings Bette; Weltlicher nicht konnt sie blicken, Wenn sie nie gebetet hätte.

Und sie fühlt in allen Sinnen Ein unheiliges Ergötzen Wild durch ihre Adern rinnen, Und sie muß die Zucht verletzen.

Seine Lippen, seine Stirne, Ihren Namen ihm am Herzen, Küsset heiß die arme Dirne Unter suß berauschten Schmerzen.

Und in seinen Locken spielen Ihre zarten Hände bebend, Doch umsonst die Küsse zielen, Seine Lippen nicht belebend.

An den Busen ihn zu drücken, Seinen Namen laut zu nennen, Fühlet sie ein wild Entzücken, Doch er will sie nicht erkennen.

"Meliore," spricht sie liebend, "Deine Augen zu mir wende, Süßen Dank der Huld ausübend, Die ich zärtlich dir verschwende!

Sieh, es will der gütge Himmel So dich an das Herz mir legen, Wie ich in des Brands Getümmel An dem deinen bin gelegen!

Wenn du auch nicht wiederküssest, Winkend nur ein Zeichen gebe, Mir zum Troste, daß du wissest, Wie ich dich nicht überlebe!"

Und die Harfe nimmt die Süße, Läßt die Saiten wild erbeben; Ach, die heißen Liebesgrüße Können nicht sein Aug erheben.

Keuscher Tod, du drückst sie nieder, Solche Raserei zu sehen, In dem Klang der giftgen Lieder Soll er sie nicht wiedersehen.

"Ihn, den meine Seele liebet," Singt sie, "sucht ich in dem Bette, Sucht ihn durch die Straßen ziehend, Fand ihn doch an keiner Stätte.

Und ich fragt die Wächter bittend, Die da durch die Straße gehen: Ihn, den meine Seele liebet, Habet ihr ihn nicht gesehen?

Und vorübergehend finde Ich den Liebsten meiner Seele, Ihn mit Rosenketten binde, Ihn auf ewig mir vermähle!

Und ich halt ihn, laß ihn nimmer, Den ich fand auf meiner Schwelle, Führ ihn in der Mutter Zimmer, Führe ihn in meine Zelle.

Sieh, ich bin ein Rauch von Myrrhen, Auf sich aus der Wüste hebend, Und, wie Bienenschwärme irren, Küsse meinem Mund entschweben.

Weiß und rot ist, den ich minne, Golden sich sein Haupt erhebet; Wenn ich seinen Locken spinne, Schwarz die Nacht den Mantel webet.

Seine Augen mich erquicken Und die Seele mir erhellen, Wie die Taubenaugen blicken Zu den klaren Wasserquellen.

Wie Gewürze duftend, grüßen Seiner Wangen Blumenzellen, Süße Myrtenöle gießen Seiner Lippen Rosenquellen.

Goldne Türkisringe zieren Seine klaren Silberhände, Elfenbeinern und saphieren Trägt der Goldfuß seine Lende.

Und er stehet aufgerichtet, Wie die Zedern auserwählet, Wie der Libanon umlichtet, Der dem Himmel sich vermählet.

Wie mein Saitenspiel, erklinget Süß und lieblich seine Kehle, Und zu seinen Lippen dringet Lustberauschet meine Seele.

O, du Büschel süßer Myrrhen, Zwischen meinen Brüsten hängend, Sag, wo deine Schafe irren, Sich im Mittagsstrahle drängend.

Töchter Zions, meine Bitte Höret und den Freund mir wecket, Schlummernd vor der Zedernhütte Unter Rosen ausgestrecket.

Daß er blühend aufgerichtet: Süße Freundin, zu mir spreche, Komme her, die Gott gedichtet, All die Rosen mit mir breche!

Sieh, verschwunden ist der Winter, Und dahin ist Sturm und Regen, Und die Blumen, Frühlingskinder, Spielen schon auf grünen Wegen.

Meine Wangen lieblich flimmern, In den Spangen, in der Kette Sehe meinen Hals erschimmern, Und es grünet unser Bette!

Wie die Traube Copher schwillet Zu Engeddi in den Gärten, Und der Lippen Kelch erfüllet, Küß ich meinen Lustgefährten!

Zedern fest das Haus uns stützen, Unsre Latten sind Zypressen, In dem Schatten will ich sitzen Und der Schmerzen all vergessen.

Unterm Schatten will ich sitzen; Des die Seele mir begehret, Wie der Apfelbaum bei wilden Bäumen, ist mein Freund verehret.

Deiner Lieb Paniere schwinge Über mir, du Hoch und Heller, Und du Freundlicher, mich bringe In des süßen Weines Keller!

Und mit Blumen mich erquicke, Mich zu laben Äpfel gebe; Krank bin ich vor Liebe; blicke, Blicke auf, mich zu beleben!

Unter deinem Haupt die Linke Muß dich meine Rechte herzen, Wenn ich deinen Kuß nicht trinke, Muß verdürsten ich in Schmerzen!

Sieh, die Honigbienen irren In dem honigsüßen Lenze, Und die Turteltauben girren; Komme, mein Freund, daß ich dich kränze!

Sieh, dem Feigenbaum entspringen Knospen; aus dem Aug der Reben Süße Wollusttränen dringen; Also weint mein junges Leben!

Wie in dunklen Felsenritzen Turteltauben auf dem Neste, Also will ich bei dir sitzen In dem Glanz der Blütenäste.

Und es tönet meine Stimme Süß, o süß ist meine Kehle, Bis wetteifernd süß ergrimme und verglimme Philomele.

Und ich singe zu dir nieder: Mein bist du und mir gegeben, Und es sehn dich meine Lieder Unter Rosen weidend schweben!"

Wie sie also töricht singet, Spricht Meliore: "Meine Schwester, Fromme Taube, ach, es schlinget Sich des Todes Band nur fester!

Nachttau mir vom Haupte fließet, Und es wecket mir im Herzen, Wenn sich gleich mein Auge schließet, Deine Liebe bittre Schmerzen!

Mein Gewand, ich legt es nieder, Soll ich wieder an es legen? Nach dem Bad die Füße wieder Mir besudeln auf den Wegen?

Deine Augen gleichen Blitzen, Deine Augen von mir wende! Meinem Herzen Degenspitzen Scheinen deine zarten Hände!"

Aber wehe! nicht vernimmet Sie den schweren Namen Schwester, Glühender ihr Wahn entglimmet, Sie umklammert ihn noch fester.

Und sie spricht: "Der Kelch der Lilien Unserm Bett das Rauchfaß schwenket, Unser Dursten zu vertilgen Sich der Traube Becher senket.

Unsre Tür umgeben Früchte, Ich bewahrte dir, mein Leben, Heurige und fernge Früchte, Beide kann ich dir nun geben!

O, du Liebe in Wollüsten! O, du schön und lieblich Schweben! Trauben gleichen meine Brüste, Trauben wundersüßer Reben!

Einer Palme aufwärts dringend Gleichet meines Leibes Länge, Wie der Wein hinan sich schlinget: O, wer sich hinan so schwänge!

Laß uns durch die Felder ziehen, Ob uns sieht das Aug der Reben, Ich will, wenn Granaten blühen, Dort dir meine Brüste geben.

Dich, der meiner Mutter Brüste Saugte, Bruder, dich den Schönen, Wenn ich dort dich brünstig küßte, Ach, wer wollte mich verhöhnen!"

Als sie diesen Frevel singet, Springt sein Blut ihr neu entgegen; Der Verband, der Hilfe bringet, Kann die Raserei nicht legen.

Und von ihrem Nonnenbilde Reißt sie in der Angst die Decke, Daß damit das Blut sich stillte, Und es dienet ihrem Zwecke.

Als sie zu dem Bilde blicket, Fühlet sie ein tief Erschrecken, Scham sie wie ein Schwert durchzücket, Und sie eilt, sich zu bedecken.

Von des Bildes Augen fließen, Wunder Gottes! bittre Tränen, In die Arme muß sies schließen, Ach, sie möchte es versöhnen!

Und dem Bilde gegenüber Sitzt zur Harfe sie am Bette, Und die Augen strömen über Der verlorenen Biondette.

"Wo ist die, die aus der Wüste Aufgeht, auf den Freund gelehnet?" Spricht Meliore nun, und grüßte Sie, nach der sein Herz sich sehnet.

"Auf dein Herz gleich einem Siegel War sie wahrlich doch gesetzet. Goldne Rose, deinen Spiegel Hat die Schlange bös verletzet.

Um den Apfelbaum sich schlingend, Der die Mutter dir bedeckte, Als sie rang, zur Welt dich bringend, Bös die Schlange mich erweckte!"

Aber traurend sitzt die Süße, Läßt die Harfe leis erbeben, Daß ihn schön das Leben grüße, Das die Liebe ihm gegeben.

Wie die Töne sich ergießen, Fühlt die Jungfrau in dem Herzen Wunderbaren Zauber fließen Und so süße, wilde Schmerzen.

Höher sie die Saiten schwinget, Denket nicht mehr des Gesellen; Wie der Schwan im Tode singet, Glühend ihre Töne schwellen.

Tausend Töne, die sonst schliefen, Aus der Harfe lebend brechen, Und in allen Herzenstiefen Hört sie laut das Echo sprechen.

In dem Tode hallt es wider; Schüchtern zu des Lebens Schwelle Rufen ihn die Zauberlieder, Seine Blicke werden helle.

Wer erklärt ihm die Gesichte, Wer ergießt des Himmels Segen? Ist so mild das Weltgerichte, Kommt die Gottheit ihm entgegen?

"Süßer Tod, den ich erlitten! Goldne Töne zu mir gehen, Selig in des Himmels Mitten Soll ich wieder auferstehen!"

Aus Biondettens frommen Mienen Strömet ihm das selge Wähnen, Gottes Mutter sei erschienen, Und er betet unter Tränen.

Doch die arme Jungfrau singet Unter bittren, bittren Tränen, Während sie die Hände ringet: "O, welch schmerzlich glühes Sehnen!

Schwarz bin ich, doch voller Liebe, Wie die Hütten Kedars stehen, Wie die bunten Teppche schimmernd Salomons im Tempel wehen.

Die Weingärten zu behüten, Setzten sie mich ein zum Wächter, Meinen konnt ich nicht behüten, Von Jerusalem ihr Töchter!

Wie der Tod so stark ist Liebe, Fest der Eifer wie die Hölle, Glut und Feuer meine Triebe, Wie des Herren Blitz so schnelle.

Und wenn alle Wasser stiegen, Und wenn alle Ströme rännen, Würden sie sie nicht besiegen, Nimmer sie erlöschen können!

Was in meinem Haus sich findet, Alles Gut, wenn ichs wollt geben Um die Liebe, die mich bindet, Ach, ich hätte nichts gegeben!

Schön und lieblich meine Füße In den goldnen Schuhen stehen, Und mein Haupt, wenn ich ihn grüße, Ist wie eines Helmbuschs Wehen!

Wie zwo Spangen schön sich schwingend, Von des größten Meisters Händen Eben aneinander dringend, Stehen freudig meine Lenden!"

Doch nun lischt der Kerzen Schimmer Und Biondette singet: "Wehe, Wehe, Wehe, Lebensschimmer, Holdes Leben, nicht vergehe!

Sterbet nicht, ihr süßen Lieder, Wollt, o wollt nicht von mir schweben! Sterbet nicht, ihr raschen Glieder, Laßt euch froh zum Tanze heben!"

Eh die Lampe auch verglimme, Will sie freudig nochmals schweben; Doch sie hört nicht ihre Stimme, Fühlt nicht ihrer Füße Schweben.

Weh! es walten böse Künste, Laut die frühen Hähne krähen; Kehrt, ihr Geister, aus dem Dienste, Denn der Tag will auferstehen!

Und Meliore kömmt zu Sinnen. Licht und Lied und Lieb entschweben, Mächtig fühlt er sich von hinnen Auf die öde Straße heben.

Kühl umwehn ihn Morgenwinde, Wunderbar ist ihm geschehen, Denn er kann noch ihre Binde Auf der frischen Wunde sehen.

Und die nahe Glocke klinget, Und er hört die ersten Messen: Bete, bete, nie gelinget, Die Geliebte zu vergessen!

** Romanze XVI: Kosme krank -- Pietros Garten brennt

Wenn du gleich den Vögeln schwebest, Über dir der blaue Bogen, Unter dir die grüne Erde Und des Wassers Silberwoge;

Und du wolltest niedersehen, Wo du ruhig möchtest wohnen, Wo du deinem kleinen Neste Eine Stelle suchen solltest;

Flöhest du der Städte Elend Und die Armut eines Dorfes, Und zögst über Land und Felder Zu dem stillen Tale Kosmes,

Wo die stillen Bächlein gehen Durch den Schatten, durch die Sonne, Durch die Büsche, durch die Felsen, Bis zum Garten voller Rosen,

Und du bautest dir dein Nestchen, Wo die klare Jungfrau wohnet, Und sie ging dir aus dem Wege, Wenn du ruhig brüten wolltest,

Und du sängst ihr an dem Fenster In des Lorbeerbaumes Krone; Futter würde hin sie legen Alle Abend, alle Morgen,

Und dir schiens ein selig Leben, Ging zu beten früh die Fromme, Flögst du mit ihr zur Kapelle, Die am Felsen höher oben;

Und wenn sie aus vollem Herzen Unter Tränen spräch die Worte: Herr, ach schau zu meinem Herzen, Es ist ganz von Schmerz umdornet!

Herr, um deines Sohnes Schmerzen Richte auf den Vater Kosme, Laß ihn nicht verzweifelnd sterben, Öffne ihm die Gnadenspforte:

Dann wär deine Lust zu Ende, Deine Seligkeit zerronnen, Denn nicht ferne von den Menschen Überall das Elend wohnet.

Und es ist kein öder Felsen Und kein Bächlein oder Bronnen, Keine waldumschlossne Stelle Unterm Monde und der Sonne,

Wo ein Mensch das Licht gesehen, Wo nicht wär gesündigt worden, Wo nicht wären bittre Tränen Vor dem Herrn vergossen worden.

Und du würdest Abschied nehmen Vor der nächsten Morgensonne, Sängst noch einmal ihr am Fenster, Flögst dann weiter unbesorget. --

Wärst du einer von den Sternen, Die am hohen Himmelsbogen Ewig auf und unter gehen, Wie der Herr es hat geboten,

Und du wolltest dich bedenken, Wo du deine Strahlen solltest Rein und freudig niedersenken, Daß sie widerspiegeln sollten

In dem Spiegel weiter Meere; Sähest du das Schiff hinwogen, Das die Sünde aus der Fremde Bringet zu entfernten Zonen;

Auf der stadtbesäten Erde Sähest du die Menschen morden; In den Tälern, auf den Bergen Sähest du die Sünde wohnen;

In des Klosters enger Zelle, In dem gleichen Tun des Dorfes, In des Marktes regem Leben, Im erstarrten Tun des Schlosses:

Wo du deine Strahlen senkest, Findest du ein Herz gebrochen, Findest du ein Werk des Bösen, Findest du ein Kind des Todes.

Und, wer seine Blicke lenkte Zu dir flehend hin nach oben, Wäre trunken ganz von Tränen, Wäre dürstend nach dem Troste.

Doch du würdest dich nicht wenden, Strahltest ruhig Gott zum Lobe, Wollte untergehn die Erde, Wollten auferstehn die Toten.

Was hier klaget, muß vergehen, Schmerz und Sünde sind des Todes, Und die Leiden tun nur wehe, Weil sie sterblich sind geboren.

Aber was da ewig stehet Sündenlos im Schaffen Gottes, Kann sich nur in ihm bewegen, Ist ein Freud- und Leidenloses.

Sieh, der göttliche Geselle, Phosphoros, der Held des Morgens, Funkelt von des Himmels Schwelle Ruhig in den Garten Kosmes.

Und im Morgenwind beweget Träumen still des Gartens Rosen; Doch die Hütte ist voll Elend, Und sie ist ein Haus der Sorgen.

Rosablanka sitzt in Tränen An dem Bett des kranken Kosme, Den ein leiser Schlummer decket, Nur vom Seufzern unterbrochen. # von?

Und sein müdes Haupt erhebet Nun der Alte zu der Tochter, Spricht: "Mein Kind, jetzt mußt du gehen Zu der Messe in das Kloster!" --

"Vater, lasset hier mich beten Zum allgegenwärtgen Gotte, Daß ich eurer Krankheit pflege; # eure? Fern bin ich um euch in Sorgen!" --

"Armes Kind, ich kann genesen Nur in einem selgen Tode, Nur vom Schmerz kann mich erlösen Blut des eingebornen Sohnes!" --

"Vater, schrecklich ist gewesen Euer finstrer Arzt Apone, Und ich muß noch Kräuter lesen, Die er alle hat verordnet!" --

"Kind, hast alle du gehöret, Die er zu mir sprach, die Worte? Sie zerschnitten mir die Seele Wie viel hundert giftge Dolche!" --

"Das, was ich davon gehöret, Ich doch nicht verstehen konnte: `Kosme, was dein Herz verzehret', Sprach er, `ist die Härte Gottes!

Kräftig hast du einst dem Leben, Was des Todes ist, geopfert, Und nun opferst du das Leben, Das dir übrig bleibt, dem Tode!

Du treibst hier ein töricht Wesen, Machst zur Närrin deine Tochter, Und die Löcher deiner Seele Willst du mit der ihren stopfen!

Höre auf, sie zu bestehlen, Tritt ihr nicht in ihre Sonne, Laß sie lesen die Poeten, Gehe in der Stadt zu wohnen!

Du magst ewig dich bekehren, Was verloren, ist verloren; Besser solltest du noch scheren, Die dir übrig bleibt, die Wolle!' --

Dann hat er mich angesehen, Wie der grimmige Herodes, Als die Kindlein er zu töten Seinen Knechten hat befohlen.

Und ich war recht in dem Herzen Von dem giftgen Blick durchbohret, Bin, Marien anzuflehen, Zur Kapelle dann geflohen.

Und am Wege sah ich stehen, Den am Morgen bei den Rosen Ich ein Grab hatt graben sehen, Da die Schlang emporgeschossen.

Aber er hat nicht geredet, Winkte mit dem Finger drohend, Griff mir nach der Hand behende, Nach Biondettens Ringlein golden.

Doch ich wollt es ihm nicht geben; Da versank er in den Boden, Und ich eilte zur Kapelle, Sank ohnmächtig an den Boden.

Und ich sah auch einen Engel Jubelschreiend in den Wolken, Er schwang sich wie eine Lerche Jubilierend hin gen Morgen.

Vater, was ich da gesehen Klar, wie bei dem Licht der Sonne, Hat mir ganz verwirrt die Seele; Jetzt kann ichs nicht wiederholen.

Als ich zu dir kam, da brennte Über mir der Himmelsbogen, Es ist Feuer wohl gewesen In der Gegend, in Bologne.

Vor Marien bin in Tränen Betend ganz und gar zerflossen, Gnädig ist sie mir gewesen, Und ich bin gestärket worden."

Kosme sprach: "Des Arztes Wesen Ist stets schecklicher geworden: In der Seele mir zu lesen, Hat er mir das Herz zerbrochen.

Ach, er kennt mein ganzes Leben, Und mit jedem harten Worte Hat er, ihn auf mich zu werfen, Von mir einen Berg gehoben.

Und so lieg ich ganz zerschmettert, Als sei ich gesteinigt worden; Er hat mich mit einer Kette, Die ich schmiedete, umzogen.

Aus dem Leibe nah dem Herzen Meine Eingeweide zog er, Hat, mein Übel draus zu lesen, Frech sie in die Luft geworfen.

Und ich sah es ohne Schmerzen. Seit sie wieder eingeschlossen, Wars, als seien tausend Zentner In der Seele Haus gezogen.

Boshaft sprach er: `Du genesest, Wenn auf Erden die drei Rosen In der Hand der Venus sterben, Die jetzt stehn im Garten Gottes.

Wenn dein Kind ins Kloster gehet Und bekränzt mit Liebesrosen Als Modell dem Maler stehet, Ist dir, ihr und mir geholfen.' --

Und nun rief ich: `Wehe, wehe! Wehe über diese Worte!' Und als ich ihn angesehen, Ist er deutlich mir geworden.

`Jener Bube bist du, Frecher, Der die Farben mir im Kloster Rieb, als ich in Gottes Tempel Bin ein böser Sünder worden.

In dem Namen Jesus hebe Dich von mir!' -- Da floh Apone. Ach, er ist es nicht gewesen, War der Widersacher Gottes!" --

"Vater, nicht so traurig redet! Ja, es war der Arzt Apone, Den ich gestern noch gesehen Zu Bologna bei dem Bronnen.

O, beschwert nicht eure Seele, Die in Träumen ist verworren; Wendet ruhig im Gebete Euch zum allbarmherzgen Gotte!" --

"Gutes Kind, lies mir den Zettel, Der vom Arzt geschrieben worden, Daß ich dir die Orte nenne, Wo die Kräuter sind zu holen.

Denn der Arzt sprach: `In der Nähe, Ja, in deines Gartens Boden, Werden diese Kräuter stehen, Deren Trank ich dir verordne'."

Rosablanka liest den Zettel: "Aus Sankt Clarens Garten Rosen Um die Mitternacht zu brechen Und mit Keuschlamm einzukochen.

Unser Liebfrau Bettstroh nehme, Mische es mit Venusrosen, Zu Marienschühlein menge Teufelsklau und Hahnensporen.

Und Mariensiegel breche In dem Schein des vollen Mondes, Mit Marienmantel leg es In den dir bekannten Bronnen.

Liebfraumilch und Liebfrautränen Mit unschuldger Kindlein Rosen, Findelkraut und Venusnelken Destilliere durch neun Monde.

Alle Stunden einzunehmen Und so lang zu wiederholen, Und dem Arzte schnell zu melden, Wenns nicht helfen will. Apone!"

Als sie dies Rezept gelesen, Sprach der Kranke: "Meine Tochter, Jetzo eile nach der Messe, Kehre wieder mit Benone!

Also heißt, der sie wird lesen; Er ist recht ein Heilger Gottes; Beichte will ich ihm ablegen, Meiner armen Seel zum Troste!" --

"Soll ich nicht zum Wald erst gehen, Vater, und die Kräuter holen, Weil ich sie wohl alle kenne, Außer Teufelsfuß und Krone?"

"Nein, ich muß sie selber brechen Unter Tränen, fromme Tochter; Wo ich gehe, liege, stehe, Blühen sie ja allerorten!

Gehe nun, mein Kind, und flehe Für mich um die Gnade Gottes! Mein Bekenntnis abzulegen, Will indes mein Herz ich ordnen.

Nimm die Fackel, die ich gestern Einer Schlange gleich geformet, Am Altare laß sie brennen, Bei der Mutter Totenopfer!"

Und sie nimmt die Fackel betend; Ihre Tränen niederflossen Auf den Alten, der sie segnet, Und sie wandelt aus der Pforte.

Wie sie durch den Garten gehet, Weinen morgenlich die Rosen, Und in tiefen Träumen wehen Über ihr des Waldes Kronen.

Und es wirft schon durch die Stämme Ihre Strahlen hin Aurore. Aber sieh! zur Link und Rechten Glüht am Himmel heut der Morgen.

Doch jetzt sieht bei der Kapelle Sie ins Tal herab von oben; Weh! die Röte ihr zur Rechten Ist des Pietro Hütte lodernd.

Nieder durch die Felsenwegen Eilt sie, achtend nicht der Dornen. Da sie zu dem Garten gehet, Fühlt ihr Fuß den glühen Boden.

Und der Hütte Asche hebet Wild emport der Sturm des Morgens, Der sich sonst zu wiegen pflegte In dem Busen tausend Rosen.

Als sie durch den Garten gehet, Lief um sie die wilde Lohe, Schlangen, Drachen, sengend, brennend Blum und Baum und Laubenbogen.

"Pietro, Pietro!" ruft sie bebend, "Ob er in der Glut gestorben?" Sieh, bei jener weißen Rose Steht er, die sie ihm geschenket.

Alle Bäume rings gefället Hat er zu dem Schutz der Rose, Und ihr immer Wasser gebend Geht und kehrt er zu dem Bronnen.

Als die Jungfrau er gesehen, Spricht er: "Du hast lang verzogen, Dich zum Opfer einzustellen, Das zu deiner Ehre lodert!

Alles, was du hast verschmähet, Hat die Flamme angenommen, Und sie will mich drum vermählen Mit der Asche, ihrer Tochter.

Sieh, schon kommen Hochzeitsgäste, Die Gesellen ohne Sorgen, Morgenwinde, lustig heben Sie der grauen Braut die Locken!

Ach, ich lieb sie ohne Ende! Göttlich ist sie, hochgeboren, Denn der herrlichste der Helden Stahl das Feuer von der Sonne.

Meine Braut ist deine Schwester, Du auch bist des Helden Tochter, Dem der Geier nagt am Herzen, Weil das Feuer er gestohlen.

Von den Göttern hoch gesegnet War die Mutter dir Pandore, Alle Freuden, alle Wehen Sind aus ihr nächst dir geboren.

So ist aller Lust des Lebens Buße zugeordnet worden; Meine Braut, die Asche, schwebet, Spielt die Flamme mit den Rosen.

Ach, ich liebe sie ohn Ende, Denn ich bin aus ihr geboren, Und will wieder Asche werden, Weil ich dich nicht hab erworben.

Wahrlich, sie ist deine Schwester, Denn die schöne, weiße Rose Hat sie brennend nicht verzehret, Weil sie hat für mich geworben.

Sei willkomm beim Hochzeitsfeste! Sieh die rosige Aurore Ihre gelben Locken mengen Mit der Asche meiner Rosen!

Hoch ist dies Fest geehret: Gestern hab ich dich verloren, Heute Nacht starb Rosarose, Meine Rosen diesen Morgen!"

Und nun weint er bittre Tränen Seinen sinnverwirrten Worten. Rosablanka tief beweget Spricht: "O Pietro, denke Gottes!

Pietro, du stehst ganz in Frevel, Seine Hand von dir gezogen Hat der Herr! O Pietro, bete, Daß er dein nicht denk im Zorne!

Nie bin ich dir lieb gewesen, Du hast gestern mich betrogen, Denn ich sehe deine Seele Tief in irdscher Not verworren.

Laß dem Feuer seine Rechte, Das du gen dich aufgefordert; Deine Seele zu erretten, Folge mir zur Kirche Gottes!

Und erzähl mir auf dem Wege, Was dir so den Sinn verworren! Ich will liebreich mit dir reden, Folge mir von diesem Orte!"

Pietro spricht: "O Gottes Engel, Wie du mild bist in dem Zorne!" Eine Handvoll Asche nehmend Beugt er sich dann zu dem Boden.

Und sie unter Tränen mengend In die taubereiften Locken, Spricht er, nochmals um sich sehend, Schmerzdurchdrungen diese Worte:

"O, du liebes, armes Leben! Bunter Thron des ewgen Todes! Blutig Schlachtfeld des Verderbens! O ihr aschevollen Rosen!

Meiner Hütte klare Fenster, Von Jasmin so still umzogen, Und du schattig Dach der Reben Über meiner kleinen Pforte!

Weh, es grinset wie Gespenster An im glühen Blick der Kohlen, Und der Rasen, den ich pflegte, Knirschet unter meinen Sohlen.

O ihr tausend frommen Engel, In den Lilien, in den Rosen, Morgens mit dem Gärtner betend, Sterne, Sonnen, Kelche, Kronen,

Zeihet mich mit dürrem Stengel, Daß ich alle euch gemordet, Daß ich, folgend dem Verderber, Hab gestört den Tempel Gottes!

Fromme Priester fleißger Zellen, Goldne Bienen, euer Kloster, Eures Gottesdiensts Kapellen, Eurer Andacht Stationen,

Alle liegen sie versenget, Und die Glut des bösen Opfers Und der Rauch des Feuerfrevels War für euch des Todes Odem.

Kühler Labung Marmorbecken, Glatter Rand des treuen Bronnens, Du bist in dem durstgen Lecken Dieser wilden Brunst zerborsten.

Stiller Mahner des Gescäftes, Stundenzeiger, Freund der Sonne, Du bist, Feuerschatten werfend, In der bösen Glut zerschmolzen.

Hütte, Garten, Blumen, Reben, Fromme Bienen, süße Rosen, O, du unschuldvolles Leben, Ich hab dich von mir gestoßen!

Einsam nur im Garten stehet Dort die hohe, weiße Rose; Paradies mußt untergehen, Ewig steht der Baum des Todes!"

Und nun mit der Jungfrau gehet Zu der Stadt der Trauervolle, Und sie wechseln stille Reden, Niedersehend an den Boden.

"Wann ist, Pietro, Rosarose, Deine Schwester, dir gestorben?" -- "Des Theaters Glut entgehend Fiel sie in den Arm Meliores.

Niedersprang sie von dem Fenster, Und der Sturz führt sie zum Tode. Jetzt zu ihrem Leichenfeste Gehe ich zu Jacopone." --

"So war dies die Glut, die gestern Ich sah an dem Himmel lodern! Ach, die herrliche Biondette, Ward sie heil dem Brand entzogen?" --

"An der Schwester Sterbebette War sie noch mit Jacopone!" -- "Ist dein Bruder unverletzet, Der getreue Meliore?" --

"Ich hab ihn nicht mehr gesehen, Ich hab ihn nicht sehen wollen, Und ich will ihn nicht mehr sehen, Er hat mein Geschick verdorben!

Er, der Buhler von Biondetten, Er hat mir dein Herz entzogen, Und durch ihn starb Rosarose, Sank mein Haus und meine Rosen!

Ich bin nicht zur Stadt gewesen; Als die wilde Glut da tobte, Saß ich still in meiner Zelle, In verschmähter Lieb verloren.

Und zu deinem Vater gehend, Führt Meliore den Apone, Und der falsche Bruder kehrte Zu der Stadt von meiner Pforte.

Und der weise Arzt erzählte, Kräuter in dem Garten holend, Mir den Tod der Rosarose Und die Buhlerei Meliores.

Und er warf mir in die Seele Einen Brand, der ewig lodert, Der den Garten mir verzehrte, Der mich selbst noch treibt zum Tode!"

Rosablanka rief nun: "Wehe, Wehe dir, du Höllenbote! Apo ist es nicht gewesen, Wahrhaft sprach der Vater Kosme.

Deinen Schritt zurück noch wende, Du erweckende Aurore, Lasse, was der Böse säte, Nicht erblühn in deiner Sonne!

Schauertrunkne Nacht, o kehre! Decke, die du tot geboren, All die Lügen und Gespenster Unterm Dunkel deines Zornes!"

Also spricht sie. Doch es stehen Glühnd des Morgens goldne Kronen, Zeugen ihres Angstgebetes, Auf Bolognas hohen Domen.

Und da sie beisammen stehen Bei der Linde, bei dem Bronnen, Sich schon Tagesstrahlen senken In den Schein der Mutter Gottes.

"Pietro," spricht sie, "Gottes Segen Leuchte dir in deinem Zorne!" Scheidend sah er da die Tränen, Die ihr aus den Augen quollen.

Und sie sah verwirrt umwehen Finstre Stirn die dunkeln Locken; Denn schon auf die Gipfel leget Niederschauend sich die Sonne.

Die da ewig sinkt und kehret Sündenlos im Schaffen Gottes, Kann sich nur in ihm bewegen, Ist ein Freud- und Leidenloses.

** Romanze XVII: Totenmesse -- Meliore und Rosablanka beichten

Stille herrscht in den Straßen, Und es rauscht ein Morgenwehn Durch der Gärten Lustterassen, Wo die Blumen träumend stehn.

Eine Perle, eine Träne Legt es jeder in das Herz, Und sie wenden also schöne Ihre Kelche sonnenwärts.

Und es wehen ihre Düfte Durch die schlummerstille Stadt, Durch die kühlen, regen Lüfte Weht ein einsam Blütenblatt.

Und ein Vöglein aus der Linde Flieget und das Blättlein fing, Glaubt es spielend in dem Winde Einen bunten Schmetterling.

Läßt betrogen dann es fallen In des Springbrunns Marmorrand, Und er spielt mit süßem Lallen Mit dem süßen Frühlingstand.

Und der Vogel ohne Sorgen Stürzet aus dem Bann der Nacht, In den goldnen, lieben Morgen, Der auf Turmesspitzen lacht.

Sonn und Vogel golden lachet Auf dem Kreuz, das himmlisch thront, Und es sinket überwachet In das Licht der blasse Mond.

Durch den grauen Morgen dringet Der prophetsche Hahnenschrei, Und die Schwalbe dichtend singet Ihres Traumes Phantasei.

Sieh, in einem frommen Blitze Fängt das Kreuz den Sonnenschein, Senkt ihn von des Turmes Spitze In die stillen Straßen ein.

Und der Bettler, der geschlafen Vor des Palasts Säulenkranz, Hebt sich, da ihn Strahlen trafen, Still und dreht den Rosenkranz.

Und es gehet Rosablanke Durch das römsche Tor herein, Eine Kerze trägt die Schlanke Und ein Kännlein Opferwein.

Als sie an des Altars Stufen Vor Biondettens Wohnung steht, Will die Tänzerin sie rufen, Daß sie mit zur Kirche geht.

Aber wie ward sie betroffen! An dem kleinen, stillen Haus Steht die Türe nächtlich offen: Ging so früh die Jungfrau aus?

Nein, dann hätte sie geschlossen Ehrbar hinter sich das Tor. Und nun steigt sie unverdrossen Zu der Kammer leis empor.

Und sie findet ganz zerrücket Dieser Stube Ebenmaß, An der Erde lag zerstücket Manche Urne, manches Glas.

Blumen, Federn bunt zerstreuet Und Gewänder hie und da, Das, was gestern sie erfreuet, Heute sie mit Schrecken sah.

Die zerrissnen Perlenschnüre Säten eine Tränensaat Zu des Schlafgemaches Türe, Der sich Rosablanka naht.

Und sie pochet: doch die Kammer Schweiget, und sie geht hinein. Ach! Da tritt in tiefern Jammer Noch die bange Jungfrau ein.

Weh, das Bettlein blutbeflecket, Und zerstört das Saitenspiel! Rosablanka tief erschrecket Auf die Kniee niederfiel.

Zu dem kleinen Nonnenbilde Rief sie unter Tränen aus: "O, du Antlitz, ernst und milde, Blut und Tod befleckt dies Haus!"

Und mit Angst und mit Entzücken Fühlte sie, wie wundervoll Aus des Bildes stillen Blicken Eine helle Träne quoll.

Und so ganz von Angst durchdrungen Weilt sie in dem bösen Haus, Streckt die Hände schmerzgerungen Zu dem Morgenlichte aus.

Wie verspätete Gespenster Gaben hundert Kerzen Schein, Tiefgebrannt, und durch die Fenster Sah erschreckt der Tag herein,

Den die Nachtigallen grüßen Auf des Fensters Gartenbeet, Wo ihr Bauer unter süßen Blumen eingezäunet steht.

Rosablanka geht zum Bauer, Läßt die Sängerinnen frei: "Flieht und sucht, wo eurer Trauer, Meiner Trauer Heldin sei!

Schwinget euch zu ihrer Leiche, Rufet ihren Mörder aus, Daß die Rache den erreiche, Der befleckt dies heilge Haus!"

Und die kleinen Vögel lenken Zu dem Lichte erst den Flug, Werden aber bald sich schwenken Nach des Herzens innrem Zug,

Wie das Schiff vom Lande rauschet Freudig erst ins Element Und die freie Lust dann tauschet Mit des Schiffers Ziel und End.

Doch nun kömmt der kleine Knabe, Dem sie gestern am Altar Teilte ihre Honigwabe, Sprach mit seiner Stimme klar:

"Rosablanka, nicht vergesse Über dieses Hauses Schmerz Deiner Mutter Totenmesse, Trage ins Gebet dein Herz!

Größre Trauer zu bestehen Stehet deiner Seele vor, Durch die Dornen mußt du gehen Zu des Himmels Rosenflor!

Es verließ die kleine Zelle Schon der treue Gottesmann, Kerzenhell ist die Kapelle Und der Glockenruf getan.

Zünde deine Schlangenfackel An der ewgen Lampe Licht, Sie sei vor dem Tabernakel Des Erlösers aufgericht!"

Rosablanka spricht: "O sage Mir, du blondes Wunderkind, Ob ich die, um die ich klage, Je im Leben wiederfind?"

Und er sprach: "Die Seele stehet Wieder licht in Gottes Hand, Nur der Leib, der irdisch gehet, Ist dem Dunkel zugewandt!"

Und nun wendet er sich stille, Und die Jungfrau folget nach. "Es geschehe Gottes Wille!" Sie ergeben vor sich sprach.

Und er führt sie zu Sankt Claren Durch den Klostergarten ein, Wo sich tausend Blumen paaren In des neuen Tages Schein.

Vor des Kirchleins Marmorschwelle Sproßt der schönste Rosenstrauch Und erfüllet die Kapelle Mit der süßen Düfte Hauch.

Wunderbar ist er gewunden Und geranket tausendfach, Einer Schlange gleicht er unten Und umzieht das ganze Dach.

Wo er aus der Erde dringet, Ist er dürr und ungestalt, Wo er höher an sich schwinget, Grünt und sproßt er mit Gewalt.

Links wohl alle Rosen trauern, Rechts sie freundlich lachend glühn, Und es stehn des Kirchleins Mauern Wie in Mond- und Sonnenschein.

Doch drei Sprossen sendet oben Frisch der recht und linke Zweig; Alle sechse dicht verwoben Blühen freudig alle gleich.

Durch das Kuppelfenster schauen Still sechs Rosen zum Altar, Ihre Tränen nieder tauen Auf Mariens Schleier klar.

Aber von den sechsen schimmert Eine rot und eine weiß, Und die dritte golden flimmert Aus dem wunderbaren Gleiß.

|Rosa mystica Maria| Heißt der heilge Rosenbund; |Virgo dulcis, clemens, pia| Grüßet sie des Volkes Mund.

Als die Jungfrau fromm sich neiget Und zum Weihbrunn führt die Hand, Wunderbar ein Anblick steiget Auf an seinem Marmorrand.

Vor ihr steht zwei geistge Nonnen, Blicken zu ihr ernst und mild, Reichen ihr den heilgen Bronnen; Eine glich wohl jenem Bild.

Jene, die da stand zur Linken, Wo die Rosen traurig sind, Ließ voll Schmerz die Augen sinken, Wie die Mutter auf das Kind.

Als die Magd von ihren Händen Das geweihte Naß empfing, Suchte sie ihr zu entwenden Von der Hand Biondettens Ring.

Als die Jungfrau dies empfindet, Schloß sie schreckhaft ihre Hand Und das Nonnenpaar verschwindet Seufzend an des Brunnens Rand.

Aber in der Seele stehet Ewig nun dies Antlitz fest, Wo sie ruhet, wo sie gehet, Dieses Bild sie nie verläßt.

Doch nun steckt sie Kosmes Kerze An der ewgen Lampe Glut, Will sie dann mit frommen Schmerze Pflanzen, wo die Mutter ruht.

Doch sie findet aufgedecket Der geliebten Toten Gruft, Und: "O Jungfrau, nicht erschrecke!" Eine Stimme zu ihr ruft.

Und es tritt der blonde Knabe, Der sie bis hierher geführt, Lächelnd aus dem offnen Grabe Zu ihr, die sein Anblick rührt.

Denn es war, als stieg das Leben Aus dem schweren, tiefen Tod; Also wird ein Engel schweben In dem letzten Abendrot.

Und er wird der Sonne winken Die dann sinket nimmermehr, Und die Erde wird ertrinken In des ewgen Lichtes Meer.

Alle Schatten werden leuchten, Alles Dunkel wird erglühn, Und die Welten werden beichten Vor dem Lichte auf den Knien.

Und der Knabe sprach: "Geschauet Hab ich Rosarosens Gruft, Wo sie heut wird Gott vertrauet, Bis der Herr uns alle ruft.

Rosatristis, die begraben Hier mit Rosaläta steht, Sie wird heut Gesellschaft haben, Blumen, die sie ausgesät.

Schön ist diese Gruft geweitet, Für sechs Särge ist noch Raum, Daß die Wurzel sicher breitet, Wie den Zweig, der Rosenbaum.

Vor der offnen Gruft nicht bange, Stell vor deines Stammes Haus Hell die Fackel; eine Schlange, Spricht sie wohl die Sünde aus.

Bete! Ich muß von dir scheiden, Denn ich führ das Kinderchor, Um die Leiche zu begleiten, Hier zu ihres Tempels Tor!"

Nun verließ er die Kapelle. Zum Altar Benone zieht, Ihm zu dienen auf der Schwelle Meliore betend kniet.

Als die Jungfrau ihn erblicket, Von der Wunde siech und bleich, Fühlet sie das Herz erquicket Und zerdrücket allzugleich.

Denn er gleicht in allen Mienen Jenem, dem sie Rosen gab, Als die Schlange ist erschienen In dem Garten bei dem Grab.

Mit dem bei des Altars Schwelle Morgens sie die Kränze wand, Der den Ring bei der Kapelle Reißen wollte von der Hand,

Den sie eng mit sich verbunden Dann in heimlichem Gesicht, Das sie tief verschweigt, gefunden; Beten, ach! vermag sie nicht.

Neben ihr das Licht als Schlange Und die offne Totengruft, Und der Mann, macht ihr so bange, Und der tausend Rosen Duft.

Was sie nimmer hat gefühlet, Woget durch die keusche Brust, In dem Herzen brennt und kühlet Ihr ein Leid und eine Lust.

Immer muß sie nach ihm sehen, Ob er nicht sein Antlitz kehrt, Und vor Scham möcht sie vergehen, Wenn er ihren Wunsch gewährt.

Und in züchtig bangen Schmerzen Werden tausend Wünsche frei; Ach, sie wünscht, verwirrt im Herzen, Daß er eine Jungfrau sei.

Und sie möchte mit ihm gehen In vertrauter Liebeswahl, Möchte mit ihm niedersehen Von dem Berge in das Tal.

Würde er wohl träumend schweigen, Wenn ein Abendvogel singt? Würde er die Hand mir reichen, Wenn die Sonne untersinkt?

Ach, ich würde ihn verstehen, Wüßte stets, was er gedacht, Würde seine Blicke sehen, Deckt ihn gleich die stumme Nacht.

Und wenn ewig untersänke Mir das süße Tageslicht, Er, den ich so herzlich denke, Er versänke mir doch nicht.

Ja, er müßte mich erhalten Mit der treuen, starken Hand, Wollte sich die Erde spalten, An des Abgrunds steiler Wand.

Halte, halte, ach ich gleite! Doch der starre Felsenschlund Blühet mir an deiner Seite Wie ein duftger Wiesengrund.

Mondvoll sind die Finsternisse, Eine Rose ist mein Mund, Deine Worte werden Küsse In dem zauberischen Bund!

Also trieb vor ihrer Sonne Sich der Träume Wolkenflug, Und in wunderbarer Wonne Ihre Seele Wogen schlug.

Aber von der Schlangenkerze Traf ein Funken ihre Hand, In des Brandes scharfem Schmerze Sie die Sinne wiederfand.

Bei der Gruft erschien die Kerze, Gleich der Schlange jener Gruft, Die heut früh zu ihrem Herzen Zückte aus dem Rosenduft.

Und Meliore glich dem Manne, Der so ernstlich warnt und sprach, Doch mit seines Blickes Banne Jetzt ihr krankes Herz zerbrach.

Sieh, da küßt die volle Sonne Jetzt Mariens Altarbild, Und es deckt mit Glanzeswonne Nochmals sie der Jungfrau Schild.

Und mit kindlicher Gebärde Senkt die Magd ihr Lockenhaupt, Spricht: "Die Schlange tritt zur Erde, Die dir deine Rosen raubt!"

Und in Tränen ganz zerschwimmend, Fühlet sie die Gnade mild, Dennoch in den Tränen glimmend Sieht sie nur des Jünglings Bild.

Und ihr Herz, sie anzuklagen, Ewig: "|mea culpa!|" spricht, Und sie braucht nicht dran zu schlagen, Weil es schon in Ängsten bricht.

Wie sie auch die Blicke wendet, Ihn, und immer ihn, sie sieht, Gleicht dem Auge, das geblendet Nie dem Sonnenfleck entflieht.

Von des Meßrocks schwarzem Grunde, Zu des Kelches blankem Gold, Zu der Kuppel Rosenrunde, Sie die süßen Augen rollt.

Doch es war ein liebend Schweifen, Denn sie suchte, was sie floh, Floh ihn, um ihn zu ergreifen, Und ward ihrer Sorge froh.

War sie endlich ihm entronnen, In der Rosen Labyrinth, Das der Kuppel Fenstersonnen Wie mit einem Netz umspinnt,

Wo die süß gefangnen Strahlen Offner Rosen Busen wiegt Und das Licht, des Duftes Schalen, Wie ein Schmetterling umfliegt,

Ist die Seele eingeträumet In des blauen Himmels Aug, Daß sie selig überschäumet In des Wohlgeruches Hauch:

Sieh, das rasselt mit der Schelle Meliore am Altar, Und sie findet auf der Schwelle, Dem sie kaum entronnen war.

Also geht des Opfers Feier Ihr vorüber ohn Gebet, Und auf ihrem Mund der Schleier Von den heißen Seufzern weht.

Doch als sich Benone kehret: "|Ite missa est!|" nun spricht, Was so ängstlich sie beschweret, Plötzlich mit ihr niederbricht.

Wie vom Taue überfüllet Eine Blume niedersinkt Und ihr Haupt in Staub verhüllet, Der nun ihre Tränen trinkt,

Also neigt in tiefer Demut Sie die Stirne voller Schmerz, Und der Tränenkelch der Wehmut Sinkt in ihr verwirrtes Herz.

Lämmlein, fromm an sonngen Hügeln, Stürzt nicht an dem Wasserfall; Vöglein, unter Mutterflügeln, Schreckt nicht vor des Sturzes Schall!

Wo auf süß beraster Stelle Sonst die keusche Hirtin sang, Da erwühlt sich eine Quelle, Stürzet von dem Felsenhang.

Und die Lämmer, bunt geflecket, Stürzet nach dem Abgrund hin, Aus dem Schlummer aufgeschrecket, Hält sie nicht die Schäferin.

Hirtin, Hirtin, nach den Höhen Lenke rettend deine Flucht, Um der Welle zu entgehen, Die ja selbst die Tiefe sucht!

Doch sie stehet schon geschürzet In der heilgen Grotte Raum, Und die Welle nach ihr stürzet, Folgend ihres Mantels Saum.

Aber als sie niederknieet Vor dem kleinen Felsaltar, In der Höhle Dunkel siehet Sie gedrängt der Lämmer Schar.

Und sie dankt dem Gnadenbilde Ihrer Herde Rettung itzt, Das auch mit dem Wunderschilde Sie in banger Flucht geschützt.

Und sie findet auf der Schwelle Ihren Schäferstab und Hut, Hierher führte ihn die Welle Von dem Ort, wo sie geruht,

Die nun tiefer ab sich stürzet Von der steilen Felsenwand, Wo der Kräuter süß Gewürze Nun von ihr erquicket stand.

Und die Hirtin tritt ins Freie, Von den Lämmern bang umdrängt, Sieht, wie eine neue Weihe Fels und Tal und Quell empfängt;

Wie der Quell von Felsengipfeln Stürzt und springt und widerspringt, In der Schluchten Tannenwipfeln Sich, ein kühner Jüngling, schwingt;

Wie der Wald sich ihm erbieget Und in manchen Arm ihn flicht, Oder wie er stürmisch sieget Und die Zweige niederbricht;

Und wie heilge Sonnenblicke Bauen in dem Wasserrschaum Eine Regenbogenbrücke, Friede sinket in den Traum.

Und der Adler, den dem Neste Wild entstürzt die neue Flut, Staunend ob dem heilgen Feste Schwebend überm Bogen ruht.

Und es scheut ihn nicht die Taube, Segelt aus dem Felsenspalt, Denn ein wunderbarer Glaube Tuet aller Welt Gewalt.

Und die Lämmer ruhig schauen Von der steilen Felsenbrust, Lassen sich ds Vlies betauen Von des Wasserfalles Lust.

Denn es waltet ein Vertrauen, Und der Hirtin frommes lied Tönet durch die selgen Augen, Bis die Sonne niederzieht.

Solcher Schreck traf Rosablanken, Solche Ruh hat sie erquickt, Als aus irdischen Gedanken Sie ein tief Gebet entrückt.

Als sie wieder sich gefunden, War schon einsam der Altar, Und Meliore zeigt die Wunden Seines Herzen beichtend dar.

An dem Beichtstuhl kniet Meliore, In der kleinen Sakristei, Und bekennt des Priesters Ohre, Welcher Sünd er schuldig sei.

Und erzählt ihm die Geschichte Dieser wunderbaren Nacht, Die in einem Traumgesichte Zu Biondetten ihn gebracht.

Daß die Wunde er empfangen, Zeigt und fühlte seine Brust, Was sonst über ihn ergangen War ihm angstverwirrte Lust.

Und Benone hört mit Schauer Seiner bangen Worte Hast, Bis die Tränen seiner Trauer Lindern seines Herzens Last.

Als der Jüngling lang geweinet, Da erließ er ihm die Schuld: "Friede, Herz! Die Sonne scheinet," Sprach er: "fühl des Himmels Huld!"

Und zur andern Seite beuget Rosablanka nun das Knie, Spricht: "Das Ohr, o Vater, neiget Einer armen Sündrin hie!"

Sie bekennt ihm die Verirrung Ihrer Sinne im Gebet, Wie in seltsamer Verwirrung Sie seit manchen Tagen geht.

Wie sie in Biondettens Kammer Heut Verwüstung fand und Schmerz; Also zeiget sie voll Jammer Ihm das eigne kranke Herz.

Und vertraut ihm Kosmes Leiden Und der letzten Nächte Qual, Bittet ihn, sie zu begleiten In das stille Tränental.

"Deine Schuld, mein Kind, zu büßen," Sprach Benone, "ist genug, Folgst du fromm mit bloßen Füßen Rosarosens Leichenug.

Meliore wird dich leiten. Wenn die Erde sie umschließt, Will ich dich ins Tal begleiten, Wo den Vater du verließst."

Ruhig hört sie ihn und weinet, Da erließ er ihr die Schuld: "Friede, Herz! Die Sonne scheinet," Sprach er, "fühl des Himmels Huld!"

Nun verläßt sie die Kapelle. An des Weihbrunns Marmorrand Steht Meliore bei der Schwelle, Reicht ihr segnend seine Hand.

Abermals die beiden Nonnen Sieht sie stehn mit tiefem Blick, Und sie bebt vom Weihebronnen In erneuter Angst zurück.

Und sie tritt mit dem Gesellen In den lichten Garten ein, Und des Lebens rege Wellen Lachen in dem Sonnenschein.

Und sie fühlen alle beide, Daß sie ihre Schuld bekannt, Gehn in Freude sich zur Seite Durch das blumenvolle Land.

Selig, wer solch Heil gefühlet, Wer die sündenvolle Brust In der Beichte hat erkühlet, In der Reue frommer Lust!

O unendliches Erbarmen, Ja, ich fühle dich mir nah, Auch mich trugst du in den Armen, Daß ich Gottes Antlitz sah!

Zu der Beichte gehn die Sünder, Schleppend eine tote Welt, Aus der Buße wie die Kinder Tummeln sich durchs Blumenfeld.

Alles wird zum Paradiese. Mensch und Tier versöhnet sind, Und die Blumen senden Grüße Von dem süßen Jesuskind.

O, wie lacht der Garten heiter! Funkeln nicht die Blumen schön? Und der Himmel scheinet weiter In der Vögel Lustgetön.

Aber sieh! Zwei Nachtigallen Flattern bange um sie her, Wo sie gehen, wo sie wallen, Und verlassen sie nicht mehr.

Und Meliore bricht das Schweigen: "Was bedeutet wohl, mein Knd, Daß die Vögel nicht mehr weichen, Die doch sonst nicht heimlich sind?"

Rosablanke spricht: "Die beiden Habe ich wohl gleich erkannt, Ach, sie klagen uns ihr Leiden, Haben sich uns zugewandt.

Ihre Herrin ist verschwunden, Heute früh gab ich sie frei; Daß sie wieder sie gefunden, Saget uns ihr Wehgeschrei."

Daß sie von Biondetten spreche, Wußte zwar Meliore nicht, Doch es stürzten Tränenbäche Von dem bleichen Angesicht.

Und sie wagt ihm nicht zu sagen, Wie sie jener Kammer fand, Denn schon hatte ihn geschlagen Allzusehr des Schicksals Hand.

Und sie ließ die Vöglein flehen, War sie doch wie sie gebannt, In das Antlitz ihm zu sehen, Das zur Erde er gewandt.

Meliore sprach: "Ich glaube, Diese Vögel flehn um Schutz Vor des wilden Geiers Raube Oder böser Buben Trutz.

Laß uns ihren Flug begleiten!" -- Ach, er kannte nicht ihr Leiden! Und hinaus zum Garten schreiten Ernst und ahnungsvoll die Beiden.

** Romanze XVIII: Biondetta ersticht sich

"Apo, Apo, laß mich ein!" Rufet aus des Turmes Grunde Samael, der Herr der Stunde, Zwölfmal aus kristallnem Munde.

Auf und nieder in dem Turme Steigt Apone ohne Ruhe; Weil der König ihn besuchet, Muß sein Haus geordnet sein;

Seine Kammer macht er rein. Bibeln, Kreuze, heilger Plunder, Aller Sprachen Vaterunser, Lagen da seit seiner Jugend.

Zu den Stufen all hinunter Stürzet er die heilgen Kunden, Daß es in dem Turme summet, Wie zum Brunnen plumpt der Stein.

Alles muß er tun allein, Und er tut es unter Fluchen, Daß der untertänge Pudel, Der abwesend ist zur Stunde,

Daß der Hund im Doktorhute Seine Kranken jetzt besuchet! Doch die Not erhält ihn munter Und des Geistes lautes Schrein.

Seine Kammer schmückt er fein. Frauenwurz wohl vier Gebunde, Totenblume, Hundeszunge Legt er zierlich in die Runde.

Männlein klein von Alraunwurzel, Ausgerupft im Galgengrunde Von dem schwer verfluchten Hunde, Setzt als Wächter er dabei.

Und ein Basiliskenei, Kinderfinger, einzutunken, All dem König zum Genusse, Muß bei diesem Mahle prunken.

Seinen Dolch befleckt mit Blute Stößt er in die mitte Stube; An dem Hefte der Karfunkel Soll des Mahles Fackel sein.

"Apo, Apo, laß mich ein!" Rufet aus des Turmes Grunde Samael, der Herr der Stunde, Zwölfmal aus metallnem Munde.

Apo blickt noch zu dem Buche, Das ihm Moles aufgefunden: "Wo verberg ich es jetzunder Vor dem scharfen, hellen Geist?"

Von dem Pulte er es reißt, Und an einen Stab gebunden, Steckt er es hinaus zum Turme Durch der Kuppel offne Luke,

Daß die Blätter, in dem Sturme Hin und her geweht, die Wunder Ihres Inhalts lauf ausrufen, In dem klaren Sternenschein.

Das könnt ihm verderblich sein; Doch sie drehen sich so munter, Eines geht im andern unter, Und so ists, als wenn es ruhte.

Und der Geist, emporgerufen, Schwebet leuchtend auf den Stufen, Und des Turmes Wände funkeln, Wo sein Silberfittig streift.

Schimmernd durch die Kammer schweift Dann der Geist und spricht: "Gelungen Ists dir, Apo, aufzuputzen Deine Stube zum Besuche!"

An dem golden Weberstuhle Sitzet Apo, und die Spule Treibt er hin durch hell und dunkel, Webt des Geistes Flügel ein.

"Samael, ich webe fein." Spricht er, "nun erst ists gelungen, Da ich, Schelm, dich fest gebunden, Nun entflieht mir nicht die Stunde!" --

Listig hast du mich bezwungen," Spricht der Geist und nimmt die Spule, "Web ich alles dir zum Wunsche, Läßt du mich dann wieder frei?" --

"Webe bis zum Hahnenschrei! Ist dir dann das Werk gelungen, Ist Biondetten mir errungen, Dann sei Freiheit dir bedungen!" --

"Apo, zähme deine Zunge," Spricht der Geist, "du mußt verstummen! Auf die Spule sieh, und tue, Was dir mein Gewebe zeigt!"

Apo blicket scharf und schweigt. Vor ihm fliegt auf dunklem Grunde Flammend hin und her die Spule, Seine Sinne gehen unter.

Dunkler bald, bald wieder bunter Woget er in Traumes Wunder, Bild und Weber ist verschwunden, Und er glaubet sich allein.

Sieh! Da springt mit blutgem Schein Feuerschrift aus dunklem Grunde, Und die Lettern laufen munter Wie die Funken an dem Zunder.

Und Apone liest verwundert: "Fest ist dieser Jungfrau Tugend! An die Sünde angebunden Sie wird uns verderblich sein.

Du bist blutig, sie ist rein! Nur in Blutschuld geht sie unter, Wenn ein Mann aus ihrem Blute, Den sie liebt, im Arm ihr ruhte!"

Also las er, und ins Dunkel Ist die Schrift dann eingesunken. Schnell greift Apo nun zum Kruge, Voll von giftgem Zauberwein.

Gießt ein Philtrum noch hinein, Reißt den Dolch dann aus dem Grunde, Der im Zauberrunde funklet, In das Gift ihn tief eintunkend.

Und erinnernd sich des Spruches, Den er las am Weberstuhle, Spricht er: "Was auch webt die Spule, Dennoch lock ich sie herein!

Hat den Jüngling sie allein An der Türe ruhnd gefunden, Den ich eile zu verwunden, Trägt sie ihn gewiß zur Stube!

So mag er im Arm ihr ruhen, Und verbindend seine Wunde, Bleiben von dem giftgen Blute Ihre Hände nimmer rein,

Und sie wird bezaubert mein! Sicher vor dem kranken Buhler Bleibt mir ihres Leibes Blume, Die ich selber will entwurzeln.

Las ich doch in meinem Buche, Daß ich ihres Vaters Bruder; Da sie stammt aus meinem Blute, Sei die Lust der Blutschuld mein!"

Und er folgt dem Feuerschein, Der noch auf den hundert Stufen Von des Geistes Flügeln funkelt, Schleichet murrend aus dem Turme.

Er umgeht das Bild des Brunnens; Venus dominiert zur Stunde, Und Maria tut kein Wunder Freitag nachts im Mondenschein.

An Biondettens Tür allein, In den Mantel eingewunden, Sieht er seinen Nebenbuhler Und versetzt ihm Todeswunden.

Als Meliore hingesunken Und sein Blut das Gift getrunken, Eilt Apone zu dem Turme. Tat ers, war es Zauberei?

Daß er jetzt ein Mörder sei, Hat er schwerer nicht empfunden, Als den Weg zum Turm hinunter Und hinan die hundert Stufen.

In der Kammer sitzt er dunkel; An dem Dolche den Karfunkel Traf ein Tropfen von dem Blute, Und es starb der Edelstein.

"Mag sie nun zu Hause sein? Ihre Türe hat geklungen!" Und er blicket von dem Turme Seufzend nach Biondettens Stube.

Auf Bologna ist die Ruhe, Mondeskühle hingesunken, Einsam, nächtlich von dem Turme Nur der Totenvogel schreit.

Da springt aus der stillen Zeit Ihre Stimme klangumwunden, Kerzenhell ist ihre Stube; Apo sieht das Liebeswunder.

Auf ihr Lager hingesunken Liegt Meliore, heiß umschlungen Von Biondetten. Apo fluchet. "Wehe, wehe!" schreit der Geist,

"Des Gewebes Faden reißt!" Schreit der Geist am Weberstuhle Und lebendig schießt die Spule, Ohne Meister, ungebunden.

"Mußt du Tölpel auch da fluchen, Da die Arbeit schier gelungen! Rückwärts fliegt die freie Spule, Meine Flügel werden frei!" --

"Webe bis zum Hahnenschrei," Spricht nun Apo, "wie bedungen!" Und er hat sich losgerungen Und gen Morgen hingeschwungen.

Und hineilend durch die Luke, Riß er gierig in dem Fluge Aus dem sturmdurchwehten Buche Wohl der goldnen Blätter drei.

Dann mit einem Jubelschrei Macht er um den Turm die Runde, Stürzet jauchzend mit dem Funde Nieder dann in nächtge Dunkel.

"Soll der Mord mir nun nicht fruchten? Bleibt Biondette unerrungen?" Klagt der Meister, und im Turme Schlägt die Viertelglocke drei.

"Apo zählet eins bis drei: "Wohl, die dreimal fünf Minuten Sind mir andre noch gebunden, Ist der Weber gleich verschwunden."

Nun nimmt aus des Turmes Kuppel Er die giftig grüne Kugel, Öffnet sie. Ach! nackend ruhet Drin ein wächsern Jungfräulein.

Goldner Haare süßer Schein Fließt ihm von den zarten Schultern, Türkis sind die Äuglein funkelnd, Ein Rubin lacht auf dem Munde.

Recht für Engel ein Puppe! Zwei Rubinen trägt der Busen, Überm Herzen ihm figuret Ist ein goldnes Röselein.

Einen roten Faden fein Schlingt ihm Apo um den runden Hals und stellt das kleine Wunder In den Kreis zum Zauberplunder.

Und er betet still mit Murren In des Zirkels mächtger Runde, Zieht mit bösen Bannes Zuge Fremde Gäste in den Kreis.

In das zauberische Gleis Zieht daher, mit fremdem Schmucke, Stolz auf des Kameles Buckel, Sarabot, mit seinem Zuge.

Ihm folgt eine Blume, duftend, Eine Taube, zärtlich murrend, Dann wie Sterne rein und funkelnd, Nackt ein freundlich Geisterweib.

Klar, kristallen scheint ihr Leib; Aus der Locken tiefem Dunkel Blicken ihre Augen funkelnd, Kalt und lachend und betrunken.

Wie der Zug um Apo rundet, Spricht zu ihm der König murrend: "Trocken ist mir meine Zunge, Wer ists, der den Becher reicht?"

Und von dem Kamel steigt Zürnend er, und mit dem Fuße Stampft er, daß der Turm im Grunde Schwanket wie ein Schiff im Sturme.

Und gekrümmt gleich einem Wurme Beugt sich in des Zirkels Runde Apo, dunkle Worte summend, Bis das Schwanken ging vorbei.

Und mit einem lauten Schrei Klagt das Geisterweib: "Mich dürstet!" Fragt die Taube nach dem Trunke, Sprach: "Mich dürstet!" auch die Blume.

Und Apone sprach ermutet: "Besser wär es, wenn ihr ruhtet, Von der Eile so durchglutet Kann der Trunk euch schädlich sein.

Saget erst, nach welchem Wein Also heftig euch gelustet, Daß ihr also schreien mußtet?" Und sie schrieen all: "Nach Blute!" --

"Warum hast du, böser Bube," Spricht der König, "mich gerufen, Da in wenigen Minuten Schon mein kurzes Reich vorbei?"

Durch das Basilikenei Bringet Apo sie zur Ruhe, Und die Taube, schnabelzuckend, Pickt die Schale schnell hinunter.

Sarabot das Weiße schlucket, Und das Gelbe zum Genusse Reicht er, nebst dem Hahnenpunkte, Hin dem klaren Geisterweib.

Und daß nicht vergessen bleib Auch die Zauberblume duftend, Stürzet sie die Schalenkuppe Über sie gleich einem Hute.

Apo spricht: "Es fehlt am Trunke; Ach! ein Fäßlein süßen Blutes Hatt ich halb heraufgewunden, Als der Strick mir tückisch reißt.

Mir hat Samael, der Geist, Nicht gehalten, was bedungen, Hat sich los von mir gerungen Und gen Morgen hingeschwungen!"

"Und wo ruht der Most jetzunder?" Fragt der König. "Herr, er ruhet Unter jenem kühlen Brunnen, Wo die Sabbatgöttin weilt.

Wollt ihr trinken, o so eilt, Weil er jetzo gärend sprudelt, Da der Venusstern noch funkelt Bis zur mitternächtgen Stunde.

Da ich wußte, was euch munde, Hängt ich würzend zu dem Spunde Von Muskaten ein Lunte, Schwefelglühend, erst hinein!" --

"Wohl, ich sorge für den Wein!" Spricht der König. "Munter, munter Sei der Strick hinabgewunden Aus der Venus Lockendunkel!"

Doch es will das Weib nicht ruhen, Weil der König heftig rupfet; Apo gibt ihr drum die Puppe, Daß sie spielend sich zerstreu.

Und sie treibet Kinderei; Aus dem Kelch der Zauberblume Machet sie dem Kindlein Schuhe, Küßt sie, drückt sie an den Busen.

Doch es glänzt ihr zum Verdrusse Auf dem Herz der kleinen Puppe, Und sie riß es gern herunter, Jenes goldne Röselein.

Und sie drückt das Herz ihm ein Mit des Fingers hartem Drucke. So beschäftigt ohne Zucken, Dient dem Geiste sie zur Kunkel.

Und aus ihren Locken munter Dreht den Faden er, hinunter Trägt die Taube ihn die Stufen Zu Biondettens Kämmerlein.

Dem Kamele an ein Bein Wird der Faden angebunden, Und dies macht so lang die Runde, Bis der Faden aufgewunden.

"Ist das Fäßlein ausgetrunken, Geb ich dir zum Eigentume Des Getränkes schönen Brunnen!" Spricht der König und erbleicht.

Denn schon durch die Kammer streicht Bang die Taube, und es zucket Schon der Hammer in dem Turme, Drohend mit der zwölften Stunde.

Doch es schaukelt mit der Puppe, Daß gewieget sie entschlummre, Singt ein Lied, sie einzulullen, Jetzt das klare Geisterweib:

"Hast du gleich kein Herz im Leib, Hast du doch zwei ganze Schuhe. Schlummre, schlummre, ruhe, ruhe, Träume von der bunten Kuhe!

All die Bienlein, die gesummet Zu den wunderlichen Blumen, Belladonna, Frauenschuhe, Um zu bilden deinen Leib,

Ziehen jetzt zum Zeitvertreib In die lustge Rockenstube, Wo die schlanken Wasserjungfern Drüben bei dem grünen Sumpfe

An des Storches rotem Strumpfe Stricken, und sie singen Wunder, Hundert kunterbunte Wunder, Von dem Meister Langebein.

Wie er holt die Kindlein klein Aus dem milchgefüllten Brunnen, Wie dem Mond die karge Mutter An dem Rock stets tät zu kurze

Und ihm aus dem blauen Schurze Nimmer ganz die Mütze rundet; Von des Eichhorns lustgem Sturze In den kalten Born hinein,

Da sein Schatz im Mondenschein Wollte lugen in den Brunnen, Ob sie sehe ihres Buhlen Abbild in der Wassergrube,

Und um mit hineinzugucken, Tät er bücken sich und ducken, Fiel und mußte Wasser schlucken. Ei, wie lief das Jungfräulein!

Schlaf, mein Püppchen, schlafe ein! Herdesglut ist eingesunken, Und das Heimchen grillt im Dunkel Nun das Märchen von dem Funken,

Der der Köchin, die betrunken Schlief, eh sie ihr Lied gesungen, In den wüllnen Rock gesprungen Und verbrennet ihr den Leib,

Daß sie ward gleich einem Weib; Und wie aus dem falschen Kruge Für den Schwulst sie Salbe suchte, Auf den Besen stieg und fluchte,

Wider Will den Ritt versuchte Zu der klugen Frauen Runde, Wo die Hausfrau sie gefunden, Tanzend um den Bock den Reihn.

Als sie christlich wollte schrein, Fiel sie durch den Schlot herunter; Morgens saß sie ganz berußet In der heißen Aschengruben;

Und die Schornsteinfegerbuben Singen ihr: "Aus unsrer Schule Schwatzte heut mit dir dein Buhle, Doch sein Besen fegt nicht rein!"

"Mutter, es soll Wahrheit sein!" Sprach sogleich ein schwarzer Junge, Der mit einem kühnen Sprunge Aus der Schürze kam gesprungen!

Schlummre, süßes Püppchen, schlummre, Bist du dumm, es gibt noch Dummre, Bist du stumm, es gibt noch Stummre, Schlummre, schlummre, Püppchen, ein!

Bald miau! Die Katzen schrein, Machen Diebs- und Liebesrunde, Brünstig, günstig ist die Stunde, Zu dem Mondmann heulen Hunde.

Sieh! Dort auf dem Wiesengrunde Tanzen jetzt die Elfen munter Unterm Knabenkraut hinunter, Das die Blätter niederstreut.

Kind, sie spielen Lotto heut, Schreiben auf die Blättchen Nummern, Und du darfst nur kühnlich schlummern, Denn dir kommt dein Glück im Schlummer.

Du gewinnst die beste Nummer, Eine Braut wirst du im Schlummer, Und dich wecket ohne Kummer Hochzeit, Hochzeit, hohe Zeit!

Mondschein deckt dein Bettlein breit, Tu dich zu dem Bräutgam ducken, Wenn die Wichtlein Jubel rufend Auf den Stufen ihre Krucken

Brechen, durch die Ritzen gucken Und zum Schlüsselloch einschlupfen: Wenn sie an der Decke zupfen, Strecke nur heraus kein Bein!

Ei, die Nacht ist wunderfein! Vor der Kröt auf hohem Stuhle Singen Frosch und Unk im Pfuhle, Eine heilge Judenschule.

Und der Irrwisch hüpft betrunken, Wo der Musikant versunken; Brünstig glühn Johannisfunken, Wo jüngst fiel ein Jungfräulein,

Als ihr Buhl ihr stellt ein Bein Und ihr Kränzlein ohn Vermuten Fiel in eines Schatzes Gluten, Der im Acker eingetruhet

Blank zu ihren Füßen ruhet. Heim trug sie den Schatz zur Stunde, Schwerer war noch viele Pfunde Ihr lebendger Edelstein.

Schlaf, mein Püppchen, schlafe ein!" Also hat das Weib gesungen Mit verwirrter, süßer Zunge, Und der Zauber ist gelungen. --

Denn Biondette, schlummertrunken, Folgt des Zauberfadens Zuge, Geht zur Linde, und am Brunnen Liegt vor ihr ein Knabe fein.

"Jungfrau, ach, erbarm dich sein!" Spricht sie, legt den kleinen Buben Auf des Altars höchste Stufe, Wo sie einst auch ward gefunden.

"Bleibe unten, bleibe unten, Bete erst ein Vaterunser!" Hört sie jetzt den Knaben rufen, Doch sie soll verloren sein.

Und sie zieht zum Turm hinein, Steigt hinan die dunklen Stufen; Immer schwächer hört sie rufen: "Bleibe unten, bleibe unten!"

Bis die Stimme ganz verschwunden; Und Biondette, traumumwunden, Steiget jetzt die letzte Stufe, Gehet zu dem Mahl hinein.

Rosablankens Nadel fein, Um die sie das Haar gewunden, Zieht sie aus dem Lockenbunde, Die ihr golden niederfluten.

Nächtlich bloß den keuschen Busen, Tritt sie an die Zauberspuren, Und von ihrem Herzen funkelt Hell das goldne Röselein.

"Muß ich denn verloren sein? O Maria, Gottes Mutter, Der ich einstens ward gefunden, In die Windeln eingewunden,

Denke meiner frommen Stunden, Lasse sterbend mich gefunden!" Lallt sie, peinlich traumumwunden, Zu der reinen Seele Heil.

"Sei gegrüßt, du Todespfeil, Sei gegrüßt mit reinem Munde, Der nie freche Lust getrunken, Keuscher Tod in keuscher Wunde!

Flieh, du letzte sündge Stunde! Märtyrkrone sei errungen!" Dann ruft sie mit kühner Zunge: "O Maria, erbarm dich mein!"

Und die goldne Nadel fein Stößt sie in den reinen Busen Durch die goldne Rosenblume, Sinket nieder, heilig blutend.

Und es schlägt die zwölfte Stunde. "Weh, zu spät ists zu dem Trunke!" Schreit der König, und geht unter.

** Romanze XIX: Moles in Biondettens Leiche

Triumphiert, ihr guten Geister, Es zerbrach der falsche Thron! Apo, dem verfluchten Meister, Sind die Diener all entflohn.

Heilger Sabbat, betend steige Auf im Ost dein frühes Rot! Über dieser Jungfrau Leiche Schimmre lieblich hin der Tod!

In des Morgenlichtes Streifen Sehe ich ein Flammenboot Selig durch die Rosen schweifen, Mit den Segeln purpurrot.

Rosarosa, still geneiget, Führt das Steuer treu und fromm, Rosadora zu ihr steiget, Daß sie auch zum Heile komm.

Jene keusch den Mantel breitet Um der Schwester Seele bloß; Freudig nun der Kahn hingleitet Durch den blutgen Tränenschoß.

Zu des Traumes Insel streichet Ihre Fahrt, zum stillen Mond, Den in Sonn und Tränen bleichend Die unschuldge Schuld bewohnt.

Wo die kleinen Kindlein weinen, Die der Tod ums Licht betrog; Auf dem Totenkränzlein scheinen Morgens ihre Tränen noch.

Ungetaufet sie verweilen Singend vor des Himmels Tor, Und die Tränentauf erteilen Tauend sie dem Blumenflor.

Rosarosa lehrt die Kleinen, Die auf Erden sie verlor, Rosadora wird erscheinen, Führerin in diesem Chor.

Bis die Rosen sind befreiet Aus ererbter Sünde Not, Bis zum Kranze sie gereihet Selig steigen aus dem Tod,

Singet Jungfraun, Kindlein weinet An dem goldnen Himmelstor, Bald Maria euch erscheinet Mit der Engel selgem Chor.

Aber blickend nach der Reinen, Taucht die Sonne jetzt empor, Hüllet dann sich, um zu weinen, In der grauen Wolken Flor.

Und ein dichter Nebelschleier Über ihres Hauptes Gold Zu des Tages Totenfeier Traurend tief herniederrollt.

Wie ein Trauerhaus bekleidet, Steht umwölkt das Himmelstor; Sonnenlos, leidtragend schreite Bleich der junge Tag hervor.

Asche auf die Hügel streuend Wandelt hin der Göttersohn, Und Aurora weint bereuend, Daß er ihrem Schoß entflohn.

Und sie spricht: "Aus schweren Träumen Aufgeschrecket muß ich schon Dir mit blutgem Purpur säumen Deiner Trauer trüben Thron.

Wo die Nacht den Flügel breitet Über Schlaf und über Tod, War mein Lager heut bereitet Unter böser Träume Not.

Boten auf und nieder steigen Zwischen Erde, zwischen Mond, Sah ich zu des Abgrunds Reichen, Wo die Brut des Fluches wohnt.

Einen hört ich freuig schreien, Der etwas verkünden wollt, Und zur Erde niederstreuen Blätter, deren Schrift von Gold.

Dann in wunderbaren Weisen Sang er stammelnd Gottes Lob, Der zu höhern Lichtes Kreisen, Sein erbarmend, ihn erhob.

Er verschwand mit Benedeien, Und zum Grund vom blauen Dom Zog hinab mit Maledeien Ein gespenstisches Phantom.

Mit der Taube und dem Weibe Sah ich unter Fluch und Spott Sein Kamel zum Abgrund treiben Den verbuhlten Sarabot.

Und er riß vorüber schleichend Mir vom Haupt des Schlafes Mohn, Und ich harrte weinend, schweigend Dein, mein lichter Freudensohn!"

Also sang Aurora leise, Während still der Tag aufzog, Und versank im ewgen Gleise, Das ihr lichter Sohn durchflog.

Aber auf dem Turm alleine Harret Apo zornestoll; Daß ihm Moles nicht erscheine, Füllet ihn mit bitterm Groll.

Es erkaltet schon die Leiche, Deren Herz noch blutend quoll, Und die Wangen schon erbleichen Und die Lippe rosenvoll.

Und er legt metallne Scheiben Ihr auf Augen, Brust und Schoß, Um ihr Blut zurückzutreiben Durch geheimer Kräfte Stoß.

Nieder reißt er ihre Kleider; Ach, sie hüllt kein schamhaft Rot! Doch ihr Leichnam nackt und heiter Ist geheiligt in dem Tod.

Rosarosens Gurt von Eisen Schützet Lende ihr und Schoß; Apo will ihn niederreißen, Doch er zwinget ihn nicht los.

Und mit allen seinen Feilen Kann mit Mühe er und Not Den Bußgürtel nicht zerteilen Der geheiligt Trotz ihm bot.

Nun zum Keller niedersteiget Apo, wo am feuchten Ort Springwurz, die jed Schloß erweichet, Ruhet, daß sie nicht verdorrt.

Als er wiederkehrt zur Leiche, Sieht er selbst sich oben schon, Und er spricht: "Laß deine Streiche, Moles, was soll dieser Hohn?

Hund, du sollst als Hund erscheinen; Sieh, du treibst es mir zu toll! Willst du, daß zu deinen Peinen Ich die Glocke schlagen soll?

Wo bist du so lang verweilet?" -- "Herr, ich tat, was ich gesollt, Und bin dann zurückgeeilet. Drum nicht also schmähen wollt!

Einem Kranken Hilfe reichend, Dessen Heil uns schwer bedroht, Gab ich Gift, das zäh und schleichend Ihn verzweifeln läßt im Tod.

Böse Frucht sah ich uns reifen; Wo ich war, da war man fromm, Und da muß man seltsam greifen, Daß man zu dem Pulse komm.

Zürne nicht, mein teurer Meister, Kam ich doch ums Gastgebot Meiner anverwandten Geister; Mir tut auch Zerstreuung not.

Wunderbare Neuigkeiten Sind auch zu bedenken noch; Wenn wir nicht zum Flicken schreiten, Kriegt der Sack ein böses Loch."

Doch Apone spricht: "Jetzt schweige! Eins nur mildert meinen Groll: Rate mir, wie ich die Leiche Auf die Beine bringen soll?"

Moles spricht: "Des Gürtels Eisen Hindert deine Wünsche bloß, Kannst du ihn herniederreißen, Zeige ich dir Wunder groß!

Ich schmeck was von Heiligkeiten, Drum laß ich die Hand davon. Du mußt selbst das Schloß bestreiten, Daß der Schatz dir wird zum Lohn!"

Und die Springwurz hält der Meister An des Gürtels heilig Schloß; Nimmer doch den Gurt zerreißt er, Und er flucht, und sein Genoß.

Moles spricht: "Hier hilft nur Schneiden! Zeige dich, mein Anatom, Und wir schicken Heimlichkeiten Als Reliquien nach Rom."

Apo spricht: "Hinüberschleiche, Wo die Jungfrau hat gewohnt, Und mir schnell den Schlüssel reiche, Daß ihr Leib mir bleibt verschont!"

"Ei, dies mag dir leicht wohl scheinen!" Sagt der Hund, "bedenke doch, Was die Frau dazu wird meinen, Die da steht am Brunnen noch.

Gehe selbst, mein kluger Meister, Du vielleicht trägst ihn davon, Doch wir andern jüdschen Geister Feiern jetzt den Sabbat schon."

Apo geht. -- Zum toten Leibe Spricht der Hund: "Verdammter Spott, Nicht zum Manne, nicht zum Weibe, Hast du mich erschaffen, Gott!

Diese Puppe zu zerreißen, Scheut sich der gelehrte Tor, Und sieht das geweihte Eisen Wie die Kuh das neue Tor.

Mensch, um zweie nur beneidet Dich der Teufel: um den Tod Und die Lust, die dir bereitet, Als sie dir den Apfel bot.

Als du ihn mit ihr geteilet, Warfst du ab des Lebens Joch; Mir, der ewig sich langweilet, Ließ der Zimmermann kein Loch.

Allen Quark muß ich beneiden Und bin allen Quarkes Gott; Spott ich Gottes Herrlichkeiten, Tödlich wird mir nie der Spott.

Stift ich tausend Bubereien, Gehn sie alle auf ein Lot; Das unendliche Verzeihen Hilft dem Herrn aus aller Not.

Als ich in der Wüst allein Ihm die Erdenschätze bot, Macht er aus dem dummen Steine Mir zulieb nicht einmal Brot.

Ohne Freude muß ich teuflen, Und mein Werk wird all zu Kot, An dem ewgen Leben zweiflen, # zweifeln? Und erzweifle nie den Tod!

Was ich mühsam hab geleimet, Ist und bleibt ein schlechter Klotz, Und in jedem Kraute keimet Gegen meine Werke Trotz!

Nichts kann ich zu Ende treiben, Ach, ein Ende wär ein Lohn! Das Unendliche vertreiben Kann nicht all mein Spott und Hohn.

Ewig elendes Arbeiten, Null ist mir wie Million, Wer den Knoten könnt zerschneiden: Sohn ist Vater, Vater Sohn!

Arm, blutarm bin ich ein Teufel, Mutterlos und vaterlos, Bös erzeuget von dem Zweifel In der Lüge dunklem Schoß.

Treibe ewge Affereien, Ohne Freude, ohne Zorn, Keine Rose kann mich freuen, Und mich schmerzen kann kein Dorn.

Elende Quacksalbereien, Wort zum Fleisch und Fleisch zum Wort, Hänseleien, sieben Weihen, Jagen mich bald hier, bald dort.

Hab ich mich wo eingefleischet, Brauchts vom Kreuz ein Stückchen Holz, Und der Teufel flieht und kreischet Wie ein Hund vor Pfeil und Bolz.

Doch den alten Bärenhäuter Hör ich auf der Treppe schon; Munter, Moles, treib es weiter, Bett dich, wie des Menschen Sohn!

Sieh einmal zum Zeitvertreibe, Wie sichs in der Jungfrau wohnt, Und dem mürrschen Apo bleibe Doch der Pudel, der ihm front!"

Und der Geist, der stets entzweite, Treibet einen Höllensproß, Und von seinem Stamm befreite Sich der Zweig und reißt sich los.

Und sie machen Höflichkeiten, Wer das Weib besitzen soll, Ja, beginnen schier zu streiten, Also ist der Teufel toll.

"Vater bin ich," schreit der eine, "Mir gebührt des Lebens Thron!" "Nein, das Fleisch, es ist da meine," Spricht der andre, "ich bin Sohn!

Weh, es fehlt uns nur am Geiste, Wäre der uns nicht entflohn, Daß er uns Entscheidung leiste, Dann wär uns geholfen schon.

Einig sind Dreieinigkeiten, Vater wird durch Geist zum Sohn, Zweie sind Zweideutigkeiten, Zote nur gebiert der Hohn."

"Wechseln wollen wir zuzeiten," Spricht der Hohn nun zu dem Spott, "Denn das Leiden wie das Streiten Treiben beide wir gen Gott."

Und der Spott dringt in die Leiche, Und es hilft ihm frech der Hohn, Daß er in die Wunde schleiche, Der Biondettens Geist entflohn.

Apo kehrt und spricht: "Es scheinen Menschen in dem Hause noch, Eine Stimme hört ich weinen Und sah Licht durchs Schlüsselloch."

Doch nun richtet sich die Leiche Auf und nicket mit dem Kopf; Als sie ihm die Hand will reichen, Bebet Apo wie ein Tropf.

Moles spricht: "Empfang, Hochzeiter, Meine Gratulation, Sieh, dein Glückstern scheinet heiter, Führe deine Braut davon!

Eine Unschuld sondergleichen, Ohne Hemdlein, nackt und bloß, Even muß ich sie vergleichen, Wie sie stieg aus Adams Schoß.

Fräulein, ich seh von dem Pfeile Amors euer Herz durchbohrt! Daß er euch die Wunde heile, Ihr den rechten Arzt erkort.

Alles ist nicht Gold, was gleißet; Wenn der Herzensrose Gold Eure Wunde gleich zerreißet, Seid ihr drum nicht minder hold."

Apo spricht: "Laß deine Streiche! Sage, wie du sie erhobst, Welchen Geist der schönen Leiche Du belebend unterschobst?"

Und der frechste aller Geister Spricht: "Ein Wort sagt ich ins Ohr; |Fiat| heißts beim großen Meister, Pfui heißts in unserm Chor.

Willig hat sie sich bezeiget, Etwas blöde freilich noch; Was die Lippe jetzt verschweiget, Pocht im Herzen laut und hoch.

Brechet erst diese züchtge Schweigen; Durch des Treurings rotes Gold Läßt sie sich vielleicht erweichen, Gibt den Schlüssel, den ihr wollt.

Die Kleinode laß erscheinen, Gut erworben hier und dort; Durch Kleinode kommt der Kleinen Bald das lustge Fleisch zu Wort!"

Einen Schrein voll Edelsteinen Und von goldnen Ringen voll Bringt der Meister, daraus einen Sich die Braut erwählen soll.

Gierig nun den Schatz durchschweifet Wild ihr Aug, das dunkel rollt, Heftig zuckt die Hand und greifet Einen Siegelring von Gold.

Und als wollt sie ihn zerbeißen, Zuckt sie ihn zum Mund empor, Apo wollt ihn ihr entreißen, Doch verschlang sie ihn zuvor.

Und nun spricht sie: "Herr, die Deine Bin ich nun, wie du gewollt: Vor dem Volke und alleine Dien ich dir um dieses Gold.

Dieses Ringlein auf der Reise König Pharao verlor, In dem Roten Meer zur Speise Sichs ein geizger Hecht erkor.

König Pharao, dem Weisen, Setzt der Koch den Fisch einst vor; Als er wollt den Hecht verspeisen, Kam das Ringlein blank hervor.

In dem Bette seiner Weiber Kam es wieder ihm davon, Ein ägyptscher Eselstreiber Trug es dann als süßen Lohn.

Dems der freche Papageie Der Herodias entzog, Und mit einem Freudenschreie Fand sie es in seinem Trog.

Bei der blutgen Weihnachtsfeier, Bei der Kindlein lustgem Mord, Daß er tanz nach ihrer Leier, Schenkt sie es dem Vater dort.

Und das Ringlein war ihm teuer, Es besiegelte sein Wort; Doch es lief ein ungetreuer Diener mit dem Ring ihm fort.

Und der Ring kam immer weiter, Keinem hat er noch gefrommt, Außer dir, mein Herr Hochzeiter, Dessen Braut er wohl bekommt.

Meines Leibes bist du Meister Bis zum Gürtel und dem Schoß; Leider zwingen alle Geister Diese Last mir nimmer los!

Könnt ich dir den Schlüssel reichen, Wär ich deiner Lust Genoß; Aber er ist mir nicht eigen, Mir gehöret nur das Schloß.

Alles geb ich, nur verweigern Muß ich dir den Schlüssel bloß, Deine Kunst, kannst du sie steigern, Ringt vielleicht dem Feind ihn los.

Ich will offen dich begleiten, Nach Belieben, wann und wo; Alle sollen dich beneiden; Werde dieses Neides froh!

Mich als Nonne einzukleiden Sag ich auf dem Markt mich los; Lügen müssen wir verbreiten, Wie ich ward dein Hausgenoß.

Wie ich in Melancholeien Hilf von deiner Kunst gehofft, Wie, die Kranken zu zerstreuen, Mein Gesang dir diene oft.

Wie die Kunst der Arzeneien Ich von dir erlernen soll, Wie nichts könne uns entzweien, Weil wir eines Gottes voll.

Dieses, jenes, und so weiter Lüge nur, man glaubt es schon, Denn du bist ein Teil gescheiter, Herr und Meister und Patron!

Deine Magd kann ich erscheinen, Wie es deinen Lüsten frommt; Nur nicht lachen und nicht weinen, Weil dies von der Seele kommt.

Soll dein Lager ich beschreiten, Oder auf der Erde bloß Ruhn an deines Bettes Seiten, Oder sitzen dir im Schoß?

Ob ich auf dem Draht, dem Seile, Dir soll gaukeln liebestoll, Ob ich dir zur kurzen Weile Buhlerliedlein singen soll?

Deinen Blicken, Fingerzeigen Folget deine Dienrin schon, Darf ich deinen Bart dir streichen, Ist es mir ein süßer Lohn.

Vor der Welt nach alter Weise Nenne mich Biondette noch; Älia Lälia Crispis heiße Mich in Traulichkeiten doch.

Denn in mir von diesen Dreien Brennet der gedrillte Docht, Um die einst in Buhlereien Mancher römscher Bürger focht.

Ja, ich bin von diesen Dreien Das gezwirnte Kunstphantom, Und wie sie will ich nicht schreien, Küssest du gleich wie ganz Rom.

Will dir mein Besitz verleiden, Werd ich zu der Lust zu stolz, Kann dich wieder von mir scheiden Klein ein Splitter Kreuzesholz.

Aber an dem Jungfernleibe, Den ich dir zur Lust bewohn, Daß er unverdorben bleibe, Zeig jetzt deine Kunst, Patron!"

Und mit Blut zwei Sprüche schreibet Apo ihr nun hinters Ohr, Unter ihre Achseln reibet Salbe er, die er beschwor.

Lüstern die besessne Leiche Küsset nun der alte Tor, Moles spielet auf der Geige Ein vermaledeites Chor.

Und in buhlerischem Eifer Tanzet, wie der trunkne Lot, Mit der Braut er einen Schleifer In fatalem Teufelstrott.

Älia Lälia Crispis schreiet Mit verruchtem, giftgem Ton, Und Biondettens Kehl entweihet Eines frechen Liedes Hohn.

Dies gefällt nicht gnaz dem Meister, Und er spricht: "Verschon mein Ohr!" Mit Biondettens Stimme heißt er Singen sie den Hochzeitschor.

"Denn du sollst Biondette scheinen, Die zum Freunde ich erkor, Und die Stadt soll sie beweinen, Daß sie sich an mich verlor.

Alle sollen mich verschreien, Und um Silber und um Gold Will ich ihren Festen leihen Meine Freundin süß und hold!"

Und die Jungfrau spricht: "So sei es! Lieb ich gleich nicht jenen Ton, Freut sich gleich des frechen Schreies Mehr ein freier Musensohn,

Lieb ich lügend doch zu gleißen; Und zweideutig will ich Gott Dir in schiefen Weisen preisen, Mir zum Lobe, ihm zum Spott!

Mit gedrehten Schlangenhäuten Lasse mir von Apfelholz Eine Harfe bald besaiten, Ich bin auf dergleichen stolz.

Ich will die Akkorde greifen, Daß du mich gewißlich lobst, Daß der Weiber Augen greifen Rings nach dem verbotnen Obst.

Und die Männer werden eilen, Den verrufnen Apfel rot Mit den Even schnell zu teilen, Und sie essen sich den Tod!"

Moles spricht nun zu dem Meister: "Eine Harfe ist besorgt, Der galanteste der Geister Hat die seine mir geborgt.

Ist sie gleich ein bißchen heischer, Ist sie doch vom besten Ton, Wird die Sängerin erst keuscher, Wird sie besser stimmen schon.

Aber jetzt, ihr Hochzeitsleute, Machet mich nicht länger rot! Apo, es tut uns für heute Zu studieren noch sehr not!

Denk, wie du vor kurzen Zeiten Sahst in meinem Horoskop, Wie die Rose gen uns beide Drohnd ein dreifach Haupt erhob.

Uns entzogen hat die eine Rosarosens selger Tod, Diese hier ist jetzt die Deine, Und sie bringt uns keine Not.

Wenn die dritte nun erscheinet, Ist das böse Kleeblatt voll, Dem ich einst mit dir vereinet Tragisch unterliegen soll.

Schnell mein Meister, ohn Verweilen! Über Rose, über Dorn Muß das Buch uns Rat erteilen, Suche hinten, ich such vorn!"

Im Register steht verzeichnet: Rose golden, weiß und rot, Die Marien zugeeignet, Bringen böse Kunst in Not.

Auf der angeführten Seite Stehet: Suche Jericho! Jericho nun suchen beide, Doch es fehlet J bis O.

Und Apone denkt, wie heute Er das Buch durchs Fenster schob, Wie der Wind da, Seit auf Seite Wälzend, in dem Buch getobt.

"Weh, mir Toren!" flucht der Meister. "Als mir Samael entfloh, Dacht ich: Ach, mein Buch zerreißt er! Denn es tönte wahrlich so."

Moles spricht: "Am Wald hinreisend Sah ich unterm blanken Mond Samael in Freuden kreisend, Weil der Herr ihn hat belohnt.

Und ich sah ihn Blätter streuen Unter hellem Gottes Lob, Und ich konnt ihn nicht erschreien, Weil er sich zum Licht erhob.

Das sind böse Neuigkeiten, Dumm hast dus gemacht, Patron, Du mußt jetzt im Dunkel schreiten, Weil die Blätter dir entflohn."

Und sie fangen an zu streiten, Wechseln harter Worte Zorn, Älia Lälia Crispis beiden Schärfet noch des Grimmes Dorn.

Aber ihren Zank durchschneidet Der geweihten Glocke Ton; Jacopone zubereitet Seine Leichenfeier schon.

Älia spricht jetzt: "Schnell mich kleide In den buntsten Freudenrock, Hülle mich in Samt und Seide, Meine Haare üppig lock!

Schütte alle dein Geschmeide Über meinen Busen bloß, Daß ich durch das Volk hinschreite Dir zur Seite leicht und los!

Und dein Kummer wird zur Freude, Es versinkt dein grimmer Zorn In dem allgemeinen Neide, Wie im Meer ein kleiner Born!"

Lächelnd kräuselt ihr der Meister Nun das Haar in frei Gelock, Und der hündischste der Geister Schürzet ihr den Purpurrock.

Und es schmücken sie die beiden, Gleich der Hure Babylon, Und sie singet Schändlichkeiten Ihnen vor im frechen Ton.

Sodomitsche Blumenzweige Steckt sie ihrem Busen vor, Und nun führt die falsche Leiche Apo aus des Turmes Tor.

Wer sie sieht, steht wie versteinert, Oder mehret ihr Gefolg; Aber allen unter keiner Kennt in ihr den Höllenmolch.

Und mit bangem Finger zeiget Jeder Vater sie dem Sohn, Und von Mund zu Munde streichet: "Sahst du heut Biondetten schon?"

Alle, die sie einst beneidet, Weil sie kunstreich, schön und fromm, Glauben, wo sie hin nur schreitet, Daß die irdsche Venus komm.

Also frech ist ihr Bezeigen, Jedem Buben scheint sie eigen, Ich erschrecke und muß schweigen.

** Romanze XX: Rosarosens Leichenzug

Frühe Sonne, frühe Sonne, Ach wo bist du hingesunken! All des Tages Jugendwonne Ist im Morgenrot ertrunken.

Deine wunderselgen Augen, Inseln aus des Himmels Seen, Sah ich steigen, untertauchen In des Morgens erstem Wehn.

Und es steigt ein Nebelschleier Übers tiefe, stille Blau, Eine einsam tiefe Feier Breitet sich durch Wald und Au.

Ruhig unbewegte Bäume, Kein Gesang, kein Blattgeräusch; Spinnet ihr die nächtgen Träume Wieder an, ihr Blumen keusch?

O Bologna, deine Zinnen, Die gelacht im Sonnenstrahl, Seh ich bösen Schmuck gewinnen: Schwarze Flaggen überall!

Alle Buden sind geschlossen, Trauerteppche hängen aus, Durch die Straßen weit ergossen Reget sich ein Volksgebraus.

Aber mitten durchs Gedränge Gehet eine freie Bahn, Und es wirft die rege Menge Blumen auf den offnen Plan.

Vor dem Konsularpalaste, Auf des Marktes weitem Raum, Der viel tausend Bürger faßte, Bildet Wache einen Saum.

Und die acht Konsulen treten Aus des Palasts hohem Tor, Und der Ältste tritt zu reden Auf den Marmorstuhl empor.

Und er winkt mit dem Barette Und der Herold mit dem Stab, Das Geschmetter der Trompete Nun zur Ruh das Zeichen gab.

"Seid gegrüßt, ihr freien Bürger! Seid gegrüßet, edle Ritter! Seid gegrüßet, ihr Gelehrten! Seid gegrüßet, ihr Studenten!

Euch die Ursache zu sagen, Warum heute alle wir Also reiche Trauer tragen, Seht ihr mich erscheinen hier.

Jacopone, der gelehrte -- Wer ists, der ihn hier nicht kennte, Seine Weisheit nicht verehrte, Nicht ihn einen Gönner nennte?

Über diesen Mann gesenket Hat sich jüngst ein bittres Leiden, Und in Tränen ganz ertränket Ist er nicht mehr zu beneiden.

In des Schauspielhauses Brande Ward sein herrlich Weib verletzet, Und zu einem bessern Lande Von dem Herrn der Welt versetzet.

Sie, die Lehrerin der Waisen, Seine Hauses treue Wirtin, Ward in dieser Stadt geheißen Nur die fromme, liebe Hirtin.

Und sie ist nicht mehr hienieden; Wo sich alle Lämmlein sammeln Hat der Hirt sie hinbeschieden, Gottes Loblied mitzustammeln.

Da sie ihm nun ist geraubet, Will er nicht mehr grünend leben, Will er, wie ein Baum entlaubet, Nimmer wieder Schatten geben.

Und er ist vor uns erschienen, Hat uns weinend eingeladen, Alle seinem Leid zu dienen, Und wir haben uns beraten.

Denn als eine freie Gabe Gibt der Stadt er seine Gelder, Liegende und fahrnde Habe, Seine Häuser, seine Felder.

Alles, was er hat erworben, Sei ihm auch mit ihr verloren, Sei ihm auch mit ihr gestorben, Armut hat er sich erkoren.

Eine Kirche will er bauen, Wo das Spielhaus ist verbrennet, Zum Behuf der Klosterfrauen, Welche man Clarissen nennet.

Und er hat zu diesem Ende Alle Sicerheit gegeben, Siegelbrief und Dokumente, Wo die Gelder sind zu heben.

Und hiefür ward ihm die Bitte, Seines Schmerzes Trost, gewähret, Daß mit ungewohnter Sitte Seine Trauer sei geehret.

Denn die so den Staat bedachten, Die verdienen solche Ehren; Solche Bürger hoch zu achten, Das muß unsre Größe mehren.

Und ich wollte hie verkünden, Daß im wogenden Gedränge Sich kein Streiten mög entzünden, Wo die Straßen krumm und enge.

Denn wir wissen, uns zum Leide, Daß in unsern treuen Mauern Zwei Parein zum bösen Streite Immer auf den Anstoß lauern.

Laßt uns nicht den Tag entwiehen Einer tugendhaften Toten! Eintracht möge Gott verleihen Unser Gruß sei euch entboten!"

Und er winkt mit dem Barette Und der Herold mit dem Stab, Und die schmetternde Trompete Seiner Rede Schluß angab.

Und nun reiten durch die Masse Herolde und tuen kund An der Eckejeder Gasse, Was er sprach, der weise Mund.

Aber aus des Schlosses Bogen Zieht der Heerwagen der Stadt, Von acht weißen Stiern gezogen, Und ein Jauchzen findet statt.

Denn kein Bürger kann ihn sehen, Wie aus reicher Bilder Zier Bologneser Flaggen wehen, Ohne innre Kampfbegier.

Vor dem Wagen ernsthaft schreiten Acht Trompeter, rot und weiß, Die acht weiße Stiere leiten, Dann acht Führer rot und weiß.

Übers Volk, wie aus dem Meere, Sieht man nun den weiten Wagen, Ähnlich einer Prachtgaleere, Mit der hohen Fahne ragen.

Rings mit goldenen Geländern Er wohl vierzig Reite rfaßt, Haltend an den vierzig Bändern, Die sich niederziehn vom Mast,

Der ein silbern Kreuz erhebet, Das des Lichtes Blick erhellt; Nieder mit der Fahne wehet Weiß ein Kreuz im roten Feld.

Und vor dieesr Fahne sitzet Ein vor allen prächtger Mann; Wie sein harnisch strahlt und blitzet, Kaum daas Aug ertragen kann.

Er gleicht einem Martisbilde; In dem blanken, großen Schwert, In dem runden Spiegelschilde Lacht die ganze Pracht verklärt.

Im die Fahne ist vertrauet, Er des Wagens Ehr bewacht, Den die Herrn des Rats erbauet Als den Mittelpunkt der Schlacht.

Als des Staates Bundeslade, Als Symbol der Bürgerehre, Als der Thron des Zorns, der Gnade, Geht der Wagen mit dem Heere.

Wenn er stehet, wenn er schreitet, Steht und geht die Kriegerschar, Ihn des Heeres Kern umstreitet In der dringenden Gefahr.

Und zersprengte Reuterhaufen Sammeln sich in seinem Kreis, Und von neuem auszulaufen # um? Nach des Kampfes blutgem Preis.

Und den Feldarzt trägt der Wagen Mit des Leibes Arzenein, All, die blutig sind geschlagen, Wollen hier geheilet sein.

Auch die Priester auf ihm stehen, Mit dem heilgen Sakrament Jeden Krieger zu versehen In dem ehrenvollen End.

Kehrt der Wagen mit dem Heere, Dann ward gut die Schlacht geschlagen, Denn des Heeres Mut und Ehre Hänget an dem Fahnenwagen.

Fällt er in des Feindes Hände, Dann sucht Heil in schnöder Flucht, Wer nicht in des Lebens Ende Seiner Schande Ende sucht.

Aber wie er in dem Kriege Ist des Mutes fester Kern, Wird er nach errungnem Siege Des Triumphes schönster Stern.

Und von seiner Bühne glänzen Feindeshelme in Trophäen, Zwischen stolzen Lorbeerkränzen Die errungnen Fahnen wehen.

Und in seine Spuren weinen Sklaven, paarweis hart gebunden, Nieder zu den kalten Steinen, Die den nackten Fuß verwunden.

Auch des Friedens Pracht zu mehren Zieht er aus mit stolzem Prangen, Als ein Zeichen reiche rEhren Hohe Gäste zu empfangen.

Gold und Scharlach muß dann wallen, Weise Männer ihn betreten, Und von seiner Höhe schallen Zierlich ausgesprochne Reden.

Oder, mehr ihn zu verschönen, Höret man das Wort der Richter, Lieblich stolz auf ihm umtönen Vn den Liedern heilger Dichter.

Also dient er in dem Streite, Triumphiert, und trägt die Beute So zu festlichem Geleite; Aber anders dient er heute.

Und die dunkle Trauerbühne Nun die bunte Menge teilet, Wie ein schwarzes Schiff die grüne Flut mit scharfem Kiel durcheilet.

Aber tröstlich auf dem dunkeln Maste, dessen Segel trauern, Sieht das weiße Kreuz man funkeln, Wie ein Stern im nächtgen Schauern.

Schwarze Tücher rings verhüllen Seine kriegerische Pracht, Und sein Schnitzwerk Rosen füllen, Sterne einer tiefen Nacht.

Guido hat ihn zu der Trauer Rosarosens so verzieret, Um ihn weht ein leiser Schauer, Weil der Tod hier triumphieret.

Und wo sonst die Schwerter glänzen, Stehen trauernde Martronen, Tragend in Zypressenkränzen Pomeranzen und Zitronen.

Herbe Bitterkeit der Tränen, Dunkles Laub zur Erde sinkend Und den Tau mit irdschem Sehnen Aus des Grabes Blumen trinkend.

Weiß geschmückt, zu beiden Seiten, An des Mastes schwarzen Schnüren Haltend, Kinder traurig schreiten, Ihrer Hirtin Fest zu zieren.

Seht, vor Jacapones Türe Steht ein schwarzer Baldachin, Daß das Volk ihn nicht berühre, Hüten sechzehn Ritter ihn.

Acht vom Stamm der Gieremeen, Acht vom Lambertazzer Haus Rechts und links vermischet stehen; Keiner hat den Rang voraus.

Und es drängt von allen Seiten, Was zu den Partein gehört, Zwar ohn Lieb, doch auch ohn Streiten, So ist der Moment geehrt.

Mit dem Trauerschmuck der Flöre Haaren rings sich anzuschließen Die verschiednen Ehrenchöre, Wenn der Zug sich wird ergießen.

Wenn die Priester angekommen, Werden tief die Glocken schallen Und der Leib der lieben Frommen Wird zu seiner Ruhe wallen.

Aber in des Hauses Kammer Sitzt der schmerzdurchbohrte Mann, Öd in tränenlosem Jammer Sieht er ihre Leiche an.

Engel, die ihr Haupt umschweben, Die zu ihren Füßen knien, Konnten ihm nicht Tränen geben, Tränen sind ihm nicht verliehn.

Seit die Augen sie geschlossen, Die ihm Lust und Leid gespiegelt, Ist in Tränen er zerflossen, Und nun ist ihr Quell versiegelt.

Irdisch kann sie nicht mehr scheinen, Die der Erde zu vereinen; Irdisch kann er nicht mehr weinen, Und seinherz will ihm versteinen.

Ja, ein Grab von Marmorfelsen Haut der Schmerz in seinem Herzen, Was nicht springen will, muß schmelzen Von der Glut der Trauerkerzen.

Ist die Halle erst geweitet, Wird sie ruhen in den Felsen, Wenn er stillzur Türe schreitet, Einen Stein davor zu wälzen,

Also schwer und ungeheuer, Daß kein andrer ihn beweget, Als Luft, Erde, Wasser, Feuer, Wenn sie Gottes Zorn erreget.

Und wenn so die Gruft verschlossen, Wird er auf den Felsen steigen, Klipp vor Klippe unverdrossen, Um den Gipfel zu erreichen.

Und da wird der Feind ihm zeigen Alle weiten Herrlichkeiten, Wie die Flüsse silbern schleichen, Wie die Ufer sie begleiten.

Sonnenschein auf Bergesgipfeln, Dämmerung in grünen Talen, Sang und Lust in Waldeswipfeln, Hochgetürmter Städte Prahlen,

Schiffe segelnd, Wolken ziehend, Schlosses Dach im Abend glühend, Schatten übers Meer hinfliehend, Und ein ganzer Frühling blühend.

Alles wird der Feind ihm zeigen; Doch er wird es nicht verlangen, Und die Welt wird sich ihm neigen, Er wird nur am HImmel hangen.

Freudig ohne niedern Kummer Wird er an die Erde sinken, Betend dann in selgem Schlummer Eines guten Traums ertrinken.

Überm Haupt die Jakobsleiter, Wird er mit der Engel Reigen In den offnen Himmel heiter Zu geliebten Seelen steigen.

Also wird ihm einst geschehen, Den jetzt solche Schläge schlagen, Daß er ganz versteint in Wehen -- Dies wollt ich zum Trost uns sagen.

Unbemerkt im eignen Leide, Knieet Pietro in der Kammer, Und sie schweigen alle beide, Jeder in dem eignen Jammer.

Aber nun spricht Jacopone, Denn er hört ein fernes Singen: "Wo ist ihre Blumenkrone? Ach, man will sie von mir bringen!

Wo sind Blumen ihr zum Kranze, Fromm und keusch, wie sie gewesen? Erde, küß mit deinem Glanze Nochmals, die von dir genesen!"

Und zu Pietro er sich wendet, Spricht: "Hast Blumen du gebracht? Rosen, die zutag gesendet Diese tränenvolle Nacht?

O, mein Pietro, die Verblühte, Zier sie mit des Lebens Bild; Daß der Schmerz nicht also wüte, Deck sie mit dem Blumenschild!"

Pietro mit dem Haupt verneinet, Aber reden kann er nicht, Und der Tränenlose weinet, Als er sieht sein Angesicht.

Jacopone ihn umarmet: "O, mein Bruder! mich erquicket, Daß mein Leid dich so erbarmet, Und aus deinen Augen blicket."

Aber jener ihm entgegnet: "Ach! es ist das deine nicht! Dann wär wohl mein Los gesegnet, Und es das meine nicht.

Blumen konnt ich dir nicht bringen, Weil sie all wie Rosarose In dem Feuer untergingen, Bis auf eine weiße Rose."

Pietro wollte weiter reden, Doch Melior und Rosablanke, Welche zum Gemach eintreten, Werden seiner Rede Schranke.

Und er fühlt sich dumpf ergrimmet, Wenn er zu Meliore blickt, Denn in seinem Busen glimmet Eifersucht, die ihn erstickt.

An der Türe schüchtern weilet Rosablanka. Zur ihr schreitet Jacopone: "Jungfrau, eilet, Daß Ihr mir den Kranz bereitet!" --

"Herr, dies kann gar wohl geschehen, Ich hab Rosen, rot und wieße, Und ich kann die Kränze drehen, Doch fehlt mirs am Myrtenreise!" --

"Keine Myrt in ihre Krone! Einen jungfräulichen Kranz Winde ihr!" -- sprach Jacopone, Blickend durch der Tränen Glanz.

Und sie naht der Leiche Füßen, Aus dem Korbe, den sie trug, Ihre Rosen auszugießen. Ach, wie ihr das Herz da schlug!

Sie mit Liebe zu begrüßen, Fühlt sie einen innern Zug, Und sie soll doch, um zu büßen, Folgen ihrem Leichenzug.

Wie sie so die Tote schauet, Wie sie so die stille fühlet, Mild ihr Aug von Tränen tauet Und die heiße Wange kühlet.

Und sie nimmt die rote Rose, Fügt zu ihr der weißen Glanz, Weiter eine gelbe Rose, Und so fort den ganzen Kranz.

Bei den roten spricht sie immer: "Rosarose, bitt für mich!" Bei der weißen Rosen Schimmer: "Rosablank geleitet dich!"

Aber bei der gelben Rose Muß sie an Biondetten denken, Und dann traurig zu der Rose Ihre Blicke niedersenken.

Da sie nun den Kranz vollendet, Sprach sie scheu zu Jacopone: "Mich that zu dir hergesendet Heut der Beichtiger Benone.

Meine Schulden abzubüßen, Will er, daß ich im Geleite Deine Weibs mit bloßen Füßen Hinter ihrem Sarge schreite.

Und ich bitte dich zum Lohne, Daß du dieses mir gestattest, Als den Preis der Blumenkrone, Die du ohne mich nicht hattest.

Trauer ist mein Kleid, ich weine An der Mutter Sterbetage; Wenn ich dir zu arm nicht scheine, Laß mich folgen deiner Klage."

Da sprach zu ihr Jacopone: "Du sollst bei dem Leichenwagen Ihr die jungfräuliche Krone, Die du ihr geflochten, tragen.

Dieses ist des Lanes Sitte; Zwischen Pietro und Meliore Sollst du schreiten in der Mitte Mit dem Kranz im Trauerchore."

Aber plötzlich brach das Schallen Aller Glocken durch die Luft, Und der Priester in die Hallen Tritt mit Kranz und Weihrauchduft.

"Es ist Zeit, müssen wallen," Spricht er, "weil die dunkle Gruft Dieser jetzt, wie einst uns allen, Mit metallner Zunge ruft."

Acht Matronen tief in Trauer Tragen nun den Sarg hinab, Stellten ihn zum Trost der Schauer Unterm Baldachine ab.

Und die Ritter mußten wehren Mit dem Schwert die Totenschau, Doch ein jeder wollte ehren Noch einmal die fromme Frau.

Und es zieht, sie anzuschauen, Vor ihr hin der Leichenzug; Ach, wer sieht, sich zu erbauen, Solch ein heilig Bild genug!

Mit dem Kreuz vorüberziehen Erst die Priester, traurig singend, Und das Volk liegt auf den Knieen, Chöre durch die Lüfte schwingend.

Und die Schwermut der Posaunen Windet sich durch Litaneien, Die vorm Ewigen erstaunen, In der Zeit um Hilfe schreien.

Ihnen folgen fromme Orden, Ewige Gebete lallend, Vor den Kreuzen allerorten Auf das Antlitzt niederfallend.

Und nun treten schwarze Nonnen Um den Sarg, in weißen Schleiern, Wie die Strahlen einer Sonnen, Dieser Frommen Tod zu feiern.

Aber sie auch müssen gehen, Denn jetzt nahn die Tiefbetrübten; Seht der Kindlein Fahne wehen, Traurig bei der Hochgeliebten!

Agnus castus mit dem Lamme Führt die Mägdlein und die Knaben, Die mit einem Blumendamme Nun der Hirtin Sarg umgaben.

Und mit kindisch süßem Flehen Drängt die Schar zu ihren Füßen; Jedes Kindlein will sie sehen Und die milden Hände küssen.

Ach! sie kennen nicht das Scheiden, Freuen sich des Rosenkranzes Und des Rocks von Samt und Seiden Und des Diamantenglanzes.

Doch Bolognas Heereswagen Mit gedämpften Hörnerklang, Ihren Leib zur Gruft zu tragen, Durch die Kinderschar herdrang.

Und den Sarg hinan zu heben Zaudern noch die ernsten Ritter, Sich die Hand dazu zu geben Ist ihr innrer Groll zu bitter.

Als der Konsul dies ersehen, Fürchtet Störung er der Ruhe Und beginnt umher zu spähen, Wer erheben soll die Truhe.

Sieh, da naht mit Flötenschalle Ernst der Zug sich der Studenten, Jeder Nation Marschalle Sich heran zum Sarge wenden.

Jene, die sie nach dem Brande Heimgetragen mit Verehren, Nahn dem Konsul als Gesandte, Schwarz, mit langen Trauerflören.

Und da sie das Zögern sahen Und des Konsuls Wink empfingen, Barhaupt sie dem Sarge nahen, Fassen an den goldnen Ringen.

Heben ihn mit guter Site Auf den hohen Trauerwagen, In der Blumen stille Mitte, Traurend, aber ohn Verzagen.

Als den Wagen sie verließen, Kehrend hin zu den Gesellen, Nun die Kinder ihn umschließen Rings mit freudgen Blumenwellen.

Zwischen schlanken Lilienstengeln Und den zarten Rosenzweigen, Rings umwallt von frommen Engeln, Zieht er hin mit prächtgem Schweigen.

Und es folget Jacopone; Zwischen Pietro und Meliore Wanelt mit der Totenkrone Rosablanka in dem Chore.

Ihre Locken aufgelöset Traurend um die Schultern wehen, Ihre Füße sind entblößet, Sie muß so zur Buße gehen.

Als sie aus dem Haus geschritten, Zog sie Schuh und Strümpfe ab, Die sie, auf sein dringend Bitten, Pietro zu bewahren gab.

Und im Gurt er sie verstecket, Wie beliebten, reichen Schmuck; Seines Herzens Schlag erwecket Der verehrten Pfänder Druck.

In verschiednem Schmerz befangen Diese Viere vor uns schreiten, Manche Trän auf frmden Wangen Ehrt ihr tränenloses Leiden.

Wie ein Christ scheint Jacopone, Der getrost zum Tode gehet, Dem die blutge Martyrkrone Aus dem Himmel niederwehet.

Hinter ihm kommt Rosablanke, Mit der Blumen süßem Glanz, Als ob sie vom Himmel schwanke Zu ihm mit dem Martyrkranz;

Wie ein Engel ungetrübet, Doch umhaucht von irdschem Leid, Weil der Herr die Menschen liebet, Die um ihn bestehn den Streit.

Ihr zur Rechten Meliore, Wie ein unbesiegter Held Unter einem Sklavenheere Durch der Brüder Leichenfeld.

Er ist nach dem Kranz gesprungen, Fesseln haben ihn umringt, Er hat selbst das Lied gesungen, Das der Feind jetzt um ihn singt.

Aber der ist unbesieget, Der ein Dichter und ein Held, Weil er in dem Himmel wieget Seines Schmerzes giftge Welt.

Und es steigt an seinem Leiden Heilend Sonn und Mond empor, Unter Sklaven kann er schreiten, Wie ein Sänger in dem Chor.

Er ist einsam im Getümmel, Und er geht in selgem Traum, Und sein Aug steigt zum Himmel Ewig von dem irdschen Saum.

Aber Pietro geht zur Linken Wie ein armer Schäferknabe, Der den Schatz hinab sah sinken, Den er mühsam ausgegraben.

Immer sieht er vor sich spielen Noch die goldne Zaubertruhe, Wo sein Weg auch hin mag zielen, Flieht der Schatz ihn ohne Ruhe.

Also muß ein Buhler irren, Dem die Buhle ging zu Grab, Die aus zaubrischen Geschirren Ihm die Liebestränke gab;

Also in dem Venusheere Zieht die liebestörge Brut, Daß sie ewig sich verzehre, Ewig wachs in böser Glut.

Ob sin Blick zur Erde nieder Oder auf zum Himmel schwebt, Sieht er stets den Rumpf der Hyder, Der ein neues Haupt erhebt.

Jede Blume möcht er küssen, Die die Jungfrau ihm zur Rechten Tritt mit zarten Rosenfüßen, Und sich einen Kranz draus flechten,

Und mit solchem Schmerz bekränzet, Steigen durch die finstern Felsen, Wo kein Stern mehr fröhlich glänzet Und sich schwarze Bäche wälzen.

Und an einen bittren Bronnen Möcht er trinkend niedersinken, Bis zum Ablauf aller Sonnen Immer schöpfen, immer trinken,

Und dem Quelle wieder weinen, Ihn mit seinem Schmerz berauschen, Und zum Felsen dann versteinen Und den eignen Schmerz belauschen. --

Diesen folgen nun die Armen, All in neues Tuch gekleidet; Sterbend hat sie voll Erbarmen Ihnen diesen Trost bereitet.

Die Konsulen folgen diesen In dem festlichen Ornat, Und die Herrn des Rates schließen Sich an sie, und der Senat.

Weiter alle Professoren Der juristschen Fakultät Und Magister und Doktoren, In der Hand das Samtbarett.

Und nun treten die Pedelle Mit den Silberstäben her, Der Studenten Mareschälle Und so fort ihr ganzes Heer.

In den schwarzen Mänteln steckten Pursch ealler Nationen, Kandidaten der Pandekten, Helden der Institutionen.

Alle seine Schüler ehrten Jacopones schweres Leid, So beschlossen und vermehrten Sie das prächtige Geleit.

Und so schlingt der Zug der Trauer Sich durch lange Straßen hin Und ergießt sich durch die Schauer, Aber alle ehren ihn.

Doch dort auf des Marktes Mitte Ist ein heftiges Bewegen, Alles wendet seine Schritte Einem neuen Bild entgegen.

Als der Sarg zur Stelle schreitet, Trat zum Zuge her Apone Mit Biondetten, frech gekleidet, Dich zum armen Jacopone.

Und ein wunderbar Entsetzen Bricht durch alle, die sie sahn So, mit frechem Zuchtverletzen, Sich der frommen Leiche nahn.

Und der ganze Zug sich hemmte; Es entstehet ein Gedränge; "Weg mit diesem Purpurhemde!" Schreit empört die rege Menge.

Doch will keiner sie ergreifen, Weil sie so satanisch gleißet, Und wo ihre Augen schweifen, Alle Sinne sie zerreißet.

In den Wogen ihres Busens Alle Sünder untertauchen, Und wie Schlangenhaar Medusens Ihre Locken Schrecken hauchen.

Über Apos greisem Haupte Die zwei Nachtigallen schweben, Weil er ihre Herrin raubt, Ihre Klage laut erheben.

Und als sie sich auf der Stirne Von Biondetten niedersenken, Scheuchet sie die freche Dirne Mit des Hauptes freiem Schwenken.

Und so groß ist das Erschrekcen, Wie sie so verwandelt sei, Daß nicht Achtung konnt erwecken RosablankesnHilfsgeschrei,

Der Meliore an der Seite Sinnlos sank zur Erde hin, Als er sah, Biondette schreite Her wie eine Sünderin.

Und sie legt die Totenkrone Zu dem Sarge auf den Wagen: "Helft, o helft, zu Jacopone Mir den kranken Jüngling tragen!" --

"Dahin ist nicht durchzudringen, Alles füllt der rege Zug, Können wir ihn seitwärts bringen Ist es Hilfe schon genug."

Pietro nun mit Rosablanken Machen sich im Volke Raum, Und er trägt den stillen Kranken Zum Altare an dem Baum.

Doch es mehrt sich die Verwirrung, Und es steiget auf den Wagen Nun der Konsul, dieser Irrung Ersten Anlaß zu erfragen.

So erhöhet aus der Menge Sieht er Apo und Biondetten, Rings in wogendem Gedränge, Vor dem Pöbel kaum zu retten.

Und er rufet: "Stille! Stille! Um das Heil der Republik!" Endlich sieget dann sein Wille, Und er spricht mit strengem Blick:

"Wer hat unsern Zug zerrissen? Vor uns ruht des Todes Friede, Fromm geschmückt, auf schwarzen Kissen, Und die Seele ist geschieden.

Und ich seh am Arm des Weisen Hier mit unverschämter Stirne Unser frommes Fest zerreißen Eine sündlich bunte Dirne.

Welch ein Blick, von dieser Leiche Zu dem frechen Weib getragen! Brücke zu des Teufel Reiche Aus dem Himmels Tor geschlagen!

Was verlangst du hier, Apone? Bist in Wahnsinn du gefallen? Trittst du so einher zum Hohne Dir alleinig, oder allen?"

Und Apone ihm erwidert: "Spreche, Konsul, nicht so gröblich; Rede, die mich hier erniedert, Ist nicht ziemlich dir und löblich.

Ich bin dir nicht untergeben, Ich bin kein Vasall des Staates, Wer kann sich gen mich erheben, Als der Rektor des Senates?

Und vor allem mußt du wissen, Daß ich, von des Volkes Menge Wider Willen fortgerissen, Hier gekommen ins Gedränge.

Könnt man doch nicht prächtger trauern, Wär die Republik gestorben, Die sich in Bolognas Mauern Wechselfiebernd hat verdorben.

Da ich all die Glocken hörte Rufen, mit der Zunge Erz, Gen die Einsamkeit empörte Sich im Busen mir das Herz.

Und ich glaubte, man bereite Für Biondetten diese Feier, Weil sie ausgesagt, sie kleide Heut sich in den Nonnenschleier.

Und so führte ich hier nieder Meine Freundin von der Zelle, Daß sie durch die Macht der Lieder Euch, was sie beschloß, erhelle.

Doch die Zeit scheint nicht gelegen, Alles fühlt des Todes Schauer, Und ich seh auf allen Wegen Eine übermäßge Trauer.

Zieht die Republik zu Grabe Hier auf unserm Heereswagen, Tiefer Leid könnt man nicht tragen, Als ich hier gesehen habe.

Sterbt, ihr Bologneser Frauen, Tut euch recht zu leben not, Denn galanter ist zu schauen Als das Leben euer Tod.

Zu dem Wagen, der vor Jahren Unsrer Schlachten wunde Helden In Triumpfh herangefahren, Kann sich nun ein jeder melden.

Ists erhört, in die Monstranzen, Wo nur wohnt das Sakrament, Eines Weibes Bild zu pflanzen, Die im Schauspielhaus verbrennt?

Lambertazzi, Gieremeen, Wo ist unsrer Ehre Schutz, Wenn die Staatesflaggen wehen Über schnöder Leichen Putz?

Rühret euch, ihr tapfern Schläger! Von dem Wagen mit dem Weib! Mag der falsche Achselträger Selbst begraben ihren Leib!"

Also regt mit falschen Reden Er des Hasses stille Glut; Allen, di um ihn getreten, Wallet zürnend auf das Blut.

Und die feindlichen Parteien, An den Schwertern mit der Hand, Mit verbissnem Maledeien Stehn zum Ausbruch angespannt.

In dem Lärm steht unbeweget Jacopone; wie ein Felsen In dem Meere sich nicht reget, Wenn sich Stürme um ihn wälzen.

Doch es wird ihm aufgetragen Von dem Konsul nun, zu reden, Und so ist er auf den Wagen Zu dem Sarge hingetreten.

Doch der Schmerz ihn so durchdringet, Daß er sich muß niedersetzen; Alle rings sein Leid bezwinget, Keiner wagt ihn zu verletzen.

Noch, eh er begann zu sprechen, Sah mit wild gehobnen Armen Er das dichte Volk durchbrechen Seine Freunde, alle Armen.

Und sie schrien mit lauter Stimme: "Treibt die Ochsen, fahret zu! Bringet trotz des Toren Grimme Unsre Mutter jetzt zur Ruh!"

Um den Wagen mit den Kindern Klaget Agnus castus laut: "Wer will frech den Brautzug hindern Einer himmlisch reinen Braut!"

Und das Volk zu beiden Seiten Treibt die Stiere mächtig an, Und indem sie vorwärts schreiten, Zieht die Leiche ihre Bahn.

Daß sich Apo still entferne, Läßt der Rektor ihn ermahnen, Und der Schergen Morgensterne Müssen ihm den Weg schier bahnen,

Bis ihn seine Schüler finden, Die ihn nun mit Biondetten Eng mit ihrem Kreis umwinden Und aus dem Gedränge retten.

Doch es ist das Volk geteilet, Viele hinter Apo drängen, Der hin zu dem Rathaus eilet; Andre sich dem Zug vermengen.

Beide könnte ich geleiten; Doch ich gehe zu der Linde, Wo ich an Meliores Seiten Rosablanken trauernd finde.

Pietro aber steht am Bronnen, Und von Eifersucht durchpeint, Fühlt er nicht den Strahl der Sonne, Die ihm auf den Scheitel scheint.