Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. Prolegomena einer realistischen Aesthetik by Bölsche, Wilhelm

Anmerkungen zur Transkription

Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.

Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=.

Im Original kursiver Text ist _so ausgezeichnet_.

Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des Buches.

Die naturwissenschaftlichen

Grundlagen der Poesie.

Prolegomena

einer realistischen Aesthetik

von

Wilhelm Bölsche.

[Illustration]

Leipzig, Verlag von Carl Reissner. 1887.

Vorwort.

Die nachfolgenden wissenschaftlichen Studien behandeln in selbstständiger Abrundung das, was nach meiner Ueberzeugung im ersten Buche jeder neuen, unserm modernen Streben gerecht werdenden Aesthetik seine Stelle finden müsste. Realistisch nenne ich diese Aesthetik, weil sie unserm gegenwärtigen Denken entsprechend nicht vom metaphysischen Standpuncte, sondern vom realen, durch vorurtheilsfreie Forschung bezeichneten ausgehen soll. Wie ich mir die Rolle des besonnenen Realismus in unserer Literatur denke, ist im ersten Capitel ausführlich entwickelt; die übrigen behandeln einzelne Probleme, an denen der Naturforscher und der Dichter gleich grossen Antheil nehmen. Zurückweisen muss ich im Voraus alle Uebertreibungen, die man von unberufener Seite an das Wort Realismus geknüpft hat. Der Realismus ist nicht gekommen, die bestehende Literatur in wüster Revolution zu zerstören, sondern er bedeutet das einfache Resultat einer langsamen Fortentwickelung, wie die gewaltige Machtstellung der modernen Naturwissenschaften es nicht mehr und nicht minder ist. Jene Utopien von einer Literatur der Kraft und der Leidenschaft, die in jähem Anprall unsere Literatur der Convenienz und der sanften Bemäntelung wegfegen soll, bedeuten mir gar nichts; was ich von dem aufwachsenden Dichtergeschlecht fordere und hoffe, ist eine geschickte Bethätigung besseren Wissens auf psychologischem Gebiete, besserer Beobachtung, gesunderen Empfindens, und die Grundlage dazu ist Fühlung mit den Naturwissenschaften. Leichte Plaudereien, wie sie der Spalte eines Feuilletons ziemen, wird der Leser vergebens auf diesen Blättern suchen, weder unfeines Schmähen noch kritiklose Verhimmelung rechne ich unter die nothwendigen Requisiten der neuen Sache. Die jungen Kräfte, die jetzt so viel Lärm machen, werden schon allein ihren Weg gehen; ich aber möchte durch eine anständige Polemik sowohl wie durch einen anständigen Vortrag überhaupt auch zu denen reden, die im Banne älterer Anschauungen jede Form realistischen Fortschritts mit zweifelndem Auge betrachten.

+Berlin+, im Winter 1886.

=Wilhelm Bölsche.=

Erstes Capitel.

Die versöhnende Tendenz des Realismus.

Durch die gesammte -- und nicht zum Wenigsten die deutsche -- Literatur geht seit einiger Zeit eine lebhafte Bewegung. Die Schaufenster der Buchhandlungen wie die Spalten der Journale sind überfüllt mit Streitschriften und Streitartikeln, die bereits durch die Kühnheit der Titel von der Hitze der Kämpfenden Zeugniss ablegen. Aber auch abgesehen von diesen Kundgebungen der eigentlichen Ritter des Tourniers fühlt sich jeder Einzelne im grossen Publicum mehr oder weniger berufen, seinen Wahlzettel in die Urne zu werfen. Denn das Wort ist gefunden, welches in neun Buchstaben die Loosung des Ganzen enthüllen soll. Dieses schicksalsschwere Wort heisst Realismus.

Für die eine Partei ein goldenes Wort, eins aus jener Reihe unvergänglicher Schlagwörter, die mit ihrer prächtigen Kürze gleichsam die Stenographie der Culturgeschichte darstellen, -- ist es der andern ein Gräuel, ein Hemmniss aller Fortentwicklung, der Name einer bösen, wenn auch glücklicherweise vergänglichen Krankheit.

Revolution der Literatur für jene, Aufdämmern eines neuen Tages, weit heller und strahlender noch als der junge Morgen, der sich einst in dem klaren Auge Lessing's spiegelte und durch dessen weichende Frühnebel der rasselnde Schritt des eisernen Ritters von Berlichingen erklang, ist dieser die gleiche Erscheinung, die hässliche Brandröthe eines Zerstörungskampfes, das Blutmal am Himmel, das über der Stätte des Mordens und Brennens plündernder Vandalenhorden loht, es fehlt nicht an alten Fritzen, die im Sanssouci ihrer unerschütterlichen Kunsttheorieen zweifelnd die schönen, geraden Terrassen und Orangerieen abschreiten und sich kopfschüttelnd fragen: Was soll der Lärm?

Verbrüderung aller nationalen Literaturen durch die Blutsgemeinschaft gleicher Methode für die Schwärmer, erscheint den Skeptikern der ganze Aufstand bei uns in Deutschland nur als der feige Abklatsch einer widerwärtigen Krankheitserscheinung im schlechteren, in alter Sünde absterbenden oder in unwissender Roheit der Halbbildung haltlos hin und her schwankenden Nachbarlande, und, dem Franzosen gleich, der das deutsche Bier als fremdes Gift verbannen möchte, wäre ihnen nichts lieber, als eine literarische Grenzsperre für alle fremden Einflüsse.

Und endlich, was das Seltsamste ist: während die Einen glauben, der Reinheit ihrer Gesinnung und dem Genius poetischer Sittlichkeit nicht besser dienen zu können, als in dem Gewande der neuen Ritterschaft, meinen die Andern das Schwert gegen diese erheben zu müssen zum Schutze der unschuldigen Gemüther in der Welt, zum Schutze ihrer Söhne und Töchter, denen der weihende Tempel des dichterischen Ideals kein Sündenhaus werden soll und keine Schnapsschenke.

Jeder Vernünftige sieht, dass unter dem einen Worte Realismus thatsächlich nicht immer das Gleiche verstanden wird und dass sich hier Begriffe mischen, die strenge Sonderung fordern. Es fehlt denn auch nicht an besonneneren Stimmen, die sich bemühen, Realismus in einer Weise zu definiren, die jeden gröberen Irrthum ausschliesst.

Ich gebe diese Definition zunächst in möglichst allgemeiner Fassung wieder, um später den speciellen Punct herauszugreifen, dem ich eine eingehendere Betrachtung zu widmen gedenke.

Die Basis unseres gesammten modernen Denkens bilden die Naturwissenschaften. Wir hören täglich mehr auf, die Welt und die Menschen nach metaphysischen Gesichtspuncten zu betrachten, die Erscheinungen der Natur selbst haben uns allmählich das Bild einer unerschütterlichen Gesetzmässigkeit alles kosmischen Geschehens eingeprägt, dessen letzte Gründe wir nicht kennen, von dessen lebendiger Bethätigung wir aber unausgesetzt Zeuge sind. Das vornehmste Object naturwissenschaftlicher Forschung ist dabei selbstverständlich der Mensch geblieben, und es ist der fortschreitenden Wissenschaft gelungen, über das Wesen seiner geistigen und körperlichen Existenz ein ausserordentlich grosses Thatsachenmaterial festzustellen, das noch mit jeder Stunde wächst, aber bereits jetzt von einer derartigen beweisenden Kraft ist, dass die gesammten älteren Vorstellungen, die sich die Menschheit von ihrer eigenen Natur auf Grund weniger exacter Forschung gebildet, in den entscheidendsten Puncten über den Haufen geworfen werden. Da, wo diese ältern Ansichten sich während der Dauer ihrer langen Alleinherrschaft mit andern Gebieten menschlicher Geistesthätigkeit eng verknotet hatten, bedeutete dieser Sturz nothwendig eine gänzliche Umbildung und Neugestaltung auch auf diesen verwandten Gebieten. Das bekannteste Beispiel hierfür ist die Religion, deren einseitig dogmatischer Theil durch die Naturwissenschaften zersetzt und zu völliger Umwandlung gezwungen wurde. Ein zweites Gebiet aber, das auch wesentlich in Frage kommt, ist die Poesie. Welche besondern Zwecke diese auch immer verfolgen mag und wie sehr sie in ihrem innersten Wesen sich von den exacten Naturwissenschaften unterscheiden mag, -- eine Sonderung, die wir so wenig, wie die Sonderstellung einer vernünftigen Religion, antasten, -- ganz unbezweifelbar hat sie unausgesetzt, um zu ihren besondern Zielen zu gelangen, mit Menschen und Naturerscheinungen zu thun und zwar, so fern sie im Geringsten gewissenhafte Poesie, also Poesie im echten und edeln Sinne und nicht ein Fabuliren für Kinder sein will, mit eben denselben Menschen und Naturerscheinungen, von denen die Wissenschaft uns gegenwärtig jenen Schatz sicherer Erkenntnisse darbietet. Nothwendig muss sie auch von letzteren Notiz nehmen und frühere irrige Grundanschauungen fahren lassen. Es kann ihr, was Jedermann einsieht, von dem Puncte ab, wo das Dasein von Gespenstern wissenschaftlich widerlegt ist, nicht mehr gestattet werden, dass sie zum Zwecke irgend welcher Aufklärung einen Geist aus dem Jenseits erscheinen lässt, weil sie sich sonst durchaus lächerlich und verächtlich machen würde. Es kann ihr, was zwar nicht so bekannt, aber ebenso wahr ist, auch nicht mehr ungerügt hingehen, wenn sie eine Psychologie bei den lebendigen Figuren ihrer Erzeugnisse verwerthet, die durch die Fortschritte der modernen wissenschaftlichen Psychologie entschieden als falsch dargethan ist. Eine Anpassung an die neuen Resultate der Forschung ist durchweg das Einfachste, was man verlangen kann. Der gesunde Realismus ermöglicht diese Anpassung. Indem er einerseits die hohen Güter der Poesie wahrt, ersetzt er andererseits die veralteten Grundanschauungen in geschicktem Umtausch durch neue, der exacten Wissenschaft entsprechende. Mit Genugthuung gewahrt er dabei, dass die neuen Stützen nicht nur relativ, sondern auch absolut besser sind, als die alten, und dass er bei Gelegenheit dieser Anpassung der Poesie ein frisches Lebensprincip zuführt, das nach vollkommener Eingewöhnung höchstwahrscheinlich ganz neue Blüthen am edeln Stamme des dichterischen Schaffens zeitigen wird, die vormals Niemand ahnen konnte. Das ist in abstracter Kürze die eigentlich verstandesgemässe Definition des Realismus.

So rund ausgesprochen, hat die Forderung, die darin liegt, alle Eigenschaften, um den Kritiker oder Dichter, dem die Poesie als ein leuchtendes Palladium der Menschheit, das jede Zeit auf den höchsten Platz ihres intellectuellen Könnens zu stellen verpflichtet sein soll, eine wahre Herzenssache ist, zu ernstem, wohlwollendem Nachdenken zu zwingen.

Angesichts der gestellten Wahl muss er die ganze, schwere Verantwortung empfinden, die in einem leichtsinnig heraufbeschworenen Streite zwischen Poesie und Naturwissenschaften läge. Er wird sich nicht stören an die werthlose Phrase, dass ein solcher Conflict nothwendig im Wesen der beiden Geistesgebiete begründet sei. Er wird vielmehr den Blick haften lassen auf den starken Meistern der Vergangenheit, auf dem heldenkühnen Ringen Schiller's, die Wahrheiten der Philosophie, die doch in der speciellen Form auch mit dem Wissen zusammen fiel, dem poetischen Ideal zu vermählen, auf dem unablässigen Forschen Göthe's, der in den Wahlverwandtschaften -- fehlerhaft vielleicht, aber doch in sicherem Ahnen der Methode -- die Arbeit des Forschers auf dem Gebiete der Seelenkunde im Dichterwerke zu verwerthen suchte, auf dem lichten Bau der physischen Weltbeschreibung des greisen Alexander von Humboldt, in deren kosmischem Rahmen unter der Form der dichterischen Naturanschauung die ganze Poesie mit Leichtigkeit eine Stelle gefunden hätte. Dürfen wir stehen bleiben, wo jene, denen die ganze Fülle unserer Offenbarung im Naturgebiete noch versagt war, unentwegt den Wanderstab zum Vorwärtsschreiten ansetzten? Gewiss steckt in den erhitzten Parteien des Tages die lebhafteste Neigung zu schwerem Kampfe; sollen wir die einzige noch mögliche Gelegenheit zur Versöhnung zurückweisen, -- zu einer Versöhnung, die vielleicht zugleich einen Fortschritt für die Poesie bedeutet?

Ich meine, so, wie die Frage gestellt ist, giebt es nur eine Antwort. Es handelt sich nicht um Namen, um Nationalitäten, um Meister und Jünger einer Schule, sondern um zwei Dinge, die vor aller Augen sind: eine Wissenschaft, die energisch vorgeht und neue Begriffe schafft, und eine Literatur, die zurückbleibt, und mit Begriffen arbeitet, die keinen Sinn und Verstand mehr haben. Thatsächlich hat denn auch ein beträchtlicher Theil unserer modernen Dichter die richtige Antwort gefunden, und es kommt hier nicht darauf an, ob Dieser ernste und wohlüberlegte Entschlüsse daran angeknüpft oder Jener bloss in kindlicher Freude ein polizeiwidrig lautes Jubelgeschrei über sein findiges Genie dazu ausgestossen hat. Man hat sich geeinigt über den Satz: Wir müssen uns dem Naturforscher nähern, müssen unsere Ideen auf Grund seiner Resultate durchsehen und das Veraltete ausmerzen.

Das Erste, worauf man im Verfolgen dieses Gedankens kam, war ein Satz, der ebenso einfach und selbstverständlich war, wie er paradox klang. Jede poetische Schöpfung, die sich bemüht, die Linien des Natürlichen und Möglichen nicht zu überschreiten und die Dinge logisch sich entwickeln zu lassen, ist vom Standpuncte der Wissenschaft betrachtet nichts mehr und nichts minder als ein einfaches, in der Phantasie durchgeführtes Experiment, das Wort Experiment im buchstäblichen, wissenschaftlichen Sinne genommen.

Daher der Name »Experimental-Roman«, und daher eine ungeheuerliche Begriffsverwirrung bei allen Kritikern und Poeten, die weder wussten, was man unter einem wissenschaftlichen Experimente, noch was man unter dichterischer Thätigkeit verstand. Der Mann, der das Wort populär gemacht hat, Zola, ist selbst unschuldig an der Verwirrung der Geister. Nur hat auch er den Fehler nebenher begangen, die Definition eines Kunstwerks als Experiment nicht einzuschränken durch die Worte »vom wissenschaftlichen Standpuncte aus«, womit alles klarer und einfacher wird. Vom moralischen Standpuncte beispielsweise will die Definition gar nichts besagen, denn was ist moralisch ein »Experiment«? Aber wissenschaftlich passt die Sache. Sehen wir das unheimliche Wort näher an.

Der Dichter, der Menschen, deren Eigenschaften er sich möglichst genau ausmalt, durch die Macht der Umstände in alle möglichen Conflicte gerathen und unter Bethätigung jener Eigenschaften als Sieger oder Besiegte, umwandelnd oder umgewandelt, daraus hervorgehen oder darin untergehen lässt, ist in seiner Weise ein Experimentator, wie der Chemiker, der allerlei Stoffe mischt, in gewisse Temperaturgrade bringt und den Erfolg beobachtet. Natürlich: der Dichter hat Menschen vor sich, keine Chemikalien. Aber, wie oben ausgesprochen ist, auch diese Menschen fallen in's Gebiet der Naturwissenschaften. Ihre Leidenschaften, ihr Reagiren gegen äussere Umstände, das ganze Spiel ihrer Gedanken folgen gewissen Gesetzen, die der Forscher ergründet hat und die der Dichter bei dem freien Experimente so gut zu beachten hat, wie der Chemiker, wenn er etwas Vernünftiges und keinen werthlosen Mischmasch herstellen will, die Kräfte und Wirkungen vorher berechnen muss, ehe er an's Werk geht und Stoffe combinirt.

Wer sich die Mühe nehmen will, einen ganz flüchtigen Blick auf das Beste zu werfen, was Shakespeare oder Schiller oder Göthe geschaffen, der wird den Faden des psychologischen Experiments in jeder dieser Dichtungen klar durchschimmern sehen. Bloss jene Voraussetzungen waren vielfach etwas andere, und hier ist denn eben der Punct, wo der Einfluss der modernen Wissenschaft sich als ein neues Element geltend machen und der Realismus, dessen Theorie wir zugegeben haben, practisch werden soll. Es gilt, neue Prämissen für die weitern Experimente, die wir machen wollen, aufzustellen oder besser, sie uns von der Naturwissenschaft aufstellen zu lassen. Hier aber, beim Eintritt in die Praxis, wird die ganze Sache sehr schwierig. Wir haben bisheran einer allgemeinen Erörterung Raum gegeben. Der allgemeine Zustand des Denkens in unserer Zeit und des Verhältnisses von Poesie und Forschung zu einander hat uns ein Geständniss abgezwungen, indem er uns ein Dilemma zeigte, aus dem es nur einen Ausweg gab. Wir haben uns einverstanden erklärt mit der versöhnlichen Richtung eines gesunden Realismus und sind vorgedrungen bis an den Fleck, wo die Berührung der exacten Wissenschaften mit derjenigen Definition der Poesie, die von allen am wissenschaftlichsten klingt, endlich stattfinden soll. Alle Vorfragen sind damit erledigt, und ich trete jetzt an das heran, was eigentlich den Kern des Ganzen ausmacht und zugleich ein solches Gewebe ernster Schwierigkeiten aufweist, dass ich eine eingehende Betrachtung derselben für die nothwendige Basis jeder realistischen Dichtung sowohl, wie jeder realistischen Aesthetik halte.

Die Prämissen des poetischen Experiments: das sagt in einem Worte alles. Hier verknoten sich Naturwissenschaft und Poesie.

Wohlverstanden: diese Prämissen umschliessen nicht die Naturgeschichte des poetischen Genius selbst, eine Sache, die ja auch in die Aesthetik hineingehört, die aber mit dem, was ich meine, direct nichts zu schaffen hat. Geniale Anlage muss der Mensch besitzen, um überhaupt als Dichter auftreten zu können, und zwar eine ganz bestimmte Form genialer Anlage, die sich von der für andere Geistesgebiete individuell unterscheidet. Jene andern Prämissen, die erworbenes Wissen darstellen, verhelfen ihm bloss in zweiter Instanz dazu, sein schöpferisches Wollen nach vernünftigen Gesetzen zu regeln und auch andern, nicht dichterisch Beanlagten durch das Medium der Logik einigermassen verständlich zu machen. Aber auch wenn wir alle Missverständnisse ausschliessen, bleibt die Sache immer noch sehr schwierig. Es mangelt zunächst gänzlich an brauchbaren Büchern, die dem Dichter einen vollkommenen Einblick in das verschaffen könnten, was ihm aus dem ungeheuren Bereiche der wissenschaftlichen Forschung über den Menschen zu wissen Noth thut. Die in ihren Resultaten so sehr werthvolle psychologische und physiologische Fachliteratur zeigt den Bestand des Materials nur in seiner äussersten Zersplitterung. Weit entfernt, die Arbeit des einsichtigen Dichters unter der Rubrik des psychologischen Experimentes entsprechend zu würdigen, zieht sich die Fachwissenschaft in den allermeisten Fällen vornehm zurück und überlässt die Verarbeitung ihres Materials für poetische Zwecke dem Philosophen, der unter zehn Fällen neunmal die Thatsachen unter dem Vorwande der Ordnung einfach fälscht. Statt der Wissenschaft Rechnung zu tragen, suchen schaffende Poesie wie Aesthetik dann ihre Prämissen durch Studium philosophischer Systeme zu gewinnen, und der Erfolg ist, dass wir unter dem Vorwande realistischer Annäherung an die Resultate der Forschung allenthalben einer Verherrlichung Hegel'scher Phrasen, Schopenhauer'scher Verbohrtheiten oder Hartmann'scher Willkür begegnen, die mit echter Wissensbasis wenig mehr zu schaffen haben, als die alten religiösen Ideen, so geistvoll sie auch im Einzelnen ersonnen sein mögen.

Eine Anzahl vorsichtiger Geister, besonders ausübender Poeten, verschmäht mit Recht diese schwankende Brücke und stürzt sich kühn in die Detailmasse des exacten Fachwissens. Der Erfolg zeigt eine ernstliche Gefahr auch bei diesem Unterfangen. Die wissenschaftliche Psychologie und Physiologie sind durch Gründe, die Jedermann kennt, gezwungen, ihre Studien überwiegend am erkrankten Organismus zu machen, sie decken sich fast durchweg mit Psychiatrie und Pathologie. Der Dichter nun, der sich in berechtigtem Wissensdrange bei ihnen direct unterrichten will, sieht sich ohne sein Zuthun in die Atmosphäre der Clinic hineingezogen, er beginnt sein Augenmerk mehr und mehr von seinem eigentlichen Gegenstande, dem Gesunden, allgemein Menschlichen hinweg dem Abnormen zuzuwenden, und unversehends füllt er im Bestreben, die Prämissen seiner realistischen Kunst zu beachten, die Seiten seiner Werke mit den Prämissen dieser Prämissen, mit dem Beobachtungsmateriale selbst, aus dem er Schlüsse ziehen sollte, -- es entsteht jene Literatur des kranken Menschen, der Geistesstörungen, der schwierigen Entbindungen, der Gichtkranken, -- kurz, das, was eine nicht kleine Zahl unwissender Leute sich überhaupt unter Realismus vorstellt.

Ich habe den Weg gezeigt, wie klar denkende Dichter auf diese Linie gerathen können, und bin weit davon entfernt, das blöde Gelächter der Menge bei Beurtheilung derselben zu theilen. Es sind keineswegs die kleinen, rasch zufriedenen Geister, die in solche heroischen Irrthümer verfallen, und der still vergnügte Poet, der im einsamen Kämmerlein von Sinnen und Minnen träumt, hat für gewöhnlich nur sehr problematische Kenntniss davon, welcher Riesenarbeit sich gerade der dichtende Genius unterzieht, der im treibenden Banne seiner Gedanken bis zum Unschönsten, was die Welt im gebräuchlichen Sinne hat, dem Krankensaale, vordringt. Ein Irrthum bleibt die Einseitigkeit darum doch. Die Krankheit kann nicht verlangen, den Raum der Gesundheit für sich in Anspruch nehmen zu wollen, das unausgesetzte Experimentiren mit dem Pathologischen, also dem ganz ausschliesslich Individuellen, das eine Ausnahme vom normalen Allgemeinzustande bildet, nimmt der Poesie ihren eigentlichsten Charakter und verführt den Leser zu Irrthümern aller Art, die hinterher den ganzen Realismus treffen.

Ich halte es angesichts all' dieser Gefahren für durchaus an der Zeit, in einer übersichtlichen Darstellung diejenigen Puncte herauszuheben, die eigentlich in der Gesammtfülle des modernen naturwissenschaftlichen Materials als wahre Prämissen seiner Kunst den Dichter unmittelbar angehen. Ich möchte dabei ebensoweit von philosophischer Verwässerung wie von fachwissenschaftlicher Detailüberlastung entfernt bleiben. Was sich als Resultat der bisherigen objectiven Forschung ergiebt, möchte ich unter dem beständig beibehaltenen Gesichtspuncte der dichterischen Verwerthung klar darlegen. Das Metaphysische kann ich dabei nur streifen als nothwendigen Grenzbegriff des Physischen. Die Erkenntnisslehren der modernen Naturwissenschaft sind, wie schon gesagt, bisher in die weiten Kreise fast stets als Beiwerk in gewissen Systemen, als Stütze materialistischer oder pessimistischer oder sonst irgendwie auf einen Glauben getaufter Weltanschauungen verbreitet worden. All' diesen Bestrebungen stehe ich durchaus fern. Was der Poet sich über das innerste Wesen der kosmischen Erscheinungen denkt, ist seine Sache. Die Puncte, um die es sich für mich handelt, sind als Wissensgrundlagen massgebend für Alle, so gut wie das Wasser das Product zweier Elemente, des Wasserstoffs und des Sauerstoffs, für jeden vernünftigen Menschen bleibt, mag er nun im Puncte des Gemüthes Christ oder Jude oder Mohammedaner sein oder die heilige Materie anbeten.

Es giebt Dinge darunter, die den Dichter stärker machen werden, als seine Vorgänger waren, wenn er sie in der rechten Weise beachtet. Es giebt auch Dinge, die ein zweischneidiges Schwert sind und mit aller Vorsicht behandelt werden wollen. Im Grossen und Ganzen kann ich nur sagen: eine echte realistische Dichtung ist kein leichter Scherz, es ist eine harte Arbeit. Die grossen Dichter vor uns haben das sämmtlich empfunden, die kommende Generation wird es möglicher Weise noch mehr fühlen. Einen Menschen bauen, der naturgeschichtlich echt ausschaut und doch sich so zum Typischen, zum Allgemeinen, zum Idealen erhebt, dass er im Stande ist, uns zu interessiren aus mehr als einem Gesichtspuncte, -- das ist zugleich das Höchste und das Schwerste, was der Genius schaffen kann. Wie so der Mensch Gott wird, ist darin enthalten, -- aber es wird jederzeit auch darin sich offenbaren, wie so er Gottes Knecht ist. Das Erhebendste dabei ist der Gedanke, dass die Kunst mit der Wissenschaft empor steigt. Wenn das nicht werden sollte, wenn diese Beiden fortan im Kampfe beharren sollten, wenn Ideal und Wirklichkeit sich gegenseitig ermatten sollten in hoffnungslosem, versöhnungslosem Zwiste: dann wären die Gegenwart, wie die Zukunft ein ödes Revier und die Mystiker hätten Recht, die vom Aufleben der Vergangenheit träumen. Es ist in Wahrheit nicht so. Ein gesunder Realismus genügt zur Versöhnung, und er erwächst uns von selbst aus dem Nebeneinanderschreiten der beiden grossen menschlichen Geistesgebiete. Dichtung um Dichtung, ästhetische Arbeit um ästhetische Arbeit, alle nach derselben Richtung gestimmt, müssen den Sieg anbahnen. Die rohe Brutalität, von der hitzige Köpfe träumen, wollen wir dabei gern entbehren, -- ich meine, die Wissenschaft ist dazu viel zu ernst und die Kunst viel zu sehr der Liebe und des klaren, blauen, herzerwärmenden Frühlingshimmels bedürftig.

Zweites Capitel.

Willensfreiheit.

Ich will als Dichter einen Menschen, den ich in eine bestimmte Lage des Lebens gebracht habe, eine Handlung begehen lassen und zwar diejenige, welche ein wirklicher Mensch in gleicher Lage wahrscheinlich oder sogar sicher begehen würde.

Ich will als Kritiker einer Dichtung beurtheilen, ob eine bestimmte Handlung, die ein bestimmter Held dieser Dichtung unter bestimmten Umständen begeht, wirklich richtig, das heisst den Gesetzen der Wirklichkeit entsprechend, erfunden ist.

In beiden Fällen werde ich beim geringsten Nachdenken auf die allgemeine Frage der Willensfreiheit geführt.

Diese Frage aber ist weder eine dichterische, noch eine philosophische, sondern eine naturwissenschaftliche. In ihr kreuzen sich die sämmtlichen Grundfragen der wissenschaftlichen Psychologie, und sie ist meiner Ansicht nach die erste und wichtigste Frage, mit der sich die Prämissen der realistischen Poesie und Aesthetik zu befassen haben.

Die oberflächlichste Anschauung der wahren Dinge in der Welt lehrt, dass die menschliche Willensfreiheit nicht ist, was das Wort nahe legt: eine absolute Freiheit. Wir sehen nicht nur die Macht des Willens physikalisch beschränkt, sondern gewahren auch in dem eigenthümlichen Gefüge und Bau der Gedanken, die den Willen zu irgend etwas schliesslich als äussern Act entstehen lassen, beständig sehr eigenthümliche, subjective Factoren, die in uns sofort das Gefühl eines eingeschränkten Laufes der Gedankenketten entstehen lassen. Genau dieselbe Thatsache erweckt im Geiste verschiedener Menschen verschiedene Gedankenreihen, die oft den genau entgegengesetzten Willen hervorrufen. Eine unbewacht gelassene Casse ruft in einem Gewohnheitsdiebe den Gedanken und in directer Fortsetzung die Handlung des Stehlens, in einem seiner bisherigen Lebensbahn nach durchaus rechtlich gesinnten Menschen höchstens den Gedanken an eine Sicherung und Bewachung zur Verhütung eines Diebstahls hervor. Eine grosse Anzahl von Menschen ist zwar geneigt, gerade den Umstand hier für allgemeine Freiheit zu halten, dass der Eine so, der Andere anders handelt. Der Naturforscher wird sich sagen müssen, dass die gleiche äussere Sache nur einen verschiedenen innern Effect haben kann, weil sie offenbar in dem Innern der beiden geistigen Individuen auf eine ungleiche Disposition trifft, etwa wie in der Physik derselbe Funke, je nachdem er in eine Pulvertonne oder in ein Wasserfass fällt, sehr verschiedene Kräfte auslöst.

Damit ist ein erster, roher Anhaltspunct für die Auffassung psychologischer Vorgänge gewonnen. Wenn ich als Dichter Menschen in Berührung mit äusseren Erscheinungen bringe, so wechselt nicht nur der Wille in den Handlungen der Person je nach den äusser'n Impulsen, sondern er ist auch subjectiv bei den Einzelnen verschieden je nach der Disposition des Geistes, die der Impuls bei Jedem findet.

Die Physiologie giebt uns nun als nächsten Fortschritt über diesen ersten Punct weg die Thatsache an die Hand, dass jede Disposition des Geistes zugleich eine Disposition des stofflichen Untergrundes, des Gehirns, bedeutet.

Die Frage, in welchem Causalitätsverhältniss diese Doppelerscheinungen der geistigen und stofflichen Disposition unter sich wohl stehen möchten, ob der Geist als solcher existire oder bloss eine subjective Rückansicht desselben Dinges sei, das wir äusserlich als Stoff, respective mechanische Kraft uns gegenüber stellen, geht uns hier als eine erkenntniss-theoretische, wissenschaftlich nicht lösbare gar nichts an. Was wir mit Händen greifen können, ist das Zusammenfallen jeder psychischen Erscheinung mit einer molecularen, jedes Gedankens mit einem ganz bestimmten physiologischen Ereignisse innerhalb des nervösen Centralorgans. Dieses leugnen, hiesse rundweg das Gehirn leugnen und die ganze überwältigende Masse künstlicher wie unfreiwilliger Beeinflussungen des psychischen Apparats, die man bei vivisecirten Thieren und verwundeten oder gehirnkranken Menschen durch stoffliche Umwandlungen in der Gehirnmasse hat entstehen sehen. Die Thatsache steht also unbezweifelbar fest: wir können behaupten, wenn bei einer bestimmten Person ein bestimmter äusserer Impuls eine bestimmte Disposition im Gedankengange des Betreffenden vorfindet, so ist diese Disposition zugleich etwas Stoffliches, eine Curve, Furche, reihenweise Gruppirung kleiner Theilchen, Schwingung der Molecüle nach einer bestimmten Richtung oder was man sich sonst denken will in der greifbaren Masse des Gehirns. Das oben gebrauchte Beispiel mag das zur Deutlichkeit nochmals illustriren. Gleicher äusserer Impuls: eine offene Casse. Erfolg bei dem einen Menschen unmittelbar und ohne Wahl eine moralisch verwerfliche Gedankenkette, die endigt mit der Handlung des Stehlens, bei dem andern ebenso unmittelbar eine gute, die ausläuft in die Handlung des Bewachens. Grund: der erste Mensch ist gewöhnt, schlecht zu handeln, seine Gedankenkette schlägt sofort eine bestimmte Richtung ein, die körperlich einem durch Gewohnheit tief ausgefahrenen Geleise entspricht, in das ein neu ankommender Wagen stets mit mechanischer Nothwendigkeit wieder hineinrollt; umgekehrt bei dem gewohnheitsmässig moralischen Menschen geräth die Ideenverbindung unmittelbar in eine ganz entgegengesetzte Linie, die schliesslich den umgekehrten Effect auslöst.

Ich habe das Beispiel so nackt gewählt, wie möglich, -- ohne jeden Conflict, was nicht ausschliesst, dass es täglich so vorkäme. Wer oft gestohlen hat, stiehlt wieder; wer in moralischem Denken aufgewachsen ist, kommt für gewöhnlich gar nicht auf den Gedanken, zu stehlen; die Ideenkette lenkt ohne Ablenkungen besonderer Art, die ich hier vernachlässige, stets in dieselben Geleise ein. Das Wort Geleise dürfen wir unbedenklich anwenden, da ja ein stofflicher Vorgang stets mit unterläuft. Geschaffen hat die Geleise, wie sich Jeder schon zur einfachsten Erläuterung dazu sagt: die Gewohnheit. Jede Minute unseres Lebens bringt uns Beweise dafür, -- das Wort Gewohnheit, das uns beständig auf der Zunge schwebt, ist eben nur der Ausdruck des Factums, dass die mehrmals aufgestellten Gedankenketten sich ein derartig festes Bett in unserm Denkorgane graben, dass gewisse, nur entfernt daran gemahnende Impulse sie jedesmal mit zwingender Nothwendigkeit wieder hervorrufen und dieselbe Handlung als schliesslichen Effect daraus entstehen lassen. Je ausgefahrener die Geleise nach und nach werden, desto rascher und damit dem Bewusstsein desto undeutlicher saust der Gedanke hindurch, desto unmittelbarer lösen sich Impuls und Willenseffect ab, bis schliesslich der Gedanke gar nicht mehr bewusst wahrgenommen wird und die Handlung sich als rein mechanischer Reflex des Impulses darstellt, -- Erscheinungen, die wir täglich am Menschen beobachten können und die beim Thiere, dem die wenigen Eindrücke seines Lebens durch ihre regelmässige Wiederkehr fast alle in der genannten Weise constant und zur Quelle reiner Reflexhandlungen werden, die Regel bilden.

Wenn es auf Grund eines ungeheuren Fortschrittes mikroskopischer Forschung möglich wäre, ein vollkommenes Bild eines beliebigen menschlichen Gehirns, das zu seinen Lebzeiten Gedanken gehegt hat, zu entwerfen, so würde man, wie immer das wahre Antlitz der Sache sich gestaltete, stets auf das schematische Bild einer Ebene kommen, die von Linien ungleicher Dicke durchkreuzt wird, von denen eine Anzahl nur matt angedeutet und halbverwischt, eine gewisse Zahl dagegen äusserst scharf und deutlich erschiene, und der Beschauer würde unmittelbar das Gefühl haben, dass es sich hier um ein Strassensystem handle, bei dem dasselbe obgewaltet, wie bei menschlichen Verkehrswegen: irgend ein äusserer Umstand hat mehrmals die Verkehrenden auf dieselbe Strasse geführt und, einmal ausgetreten, hat diese nun Alle, die nur entfernt nach derselben Richtung wollten, veranlasst, ihrer Linie und keiner andern zu folgen.

Thatsächlich sind wir ja so weit nicht. Das Gehirn, welches wir kennen, bietet uns, was das unmittelbare Sehen anbelangt, ungefähr so viel Anhaltspuncte zur Kenntniss seiner innern Processe, wie dem Astronomen die Oberfläche des Planeten Mars. Wir erkennen auf dieser Länder und Meere, Canäle, die das Festland durchschneiden, atmosphärische Vorgänge, Wolken, Schnee, Eismassen am Pol; das Alles aber kommt so wenig über den groben Umriss hinaus, dass Objecte von der Grösse der Victoria-Nyanza noch gerade als Puncte wahrnehmbar sind.

Unsere Anschauungen vom Wesen der ganzen Gedankenthätigkeit müssen wir, unfähig, die Maschine in ihre Rädchen auseinander zu nehmen und im todten Material zu studiren, abstrahiren aus dem Erfolge, aus der regelmässigen, positiv zu beobachtenden Wiederkehr gewisser gewohnheitsmässiger Gedankenreihen in uns selbst und den Handlungen, die wir täglich bei uns als Folgen dieser zwangsweisen Ideenketten wahrnehmen und bei Andern als solche voraussetzen dürfen. Immerhin ist diese Art der Beobachtung ein vollkommen guter Ersatz für jene.

Für die Freiheit des Willens, von der wir ausgegangen sind, ist jedenfalls -- mögen wir nun physiologisch oder psychologisch zu unsern Resultaten gekommen sein -- in dem Bestehen der durch Gewohnheit gegrabenen Gedankenstrassen ein bedenkliches Hinderniss gegeben. Der Wille ist Endergebniss eines nicht gestörten, bis zu einer gewissen Intensität angeschwollenen Gedankens, -- wenn der Gedanke aber in seinem Flusse sich in den meisten Fällen einem gegrabenen Bette anschmiegen muss, so kann in allen diesen von einer Freiheit des endlichen Willens keine Rede mehr sein, und man braucht noch gar nicht auf jene oben erwähnten, ganz reflectorisch gewordenen Willensacte zurückzugehen, um auf Schritt und Tritt diesen einfacheren hemmenden Einflüssen zu begegnen.

Die wichtigste Frage scheint also, um hier Klarheit zu schaffen, die nach der Natur der Gewohnheit zu sein. Es gilt festzustellen, was sich unter diesem Begriffe, der die Willensfreiheit in so frappanter Weise bedroht, für einzelne Factoren verstecken und ob in dem einen Worte, das der Gebrauch selbst geschaffen, nicht Verschiedenartiges sich birgt. Gewohnheit ist, so haben wir physiologisch definirt, langsame Einprägung einer bestimmten Furche (psychologisch: Denkrichtung) im Gehirn, die durch eine längere Folge gleichartiger Wahrnehmungen erzeugt wird. Woher kommt eine derartige Gleichartigkeit der Wahrnehmungen? Zunächst aus der Einrichtung der Natur, die uns trotz der unendlichen Fülle ihrer Erscheinungen doch gewisse Phänomene in ewiger Regelmässigkeit wiederkehren lässt, die beständig gleiche Wahrnehmungen in uns hervorrufen. In zweiter Linie aber aus einem Umstande, der den Culturmenschen mit verschwindenden Ausnahmen fest und unerbittlich umklammert hält: der Erziehung. Wir sind nicht neu geschaffene Wesen, die bloss die Natur sich gegenüber haben. Wir gehören einer Gesellschaft an, die ebenfalls aus Menschen mit einem, dem unsern ähnlichen Denkapparate besteht. Wir sind jung, die Tafel unseres Gehirnes ist noch kaum beschrieben. Jene Menschen, die vielleicht unsere Erzeuger, jedenfalls als Erwachsene unsere Meister sind, sind in ihrem Denken bereits erfüllt mit jenen festen Linien, jenen Geleisen des Gewohnten, und sie fühlen sich wohl dabei. Ihr Bemühen geht dahin, in unser Gehirn dieselben Linien zu prägen. Unfähig, unmittelbar zu wirken, beschreiten sie den Umweg durch die wiederholten Wahrnehmungen, aber in der Weise, dass sie bestimmte Wahrnehmungen -- eben jene, die ihren Gedankenlinien die bequemen sind -- auswählen und uns so lange einseitig vorführen, bis sich in unserm Gehirn die gleiche Linie, wie bei ihnen, gebildet hat und wir ihre wahren geistigen Kinder sind. Mit andern Worten heisst das: wir erhalten die grosse Masse unserer gewohnheitsmässigen Gedanken durch Unterricht, durch Schulung. Der Werth dessen, was uns vermittelst derselben im Gehirn eingeritzt wird, ist dabei ganz gleichgiltig, es kann die höchste Moral oder die äusserste Unmoral sein: von einem gewissen Puncte ab ist die Gedankenübertragung gelungen, die Linie angelegt, und es bedarf fortan nur der leisesten Aehnlichkeit in einer Wahrnehmung mit jenen früheren, um sofort den ganzen Gedankenapparat nach der eingeprägten Richtung hin in Thätigkeit zu setzen.[1]

[1] Sehr lehrreich für das ganze Gebiet der Gedankenübertragung sind die _hypnotischen_ Experimente, die gewiss auch für den Dichter ein gewisses Interesse haben müssen. Ganz energisch aber ist zu verlangen, dass jeder Verwerthung derartiger Erscheinungen ein kritisches Verständniss und Studium vorausgehe. Es handelt sich hier durchaus nicht um ein Stück jener behaglichen Mystik, bei der alle Menschen, denen einmal etwas Unerklärliches vorgekommen, den Beruf fühlen, mitzusprechen, sondern um exacte wissenschaftliche Gegenstände, die, eben weil sie von der grössten Tragweite sind, auch die vorsichtigste Behandlung erfordern. Wen der Schleier des Unbegreiflichen allein verlocken sollte, der wird bei sorgfältiger Kenntnissnahme dann schon von selbst merken, wie wenig seine Neugier belohnt wird.

Je tiefer diese Schulung geht, je reflectorischer die Ideenlinien arbeiten, desto mehr scheinen sie später ursprünglich mit dem Individuellen verwachsen und erlangen in Wörtern, wie Gewissen, Tact und ähnlichen, Bezeichnungen, die uns im Leben sehr oft geneigt machen, sie angeborene zu nennen, obwohl sie allem Anscheine nach durchweg erworbene, von aussen eingeprägte sind.

Das Adjectivum »angeboren« aber, welches sich uns hier zwanglos in die Erörterung einmischt, führt uns unwillkürlich auf ein Zweites, das im Begriffe der Gewohnheit, wenn auch wahrscheinlich nicht dort, wo man es vermuthete, so doch anderswo steckt.

Ein Vogel, den man im Zimmer fern von Seinesgleichen aufgezogen, zeigt bei nahendem Winter ein Bestreben, zu wandern. Hier kann nicht mehr von individueller Aneignung, von einer durch Gewohnheit erzielten Gedankenlinie, in die jedesmal beim Anblick fallenden Laubes oder sonstiger Erscheinungen des Wechsels der Jahreszeiten der Gedanke einlenkt, um schliesslich den Willen des Wanderns auszulösen, die Rede sein. Eben haben wir gesehen, dass die Function, das beständige Wahrnehmen gleicher Dinge allmählich eine körperliche und geistige Disposition, ein Geleise gewissermassen, schafft, das dann beim Nachfolgenden wie ein Organ die Function bestimmt; bei diesem geborenen Zugvogel ist offenbar die Umwandlung einer bestimmten Stelle des Denkapparates schon bei der Geburt mit allen andern Organen, die im embryonalen Leben nicht durch, sondern für die Function entstehen, angelegt worden und tritt jetzt beim geringsten dahin zielenden Impuls mit voller Kraft in Thätigkeit, indem sie den Vogel zwingt, beim ersten Anzeichen des Herbstes -- und sei es auch sein allererster, den er im individuellen Leben mitmacht -- eine Gedankenreihe zu verfolgen, die ihm bei menschlich klarem Bewusstsein wie eine Vision vorkommen würde, indem er Bilder von einem warmen Lande, wohin er wandern soll, denkt, die keine eigene Erfahrung ihm eingeben kann.

Wir haben es hier mit einer Gewohnheit secundärer Art zu thun: -- mit vererbten geistigen Linien. Jede geistige Gewohnheit bedingt etwas körperliches, einerlei, ob als Ursache oder als unvermeidliche Parallelerscheinung; dass körperliche Veränderungen sich vererben, wissen wir alle; es kann in Fällen wie dem genannten nicht anders sein, als dass sich hier eine Structurverschiebung des Gehirns, eine moleculare Disposition vererbt hat, deren unzertrennliche Begleiterin die psychische Erscheinung ist, die wir sehen. Zwischen dem Gehirn jenes Vogels und dem gewaltigen Verstandesapparate des Menschen aber besteht physiologisch wie psychologisch lediglich ein Unterschied des Grades, nicht der Art, -- es fragt sich: spielen auch beim Menschen ererbte Gedankenreihen eine Rolle, die sich unter dem allgemeinen Worte »Gewohnheit des Denkens« verbirgt? Bei der ungeheuren Masse von Eindrücken, die der Mensch im Gegensatz zu den meisten Thieren während der Dauer seiner individuellen Existenz empfängt und die trotz aller Macht der Gewohnheit gerade auf den höheren geistigen Gebieten durchweg nicht reflectorisch werden, nicht ganz aus dem Bewusstsein verschwinden, scheint es von vornherein nicht wahrscheinlich, dass hier sehr viel vererbt werden sollte. Jedenfalls bestätigt die Erfahrung, dass Vererbung überwiegend dann stattfindet, wenn gewisse Gedankenketten über das gewöhnliche Mass hinaus sich eingebohrt haben, also beispielsweise bei einseitigem Genie, bei krankhaft eingewurzelten fixen Ideen, also fast oder ganz abnormen Zuständen, -- und es scheint selbst hier, als vererbten sich nicht eigentliche Gedankenlinien, sondern nur gewisse Stimmungen des Untergrundes, wenn ich so sagen soll, gewisse Weichheiten oder Härten der Fläche, die den später durch Erziehung herantretenden Geleisen einen ungewöhnlichen Widerstand oder ein ungewöhnliches Entgegenkommen bewiesen. In der Empfänglichkeit des Gehirns für einzugrabende Linien überhaupt liegt ganz unbezweifelbar die eigentliche grosse Erbschaft, die der Mensch, der als solcher geboren wird, vor dem Thiere voraus hat; wer das exact beobachten will, vergleiche ein lernendes Kind mit einem lernenden Papageien. Wahrscheinlich ist dem Vogel der absolute Fortschritt gerade deshalb so erschwert, weil sein Gehirn von Jugend auf mit einer Reihe ererbter Linien (Instincte nennt es ein geläufiges Wort) durchsetzt ist, die den Boden hart gemacht haben für alles Neue; die wenigen ererbten Geisteslinien des Menschen, der Mangel an Instincten, wäre im Lichte dieser Anschauung dann vielleicht die Wiege seiner geistigen Entwicklungsfähigkeit, indem es ihm die Tafel für das Lernen frei hielte. Dass darum gewisse Instincte, ganz oder beinah reflectorische Geisteslinien, auch beim Menschen und zwar bei allen ohne Ausnahme als Erbe früherer, mehr thierischer Verhältnisse sich -- wenn auch bisweilen gleichsam verschüttet und von den tausend Erziehungslinien überdeckt -- vorfinden, ist nicht zu leugnen. Stark erregte Momente, Revolutionen, Hungersnoth, beständiger Anblick von Blut, sexuelle Ueberreizung lassen diese Instincte gelegentlich in roher und erschreckender Weise durchbrechen, und der Mensch handelt in solchen Momenten im Banne einer dämonischen Gehirnmacht, einer entfesselten psychisch-molecularen Bewegungswelle, die unvergleichlich mächtiger fortreisst, als alle individuell durch Erziehung erworbenen Moral- oder Unmorallinien, er handelt mit dem Instincte von Thierformen, die weit unten an der Schwelle des Menschlichen stehen und für uns nur noch in analogen Erscheinungen der jetzigen höheren Säugethierwelt zu studiren sind. Der Dichter, wie der Historiker müssen gerade diesen geheimnissvollen Vererbungslinien, deren Rolle im einzelnen Leben wie in der Geschichte sehr gross ist, mit Interesse nachgehen. Wünschen möchte man, dass gewisse dauernde Errungenschaften der menschlichen Cultur -- beispielsweise die Basis der Moral, das Mitleid -- mit der Zeit bereits reine Instincte geworden wären, die der Einzelne mit auf die Welt brächte. Man ist mitunter versucht, dergleichen zu glauben. Wenn ein Mensch, ohne eine Secunde zu zögern, einem Kinde, das in's Wasser gefallen ist, nachspringt und es rettet, so scheint hier eine Geisteskette vorzuliegen, die bereits ganz reflectorisch wirkt und wohl als solche vererbt werden könnte.

Die Erfahrungen, die man andererseits an Kindern macht, die aus besten Bildungskreisen entspringen und doch, ehe sie durch Zucht selbst gebildet sind, nichts bethätigen als die alten thierischen Instincte, die mit ihrem roheren Egoismus dem Mitleid gerade zuwider laufen, verhindern alle derartigen optimistisch gefärbten Schlüsse.

Beschränkt, wie unsere Kenntnisse von dem ganzen Gewebe der Vererbungsfragen gegenwärtig noch sind, müssen sie dem Dichter, der in ihnen das Material tragischer oder versöhnender Verknotungen sucht, eine starke Resignation und scharfe Kritik als Grundbedingung an's Herz legen. Rechnen soll er mit der Vererbungsfrage als Ganzem, das ist sicher. Aber er soll nicht spielen damit, sich nicht muthwillig auf Gebiete begeben, die der Fackel des Forschers selbst noch verschlossen sind. Die Zukunft wird erst zeigen können, wie eigentlich diese Dinge eingreifen in's Leben des Einzelnen, wie die Sünden und Vorzüge der Ahnen sich unmittelbar im Gehirne des Enkels rächen. Immerhin mag heute schon der grandiose Romancyklus von Zola eine durchdachte Vorahnung für das Kommende darstellen. Wenn man sich aber vergegenwärtigen will, welche zahllosen dichterischen Vorwürfe in dem Spiel der Ideenketten, an die Schule und erste Bildung uns schmieden, enthalten sind, so kann man im Grunde nur warnen vor dem einseitigen Betonen der Vererbungsconflicte, so lange die Physiologie noch nicht in festen Gesetzen die nöthigen Prämissen aufgestellt. Man soll sie beachten, wo man durch den Stoff nothwendig auf sie geführt wird, aber sie noch nicht in den Vordergrund drängen, wo es nicht durchaus nöthig ist.

Die indirecte Vererbung, das unbrauchbare Alte, das uns in unserer Bildung, durch unsere Umgebung allenthalben belastend in's Gehirn gegraben wird, tausend begabte Köpfe im Kampfe mit dem lebendigen Neuen zu Tode hetzt, uns als unechte Religion, veraltete Moral, conventioneller Humbug, historische Entartung und was sonst noch alles, den Geist trübt und für die Ziele der Gegenwart blind macht: das ist durchschnittlich weit gefährlicher, als die dunklen chemischen und physikalischen Mächte, die hier oder dort eine Familie in allen Phasen des Wahnsinns untergehen lassen oder an den geschlechtlichen Fähigkeiten eines unschuldigen Nachkommen die sexuellen Verrücktheiten des Urgrossvaters rächen. Es sind harte, unerbittliche Gesetze im Einen, wie im Andern, aber im letztern Falle haben sie mehr von jener dunklen Tragic, die allem Geschehen der Natur geheimnissvoll zu Grunde liegt, im ersteren sehen wir den Kampf menschlich lebhafter und näher vor Augen, wir fühlen die Schmerzen, wie die Triumphe innerlich blutiger und siegesstolzer mit, weil wir mehr verstehen und stärker durchfühlen, dass die Sache auch einmal anders werden könnte durch unser Zuthun.

Ich kehre zur eigentlichen Frage zurück. Gewohnheit umschliesst, so haben wir jetzt gesehen, zweierlei: Ererbtes und Erworbenes. Da das Letztere wenigstens beim normalen Culturmenschen mit zunehmendem Alter unausgesetzt wächst, so gleicht das Gehirn dieses Menschen schliesslich einer über und über beschriebenen Tafel, auf der sich gewisse Striche mehr und mehr verdickt haben, und die am Ende gar nichts ganz Neues mehr aufzunehmen im Stande ist, so dass der Geist wie ein geschickter Seiltänzer mehr oder weniger nur noch die vorgeschriebenen Stangen abklettert, je nachdem dieser oder jener äussere Anlass bei einer der ewig bereiten Endstationen anklopft.

Eigentliches Leben in dieses an und für sich sehr einfache Gedankenspiel bringt aber nun eine Thatsache, die ich bisheran absichtlich vernachlässigt habe. Was wir durch Unterricht (sei es nun unmittelbarer durch das Leben oder mittelbarer in der Schule) an festen Gedankenlinien eingeprägt bekommen, steht weder immer im Einklange untereinander, noch mit dem, was durch die Vererbung an allgemeinen Instincten oder individuellen Neigungen in uns bereits bei der Geburt befestigt ist. Mit andern Worten: jene constanten Linien im Denkorgan kreuzen, hemmen, verwickeln sich vielfach, wodurch die einfachen Denkprocesse, die durch die Möglichkeit des Eingrabens fester Linien so bequem und bis zur Grenze des Reflectorischen glatt gemacht wurden, wiederum recht erschwert werden. Ich sehe ab von ganz krankhaften Erscheinungen. Man hat Fälle, wo eine Gedankenlinie eines Menschen von einem gewissen Puncte ab, ohne dass er sich dessen bewusst wurde, in eine ganz andere überging, so dass beim Versuche, den Gedankengang wieder zu geben, von einer Ecke ab jedesmal die Begriffe wie vertauscht waren. Hier waren offenbar zwei Linien in abnormer Weise verschmolzen, ein hochinteressanter, aber lediglich psychiatrischer Fall.

Ich will jetzt versuchen, an einem consequent durchgeführten Beispiele genau den normalen Fall von sich widersprechenden Gedankenlinien aufzudecken. Es ist das um so wichtiger, als man gerade hier, im Widerstreite der Gedankenlinien, den schärfsten Beweis für eine metaphysisch beeinflusste Willensfreiheit zu finden geglaubt hat.

Ich nehme an, einen Menschen trifft ein äusserer Sinneseindruck, -- etwa der Anblick einer schönen Frau, die das Weib eines Andern ist, also ein Sinneseindruck, den das Auge in's Gehirn übermittelt, der dort zur geistigen Wahrnehmung wird und als solche gewisse Gedanken erregen muss, deren Lauf durch die vorhandenen Gewohnheitslinien bestimmt wird und deren endliches Resultat bei genügend starker Erregung ein Willensact, eine Handlung ist. Der Anblick einer körperlich reizenden Frau erweckt im Manne nothwendig zunächst die Gedankenketten, die um das Geschlechtliche gelagert sind. Diese können aber sehr verschiedener Art sein, von dem einen örtlichen Centrum können Furchen ganz entgegengesetzter Richtung und Tiefe ausstrahlen. Nehmen wir den Fall eines Menschen, der gar keine Bildung genossen hat, aber auch, vielleicht weil er eben erst geschlechtsreif geworden ist, im Bezug auf das Geschlechtliche noch durchaus keine feste Gewohnheitsfurche im Gehirn trägt. Bei ihm wird der erste Gedanke höchstwahrscheinlich die Vererbungsfurche, die den instinctiven Fortpflanzungstrieb als uraltes Erbe stets neu zeitigt, einschlagen, ein Kampf ist ausgeschlossen, da nur diese einzige Linie vorhanden ist, aber der aus der angeregten Gedankenkette hervorgehende Wille wird etwas Unklares, Reflectorisches haben, das sich dämonisch Bahn bricht, aber dem Bewusstsein selbst fast ganz entzogen ist.

Zweiter Fall: der Mensch ist ein geübter und geriebener Don Juan. Im Worte liegt schon enthalten, dass bei diesem Typus sich in der für das Geschlechtliche reservirten Gegend des Gehirns nicht bloss die instinctive Vererbungs-Furche, sondern daneben noch eine sehr tief ausgefahrene Aneignungs-Furche, ein durch Gewohnheit individuell scharf eingepflügtes Geleise findet, das beim Anblick des schönen Weibes eine grosse, aber dem Bewusstsein noch durchweg zugängliche Gedankenkette durchpassiren lässt, als deren Resultat ein sicherer, auf hundert Erfahrungen gestützter Wille entsteht, -- der Wille zur Verführung, der Wille zum geschlechtlichen Genuss, -- im Princip derselbe Wille, wie bei dem ersten Menschen, nur unendlich bewusster und dauernder. Ein Conflict findet -- moralische Bildung bei dem Typus des Don Juan ausgeschlossen -- auch hier nicht statt, die Wahrnehmung erregt nur eine einzige Ideenkette, die als Endresultat nur einen Willen kennt.

Der dritte Fall aber, an den ich jetzt herantrete, ist der weitaus interessanteste, dichterisch jedenfalls der werthvollste. Ein Mensch soll eine ordentliche moralische Bildung genossen haben, dabei aber dem Geschlechtlichen nicht so fern geblieben sein, dass es nicht auch, abgesehen von der stets vorhandenen ererbten Linie, eine gewisse Spur in seinem Gehirn zurückgelassen hätte, die im Stande wäre, den Gedanken bei völliger Unbeeinflussung in Don Juanartige Gelüste zu treiben. Eine Disposition, wie diese, ist unter allen die verbreitetste. Ihr Ergebniss ist im vorliegenden Falle ein innerer Kampf. Die Wahrnehmung erweckt zwei Gedankenlinien, die moralische und die schlechthin sexuelle, von denen die eine als Endergebniss einen Willen erzeugen muss, der dem der andern durchaus entgegengesetzt ist. Die Moral verbietet, was die geschlechtliche Neigung verlangt. Beide Gedankenketten erscheinen vor dem Bewusstsein, -- eine freie Wahl ist diesem aber absolut versagt; es steht als indifferenter Zuschauer vor dem Kampfe der Gedanken um den Willen. Nur ein Wille kann als Endresultat hervortreten. So lange beide Ideenketten vollkommen gleich stark sind, heben sie sich gegenseitig im Puncte des Willens auf wie Plus und Minus. Rollt der eine Gedankenzug glatt durch sein Geleise bis zur Willensstation, so ist inzwischen der andere ebenso glatt dort angekommen und die Beiden verschliessen sich gegenseitig den Ausgang. Die Entscheidung, welche Linie siegt, kann sehr lange ausstehen. Ueber ihre Veranlassung herrschen vielfach die irrigsten Vorstellungen. Man denkt sich unwillkürlich, das Bewusstsein selbst, welches doch keinerlei mechanische Macht besitzt, könne durch einen metaphysischen Druck diesen oder jenen Willen zum Durchschlag bringen. Das wäre die reinste Hexerei. Die Entscheidung kommt vielmehr daher, von wo überhaupt alles Motorische nur kommen kann: von aussen, durch neue Wahrnehmungen, die während der Hemmung jener beiden Ketten in's Gehirn eintreten. Es fragt sich bei diesen, in welche der beiden Linien sie einlenken. Sind es zufällig sexuelle Eindrücke, die mit dem Streite sonst nichts zu schaffen haben, aber nothwendig in die geschlechtliche Linie gerathen, so graben sie dort die Furche ebenso nothwendig ein Minimum tiefer, und dieses Minimum genügt, grob sinnlich gesprochen, um dem sexuellen Gedankenzuge im Wettlaufe zum Willensziel einen Vorsprung zu geben und damit das Resultat zu entscheiden. Umgekehrt: nahen sich zufällig bei schwebendem Streite neue, moralische Wahrnehmungen, so siegt die Moral auch in jenem offenen Falle. Unendlich geringe Factoren haben hier die weittragendste Bedeutung. Ein zufälliges Wort, ein lebhaftes Erinnerungsbild, der Anblick irgend einer Situation, die unmittelbar alle nicht das Mindeste mit dem obwaltenden Gedankenzwist in der kritischen Sache zu thun haben, entscheidet mit mathematischer Gewissheit über den Sieg. In mancher bedeutenden Dichtung will es uns bei oberflächlicher Betrachtung fast störend und unlogisch erscheinen, dass lange Seelenkämpfe plötzlich durch einen vielleicht sehr geringfügigen äusserlichen Umstand zur jähen Entscheidung gebracht werden. Wer sicherer beobachtet hat, sieht gerade hierin den echten Spiegel des Wahren, und er wird in der Wahl jenes scheinbar geringfügigen Umstandes bei schärferem Hinblick stets etwas entdecken, was indirect einem der streitenden Gedanken des Helden nicht zufällig, sondern nothwendig den Sieg verleihen musste, selbst wenn es gar nicht direct an die Objecte des Seelenkampfes heranreichte. Es ist nichts weiter als der Tropfen Oel, der die eine Wagenaxe in der Arena geschmeidiger macht; aber dieser Tropfen ist die weihende Spende der Nike.

Von diesem dritten Menschen giebt es tausend und abertausend Varianten. Die gegenseitige Hemmung und Beeinflussung der Gedankenketten ist es, die uns erst eigentlich das geistige Werden unserer Handlungen zum Bewusstsein bringt und verhindert, dass Impuls und Effect sich bloss reflectorisch auslösen. Man kann sagen, dass wir unserer Gedanken erst recht bewusst werden, wenn sie gehemmt sind und einander bekämpfen, etwa so, wie die Meeresfläche uns erst charakteristische Form gewinnt, wenn wir sie uns als ein Spiel sich brechender Wogen denken. Von einer freien Beeinflussung des Willens aber durch das Bewusstsein kann im buchstäblichen Sinne keine Rede sein. Wir erhalten äussere Eindrücke, wir denken in gewissen vorgezogenen Linien, dieses Denken wird uns unter gewissen Bedingungen durch einen Act, dessen innerste Natur wir nicht ergründen können, bewusst: das ist alles. In diesen Verhältnissen liegen die Wurzeln unseres Glückes und unserer Schmerzen, unserer Fortschritte und unserer Rückschritte. Naturwissenschaftlich sind wir als ehrliche Beobachter gezwungen, die Bedingtheit aller menschlichen Willensacte der Art des geistigen Apparates gemäss als eine Thatsache auszusprechen, die weder juristische noch theologische Forderungen irgendwie erschüttern können.

Diese Forderungen müssen sich mit der Thatsache abfinden. Die Genesis seiner Gedanken und Handlungen zugestanden, bleibt ja praktisch der Mensch mit lauter Gedankenketten, die im Verbrechen gipfeln, schlecht und strafbar und der Mensch, der durch den Zwang seiner Gehirnfurchen zu moralischem Denken und Thun gezwungen wird, gut.

Für den Dichter aber scheint mir in der Thatsache der Willensunfreiheit der höchste Gewinn zu liegen. Ich wage es auszusprechen: wenn sie nicht bestände, wäre eine wahre realistische Dichtung überhaupt unmöglich. Erst indem wir uns dazu aufschwingen, im menschlichen Denken Gesetze zu ergründen, erst indem wir einsehen, dass eine menschliche Handlung, wie immer sie beschaffen sei, das restlose Ergebniss gewisser Factoren, einer äussern Veranlassung und einer innern Disposition, sein müsse und dass auch diese Disposition sich aus gegebenen Grössen ableiten lasse, -- erst so können wir hoffen, jemals zu einer wahren mathematischen Durchdringung der ganzen Handlungsweise eines Menschen zu gelangen und Gestalten vor unserm Auge aufwachsen zu lassen, die logisch sind, wie die Natur.

Im Angesicht von Gesetzen können wir die Frage aufwerfen: Wie wird der Held meiner Dichtung unter diesen oder jenen Umständen handeln? Wir fragen zuerst: Wie wird er denken? Hier habe ich die äussere Ursache: was findet sie in ihm vor? Was liegt als Erbe in seinem Geistesapparate, was hat die Bildung und Uebung des Lebens darin angebahnt, welche fertigen Gedankenlinien wird jene äussere Thatsache erregen, wie werden diese sich hemmen oder befördern, welche wird siegen und den Willen schaffen, der die Handlung macht? Ich habe das Wort »mathematisch« gebraucht. Ja, eine derartige Dichtung wäre in der That eine Art von Mathematik, und indem sie es wäre, hätte sie ein Recht, ihr Phantasiewerk mit dem stolzen Namen eines psychologischen Experimentes zu bezeichnen.

Ich glaube gezeigt zu haben, wie gross unsere Unkenntniss im Einzelnen besonders bei der Vererbungsfrage noch ist. Jene Dichtung, von der ich rede, ist in ihrer Vollendung noch ein Traum. Aber das soll uns nicht hindern, rüstig am grossen Bau mitzuschaffen. Einstweilen möge sich vor allem die Klarheit über die Hauptprobleme Bahn brechen. Der Dichter soll anfangen, sich bei der Unzahl von Phrasen etwas zu denken, die auf seinem Gebiete umherschwirren, die Sätze wie: »Es lag in ihm so zu handeln«, »Die Natur brach sich gewaltsam Bahn«, »Er fühlte etwas, was seinen Gedanken blitzschnell eine andere Richtung gab« und ähnliches, sollen ihm einen Inhalt bekommen, er soll einsehen, dass es im Geiste so wenig Sprünge giebt, wie bei einem festen Verkehrsnetz, wo jede alte Strasse so lange wie möglich benutzt wird und eine neue nicht von heute auf morgen gebaut wird, er soll endlich alle die grossen Namen: Schicksal, Erbsünde, Zufall und wie sie heissen mögen, im Einzelnen neu prüfen und auf die Principien hin modificiren, wo es Noth thut. Ich gebe hier keine Aesthetik, sondern beschränke mich auf die naturwissenschaftlichen Grundlagen, es liegt mir fern, in jene Fragen näher einzutreten, die sich daran anknüpfen. Man sagt wohl, die Poesie werde roh und alltäglich, wenn sie sich an die Fragen der Physiologie um Auskunft wende. Wenn ich die Probleme überblicke, auf die der Gang dieser Studie mich geführt hat, so weiss ich nicht, was das heissen soll. Diese Probleme sind die höchsten, die ich mir denken kann. Wir stehen dicht vor der Schwelle des Ewigen, des Unerreichten, und wandeln doch noch auf dem sicheren Boden der Wirklichkeit. Giebt es einen höheren Genuss?

Drittes Capitel.

Unsterblichkeit.

Geheimnissvolles Wort, -- Unsterblichkeit! Wer die Geschichte der Menschheit anknüpfen wollte an die Geschichte ihrer tiefsten Träume, ihres bangesten, herzbewegtesten Sehnens, der müsste sie anknüpfen an dieses Wort.

Es ist nicht wahr, dass dieses Wort nicht auch uns noch immer im Grunde all' unseres Denkens fortzitterte: -- die uralten Phantasieen des Volkes vom Nilstrande, in denen der Zauber desselben zuerst eine dämonische Macht geworden, sind von all' dem Alten, Verklungenen vielleicht noch das Lebendigste und greifbar Deutlichste, was mitten durch unsere junge Welt wandelt. Wir sind anders geworden, besser, freier, wir stehen nicht mehr im Morgenschein der Jahrtausende, der helle Mittag wölbt sich über uns, der grosse, helle Mittag, von dem wir noch kein Ende sehen, -- und doch -- und doch. Das Wort Unsterblichkeit ist nach wie vor eine zwingende Gewalt. Es ist die Basis aller Metaphysik in der Religion. Die Zeiten sind herum, wo die Menschheit einen Gott in Donnerwolken oder Knechtsgestalt zur Erklärung ihrer Sittengesetze brauchte: die Frage des ewigen Looses nach aller Zeitlichkeit fordert auch heute noch den kühnen Flug über die Grenzen des Erkannten, und wenn alle dogmatische Religion sich sonst zersetzen sollte, so wird ihre letzte lebenskräftige Ranke sich immer wieder emporwinden an der festen Säule des Trostes am Grabe unserer Todten. Aber wie die meisten Fragen, die eine religiöse Bedeutung besitzen, ist auch diese zugleich auf's Engste verwachsen mit der Dichtung. Ihre Behandlung unter den Prämissen realistischer Aesthetik und Poesie scheint mir um so dringender geboten, als die allgemeine Ansicht von der Stellung der exakten Naturwissenschaft zu ihr vielfach eine einseitige oder geradezu falsche ist. Dank einer gewissen Sorte von voreiligem und bei bestem Willen hochgradig ungeschicktem Popularisiren physiologischer Erkenntniss, hat man sich daran gewöhnt, ein Dilemma aufzustellen, das thatsächlich nicht stichhaltig ist. Man wiederholt unaufhörlich die beiden Sätze: Entweder unsere Seelen sind unsterblich, -- -- oder mit dem Tode ist alles aus für ewige Zeiten und in jeder Bedeutung, -- wobei es dann als Folgerung der Wissenschaft nahe gelegt wird, dass die erste Möglichkeit in Wahrheit keine sei und die zweite als Kehrseite der andern die nothwendig richtige sein müsse. Der Fehler liegt in dem »entweder -- oder«. Ich will versuchen, das exact zu entwickeln. Die moderne Physiologie ist, um den ersten Punct zunächst allein in's Auge zu fassen, allerdings, sobald sie ehrlich sein will, gezwungen, die gewöhnlichen Vorstellungen von Unsterblichkeit sämmtlich zu vernichten. Die Seele im Volkssinne ist für sie lebend wie todt ganz gleichmässig ein Gespenst. Das, was wir so nennen, ist ein Complex von Erscheinungen höchst verwickelter Art, die wir unabänderlich als Parallelphänomene gewisser molecularer Vorgänge finden und zwar so parallel, dass jeder molecularen Verschiebung auch eine Verschiebung des Psychischen entspricht und das so genau, dass, wie ich es im vorigen Capitel für ein bestimmtes Gebiet durchgeführt habe, schematische Bilder des psychischen Mechanismus auf den molecularen passen und umgekehrt. Möglicherweise ist jede moleculare Erscheinung in der Welt von entsprechenden psychischen begleitet, doch werden letztere uns erst bemerkbar bei einer gewissen Summirung und Ordnung der Molecularphänomene, wie sie in der organischen und hier vor allem der höheren organischen, der thierischen und schliesslich der menschlichen Molecularstructur sich finden. Diese höhere Structur ist lediglich ein Anordnungsproblem, eine Constructionsaufgabe, bei der einfachste Bestandtheile schliesslich den complicirtesten Bau liefern. Obwohl durch gewisse, uns zur Zeit noch verschlossene Zeugungs- und Vererbungsgesetze mit der nächsten Generation ähnlicher Gebilde verknüpft, hat die einzelne Molecularpyramide, die in ihrer ungeheuren Massenanhäufung für bestimmte Zwecke auch die erstaunlichsten psychischen Parallelerscheinungen aufwies, die je geleistet worden waren, doch eine endliche Dauer und zerfällt nach einer gewissen Zeit wieder in ihre kleinen molecularen Bausteine. Letzteren Vorgang nennen wir Tod. Dass die psychischen Phänomene, die sich parallel mit den molecularen zu einer colossalen Gesammtleistung für die Dauer der molecularen Massenordnung vereinigt, im Momente des Zusammenbruchs der molecularen Pyramide ebenfalls als Ganzes verschwinden und sich in die problematischen geringsten Procentsätze auflösen, die möglicherweise an jedem Einzelmolecül haften, ist vollkommen selbstverständlich. Das Schema des physiologischen Todes: Zerfallen einer kunstvollen mathematischen Figur in lose, durch das Spiel neuer Kräfte bald nach allen Richtungen verschobene Puncte, muss sich nothwendig auch decken mit dem Schema des psychologischen Todes. Der Naturforscher muss als absolut sichere Thatsache constatiren, dass noch niemals an irgend einem Puncte der bekannten Welt psychische Erscheinungen ohne entsprechende moleculare beobachtet worden sind, und der Inductionsschluss vom Bekannten auf das Unbekannte tritt mit allem Rechte in Kraft. Das Suchen nach körperlosen Seelen, wie es in spiritistischen Kreisen als angebliches Problem behandelt wird, kann gerade vom methodologischen Standpuncte aus nur mit dem Eifer verglichen werden, mit dem jener berühmte Bürger der guten Stadt Schilda das Tageslicht vermittelst einer Mausefalle zu fangen versuchte, um es in das fensterlose Rathhaus zu überführen. Alles was in's Gebiet dieser theoretischen wie practischen Narrheiten gehört, kann physiologisch nicht scharf genug zurückgewiesen werden. Der Dichter, der hier pikante Stoffe zu finden glaubt, ist zu bedauern. Ich bin sogar der Ansicht, dass, abgesehen von den Geistererscheinungen, die keine Dichtung uns mehr im Ernste auftischen kann, der rechte Poet auf so manche kleinen Effecte verzichten soll, die man sich im Banne älterer Anschauungen noch gefallen liess. Wenn er einen Todten schildert, soll er nicht mehr die Reporterphrase verwenden: »Die Mienen des Entschlafenen bezeugten den tiefen Frieden, zu dem er eingegangen.« Die Gesichtsmuskeln werden nach eingetretenem Tode meist schlaff und geben den Zügen etwas Lächelndes. Aber man sollte das nicht mehr als Anhaltspunct benutzen, nachdem man weiss, dass es in Wahrheit nichts besagt und eine körperliche Erscheinung ganz gleicher Natur wie die nachfolgenden der Verwesung ist, die kein Mensch als Effecte ausspielen möchte.

Die strenge Wissenschaft geht übrigens noch weiter. Sie verneint nicht nur die individuelle Fortdauer der psychischen Processe über den Tod hinaus, sondern sie bedroht auch ernstlich die letzte Zuflucht der Unsterblichkeitsträume, die bedingte Fortdauer der Väter in den Nachkommen. Es giebt gewisse nicht wohl anfechtbare Schlüsse, die das ewige Bestehen des Menschengeschlechts für die Zukunft ebenso unsicher machen, wie es auf Grund der paläontologischen Forschung für die Vergangenheit ist.

Cosmologische Erscheinungen, die theils als Ergebniss unendlich kleiner, aber unablässig anwachsender Störungen, theils in Form gröberer Catastrophen eintreten können, sind möglich, die den Planeten, an dessen Existenz und Temperaturhöhe das organische Leben gebunden ist, gänzlich vernichten oder doch zum Bewohnen untauglich machen können. Auch jener Fortdauer durch Zeugung ähnlicher Nachkommen wäre damit ein Ziel gesetzt.

Das ist mit runden Worten die eine Seite der Frage. Die Antwort der Wissenschaft ist bei aller Mangelhaftigkeit unserer physiologischen Erkenntniss in diesem Falle decidirt genug, um alle leichtfertigen Träumereien auszuschliessen. Die Dichtung kann nichts thun, als die Thatsache annehmen, wie sie ist. Wir dürfen weder poetisch darstellen, wie ein verstorbener Mensch aus dem Jenseits zurückgekommen, noch dürfen wir überhaupt den Anschein erwecken, als hielten wir die psychische Existenz eines lebenden Wesens für etwas, was von der physiologischen Erscheinungsform so unabhängig wäre, dass es beim Zerfallen der Letzteren selbstständig weiter existiren könne.

Mit Entschiedenheit muss ich mich nun aber gegen die zweite Hälfte jenes Doppelsatzes wenden. Ich frage: was will der Satz »mit dem Tode ist Alles aus«? In dem »Alles« steckt eine Vermessenheit, die derselbe Naturforscher, der eben die bestimmte, positive Einzelannahme eines Fortlebens der individuellen Seele zurückweisen musste, darum noch lange nicht kritiklos nachzusprechen gezwungen ist. In jenem »Alles« wäre enthalten, dass wir eine factische Kenntniss vom Wesen der ganzen Welt, wie des Individuums hätten. Das ist nicht der Fall. Es muss ganz scharf unterschieden werden: die bestimmte psychisch-physiologische Weltansicht des Naturforschers und die Welt an sich, die Welt, die sich hinter dem Bilde verbirgt, das wir sehen. Der Naturforscher ist ein Mensch. Er sieht Dinge um sich her, so weit seine Sinnesorgane und sein Gehirn ihm das erlauben -- nicht mehr. Die schärfsten Beweise sprechen dafür, dass diese Sinnesorgane und dieses Gehirn ihm nur einen ganz beschränkten Theil der wirklichen Welt zeigen, und es giebt eine Reihe von Puncten, die nahe zu legen scheinen, dass sogar dieser kleine Theil beeinflusst und möglicherweise gefälscht ist durch die feste Form seines beobachtenden und reflectirenden Organes. Da Alles, was wir gewahren, erst in unserm Centralorgan zum Bilde wird, so kann die Vermuthung nicht wohl widerlegt werden, dass die Structur dieses Organs auf die Form dieses Bildes einen Druck ausübt; man hat mit einiger Wahrscheinlichkeit bereits ausgesprochen, dass die Begriffe des Raumes, der Zeit und der Causalität in unserm subjectiven Weltbilde erst Wirkungen dieses Druckes wären und somit überhaupt nur in uns, nicht in der Aussenwelt existirten; man hat mit ziemlicher Sicherheit den Begriff des Stoffes in uns selbst verlegt, während von Aussen nur Krafteindrücke kommen. Und es wird für den Laien am Besten ermöglicht, sich in diese kühnen, aber nicht unbegründeten Hypothesen hineinzudenken, wenn er sich an rohe Facta der Sinnenwelt hält (beispielsweise die Farben, welche bekanntlich nicht an den Gegenständen haften, die wir roth, blau oder grün sehen, sondern in unserm Auge sind) und sich mit ihrer Hilfe die Möglichkeit vergegenwärtigt. Während diese Ideenkreise die Fälschung unseres Weltbildes durch unser eigenes Denkorgan als wahrscheinlich hinstellen, zwingt andererseits die Forschung selbst zur Erkenntniss fester Grenzen. Wir sind nicht im Stande, jenen Parallelismus von Psychischem und Molecularem, von dem auf diesen Blättern bereits so oft die Rede gewesen ist, irgendwie zu verstehen. Wenn eine Molecülreihe rechts schwingt beim Gefühl des Schmerzes, links bei dem des Angenehmen, so ist damit noch keine Brücke geschlagen von der Schwingung zum Gefühl und wir können lediglich den nie wechselnden Parallelismus constatiren. Wenn wir den Begriff des Molecüls zerlegen und die tieferen Geheimnisse dessen aufzudecken versuchen, was wir mechanische Kraft nennen, so verwickeln wir uns nicht aus Unkenntniss der Sachen, sondern durch offenkundiges Versagen der Logik in unlösbare Widersprüche. Wir können nicht umhin, ein derartiges Aufhören aller wissenschaftlich gangbaren Strassen als Grenze zu bezeichnen. Wir fühlen sehr wohl, dass jenseits derselben noch sehr Viel liegt, ja, die fundamentale Kenntniss des Daseins eigentlich erst ihren Anfang nehmen würde, aber es ist nichts zu machen, wir können mit dem Gehirn, das wir haben, einfach nicht weiter. Ob unsere Urenkel mehr vermögen werden, muss ihnen ihr vielleicht weiter entwickeltes Gehirn sagen, es geht uns gegenwärtig nichts an.

Eine Wissenschaft aber, die von Grenzen, von Fälschungen ihres Weltbildes zu reden gezwungen ist, kann zwar innerhalb ihres Gebietes sehr wohl diese oder jene Thatsache als sicheres Resultat aufstellen, sie hat aber kein Recht, ihre Urtheile in der Weise zu verallgemeinern, dass sie sich für competent in Fragen der absoluten Welt, der Welt an sich, erklären darf. Die Wissenschaft ist nicht nur berechtigt, sondern genöthigt, ausdrücklich festzustellen, dass so, wie sich die Welt in unsern Menschenaugen deutlich erkennbar spiegelt, ein isolirtes Fortleben der Seele einfach unmöglich ist. Mit dem Tode ist eine Kette von Ereignissen der sichtbaren Welt zu Ende. Was beweist das für die wirkliche Welt, jene Welt, die sich noch unabsehbar hinter unsern Erkenntnissgrenzen dehnt und von der ein ganz kleines, getrübtes Endchen in unser Sehfeld sich erstreckt? Gar nichts. Wir, die wir weder wissen, was psychische und moleculare Vorgänge ihrem innersten Wesen nach sind, noch wie sie zusammen kommen, wir, die wir von Zielen, Zwecken, Sittlichkeit, Gesetzmässigkeit, Anfang, Ende, Schönheit oder Hässlichkeit der wahren Welt auch nicht das Geringste ahnen, wir sollten von etwas sagen, es sei zu Ende? Wir, die wir in einer Welt voll unendlicher, sich im Raum verlierender Linien, voll unendlicher Decimalbrüche, voll unendlich theilbarer Körper leben, wir sollen von irgend einem Ding sagen: Hier ist alles aus? Eine wohlfeile Philosophie, die aus dem schwankendsten unserer Begriffe, der Materie, etwas absolutes macht, mag sich dabei beruhigen; Naturwissenschaft ist das nicht.

Ich hoffe, dass man mich richtig verstanden hat. Alles was wir Menschen sehen, ist Physisches, auch das Psychische, in so fern es stets an ein Physisches geknüpft ist. Innerhalb dieses Physischen giebt es keine Unsterblichkeit. Aber wir haben Grund zu glauben, dass dieses Physische vor unsern Augen nicht das echte Cosmische, das eigentlich Wahre und Seiende ist, sondern bloss ein mattes und lückenhaftes Gleichniss desselben. Innerhalb dieses eigentlich Seienden ist allem Anschein nach das Leben, das psychische wie das moleculare, selbst etwas ganz anderes, und dort mag es Verhältnisse geben, die alle irdischen Conflicte lösen, alles Schiefe versöhnen; die Annahme kann uns nicht bestritten werden, der Naturforscher hat hier nichts mehr zu sagen. Freilich: Wissen thun wir von jener Welt an sich gar nichts, als dass sie besteht. Aber darin liegt viel. Mit ihrer Existenz haben wir einen ruhenden Punct gefunden, der ausserhalb des Irdischen liegt. Mit dem Bewusstsein eines solchen Punctes weicht die drückende Schwere des Vernichtungsgedankens sowohl im Individuellen, wie im allgemeinen Erdenloos. Mag unsere Laufbahn immerhin um sein für die Augen, für das enge Gehirn der verschwindenden Menschenwelle auf dem einsamen Planeten der Sonne. +Alles+ ist damit nicht aus. Hinter dem ewig verschlossenen Vorhang wandelt ein Anderes, ein Grösseres, als wir. Indem der Forscher uns unerbittlich versagt, unsere Unsterblichkeitsträume in Bilder der sichtbaren Welt zu kleiden, eröffnet er uns zugleich durch die Feststellung von Grenzen die Ahnung einer Welt, an die jene Träume sich ungestört heften dürfen. In dem Versagen jenes ersten Punctes muss er denn allerdings seine ganze Strenge walten lassen.

Wohl eröffnet sich uns der tiefe Gedanke, dass unser Leben nicht das Absolute, nicht Leben im eigentlicheren Sinne sei, sondern nur ein seltsamer Traum, ein Wandelbild, das an uns vorüberzieht, wohl mögen wir zugeben, dass der Tod nur eine Episode in diesem Bilde, kein wirklicher Abschluss sei. Aber das ist auch nun von der andern Seite wieder alles. Jene wahre Welt greift nicht als fremder Gott in unsere Welt ein, weder in den Offenbarungen der Religion, noch den Geheimnissen des innersten Seelenlebens, noch auch in den Idealen der menschlichen Kunst. Es giebt keine Puncte im physischen Weltbilde, das wir vor uns sehen, wo wir der Welt an sich näher oder ferner wären; überall stossen wir bei einiger Durchdringung der Erscheinungen auf die ewige Schranke.

Gleichwohl -- selbst mit all' diesem Vorbehalt -- scheint mir der Poesie vor allem eine mächtige Stütze in dieser Fassung des Unsterblichkeitsgedankens zu liegen. Für sie, die stets das Ganze, das Allgemeine im Auge hat, ist das Resultat des Naturforschers, das hinter der physischen Welt eine andere, wenn auch unbekannte, nachweist, ein gewaltiger Gewinn. Dem Irdischen, das in ungelösten Conflicten auseinandergeht, wahrt sie die Fernsicht in ein Zweites, das dahinter liegt und das zugleich unsere Erkenntnissschwäche, wie unsere Hoffnung einschliesst. Nur wenn sich die Poesie frei macht von dem gewöhnlichen, physischen Unsterblichkeitsglauben und, der Wissenschaft folgend, sich zu dem wahrhaft philosophischen Gedanken erhebt, dass diese Erscheinungen des Lebens, wie des Todes überhaupt nicht das wahre Wesen der Sache, sondern nur das getrübte Bild, wie es unser Gehirn im Zwange fester Ursachen schafft, darstellen -- nur dann kann sie mit gutem Gewissen wieder gelegentlich den Schmerz der Tragödie mildern durch ein weises Betonen des tröstenden Gedankens, dass weder mit dem Leben, noch mit dem Tode, weder mit menschlichem Glücke noch menschlichem Unglücke »Alles aus sei.« Und es ist dann sehr einerlei, ob sie mit Hamlet bloss unser Nichtwissen in die geheimnissschweren Worte kleidet: »Der Rest ist Schweigen,« oder ob sie in sieghaftem Vertrauen emporjubelt mit dem Götheschen Chor: »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichniss!«

Viertes Capitel.

Liebe.

Weit ab von jenen geheimnissvollen Schranken des irdischen Geschehens, die wir im letzten Capitel berührten, liegt mitten im Centrum der molecularen Welt der unscheinbare Ursprung dessen, was unter dem Flammenzeichen des stolzen Namens »Liebe« sich zum mächtigsten Herrscher im Gesammtbereiche der Poesie aufgerungen hat. Das Wort Unsterblichkeit mit seinem Echo in den Gründen, »von wo kein Wandrer wiederkehrt,« muss seiner Natur nach den menschlichen Gedanken bis zu jenen Grenzen führen, die dem Forscher gestellt sind; das Wort Liebe, und mag das noch so hart hineintönen in alle unklaren Träumerseelen, bedeutet in seiner Quelle, seinem Verlauf und seinen Zielen eine durchaus irdische Erscheinung.

Der Naturforscher, von dem der gewissenhafte Dichter Aufschluss verlangt über die Resultate seiner unbefangenen Forschung nach der Natur der Liebesempfindung, ist gezwungen, den Fragenden vor die Anfänge jener ungeheuren Kette zu stellen, die wir zusammenfassend die organische Welt nennen. Tief unten an den Wurzeln dieses riesigen Lebensbaumes zeigt er ihm die einfache Zelle, ein selbstständiges Wesen, nicht Thier noch Pflanze -- einen Crystall aus gleichem Stoffe geformt wie alle andern, aber von allen ewig geschieden durch die Besonderheit seiner molecularen Zusammensetzung. Gesetze, ihrem Wesen nach unbekannt, wie jene, die den crystallinischen Sprösslingen irgend einer Mutterlauge alltäglich vor unsern Augen jenes mathematisch starre Gefüge geben, das jeder Mineraliensammlung den allgemein bekannten Charakter verleiht, ermöglichen dieser organischen Zelle eine bestimmte Art von Aufnahme fremder Stoffe, die sie wachsen lassen, und eine Zertheilung in zwei oder mehrere Individuen vom Puncte an, wo dieses Wachsthum einen gewissen, nicht näher definirbaren Zustand der Reife erlangt hat. Wir kennen heute noch Geschöpfe solcher einfachsten Art, deren Leben in den beiden Processen des Wachsens durch Nahrungsaufnahme, das durch das Vermögen der Ortsbewegung unterstützt werden kann, und des Zerfallens in eine Anzahl neuer, kleiner Individuen, bei denen sich dasselbe wiederholt, erschöpft zu sein scheint. Die höchste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass sie unveränderte Nachkommen uralter Formen sind, aus denen sich an andern Stellen durch Umwandlung die gesammte Linie der höheren Organismen entwickelt hat. Der Begriff der Fortpflanzung bedeutet hier einfach, wie bei Mutter und Kind: Trennung. Von Liebe, von einer Vereinigung zweier Individuen ist noch keine Rede. Aber in dieser Trennung liegt bereits der erste Schritt zum Kommenden. Gewisse äussere Ursachen, die im Princip jedenfalls am Besten in dem Darwin'schen Gedanken von der umwandelnden Macht des Kampfes um's Dasein, der kleinste chemisch und physicalisch bedingte individuelle Neigungen im bestehenden Typus zu grossen Verwandlungen heraufzüchtet, ausgesprochen sind, führten nämlich im Laufe der Zeit eine Fortentwickelung unter den einzelligen Wesen herbei. Die einfache Zelle zerfiel unter Umständen in ein Dutzend Tochterzellen. Anstatt sich nun nach allen Richtungen zu zerstreuen, konnte es für diese nützlich werden, beisammen zu bleiben. Wir sehen ein Conglomerat von Zellen einer einzigen Generation, die sich wie die Haut einer Blase um einen hohlen Mittelraum gruppiren und als Ganzes in einfachster Form das Schema eines thierischen Körpers bilden. Zwischen den Zellen entwickelt sich ein Gefühl der Gemeinschaft -- der Freundschaft, wenn man so will. Aus der Generation von Zellen wird ein Zellenstaat, in dem die Mitglieder, selbst Sprösslinge einer Einheit, sich gewissermassen zu einer neuen, höheren Einheit zusammenthun. Sehr bald entwickelt sich Arbeitstheilung. Da die Nahrungssäfte durch die dünnen Zellwände hindurch bei näherem Aneinanderschliessen auf Grund physikalischer Gesetze frei circuliren, können sich einige wenige Zellen, indem sie alle Kraft darauf verwenden, ganz der Nahrungsaufnahme widmen und den übrigen die motorischen und sensitiven Eigenschaften überlassen. Durch diese Theilung der Functionen entstehen Organe, das heisst bestimmte Ecken des Zellenstaates, wo Zellen bloss noch für eine einzige Function thätig sind, diese aber so intensiv betreiben, dass sie für alle andern mit genügt. Am Ende ist ein höchst verwickelter Organismus geschaffen, dessen Theile nur mehr in der Gesammtmasse existiren können, so dass der Zellenstaat ein einheitliches Wesen, ein wahres Individuum wird. Die Frage ist: wie wird die Fortpflanzung dieser complicirten Maschine vor sich gehen? Das Zerfallen in neue Individuen war eine Function der Einzelzelle. Im Zellenstaat hat diese sich bei der allgemeinen Arbeitstheilung ebenfalls derartig in gewissen Zellen localisirt, dass nur noch diese zerfallen und Abkömmlinge des Ganzen in Gestalt einzelner Zellen entsenden. Von diesen Tochterzellen gründet später jede ihren neuen Staat für sich, indem sie den alten Weg der Selbsttheilung einschlägt und aus den Theilchen den Staat hervorgehen lässt. Der Vorgang ist jetzt complicirter, aber noch immer behauptet die Trennung allein ihr Recht, wo es sich um Fortpflanzung handelt. Erst die nächste Stufe erweitert sie zu etwas Neuem. Allenthalben bestehen Zellengemeinden, die kleine Einzelzellchen als Sprösslinge aussenden. Es ereignet sich, dass zwei dieser Sprösslinge -- zwei von verschiedenen Gemeinden -- auf einander stossen, sich vermischen. Jeder trägt das Bestreben in sich, durch Selbsttheilung einen neuen Staat zu gründen. Indem das Bestreben der Beiden sich vermischt, entsteht ein gemeinsamer Bau von doppelt starken Dimensionen. Wieder treten Gesetze in Kraft, die den Vortheil nicht verloren gehen lassen, es bildet sich bei einem grossen Theile der Zellenstaaten allmählich das Bestreben aus, seine Sprösslinge alle sich mit je einem Sprössling eines andern vermischen zu lassen, um dem künftigen Neubau eine Doppelbasis von verstärkter Kraft zu geben. Die Trennung des Keims vom Mutterorganismus bleibt nach wie vor; aber es folgt ihr eine Mischung, eine Vereinigung, ehe ein neuer Organismus entstehen kann.

Inzwischen, während dieser letzte Fortschritt sich anbahnte, hat die Arbeitstheilung und Organisation in den einzelnen Zellenstaaten colossale Entwickelungen durchgemacht. Es giebt Zellstaaten, die aus Millionen einzelner Zellen bestehen, welche sich um die verschiedensten Hohlräume in mehrschichtigen Blasen gruppiren, und jeder Keimzelle wird durch bestimmte Vererbungsgesetze auferlegt, nach Verschmelzung mit einer solchen eines andern gleichartigen Staates ein Gebäude aufzuführen, das nach Kräften dem Mutterstaate gleichen muss. Indessen: die Welt ist gross, die gleichartigen Staaten sind oft weit von einander entfernt, die frei ausschwärmenden Keimzellen finden sich oft nicht zueinander. Es bahnt sich ein neuer Fortschritt an. Wie einst jene ersten Tochterzellen in einem Gefühle von Zugehörigkeit, von Freundschaft beisammen blieben und den Zellenstaat gründeten, so vereinigen sich jetzt je zwei Zellenstaaten -- nicht um ganz zu verwachsen, sondern bloss, um ihren Keimzellen durch möglichst günstige locale Bedingungen das Verschmelzen zu erleichtern. Sie treten von Zeit zu Zeit nahe zusammen, und der eine entsendet seine Fortpflanzungszellen in einen der geschützten Hohlräume im Innern des andern, wo sie sich ungestört mit den Keimzellen dieses letztern verbinden können, um ihr Verschmelzungsproduct nachher von dort aus in's Freie treten zu lassen.

Der Laie, dem diese Dinge neu sind, denkt vielleicht, der Naturforscher, indem er die letzte Stufe der Zellenentwickelung schildert, stehe noch immer bei grauen Urzeiten. In Wahrheit sind wir bereits am Ziel. Der Mensch ist der höchste und vollendetste Zellenstaat der zuletzt besprochenen Art; und zwar ist der Mann der eine, das Weib der andere. Indem sie sich geschlechtlich nähern, vermischt sich eine Keimzelle des Mannes, die Samenzelle, mit einer Keimzelle des Weibes, der Eizelle, in geschütztem Hohlraum des weiblichen Körpers, aus der Mischung der beiden Zellen entsteht der neue Zellenstaat des kindlichen Organismus, der später aus dem bergenden Leibe des Mutterstaates an's Licht des Tages tritt, um sich hier fertig auszugestalten. Bei allen Verwickelungen des Details geht durch den ganzen Zeugungsprocess ein Athem staunenswerthester Einfachheit, ein Zurückgehen auf die ursprünglichsten Erscheinungen des organischen Lebens. In jenen beiden Keimzellen, der Samen- und der Eizelle, wird der werdende Organismus unter dem Bilde der anfänglichen Einzelzelle, des Urwesens, von dem die ganze Kette abstammt, wieder angelegt, und indem der wachsende Embryo sich aus ihnen formt, durchläuft er noch einmal die wichtigsten Stufen der ganzen Ahnenreihe in traumhaft verschwommenem Fluge. Noch einmal scheint die Natur sich durchzutasten durch die unzähligen Erinnerungen des organischen Stammbaums, über dessen einstigen lebenden Vertretern jetzt bereits der Sedimentärschutt vieler Jahrmillionen versteinernd lastet. Endlich wird der Mensch. Aber auch in ihm mischen sich Vater und Mutter noch immer so seltsam, dass man den doppelten Ursprung ahnen kann, selbst wenn wir vom Zeugungsacte gar keine Vorstellung hätten, die Eizelle des Weibes und die Samenzelle des Mannes nie im Lichtfelde unseres Mikroskops erschienen wären.

Geheimnisse für den gegenwärtigen Stand der Wissenschaft giebt es hier im Einzelnen die Menge, Metaphysik gar nicht. Der Parallelismus des Psychischen und Molecularen wahrt seine gewöhnliche Rolle, das Geistige zeigt sich durchaus in stufenweisem Aufbau, je nach der Entwicklungshöhe des Körperlichen, und die menschlichen Seelenregungen äussern sich folgerichtig erst mit Vollendung des menschlichen Gehirns. Wer geneigt ist, den Schauer des Erhabenen besonders stark vor den Momenten der höchsten Vereinigung des Universellen und Geschichtlichen mit dem Individuellen und Vorübergehenden zu empfinden und dem Idealen die wissenschaftlich allein zulässige Bedeutung des Allgemeinen, über das Einzelne als höhere Einheit Hervorragenden zu geben, der wird in den gesammten Erscheinungen des Zeugungsprocesses eine hohe, vielleicht die allerhöchste ideale Erhebung des individuell Menschlichen erblicken müssen und ihnen gegenüber jene Regung stärker als irgendwo anders empfinden. Wir verdanken den Begleitungsphänomenen des Zeugungsgesetzes überhaupt, wenn nicht sogar den Sinn für Schönheit, so doch das Wichtigste, was wir schön nennen: die edeln Formen des Weibes in ihrer künstlerischen Gegensätzlichkeit zum Manne, die Farbenpracht der organischen Natur, deren Blüthen, Federn, Düfte in ihrer höchsten Entfaltung sämmtlich auf geschlechtlichen Beziehungen beruhen, die reichen Gaben des Gemüthes, die sich in der Gatten- und Elternliebe durch die höhere Thierwelt ziehen, um schliesslich in den verallgemeinernden Regungen des menschlichen Mitleids ihre höchsten Triumphe zu feiern.

Unsere grossen Dichter haben sich dementsprechend auch niemals gescheut, von den natürlichen Acten der Zeugung als etwas Grossartigem und im eminenten Sinne Idealem unbefangen zu reden und den Satz aufrecht zu erhalten, dass wir es in ihnen keineswegs mit einem der Sittlichkeit als »Sinnlichkeit« feindselig gegenübergestellten Principe, sondern vielmehr mit der Basis aller Sittlichkeit zu thun haben. Ohne eine solche naturgemässe Grundidee wäre beispielsweise die Gretchentragödie des Faust, in der gerade die Tiefe und Wahrheit der Neigung bei dem Weibe, das geschlechtlich »Echte« das versöhnende Element für alle Verletzung der Sitte abgiebt, vollkommen widersinnig. Hier wie in andern poetischen Meisterwerken liegt der Nachdruck auf dem Satze: die Liebe +muss+ auf enge geschlechtliche Vereinigung als ihr natürliches Ziel hinauslaufen, wenn sie wahr sein soll -- und wenn äussere Umstände gerade diese Wahrheit des Gefühls zur Tragödie gestalten, so ist sie selbst dann noch immer grösser als eine Unwahrheit im gleichen Falle wäre, so gut wie Wallenstein, obwohl er tragisch endet, grösser bleibt, als Einer, der in seiner Lage anders handelte; der ganze Begriff der Tragödie rankt sich eben um die Wahrheit auf.

Diese Anschauungen unserer grossen Dichter, die viel genannt, aber weniger gelesen werden, sind jedoch keineswegs die gleichen wie die einer ungeheuren Masse kleiner Dichter, die weniger genannt, aber vermöge ihrer colossalen Menge weit mehr gelesen werden. Die Begriffe, die unser Publicum sich seit Jahrhunderten von der Bedeutung der geschlechtlichen Dinge für das unausgesetzt behandelte Thema der Liebe bildet, sind unter dem Einflusse dieser zweiten Sorte von Dichtern nach und nach ganz eigenthümliche geworden.

Ich halte diesen Punct für lehrreich genug, um ein deutliches Beispiel für jene eigenartige Krankheitsgeschichte abzugeben, die sich unter dem Titel der sogenannten »rein idealistischen« Richtung durch die erotische Weltliteratur und wohl mit am ärgsten durch unsere neuere erotische Poesie zieht, eine Krankheitsgeschichte, die sich freilich, wie schon gesagt, zumeist nur an der breiten Masse der Dichterwerke bemerkbar macht, aber von hier aus schwere Ansteckungsstoffe in's Publicum verbreitet hat. Man wirft der modernen realistischen Richtung die Vorliebe für pathologische Probleme vor. Ich erlaube mir im Nachfolgenden, ein solches an einem ganzen Kreise poetischer Bestrebungen zu entwickeln, auf die Gefahr hin, jenem Vorwurfe zu verfallen. Ich schicke dabei voraus, dass ich keineswegs der Erste bin, der darauf hin weist, dass aber, wie so viele Fälle, die unmittelbar in's Gebiet der Wechselbeziehungen zwischen naturwissenschaftlichem Denken und poetischem Schaffen gehören, auch dieser noch lange nicht eindringlich und oft genug öffentlich besprochen wird und darum in den Prämissen einer realistischen Aesthetik nicht fehlen darf.

Nehmen wir einmal für einen heitern Moment an, es gäbe eine Dichterschule, die den kühnen Satz als poetisches Programm aufstellte, die physiologische Function der Nahrungsaufnahme im Menschen gehöre zu den höchsten und dankbarsten Vorwürfen der Poesie, und thatsächlich durch practische Werke ersten Ranges die Haltbarkeit dieses Programmes darthäte. Man müsste die Gründe prüfen, die jenem Unterfangen zu Grunde lägen und, wofern diese stichhaltig wären, sich darein finden und der Sache freuen. Jetzt aber käme eine Spaltung innerhalb der neuen Partei und es erhöben sich beredte Apostel, die Folgendes aufstellten. Das Essen selbst sei etwas Unschönes, Unappetitliches, wohl gar Unmoralisches, dürfe nur im Geheimen geübt werden, sei kein Gegenstand der Poesie. Ein poetisches Element stecke bloss im Hunger. Von unvergleichlichem dichterischen Werthe sei jener eigenartige nervöse Zustand des Gehirns bei leise dämmerndem Hungergefühl, jener Wechsel von geistigem Eifer und geistiger Abspannung in seinen tausend feinen Nuancen, wie er dem Mahle vorausgehe, bis zu jenen Anfällen von Raserei, von Hallucinationen und von völliger Lethargie, wie sie bei Verhungernden in der Wüste sich zeigten, oder dem Ekel vor aller Nahrungsaufnahme, der Blasirtheit im Puncte des Appetits, wie sie durch sonstige Störungen des Nervensystems hervorgebracht würden.

Ich glaube, man würde, selbst das Ganze zugestanden, diese Sectirer der letztern Sorte für Narren erklären.

Ich bin weit entfernt, diesen Titel auf alle Poeten anzuwenden, die das Liebesproblem nach derselben Seite hin einseitig gefasst haben, aber das Gefühl eines vollkommenen Parallelismus kann ich nicht opfern. Das natürliche Ziel der Liebesempfindung, so höre ich von allen Seiten, soll man in der Poesie verschleiern und beseitigen, die Empfindung selbst, die voraufgeht, verherrlichen. Ersteres soll etwas grob Sinnliches sein, letzteres etwas Geistiges. In der That, auch der Hunger ist scheinbar mehr ein nervösgeistiges Phänomen als das Zerkauen der Nahrung zwischen den Zähnen. Aber diese geistige Disposition ist, was beim Hunger kein kleines Kind je bezweifelt hat, doch unmittelbares Erzeugniss eines physiologischen Vorganges. Ganz so die Liebe. Es ist physiologisch sogar leichter, die Liebe aus dem Geschlechtsbedürfniss, als den Hunger aus dem leeren Magen abzuleiten. Erst von einem gewissen Alter ab entwickeln sich beim Menschen die mechanischen Bedingungen des Zeugungsactes; Hand in Hand mit dieser Entwickelung schreitet das allmähliche Erwachen und Functioniren des sexuellen Hauptcentrums im Gehirn vor, dessen Thätigkeit wir uns in der geistigen, nervösen Erscheinung des Liebesgefühls bewusst werden. Jüngling und Mädchen beginnen sich als etwas Gegensätzliches zu betrachten, das doch eine Vereinigung fordert, der Unterschied der Formen erweckt unklare Phantasiebilder, die durch individuelle Sympathieen meist sehr bald eine feste Gestalt annehmen, die Gestalt eines subjectiven Ideals, mit dem vorkommenden Falles die geschlechtliche Vereinigung grössern Reiz gewähren würde, als mit jedem zweiten Wesen des andern Geschlechtes.

Gegen diese einfache, dem Thatsächlichen Rechnung tragende Auffassung der Liebe als Anregung einer gewissen Gehirnpartie in Folge eines dem Gesammtorganismus, dem Zellenstaate, erwachsenen Bedürfnisses erhebt sich aber jene andere Meinung mit erneuter Macht, indem sie das Wort »die Liebe ist etwas Geistiges« so gefasst haben will, dass darin noch etwas Besonderes stecken soll. Dieses Besondere aber, das meist nicht näher definirt, dafür aber desto mehr gepriesen und dem »Gemeinen« gegenüber gesetzt wird, stellt sich bei kritischer Zerlegung sehr leicht als ein Doppeltes heraus. Einmal ist es ein »Göttliches«, ein »göttlicher Funke«, der in der Liebe zum Ausdruck kommen soll, also ein Stück Metaphysik -- das andere Mal ein »Wahnsinn«, eine »zerstörende Macht«, also, physiologisch gesprochen, ein Stück Psychiatrie. Wer sich davon überzeugen will, ob diese Zerlegung des beliebten Begriffes richtig ist, der unterziehe sich der Aufgabe, aus einigen Dutzend Romanen und lyrischen Gedichtsammlungen der Alltagsmode die Phrasen herauszuschreiben, in denen der Autor selbst oder seine Haupthelden ihre Liebesgefühle definiren. Stets wird er das Entweder -- Oder finden: die Liebe ist von Gott -- die Liebe ist Wahnsinn. Nur höchst selten wird er auch einmal verschämt angedeutet finden, dass die Liebe auf natürlichen Gesetzen und Functionen basirt, die ihre feste und geordnete Stellung im Zellenstaate des menschlichen Organismus einnehmen. Am »Göttlichen« in der Liebe zweifeln, ist für diese Poeten und ihre Verehrer gleichbedeutend mit äusserster Roheit und Gefühllosigkeit. Gleichwohl ist der realistische Aesthetiker, der auf naturwissenschaftlichem Boden steht, genöthigt, den Ausdruck für gänzlich werthlose Phrase zu erklären. Wenn »göttlich« so viel heissen will, wie in eminentem Sinne gemahnend an unsere Abhängigkeit von einer grossen Entwicklungswelle, an die Unterordnung des Subjectiven unter das Allgemeine, so kann man sich das Wort gefallen lassen für das eigentliche Ziel der Liebe, für die ganze Annäherung und Vereinigung der Geschlechter. Das angeblich Roheste und Gemeinste ist dann das hochgradig Göttlichste und die Verbindung von Mann und Weib in ihrer physiologischen Thatsächlichkeit der göttlichste, d. h. der Gottheit nächst stehende Act, den das individuelle Menschenleben überhaupt umschliesst. Die göttliche Mission des Weibes besteht dann in seiner Schönheit, die den Mann reizt -- die Liebe, mit der die Gatten einander begegnen, ist der höchste Gottesdienst. In solchem Sinne mag das Wort gelten. Aber diese Auslegung läuft dem gewöhnlichen Wortbegriffe schnurstracks entgegen. Andererseits die Liebe schlechthin als Wahnsinn zu bezeichnen, ist physiologisch eine Ungeheuerlichkeit. Das Geschlechtscentrum im geistigen Apparate des Menschen kann erkranken, das ist richtig. Die Liebe kann eine Verrücktheit werden, sie kann vermöge der Trennung von functionirendem Geschlechtsorgan und nervösem Gehirncentrum eine Geisteskrankheit werden, deren Wahngebilde jede Fühlung mit den wahren Zielen des natürlichen Triebes verlieren, so gut wie es psychiatrische Fälle giebt, in denen der Kranke jedes Gefühl für Nahrungsaufnahme verliert und ohne Hilfe bei normalem Munde und Magen verhungern würde. Diese sexuellen Geisteskrankheiten sind streng zu unterscheiden von den Krankheiten der sexuellen Functionsorgane. Sie treten zumeist als Folgen bereits vorhandener anderer Verbildungen des Gehirns auf. Seit uralten Zeiten sind sie eine Begleiterscheinung bestimmter Formen von religiösem Wahnsinn gewesen und lassen sich als solche durch die Geschichte der orientalischen Völker wie der abendländischen bis in's Mittelalter und bis auf den heutigen Tag verfolgen -- eine Aufgabe, der allerdings noch kein grosser Historiker sich im rechten Masse unterzogen hat. Sie treten ferner chronisch und wahrscheinlich sogar erblich bei Nationen auf, deren cerebrale Centra durch Ueberbildung und zwecklosen Luxus geschwächt und verdorben sind; dahin gehört die gesammte historische Entwickelung der Päderastie, bei deren Beurtheilung übrigens der moderne Rechtsstandpunct so wenig durch die Erkenntniss des Krankhaften verrückt wird, wie es durch die Leugnung der Willensfreiheit auf andern Gebieten geschieht. Selbst die einfache Einseitigkeit in der Anstrengung gewisser Gehirnpartieen beim vollkräftigen Genie besitzt meistens einen irgendwie schädigenden Einfluss auf die benachbarte sexuelle Gegend des nervösen Centralapparates, so dass die geschlechtlichen Neigungen sehr grosser Männer durchweg nicht als Muster des Normalen gelten können, äussere sich dieses Abweichen von der Linie nun in widernatürlicher Enthaltsamkeit oder unbändiger Ausschweifung.

Aus allen diesen Einschränkungen ergiebt sich nun aber doch noch lange nicht die Krankhaftigkeit +aller+ Liebeserscheinungen. Die Liebe soll ein Zwang sein, der auf dem freien Bewusstsein lastet, der die Seele knechtet und zu Gemeinem treibt. Da liegt der fundamentale Irrthum. Um das freie Bewusstsein, die unabhängige göttliche Seele zu retten, erklärt man den einfachsten und logischsten Naturtrieb für eine unwürdige Fessel, die uns an's Gemeine kettet. Hier, wie bei dem andern Falle liegen die Wurzeln im Metaphysischen, sagen wir immerhin, da wir von modernen Dichtern sprechen: im Christlichen. Die künstliche Seele, die uns diese religiösen Anschauungen in den Menschen hineingedacht haben, empfindet schliesslich die ganze Natur, auch wo sie heiter und glücklich macht, als Zwang. Der Zeugungsact verwandelt sich ihr, obwohl von anderem Standpuncte, von anderer cerebraler Verbildung aus, als bei dem sexuell erkrankten Don Juan oder dem geschlechtlich complet wahnsinnigen alten Griechen, in ein leeres Spiel, eine Dummheit, von der wir uns frei machen möchten. Das fällt aber selbst bereits in's Gebiet der sexuellen Gehirnkrankheit.

Der einfache Schluss ergiebt sich: jene ganze Literatur, die in guten oder schlechten Versen, reiner oder fehlerhafter Prosa uns unablässig von dem Dämon der Liebe, von der Knechtung unter das Joch Amors seufzt und die reine, heilige, göttliche Minne preist -- jene ganze Literatur ist Product einer mehr oder minder entwickelten sexuellen Gehirnschwächung, die täglich weiter um sich greift, je mehr Menschen mit empfänglichem, für die Gewohnheitslinien des Unterrichts geebnetem Gehirn jene Literatur lesen und wieder lesen. Ein schwererer Vorwurf kann meines Erachtens gegen eine ganze Richtung der Poesie nicht wohl erhoben werden. Die nothwendige practische Folge ist, dass eine Scheidung entsteht zwischen der gewöhnlichen, normalen Liebe, der sogenannten hausbackenen, und jenem metaphysisch verbildeten, in lauter Jammer und Träumen dahinsiechenden Zerrbilde der Liebe, das Roman, Drama und Lyrik allerorten predigen. Der gesunde Spiessbürger, der seine Gehirncentra noch in erfreulicher Ordnung beisammen hat, unterscheidet schliesslich mit sicherm Gefühl die »Liebe, wie sie im Leben vorkommt« von der »Liebe in Büchern und Theaterstücken«, und der junge Mann oder das junge Mädchen, die sich schon in unreifen Jahren durch das beständige Hören und Lesen in letztere zuerst hineinhimmeln, sehen sich durchweg bei späterm, reifem Eintritt in das wirkliche Leben genöthigt, jenes erste Bild zwangsweise wieder aus dem Gehirn herauszuschaffen -- ein Process, der in nur zu vielen Fällen gar nicht mehr gelingt -- so wenig, wie ein Kind, das man an Morphium gewöhnt hat, später noch normal einschlafen kann. Wer nicht blind ist, muss einsehen, dass wir hier dem vollkommenen Bankerotte der erotischen Poesie entgegensteuern, denn was sich vom Normalen derartig trennt, muss über kurz oder lang nothwendig gewaltsam unterdrückt werden. Anstatt aber Hilfe zu schaffen, wüthet man vielmehr gegen jede Sorte von Schriftstellern, die der Liebe in ihren Dichtungen wieder zu einem natürlichen Boden verhelfen möchten. Es ist eine höchst traurige Erscheinung, wie dabei alles durcheinander geworfen wird. Männer, die mit Bewusstsein daran gehen, die Kehrseite der echten Liebe in den krankhaften Entartungen zu schildern, stellt man ganz unbefangen neben oder unter solche, die selbst im Banne sexueller Gehirnaffectionen stehen und ihre Bücher mit den unlogischen Gebilden ihrer kranken Phantasie füllen, ohne ihre Abirrung vom Normalen selbst zu empfinden. Gewiss sind auch jene bewussten Studien über das Abnorme mehr oder weniger eine unerfreuliche Lectüre und gewinnen höchstens durch den Contrast, den das Logische und Helle der wahren Liebe selbst unausgesprochen gegen alle diese Fratzen und Verirrungen bildet. Aber welcher unendliche Fortschritt liegt schon allein in dem Bewusstsein, wie es Zola's Nana oder Daudet's Sappho vertreten -- dem schneidig scharfen Bewusstsein, dass wir es hier mit kranken Menschen zu thun haben, mit krankhaften Situationen, krankhaften Verwickelungen. Von der Erkenntniss des Falschen, Ungesunden zur Erkenntniss des Wahren und Gesunden ist aber nur ein Schritt. Jene Schriftsteller, die vor unsern Augen sich so eifrig mit dem Studium der entarteten Liebe befassen, bekunden bereits auf Schritt und Tritt eine weit tiefere Einsicht in das Gebiet des Normalen, wie hundert andere, die nach ihrer und ihrer Leser Meinung niemals die Linie des Erhabenen auf erotischem Gebiete verlassen haben. Eine zukünftige Poesie, die sich an die Ersteren anlehnt, ohne ihnen auf ihr Specialgebiet zu folgen, wird das Grösste zu leisten im Stande sein. Wir wollen übrigens darin Gerechtigkeit walten lassen, dass wir unsern Poeten, die theils unbefangen, theils mit kritischem Bewusstsein immerfort das Krankhafte in der Liebe schildern, nicht die ganze Schuld daran aufbürden. Die Poesie -- wenigstens die unbefangene -- hilft zwar das Gift weiterverbreiten, aber sie empfängt es auch unablässig aus dem Leben zurück. Eine ungeheure Masse falscher Sentimentalität, künstlicher Gefühle, moralischer Unnatur belastet unser ganzes modernes Liebesleben. Freytag hat gelegentlich in seinem Romane von der verlorenen Handschrift ein anmuthiges Bildchen vom deutschen Mädchen entworfen, wie es unsere Bildung in unsern Städten heranbildet. Das Bild ist anmuthig geblieben, weil der Kern in diesem einzelnen Mädchen durch und durch gesunde Erbschaft war und das Sentimentale sich bloss in einer Form darüber ranken konnte, die dem Humor Stoff bot, aber ohne ernste Folgen blieb. Leider ist dieses Bild schon nicht mehr überall das Typische. Eine widerwärtige Sentimentalität greift wie ein schleichendes Gift allenthalben um sich und zeitigt ein Geschlecht von Menschenkindern, in deren Empfindungen so wenig waschechte Natur steckt, wie auf den Wangen einer Pariser Ballschönheit. Es ist vor allen Dingen Mission der Poesie, die hier viel gesündigt und viel gelitten, mit festem Muthe sich mehr und mehr dem Modegeschmacke entgegenzustellen. Sie kann es aber nur, indem sie echt realistisch wird, das heisst: sich an die Natur anlehnt. Der einfache Realismus, der den Menschen die wahren Kleider des Lebens anzieht, ist noch lange nicht ausreichend zum wirklichen Zweck. Es gilt tiefer zu gehen und die Welt wieder an den Gedanken zu gewöhnen, den sie durch Metaphysik, Sentimentalität und Katzenjammer so vielfach verloren: dass die Liebe weder etwas überirdisch Göttliches, noch etwas Verrücktes und Teuflisches, dass sie weder ein Traum, noch eine Gemeinheit sei, sondern diejenige Erscheinung des menschlichen Geisteslebens darstelle, die den Menschen mit Bewusstsein zu der folgenreichsten und tiefsten aller physischen Functionen hinleitet, zum Zeugungsacte. Damit eine derartige Rolle für die Poesie aber ermöglicht werde, ist es allererste Bedingung für den realistischen Dichter, sich über die näheren Puncte der physiologischen Basis des Liebesgefühls zu unterrichten. Nur eine strenge Beobachtung der Gesetze und Erscheinungen des Körperlichen in seinen verschiedenen Phasen kann zu neuen Zielen führen. Das erfordert freilich auch an dieser Stelle wieder harte Arbeit für den Poeten. Das leichte Fabuliren von den lustigen oder bösen Abenteuern verliebter Seelchen hört dabei auf, und der Dichter wird nothgedrungen sogar hin und wieder Pfade wandeln müssen, wo die landläufige Moral erschreckt zurückschaudert. Wer dazu nicht das Zeug in sich fühlt, der soll dem Liebesproblem fern bleiben; besser gar keine Liebesgeschichten mehr, als jene gefälschten; denn der Dichter mag lügen, wo er Lust hat -- es ist alles harmlos gegen das Lügen auf erotischem Gebiete, dessen Folgen bei dem von Natur gesetzten Nachahmungs- und Gewohnheitstriebe des menschlichen Geistes unmittelbar in's practische Leben hineingreifen. Ich nehme keinen Anstand, zu behaupten, dass wir überhaupt eine erschöpfende dichterische Darstellung des ganzen normalen Liebeslebens in Weib und Mann von seinen ersten Keimen bis zur reifen Mitte und wiederum abwärts bis zum langsamen Versiegen im alternden Organismus in der gesammten Weltliteratur noch nicht besitzen. Zola hat in seinem geistvollen und tiefen Romane »La joie de vivre« wenigstens gelegentlich einmal den Versuch gemacht, an einem gesunden weiblichen Typus ein vollkommen plastisches Bild zu entwickeln; aber bei seiner Neigung für das Pathologische, die ihm nun einmal im Blute steckt, ist das Ganze nach meisterhafter Anlage schliesslich doch einseitig und ohne die natürliche Versöhnung ausgelaufen. Was ich fordere, ist noch weitaus mehr. Ich fordere neben vollkommen scharfer Beobachtung eine bestimmte Tendenz. Man rede mir nicht davon, die realistische Dichtung müsse sich ganz frei machen von jeder Tendenz. Ihre Tendenz ist die Richtung auf das Normale, das Natürliche, das bewusst Gesetzmässige. Die Poesie hat mit wenigen, allerdings sehr hoch stehenden Ausnahmen bisher zu allen Sorten abnormer Liebe erzogen. Sie muss in Zukunft versuchen, dem Leser gerade das Normale als das im eminenten Sinne Ideale, Anzustrebende auszumalen. Nur dann giebt es noch einen Aufschwung in der erotischen Poesie. Der vermessene Ausspruch muss mit Macht widerlegt werden: das Gewöhnliche, jene Liebe, die der einfache Spiessbürger auch erlebt, wenn er gesund ist, sei zu gering für den edeln Schwung der Poesie. Das ist die schwerste Unwahrheit, die je Geltung gewonnen hat in der Literatur. Ihre Folge ist gewesen, dass wir hunderttausend Bände über eine sentimentale, nervös überspannte Liebe und eben so viele über eine unter alles Natürliche herabgesunkene Liebe besitzen -- eine Literatur voller Göttinnen und Cocotten, aber ohne Normalmenschen.

Unwillkürlich, indem ich dieses schreibe, schweift mein Blick in entlegene Tage hinüber. Wunderbare Gleichförmigkeit der auf- und niedersteigenden Wellen im Laufe der Culturgeschichte! Derselbe Gedanke, der uns heute zu so herbem Urtheile über eine grosse Masse der vorhandenen Poesie treibt, den wir als neue Frucht vom ewig fortgrünenden Baume der Erkenntniss zu pflücken glauben: er lebte in Cervantes schon, als er Don Quixote's Freunde die geistverderbenden Ritterromane zum Flammentode verdammen liess.

Wann erstehen unserer Zeit die treuen Freunde, die sie von ihren gefährlichen Lieblingen erlösen?

Fünftes Capitel.

Das realistische Ideal.

Ist es mehr als ein Wortspiel, ein heiteres Paradoxon, was in den beiden Worten der Ueberschrift liegt? Kennt der Realismus ein Ideal? Giebt es etwas derart in all' den Gigantomachieen des modernen realistischen Romans, diesen wilden Büchern, in denen der Mensch hoffnungslos ringt mit zerstörenden Gewalten, mit den zermalmenden Gespenstern der Vergangenheit, mit den rohen Naturmächten einer blinden mechanischen Weltordnung, in diesem öden Lande, das keine Götter mehr kennt, keine Freiheit des Willens, keine Unsterblichkeit im alten Sinne, keine von allen Banden der gemeinen Natur erlöste Liebe?

Es wäre vielleicht angemessener gewesen, diese Frage zu allererst aufzuwerfen, ehe wir uns der Mühe unterzogen, jene einzelnen Puncte näher zu prüfen. Ich habe gleichwohl den umgekehrten Weg gewählt. Anstatt das Wort »Ideal« unmittelbar mit seinem Vollgewicht in die Rechnung einzusetzen, habe ich mich bemüht, den Leser selbst mehr und mehr dem Begriffe nahe zu bringen, der nach meiner Ansicht sich innerhalb des Realismus allein noch mit jenem stolzen Worte deckt. Wer mir genau gefolgt ist, kann nicht mehr im Zweifel darüber sein.

Wir haben gebrochen mit der Metaphysik. Jenseits unseres Erkennens liegt eine andere Welt, aber wir wissen nichts von ihr; unser Ideal, so fern es eine lebendige Macht sein soll, muss irdisch, muss ein Theil von uns sein, muss der Welt angehören, die wir bewohnen, die in uns lebt und webt. Wir haben gebrochen mit den heitern Kinderträumen von Willensfreiheit, von Unsterblichkeit der Seelen in den Grenzen unseres Denkens, von einer göttlichen Liebe, die ein anderes, als das natürliche Dasein lebt. Unser Weg geht aufwärts zwischen zerborstenen Tempelsäulen, zwischen versiegenden Quellen, zwischen verdorrendem Laub. Wir wissen jetzt, dass unsere Visionen, unsere Prophetenstimmen, unsere leidenschaftlich schmachtenden und schwelgenden Gefühle nichts besseres waren, als Krankheit, Delirien des Fiebertraums, dämmernde Nacht des klaren Geisteslichts. Nun denn: wenn dem allem so ist, das Ideale geben wir damit doch nicht auf. Wenn es nicht mehr der Abglanz des Göttlichen sein darf, so ist ihm darum nicht benommen, die Blüthe des Irdischen zu sein, die tiefste, reinste Summe, die der Mensch ziehen kann aus allem, was er sieht, all' dem Unermesslichen, was sich in der Natur, in der Geschichte, in allem Erkennbaren ihm darbietet. Wenn er den Blick schweifen lässt über diese ganze Erde, über sein ganzes Geistesreich, so sieht er im Grunde all' dieser wechselnden Formen ein einziges grosses Princip, nach dem alles strebt, alles ringt: das gesicherte Gleichmass, die fest in beiden Schaalen schwebende Wage, den Zustand des Normalen, die Gesundheit. Ganz vollkommen erfüllt ist dieses Princip allerdings nirgendwo. Aber es schwebt über Allem als das ewige Ziel, niemals ganz realisirt, aber darum doch die unablässige Hoffnung des Realen. Es giebt nur einen Namen für dieses Princip, er lautet: Ideal. Vor diesem Ideale schwindet jeder Unterschied des Bewussten und Mechanischen in der Natur. Der Mensch, indem er sich seiner bewusst wird im Triebe nach Glück, Frieden, Wohlsein, harmonischem Ausleben des Zuerkannten, theilt nur den innern Wunsch, der allem Spiel molecularer Kräfte zu Grunde liegt. Das letzte Ziel des grandiosen Daseinskampfes, der zwischen den frei schwebenden Himmelskörpern wie zwischen den Elementen auf Erden, zwischen den einfachen chemischen Stoffen wie zwischen den geheimnissvollen Bildungen des organischen Lebens tobt, ist nichts anderes, als der dauernde Wohlstand von Generationen, die in Einklang mit der Umgebung gelangt sind. In diesem Sinne ist die Natur selbst erfüllt von einer tiefen, zwangsweisen Idealität, und wo ihre volle Entfaltung zu Tage tritt, äussert sich diese in der höchsten Annäherung an das ideale Princip des grösstmöglichen Glückes der Gesammtheit, an dem jedes Individuum seinen Antheil hat. Dunkel, wie der ganze Untergrund der grossen Daseinswelle, in der wir leben, für unsere Erkenntniss bleibt, ist die ideale Richtung auf das Harmonische, nach allen Seiten Festgefügte, in seiner Existenz Glückliche und Normale überhaupt die einzige feste Linie, die wir durch das ganze Weltsystem verfolgen können. Es ist die einzige treibende Idee, die aus dem ungeheuren Wirrsal des Geschehens einigermassen deutlich hervortritt, von der wir sagen können: sie verkörpert ein Ziel, einen Endpunct. Die weiteren philosophischen Träumereien, ob man sich die Welt denken solle als etwas ursprünglich Gutes, das schlecht geworden und nun im Banne eines metaphysischen Willens wieder zum Anfänglichen zurückstrebe -- ob das absolute Glück denkbar sei als absolute Ruhe oder harmonische Bewegung -- das alles geht mich hierbei herzlich wenig an.

Ich wahre durchaus den Standpunct des Naturforschers. Wenn aber ein derartiges ideales Princip sich von diesem aus für die ganze sichtbare Welt ergiebt, so hat auch der realistische Dichter ein Recht, sich seiner zu bemächtigen, es als »Tendenz« in seinen Dichtungen erscheinen zu lassen. Tendenz zum Harmonischen, Gesunden, Glücklichen: -- -- -- was will man mehr von der Kunst? Giebt es einen besseren Boden für die Aesthetik, um ihren menschlichen Begriff des Schönen darauf zu bauen? Es ist hier nicht meine Aufgabe, zu zeigen, wie dieser Begriff des Schönen selbst sich im Einzelnen aus dem Begriffe des Normalen, Gesunden entwickelt, ich beschränke mich auf die Grundlagen. Es wird nicht Wenigen so vorkommen, als sinke die realistische Dichtung durch Anerkennung jener Tendenz von ihrer hohen Sonderstellung jäh wieder herab zum Gewöhnlichen. Wenn die Tendenz zum Glücke wieder oben anstehen soll, so hat ja auch der billigste Liebesroman, dessen einziges Ziel ist, dass »sie sich bekommen«, das Recht der Existenz damit zurück erhalten. In Wahrheit will das nichts heissen. Der realistische Dichter soll das Leben schildern, wie es ist. Im Leben waltet die Tendenz zum Glück, zur Gesundheit als Wunsch, nicht als absolute Erfüllung. Das wird der Dichter durchaus anerkennen müssen. Er wird sich stets fernhalten von dem Unterfangen, uns die Welt als ein heiteres Theater darzustellen, wo alle Conflicte zum Guten auslaufen. Eine unerbittliche Nothwendigkeit wird ihn zu den schärfsten Consequenzen zwingen, und wenn er, was nicht zu vermeiden, das Ungesunde in sein Experiment hineinzieht, so ist er verpflichtet, es in seinem ganzen Umfange zur folgerichtigen Entwicklung zu bringen. Seiner Tendenz dient er dann eben bloss im Negativen, im Contraste.

Im Allgemeinen kann ich auch hier nur wiederholen, was bereits öfter gesagt ist: der Realismus hat gar kein Interesse daran, allenthalben mit der Prätention des durchaus »Neuen« aufzutreten. Seine wesentlichste Mission ist, zu zeigen, dass Wissenschaft und Poesie keine principiellen Gegner zu sein brauchen. Das kann aber ebenso gut geschehen, indem wir wissenschaftlichen Factoren in der Dichtung zu ihrem Rechte verhelfen, wie gelegentlichen Falles auch, indem wir einen Zug zum Idealen in der Wissenschaft nachweisen. Nur allein das Metaphysische muss uns fern bleiben. Das Streben nach harmonischem Ausgleich der Kräfte, nach dauerndem Glück ist in jeder Faser etwas Irdisches. Hier auf Erden ringt der Einzelne nach Seligkeit, hier auf Erden pflanzen wir in heiterem Bewusstsein Keime zum Segen der kommenden Geschlechter. Die dunkle Welt des Metaphysischen sagt hier nichts, hilft nichts, hindert nichts; sie kann, wie ich das ausgeführt habe, einen tröstenden Gedanken abgeben beim Tode; an Glück und Unglück im Leben ändert sie nichts.

Jene Schule des Realismus, die gegenwärtig so viel Staub aufwirbelt, hat uns mit beharrlichem Bemühen in einer langen Reihe von psychologischen Gemälden mit dem traurigen Bankerotte des menschlichen Glücksgefühls in Folge krankhafter Verbildung bekannt zu machen gesucht. Ich erwarte eine neue Literatur, die uns mit derselben Schärfe das Gegenstück, den Sieg des Glückes in Folge wachsender, durch Generationen vererbter Gesundheit, in Folge fördernder Verknüpfung des schwachen Individuellen mit einem starken Allgemeinen in Vergangenheit und Gegenwart vorführen soll. Auch dafür giebt es Stoff genug in der Welt, und zwar ist das gerade der Stoff, der in eminentem Sinne das Ideale in der natürlichen Entwickelung darlegen wird. Das Ideale, von dem wir nach Vernichtung so vieler Illusionen noch zu reden wagen, liegt nicht hinter uns wie das Paradies der Christen, nicht nach unserer individuellen Existenz in einer persönlichen Fortdauer im Sinne der Jünger Mohammeds, nicht ganz ausserhalb des practischen Lebens in den Träumen des Genies, des Poeten: es liegt vor uns in der Weise, dass wir selbst unablässig danach streben und in diesem Streben zugleich das Wohl unserer Nachkommen, die Erfüllung derselben im Ideale anbahnen helfen. Das soll uns die Dichtung zeigen. Idealisiren muss für sie nicht heissen, die realen Dinge versetzen mit einem Phantasiestoffe, einem narkotischen Mittel, das Alles rosig macht, aber in seinen schliesslichen Folgen unabänderlich ein Gift bleibt, das den normalen Körper zerstört -- sondern es muss heissen, den idealen Faden, den fortwirkenden Hang zum Glücke und zur Gesundheit, der an allem Vorhandenen haftet, durch eine gewisse geschickte Behandlung deutlicher herausleuchten zu lassen, ungefähr wie ein Docent bei einem Experimente sehr wohl die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf eine bestimmte Seite desselben lenken kann, ohne darum den natürlichen Lauf zu verfälschen. Die oberste Pflicht des Dichters hierbei muss freilich allezeit Entsagung sein. Wie schon betont: das Wollen, das wir in der Natur sehen, ist selbst noch keine Erfüllung. Je gesunder der Poet selbst ist, desto eher wird er in die Gefahr gerathen, einerseits das Ungesunde zu grell zu malen, andererseits seine Welt gewaltsam als ein Reich der Gesundheit ausmalen zu wollen. Das Wirkliche muss hier als ewiger Corrector die Auswüchse beseitigen. Für den Standpunct des natürlichen Ideals in der allgemeinen Werthschätzung ist es schliesslich immer noch besser, man lässt es zu schwach durchschimmern im Gange der geschilderten Begebenheiten, als man profanirt es in der Weise des alten metaphysischen Ideals durch künstliches Auffärben.

Eine realistische Dichtung aber ganz ohne Ideal -- -- -- das ist mir etwas Unverständliches. Im Märchen mag gelegentlich alles schwarz sein. Im Leben giebt es dunkle Sterne und dunkle Menschenherzen. Aber um den finstern Bruder, mit dem ihn am Himmel das Gesetz der Schwere verkettet, kreist der helle Sirius -- neben den kranken Seelen wandeln gesunde. Wer die Welt schildern will, wie sie ist, wird sich dem nicht verschliessen dürfen.

Sechstes Capitel.

Darwin in der Poesie.

Es giebt ein psychologisches Gebiet, das wie kein anderes geschaffen ist, den Blick des Dichters, der in die Tiefen der menschlichen Tragödie einzudringen sucht, mit magischem Banne zu fesseln. Es ist die Erscheinung des bahnbrechenden Genies, des Entdeckers, Erfinders, Reformators auf irgend einem Boden, den noch keiner bebaut hat. Wechselnde Bilder ziehen bei dem einfachen Worte durch den Vorstellungskreis des Gebildeten. Ein Hauch des Einsamen, Weltentrückten, der menschenleeren Wüste streift seine Stirn, durch sein geistiges Auge zittert der verlorene Schein des Lämpchens in der Zelle des verlassenen Grüblers, ein Rauschen von Wogen berührt sein Ohr, über denen schwere Nebelmassen die Fernsicht nach jungfräulichem Inselboden für den Blick der Welt verhüllen. Christus, der dem Zwiegespräch der Geister in der Einöde lauscht, Gutenberg, der im stillen Gemache seine Lettern fügt, Columbus, der die Wellen eines neuen Meeres an sein Steuer branden lässt, treten aus dem Schatten der Geschichte hervor. Aber aus dem Strahlenkreise der Vision steigt auch das blutige Kreuz von Golgatha, klirrt die Kette an den Armen des hispanischen Admirals, tönt der Seufzer des sterbenden Buchdruckermeisters von Mainz, den sie um die Früchte seiner Arbeit betrogen. Der prüfende Geist öffnet sich der Frage: Was für ein Phänomen der irdischen Entwickelungslinie wandelt in diesen Bildern der Einsamkeit, der Grösse und des Martyriums an uns vorüber? Wieder, wie bei den grossen Problemen, die ich früher gestreift, steht die Antwort in erster Linie dem Naturforscher zu.

Um was es sich handelt, das ist nichts Wichtigeres und nichts Geringeres, als die Bildung einer neuen Art.

Die Zeit ist noch nicht allzu fern, wo der Naturforscher sich bei diesem Begriffe nicht viel denken konnte. Heute ist das anders. Die gesammte Formenwelt des Organischen hat sich herausgestellt als eine mächtige, in tausend und tausend Adern zerspaltene Entwickelungswelle, in der das Geschlecht des Menschen nur einen einzigen Ast bildet.

Tief an der Wurzel schon zertheilt in die Doppellinie des Pflanzlichen und des Thierischen, reicht diese Welle aus uralten Zeiten herauf bis zum heutigen Tage. Hervorgegangen aus sehr einfachen Urformen, hat sich innerhalb des Ganzen allmählich eine Fülle verschiedener Typen ausgebildet, die theils nebeneinander fortbestanden, theils ausstarben und Neuem Platz machten. Darwin hat zuerst in der allgemein bekannten einfachen Weise gezeigt, wie in Folge der äussern, örtlichen Bedingungen, in die das organische Leben auf der Erde bei fortschreitender Vermehrung versetzt war, die Bildung der Arten aus gleicher Urform sich annähernd logisch erklären lässt. Ich kenne sehr wohl die Schwierigkeiten, die uns noch auf Schritt und Tritt hier begegnen. Aber sie sind gerade für den Punct, auf den ich für die Betrachtung des menschlichen Entdeckergenies hinaus will, nebensächlicher Natur. Für gewöhnlich giebt es ein organisches Vererbungsgesetz, welches vorschreibt, dass die Nachkommen eines bestimmten Mitgliedes einer Thier- oder Pflanzenart durchaus den Eltern gleichen, also wiederum den Arttypus rein darstellen müssen. Indessen, dieses Gesetz erleidet Störungen, die an sich zwar so geringfügiger Natur sind, wie die unablässigen kleinen Störungen der Planetenbahnen.

Chemische und physikalische Einflüsse machen sich hier geltend, die wir im Detail noch nicht verfolgen können. Das Resultat sind unablässige individuelle Abneigungen der Jungen von den Eltern, meist zu klein, um als wahre pathologische Abnormitäten zu gelten, aber doch stark genug, eine gewisse Rolle im Leben des Individuums zu spielen; von einem Wurf junger Katzen können alle drei gesund sein, wenn auch jede anders gefärbt ist, und es muss schon eine sechs Beine haben oder zeitlebens blind bleiben, um pathologisch als Abnormität aufgefasst zu werden.

Diese anscheinend zwecklosen Varietäten innerhalb des Normalen werden aber von Wichtigkeit, wenn die äussern Existenzbedingungen der ganzen Art sich in Folge klimatischer oder sonstiger Umwälzungen verändern. Wenn ein Land plötzlich kältere Winter bekommt, kann der sonst werthlose Umstand, dass eine Katze vermöge kleiner individueller Abweichung doppelt so dichtes Haar besitzt als die übrigen, von entscheidender Wichtigkeit werden, kann sogar bewirken, dass sie allein mit denjenigen ihrer Jungen, die das starke Kleid geerbt haben, alle andern überdauert und Stammmutter einer neuen Spielart mit wolligerem Pelze wird. Das Ueberdauern der Andern bezeichnet dabei ein Schlagwort als: Sieg im Kampfe um's Dasein.

Innerhalb des Thierischen ist die als Beispiel gewählte Katze ein Genie. Es ist ihr etwas vererbt, etwas in ihr gegeben, das mit Hilfe des zufälligen Zusammentreffens der vorhandenen Gabe und des äussern Bedürfnisses zu einer Erfindung, einem Fortschritte wird. Dieses Genie wird, schematisch gesprochen, geboren als eine willkürliche, ziellose Linie, die aber im Leben plötzlich in's Herz einer Scheibe trifft und ihren Entsender zum Schützenkönige macht. Und die Art, wie dieses Genie sich auf die Nachkommen überträgt, wo es normale Gabe aller wird, ist die directe der körperlichen Vererbung.

Stellen wir jetzt daneben das menschliche Genie. Zunächst handelt es sich hier um etwas weit Feineres, nämlich einen Gehirnprocess. Ein Mensch wird geboren, dessen Art zu denken, Vorstellungen zu verknüpfen, eine gewisse individuelle Besonderheit aufweist, die, ohne pathologisch zu werden, doch innerhalb des Spielraums des Normalen ihre Eigenart wahrt. Die Linie, von der ich eben sprach, ist damit gegeben, aber sie ist noch völlig ziellos. Tausend Genies bleiben einfach unter der Masse verborgen, weil ihre Linie nie das Centrum einer Scheibe trifft. Dieses Treffen hängt von bestimmten Möglichkeiten ab. Es muss irgendwo in der Nähe eine Zielscheibe stehen, ein Stoff sich finden, an dem das Genie sich bewähren kann. Solche Stoffe liegen zu gewissen Zeiten in der Luft. Man denke an die Entdeckungen, die von drei oder vier Menschen fast zu gleicher Zeit gemacht wurden. Man denke daran, was Luther oder Copernicus oder Columbus bereits vorfanden. Wir nehmen an, das Genie ist geboren, der Stoff, an dem es sich bewähren kann, ist auch gegeben. Der betreffende Mensch besitzt jetzt etwas, eine Idee, ein geistiges Plus, das ihn von allen seinen Mitmenschen zugleich scheidet und fördernd heraushebt. So weit ist der Process gänzlich dem oben skizzirten bei der Neubildung einer zoologischen oder botanischen Spielart analog. Durchaus anders aber gestaltet sich der weitere Verlauf im Kampfe um's Dasein. Das doppelte Wollhaar des Raubthiers war etwas vom Individuellen Untrennbares. Es haftete an der Person, es schützte diese Person im Kampfe um's Dasein, und es übertrug sich von ihr zu neuen Personen auf dem Wege physischer Vererbung im Zeugungsprocess. Anders bei der menschlichen Idee, die das Genie durch Zusammenstoss mit einem äussern Zündstoffe entfesselt. In den allermeisten Fällen emancipirt diese sich sehr schnell vom Individuellen, dem eine körperliche Uebertragung durch Vererbung doch nicht gegeben ist, dessen einzelne Person also weiterhin nebensächlich ist. Die Idee überträgt sich von Gehirn zu Gehirn, kämpft vermöge ihrer bessern Kraft sich durch im Kampfe um's Dasein mit andern Ideen und befestigt sich schliesslich als eiserner Bestand im Denkapparate der ganzen Culturmenschheit. In dieser Loslösung der Idee von ihrem Urheber liegt das tragische Schicksal des Genies als Person; die Idee, indem sie als Macht im Kampfe um's Dasein auftritt, kämpft für sich, nicht für ihren Urheber. Die Tragik ist bitter, darüber kann kein Zweifel bestehen. Man fühlt sich manchmal berufen, die Natur grausam zu nennen wegen der groben Mittel, die sie im Daseinskampfe zur Schöpfung einer neuen Thier- oder Pflanzenart anwendet; die Wiege des Fortschritts, des Neuen im Geistesleben der Menschheit ist in dem Sinne das ärgste Procrustesbett, das überhaupt denkbar ist; das Individuum gilt hier gar nichts mehr. Aber eine vernünftige Lebensphilosophie muss sich in diese Thatsachen zu finden wissen. Jene Idee, die unter dem Nebel all' des mystischen Beiwerks doch immer die Herzen der Menschen am meisten im Christenthum angesprochen hat: die stille Resignation, dass der Einzelne am Kreuze sterben müsse, damit sein Werk ein beglückendes Evangelium für viele Tausende werde -- sie wird bleiben, auch wenn kein Wort mehr von aller christlichen Metaphysik Gläubige finden sollte -- weil sie eine tiefe Wahrheit enthält. Nicht der Mensch siegt im Kampfe um's Dasein, sondern die Idee: so lautet derselbe Satz in wissenschaftlicher Form. Er enthält zugleich eine Formel für die Thatsache und einen Trost. Denn schliesslich, wenn der Mensch auch nicht, wie das bevorzugte Thier in jenem Beispiele von dem doppelten Wollpelze, am eigenen Leibe die Segnungen dessen fühlt, was sein Gehirn in dunkler Mission ausgestreut, so sieht er doch als bewusstes Wesen die Siegesbahn seiner Idee auch noch in ihrer Trennung von seinem Selbst und empfindet ihren Glanz als versöhnende Wärme.

Ich habe das erfinderische Genie mit Absicht aus der reichen Fülle der Erscheinungen im menschlichen Dasein herausgegriffen, die man im engern Sinne als darwinistische Probleme auffassen kann. Ich denke, dass schon dieses eine Beispiel genügt, um zu zeigen, wie sehr man sich hier vor willkürlicher Uebertragung einfacher biologischer Gesetze auf die complicirten Phänomene des menschlichen Geisteslebens hüten muss. Die Anlage, die Zielscheibe, der Kampf um's Dasein: alles spielt auch hier seine Rolle. Aber der Verlauf ist gerade in wesentlichen Puncten ein anderer. Unendlicher Stoff für den Dichter liegt allerdings auf diesen Gebieten. Sowohl das Aufstreben des Neuen wie das Absterben des Veralteten, die geheimnissvollen Processe, wie das Gesunde verdrängt wird durch ein Gesunderes, wie es zum Ungesunden herabsinkt durch haltlose Opposition gegen das bessere Neue, ohne selbst das alles begreifen zu können -- sie sind seit alten Tagen die Domäne der Poesie, ohne dass man sich in der rechten Weise über die eigentlichen Gesetze, die darin walten, und ihre Beziehungen zu den Darwin'schen Gedanken hat klar werden wollen. Man kann wohl verlangen, dass ein realistischer Dichter +nach+ Darwin kein Bedenken mehr trägt, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Aber es gehört dazu in erster Linie ein ernstes Studium. Allgemeine Schlagwörter beweisen nichts. Man mache sich daran und entwickele uns zunächst, was noch nicht ordentlich versucht worden ist, die darwinistischen Linien in der Geschichte; man prüfe die Werke ausgezeichneter Beobachter wie Shakespeare im Einzelnen auf das ganze Princip. Dann wird man dahin kommen, Sätze aufstellen zu können, die den Schlagwörtern einen lebendigen Zusammenhang mit der ganzen Wissenschaft geben. Zahllose Puncte sind dabei im Auge zu behalten. Die einfache Zuchtwahl durch persönliches Emporkämpfen und dadurch ermöglichte Gründung einer Familie, die mit jener Ideenneuerung im Genie nichts zu schaffen hat, bei der neben den geistigen vor allen auch die körperlichen Fähigkeiten, Arbeitskraft, weibliche wie männliche Schönheit und anderes, mitspielen, ist beim Menschen natürlich nicht erloschen und wahrt ihre alte Rolle. Das ganze sociale Leben mit all' seinen Klippen und Irrthümern, seinen Triumphen und Fortschritten fordert die Beleuchtung vom Darwin'schen Gesichtspuncte aus. Aber was schon im eng beschränkten Thier- und Pflanzenleben seine ernsten Schwierigkeiten bietet, wird hier vollends zu einem fast unentwirrbaren Gewebe. Körperliche Gesundheit als Vortheil im Daseinskampfe findet ihr Aequivalent in Geldmitteln, die Kraft der Sehnen wird gleichwerthig ersetzt durch die bessere Molecularconstruction des Gehirns, die unerbittliche Strenge des Gesetzes vom Recht der Stärkern sieht sich seltsam durchkreuzt von einem bereits gewaltig angesammelten Fond humaner Anschauungen, die wieder von einer das Gesetz überbietenden Brutalität auf der andern Seite paralysirt werden. Der Dichter, der sich mit Muth der Aufgabe unterzieht, in jeder einzelnen Thatsache hierbei ein Glied grosser Ketten nachzuweisen, sieht sich allerdings auch darin belohnt, dass er jede, auch die geringfügigste Erscheinung, so fern sie nur echt dem Leben entspricht, zum Gegenstande höchst interessanter Darstellungen machen kann. Im Lichte grosser, allgemeiner Gesetze kann die an und für sich nicht sehr poetische Chronik eines Krämerviertels, das ein grosses Magazin im modernsten Stile nach und nach vollkommen todt macht, von höchster dramatischer Wirkung werden, ein Motiv, das Zola in einem seiner besten Romane bereits mit Geschick durchgeführt hat. Die kleinen Thatsachen in dieses Licht des Allgemeinen, Gesetzlichen, höheren Zielen Zustrebenden heraufrücken: das ist ja eben die idealisirende Macht, die der Dichter hat. Das werthlose Gezänk über Werth und Grenzen der Detailmalerei kann hier keine Geltung beanspruchen. Gerade das Studium der biologischen Phänomene der Artumwandlung, wie es Darwin angebahnt, führt von selbst darauf, dass wir uns gewöhnen, den kleinsten Ursachen, den winzigsten Fortschritten und Störungen unter Umständen die allergrösste Wichtigkeit beizulegen. Der Dichter, der nur Einiges von Darwin gelesen, wird mit ganz anderer Werthschätzung an die Dinge des täglichen Lebens herangehen und sich sagen, dass nicht das Ungeheuere, Welterschütternde allein die geistige Durchdringung durch die dichterische Anschauung ermögliche, sondern auch das Kleine -- wofern nur der Poet den nöthigen hellen Kopf mitbringt. Denn hohe Ideen aus der Sonne zu lesen ist unverhältnissmässig viel leichter, als aus einem Sandkorn.

Eine andere Bereicherung als Frucht darwinistischer Studien erblicke ich in dem verschärften Verständniss des Dichters für die längere Zeitdauer, die jeder Entwickelungsprocess auch im Menschenleben in Anspruch nimmt. Wie die Welt nicht in sieben Tagen geschaffen ist, so schafft sich auch keine psychologische Thatsache von heute auf morgen. Unsere Bücher sind zwar voll von einer Liebe, einem Hass, die sich einer geschleuderten Dynamitbombe gleich ohne alle Prämissen entladen; der naturwissenschaftlich gebildete Dichter wird hier sceptischer zu Werke gehen.

Unsere älteren grossen Meister -- Shakespeare, der Zeitgenosse Bakons, und Göthe, der unmittelbare Vorgänger Darwin's -- bleiben dabei nach wie vor unsere Führer und Lehrer. Gerade auf dem darwinistischen Gebiete scheint mir der allgemeine Werth der Methode die Hauptsache, die den Dichter fördern muss -- viel mehr noch als das nähere Eingehen auf Fragen der Zuchtwahl. Ich will, um noch einen dritten dahin gehörigen Punct herauszugreifen, auch Gewicht legen auf die Rolle des oft verkannten Wortes Zufall in der Dichtung. Was ist naturwissenschaftlich gesprochen -- Zufall?

Nicht Wenige, die sich im Allgemeinen an das Causalprincip gewöhnt haben, wie es die logische Wissenschaft lehrt, meinen in Folge dessen jeden Zufall, der als Factor in einer Dichtung auftritt, schlechtweg als unerlaubten deus ex machina verwerfen zu müssen. Im letzten Grunde der Erscheinungen hängt ja Alles zusammen, das ist richtig. Trotzdem bietet die Welt von einem Standpuncte wie unserm menschlichen, der gewissermassen sehr weit ab in der grossen Kette liegt, das schematische Bild einer unendlichen Menge in sich geschlossener Linien dar, innerhalb deren alles causal verknüpft ist und ohne fremde Beihilfe weiterläuft. Jede Kreuzung zweier dieser Linien erscheint vom Standpuncte der beiden einzelnen wie ein in keinem ihrer eigenen Richtungsgesetze begründeter grober Stoss von aussen. Diesen jedesmaligen Kreuzungsstoss nennen wir Zufall. Vom hypothetischen Standpuncte einer Kenntniss sämmtlicher anfänglicher Richtungsverhältnisse aller causalen Sonderlinien zueinander, also einer mathematisch exacten Vorstellung von der anfänglichen Atomlagerung der irdischen Welt aus hörten die Empfindungen dieses unerwarteten Stosses und damit der Zufall als Sonderbegriff auf zu existiren. Der menschliche Standpunct den Dingen gegenüber ist hiervon noch sehr weit entfernt. Wenn ich in einer Weltstadt von zwei Millionen Einwohnern an einem Tage mit meiner individuellen Linie ohne jede bewusste Abneigung zu einer zweiten hin vier Mal auf diese zweite treffe, also einem und demselben Bekannten vier Mal an vier verschiedenen Orten, die wir beide ohne Kenntniss von der Anwesenheit des andern aufsuchten, begegne, so bleibt mir das, aller atomistischen Nothwendigkeit unbeschadet, persönlich ein vierfacher Zufall. Oder im oben gewählten Beispiele von der neu entstehenden Raubthierart: wenn dort die in sich geschlossene Causalitätsreihe innerhalb des doppelt behaarten Individuums mit der absolut unabhängigen klimatischen Causalitätsreihe, die den strengeren Winter bewirkt, zusammenstösst, so ist dieser Zusammenstoss Zufall. Das Weitere nicht mehr; denn die Erhaltung jenes Individuums und die folgende Ausbildung einer neuen Rasse sind von da ab logische Consequenzen des Zufalls, der als solcher den Ausgangspunct einer neuen, selbstständigen Causalitätslinie bildet. Vom Dichter verlangen, dass er diesen Erscheinungen gegenüber seinen menschlichen Betrachtungsstandpunct aufgeben und uns nur noch überall geschlossene Linien vorführen sollte, hiesse denn doch gerade die Wirklichkeit in seinen Bildern antasten. Wir wissen physikalisch sehr gut, dass unsere Auffassung beispielsweise von der Farbe der Gegenstände eine illusorische ist, indem wir die Farbe an den Dingen haftend glauben, während sie in unserm Auge liegt; soll etwa deswegen der Dichter nicht mehr von rothen Rosen oder blauem Himmel sprechen? Ja, man kann geradezu sagen, dass eine schärfere Beachtung des Zufalls in seiner thatsächlichen Erscheinung den Dichter eher darauf führen wird, ihm eine mehr, als eine weniger wichtige Rolle zuzuertheilen. Man führe -- was fachwissenschaftlich bei Gelegenheit angeblicher mystischer Phänomene, zweitem Gesicht, Prophezeiungen und Aehnlichem fast zur Pflicht wird -- nur eine kurze Zeit seines Lebens einmal Buch über die Zufälle, denen man begegnet, vor allem die mehrfachen in derselben Sache. Man wird selbst staunen, welche Resultate man erhält, wie merkwürdig unwahrscheinlich das alltäglichste Leben im Grunde genommen ist! Hier und da, an einer Spielbank zum Beispiel, sind die tollsten Beobachtungen dieser Art in einem einzigen Tage zusammen zu bringen. In diesem Puncte aber ist das ganze Leben ein ununterbrochenes blindes Glücksspiel. Der Begriff der Wahrscheinlichkeit -- und hier liegt der Knoten -- der Begriff, den wir in jedem prüfenden Augenblicke hineinschmuggeln, ist eben in Wahrheit nichts Reales. Für unsern Standpunct ist es, wenn wir einen Würfel fallen lassen, selbst wenn er fünf leere Seiten hat, positiv nicht wahrscheinlicher, dass eine der leeren, als dass die einzige bezeichnete Seite nach oben zu liegen kommt. Jede Wahrscheinlichkeit hört der freien Macht des Zufalls in der Welt gegenüber auf, gerade weil der Zufall im letzten Ende auch ein Nothwendiges, uns aber völlig Verhülltes einschliesst. Ich weiss recht wohl, dass sich das ganze Innere des logisch denkenden Kritikers auflehnt, wenn ein Poet uns eine Liebesgeschichte erzählt, die auf fünf oder sechs groben Zufällen, wie ungewolltes Begegnen, aufgebaut ist. Und doch spreche ich es rund als meine Ueberzeugung aus, dass man Bände füllen könnte mit der einfachen Aufzählung der grossen und kleinen Zufälle, die bei einer nicht annähernd gleich verwickelten Geschichte im wahren Leben bei peinlicher Beobachtung sich ergeben würden, denn mit jedem Schritt, den wir thun, kreuzen wir fremde ungeahnte Causalitätsreihen, die in Folge der neuen Reihe, die aus dem Contact hervorgeht, eine Macht innerhalb unserer eigenen Linie werden. Ein ganzes Menschenleben bis in dieses feine Gewebe seines Schicksals hinein zu zergliedern: das wäre ein Kunstwerk, wie wir es noch nicht einmal ahnen. In Wahrheit giebt es wenige Puncte, die dem Beobachter so schmerzlich nahe legen, wie weit unsere Kunst in all' ihrer Erfassung des Menschlichen noch hinter der Wirklichkeit zurücksteht.

Das Wort des alten Malers bei Zola muss uns trösten: »Arbeiten wir!« Arbeit steckt auch in all' diesen darwinistischen Problemen, Arbeit nicht bloss für den Naturforscher, sondern auch für den Dichter. Sagen wir uns unablässig, dass die Arbeit, das harte, mit dem Leben ringende Künstlerstreben, unser wahres Erbe von den grossen Geistern der Vergangenheit her ist, nicht das unklare Träumen. Genialität wird geboren; aber das Ausleben der Genialität ist unablässige Durchdringung des Stoffes, ist ewiges Studium; wenn sie das nicht ist, so ist sie eine Krankheit, für die der schonungslose Kampf um's Dasein die ideale Nemesis wird, indem er sie ausrottet.

Siebentes Capitel.

Eine Schlussbetrachtung.

In dem Augenblicke, wo ich diese Studie abschliesse, hat die realistische Bewegung bei uns in Deutschland eine Form angenommen, die es mehr und mehr wünschenswerth erscheinen lässt, das Wort zu friedlicher Verständigung zu ergreifen. Während in Russland und Frankreich muthige Werkmeister sich in harter Arbeit um die neuen Stoffe der Dichtung mühen und, bald mit falschen, bald mit treffenden Schlägen, doch unablässig das Rohmaterial gefügig machen und das Instrument üben, vernimmt man bei uns viel Lärm und sieht wenig Früchte. Man ist allerdings bisweilen geneigt, das laute Geschrei bloss für das harmlose Jauchzen von Schulknaben zu halten, die einen freien Tag haben, weil ihre Lehrer zu stiller, ernster Conferenz über die wichtigsten Fragen des Unterrichts zusammengetreten sind. Werden wir erleben, dass auch die Stimme der Meister einmal laut wird und uns in anderer Weise, als das Gezwitscher der Jungen es vermochte, von der Bedeutung der Stunde Rechenschaft ablegt? Wir haben es schon oft gesehen, dass der Deutsche zuletzt kam, dann aber dem Ganzen die Krone aufsetzte, indem er ihm aus der Tiefe seiner geistigen Entwickelung heraus Dinge verlieh, die keine andere Nation je besessen. Ich bin auf diesen Blättern wiederholt gezwungen gewesen, den Namen Zola zu nennen, und ich kann es als meine ruhige Ueberzeugung auch hier noch einmal aussprechen, dass mir Zola in vielen Puncten sehr hoch steht, sowohl in seinem Können, wie in der Ehrlichkeit seines Wollens. Aber ich möchte diese fragmentarische Behandlung des realistischen Problems nicht schliessen, ohne vorher noch mit ein paar Worten auch dem deutschen Antheil an der Entstehung jener ganzen Richtung -- wie immer unsere Besten im Augenblick sich zu ihr stellen mögen -- gerecht geworden zu sein. Wenn die Literaturgeschichte dereinst mit dem Werkzeuge einer geläuterten darwinistischen Methode die Wurzeln dessen aufdecken wird, was wir jetzt Realismus in der Poesie nennen, so wird der Hass der gereizten Parteien sich versöhnen müssen in der Erkenntniss ihres gemeinsamen Ursprungs. Einseitige Beurtheiler schmähen heute in Zola das Stück Victor Hugo, das unbezweifelbar in ihm steckt; die einsichtigere Zukunft wird sich mit Ruhe sagen dürfen, dass es sich hier einfach um eine Entwickelung handelt, dass der Zola'sche Realismus sich folgerichtig als zweite Stufe des bessern Theils in Victor Hugo aus dem Hugo'schen Idealismus ergeben musste. Nicht anders ergeht es uns in Deutschland. Indem wir scheinbar neue Wege wandeln werden, werden wir unbewusst doch nur das bessere Theil unserer grossen literarischen Vergangenheit ausbauen. Welch' himmelweite Kluft trennt scheinbar eine deutsche Dichtung, die sich in dem von mir im Vorstehenden ausgeführten Sinne mit den Principien der Naturwissenschaft in Einklang setzt, von einem Freytag'schen Romane! Und doch ist das alles nur scheinbar. Als Freytag den tiefen Ausspruch Julian Schmidt's zum Motto machte: »Die Dichtung soll das Volk bei der Arbeit aufsuchen«, war er nach den Träumen der Romantik im Grunde der Begründer des Realismus. Anderes hat dann, sollte man glauben, die Linie abgelenkt, die Richtung auf das Historische hat den Roman wieder auf ein neues Gebiet gedrängt. In schärferer Beleuchtung erscheint auch das als ein realistisches Symptom. Man wollte die Ahnen in der Dichtung sehen, um die Enkel in ihrer Arbeit zu begreifen. Leichter Sinn sieht in diesen krausen Gängen, die das Princip gewandelt, eine Modekrankheit. Das heisst nichts. Krankhaft war allerdings und ist hier mancher Detailzug geblieben, wie ich das in dem Capitel über die Liebe vielleicht schroff, aber als volle Ueberzeugung ausgesprochen. Doch selbst dieser Tadel trifft kaum die Bessern, fast nur die Kleinen. Die historische Dichtung als Ganzes war eine berechtigte Pionierarbeit -- grösser und glänzender als sie, folgt ihr freilich jetzt die Aufgabe, das Geschichtliche nicht darzustellen in künstlich belebten Bildern des Vergangenen, sondern in seiner lebendigen Bethätigung mitten unter uns, in seinen fortschwirrenden Fäden, in seiner Macht über die Gegenwart.

Von diesem freien Standpuncte aus verliert der Kampf um den Realismus seine Bitterkeit. Die grosse Literatur, auf die wir stolz sind, erscheint wieder als Ganzes, wo jeder Bedeutende sein Recht erhält. Und am Ende, wenn auch bei uns in Deutschland der Realismus im neuen Sinne einmal seine grossen Vertreter gefunden hat, wird als Summe sich ergeben, dass wir, die wir auf einer stofflich reicheren und tieferen Literatur fussen, als die Nachbarländer, auch nun in jenem Gebiete fester und sicherer uns ergehen werden, als die Franzosen und Engländer oder die Russen und Skandinavier. Gerade den Jüngeren, die jetzt so viel Lärm schlagen, kann nicht genug an's Herz gelegt werden, dass Realisten sein nicht heissen darf, die Fühlung mit den grossen Traditionen unserer Literatur verlieren. Studirt Zola, achtet ihn, helft die Kurzsichtigen im Publicum aufklären, die keinen Dichter vertragen können, der im Dienste einer Idee selbst das Extreme nicht scheut; aber gebt euch nicht blind für Schüler Zola's aus, als wenn in Paris ein Messias erstanden sei, der alle alten und neuen Testamente auflösen sollte. Studirt, was Zola sich zu thun ehrlich bemüht hat, Naturwissenschaften, beobachtet, wendet Gesetze auf das menschliche Leben an, das ist alles schwere Arbeit, aber es bringt uns vorwärts. Und vor allem: vergesst nicht, dass ihr der deutschen Literatur angehört, dass hinter euch Göthe und Schiller stehen und dass ihr ein Recht habt, euch als deren Enkel selbstständig neben den Schüler Balzac's und Nachfolger Victor Hugo's zu stellen, was die Vergangenheit und den Bildungsgrad eures Volkes anbetrifft. Die Wissenschaft ist internationales Gut, Jeder kann sie sich aneignen, der sich der Mühe unterzieht. Aber bildet euch nicht ein, das leere Poltern und Schreien hülfe irgend etwas. Ihr habt jetzt nach Kräften auf den historischen Roman gescholten, obwohl darin doch wenigstens ordentliche Arbeit, ordentliches Studium steckte. Ich will glauben, dass das Schelten begründet war, wenn ihr zeigt, dass ihr mehr könnt, dass ihr das unendlich viel erhabenere Problem zu lösen wisst, wie die Fäden der Geschichte sich verknoten im socialen und ethischen Leben der Gegenwart, wie man historische Dichtungen schreibt, die gestern und heute spielen. Ihr habt die weiche, tändelnde Lyrik ausgepfiffen auf allen Gassen. Auch das soll gut und recht sein, wenn ihr mir eine neue Lyrik zeigt, die an Göthe und Heine organisch anknüpft und doch selbstständig das Herzensglück und Herzensweh des modernen Menschen zum Ausdruck bringt. Macht der Welt klar, dass der Realismus in Wahrheit der höchste, der vollkommene Idealismus ist, indem er auch das Kleinste hinaufrückt in's Licht des grossen Ganzen, in's Licht der Idee. Dann werden die Missverständnisse aufhören. Der Leser wird nicht mehr der Ansicht huldigen, wenn er eine realistische Dichtung aufschlüge, so umgellte ihn das Gelächter von Idioten und Cocotten, und wenn man, was überhaupt recht rathsam wäre, sich bloss genöthigt sähe, das Romanlesen bei unreifen Mädchen etwas mehr einzuschränken in Folge des Ueberwiegens der realistischen Richtung, so sollte das unser geringster Schmerz sein. Freilich wird es auch ohne Missverständnisse noch manchen harten Kampf kosten, bis die Mehrzahl der geniessenden Leser sich an das schärfere Instrument des Beobachters gewöhnt haben wird. Das kommt nicht von heute auf morgen. Zunächst muss das Vertrauen in der Menge für den realistischen Dichter gewonnen werden, und wir werden gut thun, die Schauerscenen nach Kräften zu vermeiden, so lange die Vorurtheile noch so sehr gross sind. Auch werden die Lyrik und das Drama, die ja immer mehr zum Herzen sprechen, den harten Tritt des Romanes dämpfen helfen, wenn sie erst einmal zur Stelle sind. Am Ende wird auch die Masse des Volkes besser sehen lernen, und das ist für alle Fälle ein Gewinn. Die Poesie wahrt so nur ihre alte Rolle als Erzieherin des Menschengeschlechtes, und indem sie es thut, darf sie hoffen, auf freundlichem Boden sich mit der Naturwissenschaft zu begegnen. Beide reichen sich dann die Hand in dem Bestreben, den Menschen gesund zu machen.

[Illustration: FINIS]

C. G. Röder, Leipzig.

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert. Alte und unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.

Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):

S. 12: Methaphysische → Metaphysische Das {Metaphysische} kann ich dabei nur streifen

S. 53: uud → und {und} indem der wachsende Embryo

S. 57: letztere → letzteres {letzteres} etwas Geistiges